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Qualitätssiegel für Bordelle

 

Wie bekannt wurde, stellte der BSD (Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e.V.) diese Woche ein sog. „Gütesiegel für Bordelle“ vor, mit dem Ziel diese in ein besseres Licht rücken zu können.

Hier ist die Pressemitteilung:

24. 08. 2017

Pressemitteilung

BSD – Gütesiegel schafft kontrollierte Qualität, Transparenz, Service
und Seriosität der Prostitutionsbranche.
Wir sind angetreten, der allgemeinen Verunglimpfung und den vielen falschen
Vorstellungen über die Strukturen und die Arbeitsabläufe in den Bordellen
entgegen zu treten. Das BSD-Gütesiegel der Stufe I stellt klar:
Wer ist InhaberIn, wie kann diese/r erreicht werden, wie groß ist das Bordell, die
Mindestanforderungen – auch nach dem ProstSchG – werden erfüllt, in der
Selbstverpflichtungserklärung positioniert sich der Betrieb deutlich gegen Gewalt,
Zwang und Kriminalität und erklärt, sich für faire, selbstverantwortliche und
hygienische Arbeitsbedingungen einzusetzen.
Jan/Bordellbetreiber: „Dieses Alleinstellungsmerkmal motiviert mich, mich
von anderen Mitbewerben noch mehr abzusetzen und weiter in das
Serviceangebot meines Betriebes zu investieren.“


Damit wird auch der Öffentlichkeit, der Politik und den Behörden deutlich
signalisiert: dieser Betrieb erfüllt alle Voraussetzungen einer soliden geführten
Prostitutionsstätte.
Freudenhaus Hase: „Vermehrt fragen Kunden, ob die Sexarbeiter*innen
selbständig und selbstbewusst arbeiten. Selbstverständlich! Das Gütesiegel
gibt jetzt die Bestätigung.“

In den folgenden Stufen I und II erfolgt eine umfangreichere Prüfung der Betriebe
und es werden zwischen 1 und 6 Kronen vergeben. Der Betrieb mit der höchsten
Auditierung der 6 Kronen muss dann viele Anforderungen erfüllen, angefangen
bei einer hochwertigen Ausstattung bis hin zu verschiedenen Zusatzleistungen wie
Speisen, Wellness und Events.
Stephanie Klee/Vorstand BSD e. V.
Wir sind der Interessenverband der Prostitutionsbranche und vertreten sowohl BordellbetreiberInnen als auch SexarbeiterInnen

Quelle: Pressemitteilung vom 24. 08. 2017

 

Ich habe Respekt und Achtung vor jeder Person, die in der Prostitution tätig war oder immernoch ist. Auch vor denjenigen, die nicht für ein Sexkaufverbot einstehen.

Wovor ich keinen Respekt habe sind Menschen, die sich, wie Frau Stephanie Klee hier als Vorstand, bewusst (auch) als Sprachrohr für Prostituierte betiteln, während sie aber die realen unmenschlichen Zustände in der Prostitution, wie sie leider so viele erleben, grauenvoll verharmlosen, was man gleich in einem kurzen Youtube-Video, welches ich verlinkt habe, sehen kann. Und damit stellen sie eben kein Sprachrohr für die Mehrzahl an Prostituierten dar.

Unten im Video ist Frau Klee, die in der obigen Pressemitteilung wie gesagt als Vorstand des BSD agiert, zu sehen, und zwar in einem grünen Drachenkostüm an einem Straßenstrich. Sie „arbeitet“ dort allerdings nicht, sondern versucht in einer ziemlich kuriosen Art und Weise mit einer anderen Frau zusammen die Situation von Prostituierten, die auf dem Straßenstrich ihr Dasein fristen müssen, schön zu reden und zu verharmlosen. U.a. nennt sie den Straßenstrich einen „guten Arbeitsplatz“.

Das Video entstammt dem Format „Drache & Hase Entertainment“. Auf der Webseite steht: „Drache & Hase Entertainment ist ein neues Projekt und setzt mit seinen Kurz-Videos auf Information und Bildung“.

