Monat: April 2016

Mein Weg aus der Prostitution – wie Willenskraft Veränderung schafft

Gerade sitze ich in meiner Mietwohnung, einem 20qm Zimmer, und denke darüber nach, wie mein unermüdlicher Wille mein Leben verändert hat.

Ich besitze nicht viel, lebe von wenig Geld – meine größten Schätze sind meine Studienbücher.

Wenn man sich überlegt, dass ich in der Prostitution unzähligen Männern meine „Dienstleistung“ erbracht habe, scheint das nicht sehr viel zu sein.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Männer es in 6 Jahren waren, doch rechne ich alleine die 4 Wochen, die ich in einem Flat-Rate-Laden tätig war, komme ich bereits auf Hunderte. Jeden Tag um die 15 Männer im Durchschnitt x 30 Tage = 450 Männer. Der Freier zahlte dort meist 140 Euro Eintritt dafür, dass er den ganzen Tag über im Club bleiben konnte. Die Hälfte von diesen 140 Euro bekam das Haus. Das heißt, für die Mädchen waren 70 Euro übrig. Wenn der Freier nun 5mal mit 5 unterschiedlichen Frauen auf Zimmer war, dann bekam jedes Mädchen, das mit ihm auf Zimmer war (70 / 5 =) 14 Euro! pro halbe Stunde im Zimmer.

Wenn man diese Zahl an Männern sieht, die meine „Dienstleistung“ in Anspruch genommen haben, egal ob es ein paar weniger oder mehr waren, kann man erahnen, dass es in 6 Jahren eine vierstellige Zahl wurde, denn auch in den Clubs, die einen Tagesbetrieb mit höheren Zimmerpreisen als denen im Flat-Rate-Laden versprachen, waren es meist mindestens 10 Zimmergänge pro Tag. Als ich Escort gemacht oder im Nachtclub gearbeitet habe, waren es deutlich weniger Zimmer pro Tag. Zu den verschiedenen Clubmodellen komme ich aber in einem extra dafür vorgesehenen Beitrag nochmal genauer zu sprechen.

Da sitze ich also gerade und denke darüber nach, was ich nach all dem in der Hand halte.

Nichts.

Absolut nichts.

Ich musste mich entscheiden, was ich in meinem Leben (nicht) will und das habe ich getan. Wenn das bedeutete, dass ich nichts Ertragreiches aus dem Leben im Milieu, aus dieser langen demütigenden Zeit, mitnehmen würde, dass ich nichts davon haben würde mit tausenden von Männern Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, dann wäre das immer noch besser als dort ewig zu verrotten.

Ich entschied mich und ging mit nichts, wobei der Ausstieg extrem problematisch und enorm schwierig war.

Den allermeisten Prostituierten geht es wie mir – sie behalten ihr Geld nicht. Es gibt verschiedene Ausgabequellen, aber letztlich ist fast immer alles weg.

Das Finanzamt agiert zudem leider als staatlicher Zuhälter. Viele Frauen geben ihr verdientes Geld an Zuhälter ab oder kaufen damit Suchtmittel ein um die Freier auf dem Zimmer ertragen zu können. Sie haben also bereits sowieso rein gar nichts aus dieser erschöpfenden Arbeit gewonnen. Dann flattert der Steuerbescheid in den Briefkasten, während die meisten Frauen das Geld, was sie verdient haben, nicht mehr besitzen. Die nächsten Zimmergänge führen sie dann also für das Finanzamt aus, um ihre Steuer bezahlen zu können.

Man sollte meinen, dass viele unserer Politiker wissen, dass sehr viele Frauen ihr Geld eben nicht für sich behalten. Nicht dass es schon schlimm genug wäre, dass eine labile Frau dazu benutzt wird um den Trieb anderer Menschen zu stillen, nein, man benutzt sie auch noch als Steuereinnahmequelle.

Ich hatte immer einen Traum, ein Ziel vor Augen, was mich all die Jahre am Leben gehalten und trotz der ganzen Unmenschlichkeit in der Prostitution vorangetrieben hat.

Der Wunsch nach einem besseren Leben, der Wunsch Spaß im Beruf zu haben, der Wunsch nach einem erfüllenden Job, der Wunsch nach wahrer Liebe, Seelenverwandtschaft und Freiheit. Freiheit, die ich dadurch erreichen kann, dass ich etwas tue, was mein Leben bereichert und mich nicht wie die Prostitution gefangen hält. Etwas, was mich so fasziniert, begeistert und lebendig macht, dass es mich von meinen alten Erfahrungen ein Stück weiter befreit.

