Deutsche Übersetzung des Trauma-Vortrages (Thema: Trauma und Prostitution)

 

So, liebe Luise, du hattest eine gute Idee: wie versprochen zum Ende der Woche hin hier für dich und auch für diejenigen Menschen, die keinen direkten Zugang zur englischen Sprache haben und diesen Text aber unbedingt lesen sollten. Die deutsche Übersetzung von Frau Dr. Kraus Vortrag. Jeder sollte sich zu Gemüte führen, was da drin steht. Ich habe es übersetzt, so gut es mir möglich war. Keine Gewähr für die 100%ige Richtigkeit, aber ich habe mir Mühe gegeben 🙂

Es exisiert bereits ein Vortrag von ihr mit Ähnlichkeiten zur Thematik, aber hier gibt es viele neue interessante Details, vor allem das Beispiel mit dem Autounfall und dem Test im CT ist sehr interessant.

Ihre „Einleitung“ habe ich ausgelassen.

Los geht’s.

Dr. Ingeborg Kraus , Edmonton/Canada, 16.09.2016.

Ich werde Ihnen nun erklären, wie man die Prostitution aus Sicht der Psychotraumatologie beurteilt.

Es gibt 2 Arten von Trauma. Die zweite Art (im Bild: Typ 2) verursacht komplexe Traumata.

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Typ 1: plötzlich, unerwartet, einmalig

  • Apersonal: durch einen Autounfall, eine Naturkatastrophe,…
  • Zwischenmenschlich: durch einen Überfall/Angriff, durch eine Vergewaltigung, durch den Verlust einer nahestehenden Person,..

Typ 2: sich chronisch-steigernd

  • Politische Übergriffe: durch Krieg, Folter, Geiselnahme, Haftstrafe im Konzentrationslager,..
  • Nahes Umfeld: durch Missbrauch und Vernachlässigung in der Kindheit, häusliche Gewalt, Prostitution.

Wenn wir die Epidemiologie von Traumata betrachten, haben wir festgestellt, dass es auf den jeweiligen Typ des Traumas ankommt, ob jemand eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt oder nicht. Und eine Vergewaltigung birgt das größte Risiko um eine PTBS zu entwickeln.

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Das erste, was es also zu sagen gibt ist, dass man nicht so einfach seine Gedanken/Seele vom Körper abspalten kann.

Wenn wir uns die Verbreitung von sexuellem Missbrauch ansehen, und damit die schlimmste Form von Trauma, muss man feststellen, dass er weit verbreitet ist.

Auf internationaler Ebene: 20 % der Mädchen erleben sexuelle Gewalt, 5-10 % der Jungen erleben ebenfalls sexuelle Gewalt.

Eine nationale Umfrage aus Frankreich, die 2014 gemacht wurde, kam auf die selbe Zahl.

Kinder sind die häufigsten Opfer sexueller Gewalt. Es gibt eine hohe Anzahl an Reviktimisierungen (70 % von ihnen werden auch im Erwachsenenalter Opfer sexueller Gewalt).

Der Täter kommt aus dem nahen Umfeld.

Diejenigen, die sich eigentlich kümmern sollen, sind die Angreifer.

Diejeingen, die eigentlich vertrauenswürdig sein sollten, missbrauchen.

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Muriel Salmona, eine Psychiaterin aus Frankreich, hatte mich letztes Jahr gebeten nach Paris zu kommen um über die Situation in Deutschland zu sprechen und wir haben herausgefunden, dass wir die gleichen Statistiken haben. In Deutschland ist es die Recherche von Monika Schröttle, die 2004 veröffentlicht wurde mit 10.264 Frauen zwischen 16 und 25 Jahren.

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Leid, welches komplexe Traumata verursacht, ist ein nationales Problem, welches die Gesellschaft Billionen von Euro kostet.

Van der Kolk (Medical Director des Trauma Center Research in Brooklin/Massachussets) sagt: wenn Soldaten aus dem Krieg heim kommen, dann sind die Zeitungen voll damit. Wenn Frauen Opfer von häuslicher Gewalt werden, interessiert das niemanden. Muriel Salmona spricht davon, dass wir noch immer in einer Vergewaltigungskultur leben.