Man siehe sich jetzt bitte das etwa eineinhalb minütige Video an und sage mir dann, wo genau der Zusammenhang zu Information und Bildung besteht. Und dann verrate mir noch wer, wie man das als Interessenverband für Prostituierte ernst nehmen soll (ich erinnere hier nur mal an Miras Geschichte von „Romana“ einen Beitrag weiter unten, deren Schicksal ich in der Prostitution unzählige Male in der oder einer anderen Form sah).

 

 

 

Aha.

 

Vor einer Frau, die den Vorstand des „Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen e.V.“ verkörpert, und SO über den Straßenstrich spricht und DAMIT SICHER NICHT die ganzen Armuts – und Zwangsprostituierten vertritt, die jeden Tag schlimmsten Verhältnissen auf der Straße ausgesetzt sind, sich die Spritze setzen, etc… ist mein Maß an Verständnis auf dem Tiefpunkt angelangt. Vor allem wenn man solche Videoauftritte noch als „Bildung“ deklariert. Und nein, die unerträglichen Zustände der Prostituierten auf der Straße ändern sich auch nicht wenn das Wetter schön ist, Frau Klee.

In ihrem Video sagt Frau Klee: „Vielleicht haben sie schnell viele Kunden, die gutes Geld bezahlen und viel Freude machen…“ -> hierzu verweise ich auf folgendes kurzes Video zum Berliner Straßenstrich in der Kurfürstenstraße, das von Billigpreisen, Sex ohne Kondom für 30 Euro und Zwangsprostitution berichtet:

 

 

Ich finde es sehr bedenklich, wie vom Vorstand eines Vereins (mit Sitz in Berlin), der angeblich die Interessen von so vielen Prostituierten vertritt, versucht wird, Straßenprostitution als eine Art der sorglosen Arbeit zu verkaufen – befindet man sich doch ziemlich in der Nähe des Elends der Kurfürstenstraße.

Unter anderem dieser Youtube „Drache & Hase-Kurzfilm“ zeigt auf, dass die BSD-Gütesiegel-Erfindung nicht vor Seriosität strotzt – eben genauso wenig wie die Statements in Frau Klees Video. Der Versuch des Schönredens der Straßenprostitution auf eine humoristische Art und Weise ist kläglich gescheitert. Man muss niemand vom Fach sein um zu erkennen, dass das, was die beiden da von sich geben, mehr als merkwürdig anmutet und mit der Realität auch nicht im geringsten etwas zu tun hat (was man im zweiten Video gut sehen kann).

Mich wundert es doch sehr, dass solche Menschen nun zuständig für Bordell-Gütesiegel sind, die „kontrollierte Qualität, Transparenz, Service und Seriosität der Prostitutionsbranche“ „beurkunden“ sollen.

 

Freudenhaus Hase: „Vermehrt fragen Kunden, ob die Sexarbeiter*innen
selbständig und selbstbewusst arbeiten. Selbstverständlich! Das Gütesiegel
gibt jetzt die Bestätigung.“

Ein Bundesverband, der sich (auch) für Prostituierte einsetzt, freut sich hoffentlich über solche Nachrichten, wenn „Kunden“ vermehrt diese Dinge nachfragen, denn eine vermehrte Nachfrage nach „selbstständig und selbstbewusst“ zeugt davon, dass das Bewusstsein in unserer Bevölkerung dafür steigt, dass in der Prostitution eben zum großen Teil nicht alles in Ordnung ist.

Das Gütesiegel als Bestätigung dafür, dass „selbständig und selbstbewusst“ vorliegt, ist schon höhnisch. Als ob man eine Prostituierte für den Freier markieren würde, mit der Aufschrift: „Dich darf ich nehmen, das Gütesiegel hat gesagt, hier im Bordell ist alles ok, du „arbeitest“ „selbständig und selbstbewusst.“ Wenn der Freier dann Zwang wahrnimmt, kann er leicht sagen, er hat nichts gemerkt, er wusste von nichts, denn das Siegel bescheinigte ihm ja schließlich, dass hier alles in Ordnung sei.