Die Schule hatte ich aber aufgrund der Prostitution abgebrochen, ich war ohne (Schul- ) Abschluss. Zwei Jahre vor meinem Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu packte mich aber der Wille für alle meine Träume zu kämpfen, egal wie hart es auch werden würde.

Zwischen Zimmergang und dem Warten auf den nächsten Freier habe ich angefangen mein Abitur per Fernstudium nachzuholen. Das war eine sehr schwierige Zeit. Ich hatte keinen Lehrer, der mir den Abiturstoff näherbringt, geschweige denn irgendetwas erklärt oder eine Frage beantwortet. Man konnte natürlich Seminare besuchen, dafür hatte ich allerdings kein Geld. Ich war allein auf meine eigenen Fähigkeiten angewiesen. Würde ich das schaffen? Die Selbstzweifel waren groß. Ich versuchte mir selbst zu vertrauen, doch zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht wirklich an mich geglaubt.

Mathematik war für mich am schwersten. Stochastik, Analysis und analytische Geometrie. Als ob das noch nicht reichen würde, kamen teilweise bis zu 15 Freier am Tag hinzu. Ich frage mich im Nachhinein, wie ich mich unter diesen Umständen überhaupt konzentrieren konnte, doch ich habe mir so sehr ein anderes Leben gewünscht, dass ich immer weiter gemacht habe.

Egal wie traurig ich nach dem Zimmergang war, egal wie verzweifelt oder angeekelt. Egal wie kaputt, egal wie erniedrigt, egal wie verletzt, egal wie wütend. Ich habe meine Hefte und Bücher aufgeschlagen und gelesen, gelernt, geschrieben. Abwechselnd dazu die Mathe- und Biologie-Hefte an die Wand geschmissen und sie verflucht, weil ich es nicht verstanden habe. Dann habe ich sie wieder aufgehoben und weitergemacht. Mir fehlte die Luft zum Atmen, mir fehlte die Freude am Dasein, mir fehlte das Lachen und das Glücklich sein, doch ich machte weiter, in der Hoffnung all diese Dinge irgendwann erreichen zu können.

Einer meiner Leistungskurse war Biologie. Genetik, Ökologie und Evolution. Genetik war anfangs extrem schwer für mich. DNA-Sequenzierung, Proteinbiosynthese, Transkription, Translation, Genmutationen, genetischer Code, Synapsenvorgänge… Ich dachte wirklich ich drehe durch. Zu verlieren hatte ich allerdings nichts, deswegen versuchte ich alles in meiner Macht Stehende.

Im letzten Jahr der Abiturvorbereitung war ich bereits aus der Prostitution ausgestiegen. Ich hatte zwischenzeitlich neben der Abiturvorbereitung auch noch eine 1-jährige Weiterbildung in der Tierpsychologie für Pferde und Hunde besucht, diverse Seminare und Vorträge zum Thema Pferd angehört, was mir dazu verhalf mich zuerst auf geringfügiger Basis und dann hauptberuflich den Pferden widmen zu können. Damit war mir der komplette Ausstieg möglich. Noch vor Abschluss des Abiturs.

Am Anfang habe ich nur Boxen ausgemistet, Pferdemist geschippt und geschleppt, jeden Tag. Nach der Arbeit keine Pause, kein Feierabend, sondern weiter für das Abitur lernen. Es war kräftezehrend, doch alles war besser als die Prostitution. Als ich dann hauptberuflich Pferdepflegerin wurde, verbesserte sich die Arbeit. Meine Aufgabe bestand nun nicht mehr so sehr darin die Boxen auszumisten, sondern hauptsächlich darin, die Pferde durch Longenarbeit, Gymnastikübungen, ab und zu auch durch Reiten zu bewegen.

Unglaublich, wie diese Lebewesen mein Leben verändert haben. Sie hatten mich schon mein Leben lang begleitet, allerdings noch nie so intensiv wie zu dieser Zeit.

Nach meinem Ausstieg habe ich durch sie gelernt authentisch zu sein, denn sie haben mich in der Arbeit mit ihnen regelrecht dazu aufgefordert. Pferde sind Fluchttiere. Sie nehmen jede kleine Regung des Körpers und Schwingungen wahr. In der Natur brauchen sie das um zu überleben.

Wenn ich also traurig war und meine Traurigkeit unterdrückt habe, funktionierte die Arbeit mit den Pferden nicht. Alles wirkte steif und wenig harmonisch. Wenn ich meine Wut unterdrückt habe, funktionierte es auch nicht. Ob Pferde genau die Gefühle wahrnehmen können, die gerade in uns sind, weiß ich nicht, aber aufgrund ihres Fluchtinstinktes wissen sie, wenn man sich verstellt und versucht etwas in einem zu unterdrücken. Dadurch werden sie misstrauisch, denn sie wissen nicht woran sie sind, ob sie fliehen müssen oder ob keine Gefahr besteht. Ich dachte immer ich dürfe im Umgang mit ihnen nicht wütend sein, dürfe ihnen weder meine Trauer, meine Angst noch meine Wut zeigen. Doch was ich im Laufe der Zeit im Umgang mit Pferden gelernt habe, berührt mich noch heute und dass ich es entdeckt habe, war reiner Zufall.

