Erfahrungen

Präventionsarbeit zum Schutz vor „Loverboys“

 

Am 2.1.18 war ich mit Tabita von http://www.freethem.de/ in einer Jugendhilfeeinrichtung für Mädchen. Wir haben dort präventive Arbeit in Form von Aufklärung über „Loverboys“ geleistet und mit den Mädchen über Prostitution und Menschenhandel gesprochen, wie man sich am besten vor „Loverboys“ schützen kann, wie man sie erkennt, was ihre Methoden sind, etc… Tabita hatte die Mädchen im Rahmen ihres Projektes bereits vorher mit dem Thema vertraut gemacht. Danke Tabita und auch Carina von Freethem!

Diese Präventionsarbeit liegt mir sehr am Herzen. Wer in diesem Bereich Infos/Hilfe möchte (LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialpädagogInnen, Hilfeeinrichtungen, etc…) kann sich gerne bei mir melden. Zusammen können wir ein Konzept erstellen, behutsam aufklären, vor allem die Risikogruppen, und damit versuchen besser zu verhindern, dass es Opfer in dem großen Ausmaß gibt. Es ist wichtig, junge Menschen vor so etwas zu warnen und zu schützen!

Mit freundlicher Erlaubnis von Tabita unten ein Foto von uns beiden. Meine liebe Hündin war auch mit dabei, die Mädchen haben sich sehr darüber gefreut und die Atmosphäre wurde dadurch noch entspannter. Tiere können eine sehr schöne Wirkung auf die verschiedensten Typen von Menschen haben. Wir konnten auch viel lachen, das ist wichtig, damit das Thema bei den Mädels nicht zu schwer im Magen liegt.

Ein glückliches und gesundes neues Jahr euch allen!

 

Tabita und Sandra 2 (2)

Rechts: Tabita; Links: Ich

Beitrag bei „Eesti Ekspress“ – Estland

 

Der folgende Beitrag mit mir erschien am 27.12.2017 in der politischen Wochenzeitung „Eesti Ekspress“ in Estland als Druck – und Onlineversion.

 

Hier steht die Onlinefassung:

http://ekspress.delfi.ee/elu/endine-prostituut-see-oli-liinitoo?id=80570726

 

Hier ist die deutsche Übersetzung:

In Deutschland ist Prostitution legal. Sandra lernte damals im Internet einen 20 Jahre älteren Mann kennen, der ihr Liebe vorspielte und anschließend von ihr verlangte sich zu prostituieren als sie noch Schülerin war. 6 Jahre war sie in verschiedenen Bordellen. Allmählich gelang es ihr sich aus der Prostitution zu befreien. Sie begann ihr Abitur nachzuholen, fand ihren ersten Job außerhalb des Rotlichtmilieus und fing danach an zu studieren. Um zu zeigen, dass die deutsche liberale Prostitutionsgesetzgebung nicht der richtige Weg ist, schreibt Sandra seit letztem Jahr den Blog https://mylifeinprostitution.wordpress.com/.

Sie treten nicht mit Ihrem richtigen Namen auf und sagen nicht wo Sie wohnen, aber Sie zeigen Ihr Gesicht. Wieso? Haben Sie nicht Angst, dass die Vergangenheit Sie dadurch irgendwie einholt?
Ich habe lange überlegt, ob ich an die Öffentlichkeit gehen soll. Letztlich habe ich mich dafür entschieden und bereue diese Entscheidung keinesfalls. Dass es mittlerweile natürlich Menschen gibt, die meinen richtigen Namen und Wohnort kennen, war mir von vornherein klar. Ich hatte überlegt, gleich mit echtem Namen aufzutreten, empfand es für mich selbst beim ersten Schritt an die Öffentlichkeit aber als angenehmer zumindest noch einen kleinen Schutz zu bewahren. Meine Vergangenheit ist immer präsent, nun muss ich sie wenigstens nicht mehr verstecken.

Haben Sie je nach dem Ausstieg irgendwo Ihre Kunden getroffen? Haben Sie Angst davor?
Nein, ich habe niemanden getroffen und ich habe auch keine Angst davor. Ich bin nach allem zu einer starken Persönlichkeit herangewachsen. Zudem muss ich ganz ehrlich sagen, dass es Tausende von Männern waren und dass ich die meisten Gesichter gar nicht mehr erkennen würde. Es war wie Fließbandarbeit, Gesichter sind hier Schall und Rauch.

Wie würden Sie Ihren durchschnittlichen Kunden beschreiben? 
Es gab keine durchschnittlichen Kunden. Es waren Männer aus allen Schichten. Alte Männer, junge Männer, auch körperlich und geistig Behinderte, es war zu jederzeit alles dabei. Männer, die bildhübsche Frauen und Kinder hatten, ein tolles Haus, bei denen man denken müsste, genau hier sollte doch alles in Ordnung sein, aber oft waren genau das die Schlimmsten. Die meisten waren liiert oder verheiratet.

Wie sahen Ihre Tage als Prostituierte aus?
Monoton und trist. Es ist als würden Sie in einem Hamsterrad laufen, welches nicht aufhört sich zu drehen. Sie laufen und laufen, ohne Ziele, ohne Wünsche, ohne Träume. Sie schauen nicht nach links, nicht nach rechts, Sie laufen einfach nur geradeaus. Sie denken, Sie laufen um ihr Leben, aber in Wirklichkeit laufen Sie langsam aus dem Leben. Sie haben viele verschiedene Freier, oft Stammfreier. Letztere sind häufig schwerer zu ertragen als „neue“ Freier, weil man bereits zu Beginn weiß, worauf man sich gleich einstellen muss. Um sowas dauerhaft ertragen zu können, konsumieren viele Prostituierte Alkohol und weitere Drogen in Massen. Sehr viele waren auch süchtig – alkoholsüchtig und/oder drogensüchtig.

Wie würden Sie andere Prostituierte beschreiben, die Sie in den 6 Jahren kennengelernt haben? Wie viele kommen aus problematischen Familienverhältnissen? Was ist ihr Hintergrund? Wie viele kommen aus anderen Ländern?
Ich habe fast nur ausländische Prostituierte kennengelernt. Am häufigsten waren blutjunge Frauen aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien, auch aus Tschechien, Polen, der Türkei und Russland waren einige da. Es gab natürlich noch mehr Nationalitäten. Es variiert, je nachdem, wo Sie sich befinden. Was alle gemeinsam hatten waren problematische Vorverhältnisse. Extreme Armut und (sexuelle) Gewalt prägten ihr Leben, manche hatten gar keine Familie, für sie war der Ausbeuter, ihr Zuhälter, ihre Familie. Nach dem Motto: lieber einen Menschen haben, der einen schlecht behandelt, als gar niemanden haben. Oftmals war auch die eigene Familie der Zuhälter. Viele waren Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Es sind meist katastrophale Zustände von denen die Freier profitieren. Es gibt so viele Menschen, die sagen, Prostitution sei im Großen und Ganzen in Ordnung – wenn sie die Innenansichten sehen könnten, würden sie gewiss anders denken.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Arbeit als Juristin?
Ja, es macht mir Freude zu helfen. Im Gegensatz zu früher möchte ich mich dabei aber selbst nicht mehr aufgeben. Das Thema Prostitution liegt mir sehr am Herzen, aber auch andere Themen wie der Tierschutz und die Umwelt, hier vor allem die Meere. Früher wollte ich Meeresbiologin werden. Mein Berufswunsch hat sich geändert, aber meine Liebe zum Meer ist geblieben. Es gibt auf vielen Gebieten einiges zu tun.

Sie haben im Spiegel-Interview gesagt, Sie wollen den 90 Prozent Frauen aus Osteuropa helfen, die keine Stimme in der Prostitution haben. Was meinen Sie damit? 
Menschen, die in der Prostitution Leid erleben, können sich nicht in Vereinen organisieren um auszudrücken, wie es ihnen geht. Sie sind damit beschäftigt um ihr Überleben zu kämpfen. Ihre Nöte, Ängste und Sehnsüchte dringen nicht nach außen an die Öffentlichkeit, sie werden nicht wahrgenommen. Es wird deshalb manchmal so dargestellt als ob es nicht viele von ihnen gäbe. Das ist falsch und nicht nur ich, sondern viele andere Personen und Organisationen wollen genau diese vielen Menschen in der Prostitution nicht im Stich lassen, die momentan eben größtenteils, aber natürlich nicht nur, aus dem Ausland kommen. Es gibt auch zahlreiche deutsche Prostituierte, die in ihrem eigenen Land kaputt gehen. Wir wollen die Not aller in die Öffentlichkeit tragen, damit unsere Gesellschaft fähig ist, die Missstände sehen zu können. Nur so kann sich etwas verändern und nur durch Veränderung können viele in der Prostitution ernsthafte Hilfe erhalten und dem System entfliehen.

Wie ist die Abschaffung der Prostitution möglich? Was müssen der Staat, die Gesellschaft, die Leute, die Gesetze dafür tun?
Viele Leute belächeln einen, wenn man sagt, man möchte die Prostitution abschaffen, weil das undenkbar sei. Was auf dieser Welt scheint alles undenkbar? Sehr vieles. Glauben Sie, dass es jemals eine Welt ohne Krieg geben wird? Für viele undenkbar und dennoch setzt man sich das Ziel des Weltfriedens. Glauben Sie, dass es jemals eine Welt ohne Sklaverei geben wird? Für die meisten undenkbar und dennoch ist Sklaverei in verschiedenen Gesetzestexten ausdrücklich verboten – man möchte sie abschaffen. Es geht darum, den Glauben daran nicht zu verlieren, dass es möglich werden kann. Prostitution einfach so zu akzeptieren bedeutet nur eines: Resignation. Wir sollten aufhören mit fadenscheinigen Argumenten zu resignieren und diese Art der Objektivierung von Menschen nicht einfach so hinnehmen. Nötig ist ein Sexkaufverbot wie es das „Nordische Modell“, erstmals 1999 in Schweden eingeführt, vorsieht. Es braucht ernsthafte Ausstiegshilfen, eine intensive Debatte und Aufklärung in der Gesellschaft über Prostitution. Und ein Punkt, der mir auch wichtig ist: Diskussionen und Ansätze darüber, wie man Prostituierte, die auch bei Einführung des „Nordischen Modells“ in der Prostitution sind, am besten unterstützen kann.

