Monat: September 2017

Vortrag einer Traumatherapeutin

 

Ich möchte einen Vortrag von Dr. Ingeborg Kraus teilen. Sie findet deutliche Worte und hat eine klare Haltung.

Leider haben die meisten Menschen in unserer Gesellschaft zum Thema Prostitution keine klare Haltung, viele Menschen haben sogar überhaupt keine Haltung dazu. Vorher sah ich mir das TV-Duell von Angela Merkel und Martin Schulz an sowie die darauffolgende Sendung von Anne Will, in der über das Duell diskutiert wurde. Themen waren u.a. Migration, Integration, die Türkei, Rente, etc…

Alles wichtige Dinge, aber immer wieder frage ich mich: was ist mit den abertausenden an Menschen in der Prostitution, in unserem Land, die täglich Unerträgliches an Leid erleben?

Wir haben hier in Deutschland eine humanitäre Katastrophe was die Prostitution angeht, und ich meine wirklich eine HUMANITÄRE KATASTROPHE, und keiner sieht es, manchmal frage ich mich, ob es keiner sehen möchte. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, 6 Jahre lang, und es macht mich wirklich traurig, dass in unserer Politik so wenig getan wird, sich damit so wenig auseinandergesetzt wird.

Ja, es gibt jetzt das neue Prostituiertenschutzgesetz – und nun? Wartet man erstmal die Evaluation ab? Wo sind die vielen wichtigen und ernsthaften Ausstiegshilfen? Ganz egal ob man für ein Sexkaufverbot oder lediglich Reglementierungen ist, es braucht diese Ausstiegshilfen. Wo sind sie?

Leider wissen viele Menschen da draußen nicht, dass die meisten Prostituierten keine Zeit haben abzuwarten. Sie haben schlicht keine Zeit, denn sie gehen da draußen jeden Tag mehr und mehr zugrunde.

Hier nun der Vortrag.

 

Keine einzige etablierte Partei nimmt eine klare Stellung zur Prostitution ein. Das ist eine Schande!

Von Dr. Ingeborg Kraus. 

 

Diese Rede wurde in Saarbrücken am 02.09.2017 auf der Fachtagung „Warum Männer zu Prostituierten gehen?“ gehalten (und ergänzt).

Ich bedanke mich sehr bei Hadassah[2], auf dieser wichtigen und hochkarätigen Veranstaltung sprechen zu dürfen und etwas über die Schäden durch die Prostitution zu sagen, da dieser Aspekt, sowie die Gewalt in der Prostitution bei den Evaluationen des deutschen Ansatzes gezielt ignoriert wurden[3].

Kurz etwas zu der Realität in der Prostitution:

„Hallo zusammen! Neugierig und fickgeil wie ich nunmal bin, habe ich es mir nicht nehmen lassen, diesen Online-Dienst anzurufen, um mal nach Laura zu fragen. Tatsächlich hätte sie angeblich bei meinem Anruf um 20 Uhr abends nur knappe 30 Minuten um bei mir zu sein! Wow, na dann auf, und Laura bestellt. Tatsächlich exakt nach 25 Minuten klingelt es an meiner Wohnung und Laura steht vor der Tür. Fotos 100% Original. In echt meiner Meinung nach sogar noch hübscher. Sie spricht halt kein einziges Wort Deutsch, aber ich wollte ja eh nur ficken. Also 120,–€ hingelegt, ausgezogen, ab in die Kiste und Laura aufgefordert sich auf den Rücken zu legen, damit ich missionarsmäßig zur Besamung loslegen kann. Ich nahm ihre Beine und legte sie über die Schulter, drückte dabei die Beine soweit nach unten wie es ging, um die ganze Besamungsaktion besser im Blickfeld zu haben. Sie versuchte mehrmals, meine heftigen Stoße abzufedern indem sie mit den Händen gegen meine Oberschenkel drücken wollte, nur ich ließ ihr keine Chance, denn wenn ich am zustoßen bin, dann ohne Kompromisse und dann wird gnadenlos tief und kräftig durchgezogen, bis die Kleine vollgepumpt ist.“ (Tabulosforum, Eintrag[4] vom 19.03.2009)

