Nie wieder Prostitution – ein Text über den physischen und psychischen Ausstieg aus der Prostitution

 

Never Again!

Den nachfolgenden Text habe ich schon vor einer ganzen Weile zusammen mit Dr. Ingeborg Kraus geschrieben und ich möchte ihn heute hier online stellen, da er mir sehr wichtig ist in der ganzen Prostitutionsdebatte. Hier ist der Text:

„Manchmal erscheint ein Weg für uns sehr lang, manchmal zu lang, so dass wir glauben, dass wir nicht genug Kraft haben und es nicht schaffen, ihn zu Ende gehen zu können. Der Ausstieg aus der Prostitution und damit aus einem Milieu, das meist den Körper und die Seele dieses Menschen zerstört hat, ist ein ganz besonders langer und schmerzhafter Weg, der manchmal kein Ende zu nehmen scheint und auf dem man Hürden begegnet, die sich zunächst als unüberwindbar darstellen.

Immer wieder hören und lesen wir von Aussteigerinnen, die mit den Gedanken ringen wieder in die Prostitution einzusteigen oder letztlich wirklich zurückgehen, obwohl sie ihre bereits gemachte Prostitutionserfahrung als traumatisierend ansehen und Prostitution als Gewalt bezeichnen. Dieses Verhalten stößt bei vielen Außenstehenden auf Unverständnis.

Wir möchten mit unserem Text über die Schwierigkeiten des Ausstiegs aus der Prostitution aufklären und zugleich Frauen während des Ausstiegs sowie danach Mut machen.

Wenn in unserer Gesellschaft über Prostitution gesprochen wird, so hat sich durch das ProstG aus dem Jahr 2002 bei vielen die Vorstellung eingeprägt, dass sie ein Job wie jeder andere ist. Prostitution aber hinterlässt tiefe Narben an Körper und Seele. Der Ausstieg ist nicht vergleichbar mit einem einfachen Jobwechsel. Einmal in diesem Prostitutionssystem gefangen, kommen Betroffene oft nur schwer bis gar nicht mehr raus.

Ein physischer Ausstieg aus der Prostitution, also der körperliche Schritt raus ins „Leben“, kann bei vorhandenen Möglichkeiten relativ schnell vollzogen werden. Der physische Ausstieg bedeutet aber nicht gleich den psychischen Ausstieg. In der Prostitution erleben Betroffene die tiefsten Abgründe unserer Gesellschaft: ein unermessliches und unvorstellbares Ausmaß an Gewalt, Demütigungen, Lügen und den größten Unmenschlichkeiten. Man kann physisch aus diesem Leben fliehen, aber psychisch hängen viele noch lange mittendrin – in den Erinnerungen, dem Schmerz und oftmals der aufgrund ihrer Erfahrungen tiefen Überzeugung, nichts wert zu sein, nichts schaffen zu können, nichts anderes zu verdienen. Der physische Ausstieg ist schwer, der psychische Ausstieg noch schwerer, denn er dauert oft Jahre/Jahrzehnte und beinhaltet das Durchbrechen von Schmerz und Trauma. Er ist das langsame Abstand nehmen von diesem früheren Leben voller Gewalt. Dieser psychische Ausstieg ist äußerst wichtig und es geht dabei nicht darum, Erlebtes zu vergessen – es geht darum, die nicht mehr wegzuradierende Vergangenheit anzunehmen, sie in das Leben zu integrieren und sich dennoch von der Parallelwelt Prostitution zu lösen.

Häufig ist den Betroffenen nicht sofort klar, wie sich ihre Verletzungen aus der Prostitution im Alltag äußern können, was den Ausstieg zusätzlich erschwert. Einige Hürden auf dem Weg in ein neues Leben möchten wir folgend erläutern.

Um überhaupt in der Prostitution sein zu können und unzählige Penetrationen von Fremden ertragen zu können, sind zunächst einmal Einstellungen notwendig, die diese Gewalt gewissermaßen verharmlosen: dass all das machbar und/oder nicht so schlimm sei. Wie kommt man zu so einer Haltung?

Wenn sehr früh in der Kindheit der Körper und/oder die Seele missbraucht und verletzt wurden, dann kann sich bei dem betroffenen Menschen die Vorstellung einprägen, dass eine Misshandlung, die an ihm vorgenommen wird, nicht so schwerwiegend oder sogar verdient oder normal ist. In der Psychotraumatologie bezeichnet man das als Täterintrojekte. Täterintrojekte sind Überlebensstrategien, um Gewalt besser ertragen zu können. Kann die gegenwärtige, unerträgliche Situation nicht ausgehalten und auch nicht verändert werden, so nehmen Betroffene häufig die Ansichten des Täters an, denn wenn sie funktionieren wie der Täter es haben möchte, wird das Überleben wahrscheinlicher. „Wenn ich genau mache, was sie mir sagen, werden sie mich vielleicht in Ruhe lassen, wird es vielleicht weniger schlimm.“ Aus einem „Du bist nichts wert“ kann ein „Ich bin nichts wert“ werden. Aus einem „Du wirst es niemals schaffen“ ein „Ich werde es niemals schaffen“.

Diese Verinnerlichung und Übernahme von Tätergedanken aus Schutzgründen heraus manifestiert sich oft bis ins Erwachsenenalter hinein und prägt den Alltag nicht nur in Form eines negativen Selbstbildes, sondern auch in Form von mangelndem Selbstschutz und mangelnder Selbstfürsorge. Wer als Überlebensstrategie zeitig lernen musste, Gewalt zu ertragen, der kann sich später oft nicht davor schützen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Eigene Bedürfnisse und vor allem Grenzen werden nicht wahrgenommen, da sich die Opfer von früh an auf die Bedürfnisse des Täters eingestellt haben und zugleich permanent Grenzverletzungen erleben mussten.

Wenn dann auch noch in einer Gesellschaft und in einem Staat sexualisierte Gewalt in Form von Prostitution nicht als solche benannt, sondern diese verharmlosend als machbare Dienstleistung bezeichnet wird, werden diese Täterintrojekte nicht aufgelöst, sondern verstärkt. Prostituierten Menschen wird durch die Legalität von Sexkauf vermittelt, dass die Gewalt, die sie durch die Prostitution erleben, keine richtige Gewalt ist, da legal ist, dass sie zur sexuellen Benutzung gekauft werden können. Der Staat signalisiert mit seiner liberalen Gesetzgebung: „Prostitution ist keine Gewalt, sondern ein Job“. Diese Ansicht wird übernommen, im Übrigen auch von vielen Beratungsstellen. Das ist gefährlich, denn sie verleitet Menschen auch, überhaupt erst in die Prostitution einzusteigen ohne sie über die immense Gewalt aufzuklären, die sie dort erwartet.

Als mich (Sandra) mein Zuhälter damals bei der Rekrutierung als Heranwachsende das erste Mal in ein Bordell schleppte, hatte ich ein sehr schlechtes Bauchgefühl und wollte am liebsten fliehen. Ich war jung, instabil und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte und auch nicht, in welch gefährlicher Situation ich mich befand. Er brachte mich zur Prostitution, drängte mich, ich solle mich nicht so anstellen, es sei ja alles ganz normal. Ich erinnerte mich an die Ansicht unseres Staates, dass Prostitution in unserem Land als Job angesehen wird und Zuhälter sowie Bordellbetreiber in „seriösen“ Talkshows auftreten und als Geschäftsleute betitelt werden anstatt als Kriminelle. Ich erinnerte mich daran, dass dieses Milieu überwiegend als nicht so schlimm beschrieben wird. Genau dieses Bild von der Normalität des Prostitutionsmilieus vermittelt also auch unser Staat durch seine Gesetzgebung und so konnte ich noch weniger sehen, dass ich auf dem Weg war, mitten in ein kriminelles Gewaltmilieu abzurutschen. Es wurde nicht als solches benannt und wird weiterhin nicht als solches benannt. Doch unser Staat hat eine Verantwortung in Form einer Vorbild- und Orientierungsfunktion vor allem für junge und vulnerable Menschen. Hätte er damals in Form eines Sexkaufverbots laut zu mir gesagt: „Prostitution ist Gewalt und eine Menschenwürdeverletzung“, hätte dieser Menschenhändler es viel schwerer gehabt, mich in die Prostitution zu bringen. Die traurige Wahrheit aber ist: unser Staat hat verinnerlicht, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen normal ist, denn nichts anderes bedeutet seine liberale Prostitutionsgesetzgebung. Und daran orientieren sich die Menschen, so wachsen Kinder in Deutschland auf – in dem Glauben, dass es keine Gewalt ist, wenn Menschen in der Prostitution tagtäglich penetriert und ihrer Würde beraubt werden.

Aber es ist Gewalt und diese traumatischen Erfahrungen in der Prostitution führen häufig zu posttraumatischen Belastungsstörungen, deren Symptome die Wiedereingliederung in ein Leben abseits der Prostitution enorm erschweren können, da sie existieren, aber für Außenstehende oft nicht sichtbar sind und aufgrund von Ablehnungsängsten auch häufig versteckt werden. Diverse Situationen können nach Prostitutionserfahrungen triggern (nicht nur Tätermerkmale, sondern auch Stress, eine Jahreszeit, Geräusche,…) und Ängste auslösen, was mit heftigen körperlichen Reaktionen einhergehen und daher den Einstieg in ein anderes Leben sowie die Aufnahme neuer sozialer Kontakte stark behindern kann. Extreme Gefühle, die während der Prostitution dissoziiert waren, können im Alltag der Ausgestiegenen durch Kleinigkeiten hervorgerufen werden und den Kontakt zu neuen Bekanntschaften verunsichern, was sich zu einem Teufelskreis formen kann, da es das Gefühl allein zu sein verstärkt und man sich weiterhin fremd und oft nur von bekannten Personen aus dem Rotlichtmilieu verstanden fühlt. Das erhöht die Gefahr, dass Aussteigerinnen erneut in die Prostitution abrutschen. Häufige Symptome sind beispielsweise auch Panikattacken und dissoziative Phänomene. In manchen Fällen führen diese Symptome dazu, dass die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit so stark eingeschränkt ist, dass das Dasein zur einzigen Qual wird. Neben den Traumata sind auch körperliche Erkrankungen sehr häufig.

Ein weiteres Problem beim Ausstieg ist, dass ein Leben in der Prostitution isoliert. Diese Isolation stellt auch eine gezielte Täterstrategie dar, um Betroffene intensiver an sich zu binden. Einsame Menschen sind leichter in der Spur zu halten als solche, die Kontakte zu anderen pflegen. Viele sich prostituierende Menschen sind bei ihrem Ausstieg komplett allein, müssen von null anfangen, da nur die Kontakte ins Rotlichtmilieu bestehen. Viele sind bereits in jungen Jahren in die Prostitution eingestiegen und konnten somit keine Schul- und/oder Berufsausbildung abschließen. Sie kommen aus der Prostitution und sehen keine Perspektive für sich. Um diese verloren gegangene Zeit und das, was einem in der Prostitution gestohlen wurde, nachzuholen, persönlich wie beruflich, benötigt es teilweise Jahre und verlangt von den Betroffenen neben der Aufarbeitung ihrer schmerzhaften Vergangenheit ein großes Ausmaß an Geduld und einen festen Glauben an sich selbst, der nach einer Prostitutionserfahrung leider oft tief erschüttert ist.

In der Prostitution regiert die Gewalt – dennoch haben viele das Gefühl, als hätten sie dort wenigstens einen Platz. Das Leben außerhalb erscheint fremd, als ob sie in dieser neuen Welt niemals akzeptiert und niemals willkommen sein werden. Eine uns bekannte ehemalige Prostituierte suchte nach ihrem Ausstieg aus der Prostitution einen Job und versuchte es mit Ehrlichkeit. Sie erzählte ihrem potentiellen Arbeitgeber, dass sie Prostituierte war und einen Ausweg suche. Sie bekam folgende Antwort: „Meine Frau hat ein Problem damit, wenn Sie hier arbeiten und Prostituierte waren, aber wenn Sie wollen, dann können wir beide uns heute Abend privat im Hotel treffen. Ich zahle auch gut.“ Für die Aussteigerin war diese Begegnung tief demütigend. Sie wollte sich aus dem Prostitutionssystem, in dem sie objektiviert und zu einer Ware degradiert wurde, herauskämpfen. Anstatt einer Unterstützung bekam sie erneut den Stempelaufdruck: „Du bist nichts anderes wert als sexuell benutzt zu werden.“ Genauso fühlen sich Menschen in der Prostitution. Wenn sie dann während der Ausstiegsphase solch eine Erfahrung machen, ist es wahrscheinlich, dass sie die Hoffnung verlieren und wieder ins System zurückfallen. Wenn sonst niemand sie will, wenn sie sonst nichts wert sind, wenn sie sonst nichts können, so die Gedankengänge, so gehen sie wieder an ihren alten Platz zurück. Für die Betroffenen ist es sehr schwer, diesem Kreislauf zu entkommen.

