Vortrag einer Traumatherapeutin

 

Ich möchte einen Vortrag von Dr. Ingeborg Kraus teilen. Sie findet deutliche Worte und hat eine klare Haltung.

Leider haben die meisten Menschen in unserer Gesellschaft zum Thema Prostitution keine klare Haltung, viele Menschen haben sogar überhaupt keine Haltung dazu. Vorher sah ich mir das TV-Duell von Angela Merkel und Martin Schulz an sowie die darauffolgende Sendung von Anne Will, in der über das Duell diskutiert wurde. Themen waren u.a. Migration, Integration, die Türkei, Rente, etc…

Alles wichtige Dinge, aber immer wieder frage ich mich: was ist mit den abertausenden an Menschen in der Prostitution, in unserem Land, die täglich Unerträgliches an Leid erleben?

Wir haben hier in Deutschland eine humanitäre Katastrophe was die Prostitution angeht, und ich meine wirklich eine HUMANITÄRE KATASTROPHE, und keiner sieht es, manchmal frage ich mich, ob es keiner sehen möchte. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, 6 Jahre lang, und es macht mich wirklich traurig, dass in unserer Politik so wenig getan wird, sich damit so wenig auseinandergesetzt wird.

Ja, es gibt jetzt das neue Prostituiertenschutzgesetz – und nun? Wartet man erstmal die Evaluation ab? Wo sind die vielen wichtigen und ernsthaften Ausstiegshilfen? Ganz egal ob man für ein Sexkaufverbot oder lediglich Reglementierungen ist, es braucht diese Ausstiegshilfen. Wo sind sie?

Leider wissen viele Menschen da draußen nicht, dass die meisten Prostituierten keine Zeit haben abzuwarten. Sie haben schlicht keine Zeit, denn sie gehen da draußen jeden Tag mehr und mehr zugrunde.

Hier nun der Vortrag.

 

Keine einzige etablierte Partei nimmt eine klare Stellung zur Prostitution ein. Das ist eine Schande!

Von Dr. Ingeborg Kraus. 

 

Diese Rede wurde in Saarbrücken am 02.09.2017 auf der Fachtagung „Warum Männer zu Prostituierten gehen?“ gehalten (und ergänzt).

Ich bedanke mich sehr bei Hadassah[2], auf dieser wichtigen und hochkarätigen Veranstaltung sprechen zu dürfen und etwas über die Schäden durch die Prostitution zu sagen, da dieser Aspekt, sowie die Gewalt in der Prostitution bei den Evaluationen des deutschen Ansatzes gezielt ignoriert wurden[3].

Kurz etwas zu der Realität in der Prostitution:

„Hallo zusammen! Neugierig und fickgeil wie ich nunmal bin, habe ich es mir nicht nehmen lassen, diesen Online-Dienst anzurufen, um mal nach Laura zu fragen. Tatsächlich hätte sie angeblich bei meinem Anruf um 20 Uhr abends nur knappe 30 Minuten um bei mir zu sein! Wow, na dann auf, und Laura bestellt. Tatsächlich exakt nach 25 Minuten klingelt es an meiner Wohnung und Laura steht vor der Tür. Fotos 100% Original. In echt meiner Meinung nach sogar noch hübscher. Sie spricht halt kein einziges Wort Deutsch, aber ich wollte ja eh nur ficken. Also 120,–€ hingelegt, ausgezogen, ab in die Kiste und Laura aufgefordert sich auf den Rücken zu legen, damit ich missionarsmäßig zur Besamung loslegen kann. Ich nahm ihre Beine und legte sie über die Schulter, drückte dabei die Beine soweit nach unten wie es ging, um die ganze Besamungsaktion besser im Blickfeld zu haben. Sie versuchte mehrmals, meine heftigen Stoße abzufedern indem sie mit den Händen gegen meine Oberschenkel drücken wollte, nur ich ließ ihr keine Chance, denn wenn ich am zustoßen bin, dann ohne Kompromisse und dann wird gnadenlos tief und kräftig durchgezogen, bis die Kleine vollgepumpt ist.“ (Tabulosforum, Eintrag[4] vom 19.03.2009)

„Also ich hatte vor ner Zeit die Anna vor dem Hammer, ne heiße Schnecke war´s schon, ohne Gelaber richtig tief eingelocht. Danach raus, rumgedreht die Maus und von hinten richtig tief rumgenudelt. Die Kleine hat richtig die Augen verdreht dabei und zum Glück hab ich ihre Beine vorher leicht an dem Bettgestell fixiert, so dass ihre Beine schön auseinander waren. Dann kurz vorm Abschluss raus und in ihren Rachen entsorgt bis zum letzten Tropfen.

Was die Telefon-Madam betrifft, kann ich nur sagen „sollte mal ne Fortbildung in Sachen Kundenfreundlichkeit nehmen, ihr musste man alles zweimal fragen. Weil die Frauen bei KE sind sehr mechanisch, dafür aber richtige Abfickhuren, so wie es man sich halt manchmal wünscht.“ Smiley, Smiley, Smiley,…. (Tabulosforum[5], Eintrag vom 28.11.2009)

„Sehr geil! Dann können wir die geile Stute auch schwanger AO reiten!“

„Ja die Kleine steht “leider” irgendwie daneben! Lass du dich mal täglich von ca. 30 Typen bumsen und besamen… und das Crystal gibt ihr den Rest.“

„Super-Bilder! Da muss sie aber in der Nacht davor ordentlich durchgezogen worden sein, so rot wie ihre Muschi ist!“

„Hi Leute, auch ich war heute mal bei der (ist absolut nicht böse gemeint) schwangeren Mülltonne “S.” und habe diese (so gut es ging) schön und innig besamt. Das Mädchen ist nur wie bereits erwähnt hochschwanger (im Februar kommt das Kind raus und weg sagte sie) und leider wirklich heftigst drauf und so krass verpeilt, dass man sich eigentlich gar nicht richtig aufs ficken konzentrieren kann. (man kann sich auch nur sehr schwer mit ihr unterhalten). Sie ist trotz allem sehr nett und ich habe viel mit ihr gelacht, wir hatten beide unseren Spaß, aber irgendwie tut sie mir irgendwo leid. Ich werde sie die Tage auf jeden Fall nochmals besuchen…“

„War gestern auch dort und habe mich nach ihr umgeschaut, aber in dem Zimmer wo sie vorher war, ist jetzt eine etwas molligere Türkin… hat sich dann nach Absprache für 25€ ohne Ficken besamen lassen.  (Eintrag[6] über ein Bordell im Frankfurter Bahnhofviertel, das Bordellführungen anbietet um den Bürgern zu zeigen, dass dort alles in Ordnung sei)

Das passiert in Deutschland. Und es ist legal. Und es wird weiterhin passieren, auch mit dem neuen ProstituiertenSchutzgesetz. Ganz legal, staatlich abgesegnet.

Ja, meine sehr verehrten Damen und Herren, wie geht es denn den Frauen dabei? Wie fühlt sich ein Mensch, der zu einem Stück Fleisch reduziert wird, als ein Sexobjekt benutzt und in allen Körperöffnungen penetriert wird?

Mich fragen oft Reporter ungläubig, ob es den Frauen wirklich schlecht gehe in der Prostitution. Sie wollen Diagnosen hören. Viele Frauen weisen in der Tat posttraumatische Belastungsstörungen auf, aber nicht nur: Sucht, Angst- und depressive Störungen sind häufig. Welche Diagnose gibt man einer Frau, die keinen Schmerz mehr spürt, wenn man diese Dinge mit ihr tut? Wir haben es hier mit multiplen Traumafolgestörungen zu tun.

Sandra Norak, eine Ex-Prostituierte, drückt es mit folgenden Worten aus[7]: Für die Abspaltung des Empfindens, die „Unerträgliches erträglich macht“, kennt sie jetzt den Fachbegriff: Dissoziation. Aus der Literatur über Trauma und Prostitution lernte sie über sich: „Als Kind dissoziierte ich schon im Umgang mit meiner psychisch kranken Mutter. Ich fing auch an, mich selbst zu verletzen. Der Schritt zur Prostitution ist dann kein großer mehr. Dort schaltete ich weiter automatisch ab, um die Worte und die Handlungen der Freier ertragen zu können. Später brauchte ich Alkohol, um meine Panikattacken mit Atemnot vor jedem Zimmergang zu stoppen.“

 Direkt nach dem Ausstieg war ihr Körper wie taub, ihr war ständig schwindelig, sie stotterte und konnte keinen Gedanken zu Ende bringen. „Es war alles durch die Prostitution bedingt“, sagt sie. Norak hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen. „Sich von fremden Menschen tagtäglich penetrieren zu lassen erfordert einen Schutzmechanismus des Gehirns, um dabei abschalten zu können. Diesen Mechanismus wurde ich lange Zeit nicht los. Ich hatte verlernt, im Augenblick zu bleiben.“ Sie blieb weiterhin innerlich auf der Flucht, auch wenn die aggressive Umgebung nicht mehr da war.

In der Tat, internationale Forschungsergebnisse weisen auf, dass zwischen 60 und 68% der Frauen die Kriterien einer schweren PTBS erfüllen[8]. 70-95% der Frauen wurden in der Prostitution körperlich angegriffen. 65 bis 75% wurden in der Prostitution vergewaltigt. 65-95% wurden als Kinder sexuell misshandelt. 82% nannten Formen von psychischer Gewalt und 92% hat sexuelle Belästigung erlebt[9]. Es gibt keinen anderen „Beruf“ auf dieser Welt, der so gefährlich ist: die Sterberate liegt bei Frauen in der Prostitution um ein Vierzigfaches über dem Durchschnitt[10]. In keiner anderen Berufsgruppe liegt die Mortalität so hoch wie bei Prostituierten. Die Todesursachen reichen von Mord bis zu Unfällen, von Drogenmissbrauch bis zu Alkoholismus.

Gewalt ist Bestandteil der Prostitution.

Ich möchte darauf hinweisen, dass die psychischen Schäden bei Frauen, die noch in der Prostitution tätig sind, oft nicht einfach zu erheben sind. Die Dissoziation kann sehr unterschiedliche Formen einnehmen. Der seelische Schmerz wird oft erst zugänglich für die Frauen, wenn sie den Weg aus der Prostitution finden und ihnen erst bewusst wird, was ihnen angetan wurde.

Ein Beispiel:

Vor kurzem erhielt ich folgenden Brief von dem Ehemann einer ehemalig prostituierten Frau: „Meine Frau hat bis zu ihrem 27. Lebensjahr ihr Geld ganz oder teilweise mit Prostitution verdient. Kurz bevor wir uns kennenlernten, ist sie ausgestiegen und hat diese Zeit bis heute äußerst erfolgreich verdrängt, so dass diese Zeit in unserem Leben eigentlich keine Rolle spielte und sie sagte, sie hätte mit diesem Lebensabschnitt komplett abgeschlossen. Vor ein paar Wochen hatten wir eine tiefe Ehekrise. Meine Frau entwickelte daraufhin ein Alkoholproblem und musste stationär behandelt werden. Bei der Eingangsanamnese wurde ein schwere PTBS diagnostiziert, die durch die Prostitution entstanden sei. Meine Frau konnte es nicht annehmen, da sie sich frei für die Prostitution entschied und als Gegenleistung Geld erhielt. Mit dem Geld sei die Gegenleistung aus ihrer Sicht abgegolten gewesen. Nun ist es aber so, als wenn bei meiner Frau eine alte vergessene Wunde aufgerissen wurde und das Blut hinaus schießt.“  Es kam zu einem Telefongespräch zwischen uns und ich sagte ihr, dass das Geld nichts rein wäscht und sie diese Schmerzen empfinden darf. Ihr Zustand stabilisierte sich daraufhin.