Wie viel ist in der deutschen Öffentlichkeit von der Prostitution die Rede? Und wie? Sieht man das als ein Problem oder eher eine Arbeit als jede andere? Was stört Sie bei der Rhetorik am meisten?
Die Öffentlichkeit beginnt nach und nach immer weiter zu sehen, was Prostitution wirklich ist. Viele Menschen arbeiten daran. Zum Beispiel der Verein „Sisters e.V.“, in dem ich auch Mitglied bin. Er hilft Frauen aus der Prostitution und betreibt Aufklärungsarbeit. Es existiert eine dazugehörige Kampagne namens „Rotlicht-Aus“. Hier gab es bereits Aktionen in deutschen Städten, wo Plakate aufgehängt wurden mit dem Titel: „Zu verkaufen: Körper, Freiheit, Würde“. Mit solchen und anderen Aktionen wird das Thema immer weiter in den Fokus der Gesellschaft gerückt, sie wird aufmerksam gemacht und sensibilisiert. Viele argumentieren, wer sich freiwillig prostituieren möchte, der soll es tun dürfen, der Staat solle sich nicht einmischen. Das „Nordische Modell“ verbietet Menschen nicht, sich zu prostituieren. Es verbietet den Kauf sexueller Dienste, nicht den Verkauf. Simon Häggström, ein Polizeikommissar der Anti-Prostitutionseinheit in Schweden, schreibt in seinem Buch „Shadow‘s Law“ noch etwas Wesentliches, nämlich dass die Kriminalisierung von Sexkauf vor allem auch anstrebt, hunderttausende von Frauen und Kindern auf der Welt besser zu schützen, die sich in den Fängen von Menschenhändlern befinden.

Geht man von den Zuhältern und Menschenhändlern weg, habe ich gesehen, was die Prostitution generell aus Menschen macht. Was zwischen Freier und Prostituierter im Zimmer passiert, das ist keine Arbeit. Melissa Farley betont, dass das Tolerieren von sexuellem Missbrauch die Arbeitsbeschreibung der Prostitution ist. Genau so habe ich es erlebt und bei anderen Frauen gesehen. Das sollte ein Staat, der es sich zur Aufgabe macht Menschenrechte zu schützen, nicht hinnehmen.

 

 

Bordell Deutschland „Milliardengeschäft Prostitution“ – Dokumentation (ca. 90 Min.)

 

Hier könnt ihr die Doku und einen Ausschnitt aus „Hallo Deutschland“ anschauen.

 

sandra

 


 

Nachrichten | hallo deutschland Ausstieg aus der Prostitution

„Sandra Norak ist eine Gymnasialschülerin, hübsch, blond – und einsam. Sie chattet im Internet, verliebt sich – aber in den falschen Mann. Denn: ihr damaliger Freund drängt sie in die Prostitution. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.“

https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/ausstieg-aus-der-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo-Dokumentation „Bordell Deutschland – Milliardengeschäft Prostitution“ komplett, abrufbar von 22 – 6 Uhr:

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/bordell-deutschland-milliardengeschaeft-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo Dokumentation über Prostitution, 18.11. um 22 Uhr

 

Sandra

Fotoquelle: ZDF / Jan Sindel

 

Am Samstag, den 18.11. um 22 Uhr, läuft eine Dokumentation über Prostitution auf ZDFinfo, wo ich auch zu sehen bin (siehe Bild). Man kann sich das Ganze aber auch danach in der Mediathek ansehen.

Hier der Text zur Dokumentation:

Prostitution und organisierte Kriminalität
 
„Bordell Deutschland“: Diese TV-Doku wird für Wirbel sorgen
Von Frank Rauscher

Sie werden geschlagen, missbraucht und ausgebeutet: Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. In der TV-Doku „Bordell Deutschland“ kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.

Für fast alles gibt es in Deutschland Statistiken. Ohne Zweifel ließe sich jedoch die Zahl der freilaufenden Hühner exakter benennen, als die der Frauen, die hierzulande dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Denn: Für den Bereich der Prostitution gibt es keine belastbaren Zahlen, weiß der Kriminalist Manfred Paulus. Schätzungen gingen von 400.000 bis zu über einer Million aktuell in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen aus, laut statistischem Bundesamt nehmen täglich rund 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Und „seit der Legalisierung werden es immer mehr“, sagt Paulus, der drei Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelte und nun auch als Protagonist einer der umfassendsten TV-Dokus, die je zu diesem Themenkomplex gedreht wurden, gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel ankämpft. Die Legalisierung der Prostitution, die mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz de facto erfolgte, steht im Fokus des spielfilmlangen Beitrags, der sich unter dem Titel „Bordell Deutschland“ am Samstag, 18. November 2017 (22 Uhr, ZDFinfo), mit dem „Milliardengeschäft Prostitution“ befasst.

„Legalisierung“: Das klingt positiv, doch schon das ist eines der Probleme, wie der engagierte Film von Christian P. Stracke verdeutlicht. Die Begrifflichkeit mag dem Freier das Gewissen erleichtern, aber hilft so ein Schlagwort auch den Frauen?

Der Journalist geht, ohne irgendetwas zu beschönigen, der Frage nach, warum Deutschland zur internationalen Drehscheibe für Zwangsprostitution und Mädchenhandel geworden ist. „Was läuft falsch bei uns?“, heißt es gleich zu Beginn des Beitrages, der Antworten liefert, die niemandem gefallen und viel Staub aufwirbeln dürften. Was auch der Sender erkannt hat: Der Film über die Zusammenhänge von Zuhälterei, Prostitution und internationalem Menschenhandel war zunächst auf 45 Minuten angelegt. ZDFinfo hat sich aber „aufgrund der Fülle von Aspekten und Standpunkten“ für eine Verdopplung der Länge entschieden. „Eine entsprechende Anpassung war schnell und unkompliziert möglich, ein Vorteil, den vermutlich nur ZDFinfo bieten kann“, heißt es jetzt seitens der Produktion. Schließlich gibt es im Digitalkanal keine genormten Sendeformate.

Authentische Innenansichten einer Parallelwelt

Über ein Jahr recherchierte Stracke an seiner Story, die ohne die Voyeurismuskarte zu spielen beinahe so packend wie ein Thriller ist, weil sie authentische Innenansichten einer tabuisierten und immer wieder als „schillernd“ oder „cool“ verklärten Parallelwelt präsentiert. Er sprach mit Prostituierten, Polizisten, Sozialarbeitern, Vertretern des Prostituiertenverbandes, Politikern und Psychologen. Stracke ist quer durch Deutschland gereist, hat sich vor Ort vom Edelbordell bis zum Straßenstrich ein Bild von den Ausprägungen der Prostitution gemacht.

Zu Wort kommen auch eher exotisch anmutende Protagonistinnen wie Cleo aus Berlin, die – freiwillig, wie sie betont – in einer „Erlebniswohnung“ an Gangbang-Partys teilnimmt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau. Oder Typen wie Andreas Marquardt, der früher als Zuhälter die Frauen nach eigener Aussage „wie Dreck“ behandelte, wegen Menschenhandels im Gefängnis saß und sich heute für Gewaltprävention einsetzt. Vor allem aber prägen Frauen wie Sandra Norak Strackes Film. Sie hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und den Ausstieg geschafft. Dabei hat sie fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Gewalt gesehen.

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihr Leben und ein Gewerbe, das sie „fast kaputt gemacht“ habe. „Das ist keine Arbeit“, sagt sie, „das ist einfach nur Gewalt, was man da erlebt … Und ich hatte da bestimmt 400/500 Männer in vier Wochen.“ Die heute 27-Jährige geht mit ihrer Geschichte jetzt ganz bewusst an die Öffentlichkeit, möchte mit dem Mythos der Freiwilligkeit aufräumen, sie studiert Jura und setzt sich für die Abschaffung der Prostitution ein. „In jedem Club, in dem ich war, habe ich Menschenhandel gesehen“, berichtet sie. „Ich habe natürlich auch Frauen gesehen, die geschlagen werden. Und ich habe auch Freier gesehen, die das gesehen haben und dann trotzdem die Dienstleistung in Anspruch genommen haben.“

Neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen

Kein Einzelfall, wie Denisa, eine junge Rumänin, die nun, nach ihrem Ausstieg ebenfalls gegen die Missstände ankämpft. Jahrelang hat sie in Deutschland als Zwangsprostituierte gearbeitet, sie weiß alles über die Hintergrunde des Geschäfts: „90 Prozent haben Zuhälter“, sagt sie und berichtet aus eigener Erfahrung: „Die Männer sind scharf auf Minderjährige. Es gibt so viele Pädophile.“ Dem Mythos der Freiwilligkeit widerspricht die ehemalige Zwangsprostituierte entschieden: „Die Freier denken sich, die macht das aus Spaß. Du musst so tun, als ob es dir gut geht, aber innerlich geht’s dir nicht gut.“

Zu der Einschätzung gelangen auch Experten der Polizei, ihren Angaben zu Folge werden neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen. Heute spricht Denisa in rumänischen Armenbezirken vor Schulkassen, um die Mädchen zu warnen und sie, genau wie der Kriminalist Manfred Paulus, über die Maschen der als „Loverboys“ getarnten Handlanger der Mädchenhändler aufzuklären.

Die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus vergleicht den Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern. Fast 70 Prozent der Frauen leiden unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung: „Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen.“ Die Sterblichkeitsrate unter Prostituierten ist 40-mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, heißt es in der Doku. Allein das Risiko, ermordet zu werden, sei über 18-mal höher als bei anderen Frauen – unabhängig davon, ob sie freiwillg arbeiten oder dazu gezwungen werden.

Ungeachtet all dieser Hintergründe, das macht der sauber recherchierte Film deutlich, haben Escortangebote und Bordelle in Deutschland mehr Zulauf denn je. Das Marketing der Freudenhäuser hat sich offenbar der Mentalität der Freier angepasst: „Komm so oft du willst“, „All you can fuck“ oder „20 Minuten Sex für 20 Euro – der Spartarif im Discountpuff“ – so werben Flatrate-Puffs in den Städten. In Online-Foren tauschen sich Männer ungeniert und oft auf menschenverachtende Weise über die Leistungen der Sexarbeiterinnen aus.

