Erfahrungen

Bordell Deutschland „Milliardengeschäft Prostitution“ – Dokumentation (ca. 90 Min.)

 

Hier könnt ihr die Doku und einen Ausschnitt aus „Hallo Deutschland“ anschauen.

 

sandra

 


 

Nachrichten | hallo deutschland Ausstieg aus der Prostitution

„Sandra Norak ist eine Gymnasialschülerin, hübsch, blond – und einsam. Sie chattet im Internet, verliebt sich – aber in den falschen Mann. Denn: ihr damaliger Freund drängt sie in die Prostitution. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.“

https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/ausstieg-aus-der-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo-Dokumentation „Bordell Deutschland – Milliardengeschäft Prostitution“ komplett, abrufbar von 22 – 6 Uhr:

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/bordell-deutschland-milliardengeschaeft-prostitution-102.html

 


 

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ZDFinfo Dokumentation über Prostitution, 18.11. um 22 Uhr

 

Sandra

Fotoquelle: ZDF / Jan Sindel

 

Am Samstag, den 18.11. um 22 Uhr, läuft eine Dokumentation über Prostitution auf ZDFinfo, wo ich auch zu sehen bin (siehe Bild). Man kann sich das Ganze aber auch danach in der Mediathek ansehen.

Hier der Text zur Dokumentation:

Prostitution und organisierte Kriminalität
 
„Bordell Deutschland“: Diese TV-Doku wird für Wirbel sorgen
Von Frank Rauscher

Sie werden geschlagen, missbraucht und ausgebeutet: Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. In der TV-Doku „Bordell Deutschland“ kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.

Für fast alles gibt es in Deutschland Statistiken. Ohne Zweifel ließe sich jedoch die Zahl der freilaufenden Hühner exakter benennen, als die der Frauen, die hierzulande dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Denn: Für den Bereich der Prostitution gibt es keine belastbaren Zahlen, weiß der Kriminalist Manfred Paulus. Schätzungen gingen von 400.000 bis zu über einer Million aktuell in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen aus, laut statistischem Bundesamt nehmen täglich rund 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Und „seit der Legalisierung werden es immer mehr“, sagt Paulus, der drei Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelte und nun auch als Protagonist einer der umfassendsten TV-Dokus, die je zu diesem Themenkomplex gedreht wurden, gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel ankämpft. Die Legalisierung der Prostitution, die mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz de facto erfolgte, steht im Fokus des spielfilmlangen Beitrags, der sich unter dem Titel „Bordell Deutschland“ am Samstag, 18. November 2017 (22 Uhr, ZDFinfo), mit dem „Milliardengeschäft Prostitution“ befasst.

„Legalisierung“: Das klingt positiv, doch schon das ist eines der Probleme, wie der engagierte Film von Christian P. Stracke verdeutlicht. Die Begrifflichkeit mag dem Freier das Gewissen erleichtern, aber hilft so ein Schlagwort auch den Frauen?

Der Journalist geht, ohne irgendetwas zu beschönigen, der Frage nach, warum Deutschland zur internationalen Drehscheibe für Zwangsprostitution und Mädchenhandel geworden ist. „Was läuft falsch bei uns?“, heißt es gleich zu Beginn des Beitrages, der Antworten liefert, die niemandem gefallen und viel Staub aufwirbeln dürften. Was auch der Sender erkannt hat: Der Film über die Zusammenhänge von Zuhälterei, Prostitution und internationalem Menschenhandel war zunächst auf 45 Minuten angelegt. ZDFinfo hat sich aber „aufgrund der Fülle von Aspekten und Standpunkten“ für eine Verdopplung der Länge entschieden. „Eine entsprechende Anpassung war schnell und unkompliziert möglich, ein Vorteil, den vermutlich nur ZDFinfo bieten kann“, heißt es jetzt seitens der Produktion. Schließlich gibt es im Digitalkanal keine genormten Sendeformate.

Authentische Innenansichten einer Parallelwelt

Über ein Jahr recherchierte Stracke an seiner Story, die ohne die Voyeurismuskarte zu spielen beinahe so packend wie ein Thriller ist, weil sie authentische Innenansichten einer tabuisierten und immer wieder als „schillernd“ oder „cool“ verklärten Parallelwelt präsentiert. Er sprach mit Prostituierten, Polizisten, Sozialarbeitern, Vertretern des Prostituiertenverbandes, Politikern und Psychologen. Stracke ist quer durch Deutschland gereist, hat sich vor Ort vom Edelbordell bis zum Straßenstrich ein Bild von den Ausprägungen der Prostitution gemacht.

Zu Wort kommen auch eher exotisch anmutende Protagonistinnen wie Cleo aus Berlin, die – freiwillig, wie sie betont – in einer „Erlebniswohnung“ an Gangbang-Partys teilnimmt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau. Oder Typen wie Andreas Marquardt, der früher als Zuhälter die Frauen nach eigener Aussage „wie Dreck“ behandelte, wegen Menschenhandels im Gefängnis saß und sich heute für Gewaltprävention einsetzt. Vor allem aber prägen Frauen wie Sandra Norak Strackes Film. Sie hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und den Ausstieg geschafft. Dabei hat sie fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Gewalt gesehen.

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihr Leben und ein Gewerbe, das sie „fast kaputt gemacht“ habe. „Das ist keine Arbeit“, sagt sie, „das ist einfach nur Gewalt, was man da erlebt … Und ich hatte da bestimmt 400/500 Männer in vier Wochen.“ Die heute 27-Jährige geht mit ihrer Geschichte jetzt ganz bewusst an die Öffentlichkeit, möchte mit dem Mythos der Freiwilligkeit aufräumen, sie studiert Jura und setzt sich für die Abschaffung der Prostitution ein. „In jedem Club, in dem ich war, habe ich Menschenhandel gesehen“, berichtet sie. „Ich habe natürlich auch Frauen gesehen, die geschlagen werden. Und ich habe auch Freier gesehen, die das gesehen haben und dann trotzdem die Dienstleistung in Anspruch genommen haben.“

Neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen

Kein Einzelfall, wie Denisa, eine junge Rumänin, die nun, nach ihrem Ausstieg ebenfalls gegen die Missstände ankämpft. Jahrelang hat sie in Deutschland als Zwangsprostituierte gearbeitet, sie weiß alles über die Hintergrunde des Geschäfts: „90 Prozent haben Zuhälter“, sagt sie und berichtet aus eigener Erfahrung: „Die Männer sind scharf auf Minderjährige. Es gibt so viele Pädophile.“ Dem Mythos der Freiwilligkeit widerspricht die ehemalige Zwangsprostituierte entschieden: „Die Freier denken sich, die macht das aus Spaß. Du musst so tun, als ob es dir gut geht, aber innerlich geht’s dir nicht gut.“

Zu der Einschätzung gelangen auch Experten der Polizei, ihren Angaben zu Folge werden neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen. Heute spricht Denisa in rumänischen Armenbezirken vor Schulkassen, um die Mädchen zu warnen und sie, genau wie der Kriminalist Manfred Paulus, über die Maschen der als „Loverboys“ getarnten Handlanger der Mädchenhändler aufzuklären.

Die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus vergleicht den Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern. Fast 70 Prozent der Frauen leiden unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung: „Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen.“ Die Sterblichkeitsrate unter Prostituierten ist 40-mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, heißt es in der Doku. Allein das Risiko, ermordet zu werden, sei über 18-mal höher als bei anderen Frauen – unabhängig davon, ob sie freiwillg arbeiten oder dazu gezwungen werden.

Ungeachtet all dieser Hintergründe, das macht der sauber recherchierte Film deutlich, haben Escortangebote und Bordelle in Deutschland mehr Zulauf denn je. Das Marketing der Freudenhäuser hat sich offenbar der Mentalität der Freier angepasst: „Komm so oft du willst“, „All you can fuck“ oder „20 Minuten Sex für 20 Euro – der Spartarif im Discountpuff“ – so werben Flatrate-Puffs in den Städten. In Online-Foren tauschen sich Männer ungeniert und oft auf menschenverachtende Weise über die Leistungen der Sexarbeiterinnen aus.

Deutschland als Reiseziel für Freier

Vor der Kamera wollte kaum einer offen über so etwas Auskunft geben, aber während der Recherchen hat Autor Stracke mit vielen Freiern gesprochen. Sein Eindruck: Unrechtsbewusstsein ist auf Seiten der Männer kaum vorhanden. So ist Deutschland auch zu einem der begehrtesten Reiseziele für Freier aus alle Welt geworden. „Besuche über zehn Clubs in sechs Tagen“, preist ein Veranstalter ungeniert ein Package mit Kunst und Kultur an, das die Kundschaft ins „Bordell Deutschland“ locken soll.

Die Frage ist, wie es so weit kommen konnte. Glaubt man diesem Film, der auch die Tätigkeit der Prostituiertenverbände kritisch hinterfragt, kamen mehrere Faktoren auf unselige Weise zusammen: Das fraglos gut gemeinte Gesetz zur Legalisierung der Prostitution von 2002 hat den Bordellbetreibern und Freiern mehr geholfen als den Frauen. Seine Einführung ging zeitlich mit der EU-Osterweiterung einher, derweil sich in Deutschland gerade eine „Geiz ist geil“-Mentalität breitmachte.

Während bei den Mädchen wenig hängen bleibt, lässt sich mit der Prostitution viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt bringt allein eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr. Und auch der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit. Der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß, es kommen immer mehr und immer jüngere Frauen, die alles ungeschützt mitmachen …

Vorbild Schweden

Ob sich mit dem seit Juli geltenden „Prostituiertenschutzgesetz“, welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich. Anfangs, so lässt der Autor Christian P. Stracke durchblicken, sei auch er der Meinung gewesen, dass freiwillige Prostitution erlaubt sein sollte. Mittlerweile ist er aber zu der Überzeugung gelangt, auch freiwillige Prostitution verletze die Menschenrechte. „Deshalb muss sich dringend etwas ändern“, fordert er. „Doch um Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam einzudämmen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.“ Für ihn ein Vorbild: das nordische Modell in Schweden, das mit dem Sexkaufverbot den Freier bestraft.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

 

Link: prisma.de

 

Auf die Freiheit!

Video unten: Klaus Ferdinand Hempfling – Free and Connected

„Freedom of spirit… Authentic and real… Connection of body and spirit…“

„It is all in us

Be yourself

 

Gespräch mit Lisa Harmann

 

Lisa Harmann hat mir ein paar Fragen gestellt:

Sandra Norak* schaffte zum ersten Mal an, da war sie 18. Es sollte sechs Jahre lang dauern, bis sie sich selbst aus dem Sumpf der Prostitution befreien konnte. Heute macht sie sich für das „Nordische Modell“ stark, in dem unter anderem Freier für ihren Besuch bei Prostituierten bestraft werden – und hat dafür ihre Gründe.

Frau Norak, Sie sind Jura-Studentin, 27 Jahre alt, aber Sie sind nicht wie die anderen in Ihrem Jahrgang, denn von 2008 bis 2014 waren Sie in der Prostitution. Wie kam es dazu?

Sandra Norak: Als Schülerin lernte ich im Internet einen „Loverboy“ kennen. Während ich zuhause große Probleme hatte, vermittelte er mir Halt und Liebe und ebnete mir den Weg in die Prostitution.

Wusste Ihre Familie davon?

Norak: Ein paar Leute fanden heraus, dass ich mich prostituierte, aber sie wussten nicht über die wirklichen Umstände Bescheid.

Selbst schuld, sagen einige, wenn man sich auf einen „Loverboy“ einlässt. Was entgegnen Sie ihnen?

Norak: „Loverboys“ sind Männer, die gezielt nach jungen Mädchen oder Frauen Ausschau halten und ihnen Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie binden sie emotional an sich und erst wenn diese Bindung besteht, kommt die Prostitution ins Spiel, wobei es verschiedene Vorgehensweisen von „Loverboys“ gibt.

Meiner war um die 20 Jahre älter als ich und ein Ex-Fremdenlegionär. Er verherrlichte das Buch „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Dieses Buch ist ein Kriegsstrategie-Klassiker. Die Autorin und Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, welches das Thema „seelische Gewalt“ behandelt, einige Male auf Sun Tsus Buch indem sie seine Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen überträgt und nennt Menschen, die beispielsweise wie mein „Loverboy“ agieren, „die Perversen“. Ihr Buch fand ich erst vor einiger Zeit. „Loverboys“ planen alles von Anfang an. Vor allem junge Menschen sind leicht manipulierbar und sehr gefährdet.

Haben Sie das Gefühl, dass jede Frau auf so einen Menschen reinfallen könnte?

Norak: Nein, es gibt „Push“ – und „Pull-Faktoren“ im Bereich des Menschenhandels, vor allem bei der Migration osteuropäischer Frauen, die in der Prostitution landen. Während Push-Faktoren Menschen in Richtung Prostitution drücken können, wie zum Beispiel Perspektivlosigkeit und Armut, (sexuelle) Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit, etc., können Pull-Faktoren weiter hineinziehen, wie die „Loverboys“ mit ihren falschen Versprechen oder bei Osteuropäerinnen oftmals das Versprechen eines guten Jobs und eines besseren Lebens in Deutschland. Die „Loverboy-Methode“ ist ein komplexer, durchgeplanter und perfider Isolationsprozess. Im Rotlichtmilieu gibt es regelrechte „Schulen“, um diese Taktik beherrschen zu lernen.

Wie sah denn Ihr Tagesablauf damals aus? Gab es da Routinen?

Norak: Mich prostituieren, essen, schlafen. Ich bekam vom Leben draußen gar nichts mehr mit und verwahrloste immer mehr.

Welche Menschen kamen in diesen sechs Jahren zu Ihnen?

