Vortrag einer Traumatherapeutin

 

Ich möchte einen Vortrag von Dr. Ingeborg Kraus teilen. Sie findet deutliche Worte und hat eine klare Haltung.

Leider haben die meisten Menschen in unserer Gesellschaft zum Thema Prostitution keine klare Haltung, viele Menschen haben sogar überhaupt keine Haltung dazu. Vorher sah ich mir das TV-Duell von Angela Merkel und Martin Schulz an sowie die darauffolgende Sendung von Anne Will, in der über das Duell diskutiert wurde. Themen waren u.a. Migration, Integration, die Türkei, Rente, etc…

Alles wichtige Dinge, aber immer wieder frage ich mich: was ist mit den abertausenden an Menschen in der Prostitution, in unserem Land, die täglich Unerträgliches an Leid erleben?

Wir haben hier in Deutschland eine humanitäre Katastrophe was die Prostitution angeht, und ich meine wirklich eine HUMANITÄRE KATASTROPHE, und keiner sieht es, manchmal frage ich mich, ob es keiner sehen möchte. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, 6 Jahre lang, und es macht mich wirklich traurig, dass in unserer Politik so wenig getan wird, sich damit so wenig auseinandergesetzt wird.

Ja, es gibt jetzt das neue Prostituiertenschutzgesetz – und nun? Wartet man erstmal die Evaluation ab? Wo sind die vielen wichtigen und ernsthaften Ausstiegshilfen? Ganz egal ob man für ein Sexkaufverbot oder lediglich Reglementierungen ist, es braucht diese Ausstiegshilfen. Wo sind sie?

Leider wissen viele Menschen da draußen nicht, dass die meisten Prostituierten keine Zeit haben abzuwarten. Sie haben schlicht keine Zeit, denn sie gehen da draußen jeden Tag mehr und mehr zugrunde.

Hier nun der Vortrag.

 

Keine einzige etablierte Partei nimmt eine klare Stellung zur Prostitution ein. Das ist eine Schande!

Von Dr. Ingeborg Kraus. 

 

Diese Rede wurde in Saarbrücken am 02.09.2017 auf der Fachtagung „Warum Männer zu Prostituierten gehen?“ gehalten (und ergänzt).

Ich bedanke mich sehr bei Hadassah[2], auf dieser wichtigen und hochkarätigen Veranstaltung sprechen zu dürfen und etwas über die Schäden durch die Prostitution zu sagen, da dieser Aspekt, sowie die Gewalt in der Prostitution bei den Evaluationen des deutschen Ansatzes gezielt ignoriert wurden[3].

Kurz etwas zu der Realität in der Prostitution:

„Hallo zusammen! Neugierig und fickgeil wie ich nunmal bin, habe ich es mir nicht nehmen lassen, diesen Online-Dienst anzurufen, um mal nach Laura zu fragen. Tatsächlich hätte sie angeblich bei meinem Anruf um 20 Uhr abends nur knappe 30 Minuten um bei mir zu sein! Wow, na dann auf, und Laura bestellt. Tatsächlich exakt nach 25 Minuten klingelt es an meiner Wohnung und Laura steht vor der Tür. Fotos 100% Original. In echt meiner Meinung nach sogar noch hübscher. Sie spricht halt kein einziges Wort Deutsch, aber ich wollte ja eh nur ficken. Also 120,–€ hingelegt, ausgezogen, ab in die Kiste und Laura aufgefordert sich auf den Rücken zu legen, damit ich missionarsmäßig zur Besamung loslegen kann. Ich nahm ihre Beine und legte sie über die Schulter, drückte dabei die Beine soweit nach unten wie es ging, um die ganze Besamungsaktion besser im Blickfeld zu haben. Sie versuchte mehrmals, meine heftigen Stoße abzufedern indem sie mit den Händen gegen meine Oberschenkel drücken wollte, nur ich ließ ihr keine Chance, denn wenn ich am zustoßen bin, dann ohne Kompromisse und dann wird gnadenlos tief und kräftig durchgezogen, bis die Kleine vollgepumpt ist.“ (Tabulosforum, Eintrag[4] vom 19.03.2009)

„Also ich hatte vor ner Zeit die Anna vor dem Hammer, ne heiße Schnecke war´s schon, ohne Gelaber richtig tief eingelocht. Danach raus, rumgedreht die Maus und von hinten richtig tief rumgenudelt. Die Kleine hat richtig die Augen verdreht dabei und zum Glück hab ich ihre Beine vorher leicht an dem Bettgestell fixiert, so dass ihre Beine schön auseinander waren. Dann kurz vorm Abschluss raus und in ihren Rachen entsorgt bis zum letzten Tropfen.

Was die Telefon-Madam betrifft, kann ich nur sagen „sollte mal ne Fortbildung in Sachen Kundenfreundlichkeit nehmen, ihr musste man alles zweimal fragen. Weil die Frauen bei KE sind sehr mechanisch, dafür aber richtige Abfickhuren, so wie es man sich halt manchmal wünscht.“ Smiley, Smiley, Smiley,…. (Tabulosforum[5], Eintrag vom 28.11.2009)

„Sehr geil! Dann können wir die geile Stute auch schwanger AO reiten!“

„Ja die Kleine steht “leider” irgendwie daneben! Lass du dich mal täglich von ca. 30 Typen bumsen und besamen… und das Crystal gibt ihr den Rest.“

„Super-Bilder! Da muss sie aber in der Nacht davor ordentlich durchgezogen worden sein, so rot wie ihre Muschi ist!“

„Hi Leute, auch ich war heute mal bei der (ist absolut nicht böse gemeint) schwangeren Mülltonne “S.” und habe diese (so gut es ging) schön und innig besamt. Das Mädchen ist nur wie bereits erwähnt hochschwanger (im Februar kommt das Kind raus und weg sagte sie) und leider wirklich heftigst drauf und so krass verpeilt, dass man sich eigentlich gar nicht richtig aufs ficken konzentrieren kann. (man kann sich auch nur sehr schwer mit ihr unterhalten). Sie ist trotz allem sehr nett und ich habe viel mit ihr gelacht, wir hatten beide unseren Spaß, aber irgendwie tut sie mir irgendwo leid. Ich werde sie die Tage auf jeden Fall nochmals besuchen…“

„War gestern auch dort und habe mich nach ihr umgeschaut, aber in dem Zimmer wo sie vorher war, ist jetzt eine etwas molligere Türkin… hat sich dann nach Absprache für 25€ ohne Ficken besamen lassen.  (Eintrag[6] über ein Bordell im Frankfurter Bahnhofviertel, das Bordellführungen anbietet um den Bürgern zu zeigen, dass dort alles in Ordnung sei)

Das passiert in Deutschland. Und es ist legal. Und es wird weiterhin passieren, auch mit dem neuen ProstituiertenSchutzgesetz. Ganz legal, staatlich abgesegnet.

