Monat: Mai 2017

Prostitution und Frei Werden

 

If you hear the dogs, keep going. If you see the torches in the woods, keep going. If there’s shouting after you, keep going. Don’t ever stop. Keep going. If you want a taste of freedom, keep going.

– Harriet Tubman –

Vor kurzem war ich an einem Ort, der mein Leben stark geprägt hat.

Ich war in meiner größten Leidensstadt.

Ich war in jener Stadt, in der damals mit der Prostitution alles anfing.

Als ich vor ein paar Tagen dort war, zum ersten Mal seit ich aus der Prostitution raus bin, hatte ich einen konfrontationsreichen Tag. Ich fuhr mit dem Zug hin und als ich ausstieg und auf dem Gleis stand fühlte ich sofort diese Verlorenheit von früher. Bereits bei meiner Ankunft an diesem Bahnhof war ich konfrontiert mit jener Atmosphäre der Hilflosigkeit und Verzweiflung, die ich damals verspürte, als ich immer öfter, um von zuhause zu fliehen, nach der Schule am Wochenende mit dem Zug in diese Stadt fuhr, wo mich mein Zuhälter an genau dem Bahnhof abholte, nachdem ich ihn zuvor im Internet kennengelernt hatte. Wo er mich in die Bordelle mitnahm, ich nach und nach in diesem Leben versumpfte. Ich war konfrontiert mit jenem Bahnhof, auf dessen Bänken ich nachts auch geschlafen habe, in dessen Hallen und Eingängen ich orientierungslos umherirrte, Besoffene und Aggressive allgegenwärtig waren.

Ich erinnerte mich auch an den Tag, an dem ich von zuhause ausgezogen bin, zu besagtem Zuhälter zog, in dem Glauben, mein Leben würde besser werden, mein Leid geringer – ich erinnerte mich, wie er mich an besagtem Tag von diesem Bahnhof abholte und auch daran, dass ich Ungewissheit, Zweifel und Angst verspürte, weil ich nicht wusste worauf ich mich einließ – all das aber verdrängte, weil ich keine andere Möglichkeit sah.

Ich erinnerte mich, dass sich mein Leben von diesem Zeitpunkt an drastisch veränderte, ich bald darauf die Schule in der 13. Klasse kurz vor dem Abitur abbrach und Vollzeitprostituierte wurde.

Als ich nun also vor ein paar Tagen in dieser Stadt war, war ich auch im Rotlichtviertel unterwegs (natürlich nicht um zu „arbeiten“), sah besoffene Freier und Prostituierte, die hinter Glasscheiben standen, aus den Fenstern schauten. Ich erinnerte mich dabei an das Leid, welches ich empfand als ich in diversen Clubs als Prostituierte mein Dasein verfristete und unzählige Freier „bediente“ – ja, ich konnte das Leid in dieser Umgebung fühlen, spüren, als wäre es in der Luft. Lauter schreiende Seelen, die verloren sind, die gebrochen sind, die dem Rotlichtmilieu ausgeliefert sind. Am liebsten hätte ich die Frauen eingepackt und mitgenommen, ihnen die Möglichkeit gegeben dieses Gewalt – und Lügensystem zu verlassen und anzufangen ZU LEBEN.

All diese Erinnerungen und Eindrücke waren aufreibend, aber unglaublich wertvoll. Als ich im Zug auf dem Nachhauseweg saß dachte ich viel nach. Über das, was ich in der Prostitution verloren habe. Und darüber, wie viele liebe Menschen ich durch dieses System zugrunde gehen sah – wie viele immer noch zugrunde gehen.

Vor einiger Zeit habe ich schon einmal von einer ungarischen Frau erzählt, einer ehemaligen Prostituierten, die mir sehr geholfen hat. Allerdings ist sie keine ehemalige Prostituierte, weil sie ausgestiegen ist, sondern ehemalig deshalb, weil sie tot ist.

Die unten auf dem Foto abgebildete Kette gab sie mir im Bordell als es mir sehr schlecht ging. Ich habe das Bild noch genau vor Augen. Sie sagte zu mir, die Kette wird auf mich aufpassen. Abergläubisch bin ich nicht, aber eines steht fest: ich hatte gute Schutzengel… Jedenfalls lebte ich jahrelang nur aus Tüten und Koffern, aber diese Kette habe ich immer noch. Sie hat mich durch all die Umzüge und Hindernisse begleitet – und ich muss zugeben: nicht, weil ich während dieses ganzen Theaters besonders gut auf sie geachtet hätte, sondern weil sie irgendwie immer wieder zwischen meinen Sachen aufgetaucht ist. Einige Dinge habe ich an verschiedenen Orten zurückgelassen, weil ich sie nicht transportieren konnte; aber dieses Geschenk ist noch da, auch wenn die Figur vorne dran bereits abgegangen ist.