„Also ich hatte vor ner Zeit die Anna vor dem Hammer, ne heiße Schnecke war´s schon, ohne Gelaber richtig tief eingelocht. Danach raus, rumgedreht die Maus und von hinten richtig tief rumgenudelt. Die Kleine hat richtig die Augen verdreht dabei und zum Glück hab ich ihre Beine vorher leicht an dem Bettgestell fixiert, so dass ihre Beine schön auseinander waren. Dann kurz vorm Abschluss raus und in ihren Rachen entsorgt bis zum letzten Tropfen.

Was die Telefon-Madam betrifft, kann ich nur sagen „sollte mal ne Fortbildung in Sachen Kundenfreundlichkeit nehmen, ihr musste man alles zweimal fragen. Weil die Frauen bei KE sind sehr mechanisch, dafür aber richtige Abfickhuren, so wie es man sich halt manchmal wünscht.“ Smiley, Smiley, Smiley,…. (Tabulosforum[5], Eintrag vom 28.11.2009)

„Sehr geil! Dann können wir die geile Stute auch schwanger AO reiten!“

„Ja die Kleine steht “leider” irgendwie daneben! Lass du dich mal täglich von ca. 30 Typen bumsen und besamen… und das Crystal gibt ihr den Rest.“

„Super-Bilder! Da muss sie aber in der Nacht davor ordentlich durchgezogen worden sein, so rot wie ihre Muschi ist!“

„Hi Leute, auch ich war heute mal bei der (ist absolut nicht böse gemeint) schwangeren Mülltonne “S.” und habe diese (so gut es ging) schön und innig besamt. Das Mädchen ist nur wie bereits erwähnt hochschwanger (im Februar kommt das Kind raus und weg sagte sie) und leider wirklich heftigst drauf und so krass verpeilt, dass man sich eigentlich gar nicht richtig aufs ficken konzentrieren kann. (man kann sich auch nur sehr schwer mit ihr unterhalten). Sie ist trotz allem sehr nett und ich habe viel mit ihr gelacht, wir hatten beide unseren Spaß, aber irgendwie tut sie mir irgendwo leid. Ich werde sie die Tage auf jeden Fall nochmals besuchen…“

„War gestern auch dort und habe mich nach ihr umgeschaut, aber in dem Zimmer wo sie vorher war, ist jetzt eine etwas molligere Türkin… hat sich dann nach Absprache für 25€ ohne Ficken besamen lassen.  (Eintrag[6] über ein Bordell im Frankfurter Bahnhofviertel, das Bordellführungen anbietet um den Bürgern zu zeigen, dass dort alles in Ordnung sei)

Das passiert in Deutschland. Und es ist legal. Und es wird weiterhin passieren, auch mit dem neuen ProstituiertenSchutzgesetz. Ganz legal, staatlich abgesegnet.

Ja, meine sehr verehrten Damen und Herren, wie geht es denn den Frauen dabei? Wie fühlt sich ein Mensch, der zu einem Stück Fleisch reduziert wird, als ein Sexobjekt benutzt und in allen Körperöffnungen penetriert wird?

Mich fragen oft Reporter ungläubig, ob es den Frauen wirklich schlecht gehe in der Prostitution. Sie wollen Diagnosen hören. Viele Frauen weisen in der Tat posttraumatische Belastungsstörungen auf, aber nicht nur: Sucht, Angst- und depressive Störungen sind häufig. Welche Diagnose gibt man einer Frau, die keinen Schmerz mehr spürt, wenn man diese Dinge mit ihr tut? Wir haben es hier mit multiplen Traumafolgestörungen zu tun.