Ja, meine sehr verehrten Damen und Herren, wie geht es denn den Frauen dabei? Wie fühlt sich ein Mensch, der zu einem Stück Fleisch reduziert wird, als ein Sexobjekt benutzt und in allen Körperöffnungen penetriert wird?

Mich fragen oft Reporter ungläubig, ob es den Frauen wirklich schlecht gehe in der Prostitution. Sie wollen Diagnosen hören. Viele Frauen weisen in der Tat posttraumatische Belastungsstörungen auf, aber nicht nur: Sucht, Angst- und depressive Störungen sind häufig. Welche Diagnose gibt man einer Frau, die keinen Schmerz mehr spürt, wenn man diese Dinge mit ihr tut? Wir haben es hier mit multiplen Traumafolgestörungen zu tun.

Sandra Norak, eine Ex-Prostituierte, drückt es mit folgenden Worten aus[7]: Für die Abspaltung des Empfindens, die „Unerträgliches erträglich macht“, kennt sie jetzt den Fachbegriff: Dissoziation. Aus der Literatur über Trauma und Prostitution lernte sie über sich: „Als Kind dissoziierte ich schon im Umgang mit meiner psychisch kranken Mutter. Ich fing auch an, mich selbst zu verletzen. Der Schritt zur Prostitution ist dann kein großer mehr. Dort schaltete ich weiter automatisch ab, um die Worte und die Handlungen der Freier ertragen zu können. Später brauchte ich Alkohol, um meine Panikattacken mit Atemnot vor jedem Zimmergang zu stoppen.“

 Direkt nach dem Ausstieg war ihr Körper wie taub, ihr war ständig schwindelig, sie stotterte und konnte keinen Gedanken zu Ende bringen. „Es war alles durch die Prostitution bedingt“, sagt sie. Norak hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen. „Sich von fremden Menschen tagtäglich penetrieren zu lassen erfordert einen Schutzmechanismus des Gehirns, um dabei abschalten zu können. Diesen Mechanismus wurde ich lange Zeit nicht los. Ich hatte verlernt, im Augenblick zu bleiben.“ Sie blieb weiterhin innerlich auf der Flucht, auch wenn die aggressive Umgebung nicht mehr da war.

In der Tat, internationale Forschungsergebnisse weisen auf, dass zwischen 60 und 68% der Frauen die Kriterien einer schweren PTBS erfüllen[8]. 70-95% der Frauen wurden in der Prostitution körperlich angegriffen. 65 bis 75% wurden in der Prostitution vergewaltigt. 65-95% wurden als Kinder sexuell misshandelt. 82% nannten Formen von psychischer Gewalt und 92% hat sexuelle Belästigung erlebt[9]. Es gibt keinen anderen „Beruf“ auf dieser Welt, der so gefährlich ist: die Sterberate liegt bei Frauen in der Prostitution um ein Vierzigfaches über dem Durchschnitt[10]. In keiner anderen Berufsgruppe liegt die Mortalität so hoch wie bei Prostituierten. Die Todesursachen reichen von Mord bis zu Unfällen, von Drogenmissbrauch bis zu Alkoholismus.

Gewalt ist Bestandteil der Prostitution.

Ich möchte darauf hinweisen, dass die psychischen Schäden bei Frauen, die noch in der Prostitution tätig sind, oft nicht einfach zu erheben sind. Die Dissoziation kann sehr unterschiedliche Formen einnehmen. Der seelische Schmerz wird oft erst zugänglich für die Frauen, wenn sie den Weg aus der Prostitution finden und ihnen erst bewusst wird, was ihnen angetan wurde.

Ein Beispiel:

Vor kurzem erhielt ich folgenden Brief von dem Ehemann einer ehemalig prostituierten Frau: „Meine Frau hat bis zu ihrem 27. Lebensjahr ihr Geld ganz oder teilweise mit Prostitution verdient. Kurz bevor wir uns kennenlernten, ist sie ausgestiegen und hat diese Zeit bis heute äußerst erfolgreich verdrängt, so dass diese Zeit in unserem Leben eigentlich keine Rolle spielte und sie sagte, sie hätte mit diesem Lebensabschnitt komplett abgeschlossen. Vor ein paar Wochen hatten wir eine tiefe Ehekrise. Meine Frau entwickelte daraufhin ein Alkoholproblem und musste stationär behandelt werden. Bei der Eingangsanamnese wurde ein schwere PTBS diagnostiziert, die durch die Prostitution entstanden sei. Meine Frau konnte es nicht annehmen, da sie sich frei für die Prostitution entschied und als Gegenleistung Geld erhielt. Mit dem Geld sei die Gegenleistung aus ihrer Sicht abgegolten gewesen. Nun ist es aber so, als wenn bei meiner Frau eine alte vergessene Wunde aufgerissen wurde und das Blut hinaus schießt.“  Es kam zu einem Telefongespräch zwischen uns und ich sagte ihr, dass das Geld nichts rein wäscht und sie diese Schmerzen empfinden darf. Ihr Zustand stabilisierte sich daraufhin.

Hier möchte ich ein Beispiel sekundärer Traumatisierung darstellen:

Das ist was ein Ehemann schrieb, der auf die heutige Veranstaltung aufmerksam wurde: „Es gibt noch einen in der Öffentlichkeit bisher völlig vernachlässigten, nicht destotrotz in seiner Wirkung verheerenden Aspekt, der ebenfalls mit psychischer Gewalt gegen Frauen zu tun hat, und zwar gegen die Frauen, die von ihren Männern mit Prostituierten betrogen wurden und deren komplette Welt von einem Tag auf den anderen völlig aus den Angeln gehoben wurde. Meine Frau hat im Zuge der schockartigen Aufdeckung meiner jahrelangen Aktivitäten heftige Herzrhythmusstörungen entwickelt und litt anfangs stark unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Es gibt eine Plattform, die sich dem Thema Prostitution aus Sicht der betroffenen betrogenen Frauen verschrieben hat, sie heißt: „das Schweigen brechen“. Den anderen betroffenen Frauen, die sich dort austauschen, ging es teilweise ähnlich.“

Prostitution betrifft uns alle! Eine Studie in Frankreich, an der Grenze zu Spaniens „Jonquera“, zeigt, wie Prostitution das Verhalten in der Gesellschaft beeinflusst: Junge Frauen sehen sich z.B. unter Druck gesetzt sexuelle Handlungen, die sie nicht wollen, von ihren Partnern zuzulassen und/oder sich freizügiger zu kleiden. Diese Auswirkungen kann ich ebenfalls in Deutschland feststellen, da immer mehr junge Frauen meine psychologische Praxis aufsuchen, weil sie Angst haben nicht mehr „sexuell leistungsstark“ zu sein.