Hier möchte ich ein Beispiel sekundärer Traumatisierung darstellen:

Das ist was ein Ehemann schrieb, der auf die heutige Veranstaltung aufmerksam wurde: „Es gibt noch einen in der Öffentlichkeit bisher völlig vernachlässigten, nicht destotrotz in seiner Wirkung verheerenden Aspekt, der ebenfalls mit psychischer Gewalt gegen Frauen zu tun hat, und zwar gegen die Frauen, die von ihren Männern mit Prostituierten betrogen wurden und deren komplette Welt von einem Tag auf den anderen völlig aus den Angeln gehoben wurde. Meine Frau hat im Zuge der schockartigen Aufdeckung meiner jahrelangen Aktivitäten heftige Herzrhythmusstörungen entwickelt und litt anfangs stark unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Es gibt eine Plattform, die sich dem Thema Prostitution aus Sicht der betroffenen betrogenen Frauen verschrieben hat, sie heißt: „das Schweigen brechen“. Den anderen betroffenen Frauen, die sich dort austauschen, ging es teilweise ähnlich.“

Prostitution betrifft uns alle! Eine Studie in Frankreich, an der Grenze zu Spaniens „Jonquera“, zeigt, wie Prostitution das Verhalten in der Gesellschaft beeinflusst: Junge Frauen sehen sich z.B. unter Druck gesetzt sexuelle Handlungen, die sie nicht wollen, von ihren Partnern zuzulassen und/oder sich freizügiger zu kleiden. Diese Auswirkungen kann ich ebenfalls in Deutschland feststellen, da immer mehr junge Frauen meine psychologische Praxis aufsuchen, weil sie Angst haben nicht mehr „sexuell leistungsstark“ zu sein.

Jetzt werden Sie mir sagen: „Frau Dr. Kraus, sie haben ja wirklich nur die Schattenseiten der Prostitution dargestellt. Es gibt doch auch die „netten“ Freier“.

Das ist ein Verleugnungs-Mechanismus, der bekannt ist. In ihrer Studie über die französischen Sexkäufer stellt Legardinier[11] fest, dass es den Männern ein wichtiges Anliegen ist, sich von den „perversen Freiern“ abzugrenzen. Sie wollen sich als die „Guten“ verstehen. Mittlerweile sprechen aber mehr und mehr Aussteigerinnen über ihr Erleben in der Prostitution und räumen mit dem Mythos „des netten Freiers“ auf. Huschke Mau nimmt alle Freier in die Verantwortung und stellt nach zehn Jahren Prostitution fest: „Alle Freier sind Täter![12] Und was alle Freier gemeinsam haben, so Mau, das ist ihre Gleichgültigkeit[13]: „Freier sehen Prostituierte nicht als Frauen, sie sehen nur das Objekt, den Körper, eventuell noch das schmückende Beiwerk. Die Frau, deren Rechte, deren Willen und Gefühle sind ihnen schlichtweg gleichgültig“. Rachel Moran[14] muss nach sieben Jahren Prostitution und einer langen Zeit der Rekonstruktion feststellen, dass der gewalttätige Sexkäufer eigentlich ehrlicher mit ihr umgegangen sei als derjenige, der so getan hat, als wolle er sanft und gut mit ihr sein. Letztendlich sei es jedes Mal eine bezahlte Vergewaltigung gewesen. „Ich hatte einen, sagt Huschke Mau, der wollte dauernd Händchen halten und mit mir danach essen gehen. Die Termine waren der Hass, weil sie so lange dauerten, auch im Bett. Das war einer von diesen „netten“ Kunden, und die wollen meistens „Girlfriend-Sex“, das heißt, sie wollen Nähe, Intimität, Schmusen, Küssen, den ganzen Kram, und das ist anstrengend, weil es persönliche Grenzen überschreitet, weil man noch mehr schauspielern muss, und es versaut einem Intimität restlos, eben weil sie restlos eingefordert wird. Man darf nichts mehr für sich selber behalten. Indem man auch diese Gesten der Zärtlichkeit imitiert und verkauft, gehören sie einem nicht mehr, sie werden Teil des Entertainerinnenrepertoires und damit bedeutungslos, da abgespalten vom Ich. Hinzu kommt, dass zu dem Gefühl, missbraucht zu werden durch die Freigabe derart intimer Gesten das Empfinden kommt, an dem Missbrauch beteiligt zu sein, sich selbst zu missbrauchen, da kein „harter Kern“ übrig bleibt, der vor dem Freier geschützt wäre. Es ist wie eine Totalauslieferung.“

Eine Bekannte, die in einem Ausstiegsprogramm für Prostituierte arbeitet, sagte mir, dass nur wenige Frauen den Ausstieg erreichen. Die Frauen arbeiten so lange, bis sie körperlich zusammenbrechen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis das passiere.

Warum ist das so, fragte ich mich? Weil man den Willen dieser Frauen gebrochen hat. Diese Frauen sehen keine Zukunft für sich, sie haben keine Träume, keine Identität außerhalb der Prostitution. Sie sind auf dieses konstruierte Wesen der „Prostituierten“ reduziert und finden keinen Weg mehr da raus. Sie sind in ihrem Trauma und ihrer Scham eingesperrt.

„Die jungen Frauen, die nach Deutschland kommen, sind völlig überfordert, komplett traumatisiert. Viele verlangen nach ihren ersten Erfahrungen nach Psychopharmaka und Drogen. Sie sagen, anders sei ‚dieses Geschäft‘ nicht auszuhalten. Manche Frauen sind nur wenige Wochen da und sagen: ‘Ich bin hier gestorben, ich kann nicht mehr lachen‘. Die Frauen sind sehr traumatisiert, sie entwickeln Depressionen, Albträume, körperliche Schwierigkeiten. Sie reagieren psychosomatisch, haben Bauchschmerzen. Sie sind krank und fühlen sich auch krank. Es breitet sich eine ganz große Hoffnungslosigkeit in ihnen aus.“[15]

Dasselbe berichtet auch Jana Koch-Krawczak[16], wenn sie als Streetworkerin in die Bordelle geht. Sie begegnet verwahrlosten Frauen, die den Kontakt zu sich selbst völlig verloren haben. Sie reagieren verängstigt oder apathisch. Es erscheint offensichtlich, dass sie alles andere brauchen als Sex. Aber daneben stehen die Sexkäufer und scheren sich „einen Dreck“ darum. Sie lachen und amüsieren sich.

Wie geht das? Ich stelle mir dieselbe Frage, die sich auch Caroline Emcke in ihrem Buch „Gegen den Hass“ gestellt hat. Ja, wie geht das, die Not der Menschen nicht zu sehen, sondern nur die eigenen Bedürfnisse? Warum gehen Männer zu Prostituierten?

Sie gehen zu prostituierten Frauen, weil sie es dürfen. So einfach ist das. Weil sie denken, ein Recht auf Sex zu haben und dafür Frauen benutzen zu dürfen, und das mit der Absegnung von Kirche und Staat. Die Frau wird in ein sozial konstruiertes Bild eingesperrt, und zwar in das Bild „einer unersättlichen Sexbestie“. Andere Bedürfnisse werden ihr abgesprochen. Sie wird entmenschlicht, sie ist nur noch das. Das erlaubt den Sexkäufern jegliche Form von Skrupellosigkeit, ihr Mitgefühl ist blockiert, an seine Stelle tritt Gleichgültigkeit.

Durch Verdrängungsmechanismen und gedankliche Tricks mogelt sich so die Gesellschaft und die Politik aus der Verantwortung heraus. Die Gewalt wird verleugnet, die Realität ausgeblendet. Und für was das alles?

All das, um ein ganz stark tabuisiertes Thema zu schützen, und zwar die männliche Sexualität und das ihr widerspruchslos zugestandene Recht auf uneingeschränkte Entfaltung. Manche Männer scheinen große Angst davor zu haben keine Frau mehr abzukriegen. Sie erleben es als einen Machtverlust, nicht mehr entscheiden zu können, mit wem sie Sex haben wollen. Anstatt sich etwas für die Frauen zu bemühen und sie als gleichberechtigt zu sehen, wird eine Enklave im Staat errichtet, um ihnen diese Macht weiterhin zu ermöglichen.

Das neue Prostitutions-Schutzgesetz sendet doch weiterhin die falschen Signale, nach dem Motto: Jungs, passt in Zukunft etwas mehr auf, aber macht weiter! Demokratie bedeutet nicht, dass wir machen können, was wir wollen. Unsere Freiheit hört dort auf, wo wir die Grenzen eines anderen Menschen verletzen. Und der Auftrag unserer politischen Vertreter ist, immer auch die vulnerabelsten Mitglieder unserer Gesellschaft im Auge zu halten und sie vor Ausbeutung zu schützen. Es ist eine Schande, dass keine der großen Parteien (1), eine klare Haltung dazu nimmt! Sie sind von dem rasanten Aufstieg der rechts-populistischen Parteien schockiert. Anstatt jedoch die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen um die skandalösen Zustände zu beenden, halten sie den Status Quo aufrecht um nicht negativ aufzufallen und ihre Pöstchen nicht zu gefährden. Sie begreifen jedoch nicht, dass sie mit dieser reform-ängstlichen Politik, die übrigens auch mit allen anderen großen Themen betrieben wird, den Populismus erst recht füttern. Die Gleichgültigkeit gegenüber dieser extremen Frauenverachtung kann nicht mit anderen Frauen fördernden Punkten (Quote oder Lohngleichheit) ausgeglichen werden. Alle etablierte Parteien müssen sich dem Vorwurf stellen, Frauenfeindlichkeit ins Wahlprogramm geschrieben zu haben.

Deutschland, so Manfred Paulus[17], ist durch das Gesetz von 2002 nicht nur zum Bordell Europas geworden, sondern international Drehscheibe für Sexsklavinnen. Das Rotlichtmilieu ist mittlerweile in den Händen der international organisierten Kriminalität. Es wäre naiv zu glauben, dass diese vor den Türen der Bordelle endet. Mit einer Kondompflicht ist die Sache nicht gelöst!

Bei der Prostitutionsfrage geht es um mehr als nur Schadensbegrenzung zu betreiben, es geht um ein neues Gesellschaftsmodell: eine neue Männergeneration soll geschaffen werden, die nicht auf sexuelle Ausbeutung der Frau zurückgreift um sich zu definieren.

„Prostitution ist Gewalt gegen Frauen! Sie festigt und fördert die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, sie ist Symbol männlicher Herrschaft über Frauen sowie kollektiver Entwürdigung von Frauen“.[18] Mit der Schimäre des unkontrollierbaren männlichen Sexualtriebes muss aufgeräumt werden. Männer sollten einen anderen Umgang mit Frustration erlernen.

Es sollte den deutschen Schülerinnen und Schülern das Gleiche vermittelt werden, wie Schülerinnen und Schülern in Frankreich: Dass eine Frau keine Ware ist und sie nicht zur sexuellen Benutzung gekauft werden darf, dass Prostitution verheerende Auswirkungen auf der Welt auslöst, dass Prostitution kein Schicksal oder unvermeidliches Übel ist, keine Freiheit und schon gar nicht ein Beruf. Prostitution verstößt gegen die Menschenrechte und Menschenwürde. Deshalb brauchen wir auch hier in Deutschland ein Sexkaufverbot, denn es gibt kein Recht auf Sex!

 Ich bedanke mich!

 

Lektorat: Firdes Ceylan

 

Quelle: Trauma and Prostitution – Scientists For A World Without Prostitution

 

 

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Qualitätssiegel für Bordelle

 

Wie bekannt wurde, stellte der BSD (Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e.V.) diese Woche ein sog. „Gütesiegel für Bordelle“ vor, mit dem Ziel diese in ein besseres Licht rücken zu können.