Sandra Norak, eine Ex-Prostituierte, drückt es mit folgenden Worten aus[7]: Für die Abspaltung des Empfindens, die „Unerträgliches erträglich macht“, kennt sie jetzt den Fachbegriff: Dissoziation. Aus der Literatur über Trauma und Prostitution lernte sie über sich: „Als Kind dissoziierte ich schon im Umgang mit meiner psychisch kranken Mutter. Ich fing auch an, mich selbst zu verletzen. Der Schritt zur Prostitution ist dann kein großer mehr. Dort schaltete ich weiter automatisch ab, um die Worte und die Handlungen der Freier ertragen zu können. Später brauchte ich Alkohol, um meine Panikattacken mit Atemnot vor jedem Zimmergang zu stoppen.“

 Direkt nach dem Ausstieg war ihr Körper wie taub, ihr war ständig schwindelig, sie stotterte und konnte keinen Gedanken zu Ende bringen. „Es war alles durch die Prostitution bedingt“, sagt sie. Norak hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen. „Sich von fremden Menschen tagtäglich penetrieren zu lassen erfordert einen Schutzmechanismus des Gehirns, um dabei abschalten zu können. Diesen Mechanismus wurde ich lange Zeit nicht los. Ich hatte verlernt, im Augenblick zu bleiben.“ Sie blieb weiterhin innerlich auf der Flucht, auch wenn die aggressive Umgebung nicht mehr da war.

In der Tat, internationale Forschungsergebnisse weisen auf, dass zwischen 60 und 68% der Frauen die Kriterien einer schweren PTBS erfüllen[8]. 70-95% der Frauen wurden in der Prostitution körperlich angegriffen. 65 bis 75% wurden in der Prostitution vergewaltigt. 65-95% wurden als Kinder sexuell misshandelt. 82% nannten Formen von psychischer Gewalt und 92% hat sexuelle Belästigung erlebt[9]. Es gibt keinen anderen „Beruf“ auf dieser Welt, der so gefährlich ist: die Sterberate liegt bei Frauen in der Prostitution um ein Vierzigfaches über dem Durchschnitt[10]. In keiner anderen Berufsgruppe liegt die Mortalität so hoch wie bei Prostituierten. Die Todesursachen reichen von Mord bis zu Unfällen, von Drogenmissbrauch bis zu Alkoholismus.

Gewalt ist Bestandteil der Prostitution.

Ich möchte darauf hinweisen, dass die psychischen Schäden bei Frauen, die noch in der Prostitution tätig sind, oft nicht einfach zu erheben sind. Die Dissoziation kann sehr unterschiedliche Formen einnehmen. Der seelische Schmerz wird oft erst zugänglich für die Frauen, wenn sie den Weg aus der Prostitution finden und ihnen erst bewusst wird, was ihnen angetan wurde.

Ein Beispiel:

Vor kurzem erhielt ich folgenden Brief von dem Ehemann einer ehemalig prostituierten Frau: „Meine Frau hat bis zu ihrem 27. Lebensjahr ihr Geld ganz oder teilweise mit Prostitution verdient. Kurz bevor wir uns kennenlernten, ist sie ausgestiegen und hat diese Zeit bis heute äußerst erfolgreich verdrängt, so dass diese Zeit in unserem Leben eigentlich keine Rolle spielte und sie sagte, sie hätte mit diesem Lebensabschnitt komplett abgeschlossen. Vor ein paar Wochen hatten wir eine tiefe Ehekrise. Meine Frau entwickelte daraufhin ein Alkoholproblem und musste stationär behandelt werden. Bei der Eingangsanamnese wurde ein schwere PTBS diagnostiziert, die durch die Prostitution entstanden sei. Meine Frau konnte es nicht annehmen, da sie sich frei für die Prostitution entschied und als Gegenleistung Geld erhielt. Mit dem Geld sei die Gegenleistung aus ihrer Sicht abgegolten gewesen. Nun ist es aber so, als wenn bei meiner Frau eine alte vergessene Wunde aufgerissen wurde und das Blut hinaus schießt.“  Es kam zu einem Telefongespräch zwischen uns und ich sagte ihr, dass das Geld nichts rein wäscht und sie diese Schmerzen empfinden darf. Ihr Zustand stabilisierte sich daraufhin.