Norak: Alle Möglichen. Freier aus jeder Schicht, jedem Beruf, Behinderte, alte und junge Leute, Ledige, Verheiratete, Singles – wobei die meisten liiert oder verheiratet waren. Erschreckend fand ich die hohe Anzahl an Familienvätern. Ich musste feststellen, dass wir leider in einer sehr verlogenen Gesellschaft leben.

Was war das Schlimmste?

Norak: Die Prostitution an sich ist schlimm. Es gibt keine guten Freier und Escort ist genauso Prostitution und seelenraubend wie jede andere Form der Prostitution. Ich hatte viel mit Prostituierten zu tun und egal welche Form sie gerade ausübten oder welchen Freier sie gerade hatten, sie waren danach immer am Ende.

Wie haben Sie das ausgehalten?

Norak: Erst dissoziiert und dann mit viel Alkohol. Seit Beginn des Jura-Studiums beschäftige ich mich auch sehr viel mit der Psychotraumatologie im Hinblick auf die Prostitution und es ist essenziell, dass Menschen darüber Bescheid wissen, wenn sie über Prostitution sprechen. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, eine Abspaltung des Empfindens. Wenn, wie hier, sexuelle Handlungen der Freier unerträglich werden und man physisch nicht weg kann, lässt die Dissoziation einen abschalten. Bewusstsein und Wahrnehmung werden getrübt, man befindet sich in einer Art Trance-Zustand und ist depersonalisiert.

Welche Folgen hatte das?

Norak: Auch wenn Sie dissoziieren, erleben Sie die Situationen natürlich trotzdem. Wenn Sie nun nach den Zimmergängen mit bestimmten Schlüsselreizen wie zum Beispiel dem Parfum des Freiers in Berührung kommen, kann das Flashbacks auslösen. Sie erleben dann vergangene Situationen oder Gefühlszustände wieder und zwar in extremer Stärke. Ich hatte viel mit Panikattacken zu kämpfen. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war. Im Bordell und leider auch in den meisten Beratungsstellen sitzen keine spezialisierten Fachkräfte aus diesem Bereich.

Hatten Sie Hilfe in dieser Zeit?

Norak: Nein, aber ich habe mich auch verschlossen. Das ist ein großes Problem: Die wenigsten Prostituierten trauen sich überhaupt Hilfe zu suchen, weil sie wissen, dass sie so tief unten sind, dass richtige und ernsthafte Hilfe raus aus diesem elendigen Leben leider in unserem Land so gut wie nicht existiert.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?

Norak: Nach ein paar Jahren in der Prostitution habe ich angefangen im Bordell mein abgebrochenes Abitur per Fernstudium nachzuholen, machte unbezahlte Praktika um meinen Lebenslauf zu füllen, bekam einen Minijob und letztlich dann einen Vollzeitjob, der mir den kompletten Ausstieg ermöglichte.

Wie ging es Ihnen danach?

Norak: Nicht gut. Ich hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen und wusste sehr lange Zeit nicht, was da überhaupt mit mir los war.

Sie sagen, im Grunde prostituiert sich niemand freiwillig, wie meinen Sie das genau?

Norak: Ich habe keine Frau gesehen, die in der Prostitution sein wollte. Nun wird oft angebracht, es gäbe ja auch Menschen, die nicht gerne putzen wollen und trotzdem putzen gehen. Das kann man nur ganz und gar nicht vergleichen. Wenn erfahrene Traumatherapeutinnen und Traumatherapeuten über die Folgen von Prostitution sprechen, dann berichten sie von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, die sich nur nach schweren Traumatisierungen entwickeln können. Beim Putzen bekommt man die sicher nicht. In der Literatur über Trauma und Prostitution findet man auch Studien darüber, dass die überwiegende Anzahl an Frauen, die sich freiwillig prostituieren, bereits in ihrer Kindheit diverse Formen von Gewalt erlebten und die Gewalt, wie sie sie dann auch weiter in der Prostitution erfahren, einzig durch die bereits entwickelten Schutzmechanismen aushalten können und dabei aber weiter traumatisiert werden. Hier von Freiwilligkeit zu sprechen ist zynisch. Es geht auch nicht darum, Prostituierte zu pathologisieren, sondern darum zu verstehen, dass Prostitution ein in sich geschlossenes Gewaltsystem ist.

Sie schreiben das Blog „Die Wahrheit über das Leben in der Prostitution“ und gehen mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Warum?

Norak: Ich mag nicht mehr einfach zusehen wie Menschen in der Prostitution jeden Tag systematisch zerstört werden und will das Leid, was ich gesehen habe, nicht mit verantworten. Nichts tun, obwohl man etwas tun kann, bedeutet mit verantworten. Wir haben in unserer Gesellschaft schon viel zu viel Gleichgültigkeitsempfinden in Bezug auf so viele Dinge.

Heute kämpfen Sie für die Abschaffung der Prostitution. Wie engagieren Sie sich?

Norak: Ich schreibe, um zu versuchen, das Thema verständlicher zu machen und bin Mitglied bei „Sisters e.V.“. Ich unterstütze die Kampagne „Rotlichtaus“, denn wir brauchen in Deutschland und noch in vielen anderen Ländern das „Nordische Modell“. Auch das Europäische Parlament hat sich 2014 dafür ausgesprochen. Erfahrungen zufolge ist es zudem das effektivste Mittel gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Bereits viele Menschen und Organisationen, auch auf internationaler Ebene, stellen sich schon seit einigen Jahren unermüdlich dem Kampf gegen Prostitution und Menschenhandel. Einfach ist dieser Weg nicht, aber es ist ein Weg, den es lohnt zu gehen. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen anfangen ihn zu beschreiten.

*Sandra Norak ist der Name, mit dem sich die Interviewte der Öffentlichkeit stellt. Es ist nicht ihr richtiger Name.

 

Quelle:

Spiegel Online Artikel

 

Ok. Eigentlich hatte ich gar nicht vor zu dem SpiegelOnline-Artikel was zu schreiben, jetzt muss ich aber doch.

Ich habe mit Geneviève Hesse für Spiegel Online gesprochen. Vor ein paar Stunden ist der Artikel erschienen. Mein Blog hier wurde dort verlinkt und ich habe mittlerweile ca. 30.000 Aufrufe, Nachrichten ohne Ende und weiß gar nicht mehr, wem ich zuerst Antworten soll. Da hier ja jetzt eh alle mitlesen, möchte ich etwas wichtiges loswerden, weil ich die Facebook – Kommentare auf Spiegel Online über mich gelesen habe und ich muss zugeben, ich habe mich auf sowas eingestellt. Dass man nicht die gleiche Meinung hat in Bezug auf ein Thema, ist in Ordnung, aber manche Dinge sind schon sehr unterirdisch.

Hier mal nur zwei Kommentare:

1.Kommentar

„Interessant, dass mal wieder ausschließlich eine Diskussion um das Für und Wider von Prostitution gestartet wird, aber die Naivität unserer jungen Frauen unkritisch-verständnisvoll hingenommen wird. Es tut mir nur jeder Mann leid, der sich später unwissend so ein Früchtchen anlacht, welches nun als Femizicke all das auf- und abarbeiten will, was sie früher durch ihre eigene Naivität verbockt hat.“

Unwissend ein Früchtchen anlacht? Dieser Mann war 20 Jahre älter als ich und ein Altlude, der bereits einige Prostituierte vor mir gestellt hat. Er suchte gezielt im Internet und wusste ganz genau was er da tat. Und ich werde noch deutlicher: wir sprechen hier von einer Straftat und KommentatorInnen haben scheinbar nichts Besseres zu tun als eine Täter-Opfer-Umkehr vorzunehmen. Zudem empfehle ich für alle Menschen, die kommentierten, dass man Zwangsprostitution unterbinden müsse, aber die Prostitution an sich sonst in Ordnung sei, in Freierforen zu lesen und die Literatur u.a. auf www.trauma-and-prostitution.eu zu studieren um sich über die Mechanismen von Dissoziation und Trauma im Hinblick auf die Prostitution bewusst zu werden. Und nein, es bedeutet nicht, Frauen zu „pathologisieren“. Es bedeutet, zu verstehen, dass Prostitution ein Gewaltsystem ist, das in der großen Mehrheit auf Gewalt aufbaut und aus Gewalt besteht.

2.Kommentar

„Oder ihre eigene Dummheit…. Mit Sicherheit genoss sie den Luxus ihres loverboys…. Vorher Kopf einschalten…..“

Ich genoss den Luxus meines Loverboys? Mein Loverboy besaß keinen Luxus, sondern lebte in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung mit 2 weiteren Ex-Prostituierten (eine davon übrigens aus Tschechien nach Deutschland verkauft zur Prostitution – mein Zuhälter hatte sie dann in Deutschland abgekauft, sie schaffte aber nicht mehr an). Ich lebte nicht im Luxus, sondern sehr lange Zeit aus Koffern und Tüten, während mein verdientes Geld ausgegeben wurde. Vielleicht sollten einige Leute, wenn mein Blog schon verlinkt ist, auch darin lesen bevor sie kommentieren.

Ich möchte diejenigen, die auf der Facebook-Seite oder sonst wo unterirdische Kommentare abgeben, mal behutsam darauf aufmerksam machen, dass auch Loverboys Menschenhändler sind. Ich war letztens auf einer Veranstaltung und dort sprach ein Kriminalhauptkommissar – und er sagte, die Norm sind 90-95% ausländische Prostituierte, unter verschiedenen Zwängen arbeitend. Die selbstbewusste deutsche Prostituierte, die man oft im Fernsehen sieht, gehört nicht zur Norm. Das ist nicht meine Aussage, sondern die Aussage von mittlerweile den meisten Polizeistellen.

Von diesen 90-95% hört man aber meistens nichts und soll ich euch sagen, warum in diesem Land so viele Frauen schweigen? Zum Beispiel wegen solcher Kommentare wie hier auf der Facebook-Seite, die ihnen ihren Opferstatus aberkennen und versuchen sie zu Täterinnen zu machen. Ihre Erlebnisse abtun und sie für schuldig bekennen. Sie damit einschüchtern.

Wenn jemand, der mit organisierter Kriminalität zu tun hatte, aussagt, dann muss er Angst haben. Er sagt gegen ein Milliardengeschäft aus, gegen organisierte Strukturen, die Kontakte nach überall hin haben. Sie müssen Angst haben um ihre Zukunft, Angst um ihr Leben. Genau deswegen sieht man solche Menschen nicht in der Öffentlichkeit. Wenn von 10 % „freiwillig“ (und das ist viel, denn so viel habe ich nicht annähernd gesehen) „Arbeitenden“ nun 100 Frauen öffentlich sprechen und von den anderen 90% nur 10, dann sehen die 100 aus als wären sie in der Mehrheit – das sind sie aber nicht.

Im Übrigen: Hass-Mails oder Hass-Kommentare bringen mich nicht zum Schweigen. Ich weiß, was ich erlebt habe und noch wichtiger – ich weiß, was unzählige andere Frauen erlebt haben. Wäre es nur mein Einzelschicksal, würde ich damit leben und es ad acta legen. Aber so war es leider nicht und das ist der Grund, warum ich rede und damit auch nicht aufhören werde.

Und noch etwas zu einem Kommentar:

„sexarbeit zu kriminalisieren und die frauen zu pathologisieren einschließlich der stigmatisierung hat nie in der geschichte der menschheit geholfen.“

Zu dem „pathologisieren“ sagte ich ja schon etwas. Und ich bin nicht dafür „Sexarbeit“ oder Prostituierte zu kriminalisieren. Wenn man den Spiegel Artikel genau gelesen hätte, dann würde man erkennen, dass da steht: Freier bestrafen. Ich bin für das sog. „nordische Modell“, was eine Freierbestrafung und Ausstiegshilfen vorsieht und keine Bestrafung der Prostituierten. Auch Deutschland sollte sich mit internationalen Empfehlungen im Hinblick zur Prostitutionsthematik auseinandersetzen.

Hier möchte ich zum Abschluss aus einem Brief von Save Rahab e.V. zitieren:

„Wir möchten nochmals darlegen, wie die internationale Politik und unzählige Menschenrechtsorganisationen zu dem Problem der Prostitution und den damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen stehen:

  1. Vereinte Nationen, 1949

Resolution der Vereinten Nationen vom 02.12.1949:

„Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution sind mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar […].“

http://www.un.org/depts/german/uebereinkommen/ar317-iv.pdf

  1. Vereinte Nationen, 1985

Resolution der Vereinten Nationen vom 13.12.1985″Prevention of Prostitution

„Considering that the surpression of the traffic in persons and of the exploitation of the prostitution of others require a three-fold concerted effort, involving prevention […].

http://www.un.org/en/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/RES/40/103

  1. European Women Lobby, 2012

„Together with a dozen MEP’s representing all political grounds in the European Parliament and several Ministers, the NGO’s explained why prostitution is a form of violence, an obstacle to equality, a violation of human dignity, and of human rights.“

http://www.womenlobby.org/200-civil-society-organisations-launch-European-debate-on-abolition-of?lang=en

  1. Europarat, 2014

Resolution 1983 des Europarates vom 08.04.2014

Der Europarat sieht das „Sexkaufverbot“ nach schwedischem Modell als das wirksamste Mittel gegen Menschenhandel.