Hier ist die Pressemitteilung:

24. 08. 2017

Pressemitteilung

BSD – Gütesiegel schafft kontrollierte Qualität, Transparenz, Service
und Seriosität der Prostitutionsbranche.
Wir sind angetreten, der allgemeinen Verunglimpfung und den vielen falschen
Vorstellungen über die Strukturen und die Arbeitsabläufe in den Bordellen
entgegen zu treten. Das BSD-Gütesiegel der Stufe I stellt klar:
Wer ist InhaberIn, wie kann diese/r erreicht werden, wie groß ist das Bordell, die
Mindestanforderungen – auch nach dem ProstSchG – werden erfüllt, in der
Selbstverpflichtungserklärung positioniert sich der Betrieb deutlich gegen Gewalt,
Zwang und Kriminalität und erklärt, sich für faire, selbstverantwortliche und
hygienische Arbeitsbedingungen einzusetzen.
Jan/Bordellbetreiber: „Dieses Alleinstellungsmerkmal motiviert mich, mich
von anderen Mitbewerben noch mehr abzusetzen und weiter in das
Serviceangebot meines Betriebes zu investieren.“


Damit wird auch der Öffentlichkeit, der Politik und den Behörden deutlich
signalisiert: dieser Betrieb erfüllt alle Voraussetzungen einer soliden geführten
Prostitutionsstätte.
Freudenhaus Hase: „Vermehrt fragen Kunden, ob die Sexarbeiter*innen
selbständig und selbstbewusst arbeiten. Selbstverständlich! Das Gütesiegel
gibt jetzt die Bestätigung.“

In den folgenden Stufen I und II erfolgt eine umfangreichere Prüfung der Betriebe
und es werden zwischen 1 und 6 Kronen vergeben. Der Betrieb mit der höchsten
Auditierung der 6 Kronen muss dann viele Anforderungen erfüllen, angefangen
bei einer hochwertigen Ausstattung bis hin zu verschiedenen Zusatzleistungen wie
Speisen, Wellness und Events.
Stephanie Klee/Vorstand BSD e. V.
Wir sind der Interessenverband der Prostitutionsbranche und vertreten sowohl BordellbetreiberInnen als auch SexarbeiterInnen

Quelle: Pressemitteilung vom 24. 08. 2017

 

Ich habe Respekt und Achtung vor jeder Person, die in der Prostitution tätig war oder immernoch ist. Auch vor denjenigen, die nicht für ein Sexkaufverbot einstehen.

Wovor ich keinen Respekt habe sind Menschen, die sich, wie Frau Stephanie Klee hier als Vorstand, bewusst (auch) als Sprachrohr für Prostituierte betiteln, während sie aber die realen unmenschlichen Zustände in der Prostitution, wie sie leider so viele erleben, grauenvoll verharmlosen, was man gleich in einem kurzen Youtube-Video, welches ich verlinkt habe, sehen kann. Und damit stellen sie eben kein Sprachrohr für die Mehrzahl an Prostituierten dar.

Unten im Video ist Frau Klee, die in der obigen Pressemitteilung wie gesagt als Vorstand des BSD agiert, zu sehen, und zwar in einem grünen Drachenkostüm an einem Straßenstrich. Sie „arbeitet“ dort allerdings nicht, sondern versucht in einer ziemlich kuriosen Art und Weise mit einer anderen Frau zusammen die Situation von Prostituierten, die auf dem Straßenstrich ihr Dasein fristen müssen, schön zu reden und zu verharmlosen. U.a. nennt sie den Straßenstrich einen „guten Arbeitsplatz“.

Das Video entstammt dem Format „Drache & Hase Entertainment“. Auf der Webseite steht: „Drache & Hase Entertainment ist ein neues Projekt und setzt mit seinen Kurz-Videos auf Information und Bildung“.

Man siehe sich jetzt bitte das etwa eineinhalb minütige Video an und sage mir dann, wo genau der Zusammenhang zu Information und Bildung besteht. Und dann verrate mir noch wer, wie man das als Interessenverband für Prostituierte ernst nehmen soll (ich erinnere hier nur mal an Miras Geschichte von „Romana“ einen Beitrag weiter unten, deren Schicksal ich in der Prostitution unzählige Male in der oder einer anderen Form sah).

 

 

 

Aha.

 

Vor einer Frau, die den Vorstand des „Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen e.V.“ verkörpert, und SO über den Straßenstrich spricht und DAMIT SICHER NICHT die ganzen Armuts – und Zwangsprostituierten vertritt, die jeden Tag schlimmsten Verhältnissen auf der Straße ausgesetzt sind, sich die Spritze setzen, etc… ist mein Maß an Verständnis auf dem Tiefpunkt angelangt. Vor allem wenn man solche Videoauftritte noch als „Bildung“ deklariert. Und nein, die unerträglichen Zustände der Prostituierten auf der Straße ändern sich auch nicht wenn das Wetter schön ist, Frau Klee.

In ihrem Video sagt Frau Klee: „Vielleicht haben sie schnell viele Kunden, die gutes Geld bezahlen und viel Freude machen…“ -> hierzu verweise ich auf folgendes kurzes Video zum Berliner Straßenstrich in der Kurfürstenstraße, das von Billigpreisen, Sex ohne Kondom für 30 Euro und Zwangsprostitution berichtet:

 

 

Ich finde es sehr bedenklich, wie vom Vorstand eines Vereins (mit Sitz in Berlin), der angeblich die Interessen von so vielen Prostituierten vertritt, versucht wird, Straßenprostitution als eine Art der sorglosen Arbeit zu verkaufen – befindet man sich doch ziemlich in der Nähe des Elends der Kurfürstenstraße.

Unter anderem dieser Youtube „Drache & Hase-Kurzfilm“ zeigt auf, dass die BSD-Gütesiegel-Erfindung nicht vor Seriosität strotzt – eben genauso wenig wie die Statements in Frau Klees Video. Der Versuch des Schönredens der Straßenprostitution auf eine humoristische Art und Weise ist kläglich gescheitert. Man muss niemand vom Fach sein um zu erkennen, dass das, was die beiden da von sich geben, mehr als merkwürdig anmutet und mit der Realität auch nicht im geringsten etwas zu tun hat (was man im zweiten Video gut sehen kann).

Mich wundert es doch sehr, dass solche Menschen nun zuständig für Bordell-Gütesiegel sind, die „kontrollierte Qualität, Transparenz, Service und Seriosität der Prostitutionsbranche“ „beurkunden“ sollen.

 

Freudenhaus Hase: „Vermehrt fragen Kunden, ob die Sexarbeiter*innen
selbständig und selbstbewusst arbeiten. Selbstverständlich! Das Gütesiegel
gibt jetzt die Bestätigung.“

Ein Bundesverband, der sich (auch) für Prostituierte einsetzt, freut sich hoffentlich über solche Nachrichten, wenn „Kunden“ vermehrt diese Dinge nachfragen, denn eine vermehrte Nachfrage nach „selbstständig und selbstbewusst“ zeugt davon, dass das Bewusstsein in unserer Bevölkerung dafür steigt, dass in der Prostitution eben zum großen Teil nicht alles in Ordnung ist.

Das Gütesiegel als Bestätigung dafür, dass „selbständig und selbstbewusst“ vorliegt, ist schon höhnisch. Als ob man eine Prostituierte für den Freier markieren würde, mit der Aufschrift: „Dich darf ich nehmen, das Gütesiegel hat gesagt, hier im Bordell ist alles ok, du „arbeitest“ „selbständig und selbstbewusst.“ Wenn der Freier dann Zwang wahrnimmt, kann er leicht sagen, er hat nichts gemerkt, er wusste von nichts, denn das Siegel bescheinigte ihm ja schließlich, dass hier alles in Ordnung sei.

Zu versuchen ein Gütesiegel u.a. darüber auszustellen, dass sich ein Mensch in der Prostitution nicht in einer Not – oder Zwangslange befindet, nicht von Kriminalität und Menschenhandel betroffen ist, ist prekär, denn niemand außer der Betroffene selbst und denjenigen, die es ihm antun, kann es wirklich zu 100 % wissen. Wäre es so leicht, einfach alle organisierten Strukturen aufzudecken und zu erkennen, hätten wir schon lange viel weniger Probleme in diesem Bereich… aber es ist eben nicht einfach und das wird es auch durch ein Gütesiegel nicht. Das Einzige, was man durch so ein „Qualitätssiegel“ für Bordelle in diesem Gewerbe erreichen kann, ist ein Fantasiegebilde zu erzeugen. Ein Fantasiegebilde davon, dass ein Gewerbe, was immer weiter entlarvt wird und in Verruf gerät (hier wieder: nicht die Prostituierten, sondern die Prostitution!), doch manchmal „sauber“ sein kann. Eine Vorstellung, die sich wohl viele ersehnen und sich deswegen sicherlich gerne an ihre Fantasie klammern. Vor allem dann, wenn man sie ihnen quasi direkt mit diesem Gütesiegel, dass alles ok ist, auf dem Silbertablett serviert. Allerdings wird die Fantasie dadurch nicht zur Realität, nicht zu dem, was mehrheitlich in diesem Land tagtäglich wirklich passiert.

 

„Damit wird auch der Öffentlichkeit, der Politik und den Behörden deutlich
signalisiert: dieser Betrieb erfüllt alle Voraussetzungen einer soliden geführten
Prostitutionsstätte.“

Der Begriff der „soliden geführten Prostitutionsstätte“ ist doch eher verfehlt. Im Rotlichtmilieu und in der Prostitution ist nichts solide. Es ist ein menschenobjektivierendes und – unwürdiges Geschäft. So etwas kann nicht „solide geführt“ werden, egal wie sehr man auch versucht etwas Gutes daraus zu machen.

 

 

Anmerkung/29.8.2017: Die Deutsche Welle hat vom Thema berichtet und zwei Sätze aus meinem Blogbeitrag hier übernommen:

http://www.dw.com/en/german-brothels-get-new-ethical-sex-seal-for-prostitution/a-40274841

http://www.dw.com/pt-br/bord%C3%A9is-alem%C3%A3es-lan%C3%A7am-selo-de-qualidade/a-40281760

 

Akademischer Zynismus

 

Ich habe gerade nach dem Aufwachen einen Text gelesen, der wirklich ins Schwarze trifft und ich möchte ihn hier teilen. Mira Sigel schreibt über eine Prostituierte, „Romana“, und über akademischen Zynismus. Was ich in der Prostitution gesehen habe waren unzählige Geschichten wie „Romanas“. Schon oft war ich entsetzt über die Anmaßung, wie manche Menschen allein durch irgendwelche Titel in der Tasche sich erlauben über Prostituierte (und was das Beste für sie sei – auch auf gesetzlicher Ebene) zu sprechen und dabei oftmals nicht einmal erahnen können, wie die Lebensrealität der meisten da draußen aussieht. Ja ok, wie sollen sie es auch wissen können? Wie Mira am Ende schreibt hat aber jeder (bevor er sich ein Urteil bildet) die Möglichkeit es zu erfahren und diese Möglichkeit sollten mehr Menschen nutzen, wenn es auch weder einfach noch schön ist damit konfrontiert zu werden:

„Ich lade alle diese akademisch geschulten Menschen, die mit ihren Stipendien, ihren Uni-Abschlüssen, ihren Krankenversicherungen glauben, sich ein Urteil über Prostitution erlauben zu können, geht hinaus, sucht sie, die Frauen wie Romana, lasst euch ihre Geschichten erzählen, von Gewalt, von Ausweglosigkeit, von Hoffnungslosigkeit…“

Über genaue Zahlen kann man sich streiten, aber darüber, dass „Romanas“ Schicksal eine Ausnahme sei, nicht, denn ich habe hunderte von Male gleiche oder ähnliche Geschichten von Frauen in der Prostitution erlebt.

Hier der komplette Text:

 

Wider den akademichen Zynismus der Prostitutiosdebatte – Romanas Geschichte, eine von 400.000 Prostituierten in Deutschland

 

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Geschichte aufschreibe. Sie ist nicht meine Geschichte, sie ist die Geschichte einer fremden Frau, die kaum Deutsch spricht, die diesen Blog nicht liest und die auch sonst nicht viel liest. Was mich dazu bewegt, es doch zu tun, ist der menschenverachtende Zynismus, der sich auf gleich mehreren Blogprojekten zum Thema Prostitution zur Zeit breit macht. Da wird in akademischer Borniertheit über den Streitwert von Prostitution und sexueller Dienstleistung philosophiert, da ergeht sich ein studierter Experte nach dem anderen in dem für und wider einer freiwilligen Prostitution, während da draußen 400.000 Frauen sind, von deren Lebenswelt die gelehrten Damen und Herren nicht den Hauch einer Ahnung haben. Deshalb werde ich Romanas Geschichte erzählen, exemplarisch für all die anderen Frauen, mit denen ich in der Zwischenzeit gesprochen habe, weil mich wirklich interessiert, was es bedeutet, im Jahr 2014 in Deutschland eine Prostituierte zu sein und nicht ob Prostitution nun gesellschaftlich akzeptabel ist, trotz des bisschen Ausbeutung und patriarchaler Vorrechte, wie es gerade auf diesen angeblich kritischen Blogs der Rosa-Luxemburg- und Heinrich-Böll-Stiftung geschieht.