Deutschland als Reiseziel für Freier

Vor der Kamera wollte kaum einer offen über so etwas Auskunft geben, aber während der Recherchen hat Autor Stracke mit vielen Freiern gesprochen. Sein Eindruck: Unrechtsbewusstsein ist auf Seiten der Männer kaum vorhanden. So ist Deutschland auch zu einem der begehrtesten Reiseziele für Freier aus alle Welt geworden. „Besuche über zehn Clubs in sechs Tagen“, preist ein Veranstalter ungeniert ein Package mit Kunst und Kultur an, das die Kundschaft ins „Bordell Deutschland“ locken soll.

Die Frage ist, wie es so weit kommen konnte. Glaubt man diesem Film, der auch die Tätigkeit der Prostituiertenverbände kritisch hinterfragt, kamen mehrere Faktoren auf unselige Weise zusammen: Das fraglos gut gemeinte Gesetz zur Legalisierung der Prostitution von 2002 hat den Bordellbetreibern und Freiern mehr geholfen als den Frauen. Seine Einführung ging zeitlich mit der EU-Osterweiterung einher, derweil sich in Deutschland gerade eine „Geiz ist geil“-Mentalität breitmachte.

Während bei den Mädchen wenig hängen bleibt, lässt sich mit der Prostitution viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt bringt allein eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr. Und auch der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit. Der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß, es kommen immer mehr und immer jüngere Frauen, die alles ungeschützt mitmachen …

Vorbild Schweden

Ob sich mit dem seit Juli geltenden „Prostituiertenschutzgesetz“, welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich. Anfangs, so lässt der Autor Christian P. Stracke durchblicken, sei auch er der Meinung gewesen, dass freiwillige Prostitution erlaubt sein sollte. Mittlerweile ist er aber zu der Überzeugung gelangt, auch freiwillige Prostitution verletze die Menschenrechte. „Deshalb muss sich dringend etwas ändern“, fordert er. „Doch um Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam einzudämmen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.“ Für ihn ein Vorbild: das nordische Modell in Schweden, das mit dem Sexkaufverbot den Freier bestraft.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

 

Link: prisma.de

 

Auf die Freiheit!

Video unten: Klaus Ferdinand Hempfling – Free and Connected

„Freedom of spirit… Authentic and real… Connection of body and spirit…“

„It is all in us

Be yourself

 

Gespräch mit Lisa Harmann

 

Lisa Harmann hat mir ein paar Fragen gestellt:

Sandra Norak* schaffte zum ersten Mal an, da war sie 18. Es sollte sechs Jahre lang dauern, bis sie sich selbst aus dem Sumpf der Prostitution befreien konnte. Heute macht sie sich für das „Nordische Modell“ stark, in dem unter anderem Freier für ihren Besuch bei Prostituierten bestraft werden – und hat dafür ihre Gründe.

Frau Norak, Sie sind Jura-Studentin, 27 Jahre alt, aber Sie sind nicht wie die anderen in Ihrem Jahrgang, denn von 2008 bis 2014 waren Sie in der Prostitution. Wie kam es dazu?

Sandra Norak: Als Schülerin lernte ich im Internet einen „Loverboy“ kennen. Während ich zuhause große Probleme hatte, vermittelte er mir Halt und Liebe und ebnete mir den Weg in die Prostitution.

Wusste Ihre Familie davon?

Norak: Ein paar Leute fanden heraus, dass ich mich prostituierte, aber sie wussten nicht über die wirklichen Umstände Bescheid.

Selbst schuld, sagen einige, wenn man sich auf einen „Loverboy“ einlässt. Was entgegnen Sie ihnen?

Norak: „Loverboys“ sind Männer, die gezielt nach jungen Mädchen oder Frauen Ausschau halten und ihnen Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie binden sie emotional an sich und erst wenn diese Bindung besteht, kommt die Prostitution ins Spiel, wobei es verschiedene Vorgehensweisen von „Loverboys“ gibt.

Meiner war um die 20 Jahre älter als ich und ein Ex-Fremdenlegionär. Er verherrlichte das Buch „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Dieses Buch ist ein Kriegsstrategie-Klassiker. Die Autorin und Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, welches das Thema „seelische Gewalt“ behandelt, einige Male auf Sun Tsus Buch indem sie seine Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen überträgt und nennt Menschen, die beispielsweise wie mein „Loverboy“ agieren, „die Perversen“. Ihr Buch fand ich erst vor einiger Zeit. „Loverboys“ planen alles von Anfang an. Vor allem junge Menschen sind leicht manipulierbar und sehr gefährdet.

Haben Sie das Gefühl, dass jede Frau auf so einen Menschen reinfallen könnte?

Norak: Nein, es gibt „Push“ – und „Pull-Faktoren“ im Bereich des Menschenhandels, vor allem bei der Migration osteuropäischer Frauen, die in der Prostitution landen. Während Push-Faktoren Menschen in Richtung Prostitution drücken können, wie zum Beispiel Perspektivlosigkeit und Armut, (sexuelle) Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit, etc., können Pull-Faktoren weiter hineinziehen, wie die „Loverboys“ mit ihren falschen Versprechen oder bei Osteuropäerinnen oftmals das Versprechen eines guten Jobs und eines besseren Lebens in Deutschland. Die „Loverboy-Methode“ ist ein komplexer, durchgeplanter und perfider Isolationsprozess. Im Rotlichtmilieu gibt es regelrechte „Schulen“, um diese Taktik beherrschen zu lernen.

Wie sah denn Ihr Tagesablauf damals aus? Gab es da Routinen?

Norak: Mich prostituieren, essen, schlafen. Ich bekam vom Leben draußen gar nichts mehr mit und verwahrloste immer mehr.

Welche Menschen kamen in diesen sechs Jahren zu Ihnen?

Norak: Alle Möglichen. Freier aus jeder Schicht, jedem Beruf, Behinderte, alte und junge Leute, Ledige, Verheiratete, Singles – wobei die meisten liiert oder verheiratet waren. Erschreckend fand ich die hohe Anzahl an Familienvätern. Ich musste feststellen, dass wir leider in einer sehr verlogenen Gesellschaft leben.

Was war das Schlimmste?

Norak: Die Prostitution an sich ist schlimm. Es gibt keine guten Freier und Escort ist genauso Prostitution und seelenraubend wie jede andere Form der Prostitution. Ich hatte viel mit Prostituierten zu tun und egal welche Form sie gerade ausübten oder welchen Freier sie gerade hatten, sie waren danach immer am Ende.

Wie haben Sie das ausgehalten?

Norak: Erst dissoziiert und dann mit viel Alkohol. Seit Beginn des Jura-Studiums beschäftige ich mich auch sehr viel mit der Psychotraumatologie im Hinblick auf die Prostitution und es ist essenziell, dass Menschen darüber Bescheid wissen, wenn sie über Prostitution sprechen. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, eine Abspaltung des Empfindens. Wenn, wie hier, sexuelle Handlungen der Freier unerträglich werden und man physisch nicht weg kann, lässt die Dissoziation einen abschalten. Bewusstsein und Wahrnehmung werden getrübt, man befindet sich in einer Art Trance-Zustand und ist depersonalisiert.

Welche Folgen hatte das?

Norak: Auch wenn Sie dissoziieren, erleben Sie die Situationen natürlich trotzdem. Wenn Sie nun nach den Zimmergängen mit bestimmten Schlüsselreizen wie zum Beispiel dem Parfum des Freiers in Berührung kommen, kann das Flashbacks auslösen. Sie erleben dann vergangene Situationen oder Gefühlszustände wieder und zwar in extremer Stärke. Ich hatte viel mit Panikattacken zu kämpfen. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war. Im Bordell und leider auch in den meisten Beratungsstellen sitzen keine spezialisierten Fachkräfte aus diesem Bereich.

Hatten Sie Hilfe in dieser Zeit?

Norak: Nein, aber ich habe mich auch verschlossen. Das ist ein großes Problem: Die wenigsten Prostituierten trauen sich überhaupt Hilfe zu suchen, weil sie wissen, dass sie so tief unten sind, dass richtige und ernsthafte Hilfe raus aus diesem elendigen Leben leider in unserem Land so gut wie nicht existiert.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?

Norak: Nach ein paar Jahren in der Prostitution habe ich angefangen im Bordell mein abgebrochenes Abitur per Fernstudium nachzuholen, machte unbezahlte Praktika um meinen Lebenslauf zu füllen, bekam einen Minijob und letztlich dann einen Vollzeitjob, der mir den kompletten Ausstieg ermöglichte.

Wie ging es Ihnen danach?

Norak: Nicht gut. Ich hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen und wusste sehr lange Zeit nicht, was da überhaupt mit mir los war.

Sie sagen, im Grunde prostituiert sich niemand freiwillig, wie meinen Sie das genau?

Norak: Ich habe keine Frau gesehen, die in der Prostitution sein wollte. Nun wird oft angebracht, es gäbe ja auch Menschen, die nicht gerne putzen wollen und trotzdem putzen gehen. Das kann man nur ganz und gar nicht vergleichen. Wenn erfahrene Traumatherapeutinnen und Traumatherapeuten über die Folgen von Prostitution sprechen, dann berichten sie von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, die sich nur nach schweren Traumatisierungen entwickeln können. Beim Putzen bekommt man die sicher nicht. In der Literatur über Trauma und Prostitution findet man auch Studien darüber, dass die überwiegende Anzahl an Frauen, die sich freiwillig prostituieren, bereits in ihrer Kindheit diverse Formen von Gewalt erlebten und die Gewalt, wie sie sie dann auch weiter in der Prostitution erfahren, einzig durch die bereits entwickelten Schutzmechanismen aushalten können und dabei aber weiter traumatisiert werden. Hier von Freiwilligkeit zu sprechen ist zynisch. Es geht auch nicht darum, Prostituierte zu pathologisieren, sondern darum zu verstehen, dass Prostitution ein in sich geschlossenes Gewaltsystem ist.

Sie schreiben das Blog „Die Wahrheit über das Leben in der Prostitution“ und gehen mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Warum?

Norak: Ich mag nicht mehr einfach zusehen wie Menschen in der Prostitution jeden Tag systematisch zerstört werden und will das Leid, was ich gesehen habe, nicht mit verantworten. Nichts tun, obwohl man etwas tun kann, bedeutet mit verantworten. Wir haben in unserer Gesellschaft schon viel zu viel Gleichgültigkeitsempfinden in Bezug auf so viele Dinge.