Erste Lektion:

Es handelt sich im Hinblick auf die Prostitution nicht um zwei Bevölkerungsgruppen, einmal also die Gruppe der glücklichen Sexarbeiterinnen und auf der anderen Seite die Gruppe der Kinder, die Missbrauch erlebt haben. Nein, es ist ein und dieselbe Bevölkerungsgruppe. Es sind die Kinder, die damals von der Gesellschaft hängen gelassen wurden und die nun ein zweites Mal von der Gesellschaft im Stich gelassen werden. Das System der Prostitution nutzt diese traumatisierten Kinder für ihre eigenen Zwecke.

Was ist also Prostitution? Ist Prostitution Gewalt? Oder ein Service?

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Es hat eine große Anzahl an Studien gegeben, die versucht haben herauszufinden, ob Frauen in der Prostitution Gewalt erleben. Hier wieder die Ergebnisse von Schröttle aus dem Jahr 2004. Zu dieser Zeit war die Mehrheit der Frauen in der Prostitution Deutsche (80%). Wenn man die nachfolgenden Zahlen sieht, kann man keinesfalls sagen, dass Prostitution ein Job wie jeder andere ist:

92 % erlebten sexuelle Belästigungen, fast 90 % physische und psychische Gewalt und 59 % sexuelle Gewalt. Heute würden die Zahlen noch schlimmer aussehen, ich würde sagen es wäre von allem 100 %, da wir nur 5 % an Frauen in der Prostitution haben, die aus Deutschland kommen, 95 % der Frauen sind aus dem Ausland. Die Bedingungen sind schlechter geworden.

Seit dem Gesetz von 2002, welches Prostitution zu einem Job wie jeden anderen gemacht hat, sieht man wachsende Perversionen bei Sexkäufern in Deutschland. Die Praktiken werden gefährlicher mit einem Anstieg von Gewalt gegen Frauen und einem Verlust von Schutz der Frauen. Es gibt ein „Menü“, welches im Internet kursiert, aus dem sich die Sexkäufer aussuchen können, was sie gerne hätten:

  • AF = Algierfranzösisch (Zungenanal) – tongue anal
  • AFF = Analer Faustfick (die ganze Hand im Hintereingang) – Anal Fist Fucking
  • AO = alles ohne Gummi – everything without rubber Braun-weiß = Spiele mit Scheiße und Sperma – play with shit and sperm
  • DP = Doppelpack (Sex mit zwei Frauen) oder: double Penetration (zwei Männer in einer Frau) – Sex with 2 women or double penetration (2 men in one woman)
  • EL = Eierlecken – licking the balls
  • FFT = Faustfick total – Fist Fuck totally
  • FP = Französisch pur (Blasen ohne Gummi und ohne Aufnahme) – blow job without rubber
  • FT = Französisch total doppeldeutig: Blasen ohne Gummi mit Spermaschlucken und seltener: Blasen ohne Gummi bis zum Finale – Blow job without condom and with swallowing the sperm.
  • GB = Gesichtsbesamung (manchmal auch Gangbang, also Gruppensex, aber mit deutlichem Männerüberschuss) Ejaculating into the face.
  • GS = Gruppensex – Group Sex.
  • Kvp = Kaviar Passiv (Frau lässt sich anscheißen) – Man shits on woman
  • SW = Sandwich, eine Frau zwischen zwei Männern – one woman between 2 men tbl, = tabulos, ALLES ist erlaubt – without taboo, everything permitted.
  • ZA = Zungenanal (am / im Hintereingang lecken) – licking the anus.

 

Wenn man das liest, brauche ich keine weiteren Studien um festzustellen, ob Prostitution ein normaler Service/Job ist oder nicht.

Den After eines fremden Menschen zu lecken ist kein Job.

Wir müssen dieses Nichtwahrhabenwollen stoppen.

Wie kann eine Frau so etwas aushalten? Das ist die Frage, die wir uns stellen müssen.

Hier ist ein Auszug von dem, was Michaele Huber, eine deutsche Traumaexpertin, dazu sagt:

  • „Um einem fremden Menschen zu erlauben, seinen Körper penetrieren zu lassen, ist es nötig, einige natürliche Phänomene abzuschalten wie: Angst, Scham, Ekel, Fremdheit, Verachtung, Selbstverachtunng.
  • An dessen Stelle treten Gefühle wie Gleichgültigkeit, Neutralität, eine funktionelle Vorstellung von Penetration oder eine Umdeutung des (Geschlecht-) aktes in einen Job oder Service.
  • Viele Frauen in der Prostitution haben gelernt abzuschalten, entweder durch sexuelle Gewalt oder Vernachlässigung in der Kindheit.