Wir sind uns zufällig begegnet, denn normalerweise kreuzen sich die Wege von Frauen wie mir und Frauen wie ihr nicht. Aber manchmal will es das Schicksal anders. Ich werde sie Romana nennen, ihr wirklicher Name ist ein anderer. Das Bahnhofsviertel in Frankfurt ist winzig, und doch ist es eines der verruchtesten Orte Deutschlands. Junkies, Laufhäuser, Kneipen, die die ganze Nacht offen haben. Hier kannst du alles erleben, wenn du willst. Ich wollte gar nichts erleben, ich war auf dem Weg nach Hause, als ich Romana begegnete. Sie kaufte einen Döner in dem gleichen Laden wie ich, und während wir auf unser Essen warteten, fragte ich sie, ob sie ein Feuerzeug hatte, um uns herum drehten die Freier ihren Corso. Im Bahnhofsviertel ist offene Straßenprostitution verboten, nur in den Laufhäusern ist sie erlaubt. Romana war die erste Frau von vielen, mit denen ich sprach, denn es gehört Überwindung dazu, wie fragt man jemanden danach, doch irgendwann wurde es einfacher, irgendwann verstand ich, was ich sagen musste, und dennoch ist es nochmal etwas anderes, diese Geschichten aufzuschreiben, denn sie gehören nicht mir und sie aufzuschreiben, bedeutet zugleich auch sie zu instrumentalisieren. Deshalb bin ich bisher davor zurückgeschreckt. Der Verlauf, den die aktuelle Debatte nimmt, hat mir diese Scheu genommen, und deshalb will ich Romanas Geschichte erzählen, denn Romana ist kein Opfer, Romana ist eine Überlebende, eine stolze und humorvolle Frau und ich weiß, es würde sie freuen, wenn ich ihre Geschichte erzähle. Romanas Geschichte ist mir so gut in Erinnerung geblieben, weil sie die Erste war, mit der ich sprach und weil mir die Eindrücke ihrer Lebenswelt bis heute intensiv im Gedächtnis sind.

Laufhäuser sind keine Bordelle, es sind kalte Orte mit gekachelten Wänden, in denen Männer „Treppen steigen“. Die Frauen sitzen vor ihren Zimmern, der Mann sucht sich aus, welche von ihnen er mitnehmen will. Frauen, die sich nicht verkaufen, ist der Zutritt verboten. Es mag herablassend klingen, doch so war es nicht, ich habe Romana einfach angesehen, was sie macht, es war etwas in ihrem Gesicht, ihrer Haltung, ihrer Kleidung, das es mir verraten hat. Ich habe meinen ganzen Mut zusammen genommen und sie einfach gefragt. Ich rechnete mit allem, auch damit, dass sie mir einfach eine schmiert. Doch Romana lachte nur, als ich sagte, ich schreibe, ich schreibe über Menschen und ich würde gerne über sie schreiben. „Über mich, was willst du schreiben?“, fragte sie in gebrochenem Deutsch und ihre Hände flogen durch die Luft. „Ich will den Menschen erzählen, wie es ist, du zu sein,“, antwortete ich. „Sie denken nämlich Prostitution sei etwas, das Frauen gerne tun.“ Romana lacht so laut, dass die Leute zu uns herüber sehen. „Deutsche Menschen sind dumm. Wer fickt schon gerne ganze Tag? Du fickst für Geld, sonst nix. Warum fickst du?“, fragt sie mich und ich bin einen Moment lang sprachlos. „Ich schlafe mit meinem Freund“, bringe ich etwas stotternd heraus. „Ich ficke für Geld. Nur für Geld.“, sagt sie und schweigt. Wir rauchen unsere Zigaretten und essen unseren Döner. Ich erzähle ihr von mir und sie lacht, Romana lacht viel. Es ist ihr egal, dass die Leute sie anstarren. Als einer einen unverständlichen Spruch murmelt, faucht sie ihn an: „Verpiss dich.“ Ich glaube ihr, dass sie sich wehren kann. Sie hat gelernt, zu überleben.
„Kannst du mir dein Zimmer zeigen? Ich würde gerne sehen, wo du wohnst?“ Romana schüttelt den Kopf. „Du weißt, andere Frauen verboten. Aber ich mache das. Sage du bist Streetwork oder andere Beratungsscheiß“  Romana nimmt mich mit, wir laufen ein Stück durch die Straßen, bis wir vor einem der Laufhäuser stehen, „eine Freundin“ ruft sie dem Verwalter zu. Es interessiert ihn nicht weiter.
Die Frauen sitzen gelangweilt auf Barhockern vor ihren Zimmern, sie unterhalten sich in einem Sprachgewirr, lackieren sich die Nägel, es ist noch zu früh am Tag für den Freierandrang, obwohl draußen, im Viertel, bereits die roten Lichter angehen die das Viertel innerhalb von Minuten in das verwandeln, was man sich unter einem Bahnhofsviertel eben vorstellt. Sie hat ein Zimmer in einem dieser Laufhäuser, es kostet sie 140 Euro am Tag. Die Scheiben sind mit dunkler Folie zugeklebt, es riecht stickig, nach abgestandener Luft, nach altem Sex.
Für einen Moment überwältigt mich der Eindruck, die Klinexpackung, Kondome sehe ich keine, die heruntergekommene Einrichtung, der mit ein paar roten Gardinen und Kissen eine Art von „Sündhaftigkeit“ verliehen werden. „Schläfst du hier?“, frage ich sie. Sie nickt.

Romana ist 28. Sie prostituiert sich, seit sie 18 ist. Sie kam mit ihrem Freund aus Rumänien, kurz nach der Legalisierung der Prostitution in Deutschland. Ich stelle mir das vor, wie sie sich in dieses Bett legt, das noch voller Spermaflecken der Freier ist, mit denen sie es den Tag über getan hat, und schläft. „Ich habe kein anderes zu Hause“, erklärt sie mir in gebrochenem Deutsch. „Wie ist es da, wo du herkommst?“, frage ich sie. „Es ist ein kleines Dorf“, sagt sie, ich muss mir Mühe geben, sie zu verstehen, auch nach zehn Jahren hat sie die Sprache kaum gelernt, wir verständigen uns mit Händen und Gesten. Sie lacht über ein Gesicht, als ich sie nicht verstehe. Romana sieht nicht aus wie 28. Ihr Gesicht ist gezeichnet. Ich kann nicht genau erklären, von was, doch niemand, der sie ansehen würde, könnte verkennen, was sie ist. Eine Prostituierte. „Vermisst du es?“, frage ich. Romana steckt sich eine Zigarette an. „Zu Hause nix gut“, sagt sie. „Mein Vater getrunken, meine Mutter nicht da, kein Geld, nur Armut.“ Ich nicke, als würde ich es verstehen, aber ich bin mir nicht sicher. Ich frage sie, ob sie zur Schule gegangen ist, aber soweit ich sie verstehe, hat sie nur ein paar Jahre eine Art Haupt- oder Grundschule besucht. Eine Ausbildung hat sie nicht.

„Mein Freund sagt, gehen wir nach Deutschland, verdienst du Geld.“ Sie lacht. Es ist ein hartes Lachen. „Erst ich war in Wohnwagen. Dann wir sind gegangen nach Frankfurt. Geld besser.“ „Wie viel Geld bekommst du?“ – Das Lachen verschwindet. „20 Euro mit Kondom.“ Etwas verschiebt sich in ihrem Gesicht. Ich ahne es. „Und ohne?“ „25 oder 30. Meiste Männer wollen ohne. Mehr Geld.“ „Was ist, wenn du krank bist?“, frage ich sie wild gestikulierend. Es dauert eine Weile, bis sie mich versteht. „Dann ist es sehr schlimm. Verwalter wird böse. Ich kann Zimmermiete nicht bezahlen, nix Geld. Ich kann nicht krank sein. Ich arbeite weiter.“ Ich denke darüber nach. „Was ist wenn du deine Tage hast? Was machen die Männer dann?“ Sie öffnet eine Schublade. Darin befinden sich kleine zurechtgeschnittene Schwämmchen. „Männer merken nichts“, sagt sie und lacht wieder. „Wo ist dein Freund jetzt?“, frage ich sie. Sie zuckt wieder mit den Achseln. „Andere Frau, besser als ich. Weg. Männer“ – sie lacht wieder, diesmal sehe ich ihre kaputten Zähne, einige fehlen sogar, „alles scheiße. Nur Schläge, verstehst du?“, sagt sie. Sie zieht ihr Shirt herunter, auf ihrer Schulter sieht man die Male von ausgedrückten Zigaretten. „War das dein Freund?“, frage ich sie. Sie nickt. Das Lachen ist verschwunden.
Einen Moment schweigen wir. Die Atmosphäre in diesem Zimmer erdrückt mich, ich wünschte, ich könnte ein Fenster aufreißen, diese ganze, schwüle Luft herauslassen, frische Luft, Freiheit hereinlassen. Ich sehe Romana an, sie wird verlegen unter meinem Blick und ich sehe weg. „Wie ist es mit den Männern?“, frage ich sie. Sie ahnt meine Frage mehr, als dass sie sie versteht. Ihr Blick wird hart, ich kann sehen, wie sich ihr ganzer Körper anspannt. „Du gewöhnst dich. Irgendwann ist nur noch Mann wie jeder andere. Du machst einfach. Dir egal.“ Mein Blick wandert umher, ich suche nach dem Notknopf, von dem immer die Rede ist und entdecke ihn nicht. „Tun sie dir manchmal weh?“, frage ich sie. Sie wendet den Kopf ab.
„Manche Männer kaputt im Kopf“, sagt sie. „Manche filmen, manche wollen, dass du pisst, manche wollen dich anpissen. Wollen dich schlagen, an deine Hals. Alle kaputt.“ Sie schüttelt den Kopf und macht sich wieder eine Zigarette an. Wieder schweigen wir eine Weile. „Letzt wollte eine in mein Mund Kacka machen. Für 20 Euro.“ Ich zucke zusammen. „Ich habe gesagt mache ich nicht.“ Sie lacht.
Mittlerweile habe ich verstanden, dass dieses Lachen ihre Art ist, Distanz zu dem bewahren, was da mit ihr geschieht, was sie da macht. „Würdest du gerne etwas anderes machen?“, frage ich. Für einen kurzen Moment kommt ein Glänzen in ihre Augen. „Kinder“, sagt sie. „Familie.“ Dann kommt zum ersten Mal so etwas wie echte Traurigkeit in ihr Gesicht. „Aber was soll ich machen?“ Sie wirft die Hände in die Luft. „Ich nix gelernt, alles was ich kann, ist das, ficken.“ Das Wort klingt nicht hart aus ihrem Mund.
In meiner Brust schnürt sich etwas zusammen, denn ich denke an mein schönes zu Hause, an all die schönen, inspirierenden Dinge, die ich Tag für Tag lesen, machen, denken kann, an meine Familie, an meine Krankenversicherung, an meine Urlaube und meine Freunde, während Romana hier in diesem Zimmer sitzt und wartet und es mit mindestens sieben Männern machen muss, um überhaupt die Zimmermiete zu zahlen.
„Würdest du gerne zurück, nach Rumänien?“ Sie schüttelt energisch den Kopf. „Nein. Nur Armut da. Da ist nix.“ „Würdest du gerne aufhören, hier zu arbeiten?“ Sie sieht mich an, zum ersten Mal, seit wir sprechen, hält sie den Blickkontakt. „Ja“, sagt sie „Natürlich, wer will schon ficken, den ganzen Tag?“.
„Was würdest du gerne tun?“ Sie sieht zu dem Fenster mit der abgeklebten Folie, hinter der die roten Lichter tanzen. „Ich nicht weiß. Ich mag Blumen. Hier sind keine Blumen. Ich würde gerne mit Blumen.“ Ich denke einen Moment nach. „Was machst du, wenn du nicht arbeitest? Wo gehst du hin?“ SIe sieht mich an und lacht, und diesmal lacht sie mich aus. „Ich arbeite immer. Wie soll ich sonst leben?“ Ich frage sie, ob es für sie in Ordnung ist, wenn ich diese Geschichte aufschreibe, wenn ich über sie schreibe, unter anderem Namen. „Ja, dann werde ich berühmt“, sagt sie und lacht, bevor ich gehe.