Hier möchte ich ein Beispiel sekundärer Traumatisierung darstellen:

Das ist was ein Ehemann schrieb, der auf die heutige Veranstaltung aufmerksam wurde: „Es gibt noch einen in der Öffentlichkeit bisher völlig vernachlässigten, nicht destotrotz in seiner Wirkung verheerenden Aspekt, der ebenfalls mit psychischer Gewalt gegen Frauen zu tun hat, und zwar gegen die Frauen, die von ihren Männern mit Prostituierten betrogen wurden und deren komplette Welt von einem Tag auf den anderen völlig aus den Angeln gehoben wurde. Meine Frau hat im Zuge der schockartigen Aufdeckung meiner jahrelangen Aktivitäten heftige Herzrhythmusstörungen entwickelt und litt anfangs stark unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Es gibt eine Plattform, die sich dem Thema Prostitution aus Sicht der betroffenen betrogenen Frauen verschrieben hat, sie heißt: „das Schweigen brechen“. Den anderen betroffenen Frauen, die sich dort austauschen, ging es teilweise ähnlich.“

Prostitution betrifft uns alle! Eine Studie in Frankreich, an der Grenze zu Spaniens „Jonquera“, zeigt, wie Prostitution das Verhalten in der Gesellschaft beeinflusst: Junge Frauen sehen sich z.B. unter Druck gesetzt sexuelle Handlungen, die sie nicht wollen, von ihren Partnern zuzulassen und/oder sich freizügiger zu kleiden. Diese Auswirkungen kann ich ebenfalls in Deutschland feststellen, da immer mehr junge Frauen meine psychologische Praxis aufsuchen, weil sie Angst haben nicht mehr „sexuell leistungsstark“ zu sein.

Jetzt werden Sie mir sagen: „Frau Dr. Kraus, sie haben ja wirklich nur die Schattenseiten der Prostitution dargestellt. Es gibt doch auch die „netten“ Freier“.

Das ist ein Verleugnungs-Mechanismus, der bekannt ist. In ihrer Studie über die französischen Sexkäufer stellt Legardinier[11] fest, dass es den Männern ein wichtiges Anliegen ist, sich von den „perversen Freiern“ abzugrenzen. Sie wollen sich als die „Guten“ verstehen. Mittlerweile sprechen aber mehr und mehr Aussteigerinnen über ihr Erleben in der Prostitution und räumen mit dem Mythos „des netten Freiers“ auf. Huschke Mau nimmt alle Freier in die Verantwortung und stellt nach zehn Jahren Prostitution fest: „Alle Freier sind Täter![12] Und was alle Freier gemeinsam haben, so Mau, das ist ihre Gleichgültigkeit[13]: „Freier sehen Prostituierte nicht als Frauen, sie sehen nur das Objekt, den Körper, eventuell noch das schmückende Beiwerk. Die Frau, deren Rechte, deren Willen und Gefühle sind ihnen schlichtweg gleichgültig“. Rachel Moran[14] muss nach sieben Jahren Prostitution und einer langen Zeit der Rekonstruktion feststellen, dass der gewalttätige Sexkäufer eigentlich ehrlicher mit ihr umgegangen sei als derjenige, der so getan hat, als wolle er sanft und gut mit ihr sein. Letztendlich sei es jedes Mal eine bezahlte Vergewaltigung gewesen. „Ich hatte einen, sagt Huschke Mau, der wollte dauernd Händchen halten und mit mir danach essen gehen. Die Termine waren der Hass, weil sie so lange dauerten, auch im Bett. Das war einer von diesen „netten“ Kunden, und die wollen meistens „Girlfriend-Sex“, das heißt, sie wollen Nähe, Intimität, Schmusen, Küssen, den ganzen Kram, und das ist anstrengend, weil es persönliche Grenzen überschreitet, weil man noch mehr schauspielern muss, und es versaut einem Intimität restlos, eben weil sie restlos eingefordert wird. Man darf nichts mehr für sich selber behalten. Indem man auch diese Gesten der Zärtlichkeit imitiert und verkauft, gehören sie einem nicht mehr, sie werden Teil des Entertainerinnenrepertoires und damit bedeutungslos, da abgespalten vom Ich. Hinzu kommt, dass zu dem Gefühl, missbraucht zu werden durch die Freigabe derart intimer Gesten das Empfinden kommt, an dem Missbrauch beteiligt zu sein, sich selbst zu missbrauchen, da kein „harter Kern“ übrig bleibt, der vor dem Freier geschützt wäre. Es ist wie eine Totalauslieferung.“