Zu versuchen ein Gütesiegel u.a. darüber auszustellen, dass sich ein Mensch in der Prostitution nicht in einer Not – oder Zwangslange befindet, nicht von Kriminalität und Menschenhandel betroffen ist, ist prekär, denn niemand außer der Betroffene selbst und denjenigen, die es ihm antun, kann es wirklich zu 100 % wissen. Wäre es so leicht, einfach alle organisierten Strukturen aufzudecken und zu erkennen, hätten wir schon lange viel weniger Probleme in diesem Bereich… aber es ist eben nicht einfach und das wird es auch durch ein Gütesiegel nicht. Das Einzige, was man durch so ein „Qualitätssiegel“ für Bordelle in diesem Gewerbe erreichen kann, ist ein Fantasiegebilde zu erzeugen. Ein Fantasiegebilde davon, dass ein Gewerbe, was immer weiter entlarvt wird und in Verruf gerät (hier wieder: nicht die Prostituierten, sondern die Prostitution!), doch manchmal „sauber“ sein kann. Eine Vorstellung, die sich wohl viele ersehnen und sich deswegen sicherlich gerne an ihre Fantasie klammern. Vor allem dann, wenn man sie ihnen quasi direkt mit diesem Gütesiegel, dass alles ok ist, auf dem Silbertablett serviert. Allerdings wird die Fantasie dadurch nicht zur Realität, nicht zu dem, was mehrheitlich in diesem Land tagtäglich wirklich passiert.

 

„Damit wird auch der Öffentlichkeit, der Politik und den Behörden deutlich
signalisiert: dieser Betrieb erfüllt alle Voraussetzungen einer soliden geführten
Prostitutionsstätte.“

Der Begriff der „soliden geführten Prostitutionsstätte“ ist doch eher verfehlt. Im Rotlichtmilieu und in der Prostitution ist nichts solide. Es ist ein menschenobjektivierendes und – unwürdiges Geschäft. So etwas kann nicht „solide geführt“ werden, egal wie sehr man auch versucht etwas Gutes daraus zu machen.

Anmerkung/29.8.2017: Die Deutsche Welle hat vom Thema berichtet und zwei Sätze aus meinem Blogbeitrag hier übernommen:

http://www.dw.com/en/german-brothels-get-new-ethical-sex-seal-for-prostitution/a-40274841

http://www.dw.com/pt-br/bord%C3%A9is-alem%C3%A3es-lan%C3%A7am-selo-de-qualidade/a-40281760

 

Akademischer Zynismus

 

Ich habe gerade nach dem Aufwachen einen Text gelesen, der wirklich ins Schwarze trifft und ich möchte ihn hier teilen. Mira Sigel schreibt über eine Prostituierte, „Romana“, und über akademischen Zynismus. Was ich in der Prostitution gesehen habe waren unzählige Geschichten wie „Romanas“. Schon oft war ich entsetzt über die Anmaßung, wie manche Menschen allein durch irgendwelche Titel in der Tasche sich erlauben über Prostituierte (und was das Beste für sie sei – auch auf gesetzlicher Ebene) zu sprechen und dabei oftmals nicht einmal erahnen können, wie die Lebensrealität der meisten da draußen aussieht. Ja ok, wie sollen sie es auch wissen können? Wie Mira am Ende schreibt hat aber jeder (bevor er sich ein Urteil bildet) die Möglichkeit es zu erfahren und diese Möglichkeit sollten mehr Menschen nutzen, wenn es auch weder einfach noch schön ist damit konfrontiert zu werden:

„Ich lade alle diese akademisch geschulten Menschen, die mit ihren Stipendien, ihren Uni-Abschlüssen, ihren Krankenversicherungen glauben, sich ein Urteil über Prostitution erlauben zu können, geht hinaus, sucht sie, die Frauen wie Romana, lasst euch ihre Geschichten erzählen, von Gewalt, von Ausweglosigkeit, von Hoffnungslosigkeit…“

Über genaue Zahlen kann man sich streiten, aber darüber, dass „Romanas“ Schicksal eine Ausnahme sei, nicht, denn ich habe hunderte von Male gleiche oder ähnliche Geschichten von Frauen in der Prostitution erlebt.