Die Luft draußen, die urinverpestete, widerliche Luft des Bahnhofsviertels riecht auf einmal wie das Beste, was ich je geatmet habe. Ich steige jetzt in meine Bahn, die mich weit weg von Frankfurt, von diesem Laufhaus, von Romana und all den anderen Frauen, die das Gleiche tun, wie sie, bringen wird, in mein schönes zu Hause, während Romana die ersten Freier empfängt. Morgen werde ich zur Arbeit gehen, die mich und meine Familie krankenversichert, ich werde ein Wochenende haben, ich werde entscheiden, was ich arbeite, ich kann mich krankmelden und ich werde immer darüber bestimmen können, wer in mich eindringt und wer mit mir was macht und aller Wahrscheinlichkeit nach wird mich auch nie ein Mann fragen, ob er mir für 20 Euro in den Mund kacken kann. Es wird keine Videos von Geschlechtsverkehr mit mir geben, den ich nicht wollte, in den ich aber eingewilligt habe, um meine Zimmermiete und meinen Döner zu bezahlen. Wahrscheinlich werden Romana und ich uns nicht wiederbegegnen, auch wenn wir unsere Nummern ausgetauscht haben, denn ihre und meine Lebenswelt liegen so weit voneinander entfernt, dass wir zwar in der gleichen Stadt arbeiten, aber zugleich auch auf zwei verschiedenen Planeten leben könnten.

Ich habe Romanas Geschichte erzählt, weil ich im Laufe meiner Beschäftigung mit Prostitution mit vielen anderen Prostituierten gesprochen habe, mit aktiven und ehemaligen. Nicht alle wollten, dass ich ihre Geschichte aufschreibe und die wenigsten haben so viel gelacht wie Romana. Aber Romanas Geschichte ist deshalb so wichtig, weil die Diskussion um Prostitution sich zunehmend in einen akademischen Diskurs auf irgendwelchen Blogs der Rosalux-Stiftung und der Böll-Stiftung verschiebt, auf denen philosophische und feministische und theoretische Aspekte der Prostitution verhandelt werden, die die Lebenswelt der Prostituierten vollkommen außer Acht lassen. Bei jedem Anti-Prostitutionsartikel folgt ein Verweis auf den Berufsverband für erotische Dienstleistungen. Die Frauen, die diesen Berufsverband gegründet haben und in ihm vertreten sind, sind einige hundert. Die meisten von ihnen gehen selbst nicht mehr anschaffen, sondern arbeiten als Dominas oder vermieten Wohnungen an andere Prostituierte. Sie sind nicht wie Romana. Da draußen sind aber etwa 400.000 Frauen wie Romana. Zwei Drittel aller Prostituierten kommen aus dem Ausland, aus den Ostblockstaaten. Romana und all die Frauen wie Romana kennen diesen Berufsverband nicht. Er tut auch nichts für ihre Interessen. Frauen wie Romana wollen raus aus der Prostitution, aus den stickigen, schwülen Zimmern, aus dem Zwang, es mit zehn Männern am Tag machen zu müssen, um zu überleben, nur überleben, das heißt wohnen und essen. Sie sind keine Dominas, sie vermieten keine Zimmer an andere Prostituierte und machen den großen Reibach. Sie verlieren ihr Leben, ihr Lachen an diesen Beruf. 89 Prozent von ihnen wollen aussteigen, wenn sie eine Alternative hätten. Sie haben aber keine, weil sie auf dem normalen Arbeitsmarkt keine Chance haben und weil es zynischerweise immer noch besser ist, sich in Deutschland zu prostituierten, als in Rumänien zu verhungern.
Dieser Zynismus wird auf linken Debattenblogs wie der Rosa-Luxemburg-Stiftung als „Freiheit“ und unter „Freiwilligkeit“ verhandelt. Ich lade alle diese akademisch geschulten Menschen, die mit ihren Stipendien, ihren Uni-Abschlüssen, ihren Krankenversicherungen glauben, sich ein Urteil über Prostitution erlauben zu können, geht hinaus, sucht sie, die Frauen wie Romana, lasst euch ihre Geschichten erzählen, von Gewalt, von Ausweglosigkeit, von Hoffnungslosigkeit, davon, wie sehr sie ihre Kinder zu Hause vermissen und wie sehr sie die Freier anwidern, die sie am Tag bedienen, weil zu Hause ein Mann auf sie wartet, den sie lieben und dann bringt es nochmal fertig solche Blogbeiträge über Streitwerte und „sexuelle Dienstleistung“ als Care-Arbeit zu schreiben, ohne euch selbst ins Gesicht kotzen zu müssen über eure bornierte Unmenschlichkeit. Romana wurde, soweit ich sie verstanden habe, noch nicht in ihrem Job vergewaltigt. Andere, denen ich begegnet bin, ist das passiert. Einige von ihnen wurden auch schon als Kinder und Jugendlich missbraucht. Romana ist auch keine Straßenprostitutierte. Es geht also auch noch eine ganze Ecke schlimmer. Mir bleibt für all jene, die sich da in ihren theoretischen Ergründungen ergehen, nicht mehr als kalte Verachtung für euren akademischen Zynismus.

 

 

Quelle: Wider den akademischen Zynismus der Prostitutionsdebatte – Romanas Geschichte, eine von 400.000 Prostitutierten in Deutschland

Gespräch mit Lisa Harmann

 

Lisa Harmann hat mir ein paar Fragen gestellt:

 

Sandra Norak* schaffte zum ersten Mal an, da war sie 18. Es sollte sechs Jahre lang dauern, bis sie sich selbst aus dem Sumpf der Prostitution befreien konnte. Heute macht sie sich für das „Nordische Modell“ stark, in dem unter anderem Freier für ihren Besuch bei Prostituierten bestraft werden – und hat dafür ihre Gründe.

Frau Norak, Sie sind Jura-Studentin, 27 Jahre alt, aber Sie sind nicht wie die anderen in Ihrem Jahrgang, denn von 2008 bis 2014 waren Sie in der Prostitution. Wie kam es dazu?

Sandra Norak: Als Schülerin lernte ich im Internet einen „Loverboy“ kennen. Während ich zuhause große Probleme hatte, vermittelte er mir Halt und Liebe und ebnete mir den Weg in die Prostitution.

Wusste Ihre Familie davon?

Norak: Ein paar Leute fanden heraus, dass ich mich prostituierte, aber sie wussten nicht über die wirklichen Umstände Bescheid.

Selbst schuld, sagen einige, wenn man sich auf einen „Loverboy“ einlässt. Was entgegnen Sie ihnen?

Norak: „Loverboys“ sind Männer, die gezielt nach jungen Mädchen oder Frauen Ausschau halten und ihnen Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie binden sie emotional an sich und erst wenn diese Bindung besteht, kommt die Prostitution ins Spiel, wobei es verschiedene Vorgehensweisen von „Loverboys“ gibt.

Meiner war um die 20 Jahre älter als ich und ein Ex-Fremdenlegionär. Er verherrlichte das Buch „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Dieses Buch ist ein Kriegsstrategie-Klassiker. Die Autorin und Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, welches das Thema „seelische Gewalt“ behandelt, einige Male auf Sun Tsus Buch indem sie seine Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen überträgt und nennt Menschen, die beispielsweise wie mein „Loverboy“ agieren, „die Perversen“. Ihr Buch fand ich erst vor einiger Zeit. „Loverboys“ planen alles von Anfang an. Vor allem junge Menschen sind leicht manipulierbar und sehr gefährdet.

Haben Sie das Gefühl, dass jede Frau auf so einen Menschen reinfallen könnte?

Norak: Nein, es gibt „Push“ – und „Pull-Faktoren“ im Bereich des Menschenhandels, vor allem bei der Migration osteuropäischer Frauen, die in der Prostitution landen. Während Push-Faktoren Menschen in Richtung Prostitution drücken können, wie zum Beispiel Perspektivlosigkeit und Armut, (sexuelle) Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit, etc., können Pull-Faktoren weiter hineinziehen, wie die „Loverboys“ mit ihren falschen Versprechen oder bei Osteuropäerinnen oftmals das Versprechen eines guten Jobs und eines besseren Lebens in Deutschland. Die „Loverboy-Methode“ ist ein komplexer, durchgeplanter und perfider Isolationsprozess. Im Rotlichtmilieu gibt es regelrechte „Schulen“, um diese Taktik beherrschen zu lernen.

Wie sah denn Ihr Tagesablauf damals aus? Gab es da Routinen?

Norak: Mich prostituieren, essen, schlafen. Ich bekam vom Leben draußen gar nichts mehr mit und verwahrloste immer mehr.

Welche Menschen kamen in diesen sechs Jahren zu Ihnen?

Norak: Alle Möglichen. Freier aus jeder Schicht, jedem Beruf, Behinderte, alte und junge Leute, Ledige, Verheiratete, Singles – wobei die meisten liiert oder verheiratet waren. Erschreckend fand ich die hohe Anzahl an Familienvätern. Ich musste feststellen, dass wir leider in einer sehr verlogenen Gesellschaft leben.

Was war das Schlimmste?

Norak: Die Prostitution an sich ist schlimm. Es gibt keine guten Freier und Escort ist genauso Prostitution und seelenraubend wie jede andere Form der Prostitution. Ich hatte viel mit Prostituierten zu tun und egal welche Form sie gerade ausübten oder welchen Freier sie gerade hatten, sie waren danach immer am Ende.

Wie haben Sie das ausgehalten?

Norak: Erst dissoziiert und dann mit viel Alkohol. Seit Beginn des Jura-Studiums beschäftige ich mich auch sehr viel mit der Psychotraumatologie im Hinblick auf die Prostitution und es ist essenziell, dass Menschen darüber Bescheid wissen, wenn sie über Prostitution sprechen. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, eine Abspaltung des Empfindens. Wenn, wie hier, sexuelle Handlungen der Freier unerträglich werden und man physisch nicht weg kann, lässt die Dissoziation einen abschalten. Bewusstsein und Wahrnehmung werden getrübt, man befindet sich in einer Art Trance-Zustand und ist depersonalisiert.

Welche Folgen hatte das?

Norak: Auch wenn Sie dissoziieren, erleben Sie die Situationen natürlich trotzdem. Wenn Sie nun nach den Zimmergängen mit bestimmten Schlüsselreizen wie zum Beispiel dem Parfum des Freiers in Berührung kommen, kann das Flashbacks auslösen. Sie erleben dann vergangene Situationen oder Gefühlszustände wieder und zwar in extremer Stärke. Ich hatte viel mit Panikattacken zu kämpfen. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war. Im Bordell und leider auch in den meisten Beratungsstellen sitzen keine spezialisierten Fachkräfte aus diesem Bereich.

Hatten Sie Hilfe in dieser Zeit?

Norak: Nein, aber ich habe mich auch verschlossen. Das ist ein großes Problem: Die wenigsten Prostituierten trauen sich überhaupt Hilfe zu suchen, weil sie wissen, dass sie so tief unten sind, dass richtige und ernsthafte Hilfe raus aus diesem elendigen Leben leider in unserem Land so gut wie nicht existiert.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?

Norak: Nach ein paar Jahren in der Prostitution habe ich angefangen im Bordell mein abgebrochenes Abitur per Fernstudium nachzuholen, machte unbezahlte Praktika um meinen Lebenslauf zu füllen, bekam einen Minijob und letztlich dann einen Vollzeitjob, der mir den kompletten Ausstieg ermöglichte.

Wie ging es Ihnen danach?

Norak: Nicht gut. Ich hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen und wusste sehr lange Zeit nicht, was da überhaupt mit mir los war.

Sie sagen, im Grunde prostituiert sich niemand freiwillig, wie meinen Sie das genau?

Norak: Ich habe keine Frau gesehen, die in der Prostitution sein wollte. Nun wird oft angebracht, es gäbe ja auch Menschen, die nicht gerne putzen wollen und trotzdem putzen gehen. Das kann man nur ganz und gar nicht vergleichen. Wenn erfahrene Traumatherapeutinnen und Traumatherapeuten über die Folgen von Prostitution sprechen, dann berichten sie von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, die sich nur nach schweren Traumatisierungen entwickeln können. Beim Putzen bekommt man die sicher nicht. In der Literatur über Trauma und Prostitution findet man auch Studien darüber, dass die überwiegende Anzahl an Frauen, die sich freiwillig prostituieren, bereits in ihrer Kindheit diverse Formen von Gewalt erlebten und die Gewalt, wie sie sie dann auch weiter in der Prostitution erfahren, einzig durch die bereits entwickelten Schutzmechanismen aushalten können und dabei aber weiter traumatisiert werden. Hier von Freiwilligkeit zu sprechen ist zynisch. Es geht auch nicht darum, Prostituierte zu pathologisieren, sondern darum zu verstehen, dass Prostitution ein in sich geschlossenes Gewaltsystem ist.