Eine Bekannte, die in einem Ausstiegsprogramm für Prostituierte arbeitet, sagte mir, dass nur wenige Frauen den Ausstieg erreichen. Die Frauen arbeiten so lange, bis sie körperlich zusammenbrechen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis das passiere.

Warum ist das so, fragte ich mich? Weil man den Willen dieser Frauen gebrochen hat. Diese Frauen sehen keine Zukunft für sich, sie haben keine Träume, keine Identität außerhalb der Prostitution. Sie sind auf dieses konstruierte Wesen der „Prostituierten“ reduziert und finden keinen Weg mehr da raus. Sie sind in ihrem Trauma und ihrer Scham eingesperrt.

„Die jungen Frauen, die nach Deutschland kommen, sind völlig überfordert, komplett traumatisiert. Viele verlangen nach ihren ersten Erfahrungen nach Psychopharmaka und Drogen. Sie sagen, anders sei ‚dieses Geschäft‘ nicht auszuhalten. Manche Frauen sind nur wenige Wochen da und sagen: ‘Ich bin hier gestorben, ich kann nicht mehr lachen‘. Die Frauen sind sehr traumatisiert, sie entwickeln Depressionen, Albträume, körperliche Schwierigkeiten. Sie reagieren psychosomatisch, haben Bauchschmerzen. Sie sind krank und fühlen sich auch krank. Es breitet sich eine ganz große Hoffnungslosigkeit in ihnen aus.“[15]

Dasselbe berichtet auch Jana Koch-Krawczak[16], wenn sie als Streetworkerin in die Bordelle geht. Sie begegnet verwahrlosten Frauen, die den Kontakt zu sich selbst völlig verloren haben. Sie reagieren verängstigt oder apathisch. Es erscheint offensichtlich, dass sie alles andere brauchen als Sex. Aber daneben stehen die Sexkäufer und scheren sich „einen Dreck“ darum. Sie lachen und amüsieren sich.

Wie geht das? Ich stelle mir dieselbe Frage, die sich auch Caroline Emcke in ihrem Buch „Gegen den Hass“ gestellt hat. Ja, wie geht das, die Not der Menschen nicht zu sehen, sondern nur die eigenen Bedürfnisse? Warum gehen Männer zu Prostituierten?

Sie gehen zu prostituierten Frauen, weil sie es dürfen. So einfach ist das. Weil sie denken, ein Recht auf Sex zu haben und dafür Frauen benutzen zu dürfen, und das mit der Absegnung von Kirche und Staat. Die Frau wird in ein sozial konstruiertes Bild eingesperrt, und zwar in das Bild „einer unersättlichen Sexbestie“. Andere Bedürfnisse werden ihr abgesprochen. Sie wird entmenschlicht, sie ist nur noch das. Das erlaubt den Sexkäufern jegliche Form von Skrupellosigkeit, ihr Mitgefühl ist blockiert, an seine Stelle tritt Gleichgültigkeit.

Durch Verdrängungsmechanismen und gedankliche Tricks mogelt sich so die Gesellschaft und die Politik aus der Verantwortung heraus. Die Gewalt wird verleugnet, die Realität ausgeblendet. Und für was das alles?