Wenn wir uns nun die Voraussetzungen ansehen, die in die Prostitution führen, müssen wir begreifen, dass die Mehrheit der Frauen dort schlimme Formen von Gewalt in ihrer Kindheit erlebt haben.

Es gibt 3 Studien: eine von Melissa Farley, die anderen beiden sind aus deutschen Forschungsinstituten. Ihnen ist zu entnehmen, dass sexuelle Gewalt und physische Gewalt herrschend sind.

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Was richtet also ein Trauma bei einem Menschen an?

Das hier ist ein Satz, an den ich mich erinnere, von einer Frau, die 9/11 überlebt hatte und im deutschen Fernsehen interviewt wurde:

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„Ich habe 10 Jahre gebraucht um zu verstehen, dass ich kein Opfer mehr bin, sondern eine Überlebende.“

Sie ging nachhause und hat sich gewaschen, sie hat sich von dem ganzen Staub auf ihrer Haut befreit, aber es gab etwas in ihrem Gehirn, wovon sie sich nicht befreien konnte. Und zwar hat sie eine Posttraumatische Belastungsstötung entwickelt.

Studien haben ergeben, dass eine Posttraumatische Belastungsstörung bei Frauen in der Prostitution sehr gängig ist.

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Deswegen möchte ich Ihnen zunächst erklären, was eine „einfache“ Posttraumatische Belastungsstörung ist.

Ein Trauma ist eine Verletzung, welche

  • das Gehirn
  • den Körper
  • das Verhalten /Beziehungen
  • die Psyche

betrifft.                                     

Ich möchte Ihnen zuerst die Neurobiologie eines Traumas erklären.

Hier sehen Sie die Teile des Gehirns, welche bei einem Trauma betroffen sind:

 

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  • der präfrontale Kortex
  • das „alte Gehrin“
  • das limbische System mit der Amygdala und dem Hippocampus

 

Der präfrontale Kortex hat die Funktion zu verstehen und in der jeweiligen Situation zu sein, Entscheidungen zu treffen, an die Vergangenheit zu erinnern, zu reagieren, zu beruhigen.

Das „alte Gehirn“ hat die primitiven Funktionen: es ist unser autonomes Nervensystem, welches unsere Organe aktiviert um uns am Leben zu erhalten. Es beschleunigt unseren Herzschlag, es lässt uns schneller atmen, etc…

Die Amygdala ist unser Alarmsystem, sie hat 2 Funktionen:

  • sie scannt durchgehend unsere Umgebung danach, ob uns jemand umbringen möchte und ob wir in Gefahr sind, sie kann Hormone produzieren, die uns in eine Lage versetzen, welche es uns ermöglicht zu überleben, indem dadurch dann eine „Kampf oder Flucht Reaktion“ folgt.
  • Sie ist auch ein Gedächtnis, wenn wir uns daran erinnern müssen, was gefährlich für uns war.

Der Hippocampus stellt Erinnerungen/das Gedächtnis her. Wenn also Informationen kommen, dann organisiert, verteilt und speichert er sie.

Wenn sich nun jemand in einem Stresszustand befindet, gibt die Amygdala Alarm und sendet Informationen an unseren Körper, die Hormone produzieren, so dass wir uns wehren oder fliehen oder erstarren können:

4 Hormone sind hier involviert:

  • Adrenalin, welches unseren Körper in eine Lage versetzt, in der er fliehen oder sich wehren kann um am Leben zu bleiben
  • Cortisol, welches uns Energie gibt um diese Kampf/Flucht-Reaktion auszuführen

Und die anderen 2 Hormone sperren den Schmerz:

  • Opioide, sie sind natürliche Morphine. Sie schützen uns vor Schmerz, blockieren aber auch alle anderen Gefühle. Es kann also passieren, dass Frauen, die vergewaltigt werden und über das sprechen, was ihnen passiert ist, ohne Emotionen erzählen.
  • Oxytocin: es fördert gute Gefühle, auch um Schmerz zu blockieren. Der Körper wird in einen Zustand versetzt, in dem wir uns gut fühlen. Menschen können dadurch ein Trauma schildern und dabei lächeln. Das kann unglaublich verwirrend sein und erklärt wohl auch die hohe Anzahl an Reviktimisierungen. Prostitution kann ein selbstverletzendes Verhalten sein um zu versuchen inneren Schmerz zu verringern.

Opfer eines Traumas weisen also eine gemischte Kombination dieser Hormone auf. Es kann variieren, etc…

Wenn man aber in Gefahr ist und nicht fliehen kann, lässt einen die Hormonkonzentration erstarren. Der präfrontale Kortex wird überflutet von Katecholaminen und man ist handlungsunfähig.