„It is estimated that 84 % of trafficking victims in Europe are forced into prostitution; similarly, victims of trafficking represent a large share of sex workers.“

http://assembly.coe.int/nw/xml/XRef/Xref-DocDetails-en.asp?FileID=20559&lang=en

  1. Europaparlament, 2014

„Statt der Legalisierung, die in den Niederlanden und Deutschland zu einem Desaster geführt hat [damit einhergehend die Situation in Frankfurt am Main], brauchen wir einen nuancierten Ansatz, der die Männer bestraft, die die Körper der Frauen als Gebrauchsgegenstand behandeln, ohne dabei diejenigen zu bestrafen, die in die Sexarbeit abgeglitten sind.“

http://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20140221IPR36644/die-freier-bestrafen-nicht-die-prostituierten-fordert-das-parlament

  1. New Yorker UN- Frauenkonferenz im Zusammenschluss mit 98 Organisationen, 2015

“Denn wie so oft auf internationalem Parkett herrschte auch jetzt in New York wieder einmal große Irritation darüber, dass Deutschland in Sachen Prostitution nicht etwa als Gewalt gegen Frauen sowie Ausdruck und Verstärkung des Machtgefälles zwischen Männern und Frauen versteht, […].”

http://www.emma.de/artikel/prostitution-un-konferenz-98-organisationen-ruegen-merkel

http://www.emma.de/artikel/liebe-kanzlerin-merkel-318625

(Quelle: Abolition 2014)

Und zu allerletzt empfehle ich noch das hier:

https://drive.google.com/file/d/0B32GA6EHrvdTakx1aU1OSFhHVkk/view

Zum Schluss möchte ich noch danke sagen für die anderen netten und aufbauenden Worte. Ich habe auch nachdenkliche Mails von Freiern bekommen und ich werde jedem einzelnen von euch noch antworten, weil der Diskurs hier wichtig ist.

Ich bin seit diesem Jahr Mitglied bei

Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution

Wer mitmachen möchte, kann sich gerne melden.

Über das unsichtbare Seelensterben

 

Der folgende Beitrag mag für einige nicht sehr greifbar sein, weil die „Seele“ an sich ein nicht wirklich greifbares Thema ist. Ich bin selbst immer auf „genaue Zahlen, Daten, Fakten, Statistiken, etc…“ aus, aber es gibt Dinge auf dieser Welt, die einfach nicht fassbar sind und jenseits dessen liegen, was wir erklären können. Jenseits dessen, was unsere Vernunft zu glauben vermag. Und eigentlich ist das auch gut so, denn es verleiht unserem Leben einen gewissen Zauber. Wenn ich allein das Wort „Seelenverwandtschaft“ in den Raum werfe, gehe ich davon aus, dass wohl auch ein paar der rationalsten Menschen daran glauben, obwohl es etwas ist, was nicht greifbar ist, was man nicht wirklich erklären kann.

Ich denke also zurück an die Zeit in den Bordellen, wo wir beispielsweise nachts betrunkenen und aggressiven Freiern stand hielten während wir tagsüber schliefen um uns zumindest so weit zu erholen, dass wir abends wieder antreten konnten. Tag ein, tag aus. Kein Weg, keine Richtung, kein Ziel, keine Träume, keine Gefühle – es herrschte totale Leere. Wir waren entseelt.

Anfangs, als wir mit diesen Männern auf Zimmer gingen, parkten wir unsere Gefühle draußen vor der Türe und als der „Akt“ beendet war holten wir sie dort wieder ab. Wir verwandelten uns quasi kurzzeitig in nichts-empfindende-Roboter und wurden danach wieder zu fühlenden Menschen. Es kam aber der Zeitpunkt, wo wir nach dem Zimmergang die Türe öffneten, um wieder Mensch zu werden, aber nichts mehr da war, was wir hätten abholen können. Wir versuchten stets während des Beiseins der Freier unser Menschsein situationsbedingt abzulegen um all die Penetrationen durchstehen zu können – irgendwann hatte es uns dauerhaft verlassen. Wir blieben von diesem Moment an auch außerhalb der Zimmergänge Roboter. Orientierungslos wandelnde, nicht im gegenwärtigen Moment teilhabende Schatten unseres Selbst.

Aber warum war das so?

Freier überschritten innerhalb dieser vier Wände unsere Grenzen, nahmen uns unsere Würde. Wenn sie gewalttätig wurden, haben wir nach ein paar Versuchen uns zu wehren es eben ertragen, weil wir gehofft haben, dass sie schneller fertig werden, weil wir zu müde waren um uns zu wehren und keine Kraft mehr hatten. Keine Kraft immer wieder dasselbe zu sagen, keine Kraft immer wieder darauf hinzuweisen, dass es weh tut, was sie in ihrem oft betrunkenen Zustand sowieso nicht gemerkt haben. Keine Kraft, immer wieder zu versuchen an die Menschlichkeit zu appellieren, wo wir nie eine gefunden haben. Wir resignierten. Ich schreibe hier bewusst „WIR“, denn meine Erfahrungen decken sich mit den Erfahrungen der unzähligen Prostituierten, die ich persönlich kennenlernte.

Irgendwann also hält man als fühlender Mensch nicht mehr nur den „Akt“ an sich, sondern auch diese oben beschriebenen Erinnerungen daran nicht mehr aus. Die Erinnerungen an „Berührungen“, die nicht gewollt waren, die Erinnerungen an Worte und Bilder, die man nie hätte hören und sehen wollen. Die Gedanken daran, dass es bald wieder passieren wird. Man erträgt das Leben, in dem man sich befindet, nicht mehr. Also bleibt man ab einem gewissen Zeitpunkt auch außerhalb des Zimmergangs eine Maschine, der nichts wehtun kann, der man nichts anhaben kann.

Das Problem hierbei ist, dass die Seele, die wir in uns tragen, sich nicht in Gestein verwandelt, sie kann sich an das Roboterdasein nicht anpassen. Sie bleibt weich, sie bleibt verletzlich. Wenn wir also unser Menschsein durch äußere Einflüsse verlieren und zur Maschine mutieren um zu überleben, tut unsere Seele das nicht. Wir können sie dann lediglich nicht mehr schreien hören, nicht mehr sich wehren hören, denn ihre Stimme wurde stumm gestellt. Sie versucht uns weiterhin mit ihren Nachrichten zu erreichen, sie kämpft und sie weint – aber vergeblich.

Wenn man den Weg raus aus der Prostitution findet und endlich wieder zum fühlenden Mensch wird, dann sollte man meinen, dass auch die Seele wieder hörbar ist. Jedoch machen viele die Erfahrung, dass sie nichts mehr sagt, verstummt ist. Sie hat während des Prozesses, in dem man sein Menschsein verlor, aufgehört zu atmen, denn sie hat stumm ertragen müssen, was sie nicht ertragen konnte. Sie ist gestorben.

Als ich von Lutz Besser, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Gründer des Zentrums für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachen, den Begriff des Seelenmordes im Hinblick auf die Prostitution in einem EMMA-Artikel las, dachte ich viel darüber nach. Wie auch immer man „die Seele“ nun definiert oder sich vorstellt – ich bin sicher es gibt eine Seele und wie oben beschrieben habe ich sie in der Prostitution reihenweise sterben sehen.

Und an dieser Stelle wird deutlich, warum Prostitution abgesehen von der physischen Gewalt so zerstörerisch ist. Es wird deutlich, warum man zu Prostituierten nicht einfach sagen kann: „So, jetzt bist du aus der Prostitution ausgestiegen, jetzt ist alles vorbei, jetzt hast du es geschafft, jetzt ist alles wieder gut!“

Denn was die Menschen nicht sehen ist genau dieses unsichtbare Seelensterben von Prostituierten. Im Gegensatz zum physischen Mord an einem Körper glaube ich aber daran, dass eine tote Seele wieder lebendig werden kann. Ich glaube das, weil meine Seele wieder lebendig geworden ist – und sie war definitiv ins Jenseits geschritten.

Der Weg sie zurückzuholen allerdings, ihre damals verstummten Schreie und Verletzungen während des Roboterdaseins zu heilen, ist ein steiniger. Früher als Maschine hat man nicht gefühlt, was die Seele zu sagen hatte. Will man sie nun heilen, muss man auf sie zugehen, sie aus ihrem leblosen Zustand holen, sie reanimieren und ihr zuhören. Das tut weh, weil es bedeutet, all das Damalige zu fühlen. Man muss sich anhören, was sie früher sprach, als sie vergeblich darum kämpfte uns zu erreichen, es aber nicht schaffte, weil wir zu sehr damit beschäftigt waren unsere gegenwärtige Situation zu überstehen.

Zurück zu seiner Seele zu finden und damit zurück ins Leben zu finden, bedeutet sich zu stellen. Es bedeutet schmerzhafte Aufarbeitungsprozesse mit seinem Innersten zu führen. Es hat für mich unter anderem bedeutet, mich in stillen Momenten an schlimme Situationen mit Freiern zurückzuerinnern und anstatt wie damals während der echten Situation dabei abzuschalten oder mich mit Alkohol zu betäuben, nun zu versuchen diese unerträglichen Augenblicke erstmalig wirklich zu spüren, zu fühlen und genau an jener Stelle zu weinen, wo ich früher lächeln und überspielen musste.

Es ist leichter eine Seele zu zerstören als sie wieder zum Leben zu bringen – deshalb muss man versuchen, diesen Seelenmord zu unterbinden. Im Hinblick auf die Prostitution geht das nur, wenn man Freier davon abhält, diese (wenn auch manchmal unbewussten) Morde zu begehen. Ab und zu wird angebracht, dass das, was in Freierforen steht, nicht der Wahrheit entspreche, weil sich die Männer in der Realität nie so viel Anmaßendes und Unmenschliches trauen würden.

Hierüber kann ich nur lachen. Ich wünschte, sie würden es sich nicht trauen, doch was ich bei mir und bei anderen Prostituierten gesehen und erlebt habe ist genau das, was in diesen Foren steht.

Herabwürdigendes, menschenverachtendes, ein Lebewesen objektivierendes Verhalten. (zum sog. „guten Freier“ habe ich bereits vor längerer Zeit einen Beitrag geschrieben -> Guter vs. böser Sexkäufer )

Ich wünschte, dass unser Staat endlich die Initiative ergreifen würde was staatliche Ausstiegshilfen aus der Prostitution betrifft, wobei es Menschen braucht, die wissen, was sie zu tun haben, die wissen, wie man Prostituierten den Anfang zu einem Schritt in ein Leben ebnet, welches gezeichnet ist von Respekt, von Ehre, von Wertschätzung und Empathie. Es braucht Hoffnung, es braucht ein freundliches Lächeln, Güte und Warmherzigkeit für Prostituierte, die im schlimmsten Fall noch nie irgendwelche dieser Werte erleben durften und gar nicht wissen, was das bedeutet. Und es braucht Verständnis – auch wenn es Rückschläge gibt, denn manchmal ist es ein Start von ganz tief unten.

Als eine Gesellschaft sollten wir dafür kämpfen Menschen zurück ins Leben zu bringen oder zum ersten Mal überhaupt zum Leben zu bringen. Wir sollten dafür kämpfen, diesen Seelenmord nicht einfach hinzunehmen – denn was ist ein Mensch ohne eine Seele?

 

Prostitution und Frei Werden

 

If you hear the dogs, keep going. If you see the torches in the woods, keep going. If there’s shouting after you, keep going. Don’t ever stop. Keep going. If you want a taste of freedom, keep going.

– Harriet Tubman –

Vor kurzem war ich an einem Ort, der mein Leben stark geprägt hat.

Ich war in meiner größten Leidensstadt.

Ich war in jener Stadt, in der damals mit der Prostitution alles anfing.

Als ich vor ein paar Tagen dort war, zum ersten Mal seit ich aus der Prostitution raus bin, hatte ich einen konfrontationsreichen Tag. Ich fuhr mit dem Zug hin und als ich ausstieg und auf dem Gleis stand fühlte ich sofort diese Verlorenheit von früher. Bereits bei meiner Ankunft an diesem Bahnhof war ich konfrontiert mit jener Atmosphäre der Hilflosigkeit und Verzweiflung, die ich damals verspürte, als ich immer öfter, um von zuhause zu fliehen, nach der Schule am Wochenende mit dem Zug in diese Stadt fuhr, wo mich mein Zuhälter an genau dem Bahnhof abholte, nachdem ich ihn zuvor im Internet kennengelernt hatte. Wo er mich in die Bordelle mitnahm, ich nach und nach in diesem Leben versumpfte. Ich war konfrontiert mit jenem Bahnhof, auf dessen Bänken ich nachts auch geschlafen habe, in dessen Hallen und Eingängen ich orientierungslos umherirrte, Besoffene und Aggressive allgegenwärtig waren.

Ich erinnerte mich auch an den Tag, an dem ich von zuhause ausgezogen bin, zu besagtem Zuhälter zog, in dem Glauben, mein Leben würde besser werden, mein Leid geringer – ich erinnerte mich, wie er mich an besagtem Tag von diesem Bahnhof abholte und auch daran, dass ich Ungewissheit, Zweifel und Angst verspürte, weil ich nicht wusste worauf ich mich einließ – all das aber verdrängte, weil ich keine andere Möglichkeit sah.

Ich erinnerte mich, dass sich mein Leben von diesem Zeitpunkt an drastisch veränderte, ich bald darauf die Schule in der 13. Klasse kurz vor dem Abitur abbrach und Vollzeitprostituierte wurde.

Als ich nun also vor ein paar Tagen in dieser Stadt war, war ich auch im Rotlichtviertel unterwegs (natürlich nicht um zu „arbeiten“), sah besoffene Freier und Prostituierte, die hinter Glasscheiben standen, aus den Fenstern schauten. Ich erinnerte mich dabei an das Leid, welches ich empfand als ich in diversen Clubs als Prostituierte mein Dasein verfristete und unzählige Freier „bediente“ – ja, ich konnte das Leid in dieser Umgebung fühlen, spüren, als wäre es in der Luft. Lauter schreiende Seelen, die verloren sind, die gebrochen sind, die dem Rotlichtmilieu ausgeliefert sind. Am liebsten hätte ich die Frauen eingepackt und mitgenommen, ihnen die Möglichkeit gegeben dieses Gewalt – und Lügensystem zu verlassen und anzufangen ZU LEBEN.

All diese Erinnerungen und Eindrücke waren aufreibend, aber unglaublich wertvoll. Als ich im Zug auf dem Nachhauseweg saß dachte ich viel nach. Über das, was ich in der Prostitution verloren habe. Und darüber, wie viele liebe Menschen ich durch dieses System zugrunde gehen sah – wie viele immer noch zugrunde gehen.