Jetzt werden Sie mir sagen: „Frau Dr. Kraus, sie haben ja wirklich nur die Schattenseiten der Prostitution dargestellt. Es gibt doch auch die „netten“ Freier“.

Das ist ein Verleugnungs-Mechanismus, der bekannt ist. In ihrer Studie über die französischen Sexkäufer stellt Legardinier[11] fest, dass es den Männern ein wichtiges Anliegen ist, sich von den „perversen Freiern“ abzugrenzen. Sie wollen sich als die „Guten“ verstehen. Mittlerweile sprechen aber mehr und mehr Aussteigerinnen über ihr Erleben in der Prostitution und räumen mit dem Mythos „des netten Freiers“ auf. Huschke Mau nimmt alle Freier in die Verantwortung und stellt nach zehn Jahren Prostitution fest: „Alle Freier sind Täter![12] Und was alle Freier gemeinsam haben, so Mau, das ist ihre Gleichgültigkeit[13]: „Freier sehen Prostituierte nicht als Frauen, sie sehen nur das Objekt, den Körper, eventuell noch das schmückende Beiwerk. Die Frau, deren Rechte, deren Willen und Gefühle sind ihnen schlichtweg gleichgültig“. Rachel Moran[14] muss nach sieben Jahren Prostitution und einer langen Zeit der Rekonstruktion feststellen, dass der gewalttätige Sexkäufer eigentlich ehrlicher mit ihr umgegangen sei als derjenige, der so getan hat, als wolle er sanft und gut mit ihr sein. Letztendlich sei es jedes Mal eine bezahlte Vergewaltigung gewesen. „Ich hatte einen, sagt Huschke Mau, der wollte dauernd Händchen halten und mit mir danach essen gehen. Die Termine waren der Hass, weil sie so lange dauerten, auch im Bett. Das war einer von diesen „netten“ Kunden, und die wollen meistens „Girlfriend-Sex“, das heißt, sie wollen Nähe, Intimität, Schmusen, Küssen, den ganzen Kram, und das ist anstrengend, weil es persönliche Grenzen überschreitet, weil man noch mehr schauspielern muss, und es versaut einem Intimität restlos, eben weil sie restlos eingefordert wird. Man darf nichts mehr für sich selber behalten. Indem man auch diese Gesten der Zärtlichkeit imitiert und verkauft, gehören sie einem nicht mehr, sie werden Teil des Entertainerinnenrepertoires und damit bedeutungslos, da abgespalten vom Ich. Hinzu kommt, dass zu dem Gefühl, missbraucht zu werden durch die Freigabe derart intimer Gesten das Empfinden kommt, an dem Missbrauch beteiligt zu sein, sich selbst zu missbrauchen, da kein „harter Kern“ übrig bleibt, der vor dem Freier geschützt wäre. Es ist wie eine Totalauslieferung.“

Eine Bekannte, die in einem Ausstiegsprogramm für Prostituierte arbeitet, sagte mir, dass nur wenige Frauen den Ausstieg erreichen. Die Frauen arbeiten so lange, bis sie körperlich zusammenbrechen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis das passiere.

Warum ist das so, fragte ich mich? Weil man den Willen dieser Frauen gebrochen hat. Diese Frauen sehen keine Zukunft für sich, sie haben keine Träume, keine Identität außerhalb der Prostitution. Sie sind auf dieses konstruierte Wesen der „Prostituierten“ reduziert und finden keinen Weg mehr da raus. Sie sind in ihrem Trauma und ihrer Scham eingesperrt.

„Die jungen Frauen, die nach Deutschland kommen, sind völlig überfordert, komplett traumatisiert. Viele verlangen nach ihren ersten Erfahrungen nach Psychopharmaka und Drogen. Sie sagen, anders sei ‚dieses Geschäft‘ nicht auszuhalten. Manche Frauen sind nur wenige Wochen da und sagen: ‘Ich bin hier gestorben, ich kann nicht mehr lachen‘. Die Frauen sind sehr traumatisiert, sie entwickeln Depressionen, Albträume, körperliche Schwierigkeiten. Sie reagieren psychosomatisch, haben Bauchschmerzen. Sie sind krank und fühlen sich auch krank. Es breitet sich eine ganz große Hoffnungslosigkeit in ihnen aus.“[15]

Dasselbe berichtet auch Jana Koch-Krawczak[16], wenn sie als Streetworkerin in die Bordelle geht. Sie begegnet verwahrlosten Frauen, die den Kontakt zu sich selbst völlig verloren haben. Sie reagieren verängstigt oder apathisch. Es erscheint offensichtlich, dass sie alles andere brauchen als Sex. Aber daneben stehen die Sexkäufer und scheren sich „einen Dreck“ darum. Sie lachen und amüsieren sich.

Wie geht das? Ich stelle mir dieselbe Frage, die sich auch Caroline Emcke in ihrem Buch „Gegen den Hass“ gestellt hat. Ja, wie geht das, die Not der Menschen nicht zu sehen, sondern nur die eigenen Bedürfnisse? Warum gehen Männer zu Prostituierten?

Sie gehen zu prostituierten Frauen, weil sie es dürfen. So einfach ist das. Weil sie denken, ein Recht auf Sex zu haben und dafür Frauen benutzen zu dürfen, und das mit der Absegnung von Kirche und Staat. Die Frau wird in ein sozial konstruiertes Bild eingesperrt, und zwar in das Bild „einer unersättlichen Sexbestie“. Andere Bedürfnisse werden ihr abgesprochen. Sie wird entmenschlicht, sie ist nur noch das. Das erlaubt den Sexkäufern jegliche Form von Skrupellosigkeit, ihr Mitgefühl ist blockiert, an seine Stelle tritt Gleichgültigkeit.