Du weißt, was passiert, aber du kannst es nicht stoppen, du dissoziierst.

Hier können Sie 2 Reaktionen sehen und was sie mit uns anstellen (wenn also in einem Stresszustand die Amygdala Alarm schlägt und Informationen an unseren Körper sendet, die dann Hormone produzieren, sodass wir uns entweder wehren/fliehen können oder erstarren):

  1. Kampf/Flucht Reaktion
  • Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt an
  • Schnelles Atmen
  • Schwitzen
  • Erhöhter Muskeltonus
  • Der Körper bekommt Energie ins Blut (Blutzucker, Fette)
  • Die Schmerzgrenze steigt
  • Das Immunsystem ist hoch aktiviert
  • Die Blutzirkulation ist in vielen Organen, die wir in dem Moment nicht brauchen, herabgesetzt

 

       2. Dissoziation

Wenn der Stress zu heftig wird, wird die Amygdala mit anästethischen Substanzen isoliert:

  • Das Bewusstsein und das Gedächtnis sind betroffen: es fühlt sich an als wäre man in einem Trance-Zustand
  • Das Körpergefühl ist betroffen: Benommenheit, wie ein „neben sich stehen“, in dem man das Geschehen von weiter Weg betrachtet
  • Die Umgebungswahrnehmung ist betroffen: es ist wie durch einen Tunnel zu blicken oder alles im Nebel zu sehen
  • Die Identität ist betroffen: als ob man eine Rolle spielen würde, es herrscht Verwirrung über die eigene Identität, multiple Persönlichkeiten, …

 

Zweite Lektion:

Das System der Prostitution profitiert vom Phänomen der Dissoziation, in welcher die Frauen nicht in der Lage sind sich selbst zu wehren. Sie stellen ihren Körper zu Verfügung und erleiden extreme Gewalt. Diese Frauen werden mehr und mehr traumatisiert.

Das Phänomen der Dissoziation ist keines, welches man an- und ausschalten kann, so wie man sich das gerade wünscht. Die Dissoziation kann bleiben. Es gibt integrative Funktionen, die für längere Zeitspannen unterbrochen werden. Es ist jedes Mal beeindruckend für mich wenn ich sehe wie diese Frauen wieder zurück ins Leben finden. Nach einer erfolgreichen Therapie sagen einige: „Jetzt kann ich Schmerz empfinden“ oder „Ich kann jetzt riechen und Essen hat einen Geschmack“ oder „Jetzt verstehe ich, wer ich bin.“

Wenn es nur dieses Phänomen der Dissoziation gäbe, würden sich die Folgen der Prostitution darauf beschränken, aber es existieren noch die traumatischen Erinnerungen.

Während der Dissoziation sind der Körper und der Kortex größtenteils wie eingefroren, etwa wie unter Anästhesie. Man nimmt Dinge wahr, aber sie werden nicht alle vom Kortex festgehalten. Weil der Hippocampus während eines Traumas nicht richtig arbeitet, können die Informationen und der Kontext des Geschehens nicht genau zugeordnet/gespeichert werden. Deshalb sind Opfer von Traumata nicht immer fähig zu sagen: ,, Das ist mir zu dieser Zeit an diesem Ort passiert.“ Es kommt auch zu Amnesien, Gedächtnislücken. Teile dieser Erfahrung sind an einem anderen Platz im Gehirn gespeichert worden, welches wir als „Trauma-Gedächtnis“ bezeichnen  (ein Teil der Amygdala).

Ich werde Ihnen nun 2 Bilder von 2 Gehirnen eines Paares zeigen, die Opfer eines schweren Autounfalls waren. Es wurde von beiden ein CT gemacht und während der Aufnahmen wurde ihnen die Geschichte ihres Autounfalls erzählt.

Hier sieht man die Reaktion des Mannes, er reagiert mit der „Kampf/Flucht-Reaktion“. Die Frau dissoziiert.

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Es war ein Experiment von Van der Kolk, und er fragte sich, warum eine Person so reagierte und die andere Person, also die Frau, dissoziierte. Als er mit der Frau sprach, stellte er fest, dass sie ein Opfer von Vernachlässigung in der Kindheit war. Sie lernte also sehr früh abzuschalten.