Vor einiger Zeit habe ich schon einmal von einer ungarischen Frau erzählt, einer ehemaligen Prostituierten, die mir sehr geholfen hat. Allerdings ist sie keine ehemalige Prostituierte, weil sie ausgestiegen ist, sondern ehemalig deshalb, weil sie tot ist.

Die unten auf dem Foto abgebildete Kette gab sie mir im Bordell als es mir sehr schlecht ging. Ich habe das Bild noch genau vor Augen. Sie sagte zu mir, die Kette wird auf mich aufpassen. Abergläubisch bin ich nicht, aber eines steht fest: ich hatte gute Schutzengel… Jedenfalls lebte ich jahrelang nur aus Tüten und Koffern, aber diese Kette habe ich immer noch. Sie hat mich durch all die Umzüge und Hindernisse begleitet – und ich muss zugeben: nicht, weil ich während dieses ganzen Theaters besonders gut auf sie geachtet hätte, sondern weil sie irgendwie immer wieder zwischen meinen Sachen aufgetaucht ist. Einige Dinge habe ich an verschiedenen Orten zurückgelassen, weil ich sie nicht transportieren konnte; aber dieses Geschenk ist noch da, auch wenn die Figur vorne dran bereits abgegangen ist.

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Die Kette erinnert mich an all das unertragbare Elend und die schluchtentiefen Abgründe, welche ich in der Prostitution gesehen und erlebt habe. Sie erinnert mich daran, dass mir meistens Menschen halfen, welche selbst nicht viel hatten. Und sie gibt mir Kraft. Für mich hat diese Kette trotz ihres „INRI“-Zeichens keine religiöse Bedeutung, für mich ist sie einfach ein Geschenk einer sehr lieben Frau, die nun im Gegensatz zu mir nicht mehr die Chance hat, ein Leben nach der Prostitution führen zu können. Wenn ich diese Kette anschaue und mich mit ihr zurück erinnere, weiß ich umso mehr, dass es nötig ist, Widerstand gegen das Gewaltsystem der Prostitution zu leisten. Jede Stimme zählt, egal wie laut oder leise, egal wie wirkungsvoll oder nicht – hauptsache es sind Stimmen da und werden immer mehr.

Als ich nach besagtem Stadtrip dann wieder zuhause ankam und meine Haustür aufschloss, glitt mir ein ganz großes Lächeln übers Gesicht, denn meine vier Wände waren da, mein Bett, mein Kühlschrank… – ich habe ein ZUHAUSE, welches ich so lange Jahre nicht hatte. Ich kann SEIN ohne Bedingungen erfüllen zu müssen, ich habe Ruhe, Stille, einen Rückzugsort, den ich zuvor nie wirklich hatte. Einen Platz, an dem ich allein sein und Energie tanken kann. Ich muss nirgends mehr zwischen Besoffenen und Freiern rumirren, muss nachts nicht mehr verloren durch die Straßen laufen, nicht in einem Bordellzimmer schlafen, in dem es noch nach Kondomen, Sperma und Schweiß stinkt.

Ich habe ein zuhause. Und ich freue mich so unglaublich darüber, dass ich diesen Satz 100 Mal aufschreiben könnte.

Es gibt nichts Schöneres und viele Menschen nehmen das für selbstverständlich, doch das ist es nicht.

Es war sehr wichtig, dass ich wieder in dieser Stadt war – als ich diese Region damals verlassen habe, wollte ich nie wieder zurückkommen. Doch manchmal ist es bedeutsam an Orte zurückzukehren, die man eigentlich für immer meiden wollte. Seit meinem Ausstieg und der Erfahrung mit den Pferden habe ich gemerkt, dass es manchmal direkte Konfrontation braucht, dass es essenziell ist, Dinge nicht zu verdrängen, sondern ihnen geradewegs in die Augen zu blicken, auch wenn es in dem Moment schwierig ist oder das Standhalten unmöglich zu sein scheint – denn dieser Weg der Konfrontation ist ein Weg der Authentizität, was bedeutet, ein Weg der Freiheit und Einheit seines Selbst.

Viele Prostituierte sind gefangen – nicht nur in der Prostitution, sondern auch im Leben danach. Sie schämen sich für das, was passiert ist. Sie denken, dass sie und ihre Geschichte etwas Unwertes, etwas Unwürdiges, seien, was man vor der Gesellschaft verbergen muss. Sie leben verdeckt in Angst, so dass möglichst keiner ihre Geschichte rausfindet. Sie wurden in der Prostitution Opfer eines Systems, welches sie ausbeutet, Opfer einer Gesellschaft, welche das zulässt – und wenn sie es denn irgendwann schaffen dieses System zu verlassen, dann bleiben sie weiterhin gebrandmarkt, verstecken sich, müssen aus Angst vor Ächtung lügen und leugnen wo sie waren, können nicht sie selbst sein, deshalb in gewisser Weise das System nie komplett verlassen, obwohl sie physisch draußen sind. Sie bleiben Sklavinnen ihrer demütigenden und tristen Vergangenheit. Sie bleiben unfrei.

Der Prostitution aber zu entkommen, eine derart traumatisierende Odyssee hinter sich zu lassen, nach unzähligen, hunderten, tausenden, zehntausenden Penetrationen von wildfremden Menschen noch aufrecht gehen zu können, denken und fühlen zu können, ist ein Sieg, ein unsagbarer Kraftakt und jede Prostituierte sollte stolz darauf sein können, dass sie diesem System entkommen konnte – und sich nicht für die Gewalt schämen müssen, die ihr widerfahren ist, nicht Sklavin ihrer erlebten Knechtschaft bleiben müssen!

Sie sollte sich zeigen, respektiert und somit frei werden können und zwar als jemand, den man nie in ihr gesehen hat – als Mensch, dessen Würde unantastbar ist!

Das gilt im Übrigen auch für die wenigen Männer, die in der Prostitution tätig sind.

Was mir dieser Tag und vor allem der Aufenthalt im Rotlichtviertel vor allem erneut vor Augen führten war, dass es nötig ist, dagegenzuhalten. Die Verharmlosung, Verherrlichung und Entmenschlichung in der Prostitution nicht hinzunehmen. Es muss aufhören. Dieser Gedanke, Prostitution wäre eine Arbeit, muss aus den Köpfen von noch viel mehr Menschen verschwinden.

Unterstützt diese wunderbare, unten verlinkte, Kampagne. Macht mit, um noch mehr Menschen aufzurütteln, um noch mehr Veränderungen herbeiführen zu können.

Wie Harriet Tubman es sagen würde:

If you want a taste of freedom, KEEP GOING!

#ROTLICHTAUS – Die Dachkampagne gegen Sexkauf

 

 

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Prostitution und die Fähigkeit HINZUSEHEN

 

“I’m not interested in whether you have stood with the great. I’m interested in whether you have sat with the broken.”

Dieses Zitat habe ich schon vor einer Weile im Netz gefunden, ich konnte leider nicht in Erfahrung bringen von wem es stammt, aber mit ihm beginne ich diesen Text zu schreiben.

Es spricht mir aus der Seele. Ab und zu erzählen mir Menschen bei welcher angesehenen Persönlichkeit sie waren und je nachdem von wem sie sprechen, finde ich das super, gebe ihnen ein „Wow“. Allerdings interessiert mich an meinem Gegenüber viel mehr, ob er auch schon Abgründe gesehen hat, mich interessiert wie er Leute behandelt, welche am Limit balancieren. Es sagt viel über einen Menschen aus wie er mit anderen umgeht, die gebrochen sind. Ein ehrliches, liebevolles, den Kampfgeist erweckendes Gespräch mit jemandem, der alles im Leben verloren hat, fasziniert mich mehr als eine Geschichte über vermeintlich „Prominente“ – vielleicht weil ich weiß, wie wenig Menschen existieren, welche jemandem am Abgrund tanzenden wie mir damals zugehört hätten, welche HINSAHEN. Wer setzte sich schon zu uns Prostituierten mit in den Regen als wir gebrochen waren? In Erinnerung habe ich so ziemlich keinen, deshalb empfinde ich jeden, der es tut, als besonderes Geschenk und als Bereicherung für unsere Gesellschaft.

Manchmal sinniere ich darüber, was das Schlimmste für mich in der Prostitution war und ein Gedanke schießt mir dabei immer wieder durch den Kopf: ich war verlassen von meinem Selbst und verlassen von unserer Gesellschaft.

Ein paar Jahre später nun befinde ich mich also in einem anderen Leben.

Als ich anfangs an die Universität kam fühlte ich mich fehl am Platz. Ich betrat die Hörsäle, die verschiedenen, mächtig aussehenden Gebäude der Uni, sah all die edel angezogenen, intellektuell begabten Menschen und dachte an mein kleines schmuddeliges Kellerzimmer im Bordell, in dem ich lange Zeit lebte, dachte an die Räume in anderen Clubs, in denen ich mich prostituierte und danach auf diesen Betten schlief um mich am nächsten Tag weiter mit Freiern zu massakrieren. Dachte an die unzähligen Zimmergänge, die ich ausführte, und daran, dass ich mich niemals edel fühlte. Einmal, es war so ziemlich am Anfang meines Studiums, setzte ich mich in einen großen, leeren Hörsaal und war wie erschlagen von seiner Schönheit. Dieser Raum erstrahlte so mächtig. Wie viel brillantes Wissen muss hier schon durch den Saal geklungen sein, wie wenig Gewalt im Gegensatz zu den anderen Räumen, die ich kannte? Ich saß da inmitten der Stühle, regungslos und aufatmend, zwischen diesen reinen Wänden sitzen zu können. So viele Jahre befand ich mich nur in Bordellzimmern. Auch wenn kein Freier im Zimmer war, waren diese Räume immer dreckig, rochen nach Schweiß, nach benutzten Kondomen. Oft kauerte ich mich nach der „Arbeit“ an Feierabend auf dem Bett zusammen, auf dem ich zuvor mit dem Freier war, ekelte mich, weinte, weil ich keinen Ausweg sah, weil ich dachte, dass alles, was ich jemals in meinem Leben haben werde, ein Leben als Prostituierte sein würde, weil ich immer wieder dagegen ankämpfte diese vermeintliche Realität zu akzeptieren, ich aber nicht wusste, wie ich ausbrechen konnte. Diese widerlichen Zimmer in Bordellen gleichen Gefängniszellen, nein, sie gleichen einem Todestrakt, welcher es Freiern ermöglicht die Prostituierte Stück für Stück zu entmenschlichen bis sie irgendwann aufgrund unaushaltbaren Leids aus dem Leben bricht.

Und warum? Weil Menschen nicht fähig sind besser HINZUSEHEN?

Wir befinden uns momentan in einer tollen Jahreszeit, die Natur erwacht aus dem Winterschlaf, wir spüren die ersten warmen Sonnenstrahlen auf unserer Haut – bald ist Sommer. Ich genieße es durch die Wälder zu streifen, den Wind zu spüren, das Wasser plätschern und den Gesang der Vögel zu hören, liebe Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge; diesen hier habe ich vor ein paar Tagen fotografiert:

Sonnenuntergang

Nicht jeder kann diese Augenblicke genießen, nicht für jeden wird es Sommer werden. Oft sind meine Gedanken bei jenen Frauen, die es nicht schön haben können, die bei Sommerhitze noch den Schweiß der Freier zu den übrigen Körperflüssigkeiten mit dazu abkriegen.

Ich erinnere mich gut an Clubs, in welchen es im Sommer unerträglich heiß und stickig war. Der Grund, warum ich jetzt die Zeit draußen in der Natur vor allem im Frühling und Sommer so arg genieße ist, weil ich jahrelang diese schönen Momente nicht hatte, so wie die meisten Prostituierten sie nicht haben. Die Vögel, die draußen umherflogen, die Blumen, welche anfingen zu blühen, die Gräser, die wuchsen, die frische Luft und die Schönheit der strahlenden Sonne… egal was, wir bekamen nichts mit, weil wir in diesen Clubs hockten und verrotteten – entweder sowieso tagsüber oder aber nachts und uns dann mit Alkohol und/oder Drogen so zu dröhnten um alles auszuhalten, dass wir den darauffolgenden Tag nicht erlebten, sondern stattdessen schliefen, und erst wieder abends aufwachten um weiter zu „arbeiten“. Das Leben, die „Außenwelt“, der Sommer, die Liebe, einfach alles rauschte an uns vorbei. Und selbst wenn wir tagsüber mal rauskamen waren wir derart neben der Spur und so „kopfgefickt“, dass wir keine schönen Dinge wahrnehmen konnten, gar nichts wahrnehmen konnten. Prostituierte verlieren neben ihrer Seele auch das Leben, welches draußen an ihnen vorbeizieht. Sie sehen Kondome, Sperma, Brutalität, Ignoranz, Leid, Geschlechtsteile in allen Variationen – all das ist für sie an der Tagesordnung, all das ist für sie Normalität. Sie erleben nichts Schönes, kennen manchmal gar nichts Schönes.

Und so geht es tausenden von Menschen in der Prostitution hier in Deutschland und auch anderswo. Wer hilft ihnen? Wer steht ihnen zur Seite? Warum SEHEN IMMERNOCH SO WENIG HIN?

Wieder erinnere ich mich an dieses Gefühl der Verlassenheit, ich fühle nicht nur sondern ich weiß, dass Prostituierte weiterhin im Stich gelassen werden – das neue Gesetz reicht nicht aus. Sie können sich größtenteils nicht selbst wehren, sie können nicht allein entkommen, sie sind gefangen in einem Labyrinth, aus dem sie den Ausgang nicht finden.