Hier der komplette Text:

Wider den akademichen Zynismus der Prostitutiosdebatte – Romanas Geschichte, eine von 400.000 Prostituierten in Deutschland

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Geschichte aufschreibe. Sie ist nicht meine Geschichte, sie ist die Geschichte einer fremden Frau, die kaum Deutsch spricht, die diesen Blog nicht liest und die auch sonst nicht viel liest. Was mich dazu bewegt, es doch zu tun, ist der menschenverachtende Zynismus, der sich auf gleich mehreren Blogprojekten zum Thema Prostitution zur Zeit breit macht. Da wird in akademischer Borniertheit über den Streitwert von Prostitution und sexueller Dienstleistung philosophiert, da ergeht sich ein studierter Experte nach dem anderen in dem für und wider einer freiwilligen Prostitution, während da draußen 400.000 Frauen sind, von deren Lebenswelt die gelehrten Damen und Herren nicht den Hauch einer Ahnung haben. Deshalb werde ich Romanas Geschichte erzählen, exemplarisch für all die anderen Frauen, mit denen ich in der Zwischenzeit gesprochen habe, weil mich wirklich interessiert, was es bedeutet, im Jahr 2014 in Deutschland eine Prostituierte zu sein und nicht ob Prostitution nun gesellschaftlich akzeptabel ist, trotz des bisschen Ausbeutung und patriarchaler Vorrechte, wie es gerade auf diesen angeblich kritischen Blogs der Rosa-Luxemburg- und Heinrich-Böll-Stiftung geschieht.

Wir sind uns zufällig begegnet, denn normalerweise kreuzen sich die Wege von Frauen wie mir und Frauen wie ihr nicht. Aber manchmal will es das Schicksal anders. Ich werde sie Romana nennen, ihr wirklicher Name ist ein anderer. Das Bahnhofsviertel in Frankfurt ist winzig, und doch ist es eines der verruchtesten Orte Deutschlands. Junkies, Laufhäuser, Kneipen, die die ganze Nacht offen haben. Hier kannst du alles erleben, wenn du willst. Ich wollte gar nichts erleben, ich war auf dem Weg nach Hause, als ich Romana begegnete. Sie kaufte einen Döner in dem gleichen Laden wie ich, und während wir auf unser Essen warteten, fragte ich sie, ob sie ein Feuerzeug hatte, um uns herum drehten die Freier ihren Corso. Im Bahnhofsviertel ist offene Straßenprostitution verboten, nur in den Laufhäusern ist sie erlaubt. Romana war die erste Frau von vielen, mit denen ich sprach, denn es gehört Überwindung dazu, wie fragt man jemanden danach, doch irgendwann wurde es einfacher, irgendwann verstand ich, was ich sagen musste, und dennoch ist es nochmal etwas anderes, diese Geschichten aufzuschreiben, denn sie gehören nicht mir und sie aufzuschreiben, bedeutet zugleich auch sie zu instrumentalisieren. Deshalb bin ich bisher davor zurückgeschreckt. Der Verlauf, den die aktuelle Debatte nimmt, hat mir diese Scheu genommen, und deshalb will ich Romanas Geschichte erzählen, denn Romana ist kein Opfer, Romana ist eine Überlebende, eine stolze und humorvolle Frau und ich weiß, es würde sie freuen, wenn ich ihre Geschichte erzähle. Romanas Geschichte ist mir so gut in Erinnerung geblieben, weil sie die Erste war, mit der ich sprach und weil mir die Eindrücke ihrer Lebenswelt bis heute intensiv im Gedächtnis sind.