Diese kleine Geschichte möchte ich euch gerne erzählen, bevor ich zurück zur Abiturvorbereitung komme:

Ab und zu war ich allein auf Arbeit in einer großen Halle mit einem einzigen Pferd. Allein, mit dem Pferd, der Musik und meinen Erinnerungen an die Vergangenheit.

Es war an einem Tag, an dem ich sehr traurig war. Meine Oma war in dieser Zeit gestorben. Ich hörte ein sehr melancholisches Lied im Radio und war den Tränen nahe, musste auch über alles Vergangene nachdenken. Das Pferd führte ich neben mir im Schritt. Ich versuchte meine Trauer zu unterdrücken, da ich das Pferd arbeiten und bewegen musste. Irgendwelche Gefühle waren hier fehl am Platz, dachte ich. Ich wollte meine Stimmung nicht an ihm auslassen.

Ich begann es zu longieren, in Gedanken war ich aber nicht wirklich bei der Sache. Nichts funktionierte. Das Pferd lief nicht wie ich wollte, wurde nicht locker, dehnte sich nicht, war richtig stur. Ich wurde wütend, weil nichts klappte an diesem Tag. Die Wut führte dazu, dass ich meine Tränen nicht mehr unterdrücken konnte. Ich blieb stehen und schmiss die Longe auf den Boden.

Da stand ich nun in der Halle, bin auf das Pferd zugegangen, habe mich an das Pferd gelehnt, es umarmt und aus tiefstem Herzen geweint. Den Schmerz ausgedrückt, den ich schon so lange mit mir rumgetragen hatte, den ich aber nie mit jemandem geteilt hatte.

Da standen wir nun beide. Ich heulend, schluchzend, traurig – aber ehrlich und authentisch. Es war mir möglich mich komplett fallen zu lassen. Ich spürte in diesem Augenblick eine Verbundenheit. Es gab mir das Gefühl, dass es nur dann bereit dazu war mit mir zu sein, wenn ich keine Maske trage.

Als ich mich beruhigt hatte, war mir nicht mehr nach alltäglichem Longieren oder irgendwelchen Gymnastikübungen. Ich ließ es vom Kappzaum los, es sollte machen was es wollte. Es sollte lebendig sein können, laufen können, Spaß haben können, es sollte genau die Freude fühlen können, die ich dadurch empfunden hatte, dass es mich „angenommen“ hatte. Ich war glücklich in diesem Moment. Ich war Hier, keine versteckten Gefühle. Das hat das Pferd gemerkt. Es wusste in diesem Moment, dass ich authentisch bin, es konnte mich jetzt einschätzen und wusste, dass ich keine Gefahr darstellte.

Nie zuvor hatte ich mit ihm Freiarbeit gemacht, an diesem Tag war es das erste Mal. Ich bewegte mich nun zuerst durch die ganze Halle, es folgte mir aufmerksam, achtete auf mich, meine Bewegungen, meine Körpersprache. Ich war in diesem Moment so im Hier und Jetzt verwurzelt, so echt, dass ich mit dem Pferd mental verbunden war. Ohne es je zuvor geübt zu haben, fing ich an das Pferd ohne alles im Zirkel zu longieren, frei, nichts in der Hand. Es hätte machen können, was es wollte, aber es folgte mir, mithilfe nur kleinster Bewegungen meines Körpers, mithilfe meiner Gedanken. Es blieb bei mir im Schritt, Trab und im Galopp. Nur durch kleinste Zeichen wechselte es sauber die Gangarten. Vom Schritt sofort in den Galopp, vom Traben sofort zum Stehen, vom Stehen sofort in den Trab. Nur durch die Anwendung meiner eigenen Energie konnte ich das Tempo der jeweiligen Gangart des Pferdes beschleunigen oder verlangsamen. Es wurde locker. Es trabte nicht nur, sondern es war voller Anmut, harmonisch und mächtig im Ausdruck, gewaltig in seinen Schritten, einfach wunderschön zu beobachten. Es schwebte mit einer Leichtigkeit durch die Halle. Genau mit derselben Leichtigkeit, die ich in diesem Moment empfand.

Ich war eins mit dem Pferd. Eins mit einem Wesen, was doch eigentlich so verschieden ist.