Heute kämpfen Sie für die Abschaffung der Prostitution. Wie engagieren Sie sich?

Norak: Ich schreibe, um zu versuchen, das Thema verständlicher zu machen und bin Mitglied bei „Sisters e.V.“. Ich unterstütze die Kampagne „Rotlichtaus“, denn wir brauchen in Deutschland und noch in vielen anderen Ländern das „Nordische Modell“. Auch das Europäische Parlament hat sich 2014 dafür ausgesprochen. Erfahrungen zufolge ist es zudem das effektivste Mittel gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Bereits viele Menschen und Organisationen, auch auf internationaler Ebene, stellen sich schon seit einigen Jahren unermüdlich dem Kampf gegen Prostitution und Menschenhandel. Einfach ist dieser Weg nicht, aber es ist ein Weg, den es lohnt zu gehen. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen anfangen ihn zu beschreiten.

*Sandra Norak ist der Name, mit dem sich die Interviewte der Öffentlichkeit stellt. Es ist nicht ihr richtiger Name.

 

Quelle:

Spiegel Online Artikel

 

Ok. Eigentlich hatte ich gar nicht vor zu dem SpiegelOnline-Artikel was zu schreiben, jetzt muss ich aber doch.

Ich habe mit Geneviève Hesse für Spiegel Online gesprochen. Vor ein paar Stunden ist der Artikel erschienen. Mein Blog hier wurde dort verlinkt und ich habe mittlerweile ca. 30.000 Aufrufe, Nachrichten ohne Ende und weiß gar nicht mehr, wem ich zuerst Antworten soll. Da hier ja jetzt eh alle mitlesen, möchte ich etwas wichtiges loswerden, weil ich die Facebook – Kommentare auf Spiegel Online über mich gelesen habe und ich muss zugeben, ich habe mich auf sowas eingestellt. Dass man nicht die gleiche Meinung hat in Bezug auf ein Thema, ist in Ordnung, aber manche Dinge sind schon sehr unterirdisch.

Hier mal nur zwei Kommentare:

1.Kommentar

„Interessant, dass mal wieder ausschließlich eine Diskussion um das Für und Wider von Prostitution gestartet wird, aber die Naivität unserer jungen Frauen unkritisch-verständnisvoll hingenommen wird. Es tut mir nur jeder Mann leid, der sich später unwissend so ein Früchtchen anlacht, welches nun als Femizicke all das auf- und abarbeiten will, was sie früher durch ihre eigene Naivität verbockt hat.“

Unwissend ein Früchtchen anlacht? Dieser Mann war 20 Jahre älter als ich und ein Altlude, der bereits einige Prostituierte vor mir gestellt hat. Er suchte gezielt im Internet und wusste ganz genau was er da tat. Und ich werde noch deutlicher: wir sprechen hier von einer Straftat und KommentatorInnen haben scheinbar nichts Besseres zu tun als eine Täter-Opfer-Umkehr vorzunehmen. Zudem empfehle ich für alle Menschen, die kommentierten, dass man Zwangsprostitution unterbinden müsse, aber die Prostitution an sich sonst in Ordnung sei, in Freierforen zu lesen und die Literatur u.a. auf www.trauma-and-prostitution.eu zu studieren um sich über die Mechanismen von Dissoziation und Trauma im Hinblick auf die Prostitution bewusst zu werden. Und nein, es bedeutet nicht, Frauen zu „pathologisieren“. Es bedeutet, zu verstehen, dass Prostitution ein Gewaltsystem ist, das in der großen Mehrheit auf Gewalt aufbaut und aus Gewalt besteht.

2.Kommentar

„Oder ihre eigene Dummheit…. Mit Sicherheit genoss sie den Luxus ihres loverboys…. Vorher Kopf einschalten…..“

Ich genoss den Luxus meines Loverboys? Mein Loverboy besaß keinen Luxus, sondern lebte in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung mit 2 weiteren Ex-Prostituierten (eine davon übrigens aus Tschechien nach Deutschland verkauft zur Prostitution – mein Zuhälter hatte sie dann in Deutschland abgekauft, sie schaffte aber nicht mehr an). Ich lebte nicht im Luxus, sondern sehr lange Zeit aus Koffern und Tüten, während mein verdientes Geld ausgegeben wurde. Vielleicht sollten einige Leute, wenn mein Blog schon verlinkt ist, auch darin lesen bevor sie kommentieren.

Ich möchte diejenigen, die auf der Facebook-Seite oder sonst wo unterirdische Kommentare abgeben, mal behutsam darauf aufmerksam machen, dass auch Loverboys Menschenhändler sind. Ich war letztens auf einer Veranstaltung und dort sprach ein Kriminalhauptkommissar – und er sagte, die Norm sind 90-95% ausländische Prostituierte, unter verschiedenen Zwängen arbeitend. Die selbstbewusste deutsche Prostituierte, die man oft im Fernsehen sieht, gehört nicht zur Norm. Das ist nicht meine Aussage, sondern die Aussage von mittlerweile den meisten Polizeistellen.

Von diesen 90-95% hört man aber meistens nichts und soll ich euch sagen, warum in diesem Land so viele Frauen schweigen? Zum Beispiel wegen solcher Kommentare wie hier auf der Facebook-Seite, die ihnen ihren Opferstatus aberkennen und versuchen sie zu Täterinnen zu machen. Ihre Erlebnisse abtun und sie für schuldig bekennen. Sie damit einschüchtern.

Wenn jemand, der mit organisierter Kriminalität zu tun hatte, aussagt, dann muss er Angst haben. Er sagt gegen ein Milliardengeschäft aus, gegen organisierte Strukturen, die Kontakte nach überall hin haben. Sie müssen Angst haben um ihre Zukunft, Angst um ihr Leben. Genau deswegen sieht man solche Menschen nicht in der Öffentlichkeit. Wenn von 10 % „freiwillig“ (und das ist viel, denn so viel habe ich nicht annähernd gesehen) „Arbeitenden“ nun 100 Frauen öffentlich sprechen und von den anderen 90% nur 10, dann sehen die 100 aus als wären sie in der Mehrheit – das sind sie aber nicht.

Im Übrigen: Hass-Mails oder Hass-Kommentare bringen mich nicht zum Schweigen. Ich weiß, was ich erlebt habe und noch wichtiger – ich weiß, was unzählige andere Frauen erlebt haben. Wäre es nur mein Einzelschicksal, würde ich damit leben und es ad acta legen. Aber so war es leider nicht und das ist der Grund, warum ich rede und damit auch nicht aufhören werde.

Und noch etwas zu einem Kommentar:

„sexarbeit zu kriminalisieren und die frauen zu pathologisieren einschließlich der stigmatisierung hat nie in der geschichte der menschheit geholfen.“

Zu dem „pathologisieren“ sagte ich ja schon etwas. Und ich bin nicht dafür „Sexarbeit“ oder Prostituierte zu kriminalisieren. Wenn man den Spiegel Artikel genau gelesen hätte, dann würde man erkennen, dass da steht: Freier bestrafen. Ich bin für das sog. „nordische Modell“, was eine Freierbestrafung und Ausstiegshilfen vorsieht und keine Bestrafung der Prostituierten. Auch Deutschland sollte sich mit internationalen Empfehlungen im Hinblick zur Prostitutionsthematik auseinandersetzen.

Hier möchte ich zum Abschluss aus einem Brief von Save Rahab e.V. zitieren:

„Wir möchten nochmals darlegen, wie die internationale Politik und unzählige Menschenrechtsorganisationen zu dem Problem der Prostitution und den damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen stehen:

  1. Vereinte Nationen, 1949

Resolution der Vereinten Nationen vom 02.12.1949:

„Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution sind mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar […].“

http://www.un.org/depts/german/uebereinkommen/ar317-iv.pdf

  1. Vereinte Nationen, 1985

Resolution der Vereinten Nationen vom 13.12.1985″Prevention of Prostitution

„Considering that the surpression of the traffic in persons and of the exploitation of the prostitution of others require a three-fold concerted effort, involving prevention […].

http://www.un.org/en/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/RES/40/103

  1. European Women Lobby, 2012

„Together with a dozen MEP’s representing all political grounds in the European Parliament and several Ministers, the NGO’s explained why prostitution is a form of violence, an obstacle to equality, a violation of human dignity, and of human rights.“

http://www.womenlobby.org/200-civil-society-organisations-launch-European-debate-on-abolition-of?lang=en

  1. Europarat, 2014

Resolution 1983 des Europarates vom 08.04.2014

Der Europarat sieht das „Sexkaufverbot“ nach schwedischem Modell als das wirksamste Mittel gegen Menschenhandel.

„It is estimated that 84 % of trafficking victims in Europe are forced into prostitution; similarly, victims of trafficking represent a large share of sex workers.“

http://assembly.coe.int/nw/xml/XRef/Xref-DocDetails-en.asp?FileID=20559&lang=en

  1. Europaparlament, 2014

„Statt der Legalisierung, die in den Niederlanden und Deutschland zu einem Desaster geführt hat [damit einhergehend die Situation in Frankfurt am Main], brauchen wir einen nuancierten Ansatz, der die Männer bestraft, die die Körper der Frauen als Gebrauchsgegenstand behandeln, ohne dabei diejenigen zu bestrafen, die in die Sexarbeit abgeglitten sind.“

http://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20140221IPR36644/die-freier-bestrafen-nicht-die-prostituierten-fordert-das-parlament

  1. New Yorker UN- Frauenkonferenz im Zusammenschluss mit 98 Organisationen, 2015

“Denn wie so oft auf internationalem Parkett herrschte auch jetzt in New York wieder einmal große Irritation darüber, dass Deutschland in Sachen Prostitution nicht etwa als Gewalt gegen Frauen sowie Ausdruck und Verstärkung des Machtgefälles zwischen Männern und Frauen versteht, […].”

http://www.emma.de/artikel/prostitution-un-konferenz-98-organisationen-ruegen-merkel

http://www.emma.de/artikel/liebe-kanzlerin-merkel-318625

(Quelle: Abolition 2014)

Und zu allerletzt empfehle ich noch das hier:

https://drive.google.com/file/d/0B32GA6EHrvdTakx1aU1OSFhHVkk/view

Zum Schluss möchte ich noch danke sagen für die anderen netten und aufbauenden Worte. Ich habe auch nachdenkliche Mails von Freiern bekommen und ich werde jedem einzelnen von euch noch antworten, weil der Diskurs hier wichtig ist.