Sie schreiben das Blog „Die Wahrheit über das Leben in der Prostitution“ und gehen mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Warum?

Norak: Ich mag nicht mehr einfach zusehen wie Menschen in der Prostitution jeden Tag systematisch zerstört werden und will das Leid, was ich gesehen habe, nicht mit verantworten. Nichts tun, obwohl man etwas tun kann, bedeutet mit verantworten. Wir haben in unserer Gesellschaft schon viel zu viel Gleichgültigkeitsempfinden in Bezug auf so viele Dinge.

Heute kämpfen Sie für die Abschaffung der Prostitution. Wie engagieren Sie sich?

Norak: Ich schreibe, um zu versuchen, das Thema verständlicher zu machen und bin Mitglied bei „Sisters e.V.“. Ich unterstütze die Kampagne „Rotlichtaus“, denn wir brauchen in Deutschland und noch in vielen anderen Ländern das „Nordische Modell“. Auch das Europäische Parlament hat sich 2014 dafür ausgesprochen. Erfahrungen zufolge ist es zudem das effektivste Mittel gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Bereits viele Menschen und Organisationen, auch auf internationaler Ebene, stellen sich schon seit einigen Jahren unermüdlich dem Kampf gegen Prostitution und Menschenhandel. Einfach ist dieser Weg nicht, aber es ist ein Weg, den es lohnt zu gehen. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen anfangen ihn zu beschreiten.

*Sandra Norak ist der Name, mit dem sich die Interviewte der Öffentlichkeit stellt. Es ist nicht ihr richtiger Name.

Quelle:

Über Freier, Zynismus und das Umdenken

 

Wie ich gesehen habe, wurde nach dem Spiegel Artikel in einem Freier Forum über mich bzw. das Thema diskutiert:

https://www.freiermagazin.com/freier-forum/threads/die-wahrheit-%C3%BCber-das-leben-in-der-prostitution.48226/

Zum Beispiel wurde hier geschrieben:

„Ich finde das alles ganz prima was die da so schreiben, es bleibt allein die Frage wie man das Geschlechtsleben der Männer in den Griff kriegen will. Vielleicht mit Brom, Hormonen oder einem Eingriff?“

Herr XY,

ich hoffe, Ihnen ist klar, dass Sie sich selbst mit diesem Satz auf ihr Geschlechtsteil reduzieren und sich kleiner und verstandloser machen als Sie wahrscheinlich sind. Wir sind alle durch die Evolution gegangen – der „Trieb“ mag da sein, aber mit der Vorgabe ihn nicht unter Kontrolle haben zu können, ihm hilflos ausgeliefert zu sein, stellen Sie sich dar als hätten Sie keine Wahl, als wären sie unfähig ihren Verstand einzuschalten und ihr Handeln zu kontrollieren. Sie machen sich mit Ihrer Aussage selbst zu einer armseligen Kreatur, die nicht selbstständig entscheiden kann. Sie zeichnen hier ein sehr trauriges Männerbild und es tut mir leid für diejenigen Männer, die nicht so sind, die Sie aber automatisch in Ihre Aussage durch den Begriff „der Männer“ miteinbeziehen.

Weiter:

„Ansonsten ist das die Wahrheit über deren Prostitution und nicht über die Prostitution. Ich kenne tatsächlich berufsbedingt hunderte von Frauen, die alle ihre Probleme haben, aber ganz anders leben als die Wahrheitsbestimmerin hier. Wenn Du denen, jeder einzelnen(!), einen Job anbieten würdest, der ihren Fähigkeiten entspricht, würde keine diesen annehmen.“

Ich nehme an, Sie meinen hier, dass Sie hunderte von Prostituierten kennen? Wenn dem so ist, frage ich mich wie Sie hunderte von Prostituierte BERUFSBEDINGT kennen können, die dann auch angeblich noch alle Prostituierte sein wollen, selbst wenn man ihnen einen anderen Job anbieten würde. Sind Sie vielleicht ein Bordellbetreiber/Zuhälter oder woher kennen Sie BERUFSBEDINGT hunderte von angeblich zufriedenen Prostituierten? Stellen Sie mir diese „hunderte von Prostituierten“ doch gerne mal vor, ich möchte Sie allesamt kennenlernen.

Ich bin keine „Wahrheitsbestimmerin“, sondern ich gebe lediglich das Elend wieder, was ich in 6 Jahren in diversen Bordellen gesehen habe. Und diese Zustände sind nun mal die Wahrheit, wenn sie auch manchen nicht gefällt oder nicht ins Bild passt, weil sie es lieber verdrängen/nicht wahrhaben wollen/nicht sehen können, etc…

Weiter:

„Man müsste der Dame in ihrem Blog mal die richtigen Fragen stellen: z.B:
Recht hast Du, brave Streiterin. Aber wie soll das gehen, wenn es armen Frauen nicht mehr erlaubt ist so Geld zu verdienen? Von was sollen diese dann leben? Wer bezahl deren Unterhalt? Wer versorgt die Familien daheim in Rumänien, Bulgarien usw?…

Was machen die Mädchen, die arbeiten wollen? Von was leben, die die nichts anderes können?“

Erstens verbietet das „schwedische/nordische Modell“ den Frauen nicht sich zu prostituieren. Und zweitens ist es zynisch, Menschen der Prostitution auszusetzen mit dem Argument, sie können sowieso nichts anderes. Oder zu sagen, dass Prostitution ok ist, weil es keine anderen legalen Alternativen für diese Menschen gibt. Was sind das für Argumente? Das sind für mich keine Argumente, sondern ein Zynismus, der nicht mehr zu übertreffen ist.

Eine Studie von Dr. Melissa Farley (mit 854 Menschen aus 9 Ländern, die zu diesem Zeitpunkt entweder noch in der Prostitution waren oder sie kurz davor verlassen hatten) besagt folgendes:

We found that prostitution was multitraumatic: 71 % were physically assaulted in prostitution; 63 % were raped; 89 % of these respondents wanted to escape prostitution, but did not have other options for survival. A total of 75 % had been homeless at some point in their lives; 68% met criteria for PTSD (Post Traumatic Stress Disorder)

Quelle: Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Post Traumatic Stress Disorder

Als Staat, der es sich zur Aufgabe macht sich für Menschenrechte einzusetzen, ist es seine Aufgabe Hilfe und Alternativen zu schaffen um Menschen aus diesem Sumpf zu befreien. 89 % wollen sich der Studie nach gar nicht prostituieren. Sie haben tagtäglich Geschlechtsverkehr gegen ihren eigentlichen Willen. Warum schafft man zum Beispiel für ausländische Prostituierte keine Deutschkurse, Aus – und Weiterbildungen, INTEGRATION, wie wir sie zum Beispiel für Flüchtlinge haben, aber nicht bzw. nicht ausreichend für Menschen, die in der Prostitution im eigenen Land bereits seit Jahren elendigen Zuständen ausgesetzt sind? Dass das viel Geld kostet ist mir klar, aber wenn man als menschenrechtsliebendes Land kein Geld dafür ausgeben will, dass unzählige Menschenwürdeverletzungen aufhören und stattdessen die sexuelle Integrität, der persönlichste Bereich der Intimsphäre, geschützt wird, wofür dann?

Dieser Auszug von Dr. Farley sollte zum Nachdenken anregen:

Some pimps, some sex buyers and some governments have made the decision that it is reasonable to expect certain women to tolerate sexual exploitation and sexual assault in order to survive. Those women most often are poor and most often are ethnically or racially marginalised. The men who buy them or rape them have greater social power and more resources than the women. For example, a Canadian prostitution tourist commented a bout women in Thai prostitution, “These girls gotta eat, don’t they? I’m putting bread on their plate. I’m making a contribution. They’d starve to death unless they whored.” [2] This self-congratulatory Darwinism avoids the question: do women have the right to live without the sexual harassment or sexual exploitation of prostitution – or is that right reserved only for those who have sex, race or class privilege? “You get what you pay for without the ‘no,’” a sex buyer explained.[3] Non – prostituting women have the right to say “no.” We have legal protection from sexual harassment and sexual exploitation. But tolerating sexual abuse is the job description for prostitution.

Quelle: Very inconvenient truths: sex buyers, sexual coercion, and prostitution-harm-denial

Ich habe in den letzten zwei Wochen auch erstaunlich viele positive Freier-Feedbacks erhalten.

Das hier schrieb heute ein ehemaliger Freier namens Marc unter meinem „Update“-Beitrag:

 

Hallo,
zunächst möchte ich sagen, dass ich heute das Nordische Modell vollkommen unterstütze und sofort dafür unterschreiben würde.

Ich lese diesen Blog mit hohem Interesse. Ich bin oder besser war ein Freier, der für viele Jahre zu Prostituierten gegangen ist. Seit 2 Jahren bin ich nicht mehr gegangen und hoffe, dass ich es nie wieder tun werde.

Ich möchte mich bedanken für die Artikel hier und die Wiedergabe, was wirklich in den Frauen vorgeht. In einigen Artikeln und Kommentaren habe ich dieselben Argumente gefunden, die ich auch Jahrelang verwendet habe, um mein eigenes Verhalten zu rechtfertigen. Heute weiß ich wie selbstbelügend diese Argumente sind. Ich bin nun überzeugt, dass keine Frau wirklich freiwillig ihren Körper – und wie hier sehr gut dargelegt, die Seele – für Geld verkauft. Sei dies nun als Prostituierte oder Pornodarstellerin. Es gibt sicher kein 12 jähriges Mädchen, dass dies als Berufswunsch angibt. So glaube ich auch, dass selbst bei denjenigen, die Behaupten sie tuen dies völlig freiwillig, irgendein Problem dahinter liegt. Im Prinzip genauso, wie bei Frauen, die bei häuslicher Gewalt immer noch bei ihrem Partner bleiben und sich einreden es wäre ja nicht so schlimm.

Für mehr als 20 Jahre habe ich bei Prostituierten etwas gesucht, was es einfach für Geld nicht zu kaufen gibt. Und ich bin heute überzeugt, dass dies bei allen Freiern so ist in der einen oder anderen Form. Leider ist es so, dass unsere Gesellschaft und unsere Vater oder andere Vorbilder uns vorgaukeln, dass sowas normal ist und man darüber etwas bekommt, was man braucht. Heute weiß ich was für ein Blödsinn das ist. Sex ist etwas Schönes und intimes zwischen zwei Menschen in den richtigen Umstanden, aber Geld oder andere Form der Bezahlung gehört sicher nicht dazu. Im Gengenteil durch mein Verhalten habe ich mich immer mehr davon entfernt worauf es wirklich ankommt und so ist es bei allen aktiven Freiern.
Aber es ist hart sich der Wahrheit zu stellen. Die Wahrheit ist unbequem und absolut schrecklich. Ich habe lange gebraucht mich dieser zu stellen. Und obwohl ich nie etwas illegales getan habe und mich sogar auch für einen „netten Freier“ (Danke für den Artikel, der das klar ebenfalls klar stellt) gehalten habe, muss ich mich doch dem stellen, dass ich am Mord von so vielen Seelen mitgewirkt habe. Ich hoffe ebenfalls, dass diese Seelen nicht für immer zerstört sind und dass es irgendeinen Weg gibt zumindest eine kleine Wiedergutmachung zu leisten. Nichtsdestotrotz werde ich diese Schuld mit ins Grab nehmen.

Da wir ein gesellschaftliches Umdenken brauchen unterstütze ich dieses Gesetz voll und ganz, da es das richtige Signal geben würde. Die Erfolge des Nordischen Modell sprechen für sich. Auch denke ich dass viele Freier dann erst erkennen werden, dass sie ebenfalls ein wirkliches Problem haben und letztendlich vielleicht Hilfe suchen. Denn genauso wie bei häuslicher Gewalt ist natürlich oberste Priorität der Schutz der Opfer, aber die Täter benötigen ebenfalls Hilfe, das sie oft keinen anderen Weg kennen. Leider können und wollen viele Freier sich nicht als Täter sehen und das muss sich ändern, nicht nur für die Frauen, aber auch für die Männer selbst.