Dieses Gefühl war unglaublich, einfach unbeschreiblich. Es war absolut magisch.

Von da an verstand ich, dass ich in Gegenwart der Pferde weinen kann, wenn ich traurig war, wütend sein kann, wenn ich Wut empfand, und so weiter… ich konnte alles sein, solange ich das auslebte, was ich fühlte und das Pferd mich somit als authentisch einordnen konnte.

Die Arbeit mit den Pferden hat mein Leben bereichert.

Jedes Mal, wenn ich nun ein Pferd sehe, könnte ich weinen, aber diesmal nicht aus Trauer, sondern aus Freude und tiefster Dankbarkeit über das, was sie mir geschenkt haben. Über das, was sie mich gelehrt haben.

Authentisch sein zu dürfen, Gefühle zeigen und zulassen zu müssen, um akzeptiert und angenommen zu werden.

In einer Gesellschaft wie der Unseren ist das nicht immer einfach. Viele versuchen eine Mauer um sich herum aufzubauen, um sich selbst zu schützen.

Die Pferde lehrten mich, dass mir nicht immer etwas schlechtes passiert, wenn ich diese Mauer einstürzen lasse, ganz im Gegenteil. Es kann wundervoll sein.

So fand ich auch immer wieder die Kraft um weiter für mein Abitur zu lernen. Die Pferde formten meine Persönlichkeit. Ich fühlte mich stark, mutig, wurde immer selbstbewusster und fing an mein Leben richtig zu genießen.

Zwei Wochen also vor der lang ersehnten schriftlichen Abiturprüfung teilte mir ein Facharzt für Phlebologie mit, dass ich eine dringende Venenoperation benötige, da eine akute Thrombosegefahr bestand. Ich sagte ihm, dass ich in zwei Wochen meine Abiturprüfung hätte und dorthin fliegen müsste. Daraufhin erwiderte er, dass man nach einer Venenoperation ca. 4 Wochen nicht fliegen sollte.

Ich hatte so hart gekämpft um bis hier her zu kommen und nun sollte alles umsonst gewesen sein? Nein, unmöglich. Ich vereinbarte einen OP-Termin, hatte aber im Sinn, trotzdem zu fliegen.

Eine Woche vor der Prüfung fand also die Operation statt. Ambulant. Es war eine Fachklinik für Venen. Ich war 24 Jahre alt, die anderen Patienten hatten alle die 50-60er Jahresgrenze schon leicht überschritten. Nach der OP hatte ich ein dickes, grün-blaues Bein, Schmerzen und in einer Woche standen der Flug und die Prüfungen an. Mit meinem Koffer bin ich zum Flughafen gehumpelt. Die Prüfungen habe ich aufgrund der Anweisung des Arztes mit hochgelagertem Bein schreiben müssen.

Das sah aus… Totenstille während der Abiturprüfung… alle schön angezogen und ich wegen des dicken Beins in Jogginghose mit dem Bein auf dem Stuhl… aber das war mir egal, hauptsache ich konnte mitschreiben.

Ich habe die 4 schriftlichen Prüfungen jedenfalls geschafft, musste dann 4 Monate später nochmal hin und weitere 4 mündliche Prüfungen ablegen.

Auch geschafft. Endlich! Ich war einen wichtigen Schritt weiter gekommen.

Dieser Abschluss war nicht nur wichtig für meine berufliche Zukunft, sondern auch für mich selbst. Ich habe durch diese schwierige Zeit Vertrauen zu mir selbst aufgebaut und ich weiß nun, dass ich schaffen kann, was ich mir vornehme, wenn ich nur an mich glaube und mich richtig anstrenge.

Dieses Gefühl, sich selbst abgrundtief vertrauen zu können, macht einen jeden Tag stärker und hilft alles durchzustehen.

Nun sitze ich in meiner kleinen Wohnung mit meinen wenig zur Verfügung stehenden Mitteln an meinem Schreibtisch und lerne für mein Studium, was mich unglaublich glücklich macht und erfüllt. Ich liebe es!

Ich bin sehr zufrieden, auch mit wenig, denn ich habe etwas gefunden, was viel bedeutender ist als alles, was ich in meinem Leben jemals hatte: innere Zufriedenheit, etwas, was mir Spaß macht und mein Leben bereichert. Ich habe mich gefunden.

Der Wille kann Berge versetzen. Das ist kein bloßes Sprichwort, es ist wahr.

Ich hoffe, Ihr glaubt an euch und gebt niemals auf, egal wie düster es auch aussieht. Rafft euch immer wieder auf, versprecht euch selbst durchzuhalten. Es gibt nichts und niemanden, der euch von dem abhalten kann, was ihr euch wirklich aus tiefstem Herzen wünscht!

 

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