Ich bin seit diesem Jahr Mitglied bei

Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution

Wer mitmachen möchte, kann sich gerne melden.

Über das unsichtbare Seelensterben

 

Der folgende Beitrag mag für einige nicht sehr greifbar sein, weil die „Seele“ an sich ein nicht wirklich greifbares Thema ist. Ich bin selbst immer auf „genaue Zahlen, Daten, Fakten, Statistiken, etc…“ aus, aber es gibt Dinge auf dieser Welt, die einfach nicht fassbar sind und jenseits dessen liegen, was wir erklären können. Jenseits dessen, was unsere Vernunft zu glauben vermag. Und eigentlich ist das auch gut so, denn es verleiht unserem Leben einen gewissen Zauber. Wenn ich allein das Wort „Seelenverwandtschaft“ in den Raum werfe, gehe ich davon aus, dass wohl auch ein paar der rationalsten Menschen daran glauben, obwohl es etwas ist, was nicht greifbar ist, was man nicht wirklich erklären kann.

Ich denke also zurück an die Zeit in den Bordellen, wo wir beispielsweise nachts betrunkenen und aggressiven Freiern stand hielten während wir tagsüber schliefen um uns zumindest so weit zu erholen, dass wir abends wieder antreten konnten. Tag ein, tag aus. Kein Weg, keine Richtung, kein Ziel, keine Träume, keine Gefühle – es herrschte totale Leere. Wir waren entseelt.

Anfangs, als wir mit diesen Männern auf Zimmer gingen, parkten wir unsere Gefühle draußen vor der Türe und als der „Akt“ beendet war holten wir sie dort wieder ab. Wir verwandelten uns quasi kurzzeitig in nichts-empfindende-Roboter und wurden danach wieder zu fühlenden Menschen. Es kam aber der Zeitpunkt, wo wir nach dem Zimmergang die Türe öffneten, um wieder Mensch zu werden, aber nichts mehr da war, was wir hätten abholen können. Wir versuchten stets während des Beiseins der Freier unser Menschsein situationsbedingt abzulegen um all die Penetrationen durchstehen zu können – irgendwann hatte es uns dauerhaft verlassen. Wir blieben von diesem Moment an auch außerhalb der Zimmergänge Roboter. Orientierungslos wandelnde, nicht im gegenwärtigen Moment teilhabende Schatten unseres Selbst.

Aber warum war das so?

Freier überschritten innerhalb dieser vier Wände unsere Grenzen, nahmen uns unsere Würde. Wenn sie gewalttätig wurden, haben wir nach ein paar Versuchen uns zu wehren es eben ertragen, weil wir gehofft haben, dass sie schneller fertig werden, weil wir zu müde waren um uns zu wehren und keine Kraft mehr hatten. Keine Kraft immer wieder dasselbe zu sagen, keine Kraft immer wieder darauf hinzuweisen, dass es weh tut, was sie in ihrem oft betrunkenen Zustand sowieso nicht gemerkt haben. Keine Kraft, immer wieder zu versuchen an die Menschlichkeit zu appellieren, wo wir nie eine gefunden haben. Wir resignierten. Ich schreibe hier bewusst „WIR“, denn meine Erfahrungen decken sich mit den Erfahrungen der unzähligen Prostituierten, die ich persönlich kennenlernte.

Irgendwann also hält man als fühlender Mensch nicht mehr nur den „Akt“ an sich, sondern auch diese oben beschriebenen Erinnerungen daran nicht mehr aus. Die Erinnerungen an „Berührungen“, die nicht gewollt waren, die Erinnerungen an Worte und Bilder, die man nie hätte hören und sehen wollen. Die Gedanken daran, dass es bald wieder passieren wird. Man erträgt das Leben, in dem man sich befindet, nicht mehr. Also bleibt man ab einem gewissen Zeitpunkt auch außerhalb des Zimmergangs eine Maschine, der nichts wehtun kann, der man nichts anhaben kann.

Das Problem hierbei ist, dass die Seele, die wir in uns tragen, sich nicht in Gestein verwandelt, sie kann sich an das Roboterdasein nicht anpassen. Sie bleibt weich, sie bleibt verletzlich. Wenn wir also unser Menschsein durch äußere Einflüsse verlieren und zur Maschine mutieren um zu überleben, tut unsere Seele das nicht. Wir können sie dann lediglich nicht mehr schreien hören, nicht mehr sich wehren hören, denn ihre Stimme wurde stumm gestellt. Sie versucht uns weiterhin mit ihren Nachrichten zu erreichen, sie kämpft und sie weint – aber vergeblich.

Wenn man den Weg raus aus der Prostitution findet und endlich wieder zum fühlenden Mensch wird, dann sollte man meinen, dass auch die Seele wieder hörbar ist. Jedoch machen viele die Erfahrung, dass sie nichts mehr sagt, verstummt ist. Sie hat während des Prozesses, in dem man sein Menschsein verlor, aufgehört zu atmen, denn sie hat stumm ertragen müssen, was sie nicht ertragen konnte. Sie ist gestorben.

Als ich von Lutz Besser, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Gründer des Zentrums für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachen, den Begriff des Seelenmordes im Hinblick auf die Prostitution in einem EMMA-Artikel las, dachte ich viel darüber nach. Wie auch immer man „die Seele“ nun definiert oder sich vorstellt – ich bin sicher es gibt eine Seele und wie oben beschrieben habe ich sie in der Prostitution reihenweise sterben sehen.

Und an dieser Stelle wird deutlich, warum Prostitution abgesehen von der physischen Gewalt so zerstörerisch ist. Es wird deutlich, warum man zu Prostituierten nicht einfach sagen kann: „So, jetzt bist du aus der Prostitution ausgestiegen, jetzt ist alles vorbei, jetzt hast du es geschafft, jetzt ist alles wieder gut!“

Denn was die Menschen nicht sehen ist genau dieses unsichtbare Seelensterben von Prostituierten. Im Gegensatz zum physischen Mord an einem Körper glaube ich aber daran, dass eine tote Seele wieder lebendig werden kann. Ich glaube das, weil meine Seele wieder lebendig geworden ist – und sie war definitiv ins Jenseits geschritten.

Der Weg sie zurückzuholen allerdings, ihre damals verstummten Schreie und Verletzungen während des Roboterdaseins zu heilen, ist ein steiniger. Früher als Maschine hat man nicht gefühlt, was die Seele zu sagen hatte. Will man sie nun heilen, muss man auf sie zugehen, sie aus ihrem leblosen Zustand holen, sie reanimieren und ihr zuhören. Das tut weh, weil es bedeutet, all das Damalige zu fühlen. Man muss sich anhören, was sie früher sprach, als sie vergeblich darum kämpfte uns zu erreichen, es aber nicht schaffte, weil wir zu sehr damit beschäftigt waren unsere gegenwärtige Situation zu überstehen.

Zurück zu seiner Seele zu finden und damit zurück ins Leben zu finden, bedeutet sich zu stellen. Es bedeutet schmerzhafte Aufarbeitungsprozesse mit seinem Innersten zu führen. Es hat für mich unter anderem bedeutet, mich in stillen Momenten an schlimme Situationen mit Freiern zurückzuerinnern und anstatt wie damals während der echten Situation dabei abzuschalten oder mich mit Alkohol zu betäuben, nun zu versuchen diese unerträglichen Augenblicke erstmalig wirklich zu spüren, zu fühlen und genau an jener Stelle zu weinen, wo ich früher lächeln und überspielen musste.

Es ist leichter eine Seele zu zerstören als sie wieder zum Leben zu bringen – deshalb muss man versuchen, diesen Seelenmord zu unterbinden. Im Hinblick auf die Prostitution geht das nur, wenn man Freier davon abhält, diese (wenn auch manchmal unbewussten) Morde zu begehen. Ab und zu wird angebracht, dass das, was in Freierforen steht, nicht der Wahrheit entspreche, weil sich die Männer in der Realität nie so viel Anmaßendes und Unmenschliches trauen würden.

Hierüber kann ich nur lachen. Ich wünschte, sie würden es sich nicht trauen, doch was ich bei mir und bei anderen Prostituierten gesehen und erlebt habe ist genau das, was in diesen Foren steht.

Herabwürdigendes, menschenverachtendes, ein Lebewesen objektivierendes Verhalten. (zum sog. „guten Freier“ habe ich bereits vor längerer Zeit einen Beitrag geschrieben -> Guter vs. böser Sexkäufer )

Ich wünschte, dass unser Staat endlich die Initiative ergreifen würde was staatliche Ausstiegshilfen aus der Prostitution betrifft, wobei es Menschen braucht, die wissen, was sie zu tun haben, die wissen, wie man Prostituierten den Anfang zu einem Schritt in ein Leben ebnet, welches gezeichnet ist von Respekt, von Ehre, von Wertschätzung und Empathie. Es braucht Hoffnung, es braucht ein freundliches Lächeln, Güte und Warmherzigkeit für Prostituierte, die im schlimmsten Fall noch nie irgendwelche dieser Werte erleben durften und gar nicht wissen, was das bedeutet. Und es braucht Verständnis – auch wenn es Rückschläge gibt, denn manchmal ist es ein Start von ganz tief unten.

Als eine Gesellschaft sollten wir dafür kämpfen Menschen zurück ins Leben zu bringen oder zum ersten Mal überhaupt zum Leben zu bringen. Wir sollten dafür kämpfen, diesen Seelenmord nicht einfach hinzunehmen – denn was ist ein Mensch ohne eine Seele?

 

Prostitution und Frei Werden

 

If you hear the dogs, keep going. If you see the torches in the woods, keep going. If there’s shouting after you, keep going. Don’t ever stop. Keep going. If you want a taste of freedom, keep going.

– Harriet Tubman –

Vor kurzem war ich an einem Ort, der mein Leben stark geprägt hat.

Ich war in meiner größten Leidensstadt.

Ich war in jener Stadt, in der damals mit der Prostitution alles anfing.