Eine Sache ist sicher: Der Ausstieg aus der Prostitution ist extrem schwierig, ein steiniger Weg, oft geprägt von hoffnungslosen Situationen und scheinbaren Ausweglosigkeiten. Ein Wiedereinstieg in die Prostitution ist aber keine hilfreiche Stufe auf dem Weg aus der Misere, sondern eine weitere Hürde. Die Rückkehr in die Prostitution ist nicht ein Teil des Weges, der nach draußen und damit langsam zur Freiheit führt, wie manche annehmen und vielleicht deshalb wieder einzusteigen überlegen, sondern bringt einen Menschen auf einen ganz anderen Weg zurück – auf einen Weg der kompletten Zerstörung von Körper, Geist und Seele, den er einst genau aus diesem Grund verlassen hat.

Der Wiedereinstieg gleicht einer Form der Verharmlosung der schwerwiegenden Traumatisierung gegenüber sich selbst, die nicht nur durch sichtbare körperliche Symptome einhergeht, sondern die Fortsetzung der Zerstörung des Selbstwertgefühls, des Selbstvertrauens und der Selbstliebe bedeutet. Viele wichtige Fähigkeiten wie diese wurden vielleicht erst gar nicht entwickelt, wenn der Einstieg in die Prostitution sehr früh stattfand, oder gehen in der Prostitution verloren. Wurde nach einem Ausstieg angefangen, diese Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten, so verblassen sie mit einem Wiedereinstieg erneut. Es ist als würde man auf eine Löschtaste drücken. Die Rückkehr in die Prostitution ist keine vorübergehende Lösung und niemals ein Vorankommen.

Nichtsdestotrotz: Prostitution ist sexuelle Gewalt und hier herrschen Gewaltmechanismen, die Betroffene zurücktreiben und fern jeder Logik liegen können, die Unbeteiligte zu verstehen vermögen. Auch wenn man aufgeklärt ist und Bescheid weiß über das System und seine Mechanismen, über die Gewalt, über die Ursachen und die Folgen, so können gerade in der Festigungsphase des Ausstiegs nicht nur die nicht ausreichend vorhandenen Hilfen, sondern innere verletzte Anteile aktiv werden und dafür sorgen, Betroffene in die Prostitution zurückzudrängen und ihren Ausstieg zu sabotieren. Einen Vorwurf auf persönlicher Ebene kann und darf man Menschen, die wieder einsteigen, deshalb auf gar keinen Fall machen.

Eine Rückkehr in die Prostitution sollte jedoch öffentlich niemals als eine Lösung dargestellt werden. Hier setzt der Abolitionismus an, der Menschen aus dem System herausholen möchte, selbst dann, wenn die Prostitution in Deutschland noch als normale Dienstleistung bezeichnet wird und sich das „nordische Modell“ noch nicht durchsetzen konnte. Denn er weiß: Eine Rückkehr in die Prostitution ist kein Weg hinaus, sondern eine fortdauernde permanente Grenzverletzung, die immer etwas mit einem Menschen macht, die einen Menschen immer weiter zerstört anstatt ihn vorwärts zu bringen. Sie lässt die Wunden nicht verheilen, sondern reißt sie immer wieder auf.

Was wichtig ist, ist ein vermehrter und einfacherer Zugang zur Traumatherapie, um die schweren Hürden nach der Prostitution besser bewältigen zu können und den Ausstieg zu festigen. Sie kann helfen, Grenzen oft erst kennenzulernen, sie dann setzen und sich von gewalttätigen Beziehungen und/oder Lebensweisen lösen zu können. Nur wer versteht, was passiert, kann, wenn er das möchte, nach Lösungen suchen und einen Ausweg finden. Die Überwindung der Traumafolgen ist von enormer Bedeutung, aber nicht möglich, wenn man jene Tätigkeit weiterhin ausübt, die das Trauma verursacht hat oder mit der man andere Traumata reinszeniert.

Manchmal erscheint dieser Weg des Ausstiegs zu lang, so dass man aufgeben will, weil man denkt, dass man nicht genügend Kraft hat und das Ende des Tunnels niemals erreichen wird, aber man sollte für sich selbst weitergehen bis man sein Ziel erreicht hat.

Auch für mich (Sandra) war der Weg aus der Prostitution ein langer und schwieriger. Allein der physische Ausstieg und das Nachholen einer Schulausbildung bis an die Universität hin zu einem Studium schienen kaum machbar. 2012 fing ich im Bordell an mein Abitur nachzuholen. Ich wurde belächelt: „Die wird es niemals schaffen“. Diesen Satz trug ich lange mit mir herum, ich hatte ihn verinnerlicht, doch irgendwann fing ich an, mich dagegen zu wehren. Ich wollte es schaffen. Ich wollte da raus. Ich wollte ein Leben. 2014 konnte ich aus der Prostitution aussteigen und habe das Abitur beendet. Heute, im Jahr 2018, neigt sich mein Studium langsam dem Ende zu. Seit 6 Jahren bin ich nun am Lernen, um Bildung nachzuholen, die mir durch die Prostitution gestohlen wurde. Ich wusste: Bildung ist der Schlüssel aus dem Elend. Die Prostitution verlassen zu wollen und sie letztlich zu verlassen bedeutet, die große Herausforderung anzunehmen, sich ins Leben zurück zu kämpfen, was einen zeitweise verzweifeln lassen kann.

Das Trauma kann sich auch im Körper verankern und auf unterschiedliche Weise äußern. Nach meinem Ausstieg traten Traumafolgestörungen nicht nur in Form von Panikattacken auf, die mir den neuen Alltag mit Atemnot und einem stetigen Gefühl von Bewusstseinsverlust unerträglich machten. Sie äußerten sich auch an meinem Bewegungsapparat, der so schwach wurde, dass ich kaum mehr gehen konnte. Gewalt ertragen zu müssen, schwächt Körper und Seele. Gewalt ertragen zu müssen, die nicht als Gewalt anerkannt wird (so wie in Deutschland nicht anerkannt wird, dass Sexkauf Gewalt ist), schwächt Körper und Seele noch mehr, denn zum einen redet man sich zunächst ein, dass alles nicht so schlimm sein kann und erwartet von sich selbst, aushalten zu müssen, was nicht auszuhalten ist.

Später habe ich mir die Frage gestellt, wie ich es dennoch 6 Jahre aushalten konnte. Nicht nur die Betäubung mit Alkohol half dabei, sondern vor allem, was mir erst später klar wurde, die Dissoziation. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Körpers, der Empfindungen vom Bewusstsein trennt, um nicht aushaltbare Gewalt ertragen zu können. Es hat Jahre gebraucht bis ich überhaupt verstanden habe, was Dissoziation ist, wie sie funktioniert und in welcher Art und Weise sie mir geholfen hatte. Sie kann sich in vielen verschiedenen Formen äußern: Bei mir war es dieses Gefühl, nicht richtig da zu sein und alle Sinne gedämpft wahrzunehmen, wie in Watte. Ich habe mich und das Leben wie hinter einer schalldichten Glaswand erlebt, wie durch einen Tunnel bin ich durchs Leben gelaufen. So spürt man natürlich weniger seelischen und körperlichen Schmerz – das ist das Ziel der Dissoziation. Ich war permanent in einer Art Trance-Zustand und es hat lange gedauert, diesen bereits zum Automatismus erstarkten Schutzmechanismus nach der Prostitution aufzulösen und mich und das Leben um mich herum wieder richtig spüren zu können. Lange wusste ich nicht, was mit mir los war und das daraus entstehende Vermeidungsverhalten und der Rückzug trieben mich noch mehr in die Isolation.

Heute bin ich ein anderer Mensch. Damals geschwächt von den Traumafolgen kann ich jetzt Berge besteigen und habe ein unerschütterliches Selbstvertrauen entwickelt, so dass ich zu 100 % weiß, dass ich alles schaffen kann, was ich mir vornehme und wofür ich hart kämpfe. Ich genieße jedes kleine Detail. Seit ich aus der Prostitution ausgestiegen bin, entdecke ich die Welt neu. Ich bin stark geworden und nichts kann mich mehr erschüttern. Eines ist klar: Die Prostitution werde ich niemals vergessen, aber ich bin physisch und psychisch ausgestiegen. Für immer!

Das ProstG von 2002 gilt seit Jahren als gescheitert. Öfter wurde angebracht, dass prostituierte Menschen sich selbst organisieren und für ihre Rechte eintreten sollten, aber das ist schwierig bis unmöglich, weil sie in der Prostitution zugrunde gehen und zwar nicht nach Jahren, sondern sofort. Bei mir war die Überwindungsgrenze mich mit dem ersten Freier einzulassen sehr hoch. Gefühle wie Ekel, Abscheu, Scham, Trauer und Angst machten es mir nahezu unmöglich, diesen Akt durchzuführen. Ich war kurz davor zu schreien, zu weinen. Als der Akt vorbei war, war etwas in mir kaputt gegangen. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht mehr. Ich wollte weinen, aber ich konnte es nicht mehr. Was ich fühlte, war betäubt und abgetötet. Die Fähigkeit sich zu wehren und Widerstand zu leisten geht bei jedem Freier mehr verloren, weil durch diesen Akt der ungewollten Penetration nicht nur die Dissoziation den Körper beherrscht, sondern auch die Persönlichkeit immer weiter gebrochen wird. Dieser Akt der Penetration bedeutet eine permanente Demütigung und Degradierung zu einem Objekt sexueller Benutzung. Die Menschenwürde wird entzogen. Man hört auf, sich als fühlender Mensch wahrzunehmen. Das ist einer der Gründe, warum viele Menschenhandelsopfer auch später, wenn der Täter auf Abstand gerückt ist, in der Prostitution bleiben. Ihre Persönlichkeit, ihr Wille, ihre Identität, wurde gebrochen. Es ist absurd anzunehmen, dass genau jene Menschen dann Widerstand leisten und für ihre Rechte kämpfen sollen. Der Staat ist es, der hier die Aufgabe hat, diese Menschen zu schützen! Deswegen ist es auch skandalös von den Grünen, die das ProstG 2002 auf den Weg gebracht haben, dass sie auf ihrem kürzlich veranstalteten feministischen Zukunftskongress am 7. und 8. September keine kritischen Stimmen zur Prostitution gehört haben, sondern weiterhin ungeniert an ihrer liberalen Prostitutionsgesetzgebung festhalten.

Die Prostitution hinter sich zu lassen ist ein Kampf für einen selbst gegen alle Hindernisse und (Selbst-) Zweifel, gegen einen Staat, der diese Gewalt normalisiert, indem er sie legitimiert anstatt ihr einen Riegel vor zu setzen. Unsere Gesellschaft sollte endlich begreifen, dass Prostitution Gewalt ist und der Ausstieg aufgrund der ganzen Umstände auch in Deutschland sehr schwierig ist. Sie sollte Arme und Tore öffnen anstatt sie zu schließen. Der Ausbau von Ausstiegshilfen ist enorm wichtig, denn wir haben in Deutschland viel zu wenig davon.

Für Aussteigerinnen ist es wichtig, trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten an das Gute zu glauben, an respektvolle Beziehungen, an die Liebe, an echte Freundschaften. Geduld ist der Schlüssel. Hoffnung und Vertrauen (in sich selbst), dass der Ausstieg klappen wird, dass es besser werden und man den Weg hinaus dauerhaft finden wird.

Ein wichtiger Punkt ist dieser innere Prozess des psychischen Ausstiegs. Ein innerer Prozess der tiefen Überzeugung, dass Prostitution aufgrund der Gewalt, die dort passiert, nie wieder eine Option sein kann. Ein innerer Prozess, dass man sich nie wieder demütigen lassen wird, weil man etwas wert ist und eine Würde hat, die unverletzbar ist. Ein innerer Prozess, dass man seine Selbstliebe nie wieder so aufgibt, dass Freier die Macht bekommen, einen derart verletzen und traumatisieren zu können. Deutschland muss endlich aufwachen und diejenigen bestrafen, die Gewalt antun – die Freier. Aber wir hoffen und wollen mit diesem Text bezwecken, dass bis der deutsche Staat seine Schutzpflichtaufgabe verstanden hat, Aussteigerinnen sich dennoch nicht aufgeben, indem sie wieder in die Prostitution zurückkehren. Deswegen ist unsere Botschaft an alle Frauen, die Wiedereinstiegsgedanken haben:

NIE WIEDER PROSTITUTION!“

 

Ersterscheinung: https://www.trauma-and-prostitution.eu/2018/12/28/nie-wieder-prostitution/

3. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen, April 2019 in Mainz

Anfang April 2019 fand der 3. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen an der Universität Mainz von CAP International (http://www.cap-international.org/) zusammen mit SOLWODI (https://www.solwodi.de/) und Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. (https://www.armut-gesundheit.de/) statt.