Laufhäuser sind keine Bordelle, es sind kalte Orte mit gekachelten Wänden, in denen Männer „Treppen steigen“. Die Frauen sitzen vor ihren Zimmern, der Mann sucht sich aus, welche von ihnen er mitnehmen will. Frauen, die sich nicht verkaufen, ist der Zutritt verboten. Es mag herablassend klingen, doch so war es nicht, ich habe Romana einfach angesehen, was sie macht, es war etwas in ihrem Gesicht, ihrer Haltung, ihrer Kleidung, das es mir verraten hat. Ich habe meinen ganzen Mut zusammen genommen und sie einfach gefragt. Ich rechnete mit allem, auch damit, dass sie mir einfach eine schmiert. Doch Romana lachte nur, als ich sagte, ich schreibe, ich schreibe über Menschen und ich würde gerne über sie schreiben. „Über mich, was willst du schreiben?“, fragte sie in gebrochenem Deutsch und ihre Hände flogen durch die Luft. „Ich will den Menschen erzählen, wie es ist, du zu sein,“, antwortete ich. „Sie denken nämlich Prostitution sei etwas, das Frauen gerne tun.“ Romana lacht so laut, dass die Leute zu uns herüber sehen. „Deutsche Menschen sind dumm. Wer fickt schon gerne ganze Tag? Du fickst für Geld, sonst nix. Warum fickst du?“, fragt sie mich und ich bin einen Moment lang sprachlos. „Ich schlafe mit meinem Freund“, bringe ich etwas stotternd heraus. „Ich ficke für Geld. Nur für Geld.“, sagt sie und schweigt. Wir rauchen unsere Zigaretten und essen unseren Döner. Ich erzähle ihr von mir und sie lacht, Romana lacht viel. Es ist ihr egal, dass die Leute sie anstarren. Als einer einen unverständlichen Spruch murmelt, faucht sie ihn an: „Verpiss dich.“ Ich glaube ihr, dass sie sich wehren kann. Sie hat gelernt, zu überleben.
„Kannst du mir dein Zimmer zeigen? Ich würde gerne sehen, wo du wohnst?“ Romana schüttelt den Kopf. „Du weißt, andere Frauen verboten. Aber ich mache das. Sage du bist Streetwork oder andere Beratungsscheiß“  Romana nimmt mich mit, wir laufen ein Stück durch die Straßen, bis wir vor einem der Laufhäuser stehen, „eine Freundin“ ruft sie dem Verwalter zu. Es interessiert ihn nicht weiter.
Die Frauen sitzen gelangweilt auf Barhockern vor ihren Zimmern, sie unterhalten sich in einem Sprachgewirr, lackieren sich die Nägel, es ist noch zu früh am Tag für den Freierandrang, obwohl draußen, im Viertel, bereits die roten Lichter angehen die das Viertel innerhalb von Minuten in das verwandeln, was man sich unter einem Bahnhofsviertel eben vorstellt. Sie hat ein Zimmer in einem dieser Laufhäuser, es kostet sie 140 Euro am Tag. Die Scheiben sind mit dunkler Folie zugeklebt, es riecht stickig, nach abgestandener Luft, nach altem Sex.
Für einen Moment überwältigt mich der Eindruck, die Klinexpackung, Kondome sehe ich keine, die heruntergekommene Einrichtung, der mit ein paar roten Gardinen und Kissen eine Art von „Sündhaftigkeit“ verliehen werden. „Schläfst du hier?“, frage ich sie. Sie nickt.

Romana ist 28. Sie prostituiert sich, seit sie 18 ist. Sie kam mit ihrem Freund aus Rumänien, kurz nach der Legalisierung der Prostitution in Deutschland. Ich stelle mir das vor, wie sie sich in dieses Bett legt, das noch voller Spermaflecken der Freier ist, mit denen sie es den Tag über getan hat, und schläft. „Ich habe kein anderes zu Hause“, erklärt sie mir in gebrochenem Deutsch. „Wie ist es da, wo du herkommst?“, frage ich sie. „Es ist ein kleines Dorf“, sagt sie, ich muss mir Mühe geben, sie zu verstehen, auch nach zehn Jahren hat sie die Sprache kaum gelernt, wir verständigen uns mit Händen und Gesten. Sie lacht über ein Gesicht, als ich sie nicht verstehe. Romana sieht nicht aus wie 28. Ihr Gesicht ist gezeichnet. Ich kann nicht genau erklären, von was, doch niemand, der sie ansehen würde, könnte verkennen, was sie ist. Eine Prostituierte. „Vermisst du es?“, frage ich. Romana steckt sich eine Zigarette an. „Zu Hause nix gut“, sagt sie. „Mein Vater getrunken, meine Mutter nicht da, kein Geld, nur Armut.“ Ich nicke, als würde ich es verstehen, aber ich bin mir nicht sicher. Ich frage sie, ob sie zur Schule gegangen ist, aber soweit ich sie verstehe, hat sie nur ein paar Jahre eine Art Haupt- oder Grundschule besucht. Eine Ausbildung hat sie nicht.