Ich werde weiterhin diesen und andere Blogs verfolgen, denn sie helfen mir mich immer wieder zu erinnern und nicht wieder irgendwelchen Trugschlüssen zu erliegen.

Alles Gute

 

Ich danke diesem Mann für seine Ehrlichkeit, seine Courage und sein Umdenken. Und den vielen anderen Ex-Freiern oder solchen Männern, die darüber nachdachten zu Prostituierten zu gehen, und mir nachdenkliche E-Mails geschrieben und um Rat gefragt haben (deren Mails ich leider noch immer nicht alle beantworten konnte). Vielleicht wäre es hilfreich, wenn ihr euch alle untereinander zusammenschließt, über eure Erfahrungen, Eindrücke, etc… sprecht/schreibt und gemeinsam anfangt aktiv gegen das „System Prostitution“ zu werden. Eine weitere Bewegung wie Zéromacho wäre in Deutschland sehr wichtig. Vernetzt euch doch. Evtl. lege ich bald einen Facebook-Account an und könnte dann eine Gruppe erstellen, wo ihr euch austauschen könnt oder ihr macht das am besten selbst und gebt mir Bescheid, dann mache ich hier darauf aufmerksam.

Jeder kann etwas verändern. Und Marc: ich glaube, nicht immer muss man eine Schuld mit in das Grab nehmen, wenn man bereit ist umzukehren, einen anderen Weg einzuschlagen, und das dann auch tut. Das macht Vergangenes zwar nicht wieder gut, aber durch jeden Menschen, der endlich hinsieht und der Gewalt den Kampf ansagt, kann die Zukunft positiv verändert werden. Das ist, was jetzt zählt.

Und es braucht jede einzelne Hilfe für ein noch größeres Umdenken in unserer Gesellschaft.

Zum Schluss möchte ich nochmal Dr. Melissa Farley zu Wort kommen lassen:

 

1) The truth about prostitution is often concealed behind the lies, manipulations and distortions of sex trade pimps, managers and others who profit from the business. The deeper truths about prostitution are revealed in survivors’ testimonies, as well as in research on the psychosocial and psychobiological realities of prostitution.

2) At the root of prostitution, just like other coercive systems, are dehumanization, objectification, sexism, racism, misogyny, lack of empathy/pathological entitlement (pimps and johns), domination, exploitation, and a level of chronic exposure to violence and degradation that destroys the personality and the spirit.

3) Prostitution cannot be made safe by legalizing or decriminalizing it. Prostitution needs to be completely abolished.

4) Prostitution is more like being chronically sexually harassed, endangered, and raped, than working in a fast food restaurant. Most women in prostitution suffer from severe PTSD and want to get out.

5) Sex buyers are predators; they often engage in coercive behavior, lack empathy and have sexist attitudes that justify abuse of women.

6) A solution exists. It is called the Swedish model and it has been adopted by a number of countries including Sweden, Norway, Iceland, and Northern Ireland (mittlerweile auch Kanada, Frankreich und Irland – Israel ist aktuell auf dem Weg). The essence of the solution is: criminalization for johns ad pimps; decriminalization for women, and the provision of resources, alternatives, safe houses, rehabilitation.

7) Prostitution affects all of us, not just those in it.

Quelle: Very inconvenient truths: sex buyers, sexual coercion, and prostitution-harm-denial

Update

Es gibt viel Resonanz, Fragen, Vorschläge, Anregungen, etc… Wer noch keine Antwort auf seine E-Mail/Kommentar hat, wird noch eine bekommen.

Die vielen Kommentare und E-Mails (auch die Negativen) geben mir den Anlass dazu, diese Seite hier demnächst weiter auszubauen, um noch mehr Aufklärung sowie eine bessere Kommunikation zu ermöglichen. Niveauvoll. Ich werde auch Aktuelles zum Thema posten. Wer helfen möchte, der kann die Kampagne #Rotlichtaus und/oder den Verein Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution unterstützen, wo ich auch Mitglied bin.

Hier gibt es laufend Infos/News:

Stop Sexkauf – Netzwerk für ein Sexkaufverbot / Facebookseite

Abolition 2014 – Für eine Welt ohne Prostitution / Facebookseite

Stop Sexkauf – Homepage

Abolition 2014 – Homepage

Und weil ich seit gestern immer wieder von Leuten gelesen habe, dass Prostitution an sich ja eigentlich ein ganz normaler Job sei, wenn man ihn denn „freiwillig“ macht, dem empfehle ich den unten verlinkten Beitrag von VICE über Freierforen zu lesen, bei dem ich mitgewirkt habe (Sandra, 27 Jahre). Und nein, was ihr hier lesen könnt sind keine Ausnahmen, sondern Alltagsstandard in deutschen Bordellen. Ein weiterer Aspekt, warum wir das „nordische Modell“ benötigen – oder sieht man im Folgenden noch irgend etwas von der Bewahrung der Würde des Menschen?

 

„Stiftung Hurentest“ – Im Tripadvisor der deutschen Freier

 

 

Spiegel Online Artikel

Ok. Eigentlich hatte ich gar nicht vor zu dem Artikel was zu schreiben, jetzt muss ich aber doch.

Ich habe mit Geneviève Hesse für Spiegel Online gesprochen. Vor ein paar Stunden ist der Artikel erschienen. Mein Blog hier wurde dort verlinkt und ich habe mittlerweile ca. 30.000 Aufrufe, Nachrichten ohne Ende und weiß gar nicht mehr, wem ich zuerst Antworten soll. Da hier ja jetzt eh alle mitlesen, möchte ich etwas wichtiges loswerden, weil ich die Facebook – Kommentare auf Spiegel Online über mich gelesen habe und ich muss zugeben, ich habe mich auf sowas eingestellt. Dass man nicht die gleiche Meinung hat in Bezug auf ein Thema, ist in Ordnung, aber manche Dinge sind schon sehr unterirdisch.

Hier mal nur zwei Kommentare:

1.Kommentar

„Interessant, dass mal wieder ausschließlich eine Diskussion um das Für und Wider von Prostitution gestartet wird, aber die Naivität unserer jungen Frauen unkritisch-verständnisvoll hingenommen wird. Es tut mir nur jeder Mann leid, der sich später unwissend so ein Früchtchen anlacht, welches nun als Femizicke all das auf- und abarbeiten will, was sie früher durch ihre eigene Naivität verbockt hat.“

 

Unwissend ein Früchtchen anlacht? Dieser Mann war 20 Jahre älter als ich und ein Altlude, der bereits einige Prostituierte vor mir gestellt hat. Er suchte gezielt im Internet und wusste ganz genau was er da tat. Und ich werde noch deutlicher: wir sprechen hier von einer Straftat und KommentatorInnen haben scheinbar nichts Besseres zu tun als eine Täter-Opfer-Umkehr vorzunehmen. Zudem empfehle ich für alle Menschen, die kommentierten, dass man Zwangsprostitution unterbinden müsse, aber die Prostitution an sich sonst in Ordnung sei, in Freierforen zu lesen und die Literatur u.a. auf www.trauma-and-prostitution.eu zu studieren um sich über die Mechanismen von Dissoziation und Trauma im Hinblick auf die Prostitution bewusst zu werden. Und nein, es bedeutet nicht, Frauen zu „pathologisieren“. Es bedeutet, zu verstehen, dass Prostitution ein Gewaltsystem ist, das in der großen Mehrheit auf Gewalt aufbaut und aus Gewalt besteht.

2.Kommentar

„Oder ihre eigene Dummheit…. Mit Sicherheit genoss sie den Luxus ihres loverboys…. Vorher Kopf einschalten…..“

 

Ich genoss den Luxus meines Loverboys? Mein Loverboy besaß keinen Luxus, sondern lebte in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung mit 2 weiteren Ex-Prostituierten (eine davon übrigens aus Tschechien nach Deutschland verkauft zur Prostitution – mein Zuhälter hatte sie dann in Deutschland abgekauft, sie schaffte aber nicht mehr an). Ich lebte nicht im Luxus, sondern sehr lange Zeit aus Koffern und Tüten, während mein verdientes Geld ausgegeben wurde. Vielleicht sollten einige Leute, wenn mein Blog schon verlinkt ist, auch darin lesen bevor sie kommentieren.

 

Ich möchte diejenigen, die auf der Facebook-Seite oder sonst wo unterirdische Kommentare abgeben, mal behutsam darauf aufmerksam machen, dass auch Loverboys Menschenhändler sind. Ich war letztens auf einer Veranstaltung und dort sprach ein Kriminalhauptkommissar – und er sagte, die Norm sind 90-95% ausländische Prostituierte, unter verschiedenen Zwängen arbeitend. Die selbstbewusste deutsche Prostituierte, die man oft im Fernsehen sieht, gehört nicht zur Norm. Das ist nicht meine Aussage, sondern die Aussage von mittlerweile den meisten Polizeistellen.

Von diesen 90-95% hört man aber meistens nichts und soll ich euch sagen, warum in diesem Land so viele Frauen schweigen? Zum Beispiel wegen solcher Kommentare wie hier auf der Facebook-Seite, die ihnen ihren Opferstatus aberkennen und versuchen sie zu Täterinnen zu machen. Ihre Erlebnisse abtun und sie für schuldig bekennen. Sie damit einschüchtern.

Wenn jemand, der mit organisierter Kriminalität zu tun hatte, aussagt, dann muss er Angst haben. Er sagt gegen ein Milliardengeschäft aus, gegen organisierte Strukturen, die Kontakte nach überall hin haben. Sie müssen Angst haben um ihre Zukunft, Angst um ihr Leben. Genau deswegen sieht man solche Menschen nicht in der Öffentlichkeit. Wenn von 10 % „freiwillig“ (und das ist viel, denn so viel habe ich nicht annähernd gesehen) „Arbeitenden“ nun 100 Frauen öffentlich sprechen und von den anderen 90% nur 10, dann sehen die 100 aus als wären sie in der Mehrheit – das sind sie aber nicht.

Im Übrigen: Hass-Mails oder Hass-Kommentare bringen mich nicht zum Schweigen. Ich weiß, was ich erlebt habe und noch wichtiger – ich weiß, was unzählige andere Frauen erlebt haben. Wäre es nur mein Einzelschicksal, würde ich damit leben und es ad acta legen. Aber so war es leider nicht und das ist der Grund, warum ich rede und damit auch nicht aufhören werde.

Und noch etwas zu einem Kommentar:

„sexarbeit zu kriminalisieren und die frauen zu pathologisieren einschließlich der stigmatisierung hat nie in der geschichte der menschheit geholfen.“

Zu dem „pathologisieren“ sagte ich ja schon etwas. Und ich bin nicht dafür „Sexarbeit“ oder Prostituierte zu kriminalisieren. Wenn man den Spiegel Artikel genau gelesen hätte, dann würde man erkennen, dass da steht: Freier bestrafen. Ich bin für das sog. „nordische Modell“, was eine Freierbestrafung und Ausstiegshilfen vorsieht und keine Bestrafung der Prostituierten. Auch Deutschland sollte sich mit internationalen Empfehlungen im Hinblick zur Prostitutionsthematik auseinandersetzen.

Hier möchte ich zum Abschluss aus einem Brief von Save Rahab e.V. zitieren:

 

„Wir möchten nochmals darlegen, wie die internationale Politik und unzählige Menschenrechtsorganisationen zu dem Problem der Prostitution und den damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen stehen:

  1. Vereinte Nationen, 1949

Resolution der Vereinten Nationen vom 02.12.1949:

„Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution sind mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar […].“

http://www.un.org/depts/german/uebereinkommen/ar317-iv.pdf

  1. Vereinte Nationen, 1985

Resolution der Vereinten Nationen vom 13.12.1985″Prevention of Prostitution

„Considering that the surpression of the traffic in persons and of the exploitation of the prostitution of others require a three-fold concerted effort, involving prevention […].

http://www.un.org/en/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/RES/40/103

  1. European Women Lobby, 2012

„Together with a dozen MEP’s representing all political grounds in the European Parliament and several Ministers, the NGO’s explained why prostitution is a form of violence, an obstacle to equality, a violation of human dignity, and of human rights.“

http://www.womenlobby.org/200-civil-society-organisations-launch-European-debate-on-abolition-of?lang=en

  1. Europarat, 2014

Resolution 1983 des Europarates vom 08.04.2014

Der Europarat sieht das „Sexkaufverbot“ nach schwedischem Modell als das wirksamste Mittel gegen Menschenhandel.