Sie liegen in einem versifften Bett unter schweißgebadeten Freiern, welche ihnen bewusst oder unbewusst Schmerzen zufügen, welche ihre Persönlichkeit, ihr Inneres, ihr Seelenleben zerstören, sie entzweien, während wir in der Eisdiele sitzen oder gemütlich Cocktails in der Sonne schlürfen und den Sommer genießen.

Wie können wir nur? Wie kann ein menschenrechtsliebendes Land dermaßen kalt und ignorant sein um nicht HINZUSEHEN, dass es Unrecht ist, was hier passiert. Es ist nicht nur Unrecht, was Zuhälter, Bordellbetreiber und Menschenhändler tun, sondern es ist auch Unrecht, was Freier tun. Somit ist es auch Unrecht, dass sie die Möglichkeit bekommen, labile, verzweifelte, verletzliche Persönlichkeiten noch mehr in ein Unglück, in ein weiteres Trauma, zu stürzen, indem sie sie gebrauchen und benutzen dürfen.

Die Frauen machen das ja freiwillig? – Wie oft hört man von Kindern, welche sexuelle Missbrauchserfahrungen erleben, diese Erfahrungen anfangs aber nicht zuordnen können, dass sie stillhalten und es über sich ergehen lassen, auch wenn es sich komisch anfühlt, weil sie denken, es sei normal so, es muss so sein. Ist es deswegen legal ein Kind zu missbrauchen – weil es stillhält und sich nicht wehrt?

NEIN!

Hier ein Auszug aus einem Artikel, in dem ein Missbrauchsopfer spricht – eine sehr traurige Geschichte mit einer tapferen, starken jungen Frau:

Für Lea war nicht viel Zeit – deswegen war sie immer wieder für ­Tage beim Onkel, damals, Anfang der 90er Jahre. Zunächst war Lea gerne dort. Der Onkel las der Fünfjährigen abends Geschichten vor, das machten ihre Eltern nie. Ein studierter Mann, als Mittdreißiger bereits die rechte Hand des Firmenchefs. Aber dann änderten sich die abendlichen Rituale.

Der Onkel fasste sie überall an und gab das als Entdeckungsspiel aus. „Hast du das schon mal gesehen?“ Und: „Schau mal, das machen Erwachsene.“ Er steckte ihr seine Finger in die Scheide. Irgendwann musste sie ihn oral befriedigen.

Es war ihr alles sehr unangenehm, schon wie er sie anfasste. Es war ­irgendwie nicht richtig. Lea verstand das alles nicht. Tagsüber war der ­Onkel nett und nannte sie „meine Prinzessin“, nachts dagegen „du Dreckstück“. Aber vielleicht war es normal, was der Onkel mit ihr machte, und sie musste es durchstehen, um erwachsen zu werden? Sie wollte unbedingt erwachsen werden! Auf keinen Fall wollte sie ins Heim, wie der Onkel androhte, sollte sie etwas erzählen. Hier geht’s zum ganzen Artikel

Nochmal die Frage: ist es in Ordnung einen Menschen sexuell zu misshandeln, weil er sich nicht wehrt, weil er stillhält, weil er denkt, dass es sein muss, dass es vielleicht normal sei?

NEIN! (ich empfehle den kompletten Artikel zu lesen – er ist traurig, aber so unglaublich stark)

Es war für viele Freier ERKENNBAR, dass ich mich dabei schlecht fühlte, dass diese sexuellen Handlungen an mir gegen meinen eigentlichen, wirklichen, Willen sprachen, doch sie fragten nicht, sie interessierten sich nicht, dass ich Schmerzen hatte, Leid empfand – und sie haben es auch bei den anderen Frauen erkannt mit denen ich gemeinsam mit ihnen auf Zimmer war. Sie sahen, dass die Frauen würgten und halb kotzten beim Deep Throat und ihnen Tränen in die Augen schossen, sie beschämt und verzweifelt waren. Sie sahen, dass die Frauen beim Geschlechtsverkehr die Augen zukniffen und ihr Gesicht verzerrten, weil die Freier grob waren – zum größten Teil ignorierten sie unsere Schmerzen (wenn es sie nicht sogar erregte), denn sie hatten ja zu Beginn ein Einverständnis von uns bekommen und damit war für sie alles ok. Sie hatten schließlich in ihren Augen einen ANSPRUCH.

Freier verhalten sich als wären sie im Mängelgewährleistungsrecht eines Werkvertrages, wenn sie zu einer Prostituierten gehen.

„Durch den Werkvertrag wird der Unternehmer (hier: die Prostituierte) zur Herstellung des versprochenen Werkes (hier: sexuelle Befriedigung/Orgasmus), der Besteller zur Entrichtung der vereinbarten Vergütung verpflichtet.“

Und komme die Sintflut nach dem Einverständnis der Prostituierten und der (hier meist vorherigen) Zahlung der Vergütung, ganz egal, es läuft nach dem Motto: Werk bestellt und bezahlt heißt, Werk muss ordnungsgemäß hergestellt werden!

„Der Unternehmer hat dem Besteller das Werk frei von Sach- und Rechtsmängeln zu verschaffen.“

Kommt der Freier also nicht zum Orgasmus, passt ihm dies oder jenes nicht, so fordert er meist entweder Nacherfüllung (natürlich kostenlos) oder Schadensersatz.

Sarkastisch?

Nein, Realität.

Wie kann eine Gesellschaft bei so etwas zusehen, so etwas dulden? Wie kann man in solch einer Gesellschaft Kinder groß ziehen? Welche abstoßenden Werte werden hier vermittelt?

Es mag sein, dass viele über die Zustände in der Prostitution nicht Bescheid wissen – die Lobby leistet fantastische Propagandaarbeit, wobei die meisten Frauen dort, welche Prostitution befürworten, selbst Opfer sind, nur leider ihr Persönlichkeitsverlust schon in dem Ausmaß vorangeschritten ist, dass sie nicht mehr spüren, was schief läuft (was sie natürlich abstreiten, weil sie sich dessen oft nicht bewusst sind oder sie es sich nicht eingestehen können aus Selbstschutzgründen). Das ist schlecht für sie selbst und auch für die Öffentlichkeit, welche ihnen zuhört und der Glorifizierung von Prostitution Glauben schenkt.

Es gibt aber mittlerweile auch genügend Gegenstimmen und viele Studien im Hinblick auf das Zerstörerische an und in der Prostitution. Es existiert also genügend Material um HINSEHEN ZU KÖNNEN.

Versuche der Reglementierung von Prostitution durch das neue Prostituiertenschutzgesetz beseitigen nicht das große Problem, welches wir durch die Legalität von Sexkauf haben – nämlich das Selbstverständnis sich Frauen kaufen zu können, das damit einhergehende Frauenbild, ja, die dadurch herrschende (unbewusste) Missachtung des weiblichen Geschlechts, denn es sind mehrheitlich nunmal Männer, welche Sex kaufen. Freier schreiben in Freierforen nicht nur in missachtender Weise, sondern sie verhalten sich gegenüber uns Prostituierten auch genauso. Sie verachten Prostituierte, weil sie für sie lediglich ein Instrument ihrer sexuellen Befriedigung darstellen –  als Menschen werden sie nicht wahrgenommen. Irgendwann verachten sie auch Frauen außerhalb der Prostitution, weil sie anfangen Frauen generell als Lustobjekte zu assoziieren.

Strafgesetze lassen unsere Gesellschaft wissen, was in einem Land als Unrecht bezeichnet wird, was man nicht tun sollte. Ein Strafgesetz ist immer auch Handlungsmaxime. Es geht bei der Freierbestrafung, dem Sexkaufverbot nach dem sog. nordischen Modell, welches ich befürworte, nicht nur darum, die Freier für ihr Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen, sondern es geht vor allem darum, jedem einzelnen aufzuzeigen, dass es nicht richtig ist, sich den Zugang zu einer anderen Intimsphäre zu erkaufen, dass es nicht richtig ist, an der Ausbeutung von Prostituierten in welcher Form auch immer beteiligt zu sein, dass es nicht richtig ist, Freier zu sein, weil sich zu prostituieren traumatisierend ist. Freier zu sein bedeutet zudem Nachfrage zu schaffen, Nachfrage zu schaffen bedeutet, dass ein Bedarf an vielen unterschiedlichen Frauen besteht und wer deckt diesen Bedarf? Genau, die Menschenhändler! Geht die Nachfrage zurück, besteht weniger Bedarf und die Menschenhändler werden nach und nach immer ein Stückchen mehr arbeitslos werden – deshalb muss man die Nachfrage bekämpfen, so wie es das nordische Modell tut, um auch die weiteren Übel minimieren zu können.

Ist die Einführung eines Sexkaufverbots wirklich das Richtige? Warum sollte man Freier bestrafen, wenn Prostituierte ihnen ihre „Dienste“ anbieten? Ungerecht?

In so ziemlich allen Fällen, die ich gesehen habe, sind die Prostituierten den Freiern unterlegen gewesen, weil sie in einer Zwangslage, einer Notlage, einer Krise steckten, aus der sie nicht mehr allein rauskamen. Man muss diese Menschen deshalb schützen, indem man diejenigen, welche ihre Lage bewusst oder auch unbewusst ausnutzen, wissen lässt, dass sie das nicht tun dürfen, dass sie HINSEHEN MÜSSEN, auch wenn sie es nicht wollen, weil sie lieber ihren Druck und Frust abladen möchten. Da die meisten Freier meine und die Hilflosigkeit anderer Prostituierter gesehen und trotzdem weitergemacht haben, ist die einzige Möglichkeit, prostituierte Menschen besser zu schützen ein generelles Verbot für den Sexkauf zu schaffen. Abgesehen von der Ignoranz der Freier gegenüber dem Leid von Prostituierten und der Menschenhandelsproblematik aufgrund der Nachfrage müssen Männer ein anderes Verständnis Frauen gegenüber entwickeln. Sehr oft erlebe ich im Alltag, wie sie Dinge tun, welche unter der Gürtellinie sind, Sprüche ablassen, welche sexistisch und verletzend sind, wie sie ungeniert versuchen zudringlich zu werden. Es kommt nicht von irgendwoher, dass Männer mit Frauen so umgehen wie viele es leider nun mal tun – aber: Sex ist käuflich, Frauen sind verfügbar, scheinen für Männer immer willig zu sein, also wen wundert’s? Die Legalität von Sexkauf unterstützt dieses Verhalten enorm. Nicht alle sind so, nein, aber ein großer Teil. Für diejenigen wahren Männer, die sich bereits gegen ihre Artgenossen bzw. deren sexistische Verhaltensweisen einsetzen, bin ich unendlich dankbar. Bitte mehr davon!

Auf einem Taxi sah ich letztens eine große Werbung für ein Bordell direkt neben sozialen Hilfsangeboten, welche ebenfalls als Logo auf dem Taxi abgedruckt waren – neben dem Taxi standen zwei junge Männer, welche auf das Bordelllogo zeigten und so taten als ob sie sich einen runter holen würden, dabei fies lachten und eine andere Passantin mit gezielten, lasziven Zungenbewegungen belästigten während sie auf das Bordelllogo zeigten. Und es gibt dutzende Situationen ähnlicher Art, für die ich hier 50 Seiten bräuchte um sie alle aufzuschreiben.

Das ist doch alles nicht normal, alles nicht ok!

Unsere Gesellschaft verrottet!

Ein Sexkaufverbot setzt Richtlinien, welche Menschen zu verstehen geben: „Hey, so geht’s nicht!“. Und sowas benötigen wir, denn alles andere fördert oder duldet zumindest enorm problematische, geschlechterfeindliche Verhaltensweisen. Natürlich kann man nicht alles durch das Strafrecht lösen, aber die Freierbestrafung ist etwas, was dringend nötig ist um das Leid und die Traumata der Frauen in der Prostitution zu minimieren, um die verheerenden Ausmaße des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung zurückzudrängen und um eine ehrlichere Gesellschaft zu erschaffen, in der liierte oder verheiratete Männer nicht mehr einfach so zu einer Prostituierten gehen können, sodass die Kinder dieser Männer nicht mal irgendwann erfahren müssen, dass ihr vorbildhafter, seriöser Vater seine Zeit mit Frauenkauf jeglicher Art verbringt – so wie ich damals als sehr kleines Kind mitbekommen habe, dass mein Vater solche „Dienstleistungen“ in Anspruch nahm. Merkt euch eins „liebe“ Freier: wenn euch schon nichts an Prostituierten liegt, dann hoffentlich an euren Kindern und ihr solltet ihnen zuliebe das Kaufen sexueller Fantasien unterlassen. Selbst als Kleinkind, wenn man nicht viel über diese Sachen weiß, schrumpft der Respekt, das Vertrauen und die zwischenmenschliche Beziehung gegenüber dem Vater enorm, wenn man so etwas erfährt. Man mag als Kind noch nicht viel wissen, aber man hat zumeist einen Sinn dafür, was richtig und was falsch ist, und „Mama“ zu betrügen, andere Frauen neben ihr zu haben, sich generell solche „Dienste“ jeglicher Art zu kaufen, ist definitv falsch!

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die meisten Freier von allein nicht aufhören werden. Sie wurden dazu erzogen, sich Frauen kaufen zu können – man muss sie jetzt „umerziehen“ und das geht nur durch eine straffe, richtungsweisende Gesetzgebung, welche den Sexkauf als solches unter Strafe stellt.

Niemand sollte die Möglichkeit bekommen, ein Menschenleben mit zerstören zu können.

Jetzt, an der Universität, muss ich keine Gewalt mehr erleben, keine Gewalt sehen, ich bin frei von all dem – aber ich werde nie vergessen, in welchem Leben ich war, ich werde nie vergessen, was ich gesehen habe, ich werde nicht vergessen jeden Tag aufzustehen und danke dafür zu sagen, dass ich aus diesem Leben fliehen konnte, und ich werde nicht vergessen, dass jeden Tag immer noch tausende von Frauen in der Prostitution leiden, dass sie oft auch sterben.