Durch Verdrängungsmechanismen und gedankliche Tricks mogelt sich so die Gesellschaft und die Politik aus der Verantwortung heraus. Die Gewalt wird verleugnet, die Realität ausgeblendet. Und für was das alles?

All das, um ein ganz stark tabuisiertes Thema zu schützen, und zwar die männliche Sexualität und das ihr widerspruchslos zugestandene Recht auf uneingeschränkte Entfaltung. Manche Männer scheinen große Angst davor zu haben keine Frau mehr abzukriegen. Sie erleben es als einen Machtverlust, nicht mehr entscheiden zu können, mit wem sie Sex haben wollen. Anstatt sich etwas für die Frauen zu bemühen und sie als gleichberechtigt zu sehen, wird eine Enklave im Staat errichtet, um ihnen diese Macht weiterhin zu ermöglichen.

Das neue Prostitutions-Schutzgesetz sendet doch weiterhin die falschen Signale, nach dem Motto: Jungs, passt in Zukunft etwas mehr auf, aber macht weiter! Demokratie bedeutet nicht, dass wir machen können, was wir wollen. Unsere Freiheit hört dort auf, wo wir die Grenzen eines anderen Menschen verletzen. Und der Auftrag unserer politischen Vertreter ist, immer auch die vulnerabelsten Mitglieder unserer Gesellschaft im Auge zu halten und sie vor Ausbeutung zu schützen. Es ist eine Schande, dass keine der großen Parteien (1), eine klare Haltung dazu nimmt! Sie sind von dem rasanten Aufstieg der rechts-populistischen Parteien schockiert. Anstatt jedoch die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen um die skandalösen Zustände zu beenden, halten sie den Status Quo aufrecht um nicht negativ aufzufallen und ihre Pöstchen nicht zu gefährden. Sie begreifen jedoch nicht, dass sie mit dieser reform-ängstlichen Politik, die übrigens auch mit allen anderen großen Themen betrieben wird, den Populismus erst recht füttern. Die Gleichgültigkeit gegenüber dieser extremen Frauenverachtung kann nicht mit anderen Frauen fördernden Punkten (Quote oder Lohngleichheit) ausgeglichen werden. Alle etablierte Parteien müssen sich dem Vorwurf stellen, Frauenfeindlichkeit ins Wahlprogramm geschrieben zu haben.

Deutschland, so Manfred Paulus[17], ist durch das Gesetz von 2002 nicht nur zum Bordell Europas geworden, sondern international Drehscheibe für Sexsklavinnen. Das Rotlichtmilieu ist mittlerweile in den Händen der international organisierten Kriminalität. Es wäre naiv zu glauben, dass diese vor den Türen der Bordelle endet. Mit einer Kondompflicht ist die Sache nicht gelöst!

Bei der Prostitutionsfrage geht es um mehr als nur Schadensbegrenzung zu betreiben, es geht um ein neues Gesellschaftsmodell: eine neue Männergeneration soll geschaffen werden, die nicht auf sexuelle Ausbeutung der Frau zurückgreift um sich zu definieren.

„Prostitution ist Gewalt gegen Frauen! Sie festigt und fördert die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, sie ist Symbol männlicher Herrschaft über Frauen sowie kollektiver Entwürdigung von Frauen“.[18] Mit der Schimäre des unkontrollierbaren männlichen Sexualtriebes muss aufgeräumt werden. Männer sollten einen anderen Umgang mit Frustration erlernen.

Es sollte den deutschen Schülerinnen und Schülern das Gleiche vermittelt werden, wie Schülerinnen und Schülern in Frankreich: Dass eine Frau keine Ware ist und sie nicht zur sexuellen Benutzung gekauft werden darf, dass Prostitution verheerende Auswirkungen auf der Welt auslöst, dass Prostitution kein Schicksal oder unvermeidliches Übel ist, keine Freiheit und schon gar nicht ein Beruf. Prostitution verstößt gegen die Menschenrechte und Menschenwürde. Deshalb brauchen wir auch hier in Deutschland ein Sexkaufverbot, denn es gibt kein Recht auf Sex!

 Ich bedanke mich!

Lektorat: Firdes Ceylan

Quelle: Trauma and Prostitution – Scientists For A World Without Prostitution

 

 

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22 Kommentare

  1. „Demokratie bedeutet nicht, dass wir machen können, was wir wollen. Unsere Freiheit hört dort auf, wo wir die Grenzen eines anderen Menschen verletzen.“ Es ist unvorstellbar, was in unserem Land passiert. Ich konnte den Beginn des Vortrags gar nicht lesen und musste ihn überspringen. Menschen, die so etwas tun und schreiben, sind für mich Barbaren … und das mit staatlicher Legitimation … Das sagt viel über unser Land aus.

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  2. Das traurige ist, dass in der Politik öffentlich größtenteils nur über die Themen diskutiert wird, die a) aktuell sind und dringend Lösungen erfordern (Flüchtlingskrise, Dieselskandal) oder b) die eine starke Lobby haben (Ehe für alle als positives Beispiel, aber wirtschaftliche Themen als negative..)

    Es gibt so viele Dinge (und Prostitution gehört definitiv dazu) für die sich kaum ein Mensch interessiert und die auch von keiner größeren Partei thematisiert werden, obwohl das Unrecht zum Himmel schreit – wer nicht hören will, hört auch nicht.

    Ich würde gerne irgendwas tun, auch mir wurden erst durch dein Blog die Augen geöffnet, aber ich weiß nicht wie und womit ich am besten und effektivsten helfen kann.. Deinen Blog weiterempfehlen und -verbreiten ist ein Anfang, aber was kann ich noch tun?

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  3. Diese Beiträge beweisen einfach, dass Männer das abartigste sind, was auf diesem Planeten herumläuft.

    Ich verstehe nicht, wie so etwas als legitim zugelassen werden kann. So eine schlimme Form von Misshandlung, Körperverletzung und Menschenverachtung. Es muss doch für jeden ersichtlich sein, dass es sich hierbei nicht um ein Geschäft, sondern um ein Verbrechen handelt, das bestraft werden muss.

    Menschenleben gehen dadurch kaputt.