Das bedeutet, dass das Trauma-Gedächtnis voll Informationen steckt, welche die Amygdala jedes Mal in Alarmbereitschaft versetzen, wenn es getriggert wird. Es versetzt einen entweder in die Lage sich wehren/fliehen zu wollen oder zu dissoziieren. Das erklärt die hohe Zahl an Reviktimisierungen unter den Opfern. Sie haben gelernt zu erstarren sobald sie getriggert werden. Sie können sich dann selbst nicht mehr verteidigen oder schützen.

Noch ein paar Worte über das Trauma-Gedächtnis: dieses Gedächtnis funktioniert nicht wie der Kortex. Es ist wie eine Black-Box, zu der wir keinen bewussten Zugang haben und wir auch nicht wissen, dass es existiert. Dieses Gedächtnis sammelt traumatische Erfahrungen komplett durcheinander, ohne ein Gefühl von Zeit und Raum. Es ist nicht semantisch; es hat keine Sprache. Das Gespeicherte kann jederzeit hervorgerufen werden durch bestimmte Trigger, welche das Trauma wieder aufleben lassen: ein Geruch, eine Farbe, ein Geräusch, Bilder, Wörter, Sätze, etc. In diesem Moment löst es eine starke Angst aus, als ob die Person das Trauma in dem Augenblick noch einmal erlebt. Es ist das, was man als „Flashback“ bezeichnet. Diese Reaktionen sind als Posttraumatische Belastungsstörung bekannt. Es ist als hätte man eine explosive Bombe im Kopf.

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Hier habe ich die Symptome einer PTBS aufgelistet. Der Körper fährt in einer Weise fort zu fühlen als ob das Trauma immer und immer wieder passiert. Das Gehirn ist beschädigt und lässt einen denken, dass die Gefahr immer noch da ist, dass sie nicht weg ist.

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Das ist also eine „einfache“ PTBS, einer Person des Trauma Typ 1, wie das Opfer von 9/11.

Was passiert nun, wenn jemand wiederholt traumatischem Missbrauch ausgesetzt ist? Und dieser von Leuten wahrgenommen wurde, die sich eigentlich kümmern sollten? Sie können sich vorstellen, dass das Alarmsystem einer solchen Person dann komplett falsch eingestellt ist und die Funktionen sich zu beruhigen und sich sicher zu fühlen sich nicht entwickelt haben. Viele Studien über PTBS zeigen eine hohe Komorbidität mit anderen psychischen Störungen.

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Opfer von interpersonellem und chronischem Missbrauch stehen unter konstanter Gefahr. Für sie gab es nie einen sicheren Platz, es gab nie eine sichere Person. Sie wissen nicht, was das bedeutet. Diejenigen, die eigentlich helfen sollen, verletzen. So wird das Selbst in Verzicht eingetaucht, in Täuschung, in Schuld, in Demütigung und in Isolation. Die Kinder entwickeln große Gefühle von Scham, weil sie glauben, dass es ihr Fehler ist, was passierte.

Wenn diese Menschen erwachsen sind bekommen sie von Ärtzen viele Diagnosen.

Aber es ist wohl nur eine Einzige (richtige) und sie nennt sich „komplexes Trauma“.

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Seit über 30 Jahren nun fordern Traumaexperten, dass diese neue Diagnose im Klassifizierungssystem akzeptiert wird. Sie wurde abgelehnt beim DSM4 und 2013 wieder abgelehnt für das DSM5. Van der Kolk sagt, dass wir ein irrsinniges Diagnosesystem haben, welches das Leben von Menschen ignoriert. Es bestimmt die Diagnose eines Menschen danach, welche Symptome er aufweist, aber es wird nicht identifiziert, worunter er eigentlich leidet.

Also nochmal:

sich in Stillschweigen hüllen.

 