Mehr Informationen zum Kongress hier https://www.solwodi.de/seite/388513/weltkongress-2019.html und hier https://solwodiweltkongress.blogspot.com/.

Nachfolgend meine Rede (im Video bleibt leider ein paar Mal der Ton weg).

 

Ein historisches Urteil!

 

Heute wurde Deutschlands wohl bekanntester Bordellbetreiber Jürgen Rudloff nach einem fast 1-jährigen Prozess zu einer 5-jährigen Freiheitsstrafe u.a. wegen Beihilfe zum Menschenhandel verurteilt. Seit Jahren propagierte er in den Medien und Talkshows die saubere Prostitution, während im Prozess festgestellt wurde, dass in seinem Bordell die Hells Angels und United Tribuns[1] das Sagen hatten. Auch sein Marketing-Chef Michael Beretin, der ebenfalls in Talkshows und Medien von der heilen Welt der Prostitution sprach, wurde zu 3 Jahren und 3 Monaten verurteilt.

„Mit der Eröffnung seines Großbordells Paradise in Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen) im Jahr 2008 hatte Jürgen Rudloff medienwirksam eine „saubere Prostitution“ propagiert. Er bot eine „Wellnessoase für den Mann, in der Frauen freiwillig arbeiteten“.[2]

Das Urteil ist historisch, denn erstmals wird ein Bordellbetreiber zur Verantwortung gezogen.

„Es ist der erste umfangreiche Großprozess, der kriminelle Praktiken hinter legaler Prostitution offen gelegt hatte.“[3]

Die meisten Bordellbetreiber wissen oder nehmen zumindest billigend in Kauf, dass die Prostituierten, die bei ihnen in das Bordell kommen bzw. gebracht werden, Opfer von Menschenhandel sind. Sie nehmen es in Kauf, weil sie ansonsten ihren Laden nicht vollkriegen und einen wirtschaftlichen Ruin erleiden würden, wie auch dieser Prozess zeigt.

Das war eine herausragende Arbeit der Ermittlungsbehörden!

[1] https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/Mammutverfahren-vor-dem-Stuttgarter-Landgericht-Urteile-im-Paradise-Prozess-erwartet,paradise-prozess-urteil-erwartet-100.html.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

 

Hilke Lorenz zum Prozess:

 

 

Hier geht’s weiter zum ganzen Artikel:

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.urteil-im-paradise-prozess-keiner-kann-mehr-sagen-ich-weiss-nicht-was-in-bordellen-passiert.84fed5bb-ebeb-4134-93cc-02a3b23e7280.html?fbclid=IwAR1JgHSvSwemtGO9Ciuf9zIi3waTqv8MsmiXOvAmrbAdC84LWqee0pqnQGM

Parlamentarischer Abend, Berlin, 16.01.2019 – Prostitution ist unvereinbar mit der Menschenwürde

 

Nachfolgend meine Rede vom parlamentarischen Abend in der französischen Botschaft in Berlin vom 16.01.2019, veranstaltet von Sisters e.V. und Gemeinsam gegen Menschenhandel.

 

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Sehr geehrte Bundestagsabgeordnete,

Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundestages,

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

es ist schön, dass dieser Abend heute stattfindet und dass vermehrt über das Thema Prostitution gesprochen wird, vor allem auch von Seiten der Politik.

Während wir hier in Deutschland eine sehr liberale Gesetzgebung haben und Prostitution als sexuelle Dienstleistung angesehen wird, hat unser Nachbarland Frankreich im Jahr 2016 einen komplett anderen Weg beschritten und das sog. Nordische Modell eingeführt, wie auch schon andere Länder vor ihm.

Das Europäische Parlament hat bereits 2014 in einer Resolution die Meinung vertreten, dass Prostitution, auch die freiwillige Prostitution, nicht mit der Menschenwürde vereinbar ist, dass Prostitution und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen Formen der Gewalt sind und somit Hindernisse, die der Gleichstellung von Frauen und Männern entgegenstehen, denn nahezu alle Personen, die sexuelle Dienstleistungen kaufen, sind Männer. Diejenigen, die gekauft werden, sind meist Mädchen und Frauen. Die Ausbeutung in der Sexindustrie, so heißt es weiter, ist sowohl Ursache als auch Folge der Ungleichbehandlung der Geschlechter und zementiert die Auffassung, dass die Körper von Frauen und Mädchen käuflich sind. Zugleich wird festgestellt, dass immer mehr Beweise vorliegen, dass mithilfe des Nordischen Modells die Prostitution und der Menschenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können.[1]

2016 hat das Europäische Parlament in einer Entschließung bzgl. der Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels seine Aufforderung, dem Nordischen Modell zu folgen, wiederholt, indem es die Kommission und die Mitgliedstaaten aufforderte, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen.[2]

Auch der Europarat nahm 2014 Stellung und legte dar, dass er die Kriminalisierung des Kaufs von sexuellen Diensten, basierend auf dem schwedischen Modell, als das wirksamste Instrument zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels ansieht.[3]

Deutschland hingegen geht weiter seinen liberalen Weg und versucht der Prostitution und ihren Auswüchsen mit dem Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) zu begegnen.

Ich spreche hier heute als jemand, der die Prostitution durchlebt hat. Immer wieder, wenn ich über meine Geschichte spreche, ist das eine sehr persönliche Angelegenheit. Das ist es für jede Betroffene. Und es ist auch der Grund, warum ich zu Ihnen heute nicht nur in Ihrer Funktion als Bundestagsabgeordnete sprechen möchte, sondern ich möchte zu Ihnen vor allem auch in Ihrer Funktion als Mensch sprechen. Sie alle sind Tochter oder Sohn von jemandem, vielleicht eine Mutter oder ein Vater, vielleicht Großvater oder Großmutter. Prostitution ist ein Thema, bei dem es sehr viel um Menschlichkeit geht oder, ich muss es so formulieren, um verloren gegangene Menschlichkeit.

Als ich meinen Vortrag für heute vorbereitet habe, habe ich mich gefragt, was aus meinen 6 Jahren in der Prostitution, was aus meinen ganzen nachfolgenden Recherchen und Erkenntnissen ich Ihnen in dieser kurzen Zeit erzählen soll, damit Sie nachvollziehen und vielleicht auch ein wenig fühlen können, was in Deutschland jeden Tag passiert. Was kann ich Ihnen erzählen, damit Sie gegen das Unrecht aufstehen und helfen, einen Richtungswechsel in Deutschland möglich zu machen?

Und mit Richtungswechsel meine ich nicht weitere Regulierungen, sondern ein radikales Umdenken und einen Richtungswechsel, der nicht zwischen den Begriffen Zwangsprostitution und freiwilliger Prostitution unterscheidet, wenn es darum geht, Menschen kaufen oder nicht kaufen zu dürfen, denn kein Mensch darf zur sexuellen Benutzung käuflich sein. Es verstößt gegen die Menschenwürde und ich möchte es mit den Worten des Europäischen Parlaments aus seiner Resolution von 2014 ausdrücken: „Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde.“ Und eigentlich wissen wir das alle oder können es uns alle denken. Die Profiteure der Sexindustrie sind nur leider sehr stark, wenn es darum geht zu versuchen, eine „große heile Welt der Prostitution“ zu erschaffen und zu erhalten. In 6 Jahren habe ich diese heile Welt kein einziges Mal gesehen und 6 Jahre sind eine verdammt lange Zeit.

Auch wenn Sie heute Ausschnitte meiner Geschichte erfahren geht es hier nicht um mich, nicht um einzelne individuelle Schicksale, sondern um unzählige andere Menschen, aufgrund der überwiegenden Anzahl hauptsächlich um junge Mädchen und Frauen, die genau das erlebt haben und jeden Tag in Deutschland weiter erleben, was auch ich erlebt habe oder noch schlimmeres erleben. Die Anzahl der Menschen, die in der Prostitution sind, kennt keiner so genau. Die groben Zahlen reichen von meist 200.000 – 1.000.000. Meine Geschichte ist also nur ein Beispiel, nur ein Sandkorn in einer riesigen Wüste voller Elend und Leid.

Kennen Sie das, wenn Sie in Kinderaugen blicken und dieses Strahlen sehen, wenn Kinder von dem erzählen, woran sie glauben oder was sie sich wünschen? Sie gehen durch die Welt und träumen.

Auch ich habe als Kind geträumt. Sicherlich nicht von der Prostitution, sondern vom Prinzessinnensein und davon, geliebt anstatt wie ein Gebrauchsgegenstand zwischen Männern hin – und hergeschoben und benutzt zu werden. Seitdem ich als kleines Kind „Free Willy“ im Fernsehen sah, träumte ich davon Meeresbiologin zu werden. Nach der Grundschule kam ich zunächst auf die Hauptschule und konnte danach auf das Gymnasium wechseln und meinen Traum weiter verfolgen.

Ein paar Jahre später bin ich als noch Minderjährige an einen „Loverboy“ geraten, brach das Gymnasium in der 13. Klasse ab und habe mein Leben bis zum 24. Lebensjahr in der Prostitution verbracht. Vorbei war der Kindheitstraum mit der Meeresbiologie.

 „Loverboys“ sind Männer, die Mädchen/Frauen zunächst gezielt Liebe vorspielen mit dem Ziel sie in die Prostitution zu drängen und dort auszubeuten. Zuerst wird eine emotionale Bindung aufgebaut, um eine Abhängigkeit zu erzeugen, und dann beginnt die Tortur. Die Loverboy-Methode fällt, was viele nicht wissen (da alles oft nach außen hin erstmal selbstbestimmt aussieht und die Betroffenen häufig auch erstmal denken, es wäre so), unter Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Laut Bundeslagebild Menschenhandel 2017 wurde bei über einem Viertel der Opfer von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung (127 Opfer; 26,0 %) die sog. „Loverboy-Methode“ bei der Kontaktanbahnung angewendet.[4]

Als ich in der Prostitution war, habe ich aufgehört zu träumen, aufgehört zu leben, aufgehört zu fühlen. An viele Dinge kann ich mich erinnern, wenn ich gedanklich zurückgehe, und dann bin ich froh, dass ich wieder aufhören kann mich zu erinnern.

Mittlerweile bin ich 29, bewege mich langsam in Richtung Ende eines Jura-Studiums, welches ich aufgrund der ganzen Vorgeschichte erst in 2015 anfangen konnte. Die Meeresbiologie habe ich aufgegeben. Allerdings nicht deshalb, weil sie mich nicht mehr interessiert, sondern weil ich nach allem Erlebten besonders eines möchte und zwar Gerechtigkeit für Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung. Wenn eine Sache klar ist, dann dass die Polizei und die Justiz in zahlreichen Fällen, die ich gesehen habe (auch in meinem), gescheitert sind. Und allen voran hat unser Staat versagt, der der Polizei und der Justiz zu wenig Möglichkeiten zum Handeln gibt, das Prostitutionsgesetz von 2002 zugelassen hat und der Prostitution den Stempelaufdruck eines normalen Jobs geben wollte. Das hatte u.a. zur Folge, dass Bordellbetreiber bis heute als seriöse Geschäftsmänner auftreten können.

Jeder Bordellbetreiber, den ich kannte, der wusste, wer die Frauen in seinen Laden bringt, um diesen zu füllen und damit den Freiern genügend Auswahl zu geben. Sie wussten um den Menschenhandel oder haben es zumindest billigend in Kauf genommen, dass sie gerade Beihilfe zum Menschenhandel leisten, wenn sie nicht sogar an der Haupttat beteiligt waren.

Bordellbetreiber haben vom Menschenhandel profitiert. In der Mehrheit brauchen sie ihn, denn Freier wollen am besten die jüngsten Frauen und wenn es geht, bitte ständig was Neues.

In Stuttgart läuft seit längerem ein Prozess gegen u.a. Jürgen Rudloff, einen Bordellbetreiber der Paradise-Kette. Der Ex-Geschäftsführer des Paradise hatte im Dezember ausgesagt und ist wegen Beihilfe zum Menschenhandel verurteilt worden. Das Verfahren um Herrn Jürgen Rudloff, der zuvor in etlichen Talkshows aufgetreten ist und als seriöser Geschäftsmann große Reden über die saubere Prostitution in seinen Bordellen geschwungen hat, geht weiter.

Wenn in den Medien oder in der Politik über Prostitution gesprochen wird, versuchen viele Menschen zwanghaft Prostitution und Menschenhandel zu trennen. In der großen Mehrheit sind Prostitution und Menschenhandel aber nicht zu trennen. Ich sah keinen Club ohne Menschenhandel, keinen ohne Zuhälterei, keinen ohne Zwangsprostitution. Diese Sachen haben bei weitem überwogen. Was ich in den Bordellen hingegen nicht sah war diese zahlreiche freiwillige und selbstbestimmte Prostitution, die von den (vor allem hier in Berlin ansässigen) Lobbyverbänden und leider auch vielen Beratungsstellen für Prostitution propagiert wird, die dann teilweise sogar Einstiegsberatung anbieten.