Das muss aufhören und es kann aufhören, wenn nur jeder anfängt besser HINZUSEHEN! Und jeder, der nicht sehen möchte, der lieber die Augen verschlossen hält, aus Egoismus, aus welchem Grund auch immer, und mit seinem Verhalten als Freier am Seelenmord (wie der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Lutz Besser es nennt) einer Prostituierten beteiligt ist, muss zur Verantwortung gezogen werden!

 

 

Die Flucht aus dem Opferstatus rein in die Kriminalität – und über Kriegskunst

 

Vor ein paar Tagen habe ich an eine tschechische Prostituierte gedacht, mit der ich in einem Club gearbeitet und zusammen gewohnt habe (wir hatten beide unsere kleinen „Abstellzimmer“ im Keller). Als wir uns damals in diesem Bordell kennenlernten waren wir uns ziemlich unsympathisch, aber nach und nach sind wir immer weiter zusammengewachsen. Wir halfen uns mit und während den Zimmergängen, wir versuchten unser Dasein trotz all des Elends aufzuheitern. Zudem musste ich auch an die Bordellbetreiberin und die Co-Chefin des Nachtclubs denken. Letztere war selbst eine Prostituierte, wurde aber immer mehr in den Bordellbetrieb integriert und eingearbeitet. Sie ließ die Prostitution langsam hinter sich, sollte irgendwann den Club übernehmen.

Auch die tschechische Prostituierte arbeitete in diesem Bordell immer häufiger hinter der Bar als Bedienung und nahm dort weitere Aufgaben außerhalb der Prostitution wahr, saß auch an der „Rezeption“. Genau wie die Co-Chefin zuvor befand sie sich ebenfalls in einer Art Vorstufe um irgendwann in die Fußstapfen der Bordellbetreiberin zu treten. Sie hatten guten Kontakt, so wie auch ich in diesem Club guten Kontakt zu den „Frontleuten“ hatte. Die Menschen in diesem Etablissement schienen mit der Zeit wie eine Familie für einen in diesem haltlosen Leben, weil man nichts anderes, niemand anderen, hat. Es kommt der Zeitpunkt, wo man anfängt sich mit ihnen zu identifizieren. Sie wurden damals auch wie eine Familie für mich, was meinem Zuhälter gar nicht gefiel.
Er brachte mich ursprünglich dorthin um für ihn zu „arbeiten“– und als er irgendwann den engeren Kontakt zwischen den oben genannten Frauen und mir mitbekam versuchte er diesen zu verhindern, denn er hatte Angst davor, seinen Einfluss auf mich zu verlieren und seine Angst bestätigte sich – ich hatte Ansprechpartnerinnen und auch eine Art Schutz gefunden.

Natürlich kann man diese Menschen dennoch nicht als Familie bezeichnen, weil alles zum großen Teil ein „Bei-Laune-Halten“ war damit ich gut funktionierte und ihrem Club Geld brachte, so auch bei der Tschechin. Man nennt das im Rotlichtmilieu „posieren“. Dennoch kam ich zumindest von meinem Zuhälter immer weiter weg. Damit war mir ein großer Schritt in Richtung Freiheit möglich.

Trotzdem war aber auch die Bordellbetreiberin eine Zuhälterin. In ihrem Club lief es so ab, dass man vom Freier vor dem Zimmergang das Geld kassierte, es an die „Rezeption“ brachte und einem am Ende der Nacht eben 50 % von jedem Freier ausbezahlt wurde. Das war der Grund, warum wir keine Tagesmiete zu zahlen hatten, welche Prostituierte oft in immense Schulden katapultiert, da sie meist unabhängig vom Verdienst zu entrichten und oft sehr hoch angesetzt ist. Wenn in diesem „Laden“ hier kein Freier kam, dann liefen wir alle, inklusive der Betreiberin, Stier. Dafür, dass wir dort wohnten, mussten wir nichts bezahlen.

Dieser Club war von der Struktur her der korrekteste den Frauen gegenüber, welchen ich in meiner Zeit in 6 Jahren Rotlichtmilieu gesehen habe und dennoch war er eine menschliche Katastrophe. Allein von der Prostitution her an sich, aber vor allem auch, weil man als BetreiberIn eines Bordells immer vor der Frage steht: wo bekomme ich Frauen her? Selbst wenn Menschenhandel nicht von den BetreiberInnen selbst ausgeht, dann kommt er trotzdem durch die Eingangstüre herein.

Ich habe oft erlebt, wie dunkle Gestalten „ihre Frauen“ zum Anschaffen in den Club brachten. Wie hier und da über Dinge getuschelt wurde, die ich eigentlich gar nicht hätte hören sollen… Es sind und bleiben krumme Geschäfte. Auch wenn man es wollte, das Rotlichtmilieu funktioniert nicht komplett ohne krumme Dinger zu drehen. Wer diesen „Job“ als BetreiberIn macht, wird auch in diese Geschäfte mit einsteigen. Deshalb ist kein Laden, den ich betreten habe, „sauber“ gewesen. Und es wird auch in Zukunft trotz des neuen Gesetzes keiner sauber sein, zumindest die Masse nicht, denn es ist einfach nicht möglich „von allein“ je nach Clubmodell so 10-100 Frauen (vielleicht auch noch irgendwo weniger oder mehr) vor Ort zu haben, und zwar meist immer unterschiedliche, oft wöchentlich wechselnde, für jeden „Geschmack“ etwas dabei. Wenn jemand ernsthaft glaubt, die laufen alle von allein und aus freien Stücken in diese Etablissements, weil sie sich so gerne prostituieren, dann rate ich jedem aufzuwachen und seinen logischen Menschenverstand einzuschalten!

Ich konnte mir jedenfalls zu dieser Zeit nicht vorstellen, die Leute in diesem Club, welche für mich meine „neue Familie“ darstellten, zu verlieren. Bis ich irgendwann natürlich begriffen habe, dass ich nur „Familienmitglied“ sein kann, wenn ich Teil des Rotlichtmilieus bleibe – welcher Teil auch immer.

Dieser Schritt, von ihnen wegzugehen, war schwer, weil ich diese Menschen lieb gewonnen hatte. Ganz egal wer sie waren, was sie von mir wollten, sie stellten einfach meine einzigen Bezugspersonen dar. Ich hatte niemanden sonst. Meine Kontakte in die „Außenwelt“ waren schon seit Jahren längst alle abgebrochen. Nichtsdestotrotz wusste ich, dass sie mir nicht gut taten, nein falsch, dass mir dieses Leben nicht gut tat. Niemandem tut dieses Leben gut – in Wahrheit auch ihnen nicht. Nebenbei erwähnt habe ich zwei ganz liebe Menschen in meinem wirklichen Familienkreis, welche damals aber keine Chance hatten, auf all das Einfluss zu nehmen… Dafür habe ich sie jetzt und dafür bin ich sehr dankbar.

Als ich vor ein paar Tagen also an die Frauen in besagtem Bordell dachte, da stellte sich mir ein Paradoxon. Die Co-Chefin und die Tschechin als Bordellbetreiberinnen, Zuhälterinnen? Nachdem sie selbst jahrelang Opfer täglicher sexueller Gewalt durch Freier waren, wechseln sie nun auf die andere Seite? Auf eine Seite, welche sehr oft daran beteiligt ist oder zumindest duldet, dass andere Menschen in den Zimmern genau wie sie damals von Freiern erniedrigt und sexuell gedemütigt werden, welche davon profitiert?

Und nachdem ich darüber nachgedacht hatte, musste ich leider feststellen, dass es wahrlich nicht unvorstellbar ist diesem Opferstatus zu entfliehen indem man in einen Täterstatus hinein wechselt.

Die Tschechin, von der ich sprach, welche sich prostituierte und vermehrt „Bordellbetriebsaufgaben“ wahrnahm, ist ihr Leben lang benutzt und erniedrigt worden, hat sich ficken lassen müssen als ob sie ein Roboter aus Metall wäre – ich weiß es, denn ich war dutzende Male dabei, weil wir uns abwechselten um uns zu helfen, und ich habe ihr lebloses, totes, Gesicht dabei gesehen. Sie hat sich demütigen lassen müssen. Sie trank wie ich Alkohol in Massen und nahm Drogen um die Freier auszuhalten. Auch mit der Co-Chefin war ich ab und zu mit Freiern auf dem Zimmer und es war hier nicht anders – sie war aber nicht mehr überwiegend Prostituierte, sondern eben schon mehr in den Bordellbetrieb integriert, musste sich das Ganze nur mehr noch zeitweise geben.

Und ich habe mich gefragt: ist es so abwegig, dass die beiden nicht mehr auf dieser Seite der Armut, der Prostitution, stehen möchten, sondern wenn sie die Chance bekommen auf die andere Seite der Bordellbetreibenden zu wechseln, diese auch ergreifen? Ist es so abwegig, dass sie bereits so abgestumpft sind, dass es ihnen leichter fällt auf Seiten der Bordellbetreiberin andere leiden zu sehen als selbst leiden zu müssen?

Viele würden wahrscheinlich jetzt sagen, dass eigenes Leid für einen selbst kein Grund sein kann, mitverantwortlich dafür zu sein, dass andere Menschen leiden (zum Beispiel indem man als BordellbetreiberIn dem Menschenhandel die Türe öffnet). Niemals würde man so etwas tun. So ein Satz gleitet einem jedoch leicht von den Lippen, wenn man in einer sicheren, warmen Wohnung sitzt, nicht täglich Extremsituationen in diesem Milieu ausgeliefert ist und vor allem sein Selbst noch bei sich hat. Doch was ist, wenn nicht? Was tun wir Menschen eigentlich alles um zu überleben, was tun wir, damit auch die Familie überlebt? Was tun wir, wenn wir uns verloren haben? Wir prostituieren uns vielleicht – so wie ich es tat und viele andere es getan haben oder immer noch tun. Vielleicht wird man aber auch irgendwann den Betrieb eines Bordells übernehmen, wenn einem jemand die Möglichkeit dazu an die Hand gibt, wo dann die Bekanntschaft mit Menschenhandel und Zuhälterei vorprogrammiert ist.

Erzählen kann man viel, was man tun oder nicht tun würde, doch ich bin mir sicher, dass niemand diesen Satz ehrlich beantworten kann, der noch nicht derart vielen, täglichen, menschenverachtenden Extremsituationen ausgesetzt war. Gelebte und vertretene Werte hin oder her… Menschen, welche nie Gewalt oder Verzweiflung in einer wirklich krassen Form erlebt haben, können sich das nicht einmal vorstellen – sie können sich nicht in so eine Situation hineinfühlen und auch nicht erahnen, zu was einen manche Dinge treiben können – auch wenn sie denken, sie könnten es. Sie tun es nicht.

Ein kleines Beispiel zur Veranschaulichung:

Ich selbst bin ein Mensch, der nie jemandem etwas zu leide tun könnte.

Dachte ich jedenfalls.

Bis ich lernen musste, dass es Lebensabschnitte gibt, die einen anders werden lassen, welche die grundlegenden Werte und Verhaltensweisen verblassen lassen. Es gibt Einflüsse, die, wenn sie dauerhaft auf uns einprasseln, uns von unserem Selbst entfernen. Man wird eine fremde Person – so wie man auch als Prostituierte eine andere Person ist und die eigene Persönlichkeit sich während der Prostitution noch viel weiter in Richtung Fremde entwickeln kann bis irgendwann gar nichts mehr von dem bleibt, was einen als Persönlichkeit, als Mensch, ausmacht. Es herrscht dann Stille, Leere. Alles ist schwarz.

Wenn man den 10ten Freier am Tag hat, man keinen BH mehr anziehen kann, weil die Brustwarzen vom ewigen daran lecken und beißen derart gereizt sind, dass jede Berührung schmerzt und man unter diesen Gegebenheiten den nächsten Freier bekommt, welcher dann nicht mehr nur eine halbe Stunde, sondern 2 Stunden bucht, zugedröhnt ist und daher dann auch wirklich 2 Stunden durchgehend Geschlechtsverkehr haben möchte, während der Genitalbereich schon beim Waschen und Duschen weh tat, weil alles komplett wund ist von den Tagen zuvor, er dann im Zimmer nochmal und immer wieder in die Brustwarzen zwickt und in sie hineinbeißt und immer wieder die Grenzen überschreiten will obwohl man ständig darauf hinweist und nur noch versucht sich zu schützen, dann kommt irgendwann auch jener Mensch außer Kontrolle, welcher sich eigentlich immer beherrschen kann. Irgendwann geht es einfach nicht mehr. Dieses Gefühlschaos aus Hass, Wut, Schmerzen, Traurigkeit, Verachtung, Hilflosigkeit und Entsetzen über menschliche Grausamkeit in so einer Situation ist ein gefährliches Gemisch. Es gab einige Male, wo auch ich als von Grund auf friedlicher Mensch aus sich überflutenden Extremsituationen heraus dazu im Stande gewesen wäre, mehr als „nur“ eine einfache Körperverletzung zu begehen. Ich habe es nicht getan, weil ich in diesen Momenten immer daran gedacht habe, was passiert, wenn ich irgendwann aus diesem Höllenleben raus komme. Komme ich überhaupt raus, wenn ich eine Straftat begangen habe? Soll ich vom Bordell in den Knast wandern? Ist das ein Rauskommen? Bei allem Übel habe ich immer versucht meine Nerven zu bewahren – es hat funktioniert, aber das war nicht leicht. Auch mit 6 Flaschen Sekt und im halben Delirium sind manche Freier nicht zu ertragen.