„Mein Freund sagt, gehen wir nach Deutschland, verdienst du Geld.“ Sie lacht. Es ist ein hartes Lachen. „Erst ich war in Wohnwagen. Dann wir sind gegangen nach Frankfurt. Geld besser.“ „Wie viel Geld bekommst du?“ – Das Lachen verschwindet. „20 Euro mit Kondom.“ Etwas verschiebt sich in ihrem Gesicht. Ich ahne es. „Und ohne?“ „25 oder 30. Meiste Männer wollen ohne. Mehr Geld.“ „Was ist, wenn du krank bist?“, frage ich sie wild gestikulierend. Es dauert eine Weile, bis sie mich versteht. „Dann ist es sehr schlimm. Verwalter wird böse. Ich kann Zimmermiete nicht bezahlen, nix Geld. Ich kann nicht krank sein. Ich arbeite weiter.“ Ich denke darüber nach. „Was ist wenn du deine Tage hast? Was machen die Männer dann?“ Sie öffnet eine Schublade. Darin befinden sich kleine zurechtgeschnittene Schwämmchen. „Männer merken nichts“, sagt sie und lacht wieder. „Wo ist dein Freund jetzt?“, frage ich sie. Sie zuckt wieder mit den Achseln. „Andere Frau, besser als ich. Weg. Männer“ – sie lacht wieder, diesmal sehe ich ihre kaputten Zähne, einige fehlen sogar, „alles scheiße. Nur Schläge, verstehst du?“, sagt sie. Sie zieht ihr Shirt herunter, auf ihrer Schulter sieht man die Male von ausgedrückten Zigaretten. „War das dein Freund?“, frage ich sie. Sie nickt. Das Lachen ist verschwunden.
Einen Moment schweigen wir. Die Atmosphäre in diesem Zimmer erdrückt mich, ich wünschte, ich könnte ein Fenster aufreißen, diese ganze, schwüle Luft herauslassen, frische Luft, Freiheit hereinlassen. Ich sehe Romana an, sie wird verlegen unter meinem Blick und ich sehe weg. „Wie ist es mit den Männern?“, frage ich sie. Sie ahnt meine Frage mehr, als dass sie sie versteht. Ihr Blick wird hart, ich kann sehen, wie sich ihr ganzer Körper anspannt. „Du gewöhnst dich. Irgendwann ist nur noch Mann wie jeder andere. Du machst einfach. Dir egal.“ Mein Blick wandert umher, ich suche nach dem Notknopf, von dem immer die Rede ist und entdecke ihn nicht. „Tun sie dir manchmal weh?“, frage ich sie. Sie wendet den Kopf ab.
„Manche Männer kaputt im Kopf“, sagt sie. „Manche filmen, manche wollen, dass du pisst, manche wollen dich anpissen. Wollen dich schlagen, an deine Hals. Alle kaputt.“ Sie schüttelt den Kopf und macht sich wieder eine Zigarette an. Wieder schweigen wir eine Weile. „Letzt wollte eine in mein Mund Kacka machen. Für 20 Euro.“ Ich zucke zusammen. „Ich habe gesagt mache ich nicht.“ Sie lacht.
Mittlerweile habe ich verstanden, dass dieses Lachen ihre Art ist, Distanz zu dem bewahren, was da mit ihr geschieht, was sie da macht. „Würdest du gerne etwas anderes machen?“, frage ich. Für einen kurzen Moment kommt ein Glänzen in ihre Augen. „Kinder“, sagt sie. „Familie.“ Dann kommt zum ersten Mal so etwas wie echte Traurigkeit in ihr Gesicht. „Aber was soll ich machen?“ Sie wirft die Hände in die Luft. „Ich nix gelernt, alles was ich kann, ist das, ficken.“ Das Wort klingt nicht hart aus ihrem Mund.
In meiner Brust schnürt sich etwas zusammen, denn ich denke an mein schönes zu Hause, an all die schönen, inspirierenden Dinge, die ich Tag für Tag lesen, machen, denken kann, an meine Familie, an meine Krankenversicherung, an meine Urlaube und meine Freunde, während Romana hier in diesem Zimmer sitzt und wartet und es mit mindestens sieben Männern machen muss, um überhaupt die Zimmermiete zu zahlen.
„Würdest du gerne zurück, nach Rumänien?“ Sie schüttelt energisch den Kopf. „Nein. Nur Armut da. Da ist nix.“ „Würdest du gerne aufhören, hier zu arbeiten?“ Sie sieht mich an, zum ersten Mal, seit wir sprechen, hält sie den Blickkontakt. „Ja“, sagt sie „Natürlich, wer will schon ficken, den ganzen Tag?“.
„Was würdest du gerne tun?“ Sie sieht zu dem Fenster mit der abgeklebten Folie, hinter der die roten Lichter tanzen. „Ich nicht weiß. Ich mag Blumen. Hier sind keine Blumen. Ich würde gerne mit Blumen.“ Ich denke einen Moment nach. „Was machst du, wenn du nicht arbeitest? Wo gehst du hin?“ SIe sieht mich an und lacht, und diesmal lacht sie mich aus. „Ich arbeite immer. Wie soll ich sonst leben?“ Ich frage sie, ob es für sie in Ordnung ist, wenn ich diese Geschichte aufschreibe, wenn ich über sie schreibe, unter anderem Namen. „Ja, dann werde ich berühmt“, sagt sie und lacht, bevor ich gehe.