Letztes Jahr war ich auf einer Veranstaltung von Soroptimist Aalen zum Thema Prostitution und Menschenhandel. Manfred Paulus, ehemaliger Kriminalhauptkommissar, der zahlreiche Bücher zum Rotlichtmilieu und der organisierten Kriminalität geschrieben hat, betonte, dass viele Beratungsstellen für Prostitution nicht nur die Zustände sehr verharmlosen, sondern auch einige von den Profiteuren eingenommen sind oder mit diesen zusammengearbeitet wird.

Man muss vorsichtig sein, wen man fragt, wenn man wissen möchte, was das Beste für prostituierte Menschen ist. Denn von Profiteuren oder solchen, die mit diesen agieren, werden Sie natürlich immer hören: „Sexarbeit ist Arbeit. Prostitution ist eine Dienstleistung wie jede andere.“

Frau Stefanie Klee vom BSD, Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (hier in Berlin ansässig), die schon öfter vom Bundestag zum Thema Prostitution und Rechte für Prostituierte angehört wurde, vertritt die Auffassung, dass beispielsweise die Paragraphen der Zuhälterei und der Ausbeutung von Prostituierten abgeschafft werden sollten, wie sie im Abschlussbericht der Reformkommission zum Sexualstrafrecht auf Seite 1063 und 1064 verlauten lässt, denn sie sagt u.a.:

die Paragraphen sind nicht mehr zeitgemäß, die Gesellschaft hat sich verändert und ist offener geworden.“[5]

Offener in Bezug darauf, dass man Ausbeutung lockerer sieht oder sie nicht mehr als Ausbeutung betrachtet oder was ist damit genau gemeint? Es gäbe andere Strafvorschriften, meint sie, die ausreichen würden.

Richtigerweise wird in dem Bericht dann von anderen festgestellt, dass die Forderung nach der pauschalen Abschaffung des § 180a StGB (Ausbeutung von Prostituierten) und des § 181a StGB (Zuhälterei) insbesondere im Hinblick auf die Ausbeutung der Prostituierten problematisch ist, denn die dort aufgeführten Straftatbestände würden in der Regel nicht von anderen Strafvorschriften erfasst.[6]

Ich finde es befremdlich, wenn jemand, der sich angeblich für meine Rechte einsetzt, Gesetze abschaffen möchte, die mich in manchen Situationen besser schützen sollen.

Des Weiteren heißt es:

Nach Auskunft des BSD sei der Grund für die Aufnahme der Prostitution nicht in desolaten Verhältnissen der Prostituierten zu sehen. Die Motive hierfür seien vielfältig und wurzelten z. B. auch in sexueller Neugierde oder Abenteuerlust.“

Auch ohne sich in der Prostitution gut auszukennen, hätten wahrscheinlich die wenigsten von Ihnen geglaubt, dass von geschätzten 200.000 – 1.000.000 Prostituierten in Deutschland eine große Masse sich aus sexueller Neugierde oder Abenteuerlust prostituiert.

Ein Blick auf nachfolgende Zahlen entzieht dieser These der sexuellen Neugierde oder Abenteuerlust ganz klar den Boden:

Eine Studie von Melissa Farley, amerikanische Psychologin, mit 854 Menschen aus 9 Ländern, die zu diesem Zeitpunkt entweder noch in der Prostitution waren oder sie kurz davor verlassen hatten besagt, dass Prostitution hochtraumatisch ist. 71 % wurden körperlich angegriffen, 63 % wurden vergewaltigt, 89 % wollten aussteigen, hatten aber keine andere Möglichkeit, um zu überleben. Insgesamt waren 75 % in manchen Lebensabschnitten obdachlos. 68 % wiesen Kriterien für eine PTBS auf.[7]

Frau Dr. Ingeborg Kraus, Psychotraumatologin, die einen Appell der TraumatherapeutInnen gegen Prostitution startete, spricht in ihren Vorträgen auch darüber, dass Prostitution die Fortsetzung von Gewalterfahrungen in der Vergangenheit sein kann. Auch eine Studie des Bundesfamilienministeriums von 2004 belegt diese hohen Gewaltzahlen. 92% aller befragten Prostituierten hatten sexuelle Belästigung erlebt, 82% psychische Gewalt, 87% körperliche Gewalt und 59% sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr.[8]

 „In einer Untersuchung von Farley/Barkan (1998) gaben 75% der befragten 130 Prostituierten an, bereits als Kind sexuelle Angriffe erlebt zu haben. Als Erwachsene erlebten nach eigenen Angaben 82% der Befragten tätliche Angriffe und Gewalt. Farley/Barkan beziehen sich in dieser Arbeit auf weitere sieben Forschungsarbeiten, die ähnliche Ergebnisse vorwiesen:„most people working as prostitutes have a history of childhood physical and sexual abuse“ (ebda. S. 38). Die im Jahre 2000 von Phoenix im British Journal of Criminology veröffentlichte Studie zur besonderen Konstruktion einer „Prostituierten-Identität“ bestätigt die Herkunft ihrer befragten Frauen durchgängig aus instabilen und prekären Familiensituationen, in denen Missbrauch und Vernachlässigung dominierten. Alle Befragten verfügten außerdem über Erfahrungen mit gewaltsamer Ausbeutung durch Zuhälter. Eine neuere Untersuchung zur Posttraumatischen Belastungsstörung und Dissoziation bei Prostituierten (Zumbeck 2001) im deutschen Sprachraum bestätigt die o.g. Ergebnisse. Zumbeck hebt hervor, dass 98% ihrer Interviewten zumindest ein Trauma erlebt hatten und die meisten mehrfach viktimisiert waren. 70% der Befragten hatten körperliche Angriffe erlebt, 68% Vergewaltigungen und 61% erlebten Vergewaltigungen während der „Sex-Arbeit“. Bei 59% der befragten Prostituierten wurde eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.“[9]

In dem Bericht der Reformkommission zum Sexualstrafrecht heißt es auch, dass Frau Klee vorgibt, sich für die Vermittlung eines realistischen Bildes der Branche zu engagieren. Für mich sehen ihre Verharmlosungen nicht einmal im Ansatz realistisch aus im Vergleich zu den wahren Verhältnissen, wie man hier gut sehen kann, was auch der Grund ist, warum ich das hier alles ansprechen muss. Dass wir hier in Deutschland ein so verzerrtes Bild von Prostitution haben, beruht auch auf dieser Form der Lobbyarbeit.

Ich könnte Ihnen noch eine ganze Liste aufsagen, was es alles für Verharmlosungen seitens verschiedener Lobby-Akteure gibt, angefangen von der öffentlichen Verharmlosung des Straßenstrichs bis hin zu Gütesiegeln für Bordelle, die den Schein der Ordnungsgemäßheit vermitteln sollen, wo man aber, wenn man tiefer blickt, in Freierforen sehen kann, wie es wirklich abläuft.

Es schockiert mich, dass solche Leute von der Politik immer wieder angehört werden, um die Interessen von Prostituierten zu vertreten. Wer vertritt denn die Interessen der abertausenden von Menschen, für die Prostitution eine schwere Form von körperlicher, sexueller und seelischer Gewalt ist? Wer hört ihnen zu, wer hilft ihnen, wer verschließt nicht die Augen aus Angst, dass es vielleicht zu grausam sein könnte, was in diesem Land wirklich vor sich geht?

Wir haben Statistiken von Menschenhandel und Zwangsprostitution in Deutschland, die mit der Realität nichts zu tun haben. Den realen Zahlen kann man u.a. auch deshalb in den Statistiken nicht näher kommen, weil alles legal ist und damit unsichtbar gemacht wird. Die Täter verstecken sich hinter legalen Strukturen und der Schein der Selbstständigkeit der Prostituierten wird immer mehr ausgenutzt, so die Europäische Kommission in einem Bericht aus dem Jahr 2016.[10]

Das Argument, mit dem Nordischen Modell würde alles in den Untergrund gedrängt werden, ist also nicht richtig, bestätigt auch Simon Häggström, Polizeikommissar in Schweden, der an der Umsetzung des Sexkaufverbotes in Schweden beteiligt ist. Hier in Deutschland findet bereits sehr vieles im Untergrund statt, was nur keiner mitbekommt, denn mit dem deutschen Modell fallen das meiste Elend und die Kriminalität aufgrund der legalen Strukturen selten bis gar nicht erst auf. Das bedeutet aber nicht, dass all das nicht da ist.

Indem die Menschenhändler den Schein der Selbstständigkeit der Prostituierten ausnutzen, entgehen sie am besten der Strafverfolgung. Schon Helmut Sporer von der Kriminalpolizei Augsburg sagte beispielsweise zu dem Phänomen der Loverboy-Masche, dass diese Täter die schlaueren Täter als die physisch Gewalttätigen sind und den einfachsten Weg zu gehen versuchen: wer sich aus Liebe anfängt zu prostituieren, das sieht doch erstmal ganz selbstbestimmt aus. Die Opfer reden nicht oder können zunächst nicht sehen, was ihnen passiert (durch List, Manipulation, Täuschung). Die Täter haben freie Bahn.

Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass nach der Einführung eines Sexkaufverbotes in Deutschland, zumindest wenn es gut umgesetzt wird, die Menschenhandelsstatistiken ansteigen werden und die Gewalt des Milieus präsenter ist, allerdings nicht, weil all das mehr wird, sondern weil es sichtbarer und verfolgbarer gemacht würde.

Doch gehen wir einmal weg von gesetzlich geregeltem Menschenhandel und der Zwangsprostitution. Viele setzen sich gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel ein und sehen sonst die Prostitution als einen normalen Beruf an. Die freiwillige Prostitution wird nicht hinterfragt. Aber kann Prostitution jemals ein Beruf sein? Kann man sie wirklich als eine sexuelle Dienstleistung bezeichnen und behandeln? Was ist eigentlich Prostitution?

Der Begriff der sexuellen Dienstleistung, wie es im ProstSchG heißt, ist eine schlimme Verharmlosung, der die Gewalt des sexuellen Aktes zwischen Freier und Prostituierter verschleiert.

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mit einer Kamera mein Leben in der Prostitution festhalten können. Jeden einzelnen Tag. Alle Zimmergänge, auch die, die ich mit anderen Frauen zusammen durchlebt habe. Dann hätten Sie sehen können, wovon ich spreche.

Prostitution ist nicht wie jede andere Dienstleistung. Bei normalen Dienstleistungen spielt nicht der Mensch an sich, sondern die Dienstleistung eine Rolle. Eine Putzfrau beispielsweise tut etwas mit ihrem Körper, sie wischt vielleicht den Boden. An der Aldi-Kasse sitzt jemand an der Kasse und tut auch etwas mit seinem Körper. Die Dienstleistung besteht darin, die Kasse zu bedienen. Bei beidem bleibt der Mensch an sich, der Körper an sich, von Dritten unberührt. Bei der Prostitution besteht die „Dienstleistung“ darin, dass der Körper eines Menschen von Dritten benutzt wird. Das ist keine Dienstleistung, sondern ein Konsumieren von Menschen. Der Begriff der „Dienstleistung“ versucht genau das zu verschleiern.

Für die Frauen, die ich persönlich in der Prostitution kennenlernte, und es waren Hunderte, war die Prostitution an sich ein Gewaltakt. Es macht etwas mit einem und den meisten wurden durch die Akte mit den Freiern die Eigenschaft, ein Mensch mit Wünschen, Bedürfnissen, Emotionen zu sein, genommen, denn wenn man all das immer ausschalten muss, um irgendwie das Leben überstehen zu können, in dem man sich gerade befindet, bleibt es irgendwann automatisch ausgeschaltet, weil es so weniger weh tut.

In diesem Zustand kann man auch nicht einfach in ein normales Leben wechseln als wäre nichts passiert, denn man trägt diesen Verlust von Würde und Seele in sich, man ist psychisch in dieser Welt gefangen. Die Demütigungen, die Kommodifizierung, die Überzeugung, nichts wert zu sein, die Zweifel, dass man es nach all diesen Erfahrungen, nach so einer Vergangenheit sowieso nicht schaffen wird ein Leben zu haben, welches auch ein Leben ist und in dem man von der Gesellschaft akzeptiert wird.

Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie freiwillige Prostitution aussehen kann, wenn keine dritten Personen dahinter stehen, sondern zum Beispiel Mütter für ihre Kinder anschaffen gehen, Frauen aus Armut anschaffen gehen, und meistens aber alle gemeinsam haben, wie auch die o.g. Studien belegen, dass sie bereits früh Gewalt und Missbrauch erlebten. Einige Beratungsstellen für Prostituierte hört man dazu sagen: das ist zwar kein toller Beruf dann, aber immerhin noch besser, als wie wenn sie nichts zu essen haben.