Als ich vor ein paar Tagen dort war, zum ersten Mal seit ich aus der Prostitution raus bin, hatte ich einen konfrontationsreichen Tag. Ich fuhr mit dem Zug hin und als ich ausstieg und auf dem Gleis stand fühlte ich sofort diese Verlorenheit von früher. Bereits bei meiner Ankunft an diesem Bahnhof war ich konfrontiert mit jener Atmosphäre der Hilflosigkeit und Verzweiflung, die ich damals verspürte, als ich immer öfter, um von zuhause zu fliehen, nach der Schule am Wochenende mit dem Zug in diese Stadt fuhr, wo mich mein Zuhälter an genau dem Bahnhof abholte, nachdem ich ihn zuvor im Internet kennengelernt hatte. Wo er mich in die Bordelle mitnahm, ich nach und nach in diesem Leben versumpfte. Ich war konfrontiert mit jenem Bahnhof, auf dessen Bänken ich nachts auch geschlafen habe, in dessen Hallen und Eingängen ich orientierungslos umherirrte, Besoffene und Aggressive allgegenwärtig waren.

Ich erinnerte mich auch an den Tag, an dem ich von zuhause ausgezogen bin, zu besagtem Zuhälter zog, in dem Glauben, mein Leben würde besser werden, mein Leid geringer – ich erinnerte mich, wie er mich an besagtem Tag von diesem Bahnhof abholte und auch daran, dass ich Ungewissheit, Zweifel und Angst verspürte, weil ich nicht wusste worauf ich mich einließ – all das aber verdrängte, weil ich keine andere Möglichkeit sah.

Ich erinnerte mich, dass sich mein Leben von diesem Zeitpunkt an drastisch veränderte, ich bald darauf die Schule in der 13. Klasse kurz vor dem Abitur abbrach und Vollzeitprostituierte wurde.

Als ich nun also vor ein paar Tagen in dieser Stadt war, war ich auch im Rotlichtviertel unterwegs (natürlich nicht um zu „arbeiten“), sah besoffene Freier und Prostituierte, die hinter Glasscheiben standen, aus den Fenstern schauten. Ich erinnerte mich dabei an das Leid, welches ich empfand als ich in diversen Clubs als Prostituierte mein Dasein verfristete und unzählige Freier „bediente“ – ja, ich konnte das Leid in dieser Umgebung fühlen, spüren, als wäre es in der Luft. Lauter schreiende Seelen, die verloren sind, die gebrochen sind, die dem Rotlichtmilieu ausgeliefert sind. Am liebsten hätte ich die Frauen eingepackt und mitgenommen, ihnen die Möglichkeit gegeben dieses Gewalt – und Lügensystem zu verlassen und anzufangen ZU LEBEN.

All diese Erinnerungen und Eindrücke waren aufreibend, aber unglaublich wertvoll. Als ich im Zug auf dem Nachhauseweg saß dachte ich viel nach. Über das, was ich in der Prostitution verloren habe. Und darüber, wie viele liebe Menschen ich durch dieses System zugrunde gehen sah – wie viele immer noch zugrunde gehen.

Vor einiger Zeit habe ich schon einmal von einer ungarischen Frau erzählt, einer ehemaligen Prostituierten, die mir sehr geholfen hat. Allerdings ist sie keine ehemalige Prostituierte, weil sie ausgestiegen ist, sondern ehemalig deshalb, weil sie tot ist.

Die unten auf dem Foto abgebildete Kette gab sie mir im Bordell als es mir sehr schlecht ging. Ich habe das Bild noch genau vor Augen. Sie sagte zu mir, die Kette wird auf mich aufpassen. Abergläubisch bin ich nicht, aber eines steht fest: ich hatte gute Schutzengel… Jedenfalls lebte ich jahrelang nur aus Tüten und Koffern, aber diese Kette habe ich immer noch. Sie hat mich durch all die Umzüge und Hindernisse begleitet – und ich muss zugeben: nicht, weil ich während dieses ganzen Theaters besonders gut auf sie geachtet hätte, sondern weil sie irgendwie immer wieder zwischen meinen Sachen aufgetaucht ist. Einige Dinge habe ich an verschiedenen Orten zurückgelassen, weil ich sie nicht transportieren konnte; aber dieses Geschenk ist noch da, auch wenn die Figur vorne dran bereits abgegangen ist.

20170524_153251

Die Kette erinnert mich an all das unertragbare Elend und die schluchtentiefen Abgründe, welche ich in der Prostitution gesehen und erlebt habe. Sie erinnert mich daran, dass mir meistens Menschen halfen, welche selbst nicht viel hatten. Und sie gibt mir Kraft. Für mich hat diese Kette trotz ihres „INRI“-Zeichens keine religiöse Bedeutung, für mich ist sie einfach ein Geschenk einer sehr lieben Frau, die nun im Gegensatz zu mir nicht mehr die Chance hat, ein Leben nach der Prostitution führen zu können. Wenn ich diese Kette anschaue und mich mit ihr zurück erinnere, weiß ich umso mehr, dass es nötig ist, Widerstand gegen das Gewaltsystem der Prostitution zu leisten. Jede Stimme zählt, egal wie laut oder leise, egal wie wirkungsvoll oder nicht – hauptsache es sind Stimmen da und werden immer mehr.

Als ich nach besagtem Stadtrip dann wieder zuhause ankam und meine Haustür aufschloss, glitt mir ein ganz großes Lächeln übers Gesicht, denn meine vier Wände waren da, mein Bett, mein Kühlschrank… – ich habe ein ZUHAUSE, welches ich so lange Jahre nicht hatte. Ich kann SEIN ohne Bedingungen erfüllen zu müssen, ich habe Ruhe, Stille, einen Rückzugsort, den ich zuvor nie wirklich hatte. Einen Platz, an dem ich allein sein und Energie tanken kann. Ich muss nirgends mehr zwischen Besoffenen und Freiern rumirren, muss nachts nicht mehr verloren durch die Straßen laufen, nicht in einem Bordellzimmer schlafen, in dem es noch nach Kondomen, Sperma und Schweiß stinkt.

Ich habe ein zuhause. Und ich freue mich so unglaublich darüber, dass ich diesen Satz 100 Mal aufschreiben könnte.

Es gibt nichts Schöneres und viele Menschen nehmen das für selbstverständlich, doch das ist es nicht.

Es war sehr wichtig, dass ich wieder in dieser Stadt war – als ich diese Region damals verlassen habe, wollte ich nie wieder zurückkommen. Doch manchmal ist es bedeutsam an Orte zurückzukehren, die man eigentlich für immer meiden wollte. Seit meinem Ausstieg und der Erfahrung mit den Pferden habe ich gemerkt, dass es manchmal direkte Konfrontation braucht, dass es essenziell ist, Dinge nicht zu verdrängen, sondern ihnen geradewegs in die Augen zu blicken, auch wenn es in dem Moment schwierig ist oder das Standhalten unmöglich zu sein scheint – denn dieser Weg der Konfrontation ist ein Weg der Authentizität, was bedeutet, ein Weg der Freiheit und Einheit seines Selbst.

Viele Prostituierte sind gefangen – nicht nur in der Prostitution, sondern auch im Leben danach. Sie schämen sich für das, was passiert ist. Sie denken, dass sie und ihre Geschichte etwas Unwertes, etwas Unwürdiges, seien, was man vor der Gesellschaft verbergen muss. Sie leben verdeckt in Angst, so dass möglichst keiner ihre Geschichte rausfindet. Sie wurden in der Prostitution Opfer eines Systems, welches sie ausbeutet, Opfer einer Gesellschaft, welche das zulässt – und wenn sie es denn irgendwann schaffen dieses System zu verlassen, dann bleiben sie weiterhin gebrandmarkt, verstecken sich, müssen aus Angst vor Ächtung lügen und leugnen wo sie waren, können nicht sie selbst sein, deshalb in gewisser Weise das System nie komplett verlassen, obwohl sie physisch draußen sind. Sie bleiben Sklavinnen ihrer demütigenden und tristen Vergangenheit. Sie bleiben unfrei.

Der Prostitution aber zu entkommen, eine derart traumatisierende Odyssee hinter sich zu lassen, nach unzähligen, hunderten, tausenden, zehntausenden Penetrationen von wildfremden Menschen noch aufrecht gehen zu können, denken und fühlen zu können, ist ein Sieg, ein unsagbarer Kraftakt und jede Prostituierte sollte stolz darauf sein können, dass sie diesem System entkommen konnte – und sich nicht für die Gewalt schämen müssen, die ihr widerfahren ist, nicht Sklavin ihrer erlebten Knechtschaft bleiben müssen!

Sie sollte sich zeigen, respektiert und somit frei werden können und zwar als jemand, den man nie in ihr gesehen hat – als Mensch, dessen Würde unantastbar ist!

Das gilt im Übrigen auch für die wenigen Männer, die in der Prostitution tätig sind.

Was mir dieser Tag und vor allem der Aufenthalt im Rotlichtviertel vor allem erneut vor Augen führten war, dass es nötig ist, dagegenzuhalten. Die Verharmlosung, Verherrlichung und Entmenschlichung in der Prostitution nicht hinzunehmen. Es muss aufhören. Dieser Gedanke, Prostitution wäre eine Arbeit, muss aus den Köpfen von noch viel mehr Menschen verschwinden.

Unterstützt diese wunderbare, unten verlinkte, Kampagne. Macht mit, um noch mehr Menschen aufzurütteln, um noch mehr Veränderungen herbeiführen zu können.

Wie Harriet Tubman es sagen würde:

If you want a taste of freedom, KEEP GOING!

#ROTLICHTAUS – Die Dachkampagne gegen Sexkauf

 

 

motiv_wuerdemotiv_horror

 

 

Prostitution und die Fähigkeit HINZUSEHEN

 

“I’m not interested in whether you have stood with the great. I’m interested in whether you have sat with the broken.”

Dieses Zitat habe ich schon vor einer Weile im Netz gefunden, ich konnte leider nicht in Erfahrung bringen von wem es stammt, aber mit ihm beginne ich diesen Text zu schreiben.