Die Luft draußen, die urinverpestete, widerliche Luft des Bahnhofsviertels riecht auf einmal wie das Beste, was ich je geatmet habe. Ich steige jetzt in meine Bahn, die mich weit weg von Frankfurt, von diesem Laufhaus, von Romana und all den anderen Frauen, die das Gleiche tun, wie sie, bringen wird, in mein schönes zu Hause, während Romana die ersten Freier empfängt. Morgen werde ich zur Arbeit gehen, die mich und meine Familie krankenversichert, ich werde ein Wochenende haben, ich werde entscheiden, was ich arbeite, ich kann mich krankmelden und ich werde immer darüber bestimmen können, wer in mich eindringt und wer mit mir was macht und aller Wahrscheinlichkeit nach wird mich auch nie ein Mann fragen, ob er mir für 20 Euro in den Mund kacken kann. Es wird keine Videos von Geschlechtsverkehr mit mir geben, den ich nicht wollte, in den ich aber eingewilligt habe, um meine Zimmermiete und meinen Döner zu bezahlen. Wahrscheinlich werden Romana und ich uns nicht wiederbegegnen, auch wenn wir unsere Nummern ausgetauscht haben, denn ihre und meine Lebenswelt liegen so weit voneinander entfernt, dass wir zwar in der gleichen Stadt arbeiten, aber zugleich auch auf zwei verschiedenen Planeten leben könnten.