Ich weiß daher, wie es ist, sich in einer Extremsituation zu befinden, der viele weitere Extremsituationen vorausgegangen sind, und plötzlich aus Schutzgründen heraus zu Dingen fähig zu sein, von denen man dachte, dass man sie niemals tun könnte. Dass man, um dem Opferstatus zu entkommen, leichter ein Straftäter, eine Straftäterin, werden kann, als man sich das je hätte vorstellen können – was nicht bedeutet, dass es eine Straftat rechtfertigen würde, es erklärt lediglich, wie „leicht“ es dazu kommen kann.

Ein Mensch, welcher noch nicht in derartigen Extremsituationen war, kann so etwas nicht beurteilen. Bei allem Respekt – aber er kann nie von vornherein sagen, er würde dies und jenes nicht tun, weil es unmenschlich ist, weil es gegen seine Werte spricht. Das habe ich auch gesagt, bis ich mich zum Beispiel in oben beschriebener Situation mit dem Freier befand, in der ich darüber nachdachte das nächstgelegene Messer zu ergreifen und dabei vor meinen eigenen Gedanken Angst bekam. Nicht nur Angst vor der Situation, sondern Angst vor dem, wie diese Situation meine allgemeinen Handlungsgrundsätze und Werte in Frage stellte, wie diese Situation mich zu einem Monster mutieren lassen wollte, obwohl ich keines bin. Ich wusste immer weniger, wer ich eigentlich war.

Man lernt in der Prostitution jeden Tag seine eigenen Grenzen zu überschreiten, überschreiten zu müssen. Menschen an sich nah herantreten lassen zu müssen, sie in den intimsten Sphären seines Selbst zu akzeptieren, ihnen die sensibelsten Bereiche zur Verfügung zu stellen, welche eigentlich nur durch Liebe oder Lust zugänglich sind. Die problematische Grenzüberschreitung ist hier nicht hauptsächlich die physische Nacktheit, sondern mehr die seelische. Alles in einem sträubt sich, aber man „bedient“ den Freier trotzdem. Man überschreitet Grenzen, weil man keine andere Möglichkeit sieht. Manche Prostituierte überschreiten dann irgendwann auch die Grenzen anderer und ticken völlig aus, weil sie es bei sich selbst gelernt haben, keine Hemmung bei der Grenzüberschreitung zu haben.

Was, wenn eine Prostituierte in meiner obigen Situation mit dem Freier überhaupt nicht mehr darüber nachdenkt, was sein könnte, wenn sie es aus diesem Leben heraus schafft, weil sie die Hoffnung bereits gänzlich verloren hat?

Die Schwelle zu einer Straftat ist ab einem gewissen Zeitpunkt im Rotlichtmilieu sehr leicht zu überschreiten. Und dann begeht ein Mensch eine Tat, weil ein anderer Mensch dachte, dass er das Recht dazu habe, diesen Menschen für seine sexuellen Zwecke zu benutzen. Allerdings nicht nur das. Generell entwickeln sich Grenzüberschreitungen im Milieu zur Normalität, bei jedem und in jeglicher Hinsicht.

Eine junge Prostituierte, welche kokainabhängig war und von ihrem Zuhälter unter Druck gesetzt und geschlagen wurde, hat einer Kollegin von mir mit ihren High-Heels fast ein Auge ausgestochen. Diese war lange Zeit auf dem Auge wie blind. Dieser jungen Prostituierten jedenfalls, welche die Tat ausführte, wurde der Schmerz mit den Freiern, der Stress mit ihrem Zuhälter und ihr Versuch der Kompensation von allem mit Kokain und Alkohol zu viel. Sie tat in einer dieser Extremsituationen etwas, zu dem auch sie eigentlich nicht fähig war, denn sie war ohne Koks und ohne andere Einflüsse das typische nette Nachbarsmädchen von nebenan, welches nur leider unvorstellbare Ausmaße an Gewalt erlebt hat. Explodiert ist sie dann allerdings gegenüber einer Person, welche ihr nichts angetan hatte. Sie gab die Gewalt, welche ihr zugefügt wurde, weiter. Sie war ihrem Leben, den Freiern und ihrem Zuhälter unterlegen. Sie wollte sich in gewisser Art und Weise mit dieser Handlung sicher auch überlegen fühlen, dem Opferstatus entfliehen – wurde selbst Täterin.

Man kann sagen, sie hätte sich im Griff haben müssen. Ja, das hätte sie. Sie hätte auch ihren Zuhälter in den Wind schießen und sie hätte aufhören können Kokain zu schnupfen… Hätte, hätte, hätte ist so unglaublich einfach gesagt, wenn man sich ihre Situation nicht mal annähernd vorstellen kann, sich nicht hineinfühlen kann in ihre Sucht, in ihre Angst, in ihr Leben als Prostituierte. Sie saß nicht nur einmal als Angeklagte vor Gericht (und sie war damals erst ca. 21 Jahre alt), sondern mehrere Male. Dennoch war sie vom Herzen her keine Täterin, sondern ein Opfer extremer Ausbeutung, ein Opfer schwerwiegender körperlicher und sexueller Gewalt, welches dringend Hilfe gebraucht hätte. Ich müsste sie hier nicht in Schutz nehmen, wir waren nicht befreundet und sie ging mich körperlich auch an. Heute weiß ich aber, warum sie so war, weil mir auch klar ist, warum ich so weit entfernt war von meinem wirklichen Selbst. Ich weiß, dass sie sich verloren hatte und dass sie eigentlich ein herzensguter Mensch ist, was immer dann zu Tage kam, wenn wir mal allein waren und sie keinen Trip oder Entzugserscheinungen hatte. Sie bitterlich weinte. Ihre Tat ist klar nicht zu entschuldigen, aber trotzdem hätte man ihr auch Hilfe anbieten müssen. Den Weg aus dem Milieu hinaus ist sie letztlich auch gegangen und arbeitet heute in einem normalen Job und ist wieder sie selbst. Diese Frau kann froh sein, dass sie es von ihrem Zuhälter weg geschafft hat, denn ob sie sonst noch Leben würde ist ungewiss. Ihr Zuhälter sitzt nämlich im Gefängnis, weil er seine „Neue“ umgebracht hat.

Warum ich das alles erzähle ist, damit klar wird, in welchen Kreisen man sich da bewegt. Wie äußere Einflüsse von extremer Natur Menschen zu etwas verändern können, was sie in ihrem tiefsten Inneren eigentlich gar nicht sind. Und diese Dinge, welche ich hier beschreibe, kommen nicht nur einmal vor. Was Menschen im Rotlichtmilieu wirklich vom Wesen her verändert sind keine gelegentlichen Extremsituationen, sondern die dauerhafte Beschallung mit Extremsituationen und zwar jeden Tag. Es ist ein einziger Kampf. Grenzen gibt es solange, solange man sein Selbst noch nicht verloren hat – danach hat man sich in die Schlange der Untoten eingereiht, welche immer weniger Emotionen und Empathie zu Tage bringen können. Es macht das Leben für sie einfacher. Sie können skrupelloser werden ohne Mitleid zu haben, was ihnen ihr Überleben sichert.

Damals jedenfalls, als ich seit Jahren jeden Tag mit Freiern zu kämpfen hatte, nicht nur einer Extremsituation, sondern täglich mehrfachen ausgesetzt war, habe ich mich auch gefragt, wie es wohl wäre als Bordellbetreiberin auf der anderen Seite zu sitzen und dem ganzen Horrorkabinett nur zusehen zu müssen anstatt selbst daran teilnehmen zu müssen.

Ich wäre letztlich zum damaligen Zeitpunkt nicht fähig gewesen, eine Bordellbetreiberin und Zuhälterin zu sein. Dafür war NOCH zu viel Menschlichkeit in mir. Heute wäre ich allerdings auch nicht mehr fähig eine Prostituierte zu sein, doch Fakt ist: damals war ich eine. Wozu wäre ich also vielleicht im Laufe der Zeit noch fähig gewesen, wäre ich nicht aus der Prostitution rausgekommen?

Die Tschechin war als Prostituierte auch jahrelang täglichen Extremsituationen ausgesetzt. Sie war älter und länger dabei als ich, die Co-Chefin auch. Sie versuchte vor dieser Gewalt der Freier zu fliehen, indem sie anfing die Seiten zu wechseln. Zunächst in Richtung Bar und „Rezeption“, irgendwann vielleicht wie die Co-Chefin weiter in Richtung Bordellbetreibende.

Warum nicht anstatt auf diese Seite zu wechseln in ein normales Leben kommen? Doch wie soll man in ein normales Leben finden können, wenn man nichts anderes kennt, nicht weiß, wie man aus all dem ausbrechen kann? Schließlich wäre man ja sonst schon als Prostituierte ausgebrochen. Leider ist der Weg in ein normales Leben so schwierig und ungewiss, dass man ihn, wenn man andere „Sicherheiten“ angeboten bekommt, nicht einfach so geht. Für mich als Deutsche war es damals extrem schwierig aus der Prostitution raus zu kommen. Eigentlich fast nicht machbar. Und ich war jung. Konnte kommunizieren, mich artikulieren. Doch auch ich verließ das Milieu in der Ungewissheit, dass ich nicht wusste, wie und ob es danach überhaupt weitergeht. Ich war isoliert, allein, ohne jegliche Mittel. Wie sollen ausländische Menschen diesen Schritt ins Nichts wagen? Und ich meine ins Nichts. Der Ausstieg aus der Prostitution ist als ob man von dem Mars auf der Erde ankommen würde, wobei die Prostituierte der Marsmensch ist, welcher nicht zu den Erdlingen gehört und völlig fremd ist, sich fremd verhält, weil er das Leben auf der Erde nicht kennt, von der Art her anderen gegenüber fremd erscheint, begutachtet wird, verurteilt wird, oft nicht angenommen wird.

Und wo sind hier die Ausstiegshilfen? Auch staatliche Ausstiegshilfen? Solche wären EXTREM wichtig und sind unbedingt NÖTIG. Ich verstehe nicht, warum es so etwas nicht gibt. Man möchte die Prostitution eindämmen und gibt den Menschen keine Möglichkeit, das Milieu zu verlassen. Das widerspricht sich doch im Kern, denn die meisten können es nicht von allein verlassen! Es braucht WIRKLICHE Möglichkeiten. Ein Beratungsgespräch und Informationen zum Ausstieg sind sinnlos. Es muss praktisch mitgeholfen werden. Finanziell. Es braucht Jobangebote für Prostituierte, die das Gewerbe verlassen wollen. Es braucht Bildung, Sprachunterricht, Unterkünfte… kostet alles Geld? Vieles in unserem Staat kostet Geld, doch das hier ist etwas Essentielles, Wichtiges! Es geht hier um Menschenrechte, es geht darum, dass Menschen in Würde leben können. Das ist uns doch bei Flüchtlingen auch so wichtig, warum nicht bei Prostituierten? Warum nicht für sie Integrationsprogamme schaffen? Denn auch sie sind NICHT in die Gesellschaft integriert. Sie sind Außgestoßene und müssen den Weg (zurück) in unsere Gesellschaft erstmal finden!

So kommt es, dass einige Prostituierte zu Bordellbetreiberinnen, zu Zuhälterinnen, werden und aufgrund ihrer automatisch entwickelten Abgestumpftheit auch teilweise keine großen Emotionen mehr für die „arbeitenden“ Frauen aufbringen können, schließlich „mussten sie es selbst früher auch machen“. Vielleicht gibt es bei männlichen Prostituierten auch so einen „Weg“, da ich allerdings nur vereinzelt und sehr selten männliche Prostituierte getroffen habe, kann ich darüber nichts sagen. Im Gegensatz dazu habe ich in meinen 6 Jahren Vollzeit-Milieu-Aufenthalt viel mehr, sehr viel mehr, Zuhälter als Zuhälterinnen gesehen. Zuhälterinnen habe ich als Bordellbetreiberinnen kennengelernt, während ich Zuhälter als Bordellbetreiber und noch dazu aber auch als solche kennengelernt habe, welche „ihre Frauen“ in die verschiedensten Clubs bringen um ihnen das komplette, dort verdiente, Geld aus der Tasche zu ziehen.

Ich kann verstehen, wenn es Außenstehenden schwer fällt sich vorzustellen wie so ein oben beschriebener Weg zur Bordellbetreiberin, zum Zuhälterinnen-Dasein, manchmal vonstattengehen kann. Hätte ich selbst nicht erlebt, wohin Extremsituationen Frauen in der Prostitution führen können, könnte ich mir das sicher selbst nicht so richtig vorstellen. Da ich aber weiß, wo auch ich als friedlicher Mensch in Gedanken mehrere Male war und die Umsetzung nur deshalb nicht stattgefunden hat, weil ich meinen Glauben an eine andere Zukunft aus welchen Gründen auch immer nie verloren habe, fällt es mir leichter gewisse Verhaltensweisen nachzuvollziehen.

Wie kann man versuchen diesem paradoxen Zyklus entgegenzuwirken?

Wie erreicht man solche Menschen überhaupt, wenn sie bereits ihre Persönlichkeit und ihr eigenes Ich im hohen Maß aufgegeben haben? Kann man sie überhaupt erreichen?

Schwierige Fragen. Was ich meiner Erfahrung nach sagen kann ist, dass je mehr sie in das Rotlichtmilieu integriert werden und hineinwachsen, so wie die Tschechin damals, die Co-Chefin oder teilweise auch ich, je weiter sie in Richtung Bordellbetreibende wandern, desto schwieriger wird es, sie in ein anderes Leben zu holen und sie an dem Schritt „vom-Opfer-zum-Täter“ zu hindern. Ab einem gewissen Stadium scheitert wahrscheinlich leider jede Überzeugungskunst, weil sie sich komplett mit diesem Leben „identifiziert“ haben. Deswegen sollte man versuchen schon vorher etwas zu tun!