Wie zynisch ist das? Was ist das für ein menschenverachtendes Denken? Ich frage Sie: Wenn dort eine Frau, vollgepumpt mit Alkohol und oft auch weiteren Drogen, um das ertragen zu können, leblos auf dem Bett liegt und sich zur Verfügung stellt, sich gewaltvoll penetrieren und demütigen lässt, weil sie sich bereits aufgegeben hat und der Freier sich oft noch an seiner Machtstellung ergötzt, ist das etwas, was man als Gesellschaft zulassen kann? Ist das vereinbar mit unserer im Grundgesetz verankerten Menschenwürde?

Bei einem Sexkaufverbot geht es nicht darum, den Frauen zu verbieten, sich zu prostituieren. Es geht darum, als Staat seine Schutzpflichtaufgabe zu erkennen und zu erfüllen.

Menschen vor etwas zu schützen und anderen Menschen deshalb nicht zu erlauben, etwas mit ihnen zu tun, egal ob sie einwilligen oder nicht, das gibt es bereits in unserem Rechtssystem. Dieser Gedanke, einen Menschen trotz seiner Einwilligung in eine Handlung eines anderen schützen zu müssen resultiert aus der Menschenwürde. Es gibt Dinge, die die Menschenwürde derart verletzen, dass ein Mensch in sie nicht einwilligen kann, weil wir als Gesellschaft diese Verletzung der Integrität unter keinen Umständen zulassen möchten. Schon das VG Neustadt schrieb in seinem Beschluss von 1992 zum Zwergenweitwurf:

Die Würde des Menschen ist ein unverfügbarer Wert, auf dessen Beachtung der einzelne nicht wirksam verzichten kann.“[11]

Eine Prostituierte wird wie eine Gummipuppe behandelt und zum Gegenstand der Volkstriebabfuhr verwendet. Wie die Sozialarbeiterin Sabine Constabel sagte: Prostitution ist Selbstbefriedigung am lebenden Objekt. Genau das ist Prostitution. Es ist kein Miteinander, kein Wertschätzen einer Dienstleistung geschweige denn einer Person. Es ist das zur Verfügung stellen eines Körpers, damit andere ihn penetrieren können.

Prostitution, egal ob sie freiwillig stattfindet oder nicht, ist eine Menschenwürdeverletzung, denn es gibt etwas, was sich trotz der Freiwilligkeit der Prostituierten nicht ändert: sie wird vom Freier zu einem Objekt degradiert, zu einem Gegenstand sexueller Benutzung. Gehen Sie in Freierforen und lesen Sie sich die menschenverachtenden Berichte durch, wenn Sie es denn ertragen können.

Das ProstSchG ist keine Lösung, denn es legitimiert weiterhin die Gewalt, die in den Zimmern stattfindet, und versucht aus dieser Gewalt eine bessere Gewalt zu machen, in dem versucht wird die Abläufe zu regeln, das „Außen rum“ sicherer zu gestalten. Aber die eigentliche Verachtung, die Behandlung eines Menschen als Konsumgut, das kann man nicht besser machen. Diese Entmenschlichung bleibt eine Entmenschlichung, egal wie sehr manche Akteure versuchen, diesen Standpunkt weg – oder schönzureden, weil sie Angst um ihre hohen Geldbeträge haben, die ihnen die Prostitution bzw. die Ausbeutung der Menschen darin liefert.

Nur wenige reden über die Nachfrageseite, die Freier. Es ist aber wichtig, sich auf die Freier zu fokussieren, denn letztlich sind sie es, die die Prostituierten im Zimmer brechen und ihnen ihre Würde entziehen. Die Zuhälter und Menschhändler stellen die Frauen auf. Aber es sind unsere Mitbürger, Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen und Familienangehörigen, die sich an der täglichen Zerstörung an tausenden, hunderttausenden von Menschen in der Prostitution schuldig machen.

Und das bedeutet, wir müssen anfangen über sie zu sprechen.

Freier gehören zu den Profiteuren, die aus jedem Gesellschaftsteil unseres Landes kommen und oftmals hohe Positionen innehaben. Sie werden nicht helfen, gegen das System vorzugehen. Die meiste Zeit haben sie gesehen, dass ich und andere Frauen Schmerzen hatten, dass es uns nicht gut ging, dass wir es im Zimmer nur mit Literweise Alkohol ertragen haben. Es hat den Großteil nicht interessiert, viele hat unser Leid sogar angeturnt. Und wer möchte sich schon den „Spaß“ mit einer Prostituierten nehmen lassen und für ein Sexkaufverbot plädieren?

Die Einführung des Sexkaufverbotes ist ein Schritt gegen breite Massen unserer Bevölkerung, nämlich gegen diejenigen, die jeden Tag sexuelle „Dienstleistungen“ in Anspruch nehmen, meistens bewusst das Elend ausnutzen und davon profitieren.

Es gibt nur eine Lösung und die heißt in den drei Hauptpunkten 1) Entkriminalisierung von prostituierten Menschen in jeder Hinsicht, 2) ein Sexkaufverbot und 3) Ausstiegshilfen.

Ich bin noch im Studium. Ich habe kein Geld, keine Zeit und keine Position, in der ich auch nur ansatzweise Macht habe, Gesetze verändern zu können. Ich besitze nicht viel, ich gefährde mich und meine Zukunft, um der Öffentlichkeit zu erzählen, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich habe eigentlich nichts und doch habe ich etwas, was mich antreibt und was der einzige Grund ist, warum ich all das hier mache: eine tiefe Überzeugung, die Leidenschaft und den Willen dafür zu kämpfen, dass sich bei diesem Thema etwas ändern muss, denn ich habe gesehen und weiß, wie das Gesicht der Prostitution in Wahrheit aussieht. Den Sexkauf zu verbieten mag auch eine moralische Frage sein, aber hauptsächlich ist es eine rein menschenrechtliche Frage.

Letztes Jahr war ich in Frankreich. Wenn jemand so wie ich in der Prostitution war, so kann man den Sieg der Gerechtigkeit in der Luft spüren, wenn man durch Frankreichs Straßen läuft. Ich konnte aufatmen, ich hatte mehr Raum, Sicherheit und Freiheit als irgendwo anders bisher. Menschen, die nie in der Prostitution waren, können wahrscheinlich nicht nachempfinden, was es für Menschen wie mich bedeutet, in einem Land wie Frankreich zu sein, in dem genau das verboten ist, von dem ich gesehen habe, dass es unzählige Menschen kaputt gemacht hat und von dem ich weiß, dass es jeden Tag weitere tausende kaputt macht.

Frankreichs Weg ist wie Balsam auf der Seele und für alle Opfer des Ausbeutungssystems der Prostitution eine Hilfe auf dem Weg der Heilung. Ihre Erfahrung und ihr Leid werden anerkannt. Anerkennung von Gewalt ist ein wichtiger Schritt zur Heilung sowie ein unerlässlicher Schritt in Sachen Gewaltprävention.

Viele engagierte Menschen haben für Frankreichs Richtungswechsel gekämpft und es wird ein Kampf bleiben, weil die Sex-Industrie und dessen Profiteure alles tun werden, um diesen Sieg der Gerechtigkeit wieder zu kippen. Die Einführung des Nordischen Modells ist nur der Anfang. Es umzusetzen und es zu halten, so dass alles wirklich funktionieren kann, sind weitere unerlässliche Schritte auf dem Kampf gegen das Prostitutionssystem.

Niemand sagt, dass ein solcher Richtungswechsel einfach werden wird. Der Schritt, den Frankreich mit dem Nordischen Modell gewählt hat, ist kein leichter, sondern eine knallharte Aufgabe, wenn es darum geht, ein Sexkaufverbot und ein neues Gesellschaftsbewusstsein vor allem in der Praxis umzusetzen. Wer aber die Fähigkeit nicht besitzt an bahnbrechende Veränderungen glauben zu können, der sollte nicht Politik machen, denn der Glaube daran, dass es möglich werden kann, ist eine Vorrausetzung, um den Kampf zu gewinnen.

Ich hoffe sehr, dass Frankreich durchhält und dass Deutschland sich anschließen wird.

Ich bitte Sie hier heute aus tiefstem Herzen um Hilfe, denn um dieses organisierte Milliardengeschäft zu bekämpfen, die Menschenwürdeverletzung Prostitution zu beenden, braucht es jede Hand. Es braucht jeden Menschen, der sich engagiert, es braucht so viele von uns, die zusammenhalten und dagegen aufstehen, die sich nicht von einzelnen Akteuren oder Profiteuren blenden lassen. Es braucht Menschlichkeit und den Willen, die Augen nicht zu verschließen, was der bequemere Weg wäre.

Ich bitte Sie anzufangen oder weiterzumachen etwas zu tun und Prostitution einen anderen Namen zu geben, nämlich den Namen, den sie verdient: sexuelle Ausbeutung von Menschen. Sie ist immer sexuelle Ausbeutung, sie ist immer der Handel mit Menschen und ihren Körpern. Sie ist immer eine Objektivierung von Menschen. Ihr Kern ist die Zerstörung der Menschenwürde, auf die jeder Mensch ein Recht hat.

Ich wünsche mir von Herzen, dass Sie hier heute Abend nicht rausgehen und eben einen Vortrag gehört haben, sondern dass Sie nachdenken und das Thema nicht in die Ablage tun, sondern daran arbeiten. Die Menschen da draußen haben keine Zeit zu warten. Sie sind auf Sie angewiesen.

Ich weiß nicht, in welcher Gesellschaft Sie leben möchten, aber ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Kinderträume (wie damals auch meiner) nicht dadurch zerstört werden, dass sie auf dem Strich landen und aufwachsen als wären sie nur dazu da, sexuelle Bedürfnisse anderer befriedigen zu können. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der junge Männer mit dem Bild von Frauen aufwachsen, dass sie jederzeit für 10 Euro verfügbar sind, dass man sie kaufen, benutzen und danach wegwerfen kann. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die Gewalt benennt und ein Vorbild für junge Menschen ist, wie ich damals einer von ihnen war. Ich hätte einen Staat gebraucht, an dem ich mich hätte orientieren können, der mich geschützt hätte, zu einer Zeit, wo ich selbst nicht in der Lage war mich zu schützen. Bei mir ist es vorbei, meine Geschichte ist geschrieben, aber Deutschland kann für andere junge Menschen ein Vorbild werden, wenn es seine Richtung ändert und anfängt einen Weg zu beschreiten, der Respekt gegenüber Menschen, vor allem gegenüber Frauen, vermittelt, anstatt durch Liberalität an der falschen Stelle mit Gesetzen Missachtung und Gewalt zuzulassen und dadurch sogar noch zu bestätigen und zu verstärken.

Ich kann Frau Dr. Ingeborg Kraus nur Recht geben, wenn sie in einer ihrer Reden sagt:

Das deutsche Modell produziert die Hölle auf Erden.“[12]

Ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen und zugehört haben, dass Sie heute überhaupt gekommen sind und ich danke allen, die diesen Abend möglich gemacht haben.

 

 

[1]

http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FTEXT+REPORT+A7-2014-0071+0+DOC+XML+V0%2F%2FDE, https://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P7-TA-2014-0162+0+DOC+XML+V0//EN

[2]

http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FNONSGML+TA+P8-TA-2016-0227+0+DOC+PDF+V0%2F%2FDE.

[3]

http://semantic-pace.net/tools/pdf.aspx?doc=aHR0cDovL2Fzc2VtYmx5LmNvZS5pbnQvbncveG1sL1hSZWYvWDJILURXLWV4dHIuYXNwP2ZpbGVpZD0yMDcxNiZsYW5nPUVO&xsl=aHR0cDovL3NlbWFudGljcGFjZS5uZXQvWHNsdC9QZGYvWFJlZi1XRC1BVC1YTUwyUERGLnhzbA==&xsltparams=ZmlsZWlkPTIwNzE2.

[4]

https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Menschenhandel/menschenhandelBundeslagebild2017.html, S. 9.

[5]

https://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Service/StudienUntersuchungenFachbuecher/Abschlussbericht_Reformkommission_Sexualstrafrecht.pdf;jsessionid=3E7DBC04F3802D21B4C590E9A3A62217.2_cid334?__blob=publicationFile&v=1, S. 1063, 1064.

[6]

https://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Service/StudienUntersuchungenFachbuecher/Abschlussbericht_Reformkommission_Sexualstrafrecht.pdf;jsessionid=3E7DBC04F3802D21B4C590E9A3A62217.2_cid334?__blob=publicationFile&v=1 , S. 488.

[7]

www.prostitutionresearch.com/pdf/Prostitutionin9Countries.pdf.

[8]

https://www.bmfsfj.de/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf Teilpopulation 2, Erhebung bei Prostituierten, S. 85.

[9]

https://www.bmfsfj.de/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf Teilpopulation 2, Erhebung bei Prostituierten, S. 7.

[10]

https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016DC0267&from=DE.

[11]

http://www.saarheim.de/Entscheidungen/VG%20Neustadt%20-%207%20L%201271aus92.htm, para. 11.