    Dieses Verbrechen zerstört nicht nur die Prostituierten, sondern auch die Familien dieser perversen Täter. Durch meinen Vater, der auch Täter ist, wurde mein Männerbild für immer zerstört, weshalb ich niemals in der Lage sein werde, eine normale Beziehung zu einem Mann aufzubauen.

    Es macht mich wütend und traurig, so etwas zu lesen und einfach machtlos zu sein. Ich wünschte, ich könnte irgendwie helfen.

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    1. Hallo Sara,

      das mit deinem Vater tut mir sehr leid.

      Nicht alle Männer sind so. Es gibt auch Ehrenwerte, die nicht so sind und sich einsetzen – das sollte man bei allem nicht vergessen 🙂

      Ich glaube einfach, dass viele Menschen nicht wissen, was hinter diesen Zimmertüren zwischen Freier und Prostituierter passiert. Egal ob es jetzt genau so abläuft wie oben beschrieben oder anders – der Kern ist Gewalt, Erniedrigung und Menschenverachtung. Es ist gut die Leute da draußen mit der sehr unschönen Realität zu konfrontieren – und die findet man, wo sonst, in Freierforen.

      Alles Gute für dich!

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    2. Sorry, aber hier schreit es in mir einzuwerfen, dass es nicht nur diese „garstigen MÄNNER“ sind.
      Wie viele Mütter mißbrauchen ihre Söne und Kinder?
      Frauen, die Männer mißhandeln?
      Betreiberinnen in Puffs, die junge Mädchen in die Prostitution „einführen“?!

      Auch Frauen können ganz grausam und zerstörerisch sein.
      Das ist kein Geschlechterthema – das ist ein Seelen- und Reflektionsfähigkeitsthema; ein Geldgier-Thema.
      Und ja, das betone ich als Frau.

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  4. Hallo zusammen

    Ich muss leider wieder schreiben.

    Nun die Geschichte von diesem Mädchen aus Rumänien ist echt traurig und zwar dass ohne Verhütung in einem Laufhaus für ein paar Euro diese Dienstleistung von ihr angeboten werden muss um zu überleben und damit ihre Gesundheit enorm auf dem Spiel steht!
    Ähnliche Storys gibt es leider wahrscheinlich sehr oft.

    Nun ich komme ja aus dem Hochpreisland und da gibt es eigentlich keine Laufhäuser auf dem Preisniveau von Deutschland. Aber auf dem Strassenstrich wird dies natürlich auch für relativ wenig angeboten.

    Es gibt aber auch bei uns gewisse Studios (relativ Preiswert) wo AO verdeckt angeboten wird und auch Prostituierte in Modellwohnungen bieten dies manchmal zu hohen Preisen manchmal an.

    Konnte ich selbst durch nachforschen im Netz herausfinden.

    Also auf dieser Seite wird ja wieder geschrieben dass kein Freier die Prostituierte als Frau sieht sondern nur als Stück Fleisch. Ist eigentlich eine Unterstellung auch wenn ihr dies nicht wahr haben wollt, es gibt Freier wo die SDL wirklich als Frau sehen und die nähe zu ihr mehr oder weniger echt sucht, auch wenn aus der Sicht von ihr nur dann natürlich nur gespielt.

    GFS ist heute mehr denn je gesucht und wird in den Sauna-Clubs auch komplett angeboten, also von oben herab bestimmt und auch in den meisten Studios mehr oder weniger angeboten.

    Der grobe Freier sei ehrlicher wird auf dieser Seite behauptet, eigentlich traurig. Was ist wenn dem Freier gewalttätiger Umgang nicht gefällt und halt eher die Zärtlichkeit sucht, ist dieser dann unehrlicher?

    Tja ich hoffe wirklich nicht dass es für die Prostituierte schlimmer ist wenn einer zu ihr nett und lieb ist, auch wenn es für sie dadurch noch intimer wird, als grobes und verachtendes Verhalten eines Freiers.

    Ich weiss es gibt keine guten Freier es sind alle Täter dies habe ich mittlerweile mehr als mitbekommen auf diesem Blog.

    Echt schwierige Angelegenheit das Ganze. Im Prinzip ist diese Geschäftsmodell absolut absurd und trotzdem regiert das Kapital.

    Grüsse
    Oli

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    1. Oli: der prostituierte Mensch sucht aber nicht die Nähe zu dir, sondern verabscheut sie. Indem du das ignorierst, behandelst du den Menschen nicht wie einen Menschen, weil du seine wahren Gefühle nicht achtest. Würdest du sie achten, würdest du dem Menschen nicht so nah kommen. Das System Prostitution besteht, weil es Menschen wie dich gibt, die Sex kaufen – auch wenn du das nicht hören möchtest. Zu den anderen Sachen hatten wir bereits lange diskutiert….

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    2. Hi Oli, für mich (Prostituierte) ist der „zärtliche“ Freier, wie Du ihn nennst, mindestens genauso widerlich wie der grobe Freier. Dass der „zärtlich“ sein will, macht es kein Stück besser und auch in keiner Weise angenehmer. Ich biete so was wie Gfs nicht an, habe ich niemals, werde ich niemals, mit dem Ekel könnte ich persönlich niemals leben und würde es -ungelogen- vorziehen, mich auf die Gleise zu legen, falls es keine andere Option gäbe (soweit war ich bis jetzt noch nicht, aber ich meine es ernst, denn ich kenne die Situation gut genug um sie real einschätzen zu können). Aber selbst die „Zärtlichen“, bei denen es nicht mal zu Gfs kommt, sind nicht erträglich(er). Im Gegenteil, die sind fast noch schlimmer als die Groben. Bei den „Zärtlichen“ bin ich in einer Tour quasi NUR am abwehren auf der Matratze, das bedeutet richtig Stress. Wenn einer grob ist, ist es einfacher, man hält das einfach aus, weil man weiß, es geht (bald) vorüber, oder falls es gar nicht anders geht, wird man auch grob. Ich hab‘ schon nem groben Freier ne Ohrwatschen gegeben oder ich schlag‘ den dann notfalls (knall‘ dem ein paar auf den Hintern oder so). Dann kommen die meisten wieder einigermaßen klar… aber die „Zärtlichen“ sind die Seuche. Am besten sind die, die sich einfach hinlegen und mich machen lassen, und die ihre Flossen bei sich behalten und mich nicht angreifen und an mir rumfummeln wollen. Die „gehen“ irgendwie noch… toll ist es tortzdem nicht. Andrea