Ich habe Romanas Geschichte erzählt, weil ich im Laufe meiner Beschäftigung mit Prostitution mit vielen anderen Prostituierten gesprochen habe, mit aktiven und ehemaligen. Nicht alle wollten, dass ich ihre Geschichte aufschreibe und die wenigsten haben so viel gelacht wie Romana. Aber Romanas Geschichte ist deshalb so wichtig, weil die Diskussion um Prostitution sich zunehmend in einen akademischen Diskurs auf irgendwelchen Blogs der Rosalux-Stiftung und der Böll-Stiftung verschiebt, auf denen philosophische und feministische und theoretische Aspekte der Prostitution verhandelt werden, die die Lebenswelt der Prostituierten vollkommen außer Acht lassen. Bei jedem Anti-Prostitutionsartikel folgt ein Verweis auf den Berufsverband für erotische Dienstleistungen. Die Frauen, die diesen Berufsverband gegründet haben und in ihm vertreten sind, sind einige hundert. Die meisten von ihnen gehen selbst nicht mehr anschaffen, sondern arbeiten als Dominas oder vermieten Wohnungen an andere Prostituierte. Sie sind nicht wie Romana. Da draußen sind aber etwa 400.000 Frauen wie Romana. Zwei Drittel aller Prostituierten kommen aus dem Ausland, aus den Ostblockstaaten. Romana und all die Frauen wie Romana kennen diesen Berufsverband nicht. Er tut auch nichts für ihre Interessen. Frauen wie Romana wollen raus aus der Prostitution, aus den stickigen, schwülen Zimmern, aus dem Zwang, es mit zehn Männern am Tag machen zu müssen, um zu überleben, nur überleben, das heißt wohnen und essen. Sie sind keine Dominas, sie vermieten keine Zimmer an andere Prostituierte und machen den großen Reibach. Sie verlieren ihr Leben, ihr Lachen an diesen Beruf. 89 Prozent von ihnen wollen aussteigen, wenn sie eine Alternative hätten. Sie haben aber keine, weil sie auf dem normalen Arbeitsmarkt keine Chance haben und weil es zynischerweise immer noch besser ist, sich in Deutschland zu prostituierten, als in Rumänien zu verhungern.
Dieser Zynismus wird auf linken Debattenblogs wie der Rosa-Luxemburg-Stiftung als „Freiheit“ und unter „Freiwilligkeit“ verhandelt. Ich lade alle diese akademisch geschulten Menschen, die mit ihren Stipendien, ihren Uni-Abschlüssen, ihren Krankenversicherungen glauben, sich ein Urteil über Prostitution erlauben zu können, geht hinaus, sucht sie, die Frauen wie Romana, lasst euch ihre Geschichten erzählen, von Gewalt, von Ausweglosigkeit, von Hoffnungslosigkeit, davon, wie sehr sie ihre Kinder zu Hause vermissen und wie sehr sie die Freier anwidern, die sie am Tag bedienen, weil zu Hause ein Mann auf sie wartet, den sie lieben und dann bringt es nochmal fertig solche Blogbeiträge über Streitwerte und „sexuelle Dienstleistung“ als Care-Arbeit zu schreiben, ohne euch selbst ins Gesicht kotzen zu müssen über eure bornierte Unmenschlichkeit. Romana wurde, soweit ich sie verstanden habe, noch nicht in ihrem Job vergewaltigt. Andere, denen ich begegnet bin, ist das passiert. Einige von ihnen wurden auch schon als Kinder und Jugendlich missbraucht. Romana ist auch keine Straßenprostitutierte. Es geht also auch noch eine ganze Ecke schlimmer. Mir bleibt für all jene, die sich da in ihren theoretischen Ergründungen ergehen, nicht mehr als kalte Verachtung für euren akademischen Zynismus.

 

 

Quelle: Wider den akademischen Zynismus der Prostitutionsdebatte – Romanas Geschichte, eine von 400.000 Prostitutierten in Deutschland

Freier: „Elend lässt sich gut ficken“

 

Hier gibt es 3 tolle Menschen, die was zu sagen haben – 2 Prostitutions-Aussteigerinnen sowie die Sozialarbeiterin Sabine Constabel von „Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution“:

-> SWR1 – Kondompflicht für Freier (2:54 Minuten)

Es gibt auch noch eine längere Version (14:08 Minuten) mit mehr Personen -> SWR1 – Das neue Gesetz zum Schutz von Prostituierten

Und ein so wahrer Spruch…

 

Prostitution

 

 

 

Liebe ohne Zwang!

 

Danke für dieses tolle Engagement bei https://liebe-ohne-zwang.de/  – hier wird aufgeklärt über „Loverboys“ (Prostitution & Menschenhandel) und es wird die Möglichkeit gegeben, selbstständig weiter aufzuklären.

Es ist so unglaublich wichtig, (junge) Menschen vor so einer Erfahrung zu bewahren. Ich habe diese „Loverboy-Methode“ nicht nur selbst erlebt, sondern auch bei ganz vielen anderen Frauen in der Prostitution gesehen – sie ist weit, sehr weit, verbreitet und für die Betroffenen eine absolute Höllenspirale.

Bitte seht hin, klärt auf und warnt, es passiert mitten in unserer Gesellschaft!

Hier ein sehenswerter Clip dazu (von der oben verlinkten Homepage):

 

 

 

Loverboy