[12]

https://www.trauma-and-prostitution.eu/2017/01/03/das-deutsche-modell-produziert-die-hoelle-auf-erden/

Deutschland und die Sache mit der Menschenwürde – Eine Weihnachtsreflexion –

 

Längere Zeit war es jetzt ruhig hier. Ich habe kurz vor Weihnachten einen wichtigen Teil meines Studiums beendet. Durch meinen Schwerpunktbereich habe ich einen großen Einblick in das Europa- und Völkerrecht bekommen, auch in das europäische und internationale Strafrecht sowie in die Geschichte und die Entwicklung des europäischen und internationalen Menschenrechtsschutzes. Ich bin sehr dankbar, dass ich all das lernen kann und diesen Weg nun gehen darf. Ich weiß aber auch um all die Betroffenen, die verzweifelt den Weg raus aus der Prostitution suchen, ihn aber nicht finden, weil sie keine Hilfe oder Angst haben.

Wenn ich an den Anfang meines Studiums zurückblicke, erinnere ich mich an den Zeitpunkt, als ich das erste Mal ein gelbes Nomos Gesetzbuch aus dem öffentlichen Recht vor mir liegen hatte. Auch die deutschen Grundrechte waren Teil dieses Buches. Ich sah Artikel 1 an und war zunächst erstarrt von seiner Wortmächtigkeit. Er liest sich voll tiefer Überzeugung.

Der erste Absatz von Artikel 1 lautet wie folgt:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Nachdem ich den Artikel das erste Mal gelesen habe, wurde ich nachdenklich und traurig. Denn wenn ich eines in diesem Land erlebt habe, dann dass die Menschenwürde nicht nur antastbar anstatt unantastbar ist, sondern dass sie für Menschen in der Prostitution, vor allem junge Mädchen und Frauen, oft gar nicht existiert.

Neulich war ich in Frankreich. Kurz vor der Grenze zu Frankreich fühlte ich eine tiefe Verbundenheit zu diesem Land, weil ich wusste, dass ich, wenn ich gleich die Grenzen überschreite, in einem Land sein werde, welches all das, was ich in diesem Blog hier über Prostitution und Menschenhandel geschrieben habe, versteht und für die Rechte der Schwächsten kämpft.

Frankreich hat 2016 anerkannt, dass Prostitution Gewalt ist und ein Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild eingeführt. In Frankreich ist es demnach verboten, Menschen zur sexuellen Benutzung zu kaufen. Ein weiteres Land hat damit den Kampf aufgenommen, der Menschenwürdeverletzung in der Prostitution nicht mehr tatenlos zuzusehen, sondern dagegen aufzustehen, anstatt wie Deutschland mit fadenscheinigen Argumenten zu resignieren. Frankreich hat sich mit diesem Schritt auf die Seite der Vulnerabelsten der Gesellschaft gestellt und kann verdammt stolz auf sich sein!

Obwohl ich dem System entkommen bin, fühle ich mich von Deutschland allein gelassen. Ich habe unzählige Male auch bei anderen Frauen gesehen, dass Prostitution kein Job ist. Ich habe mit eigenen Augen gesehen wie die Freier rücksichtlos in den Zimmern über die Frauen hergefallen sind und ihnen ihr letztes Stückchen Menschsein genommen haben. Ich habe gesehen, wie sie in unserem „modernen, fortgeschrittenen“ Deutschland verwahrlosen, kaputt gemacht, misshandelt und zutiefst in ihrer Menschenwürde verletzt und derer beraubt werden. Legal – jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde. Und unser Staat kassiert davon auch noch Steuern.

Als ich in Frankreich war, habe ich mich verstanden gefühlt. Meine Würde und die der anderen Frauen wäre verteidigt worden. Kein Mann hätte uns dort legal kaufen können. Keiner hätte uns legal wehtun können, denn Frankreich hat Sexkauf als Unrecht anerkannt. Junge Menschen müssen nicht mit dem Bild aufwachsen, dass es normal ist, sich einen Menschen wie eine Zigarettenschachtel kaufen, benutzen und danach wegwerfen zu können.

Anders in Deutschland: vor ein paar Monaten war ich in Frankfurt und habe dort die Taunusstraße besucht, eine Straße des Frankfurter Rotlichtviertels direkt am Bahnhof. Sie ist jedem zugänglich.

Hier zwei traurige Bilder, wie Kinder und Jugendliche in Deutschland aufwachsen:

 

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Solche Bilder, Werbung und Prostitution an sich prägen den Blick auf alle Frauen.

Als ich am helllichten Tag durch die Taunusstraße gelaufen bin, musste ich mich auch immer wieder daran erinnern zu atmen, denn dieser Anblick hat mir meinen Atem trotz meiner früheren Erfahrung oder vielleicht gerade deswegen genommen. Ich bin enttäuscht und fassungslos, dass unser Staat noch immer nichts tut. Überall sah ich Müll, drogenabhängige Menschen, völlig zugedröhnt mitten auf der Straße – und mittendrin die Prostituierten und die Bordelle.

Diese Straße war trotz ihrer Größe, ihrer direkten Lage beim Bahnhof, leer und verlassen. Nur dunkle Gestalten waren dort zu sehen. Ich fühlte mich am helllichten Tag mitten in der Stadt nicht sicher – und das traurige ist, keiner ist dort sicher. Hier gelten die Regeln des Milieus. Die Polizei und die Justiz sind in Wahrheit nahezu machtlos gegen diese Strukturen, da die Kriminellen Genies sind, wenn es darum geht, legale Strukturen für ihre Machenschaften auszunutzen, was auch die Europäische Kommission bestätigt.[1]

Wann will unsere Gesellschaft, wann will unsere Politik endlich aufwachen? Mitten in Deutschlands Städten befinden sich unzählige, Vergewaltigungslagern ähnliche, Bordelle, abgesegnet vom deutschen Staat. Und nein, es ist nicht übertrieben oder respektlos, dieses Wort zu benutzen. Es ist eine grausame Tatsache, der in die Augen zu sehen endlich angefangen werden sollte.

Wie ich bereits in anderen Beiträgen geschrieben und verlinkt habe, bekennen sich auch das Europäische Parlament und der Europarat zum schwedischen Modell.

Der Schritt, den Frankreich mit dem Nordischen Modell gewählt hat, ist kein leichter, sondern eine knallharte Aufgabe, wenn es darum geht, ein Sexkaufverbot und ein neues Gesellschaftsbewusstsein vor allem in der Praxis umzusetzen. Für viele scheint es unmöglich, immer wieder hört man von der Politik „Deutschland ist noch nicht so weit“. Dazu kann ich nur eines sagen: diejenigen, denen die Fähigkeit fehlt, an das Gute und bahnbrechende Veränderungen zu glauben, die sollten nicht Politik machen, denn der Glaube daran, dass es möglich werden kann, ist eine Voraussetzung, um den Kampf zu gewinnen.

In Deutschland und überall in der Prostitution sind zu viele Profiteure unterwegs, die einen Richtungswechsel sehr erschweren. Als Profiteure bezeichne ich nicht nur Zuhälter und Menschenhändler, sondern vor allem auch die Freier, die aus jedem Gesellschaftsteil unseres Landes kommen und oftmals hohe Positionen innehaben. Wer möchte sich schon den „Spaß“ mit einer Prostituierten nehmen lassen und für ein Sexkaufverbot plädieren? Die Einführung des Sexkaufverbotes ist ein Schritt gegen breite Massen unserer Bevölkerung, nämlich gegen diejenigen, die jeden Tag sexuelle „Dienstleistungen“ in Anspruch nehmen, meistens bewusst das Elend ausnutzen und davon profitieren.

Wenn jemand so wie ich in der Prostitution war, so kann man den Sieg der Gerechtigkeit in der Luft spüren, wenn man durch Frankreichs Straßen läuft. Ich konnte aufatmen, ich hatte mehr Raum, Sicherheit und Freiheit als irgendwo anders bisher. Menschen, die nie in der Prostitution waren, können wahrscheinlich nicht nachempfinden, was es für Menschen wie mich bedeutet, in einem Land wie Frankreich zu sein, in dem genau das verboten ist, von dem ich gesehen habe, dass es unzählige Menschen kaputt gemacht hat und von dem ich weiß, dass es jeden Tag weitere tausende kaputt macht.

Frankreichs Weg ist wie Balsam auf der Seele und für alle Opfer des Ausbeutungssystems der Prostitution eine Hilfe auf dem Weg der Heilung. Ihre Erfahrung und ihr Leid wird anerkannt. Anerkennung von Gewalt ist ein wichtiger Schritt zur Heilung sowie ein unerlässlicher Schritt in Sachen Gewaltprävention.

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Heute bin ich wieder weit von Frankreich entfernt, aber seine Solidarität gegenüber Menschen, wie ich damals einer von ihnen war, spüre ich immer noch. Viele engagierte Menschen haben für Frankreichs Richtungswechsel gekämpft und es wird ein Kampf bleiben, weil die Sex-Industrie und dessen Profiteure alles tun werden, um diesen Sieg der Gerechtigkeit wieder zu kippen. Die Einführung des Nordischen Modells ist nur der Anfang. Es umzusetzen und es zu halten, so dass alles wirklich funktionieren kann, sind weitere unerlässliche Schritte auf dem Kampf gegen das Prostitutionssystem.

Ich hoffe sehr, dass Frankreich durchhält und dass sie alles tun werden, um ihr Gesetz beizubehalten. Es ist der einzig richtige Weg. Wenn man sagt, dass es falsch ist, einen Menschen zu kaufen, seinen Körper zu handeln, dann gibt es nur einen Weg: es zu verbieten, denn von allein wird der Missbrauch leider nicht aufhören.

Deutschland sagt, Menschen üben in der Prostitution einen Beruf aus, eine sexuelle Dienstleistung.

Frankreich sagt, niemand darf Menschen kaufen, niemand hat das Recht, jemanden sexuell zu benutzen, zu einem Objekt zu degradieren, zu verletzen.

Frankreich sagt damit, es gibt hier eine Würde, die unantastbar ist. Sie zu wahren ist eine Schutzpflicht des Staates.

Was Frankreich und andere Länder begriffen haben, muss Deutschland noch lernen.

Die Weihnachtszeit ist eine Zeit der Besinnung, der Wärme, der Liebe und der Empathie. Vergessen werden dürfen aber nicht jene Menschen, die an diesen Tagen in Bordellen oder anderswo in der Prostitution ihr Dasein fristen müssen. Auch ich war einmal an Weihnachten im Bordell mit Freiern, die danach zu ihren Familien nachhause gefahren sind, um nach dem sexuellen Missbrauch an der Prostituierten und dem Betrug an ihren Frauen und Kindern das „Fest der Liebe“ zu feiern. Daher weiß ich, wie scheinheilig und verlogen Weihnachten sein kann. Es ist traurig, aber Realität, dass viele Männer vor oder nach dem Fest Prostituierte aufsuchen, um dem „Familienstress“ zu entkommen.

Ich möchte deshalb an dieser Stelle all diejenigen ins Bewusstsein aller rufen, die es gerade nicht schön haben und in der Weihnachtszeit sexuelle Ausbeutung anstatt Liebe erfahren.

Deutschland, unternimm endlich was!

 

 

[1] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016DC0267&from=DE.

Antwort von Frau M. an Frau Balthus – Der pädophile Blick: Balthus doppelt

In meinem letzten Posting habe ich einen Kommentar über Frau Balthus Artikel in der WELT geschrieben, den sie auf eine Strafanzeige hin (von Frau M.) dort veröffentlicht hatte. Die Anzeige wurde von Frau M. wegen Verdachts auf Verbreitung kinderpornographischer Schriften gestellt. Ich habe die von Frau M. angezeigten Bilder nach ihrem Hinweis damals an mich (online) auch auf Frau Balthus (zu dieser Zeit noch öffentlich zugänglichen) tumblr-Account gesehen und ein Vorgehen dagegen aus Kinder – und Jugendschutzgründen für gut geheißen.

Für die Öffentlichkeit war diese Sache sicherlich nicht gedacht, da Frau Balthus es allerdings mit ihrem Artikel selbst in die Öffentlichkeit getragen hat, musste sie auch mit einer öffentlichen Klarstellung rechnen, die Frau M. jetzt veröffentlich hat.

Frau M. spricht in ihrem Text selbst über die Anzeige und über Frau Balthus Artikel in der WELT, denn sie möchte einige Dinge klarstellen. Ich möchte ihr hier eine Stimme geben und ihren wichtigen Text teilen. Ich finde es unmöglich was hier passiert, wie die WELT Frau Balthus Text eine Plattform geben konnte.