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      1. @Andrea

        Sali Andrea

        Dass GFS für Prostituierte noch schlimmer zu ertragen ist und somit der „nette“ zärtliche
        Freier noch mehr Schaden anrichtet habe ich mittlerweile durch einige Artikel leider erfahren müssen und glaube mir ich lese dies nicht gerne. Für jemanden der Gewalt nicht schätzt ist dies für den ersten Moment vielleicht nicht so einfach zu verstehen. Auf den 2 Blick, wenn jemand nur ein bisschen was von Psychologie versteht jedoch absolut verständlich.
        Nun ob ihr es glaubt oder nicht das Ganze lässt mich nicht einfach so kalt, seit ich auf diesem Blog bin war ich bis anhin bei keiner Prostituierten mehr. Irgendwie ist mir die Lust ein bisschen vergangen, auch wenn es noch mit anderen Dingen in meinem Leben momentan zusammenhängt.
        Ich bin kein Lügner und deshalb verspreche ich hier für den weiteren Verlauf auch nichts falsches, was die Zukunft diesbezüglich betrifft.

        Du bist offenbar vom Typen her für GFS überhaupt nicht geeignet, in gewissen Bereichen (Sauna-Club) wird dies ja verlangt, dies würdest du offenbar überhaupt nicht aushalten.
        Nun der kalte nur mechanische Sex ist halt nicht so meins.

        Ein Erlebnis hatte ich schon mit einer echt hübschen Tschechin (Prostituierte), welche mich richtig gehend zu ihr hingezogen hatte und mich abgeknutscht hatte, mehr als ich es mich getraute.
        Als ich sie am Ende fragte, ob ich wieder kommen solle, sagte sie zu mir, sie wolle nicht Schuld sein dass ich durch sie in Finanzielle Probleme gerate. Erklärte ihr dann dass dies so nicht der Fall sein könne. War für mich in meiner jungen Pay6-Erfahrung ein wirklich eindrückliches Erlebnis. Bin bis anhin aber nicht mehr zu ihr gegangen, weil ich Emotional Distanz brauche und keine falschen Gefühle entwickeln möchte, welche von ihr ja eh nicht echt sind.

        Ich hoffe du kannst dich soweit Abgrenzen damit es für dich überhaupt einigermassen erträglich ist, wenn ich dies so sagen darf.

        Bevor du dich auf die Geleise legst, schreibe Sandra oder mir, habe in diesem Bereich leider auch schon einiges mitgemacht oder erfahren, deshalb bitte ich dich über solche Dinge keine Spässe zu machen.

        Liebe Grüsse
        Oli

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  5. Diese Beiträge in den Freierforen sind wirklich nur schwer zu ertragen.
    Mich hat am meisten verstört, dass diese Freier systematisch die
    Grenzen überschreiten, die die Frauen in ihrer Verzweiflung errichten,
    um noch den letzten Rest an Integrität zu wahren.

    Da die Frauen in der Prostitution praktisch völlig rechtlos und ohne Lobby sind,
    sind sie für die Politik uninteressant.

    Hinzu kommt noch die Unwissenheit und Gleichgültigkeit in der Bevölkerung.
    Hier in Hamburg ist die Prostitution auf der Reeperbahn und am Hauptbahnhof,
    wo es einen schlimmen Straßenstrich gibt, sehr sichtbar.
    Aber man nimmt das so hin. Mir war irgendwie bewusst, dass die „Arbeit“ der
    Frauen in der Prostitution sehr unangenehm sein muss.
    Aber erst durch das Lesen von diesem Blog ist mir klar geworden, was Prostitution
    wirklich bedeutet, und wie verheerend die Auswirkungen auf die Frauen sind.
    Ferner habe ich bisher naiv angenommen, dass die Prostitution primär von den
    Frauen ausgeht. Ich habe sozusagen die Opfer zu den Tätern gemacht.
    Aber erst durch diesen Blog habe ich begriffen, dass natürlich die Männer,
    sprich Freier und Zuhälter, die eigentlichen Täter sind, die schön im
    Hintergrund bleiben.

    Nach meinem momentanen Kenntnisstand scheint das nordische Modell, welches
    die Freier und nicht die Frauen kriminalisiert, der beste Weg zur Überwindung der
    Prostitution zu sein.

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  6. Diese Freierforen gehören verboten, das ist ja echt an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten! Was für erbärmliche Affen!

    Der Vortrag ist wirklich großartig!

    Ich bin sehr dankbar, dass nicht alle Männer so sind. Meiner hat sich heute erst darüber aufgeregt, dass es nur weibliche Cheerleader gibt. „Warum jubeln nicht mal die Jungs den Mädels zu, im knappen Höschen natürlich?!“ 🙂
    Recht hat er, Sexismus ist ein Teil des Problems…

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    1. Ich möchte zuerst einmal der Bloggerin Respekt und Anerkennung zollen. Denn nicht nur mich, der ich nicht persönlich betroffen bin, sondern auch einige Andere, die hier Kommentare schreiben, fühlen sich angesprochen und angeregt, sich Gedanken zu machen.
      Das ist eine gute Leistung von Sandra! Ich meine, dies ist nicht selbstverständlich und spricht für einen besonderen Geist von Sandra.
      Was tun??
      Zuerst hoffe ich, dass Sandra nicht irgendwann die Energie verliert, an diesem Faden weiter zu spinnen. Das Thema wird sich ja nicht von selbst lösen.
      Dann braucht es wohl Beharrlichkeit von möglichst sehr vielen Menschen, die mit großer Ernsthaftigkeit und trotzdem wenig Kriegsgeschrei für wirkliche Änderung werben.
      Und – was ich hier versuche mangels besserer Ideen – herzliche Zustimmung und mentale Unterstützung geben.
      Vielleicht würde es helfen, wenn weitere Menschen auch bloggen.
      Oder wenn sich talentierte Menschen finden, die peu a peu eine Art Lobby organisieren. Es muss doch z.B. Ärzte geben, die sich in ihrem hyppokratischen Eid aufgefordert fühlen, zu helfen. Und viele mehr …

      Jetzt wünsche ich einstweilen weiterhin viel Courage und Kraft.

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      1. Danke dir! Nein, die Energie verliere ich nicht! 🙂 und es gibt schon seit einigen Jahren viele tolle Menschen, die sich organisieren und dagegen halten – es werden mehr. Bzgl. Ärzte und Ärztinnen findest du zum Beispiel auf der Seite, die ich oben verlinkt habe, etwas.