All das, um ein ganz stark tabuisiertes Thema zu schützen, und zwar die männliche Sexualität und das ihr widerspruchslos zugestandene Recht auf uneingeschränkte Entfaltung. Manche Männer scheinen große Angst davor zu haben keine Frau mehr abzukriegen. Sie erleben es als einen Machtverlust, nicht mehr entscheiden zu können, mit wem sie Sex haben wollen. Anstatt sich etwas für die Frauen zu bemühen und sie als gleichberechtigt zu sehen, wird eine Enklave im Staat errichtet, um ihnen diese Macht weiterhin zu ermöglichen.

Das neue Prostitutions-Schutzgesetz sendet doch weiterhin die falschen Signale, nach dem Motto: Jungs, passt in Zukunft etwas mehr auf, aber macht weiter! Demokratie bedeutet nicht, dass wir machen können, was wir wollen. Unsere Freiheit hört dort auf, wo wir die Grenzen eines anderen Menschen verletzen. Und der Auftrag unserer politischen Vertreter ist, immer auch die vulnerabelsten Mitglieder unserer Gesellschaft im Auge zu halten und sie vor Ausbeutung zu schützen. Es ist eine Schande, dass keine der großen Parteien (1), eine klare Haltung dazu nimmt! Sie sind von dem rasanten Aufstieg der rechts-populistischen Parteien schockiert. Anstatt jedoch die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen um die skandalösen Zustände zu beenden, halten sie den Status Quo aufrecht um nicht negativ aufzufallen und ihre Pöstchen nicht zu gefährden. Sie begreifen jedoch nicht, dass sie mit dieser reform-ängstlichen Politik, die übrigens auch mit allen anderen großen Themen betrieben wird, den Populismus erst recht füttern. Die Gleichgültigkeit gegenüber dieser extremen Frauenverachtung kann nicht mit anderen Frauen fördernden Punkten (Quote oder Lohngleichheit) ausgeglichen werden. Alle etablierte Parteien müssen sich dem Vorwurf stellen, Frauenfeindlichkeit ins Wahlprogramm geschrieben zu haben.

Deutschland, so Manfred Paulus[17], ist durch das Gesetz von 2002 nicht nur zum Bordell Europas geworden, sondern international Drehscheibe für Sexsklavinnen. Das Rotlichtmilieu ist mittlerweile in den Händen der international organisierten Kriminalität. Es wäre naiv zu glauben, dass diese vor den Türen der Bordelle endet. Mit einer Kondompflicht ist die Sache nicht gelöst!

Bei der Prostitutionsfrage geht es um mehr als nur Schadensbegrenzung zu betreiben, es geht um ein neues Gesellschaftsmodell: eine neue Männergeneration soll geschaffen werden, die nicht auf sexuelle Ausbeutung der Frau zurückgreift um sich zu definieren.

„Prostitution ist Gewalt gegen Frauen! Sie festigt und fördert die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, sie ist Symbol männlicher Herrschaft über Frauen sowie kollektiver Entwürdigung von Frauen“.[18] Mit der Schimäre des unkontrollierbaren männlichen Sexualtriebes muss aufgeräumt werden. Männer sollten einen anderen Umgang mit Frustration erlernen.

Es sollte den deutschen Schülerinnen und Schülern das Gleiche vermittelt werden, wie Schülerinnen und Schülern in Frankreich: Dass eine Frau keine Ware ist und sie nicht zur sexuellen Benutzung gekauft werden darf, dass Prostitution verheerende Auswirkungen auf der Welt auslöst, dass Prostitution kein Schicksal oder unvermeidliches Übel ist, keine Freiheit und schon gar nicht ein Beruf. Prostitution verstößt gegen die Menschenrechte und Menschenwürde. Deshalb brauchen wir auch hier in Deutschland ein Sexkaufverbot, denn es gibt kein Recht auf Sex!

 Ich bedanke mich!

Lektorat: Firdes Ceylan

Quelle: Trauma and Prostitution – Scientists For A World Without Prostitution

 

 

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