Die WELT hat auch vorher bereits im Feuilleton (!) und online einen Text von Frau Balthus veröffentlicht, wo mit Pädophilie gespielt, es in Verbindung mit Prostitution gebracht und das Ganze sehr verharmlost wird. Hier nur ein Zitat daraus (es geht im Text um eine Begegnung von Frau Balthus mit einem ihrer Prostitutionskunden, einem Juristen): „Nur die wenigsten Kunden lehnen meine quasi-pädophilen Rollenspiele ab, wenn ich sie von mir aus anbiete; auch er nicht. Und ich verrate Ihnen, ohne ins Detail zu gehen, auch noch so viel: die 13-jährige Lolita, die wollte er nicht von mir. Für ihn durfte ich höchstens neun sein.“ https://www.welt.de/kultur/das-kanarienvoegelchen/plus182232176/Das-Kanarienvoegelchen-Das-Gesetz-der-Doppelmoral.html

 

Es reicht jetzt mal mit der medialen Unterstützung von pädokriminellem Gedankengut?!

 

Hier der Text von Frau M.:

 

Der pädophile Blick: Balthus doppelt

 

Balthus: so nannte sich ein Maler, der junge Mädchen in einer sexualisierten Weise portraitierte, um den pädophilen Blick anzusprechen.

Wie man mit derartigen Bildern umgehen soll, wird inzwischen zumindest diskutiert. Im Gegensatz zu Zeiten, wo der männliche Blick sich auch in gewaltsamer Form vollkommen kritiklos in Kunst und Kultur reproduzieren konnte, ist das ein Fortschritt. Denn endlich wird zumindest hin und wieder die Stimme derer in der Debatte wahrgenommen, für die dieser Blick und damit verbundene Handlungen das Gegenteil von erotisiert ist, sondern Bedrängnis, Übergriff und Ohnmachtserfahrung bedeutet.

Der Versuch, diese Stimmen als „prüde“ oder „sexfeindlich“ darzustellen, ist eine altbekannte sexistische Abwehr. Aber zu dieser Asbach-Uralt-Argumentation greift im Zweifelsfalle, wenn nichts mehr hilft, noch immer so manch Antifeminist – oder eben auch Antifeministin.

Salomé Balthus, die ihr Pseudonym wohl nicht zufällig dem genannten Maler entlehnt hat, empört sich in ihrer Welt-Kolumne am letzten Wochenende über eine Anzeige, die sie von mir wegen Verbreitung kinder- und tierpornografischer Schriften erhalten hat. An den Aussagen in ihrem Artikel stimmt nur das wenigste, daher ist eine Klarstellung notwendig.

In ihrer Darstellung streicht sie „kinder-“ und „tier-“ aus ihrer Schilderung, so dass sich die Anzeige scheinbar allein gegen pornografische Schriften richtet und, wie sie suggeriert, aus reiner Sexfeindlichkeit und übersteigertem Feminismus motiviert ist. Ihr zufolge befanden sich auf ihrem Tumblr: „Manga-Comics, Filmchen von Meow!-Projekt und Filmausschnitte von ‚Pretty Baby‘ (Louis Malle) oder ‚My little Princess‘ (Eva Ionesco) – morbider Kitsch, wie ich ihn liebe.“ So spielt Balthus herunter, was faktisch auf ihrem damals offen zugänglichen Blog „salomenude“ zu sehen war und zu diesem Zeitpunkt noch immer ist. Sie  verleugnet, dass sie sehr wohl Darstellungen von Kindern in sexualisierter Form postete, gezeichnete wie fotografierte. „Welche Kinder?“, fragt sie im Welt-Artikel.

Ein paar Beispiele: ein nacktes gezeichnetes Mädchen im Grundschulalter, das seitlich steht und ihren Körper vorwölbt. Das Bild stammt von der Quelle „hot-hentai-girls“. Hentai ist der japanische Begriff für gezeichnete Pornografie. Die Zeichnung eines kleinen nackten Mädchens, das auf dem Bett liegt und angstvoll aufsieht. Auf ihren Oberschenkeln und in ihrem Schambereich ist dunkle Soße verspritzt. Auch sie stammt von „hot-hentai-girls“. Das Gif, ein Minifilmchen, eines frühpubertär wirkenden, mit einer Augenmaske versehenen Mädchens, über dessen Körper die Hände Erwachsener fahren. Unterschrift: „Bring your friends“. Hashtags darunter: #gang bang #orgy #group rp. Die Zeichnung eines kleinen Mädchens, das auf einem Mann sitzt, dessen Penis in ihr sichtbar ist und ejakuliert. Fotos von Eva Ionesco als Kind, in sexualisierten Posen.

Eva Ionesco wurde von Balthus ja selbst erwähnt und unter „morbider Kitsch“ subsumiert. Doch in Wahrheit war Ionesco als Kind ab dem Alter von vier Jahren der sexuellen Ausbeutung durch ihre Mutter ausgesetzt, die Ionesco in besagten Posen fotografierte, und die Fotos an Interessenten weiterverkaufte. Ionesco verarbeitete dies vor einigen Jahren in dem Film „I am not your fucking princess“ und benennt ganz klar das, was ihr angetan wurde als Missbrauch.

Das Verfahren gegen Balthus wurde eingestellt. Dass das passiert, war leider nicht unwahrscheinlich, da die meisten Anzeigen wegen Kinderpornografie eingestellt oder wie Bagatelldelikte behandelt werden. Ausgerechnet in der Welt, die Zeitung also, in der Salomé Balthus derzeit ihre Texte veröffentlicht, findet sich ein Artikel, der beschreibt, wie die Justiz Kinderpornografie wie ein Kavaliersdelikt behandelt. Bei nicht wenigen der Täter handelt es sich um Justizbeamte.

Im Schreiben des Berliner Staatsanwalts zur Verfahrenseinstellung steht: „Tierpornografische oder kinderpornografische Inhalte (stilisierte Mangabilder zählen hierzu nicht) konnten auf der von Blogging-Plattform nicht festgestellt werden.“ (Original-Schreibweise)

Doch darin irrt der Staatsanwalt: „Für die Verwirklichung des § 184b StGB in der Tatvariante der „Verbreitung von Kinderpornographie“ ist es bereits nach dem Gesetzeswortlaut völlig ausreichend, wenn es sich um ein fiktives Geschehen handelt.“ Unter Kinderpornografie zählt des Weiteren seit 2008 auch das Posing: „Da nach dem Gesetzeswortlaut eine Stimulation oder Manipulation am Körper des Kindes nicht mehr erforderlich ist, unterfallen Posing-Bilder nun auch dem § 184b StGB.“ (Quelle für beide Zitate)

Diese gesetzliche Fassung ist richtig so. Denn alles, was erkennbar zur sexuellen Stimulierung durch Kinder dient, auch wenn es in gezeichneter Form als Manga ist, bejaht zugleich generell das Leiden von Kindern als sexuelles Vergnügen für Pädokriminelle. Es verharmlost diese zutiefst verabscheuungswürdige Haltung und im schlimmsten Falle Handlungen gegenüber Kindern und trägt zu deren Normalisierung bei. Des Weiteren verwenden Pädokriminelle beim Grooming auch Kinderpornografie, um den von ihnen angezielten Kindern vorzugaukeln, das, was sie vorhaben, sei doch normal. Sandra Norak erläutert in ihrem Kommentar zu Balthus Welt-Artikel, dass es u.a. genau darum auch in der Gesetzgebung geht: „Der Regelungszweck des § 184b StGB oder § 184c StGb ist mitunter auch eine Bestrafung der mittelbaren Förderung des sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie die Verhinderung von Anreiz und Nachahmung.“

Für Betroffene sexueller Gewalt als Kind ist das Vergnügen anderer an diesem erlebten Leiden wie ein Faustschlag in den Magen. Viele inzwischen Erwachsene, von denen als Kinder filmische oder fotografische Darstellungen der angetanen sexuellen Gewalt verbreitet wurden, leiden zusätzlich darunter, dass diese Bilder und Filme weiter im Umlauf sind und weiter zur sexuellen Anregung für Pädokriminelle dienen, die mit ihrem sexuellen Vergnügen daran die Gewalt fortsetzen – und zusätzlich durch ihre Nachfrage die Produktion weiter ankurbeln. Eva Ionesco zum Beispiel verklagte, leider vergeblich, ihre Mutter auf Herausgabe der Fotos. Diese werden nun u.a. auf Salomé Balthus Tumblr verbreitet.

Das Problem ist nicht Balthus allein, denn die meisten ihrer Bilder und Filme sind Reposts, kommen also von anderen Quellen. Hunderte und Tausende davon müssen sich demnach allein auf Tumblr befinden. Der Konsum von Kinderpornografie ist inzwischen allgemein so weit verbreitet, dass die britische Polizei jüngst davon sprach, dass jede und jeder davon ausgehen könne, im eigenen Bekanntenkreis jemanden zu haben, der das tut. Doch die Quellen auf Tumblr, von denen Balthus ihre Bilder bezog, sind anonym oder befinden sich außerhalb des Zugriffs der deutschen Justiz. Salomé Balthus aber ist bekannt, weil sie in der Öffentlichkeit als Fürsprecherin der Prostitution auftritt. Seitdem sie öffentlichkeitswirksam ihre Escort-Agentur eröffnete, wird sie durch beinahe alle Medien gereicht. Umso mehr Einfluss haben ihre öffentlichen Verlautbarungen, unter die auch Blogs wie ein Tumblr zählen. Der, auf dem sie die angezeigten Bilder postete, war zu dem Zeitpunkt der Anzeige öffentlich frei zugänglich. Mit zwei Klicks kam man von ihrem Facebook-Profil, mit dem sie sich in öffentliche Debatten einmischt, über ihren dort verlinkten, nach ihrem Pseudonym benannten Tumblr zu dem besagten Blog. Inzwischen hat sie ihn auf privat gestellt, so dass nur Menschen mit eigenem Tumblr-Account ihn sehen können. An den Inhalten hat sich nichts geändert. Lediglich eine Warnung fordert nun unter 18-jährige dazu auf, die Seite zu verlassen.

Balthus versucht in ihrem Artikel, die Anzeige einer Art Feindschaft gegen sie als Prostituierte zuzuschreiben – denn dass es an Kinderpornografie liegen könnte („Welche Kinder?“) hat sie ja bereits abgestritten. Doch darin irrt sie. Um ihre Verharmlosung und Beschönigung von Prostitution geht es nicht. Die diesbezüglichen unterschiedlichen Haltungen sind ein Fall für politischen Diskurs, nicht für eine Anzeige, und meine Haltung zu Prostitution habe ich bereits dargelegt. Kinderpornografie ist für sich Grund allein, jemanden anzuzeigen.

Doch bei diesem Versuch, von dem eigentlichen Grund für die Anzeige abzulenken, bleibt Salomé Balthus nicht stehen. Sie greift tief in die Kiste antifeministischer Argumentation, indem sie ein Bild von Beratungsstellen für Betroffene von sexueller Gewalt zeichnet, das dem des unrühmlich geprägten Schmähbegriffs der „Opferindustrie“ entspricht: auf Schauergeschichten nur so lauernde Frauen, die  von ihr als „Retterlesben“ bezeichnet werden. Sie malt sich aus, wie diese Beraterinnen hilfesuchende Betroffene nicht nur anfeuern, sich zu offenbaren, sondern sich an deren Berichten auch noch aufgeilen. Ja, das klingt ziemlich schlimm, aber in einer Welt-Kolumne hinter Paywall darf man sowas offenbar schreiben.

Immerhin für einen Lacher sorgte ihr Text. Sie beschreibt eine Begegnung mit mir, die faktisch nie stattgefunden hat. Ein „gedrungenes Wesen“ habe sich ihr bei einer Veranstaltung genähert, „eine ältliche Matrone mit Bürstenhaarschnitt“. Gerne würde ich Salomé Balthus zumindest viel Fantasie zusprechen, aber auch bei meiner Beschreibung greift sie fern jeder Originalität auf altbekannte Negativstereotype aus der antifeministischen Mottenkiste zurück. Das konservative, männliche Publikum, dessen Beifall sie sich damit und mit ihrem enthemmten Bashen von Frauenberatungsstellen, Lesben und Feministinnen allgemein erheischt, wird sich in seinem Weltbild bestätigt fühlen und den erhofften Beifall spenden.

An den Tatsachen ändert aber auch dieser Beifall nichts: dass Salomé Balthus, Schwärmerin für Maler Balthus, auf ihrem Tumblr Kinder und Kinderdarstellungen in sexualisierter Form dem pädophilen Blick darbietet. Inzwischen gerichtlich abgesegnet. Der Welt-Artikel ist Ausweis des Oberwassers, das Menschen, die sowas tun, nach Verfahrenseinstellungen haben.

Quelle:

https://ifgbsg.org/der-paedophile-blick-balthus-doppelt/

Kinder-, Jugend-, und Tierpornographische Schriften – wie hoch sollte das Schutzniveau sein?