        Alles Gute dir! 🙂

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  7. Ich hoffe, dass Folgendes nicht fälschlich als Rechtfertigung von Verbrechen an Menschen verstanden wird, sondern so wie von mir beabsichtigt als Erweiterung des Bilds und Hinweis auf weitere mögliche Lösungsansätze:

    Die Gleichgültigkeit gegenüber Gefühlen, Persönlichkeit, Situation und Bedürfnissen von prostituierten Menschen und das Aktive Beitragen zu psychischen Abspaltungsprozessen bei Freiern ist nur dadurch möglich, dass „Mann-Sein“ in unserer Gesellschaft fundamental mit psychischen Abspaltungsprozessen verbunden ist. – Dissoziation von eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ist typisch für klassisch-traditionale Männlichkeit, die darauf ausgerichtet war, brave Soldaten hervorzubringen, die sich klaglos verheizen lassen und „schmerzbefreit“ dazu bereit sein sollten, anderen Menschen Leid zuzufügen. Ob unsere heutige Männer-Sozialisation und unser heutiges Männerbild noch unserer heutigen gesellschaftlichen Situation und vor allem dem Wohlergehen von uns Männern selber entspricht, wage ich mal in Frage zu stellen.

    Aus meiner sehr subjektiven Sicht spiegelt sich in der katastrophalen Situation von Prostituierten die katastrophale Sozialisation, durch die wir auch heute noch die allermeisten unserer kleinen Mädchen und Jungen schicken: Mädchen wird aberzogen, dass ihre eigene Gefühle und Bedürfnisse wichtig sind und dass es völlig ok und sogar positive zu bewerten ist, sich für sie einzusetzen und irgendetwas zu tun / nicht zu tun, weil es ihnen gut tut / nicht gut tut. Unsere message als Gesellschaft an Mädchen und zuk. Frauen ist nach wie vor: „Sei da für andere“. – Jungen wird aberzogen, dass sie ihre Gefühle und Bedürfnisse überhaupt wahrnehmen können. Stattdessen werden sie auf äußere Bestätigung und „Erfolg“ gepolt. Unsere message als Gesellschaft an Jungen und zuk. Männer ist: „Dein Innenleben musst Du verdrängen, konzentrier Dich stattdessen ausschließlich auf äußerlich messbare Leistung.“

    Ein gut lesbarer Klassiker für alle, die sich mit der seelischen Situation von Männern auseinandersetzen wollen, findet sich m.E. hier: http://www.patmos.de/maennerseelen-p-7890.html – Dort wird auch gut beschrieben, wie die Abspaltungsprozesse bei Männern ablaufen und welche individuellen Konsequenzen sie für Menschen haben, die zufällig mit einem männlichen Körper geboren sind.

    Wie gesagt: Ich möchte uns Männer nicht entschuldigen und bin ein Anhänger der Kriminalisierung von Freier-Verhalten, weil für mich unmittelbarer Opferschutz erst mal Vorrang hat.

    Will man aber zu einem mittelfristigen und nachhaltigen Lösung des Prostitutions-Problems kommen, wird man sich m.E. auch damit auseinandersetzen müssen, mit welchen gesellschaftlichen Double Binds und Botschaften wir nicht nur unsere kleinen Mädchen, sondern auch unsere kleinen Jungs aufziehen. Das betrifft nicht nur das, was sie an uns beobachten können, wie wir Männer uns gegenüber Frauen verhalten und wie die gesellschafltiche Stellung des Mannes/der Frau faktisch ist.

    Sondern es betrifft v.a. auch die psychologische Situation von Männern, die systematische Abspaltung vom eigenen Innenleben, die wir bei Jungen und Männern nach wie vor erzwingen und für „ganz normal“ oder „naturgegeben“ halten. – Diese früher „typisch männlichen“ Abspaltungen kann man heute auch immer mehr bei Frauen beobachten und haben viel mit der zunehmenden Integration von Frauen in früher exklusive Männerwelten (Unternehmenshierarchien, militärisch organisierte Behörden, etc.) zu tun. Wir haben viele Sozialformen, die aus psychologischer Sicht Abspaltungen und Dissoziation erfordern, um sie aushalten zu können. Natürlich oft nicht in der drastischen und unmittelbaren Form, wie das in jahrelanger Prostitution der Fall ist, wohl aber in einer sehr verbreiteten und „für normal“ gehaltenen Form, die jeden, der sich mal mit dem Phänomen Dissoziation befasst hat, bedenklich stimmen muss.

    Männer, die einen umfassenden Zugang zur eigenen Intimität haben, sind nach meiner Meinung gar nicht in der Lage, als Freier aufzutreten, weil die Grundlage für Freierverhalten, wie es von Dr. Kraus und betroffenen Prostituierten beschrieben wird, eine psychische Selbstverletzung eigener Intimitätsgrenzen der Männer selbst ist. Selbstverletzungen, die weder „normal“, noch „natürlich“ sind, sondern die etwas mit unserer ganz spezifischen Gesellschaft und unseren Sozialisierungsformen zu tun hat.

    Das heißt auch: Es ist durchaus eine moderne Gesellschaft denkbar und m.E. auch erreichbar, in der es Männern auf breiter Linie völlig absurd, entwürdigend und wahrgenommen unbefriedigend vorkommt, „die Dienste einer Prostituierten anzunehmen“.

    Wir Männer „sind“ nicht so. Sondern viele von uns sind „so gemacht worden“. – Und an diese Sozialisierungs-Prozesse müssen wir durchaus ran, wenn wir Prostitution zu einem gesellschaftlichen Phänomen machen wollen, dass zu Gesellschaftsformen gehört, die wir mal als hoffnungslos rückständig und glücklicherweise überwunden beschreiben werden.

    Heißt: Wir brauchen andere Kindergärten und Grundschulen (u.a. auch mit viel mehr Männern!), weiterführende Schulen und Universitäten. Wir brauchen andere Arbeit-Familie-Modelle, die von Unternehmen ermöglicht und von der Politik erzwungen werden. Wir brauchen andere Behörden und neue Gesetze. Wir brauchen aber auch einen breiten gesellschaftlichen Konsens in unserer Gesellschaft, dass strukturelle Gewalt von uns nicht hingenommen und geduldet wird, sondern dass ihr überall dort entschieden entgegengewirkt wird, wann und wo sie auch immer auftritt und gegen wen von uns sie sich zufällig gerade richtet. Die Auswirkungen von Gewalt sind immer vielschichtig und destruktiv und dürfen nicht durch gesellschaftliche Regelungen und Institutionen gedeckt oder gar legalisiert werden.