  1. Menschen mit einem komplexen Trauma haben Schwierigkeiten ihre Gefühle und Impulse zu regulieren. Sie tendieren dazu bei Stress überzureagieren. Sie haben Probleme sich selbst zu beruhigen, weil sie es nicht gelernt haben. Sie werden selbst-zerstörerisch, weil äußerer Schmerz einfacher zu händeln ist als innerer Schmerz: Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, Abhängigkeiten, Prostitution….
  2. Sie haben oft dissoziative Symptome. Die Informationen und Erfahrungen können nicht erzählt werden. Sie können nicht darüber sprechen, was ihnen passiert ist, weil das Gedächtnis nicht integriert ist. Dieses wird zwar ihr Leben weiterhin beeinflussen, aber es kann nicht in Worte gefasst werden. Es existieren keine „Dateien“ im Gehirn dieser Menschen, aufgrund derer sie sagen können, was passiert ist. Ihr Gedächtnis ist zersplittert. Der einzige Weg um zu fliehen, wenn man physisch nicht fliehen kann, ist mit den Gedanken: man dissoziiert. Diese Menschen haben nie gelernt sich zu schüzten, sich zu wehren. Das ist der Grund, warum Reviktimisierung so häufig ist. Eine der stärksten Formen der Dissoziation ist die, bei der man eine multiple Persönlichkeit entwickelt.
  3. Die Art, wie sie sich selbst wahrnehmen wird zerstört. Sie entwickeln Täterintrojekte: sie denken, dass sie nicht liebenswert sind, dass sie unfähig und unerwünscht sind. Die Opfer machen sich selbst Vorwürfe, geben sich die Schuld und glauben, dass niemand sie verstehen wird. Sie tragen ein großes Schamgefühl in sich. Nicht nur wegen dem, was ihnen angetan wurde, sondern weil sie denken, dass es ihnen angetan wurde, weil sie sind, wer sie sind.
  4. Veränderungen in der Wahrnehmung zum Täter: sie denken die ganze Zeit an den Täter, sie fühlen sich von ihm kontrolliert und zwar auch dann, wenn er nicht mehr da ist. Sie nehmen die Sicht des Täters ein und betrachten sich selbst aus dieser Sicht, sie geben die ganze Macht dem Täter. Sie binden sich an den Täter, weil Bindung für ein Kind wichtig ist beim Aufwachsen. Sehr oft wird der Missbraucher dann als nette Person wahrgenommen. Viele Opfer von Menschenhandel nennen ihren Zuhälter „Vater“.
  5. Sie haben keine Vorstellung davon, wie eine gesunde Beziehung aussehen kann. Man kann nicht das leben, was man nie gesehen hat. Deswegen bekommen sie oft die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung, die man Borderline nennt.
  6. Chronisches Trauma beeinträchtigt auch den Körper. Häufig leiden diese Menschen an Somatisierung.

 

In der Therapie vermitteln wir diesen Frauen Fähigkeiten zum Selbst-Management. Wir verleihen jenen Dingen Worte, die verborgen worden sind, wir decken Lügen auf.

Wir weinen.

Wir zeigen ihnen, dass eine andere Art von Beziehung möglich ist.

Die Dynamik von Prostitution und Trauma besteht darin, dass man keine Wahl hat.

Wenn man aber versteht, was passiert ist und was mit einem selbst vorgegangen ist öffnet sich eine Tür, die einem die Möglichkeit gibt zu sagen: „Ich habe eine Wahl“.

 

Vielen Dank!


 

Zum Abschluss möchte ich noch einen Einleitungssatz von Frau Dr. Kraus übersetzen, den sich jeder zu Herzen nehmen sollte.

This is also an important message to you: Don´t keep silent, raise your voice, because if we keep silent, we become part of the perpetrator´s system and dishonor the victims.

Das hier ist auch eine wichtige Nachricht an Sie: Schweigen Sie nicht, erheben Sie ihre Stimme, denn wenn wir schweigen, dann werden wir ein Teil dieses Täter-Systems und erkennen die Opfer nicht an.

 Quelle: www.trauma-and-prostitution.eu/

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2 Kommentare

  1. Hat dies auf Missbrauch, Folgen und der Weg rebloggt und kommentierte:
    Vor einigen Tagen hatte ich SurvivorOfProstitution darum gebeten, solch wichtige Texte bitte – möglichst – auf Deutsch zu übersetzen. Weil auch ich sie gerne lesen können möchte.

    Und weil es vermutlich noch vielen anderen geht wie mir – dass einfach die Englischkenntnisse nicht ausreichen.
    Ich möchte diesen (übersetzten) Text hier gerne rebloggen – damit ihn noch viele andere lesen können.

    Lesen können, wie ich – die sich erinnert an die vielen
    „Das bildest Du dir nur ein.“;
    „Du irrst dich.“;
    „Deine Gefühle sind falsch.“;
    „Jetzt reiß dich doch endlich einmal zusammen.“;
    „Übertreib nicht so dermaßen.“
    und
    „So schlimm kann das doch garnicht gewesen sein. Du lebst noch.“

    Ich danke dir von ganzem Herzen, liebe SurvivorOfProstitution, für deine Zeit und Geduld; deinen Schmerz und deine Erinnerung, um diesen Text zu übersetzen.
    Herzliche Grüße, Luise

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