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Die Kette erinnert mich an all das unertragbare Elend und die schluchtentiefen Abgründe, welche ich in der Prostitution gesehen und erlebt habe. Sie erinnert mich daran, dass mir meistens Menschen halfen, welche selbst nicht viel hatten. Und sie gibt mir Kraft. Für mich hat diese Kette trotz ihres „INRI“-Zeichens keine religiöse Bedeutung, für mich ist sie einfach ein Geschenk einer sehr lieben Frau, die nun im Gegensatz zu mir nicht mehr die Chance hat, ein Leben nach der Prostitution führen zu können. Wenn ich diese Kette anschaue und mich mit ihr zurück erinnere, weiß ich umso mehr, dass es nötig ist, Widerstand gegen das Gewaltsystem der Prostitution zu leisten. Jede Stimme zählt, egal wie laut oder leise, egal wie wirkungsvoll oder nicht – hauptsache es sind Stimmen da und werden immer mehr.

Als ich nach besagtem Stadtrip dann wieder zuhause ankam und meine Haustür aufschloss, glitt mir ein ganz großes Lächeln übers Gesicht, denn meine vier Wände waren da, mein Bett, mein Kühlschrank… – ich habe ein ZUHAUSE, welches ich so lange Jahre nicht hatte. Ich kann SEIN ohne Bedingungen erfüllen zu müssen, ich habe Ruhe, Stille, einen Rückzugsort, den ich zuvor nie wirklich hatte. Einen Platz, an dem ich allein sein und Energie tanken kann. Ich muss nirgends mehr zwischen Besoffenen und Freiern rumirren, muss nachts nicht mehr verloren durch die Straßen laufen, nicht in einem Bordellzimmer schlafen, in dem es noch nach Kondomen, Sperma und Schweiß stinkt.

Ich habe ein zuhause. Und ich freue mich so unglaublich darüber, dass ich diesen Satz 100 Mal aufschreiben könnte.

Es gibt nichts Schöneres und viele Menschen nehmen das für selbstverständlich, doch das ist es nicht.

Es war sehr wichtig, dass ich wieder in dieser Stadt war – als ich diese Region damals verlassen habe, wollte ich nie wieder zurückkommen. Doch manchmal ist es bedeutsam an Orte zurückzukehren, die man eigentlich für immer meiden wollte. Seit meinem Ausstieg und der Erfahrung mit den Pferden habe ich gemerkt, dass es manchmal direkte Konfrontation braucht, dass es essenziell ist, Dinge nicht zu verdrängen, sondern ihnen geradewegs in die Augen zu blicken, auch wenn es in dem Moment schwierig ist oder das Standhalten unmöglich zu sein scheint – denn dieser Weg der Konfrontation ist ein Weg der Authentizität, was bedeutet, ein Weg der Freiheit und Einheit seines Selbst.

Viele Prostituierte sind gefangen – nicht nur in der Prostitution, sondern auch im Leben danach. Sie schämen sich für das, was passiert ist. Sie denken, dass sie und ihre Geschichte etwas Unwertes, etwas Unwürdiges, seien, was man vor der Gesellschaft verbergen muss. Sie leben verdeckt in Angst, so dass möglichst keiner ihre Geschichte rausfindet. Sie wurden in der Prostitution Opfer eines Systems, welches sie ausbeutet, Opfer einer Gesellschaft, welche das zulässt – und wenn sie es denn irgendwann schaffen dieses System zu verlassen, dann bleiben sie weiterhin gebrandmarkt, verstecken sich, müssen aus Angst vor Ächtung lügen und leugnen wo sie waren, können nicht sie selbst sein, deshalb in gewisser Weise das System nie komplett verlassen, obwohl sie physisch draußen sind. Sie bleiben Sklavinnen ihrer demütigenden und tristen Vergangenheit. Sie bleiben unfrei.

Der Prostitution aber zu entkommen, eine derart traumatisierende Odyssee hinter sich zu lassen, nach unzähligen, hunderten, tausenden, zehntausenden Penetrationen von wildfremden Menschen noch aufrecht gehen zu können, denken und fühlen zu können, ist ein Sieg, ein unsagbarer Kraftakt und jede Prostituierte sollte stolz darauf sein können, dass sie diesem System entkommen konnte – und sich nicht für die Gewalt schämen müssen, die ihr widerfahren ist, nicht Sklavin ihrer erlebten Knechtschaft bleiben müssen!

Sie sollte sich zeigen, respektiert und somit frei werden können und zwar als jemand, den man nie in ihr gesehen hat – als Mensch, dessen Würde unantastbar ist!

Das gilt im Übrigen auch für die wenigen Männer, die in der Prostitution tätig sind.

Was mir dieser Tag und vor allem der Aufenthalt im Rotlichtviertel vor allem erneut vor Augen führten war, dass es nötig ist, dagegenzuhalten. Die Verharmlosung, Verherrlichung und Entmenschlichung in der Prostitution nicht hinzunehmen. Es muss aufhören. Dieser Gedanke, Prostitution wäre eine Arbeit, muss aus den Köpfen von noch viel mehr Menschen verschwinden.

Unterstützt diese wunderbare, unten verlinkte, Kampagne. Macht mit, um noch mehr Menschen aufzurütteln, um noch mehr Veränderungen herbeiführen zu können.

Wie Harriet Tubman es sagen würde:

If you want a taste of freedom, KEEP GOING!

#ROTLICHTAUS – Die Dachkampagne gegen Sexkauf

 

 

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