    Dieser Konsens fehlt mir. Und er fehlt in der Diskussion über Prostitution besonders schmerzhaft, wo – wie immer bei struktureller Gewalt – das Leiden der Betroffenen bagatellisiert, ignoriert und wegerklärt wird.

    Ich hoffe, dass dieser Kommentar nicht als Einstieg in ebenso unproduktive wie überflüssige Männer vs. Frauen-Debatte genutzt wird. Für mich ist das entscheidende Merkmal eines Menschen, dass er ein Mensch und ein empfindungsfähiges Wesen ist, nicht sein zufälliges, äußerliches Geschlecht. Insofern kann Leiden einer Menschengruppe niemals dazu genutzt werden, gegen das Leiden einer anderen Menschengruppe aufzurechnen oder zu relativieren. Das Ziel muss immer sein, menschliches Leiden zu reduzieren, wo auch immer es auftritt. Ist das völlig klar, wird es vielleicht auch möglich, dass das ohne Häme und ohne Lächerlichmachung thematisiert werden kann, was bisher öffentlich kaum vorkommt: Das unsichtbare, psychische Leiden der meisten Männer und seine gesellschaftliche Für-Nicht-Existent-Erklärung.

    Männer haben ein von uns allen mitgetragenes Verbot darauf, „sich als Opfer zu beschreiben“, was u.a. der Grund ist, warum männliche Depression in ganz anderen Formen auftritt als das, was man lange Zeit in ICD-10´-Beschreibungen gefunden hat. Männer werden also alles möglich tun: Täter-werden, Süchtig-werden, Sich-töten, Andere-Verletzen, wenn sie ihr unbewusstes psychisches Leiden nicht mehr ertragen. Sie werden sich in der Regel weitaus seltener Hilfe suchen als die meisten Frauen und sie werden sich selbst auch gar nicht als Opfer einer grausamen Sozialisation beschreiben. – Ein Grund, warum es auch heute immer noch keine starke Bewegung der Männer-Emanzipation gibt, obwohl wir sie alle: Frauen, Kinder, und an erster Stelle: Wir Männer selber dringend nötig hätten.

    Insofern noch einmal: Ich bin mir sicher, dass es gar keine „Nachfrage“ nach Prostitution gäbe und wir nicht mal Verbote bräuchten, sehe die heute immer noch für ganz normal gehaltene Sozialisation „zu einem richtigen Mann“ so aus, dass sie Jungen nicht von einem Großteil ihres menschlichen Gefühlsspektrums systematisch abspaltete.

    Solange die psychisch-gesellschaftliche Lage der Dinge aber so ist, wie sie derzeit ist, bin ich für ein effektiv durchgesetzte Bestrafung von Freiern. Dazu gehören nicht nur empfindliche, wirksame Strafen, sondern v.a. auch eine Ausstattung der entsprechenden Strafverfolgungs-Behörden, so dass sie diese Gesetze dann auch tatsächlich durchsetzen können. – Denn bekanntlich hängt die Wirksamkeit von Verboten zu einem geringeren Teil von der Drastik der Strafen ab und zu einem viel höheren Teil von der erwartbaren Aufklärungs- und Bestrafungsquote, also von der antizipierten „Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden.“

    Nachhaltiges, friedliches Verscheiden der Gewaltform Prostitution ist m.E. aber nur dann erreichbar, wenn auch das traditionelle Männerbild samt der mit ihm verbundenen gewaltvollen Sozialisation von Jungen ebenso schiedlich-friedlich entschlafen ist und der gesellschaftlichen Vergangenheit angehört.

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    1. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die meisten Männer es irgendwann als entwürdigend und absurd ansehen würden zu einer Prostituierten zu gehen – aber das ist, wie du sagst, noch ein langer gesellschaftlicher Prozess des Wandels und auch eine große Aufgabe der Aufklärung und der Bildung, an der wir uns alle beteiligen können und sollten.

      Es wäre schön irgendwann in einer Gesellschaft zu leben, in der man kein Sexkaufverbot braucht, weil es selbstverständlich ist, dass man keine Menschen kauft und daher ein Verbot unnötig ist.

      Wenn wir alle immer weiter daran bauen und auch immer mehr werden, dann wird das vielleicht mal was 🙂

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  8. „weil es selbstverständlich ist, dass man keine Menschen kauft und daher ein Verbot unnötig ist“

    Niemand kauft Menschen. Man kauft eine Dienstleitung.
    Menschen kaufen T-Shirts für 5 €. Die in Bangladesh zusammen genäht wurden.
    Für 30 Cent die Stunde.

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  9. Vor einigen Tagen habe ich einen Wahlkampf-Flyer der CDU zugesteckt
    bekommen. Unter der Überschrift ‚Wir schützen Frauen in allen Lebensbereichen.‘
    findet sich zum Thema Prostitution die Aussage
    ‚Schutz vor Fremdbestimmung und Ausbeutung durch das neue
    Prostituiertenschutzgesetz.‘
    Ich habe mir daraufhin das Prostituiertenschutzgesetz, welches am 1. Juli diesen
    Jahres in Kraft getreten ist, mal angesehen
    Der Gesetzestext ist sehr umfänglich. Bei mir entstand der Eindruck, dass man
    mit einem Wust von Vorschriften versucht, die Prostitution zu regeln, ohne das
    Problem der Prostitution selbst zu lösen.
    Schon die Kontrolle der Einhaltung dieser Regeln dürfte schwierig sein.
    Das Gesetz benutzt den Begriff der ’sexuellen Dienstleistung‘, der in §2
    definiert wird.
    Ob die Erbringung einer sexuellen Dienstleistung überhaupt mit dem
    Grundgesetz vereinbar ist, wird völlig ausgeklammert.
    Wie in diesem Blog beschrieben wird, ist es mit dem Schutz der Menschenwürde
    einer Frau in der Prostitution nicht weit her. Auch das Recht auf körperliche
    Unversehrtheit ist in keiner Weise garantiert.
    Wird bei der Erlassung eines Gesetzes nicht geprüft, ob es mit dem
    Grundgesetz in Einklang steht?

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