„It is estimated that 84 % of trafficking victims in Europe are forced into prostitution; similarly, victims of trafficking represent a large share of sex workers.“

http://assembly.coe.int/nw/xml/XRef/Xref-DocDetails-en.asp?FileID=20559&lang=en

  1. Europaparlament, 2014

„Statt der Legalisierung, die in den Niederlanden und Deutschland zu einem Desaster geführt hat [damit einhergehend die Situation in Frankfurt am Main], brauchen wir einen nuancierten Ansatz, der die Männer bestraft, die die Körper der Frauen als Gebrauchsgegenstand behandeln, ohne dabei diejenigen zu bestrafen, die in die Sexarbeit abgeglitten sind.“

http://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20140221IPR36644/die-freier-bestrafen-nicht-die-prostituierten-fordert-das-parlament

  1. New Yorker UN- Frauenkonferenz im Zusammenschluss mit 98 Organisationen, 2015

“Denn wie so oft auf internationalem Parkett herrschte auch jetzt in New York wieder einmal große Irritation darüber, dass Deutschland in Sachen Prostitution nicht etwa als Gewalt gegen Frauen sowie Ausdruck und Verstärkung des Machtgefälles zwischen Männern und Frauen versteht, […].”

http://www.emma.de/artikel/prostitution-un-konferenz-98-organisationen-ruegen-merkel

http://www.emma.de/artikel/liebe-kanzlerin-merkel-318625

 

(Quelle: Abolition 2014)

 

Und zu allerletzt empfehle ich noch das hier:

https://drive.google.com/file/d/0B32GA6EHrvdTakx1aU1OSFhHVkk/view

 

Zum Schluss möchte ich noch danke sagen für die anderen netten und aufbauenden Worte. Ich habe auch nachdenkliche Mails von Freiern bekommen und ich werde jedem einzelnen von euch noch antworten, weil der Diskurs hier wichtig ist.

Ich bin seit diesem Jahr Mitglied bei

Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution

Wer mitmachen möchte, kann sich gerne melden.

Über das unsichtbare Seelensterben

 

Der folgende Beitrag mag für einige nicht sehr greifbar sein, weil die „Seele“ an sich ein nicht wirklich greifbares Thema ist. Ich bin selbst immer auf „genaue Zahlen, Daten, Fakten, Statistiken, etc…“ aus, aber es gibt Dinge auf dieser Welt, die einfach nicht fassbar sind und jenseits dessen liegen, was wir erklären können. Jenseits dessen, was unsere Vernunft zu glauben vermag. Und eigentlich ist das auch gut so, denn es verleiht unserem Leben einen gewissen Zauber. Wenn ich allein das Wort „Seelenverwandtschaft“ in den Raum werfe, gehe ich davon aus, dass wohl auch ein paar der rationalsten Menschen daran glauben, obwohl es etwas ist, was nicht greifbar ist, was man nicht wirklich erklären kann.

 

Ich denke also zurück an die Zeit in den Bordellen, wo wir beispielsweise nachts betrunkenen und aggressiven Freiern stand hielten während wir tagsüber schliefen um uns zumindest so weit zu erholen, dass wir abends wieder antreten konnten. Tag ein, tag aus. Kein Weg, keine Richtung, kein Ziel, keine Träume, keine Gefühle – es herrschte totale Leere. Wir waren entseelt.

Anfangs, als wir mit diesen Männern auf Zimmer gingen, parkten wir unsere Gefühle draußen vor der Türe und als der „Akt“ beendet war holten wir sie dort wieder ab. Wir verwandelten uns quasi kurzzeitig in nichts-empfindende-Roboter und wurden danach wieder zu fühlenden Menschen. Es kam aber der Zeitpunkt, wo wir nach dem Zimmergang die Türe öffneten, um wieder Mensch zu werden, aber nichts mehr da war, was wir hätten abholen können. Wir versuchten stets während des Beiseins der Freier unser Menschsein situationsbedingt abzulegen um all die Penetrationen durchstehen zu können – irgendwann hatte es uns dauerhaft verlassen. Wir blieben von diesem Moment an auch außerhalb der Zimmergänge Roboter. Orientierungslos wandelnde, nicht im gegenwärtigen Moment teilhabende Schatten unseres Selbst.

Aber warum war das so?

Freier überschritten innerhalb dieser vier Wände unsere Grenzen, nahmen uns unsere Würde. Wenn sie gewalttätig wurden, haben wir nach ein paar Versuchen uns zu wehren es eben ertragen, weil wir gehofft haben, dass sie schneller fertig werden, weil wir zu müde waren um uns zu wehren und keine Kraft mehr hatten. Keine Kraft immer wieder dasselbe zu sagen, keine Kraft immer wieder darauf hinzuweisen, dass es weh tut, was sie in ihrem oft betrunkenen Zustand sowieso nicht gemerkt haben. Keine Kraft, immer wieder zu versuchen an die Menschlichkeit zu appellieren, wo wir nie eine gefunden haben. Wir resignierten. Ich schreibe hier bewusst „WIR“, denn meine Erfahrungen decken sich mit den Erfahrungen der unzähligen Prostituierten, die ich persönlich kennenlernte.

Irgendwann also hält man als fühlender Mensch nicht mehr nur den „Akt“ an sich, sondern auch diese oben beschriebenen Erinnerungen daran nicht mehr aus. Die Erinnerungen an „Berührungen“, die nicht gewollt waren, die Erinnerungen an Worte und Bilder, die man nie hätte hören und sehen wollen. Die Gedanken daran, dass es bald wieder passieren wird. Man erträgt das Leben, in dem man sich befindet, nicht mehr. Also bleibt man ab einem gewissen Zeitpunkt auch außerhalb des Zimmergangs eine Maschine, der nichts wehtun kann, der man nichts anhaben kann.

Das Problem hierbei ist, dass die Seele, die wir in uns tragen, sich nicht in Gestein verwandelt, sie kann sich an das Roboterdasein nicht anpassen. Sie bleibt weich, sie bleibt verletzlich. Wenn wir also unser Menschsein durch äußere Einflüsse verlieren und zur Maschine mutieren um zu überleben, tut unsere Seele das nicht. Wir können sie dann lediglich nicht mehr schreien hören, nicht mehr sich wehren hören, denn ihre Stimme wurde stumm gestellt. Sie versucht uns weiterhin mit ihren Nachrichten zu erreichen, sie kämpft und sie weint – aber vergeblich.

Wenn man den Weg raus aus der Prostitution findet und endlich wieder zum fühlenden Mensch wird, dann sollte man meinen, dass auch die Seele wieder hörbar ist. Jedoch machen viele die Erfahrung, dass sie nichts mehr sagt, verstummt ist. Sie hat während des Prozesses, in dem man sein Menschsein verlor, aufgehört zu atmen, denn sie hat stumm ertragen müssen, was sie nicht ertragen konnte. Sie ist gestorben.

Als ich von Lutz Besser, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Gründer des Zentrums für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachen, den Begriff des Seelenmordes im Hinblick auf die Prostitution in einem EMMA-Artikel las, dachte ich viel darüber nach. Wie auch immer man „die Seele“ nun definiert oder sich vorstellt – ich bin sicher es gibt eine Seele und wie oben beschrieben habe ich sie in der Prostitution reihenweise sterben sehen.

Und an dieser Stelle wird deutlich, warum Prostitution abgesehen von der physischen Gewalt so zerstörerisch ist. Es wird deutlich, warum man zu Prostituierten nicht einfach sagen kann: „So, jetzt bist du aus der Prostitution ausgestiegen, jetzt ist alles vorbei, jetzt hast du es geschafft, jetzt ist alles wieder gut!“

Denn was die Menschen nicht sehen ist genau dieses unsichtbare Seelensterben von Prostituierten. Im Gegensatz zum physischen Mord an einem Körper glaube ich aber daran, dass eine tote Seele wieder lebendig werden kann. Ich glaube das, weil meine Seele wieder lebendig geworden ist – und sie war definitiv ins Jenseits geschritten.

Der Weg sie zurückzuholen allerdings, ihre damals verstummten Schreie und Verletzungen während des Roboterdaseins zu heilen, ist ein steiniger. Früher als Maschine hat man nicht gefühlt, was die Seele zu sagen hatte. Will man sie nun heilen, muss man auf sie zugehen, sie aus ihrem leblosen Zustand holen, sie reanimieren und ihr zuhören. Das tut weh, weil es bedeutet, all das Damalige zu fühlen. Man muss sich anhören, was sie früher sprach, als sie vergeblich darum kämpfte uns zu erreichen, es aber nicht schaffte, weil wir zu sehr damit beschäftigt waren unsere gegenwärtige Situation zu überstehen.

Zurück zu seiner Seele zu finden und damit zurück ins Leben zu finden, bedeutet sich zu stellen. Es bedeutet schmerzhafte Aufarbeitungsprozesse mit seinem Innersten zu führen. Es hat für mich unter anderem bedeutet, mich in stillen Momenten an schlimme Situationen mit Freiern zurückzuerinnern und anstatt wie damals während der echten Situation dabei abzuschalten oder mich mit Alkohol zu betäuben, nun zu versuchen diese unerträglichen Augenblicke erstmalig wirklich zu spüren, zu fühlen und genau an jener Stelle zu weinen, wo ich früher lächeln und überspielen musste.

Es ist leichter eine Seele zu zerstören als sie wieder zum Leben zu bringen – deshalb muss man versuchen, diesen Seelenmord zu unterbinden. Im Hinblick auf die Prostitution geht das nur, wenn man Freier davon abhält, diese (wenn auch manchmal unbewussten) Morde zu begehen. Ab und zu wird angebracht, dass das, was in Freierforen steht, nicht der Wahrheit entspreche, weil sich die Männer in der Realität nie so viel Anmaßendes und Unmenschliches trauen würden.

Hierüber kann ich nur lachen. Ich wünschte, sie würden es sich nicht trauen, doch was ich bei mir und bei anderen Prostituierten gesehen und erlebt habe ist genau das, was in diesen Foren steht.

Herabwürdigendes, menschenverachtendes, ein Lebewesen objektivierendes Verhalten. (zum sog. „guten Freier“ habe ich bereits vor längerer Zeit einen Beitrag geschrieben -> Guter vs. böser Sexkäufer )

Ich wünschte, dass unser Staat endlich die Initiative ergreifen würde was staatliche Ausstiegshilfen aus der Prostitution betrifft, wobei es Menschen braucht, die wissen, was sie zu tun haben, die wissen, wie man Prostituierten den Anfang zu einem Schritt in ein Leben ebnet, welches gezeichnet ist von Respekt, von Ehre, von Wertschätzung und Empathie. Es braucht Hoffnung, es braucht ein freundliches Lächeln, Güte und Warmherzigkeit für Prostituierte, die im schlimmsten Fall noch nie irgendwelche dieser Werte erleben durften und gar nicht wissen, was das bedeutet. Und es braucht Verständnis – auch wenn es Rückschläge gibt, denn manchmal ist es ein Start von ganz tief unten.

Als eine Gesellschaft sollten wir dafür kämpfen Menschen zurück ins Leben zu bringen oder zum ersten Mal überhaupt zum Leben zu bringen. Wir sollten dafür kämpfen, diesen Seelenmord nicht einfach hinzunehmen – denn was ist ein Mensch ohne eine Seele?

 

Freier: „Elend lässt sich gut ficken“

 

Hier gibt es 3 tolle Menschen, die was zu sagen haben – 2 Prostitutions-Aussteigerinnen sowie die Sozialarbeiterin Sabine Constabel von „Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution“:

-> SWR1 – Kondompflicht für Freier (2:54 Minuten)

Es gibt auch noch eine längere Version (14:08 Minuten) mit mehr Personen -> SWR1 – Das neue Gesetz zum Schutz von Prostituierten

 

Und ein so wahrer Spruch…

 

Prostitution