Es spricht mir aus der Seele. Ab und zu erzählen mir Menschen bei welcher angesehenen Persönlichkeit sie waren und je nachdem von wem sie sprechen, finde ich das super, gebe ihnen ein „Wow“. Allerdings interessiert mich an meinem Gegenüber viel mehr, ob er auch schon Abgründe gesehen hat, mich interessiert wie er Leute behandelt, welche am Limit balancieren. Es sagt viel über einen Menschen aus wie er mit anderen umgeht, die gebrochen sind. Ein ehrliches, liebevolles, den Kampfgeist erweckendes Gespräch mit jemandem, der alles im Leben verloren hat, fasziniert mich mehr als eine Geschichte über vermeintlich „Prominente“ – vielleicht weil ich weiß, wie wenig Menschen existieren, welche jemandem am Abgrund tanzenden wie mir damals zugehört hätten, welche HINSAHEN. Wer setzte sich schon zu uns Prostituierten mit in den Regen als wir gebrochen waren? In Erinnerung habe ich so ziemlich keinen, deshalb empfinde ich jeden, der es tut, als besonderes Geschenk und als Bereicherung für unsere Gesellschaft.

Manchmal sinniere ich darüber, was das Schlimmste für mich in der Prostitution war und ein Gedanke schießt mir dabei immer wieder durch den Kopf: ich war verlassen von meinem Selbst und verlassen von unserer Gesellschaft.

Ein paar Jahre später nun befinde ich mich also in einem anderen Leben.

Als ich anfangs an die Universität kam fühlte ich mich fehl am Platz. Ich betrat die Hörsäle, die verschiedenen, mächtig aussehenden Gebäude der Uni, sah all die edel angezogenen, intellektuell begabten Menschen und dachte an mein kleines schmuddeliges Kellerzimmer im Bordell, in dem ich lange Zeit lebte, dachte an die Räume in anderen Clubs, in denen ich mich prostituierte und danach auf diesen Betten schlief um mich am nächsten Tag weiter mit Freiern zu massakrieren. Dachte an die unzähligen Zimmergänge, die ich ausführte, und daran, dass ich mich niemals edel fühlte. Einmal, es war so ziemlich am Anfang meines Studiums, setzte ich mich in einen großen, leeren Hörsaal und war wie erschlagen von seiner Schönheit. Dieser Raum erstrahlte so mächtig. Wie viel brillantes Wissen muss hier schon durch den Saal geklungen sein, wie wenig Gewalt im Gegensatz zu den anderen Räumen, die ich kannte? Ich saß da inmitten der Stühle, regungslos und aufatmend, zwischen diesen reinen Wänden sitzen zu können. So viele Jahre befand ich mich nur in Bordellzimmern. Auch wenn kein Freier im Zimmer war, waren diese Räume immer dreckig, rochen nach Schweiß, nach benutzten Kondomen. Oft kauerte ich mich nach der „Arbeit“ an Feierabend auf dem Bett zusammen, auf dem ich zuvor mit dem Freier war, ekelte mich, weinte, weil ich keinen Ausweg sah, weil ich dachte, dass alles, was ich jemals in meinem Leben haben werde, ein Leben als Prostituierte sein würde, weil ich immer wieder dagegen ankämpfte diese vermeintliche Realität zu akzeptieren, ich aber nicht wusste, wie ich ausbrechen konnte. Diese widerlichen Zimmer in Bordellen gleichen Gefängniszellen, nein, sie gleichen einem Todestrakt, welcher es Freiern ermöglicht die Prostituierte Stück für Stück zu entmenschlichen bis sie irgendwann aufgrund unaushaltbaren Leids aus dem Leben bricht.

Und warum? Weil Menschen nicht fähig sind besser HINZUSEHEN?

Wir befinden uns momentan in einer tollen Jahreszeit, die Natur erwacht aus dem Winterschlaf, wir spüren die ersten warmen Sonnenstrahlen auf unserer Haut – bald ist Sommer. Ich genieße es durch die Wälder zu streifen, den Wind zu spüren, das Wasser plätschern und den Gesang der Vögel zu hören, liebe Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge; diesen hier habe ich vor ein paar Tagen fotografiert:

Sonnenuntergang

Nicht jeder kann diese Augenblicke genießen, nicht für jeden wird es Sommer werden. Oft sind meine Gedanken bei jenen Frauen, die es nicht schön haben können, die bei Sommerhitze noch den Schweiß der Freier zu den übrigen Körperflüssigkeiten mit dazu abkriegen.

Ich erinnere mich gut an Clubs, in welchen es im Sommer unerträglich heiß und stickig war. Der Grund, warum ich jetzt die Zeit draußen in der Natur vor allem im Frühling und Sommer so arg genieße ist, weil ich jahrelang diese schönen Momente nicht hatte, so wie die meisten Prostituierten sie nicht haben. Die Vögel, die draußen umherflogen, die Blumen, welche anfingen zu blühen, die Gräser, die wuchsen, die frische Luft und die Schönheit der strahlenden Sonne… egal was, wir bekamen nichts mit, weil wir in diesen Clubs hockten und verrotteten – entweder sowieso tagsüber oder aber nachts und uns dann mit Alkohol und/oder Drogen so zu dröhnten um alles auszuhalten, dass wir den darauffolgenden Tag nicht erlebten, sondern stattdessen schliefen, und erst wieder abends aufwachten um weiter zu „arbeiten“. Das Leben, die „Außenwelt“, der Sommer, die Liebe, einfach alles rauschte an uns vorbei. Und selbst wenn wir tagsüber mal rauskamen waren wir derart neben der Spur und so „kopfgefickt“, dass wir keine schönen Dinge wahrnehmen konnten, gar nichts wahrnehmen konnten. Prostituierte verlieren neben ihrer Seele auch das Leben, welches draußen an ihnen vorbeizieht. Sie sehen Kondome, Sperma, Brutalität, Ignoranz, Leid, Geschlechtsteile in allen Variationen – all das ist für sie an der Tagesordnung, all das ist für sie Normalität. Sie erleben nichts Schönes, kennen manchmal gar nichts Schönes.

Und so geht es tausenden von Menschen in der Prostitution hier in Deutschland und auch anderswo. Wer hilft ihnen? Wer steht ihnen zur Seite? Warum SEHEN IMMERNOCH SO WENIG HIN?

Wieder erinnere ich mich an dieses Gefühl der Verlassenheit, ich fühle nicht nur sondern ich weiß, dass Prostituierte weiterhin im Stich gelassen werden – das neue Gesetz reicht nicht aus. Sie können sich größtenteils nicht selbst wehren, sie können nicht allein entkommen, sie sind gefangen in einem Labyrinth, aus dem sie den Ausgang nicht finden.

Sie liegen in einem versifften Bett unter schweißgebadeten Freiern, welche ihnen bewusst oder unbewusst Schmerzen zufügen, welche ihre Persönlichkeit, ihr Inneres, ihr Seelenleben zerstören, sie entzweien, während wir in der Eisdiele sitzen oder gemütlich Cocktails in der Sonne schlürfen und den Sommer genießen.

Wie können wir nur? Wie kann ein menschenrechtsliebendes Land dermaßen kalt und ignorant sein um nicht HINZUSEHEN, dass es Unrecht ist, was hier passiert. Es ist nicht nur Unrecht, was Zuhälter, Bordellbetreiber und Menschenhändler tun, sondern es ist auch Unrecht, was Freier tun. Somit ist es auch Unrecht, dass sie die Möglichkeit bekommen, labile, verzweifelte, verletzliche Persönlichkeiten noch mehr in ein Unglück, in ein weiteres Trauma, zu stürzen, indem sie sie gebrauchen und benutzen dürfen.

Die Frauen machen das ja freiwillig? – Wie oft hört man von Kindern, welche sexuelle Missbrauchserfahrungen erleben, diese Erfahrungen anfangs aber nicht zuordnen können, dass sie stillhalten und es über sich ergehen lassen, auch wenn es sich komisch anfühlt, weil sie denken, es sei normal so, es muss so sein. Ist es deswegen legal ein Kind zu missbrauchen – weil es stillhält und sich nicht wehrt?

NEIN!

Hier ein Auszug aus einem Artikel, in dem ein Missbrauchsopfer spricht – eine sehr traurige Geschichte mit einer tapferen, starken jungen Frau:

Für Lea war nicht viel Zeit – deswegen war sie immer wieder für ­Tage beim Onkel, damals, Anfang der 90er Jahre. Zunächst war Lea gerne dort. Der Onkel las der Fünfjährigen abends Geschichten vor, das machten ihre Eltern nie. Ein studierter Mann, als Mittdreißiger bereits die rechte Hand des Firmenchefs. Aber dann änderten sich die abendlichen Rituale.

Der Onkel fasste sie überall an und gab das als Entdeckungsspiel aus. „Hast du das schon mal gesehen?“ Und: „Schau mal, das machen Erwachsene.“ Er steckte ihr seine Finger in die Scheide. Irgendwann musste sie ihn oral befriedigen.

Es war ihr alles sehr unangenehm, schon wie er sie anfasste. Es war ­irgendwie nicht richtig. Lea verstand das alles nicht. Tagsüber war der ­Onkel nett und nannte sie „meine Prinzessin“, nachts dagegen „du Dreckstück“. Aber vielleicht war es normal, was der Onkel mit ihr machte, und sie musste es durchstehen, um erwachsen zu werden? Sie wollte unbedingt erwachsen werden! Auf keinen Fall wollte sie ins Heim, wie der Onkel androhte, sollte sie etwas erzählen. Hier geht’s zum ganzen Artikel

Nochmal die Frage: ist es in Ordnung einen Menschen sexuell zu misshandeln, weil er sich nicht wehrt, weil er stillhält, weil er denkt, dass es sein muss, dass es vielleicht normal sei?

NEIN! (ich empfehle den kompletten Artikel zu lesen – er ist traurig, aber so unglaublich stark)

Es war für viele Freier ERKENNBAR, dass ich mich dabei schlecht fühlte, dass diese sexuellen Handlungen an mir gegen meinen eigentlichen, wirklichen, Willen sprachen, doch sie fragten nicht, sie interessierten sich nicht, dass ich Schmerzen hatte, Leid empfand – und sie haben es auch bei den anderen Frauen erkannt mit denen ich gemeinsam mit ihnen auf Zimmer war. Sie sahen, dass die Frauen würgten und halb kotzten beim Deep Throat und ihnen Tränen in die Augen schossen, sie beschämt und verzweifelt waren. Sie sahen, dass die Frauen beim Geschlechtsverkehr die Augen zukniffen und ihr Gesicht verzerrten, weil die Freier grob waren – zum größten Teil ignorierten sie unsere Schmerzen (wenn es sie nicht sogar erregte), denn sie hatten ja zu Beginn ein Einverständnis von uns bekommen und damit war für sie alles ok. Sie hatten schließlich in ihren Augen einen ANSPRUCH.