Heute habe ich einen Artikel in der WELT gelesen:

https://www.welt.de/kultur/das-kanarienvoegelchen/plus183220406/Das-Kanarienvoegelchen-Du-kriegst-mich-nicht.html?wtmc=socialmedia.facebook.shared.web&fbclid=IwAR0TGpOhbTjUxzgDziYJgwcICE_4lT3MAfb-L_OZzbaeBVATTXFhIuU432E

Eine mir aus Facebook bekannte Frau M. hatte Salomé Balthus angezeigt, da sie auf deren Internet Seite Inhalte entdeckte, die starke Bezüge zu Kinder-, Jugend-, und Tierpornographie aufzuweisen schienen. Zumindest ging sie davon aus Inhalte entdeckt zu haben, die problematisch sind und als solche eingestuft werden. Ich schaute mir nach Frau M.’s Hinweis damals selbst die Bilder an, denn Frau Balthus Seite war zunächst öffentlich zugänglich (jetzt ist sie es nicht mehr). Ich war schockiert, als ich diese Bilder sah. Es waren u.a. viele Mangas, deswegen wusste ich nicht so recht, was ich davon halten sollte.

Kinder/Jugendliche in Manga Design, die nackt dargestellt werden samt Geschlechtsteile. Zum Beispiel ein „Manga Mädchen“, das mit gespreizten Beinen auf dem Bett liegt, während ihr die Schokosauce über den Körper läuft und sie sich den kleinen Finger ableckt. Dass es sich unverkennbar um Kinder/Jugendliche handelt, die sexualisiert werden, wird zudem deutlich, wenn man unter diesen Comics/Mangas Aussprüche liest wie „The more you call him daddy when he fucks you, the faster, harder and deeper he goes.“ Oder: “Daddy… I think I’m wet enough to take your cock now…

Eine Manga Video-Animation, auf der man ein Pferd/einen Stier (jedenfalls ein Tier mit Hufen) sieht und dabei eine am Boden gefesselte Frau, die unter dem Tier liegt und sexuell in die Vagina/Anus penetriert wird, war auch zu sehen.

Ja, es sind Comics. Mangas. Ist das dann wirklich alles so harmlos und unproblematisch, wie es jetzt in der WELT von Balthus dargestellt wird?

Balthus die Gute und Frau M., die Anzeige erstattet hatte, die Böse, die Prüde?

Ich weiß nicht, was die Behörden in diesem Fall gemacht haben. Laut dem WELT Artikel hat es ein Verfahren gegeben, welches eingestellt worden ist. Laut Artikel wurde nichts Verbotenes gefunden. Die vollumfänglichen Gründe kenne ich nicht.

Ich kenne nur Balthus Artikel aus der WELT dazu und die Bilder auf ihrer (jetzt nur noch mit einem Account) zugänglichen tumblr-Seite. Da sie sich nun in der WELT öffentlich dazu äußert und eine Frau angreift, die nur das Ziel hatte, manches Material (wenigstens vom öffentlichen Zugang) entfernen zu lassen und Kinder schützen zu wollen, möchte ich dazu etwas schreiben, denn ich habe Frau M.‘s Weg aufgrund ihres anfänglichen Hinweises an mich zeitweise mitverfolgt (online) und es für gut geheißen, zu versuchen, die Inhalte aus Kinder- und Jugendschutzgründen entfernen zu lassen/dem öffentlichen Zugriff zu entnehmen. Dass sich nun, laut Balthus Artikel, zwei Staatsanwaltschaften und ein Polizei-Oberkommissar damit beschäftigt hatten… wer hätte das gedacht.

Gewalt an Kindern ist ein Thema, was präsent ist. Pädophilie, der Missbrauch von Mädchen durch ihre eigenen Väter. Ja, um es nicht zu verschweigen: auch der Missbrauch von Jungen durch Mütter. Oder andere Konstellationen wie der Missbrauch von Minderjährigen in der Prostitution durch Freier, die einen Kick verspüren, wenn sie Kinder kaufen und sexuell benutzen können.

Egal ob wir verschiedene Ansichten zur Prostitutionsthematik vertreten (Nordisches Modell oder komplette Liberalisierung), wie es hier mit Frau Balthus der Fall ist (sie ist eine überzeugte Prostitutionsbefürworterin und selbst als Prostituierte tätig): dass man Kinder unter allen Umständen schützen sollte, dürfte eigentlich Konsens sein.

Ich finde den Artikel in der WELT sehr problematisch und verharmlosend, was diese sexualisierten (Manga) Bilder von Kindern/Jugendlichen angeht. Es wird ein wenig so dargestellt, als wäre Frau M.‘s Anzeige völlig an den Haaren herbeigezogen gewesen.

Schaut man sich die Paragraphen des StGb zu Kinder-/Jugendpornographie an, merkt man, dass es nicht so war. Können Mangas, fiktive Personen und Comics als Kinder-/Jugendpornographie strafbar sein?

Der Regelungszweck des § 184b StGB oder § 184c StGb ist mitunter auch eine Bestrafung der mittelbaren Förderung des sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie die Verhinderung von Anreiz und Nachahmung. Für den § 184b StGb genügt auch eine virtuelle Schöpfung im Sinne von Comics, fiktiven Personen sowie Mangas.[1] Also ,,Fiktivpornografie“.[2]

Auf dieser tumblr-Seite von Balthus sind einige Manga Posing Bilder von Kindern/Jugendlichen zu sehen.

Mit dem 49. StrÄndG vom 21.1.2015 wurde die Definition von Kinderpornographie zu deren besseren Schutz erweitert. Erfasst sind nun auch Abbildungen, die keine sexuellen Handlungen, sondern den „kindlichen Körper in unnatürlich geschlechtsbetonter Haltung“ zeigen.[3]

„Die Darstellung muss offenkundig ein altersunangemessenes, sexuell anbietendes Verhalten zeigen. Maßgeblich ist die Zielsetzung, die für einen objektiven Betrachter ohne eigene pädophile Neigung erkennbar sein muss. Unzutreffend ist die Annahme, dass Schriften, die nur Posing zeigen, nicht pornographisch seien: Ohne die Zielsetzung, sexuelle Anreize zu schaffen, ergäbe die Produktion solcher Aufnahmen keinen Sinn.“[4]

Zu den Mangas mit den gespreizten Beinen:

„Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGHSt 43, 366, 368) liegt eine sexuelle Handlung eines Kindes oder eines Jugendlichen im Sinne von § 184b, 184c StGB zum Beispiel vor, wenn ein Kind oder Jugendlicher für ein Nacktfoto seine Beine spreizt, da das Spreizen der Beine, um die unbedeckten Genitalien offen zur Schau zu stellen, eine nicht unerhebliche sexuelle Handlung, durch die der Betrachter sexuell erregt werden soll, beinhaltet. Um auch unwillkürlich eingenommene geschlechtsbetonte Körperhaltungen, etwa durch ein schlafendes Kind, strafrechtlich in § 184b StGB zu erfassen, soll es nicht mehr auf das Einnehmen dieser Körperhaltung als sexuelle Handlung ankommen, sondern lediglich auf die Körperhaltung selbst.“[5]

Ich möchte hier gar nicht weiter schreiben und zitieren. Ein Verfahren wurde ja scheinbar aus Gründen eingestellt. Was ich näher bringen wollte war, dass Frau M. sicher nicht willkürlich oder realitätsfremd gehandelt hat, so wie es im WELT Artikel von Balthus leider dargestellt wird. Insgesamt hinterlassen die Bilder und Texte, die Gesamtschau dieser Dinge, einen üblen Nachgeschmack bei mir. Auch deshalb, weil Frau Balthus Seite im Kontext der Prostitution steht und die Bilder sehr leicht damit verknüpft werden (können). Sie schreibt selbst auf einer anderen Seite von einer Begegnung mit einem Juristen als einer ihrer Prostitutionskunden: „Nur die wenigsten Kunden lehnen meine quasi-pädophilen Rollenspiele ab, wenn ich sie von mir aus anbiete; auch er nicht. Und ich verrate Ihnen, ohne ins Detail zu gehen, auch noch so viel: die 13-jährige Lolita, die wollte er nicht von mir. Für ihn durfte ich höchstens Neun sein.“ (Quelle)

Ich finde es verantwortungslos von Frau Balthus, dass sie solche Bilder auf tumblr dann scheinbar bedenkenlos präsentiert. Ich finde es auch unverantwortlich, dass zumindest manche dieser Inhalte nicht gelöscht werden und dass dann auch noch eine Frau, die dagegen etwas tun wollte, in den Medien öffentlich (samt ihrem vollen Namen!) bloß gestellt wird, weil die WELT dem eine Plattform bietet.

Im Übrigen steht im WELT Artikel, dass Balthus Frau M. auf einer Veranstaltung getroffen haben soll und dass Frau M. sie beschimpft haben soll. Ich habe Frau M. gefragt und sie sagte, dass sie Frau Balthus persönlich noch nicht getroffen hat. Was dieser Teil in ihrem Artikel soll, verstehe ich also auch nicht.

Frau Balthus hat ihren Pseudonym „Balthus“ deshalb gewählt, weil sie sich den Namen des Malers Balthus geben wollte, der berühmt dafür war, Minderjährige im Alter von unter 16 Jahren nackt und sexualisiert auf Bildern zur Schau zu stellen. Manche sagen es wäre einfach nur Kunst, das sei von der Kunstfreiheit eben gedeckt – doch viele haben in dieser Hinsicht bereits erkannt[6], dass auch die Kunstfreiheit Grenzen hat.

Wo also, frage ich mich, fängt effektiver Kinder-/Jugendschutz an? Wo möchten wir, dass er beginnt? Kinder und Jugendliche sind unsere Erwachsenen von Morgen. Jetzt sind sie vulnerabel und eine der schutzwürdigsten Gruppen unserer Gesellschaft.

Es geht nicht darum, problematische Kunst/Bilder einfach zu verbieten, weil man sie persönlich unpassend findet. Es geht um Prävention und Gefahrenabwehr.

„…es gibt auch Konsumenten von Kinderpornographie, die mediale Anregung mit realem Missbrauch verbinden. In diesem Fall besteht das Risiko, dass die Neigung zu Sexualdelikten gegen Kinder bestätigt und verstärkt wird und es zu „Hands-on“-Delikten kommt, da von einer dynamischen Beziehung zwischen Interessen und Stimuli auszugehen ist.“[7]

Es geht hier auch nicht um Abolitionismus vs. Liberalisierung von Prostitution oder andere Streitigkeiten (wie Frau Balthus es in ihrem Artikel leider alles vermischt). Es geht zudem sicherlich nicht um ein „Feindbild“, wie Frau Balthus es beschreibt.

Hier geht es um Bilder, die aufgefunden und als problematisch eingestuft wurden, und damit um Kinder-/Jugendschutz.

Für manche geht die Auslegung des Kinder-/Jugendschutzes weiter als für andere – das und nichts anderes hat sich in diesem Fall gezeigt.

 

 

[1] BeckOK StGB/Ziegler, 39. Ed. 1.8.2018, StGB § 184b Rn. 2., https://www.anwalt.de/rechtstipps/-b-stgb-tatvorwurf-kinderpornographie-posing-bilder-fiktive-personen-mangas_045769.html, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/kinderpornografie-die-wichtigsten-fragen-und-antworten-a-953071.html.

[2] Schönke/Schröder/Eisele, 29. Aufl. 2014, StGB § 184b Rn. 3b.

[3] MüKoStGB/Hörnle, 3. Aufl. 2017, StGB § 184b Rn. 18.

[4] MüKoStGB/Hörnle, 3. Aufl. 2017, StGB § 184b Rn. 19.

[5] http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/026/1802601.pdf.

[6] https://www.deutschlandfunk.de/grauzone-kinderpornografie-im-museum.862.de.html?dram:article_id=279429.

[7] MüKoStGB/Hörnle, 3. Aufl. 2017, StGB § 184b Rn. 3.

 

 

Sexuelle Gewalt im bewaffneten Konflikt – Friedensnobelpreis 2018 für Nadia Murad und Denis Mukwege

Sexuelle Gewalt im bewaffneten Konflikt – häufig auch verwendet als Waffe, als Tathandlung des Völkermordes und „ethnischer Säuberungen“.

Ein Thema, womit ich mich beschäftige und welches gerade in den Medien große Aufmerksamkeit dank zweier großartiger Menschen erhalten hat.

Mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden

  • Nadia Murad, Jesidin, von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) versklavt, vergewaltigt und verkauft. Heute kämpft sie öffentlich gegen diesen Terror.
  • Denis Mukwege, kongolesischer Gynäkologe, spezialisiert auf die Behandlung von Vergewaltigungsopfern.

Beide haben wesentlich dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft immer mehr auf diese Verbrechen zu lenken.

Hier mehr dazu: http://www.spiegel.de/politik/ausland/friedensnobelpreis-2018-geht-an-denis-mukwege-und-nadia-murad-a-1231666.html

 


 

I was freed, but I do not enjoy the feeling of the freedom because those who have committed these crimes have not been held accountable.

– Nadia Murad –