Freier verhalten sich als wären sie im Mängelgewährleistungsrecht eines Werkvertrages, wenn sie zu einer Prostituierten gehen.

„Durch den Werkvertrag wird der Unternehmer (hier: die Prostituierte) zur Herstellung des versprochenen Werkes (hier: sexuelle Befriedigung/Orgasmus), der Besteller zur Entrichtung der vereinbarten Vergütung verpflichtet.“

Und komme die Sintflut nach dem Einverständnis der Prostituierten und der (hier meist vorherigen) Zahlung der Vergütung, ganz egal, es läuft nach dem Motto: Werk bestellt und bezahlt heißt, Werk muss ordnungsgemäß hergestellt werden!

„Der Unternehmer hat dem Besteller das Werk frei von Sach- und Rechtsmängeln zu verschaffen.“

Kommt der Freier also nicht zum Orgasmus, passt ihm dies oder jenes nicht, so fordert er meist entweder Nacherfüllung (natürlich kostenlos) oder Schadensersatz.

Sarkastisch?

Nein, Realität.

Wie kann eine Gesellschaft bei so etwas zusehen, so etwas dulden? Wie kann man in solch einer Gesellschaft Kinder groß ziehen? Welche abstoßenden Werte werden hier vermittelt?

Es mag sein, dass viele über die Zustände in der Prostitution nicht Bescheid wissen – die Lobby leistet fantastische Propagandaarbeit, wobei die meisten Frauen dort, welche Prostitution befürworten, selbst Opfer sind, nur leider ihr Persönlichkeitsverlust schon in dem Ausmaß vorangeschritten ist, dass sie nicht mehr spüren, was schief läuft (was sie natürlich abstreiten, weil sie sich dessen oft nicht bewusst sind oder sie es sich nicht eingestehen können aus Selbstschutzgründen). Das ist schlecht für sie selbst und auch für die Öffentlichkeit, welche ihnen zuhört und der Glorifizierung von Prostitution Glauben schenkt.

Es gibt aber mittlerweile auch genügend Gegenstimmen und viele Studien im Hinblick auf das Zerstörerische an und in der Prostitution. Es existiert also genügend Material um HINSEHEN ZU KÖNNEN.

Versuche der Reglementierung von Prostitution durch das neue Prostituiertenschutzgesetz beseitigen nicht das große Problem, welches wir durch die Legalität von Sexkauf haben – nämlich das Selbstverständnis sich Frauen kaufen zu können, das damit einhergehende Frauenbild, ja, die dadurch herrschende (unbewusste) Missachtung des weiblichen Geschlechts, denn es sind mehrheitlich nunmal Männer, welche Sex kaufen. Freier schreiben in Freierforen nicht nur in missachtender Weise, sondern sie verhalten sich gegenüber uns Prostituierten auch genauso. Sie verachten Prostituierte, weil sie für sie lediglich ein Instrument ihrer sexuellen Befriedigung darstellen –  als Menschen werden sie nicht wahrgenommen. Irgendwann verachten sie auch Frauen außerhalb der Prostitution, weil sie anfangen Frauen generell als Lustobjekte zu assoziieren.

Strafgesetze lassen unsere Gesellschaft wissen, was in einem Land als Unrecht bezeichnet wird, was man nicht tun sollte. Ein Strafgesetz ist immer auch Handlungsmaxime. Es geht bei der Freierbestrafung, dem Sexkaufverbot nach dem sog. nordischen Modell, welches ich befürworte, nicht nur darum, die Freier für ihr Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen, sondern es geht vor allem darum, jedem einzelnen aufzuzeigen, dass es nicht richtig ist, sich den Zugang zu einer anderen Intimsphäre zu erkaufen, dass es nicht richtig ist, an der Ausbeutung von Prostituierten in welcher Form auch immer beteiligt zu sein, dass es nicht richtig ist, Freier zu sein, weil sich zu prostituieren traumatisierend ist. Freier zu sein bedeutet zudem Nachfrage zu schaffen, Nachfrage zu schaffen bedeutet, dass ein Bedarf an vielen unterschiedlichen Frauen besteht und wer deckt diesen Bedarf? Genau, die Menschenhändler! Geht die Nachfrage zurück, besteht weniger Bedarf und die Menschenhändler werden nach und nach immer ein Stückchen mehr arbeitslos werden – deshalb muss man die Nachfrage bekämpfen, so wie es das nordische Modell tut, um auch die weiteren Übel minimieren zu können.

Ist die Einführung eines Sexkaufverbots wirklich das Richtige? Warum sollte man Freier bestrafen, wenn Prostituierte ihnen ihre „Dienste“ anbieten? Ungerecht?

In so ziemlich allen Fällen, die ich gesehen habe, sind die Prostituierten den Freiern unterlegen gewesen, weil sie in einer Zwangslage, einer Notlage, einer Krise steckten, aus der sie nicht mehr allein rauskamen. Man muss diese Menschen deshalb schützen, indem man diejenigen, welche ihre Lage bewusst oder auch unbewusst ausnutzen, wissen lässt, dass sie das nicht tun dürfen, dass sie HINSEHEN MÜSSEN, auch wenn sie es nicht wollen, weil sie lieber ihren Druck und Frust abladen möchten. Da die meisten Freier meine und die Hilflosigkeit anderer Prostituierter gesehen und trotzdem weitergemacht haben, ist die einzige Möglichkeit, prostituierte Menschen besser zu schützen ein generelles Verbot für den Sexkauf zu schaffen. Abgesehen von der Ignoranz der Freier gegenüber dem Leid von Prostituierten und der Menschenhandelsproblematik aufgrund der Nachfrage müssen Männer ein anderes Verständnis Frauen gegenüber entwickeln. Sehr oft erlebe ich im Alltag, wie sie Dinge tun, welche unter der Gürtellinie sind, Sprüche ablassen, welche sexistisch und verletzend sind, wie sie ungeniert versuchen zudringlich zu werden. Es kommt nicht von irgendwoher, dass Männer mit Frauen so umgehen wie viele es leider nun mal tun – aber: Sex ist käuflich, Frauen sind verfügbar, scheinen für Männer immer willig zu sein, also wen wundert’s? Die Legalität von Sexkauf unterstützt dieses Verhalten enorm. Nicht alle sind so, nein, aber ein großer Teil. Für diejenigen wahren Männer, die sich bereits gegen ihre Artgenossen bzw. deren sexistische Verhaltensweisen einsetzen, bin ich unendlich dankbar. Bitte mehr davon!

Auf einem Taxi sah ich letztens eine große Werbung für ein Bordell direkt neben sozialen Hilfsangeboten, welche ebenfalls als Logo auf dem Taxi abgedruckt waren – neben dem Taxi standen zwei junge Männer, welche auf das Bordelllogo zeigten und so taten als ob sie sich einen runter holen würden, dabei fies lachten und eine andere Passantin mit gezielten, lasziven Zungenbewegungen belästigten während sie auf das Bordelllogo zeigten. Und es gibt dutzende Situationen ähnlicher Art, für die ich hier 50 Seiten bräuchte um sie alle aufzuschreiben.

Das ist doch alles nicht normal, alles nicht ok!

Unsere Gesellschaft verrottet!

Ein Sexkaufverbot setzt Richtlinien, welche Menschen zu verstehen geben: „Hey, so geht’s nicht!“. Und sowas benötigen wir, denn alles andere fördert oder duldet zumindest enorm problematische, geschlechterfeindliche Verhaltensweisen. Natürlich kann man nicht alles durch das Strafrecht lösen, aber die Freierbestrafung ist etwas, was dringend nötig ist um das Leid und die Traumata der Frauen in der Prostitution zu minimieren, um die verheerenden Ausmaße des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung zurückzudrängen und um eine ehrlichere Gesellschaft zu erschaffen, in der liierte oder verheiratete Männer nicht mehr einfach so zu einer Prostituierten gehen können, sodass die Kinder dieser Männer nicht mal irgendwann erfahren müssen, dass ihr vorbildhafter, seriöser Vater seine Zeit mit Frauenkauf jeglicher Art verbringt – so wie ich damals als sehr kleines Kind mitbekommen habe, dass mein Vater solche „Dienstleistungen“ in Anspruch nahm. Merkt euch eins „liebe“ Freier: wenn euch schon nichts an Prostituierten liegt, dann hoffentlich an euren Kindern und ihr solltet ihnen zuliebe das Kaufen sexueller Fantasien unterlassen. Selbst als Kleinkind, wenn man nicht viel über diese Sachen weiß, schrumpft der Respekt, das Vertrauen und die zwischenmenschliche Beziehung gegenüber dem Vater enorm, wenn man so etwas erfährt. Man mag als Kind noch nicht viel wissen, aber man hat zumeist einen Sinn dafür, was richtig und was falsch ist, und „Mama“ zu betrügen, andere Frauen neben ihr zu haben, sich generell solche „Dienste“ jeglicher Art zu kaufen, ist definitv falsch!

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die meisten Freier von allein nicht aufhören werden. Sie wurden dazu erzogen, sich Frauen kaufen zu können – man muss sie jetzt „umerziehen“ und das geht nur durch eine straffe, richtungsweisende Gesetzgebung, welche den Sexkauf als solches unter Strafe stellt.

Niemand sollte die Möglichkeit bekommen, ein Menschenleben mit zerstören zu können.

Jetzt, an der Universität, muss ich keine Gewalt mehr erleben, keine Gewalt sehen, ich bin frei von all dem – aber ich werde nie vergessen, in welchem Leben ich war, ich werde nie vergessen, was ich gesehen habe, ich werde nicht vergessen jeden Tag aufzustehen und danke dafür zu sagen, dass ich aus diesem Leben fliehen konnte, und ich werde nicht vergessen, dass jeden Tag immer noch tausende von Frauen in der Prostitution leiden, dass sie oft auch sterben.

Das muss aufhören und es kann aufhören, wenn nur jeder anfängt besser HINZUSEHEN! Und jeder, der nicht sehen möchte, der lieber die Augen verschlossen hält, aus Egoismus, aus welchem Grund auch immer, und mit seinem Verhalten als Freier am Seelenmord (wie der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Lutz Besser es nennt) einer Prostituierten beteiligt ist, muss zur Verantwortung gezogen werden!