Es braucht wirkliche und ehrliche Alternativen für Prostituierte, so dass sie überhaupt nicht erst auf die Idee kommen müssen dem Opferstatus nur dadurch entfliehen zu können indem sie Täterinnen werden. Sie müssen die Möglichkeit bekommen, dass sie auch anders ihre Lage verlassen können. Wichtig sind Ausstiegshilfen, Integrationsprogramme. Enorm bedeutend ist in meinen Augen die aufsuchende Arbeit, aber nicht mit Laien, sondern mit ausgebildeten Fachleuten und SprachmittlerInnen. Zudem braucht es mehr TherapeutInnen, die sich auf dieses Gebiet spezialisieren. Die meisten haben leider keine Ahnung, wie sie richtig mit Prostituierten umgehen sollen, weil sie auch größtenteils nicht wissen, was die Psychotraumatologie über Menschen, welche sich prostituieren, in Erfahrung gebracht hat. Jeder, der Prostituierten als PsychotherapeutIn vorhat zu helfen, muss das aber wissen, es ist unabdinglich! Wenn jemand aus der Prostitution auf eine Therapeutin, auf einen Therapeuten, trifft, die eigentlich keine Erfahrung damit haben, die Hintergründe und die Mechanismen nicht verstehen, dann kann das schlimmer sein als hätte sie niemanden aufgesucht.

Es wäre ein wichtiger Schritt, sich noch viel mehr darum zu bemühen, manchen Menschen aufzuzeigen, dass es eine andere Normalität gibt, welche sich lohnt und erstrebenswert ist, mit Hilfe vor allem auch erreichbar ist; aber dieser Schritt ist immer auch eine anstrengende und enttäuschende Aufgabe, weil sicher einige trotzdem den falschen Weg beibehalten werden.

Letztlich kann ich nur von mir selbst sprechen und als ich damals aussteigen wollte, wäre ich um jede Hilfe so unglaublich dankbar gewesen, aber es war keine da. Eine Beratungsstelle, die einem ein Prospekt in die Hand drückt, ist keine Hilfe um aus so einem Höllenleben zu entkommen, sie ist ein schlechter Witz, mehr nicht. Im Übrigen war ich nicht mal bei einer Beratungsstelle, diese Info habe ich von anderen. Halt, doch. Nach meinem Ausstieg war ich bei einer – sie suchten jemanden, der über seine Erfahrungen spricht. Ich fuhr dorthin und sprach über alles, was ich erlebt habe. Eine Frau schaute mich nur ganz mitleidig an während die andere auf meine Aussage, dass ich nie eine gute Prostitution gesehen habe, erwiderte, dass sie auch viele Prostituierte betreuen, welche sehr gerne in diesem Bereich „arbeiten“ und sie mir das nicht so recht glauben könne.

Genau… diese Frau hat leider das System nicht verstanden und arbeitet in einer Beratungsagentur.

Wäre ich dort damals als Prostituierte hingegangen und sie hätte mir als studierte Frau erzählt, dass Prostitution doch in ihrem Kern oft gar nicht so schlecht ist, dann hätte ich erstmal darüber nachgedacht, ob es denn wirklich so schlimm sein kann, diese sexuelle Gewalt, die ich da jeden Tag erlebe. Ich hätte in Frage gestellt, ob es überhaupt Gewalt ist und ich hätte mich nach ihrer Aussage schlecht und schäbig gefühlt, mich geschämt, weil sie damit mir und den anderen Frauen diese grausamen Erlebnisse, die wir jeden Tag ausgehalten haben, auf gewisse Weise abgesprochen hat. Ich kann heute nur noch mit dem Kopf darüber schütteln.

Ich habe den Ausstieg trotz allem geschafft, doch ich weiß nicht, wo ich heute stehen würde, auf welcher Seite, hätte ich es nicht geschafft. Hätte ich irgendwann meine Menschlichkeit, mein Selbst, in dem Ausmaß verloren, dass auch ich zu einem Monster, einer Bordellbetreiberin, einer Zuhälterin, mutiert wäre um der Gewalt der Freier zu entkommen? Und jeder der mich kennt, würde mich wegen dieser Frage auslachen, weil ich keiner Fliege etwas zu leide tun geschweige denn jemanden ausnutzen kann. Ich fühle mich schon schlecht, wenn mir jemand 5 Euro leiht. Nie könnte ich Geld von jemandem nehmen, der täglich von Freiern malträtiert wird, weil ich weiß, wie verletzend und zerstörend es ist; keine 50%, keine 30%, nicht mal 1 Cent würde ich nehmen. Jetzt habe ich ein geregeltes Leben, wo ich nicht mehr tagtäglich (sexueller) Gewalt ausgesetzt bin, wo ich nicht mehr täglich ums Überleben kämpfen muss. Doch wozu wäre ich damals vielleicht noch fähig geworden außer mich zu prostituieren, wozu wäre ich vielleicht heute fähig, wenn ich nicht aus diesem Leben rausgekommen wäre? Die ehrliche Wahrheit ist, ich weiß nicht, wo und auf welcher Seite ich stehen würde, und ich bin glücklich darüber, dass ich es nicht herausfinden musste und dass ich trotz aller erlebter Gewalt niemals selbst jemandem Gewalt angetan habe, niemals mitverantwortlich für die Gewalt an jemandem war, obwohl der Schritt dahin wie oben erläutert kein undenkbarer und vor allem mit der Zeit und der weiteren Entmenschlichung immer leichterer gewesen wäre.

Mehr Ausstiegshilfen für Prostituierte, auch von staatlicher Seite mit ausreichenden finanziellen Mitteln, die wirklich funktionieren, würden neben einem Leben in Würde, welches viel mehr Prostituierten endlich möglich wäre, zumindest in gewissen Milieu-Kreisen auch den Zuhälterinnen-Nachwuchs eindämmen – denn dieses Phänomen „des-Seiten-wechselns“ von der Prostituierten zur Zuhälterin habe ich nicht nur in dem oben erwähnten Club gesehen.

Abschließend möchte ich noch einen generellen, sehr wichtigen Punkt aufwerfen:

Menschen im Milieu haben durchdachte Konzepte, wie sie Prostituierte an sich binden. Nur ein Beispiel ist dieses „Familienkonzept“ wie ich es oben dargestellt habe. Es mag sich vielleicht komisch anhören, aber das Rotlichtmilieu zu bekämpfen ist mitunter auch ein enormer strategischer Kampf, weil es sich zum großen Teil durch Berechnung und Strategie am Leben hält. Es ist wie ein Schachspiel – um zu gewinnen muss man mehrere Schritte vorausdenken um den anderen Schachmatt setzen zu können. Deshalb ist auch die vermehrte Ausbildung von Fachleuten wichtig, welche lernen das Spiel zu beherrschen und somit den Prostituierten besser helfen zu können.

Als ich damals zu meinem Zuhälter gezogen bin, standen bald darauf 2 Polizisten vor der Türe, weil sie einen anonymen Hinweis bekommen hatten, dass mich jemand in die Prostitution gebracht hatte. Ich war nicht in der Lage, ihnen zu erzählen, in welchem Strudel ich mich befand, ich realisierte am Anfang selbst nicht wirklich, was da überhaupt in meinem Leben passierte – und sie durchschauten das Spiel nicht, kannten die Strategie nicht, blieben nicht dran. Sie konnten nichts dafür, denn sie wussten es nicht besser, kannten sich in diesem Bereich nicht tiefergehend aus. Ich verhielt mich bei der Befragung als ob alles in Ordnung wäre. Das ist auch ein großes Problem – viele Prostituierte verhalten sich unauffällig. Es ist ein Teil des Spiels, welches sie mitspielen (müssen). Und es gibt noch so viele weitere Teile…

Kennen nun die Menschen, welche helfen möchten, allerdings diese Teile, dann können sie jemandem, welcher in der Prostitution gefangen ist, viel besser zu Hilfe kommen, weil sie verstehen was vor sich geht, und ihm vielleicht sogar das Leben retten.

Mein Zuhälter war nicht nur ein Zuhälter, sondern in früheren Zeiten unter anderem ein Legionär. Ein Stratege. Er erwähnte einmal dieses Buch von Sun Tzu, „die Kunst des Krieges“ – ein uralter Ratgeber über Kriegsführung mit allerlei Taktik, Strategie und Planung. Ich habe es mir damals gekauft und gelesen. Mancher fragt sich jetzt, was hat so ein Militärstrategiebuch mit dem Rotlichtmilieu zu tun? Sehr viel. Das Milieu ist vergleichbar mit einem Kriegsschauplatz, viele Dinge aus diesem Buch, strategische, psychologische Aspekte, sind in abgewandelter Form auf das Milieu umsetzbar, sind in anderer Form auf den normalen Alltag mit Menschen übertragbar.

Vorhin habe ich im Internet gesucht, ob irgendwelche niedergeschriebenen Zusammenhänge von Fachleuten zwischen dieser in Sun Tzu‘s beschriebener „Kriegskunst“ und dem menschlichen Umgang miteinander auch außerhalb des Krieges existieren und tatsächlich bin ich fündig geworden. Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich habe ein Buch über seelische Gewalt von einer Psychotherapeutin gefunden.

Ihr Name ist Marie-France Hirigoyen (sie studierte Medizin und Viktimologie in Frankreich und den USA und praktiziert als Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris) und sie „bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, einem Buch über seelische Gewalt im Alltag, einige Male explizit auf Sunzi (Sun Tzu), indem sie seine Strategien über die Kriegskunst auch auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen anwendet. So schreibt Sunzi: „Jede Kriegsführung beruht auf Täuschung. Wenn wir also fähig sind, anzugreifen, müssen wir unfähig erscheinen […]; wenn wir nahe sind, müssen wir den Feind glauben machen, dass wir weit entfernt sind, wenn wir weit entfernt sind, müssen wir ihn glauben machen, dass wir nahe sind.“ Dieselbe Strategie wendet demnach eine Person an, wenn sie ihr Opfer psychisch destabilisieren möchte.“ (Quelle 1: dtv – Studium und Beruf von Hirigoyen ; Quelle 2: Die Kunst des Krieges – unter „Nachwirkung und Aktualität“).

Ich habe vorher aus Neugierde gegoogelt und hätte wirklich nicht gedacht, dass sich jemand mit diesem alten Werk von Sun Tzu beschäftigt hat. Ich kann gar nicht beschreiben wie gut es tat herauszufinden, dass ich nicht allein bin mit meinen Ansichten, dass das, was ich über dieses Kriegsstrategiebuch und seinen Zusammenhang mit psychischer Gewalt auch außerhalb eines Krieges dachte, nicht weit hergeholt, sondern von einer Fachfrau sogar bereits niedergeschrieben wurde. Das brachte mich gerade dazu, mal ganz tief durchzuatmen. Ich habe mir das Buch im Internet bestellt und bin sehr gespannt es zu lesen, bin gespannt, was diese Frau zu sagen hat. Vor allem ihre Zusammenhänge bezüglich seelischer Gewalt und Sun Tzu’s Buch „Die Kunst des Krieges“ interessieren mich doch sehr, nachdem mein Zuhälter dieses Buch damals hochgepriesen und ich es irgendwann später gelesen hatte, mir aber erst nach Jahren einige Zusammenhänge klar wurden – und wer weiß, vielleicht werden mir mit dem jetzt bestellten Buch noch mehr davon klar.

Nicht alle, aber viele Leute im Milieu sind ähnliche StrategInnen und beherrschen die „Kunst“ der Kriegsführung im übertragenen Sinne, jeder in seiner Art und Weise.

Deshalb sind mehr „SchachspielerInnen“ im Kampf gegen das Rotlichtmilieu wichtig, welche die anderen mit deren eigener Strategie schlagen können.

Sun Tzu sagte:

All war is deception.

Zu deutsch: Jeder Krieg besteht aus Täuschungen.

Wenn jemand nach diesem Motto, dass jeder Krieg aus Täuschungen besteht, Krieg führt, dann muss man diesem Jemand im Täuschen überlegen sein um zu gewinnen.

 

Warum Aufklärung so wichtig ist

 

Sehr oft sind junge Menschen besonders gefährdet, wenn es darum geht, in die Prostitution abzurutschen. Häufig sind es junge Frauen, die ihre erste Liebe in einem Zuhälter finden – so wie ich es auch tat – und dieser sie dann in die Prostitution führt.

Und hier stellen sich für diese (manchmal nicht nur) jungen Menschen Fragen: wie weit sollte man für Liebe gehen? Was muss man für Liebe opfern? Ist es normal, für die (gedachte) Liebe seines Lebens alles in seiner Macht Stehende zu tun, weil es sonst ein Verrat an dieser Liebe wäre? Und was passiert, wenn Menschen einem glaubhaft machen möchten, dass es normal ist, sich für die Liebe zu ihnen aufzuopfern – es sei schließlich normal Menschen zu helfen, die in Not sind und die man liebt – gehört das zur Liebe dazu?

Wo lernen vor allem junge Menschen diesbezüglich die Grenzen kennen, wenn sie keine Vorbilder haben? Wie weit kann man gehen? Wie weit sollte man für Liebe gehen?

„Es ist doch selbstverständlich, wo die Grenzen liegen und was man für Liebe sicher nicht tut!?“ – Nein, es ist eben nicht selbstverständlich.

Wer sich nicht in einer Umgebung aufhält, die es einem vorlebt – woher soll man es denn wissen?

Und wo im Alltag lernen diese jungen Menschen mit der Thematik umzugehen?

In der Schule? Wahrscheinlich leider eher nicht.

Es ist ein Thema, was mich beschäftigt.

Nicht nur wegen meiner eigenen Geschichte, sondern weil ich es im Alltag erlebe. Ein junges Mädchen, welchem ich in der Schule helfe, kam letztens auf mich zu und sagte mir, ihr Freund wolle einen Schritt weiter gehen (= er wollte Geschlechtsverkehr) und als sie gesagt habe, dass sie dazu nicht bereit sei, habe er sich nicht mehr gemeldet und sie noch beschimpft als sie nachhakte, was sie falsch gemacht hätte. Sie fragte mich daraufhin, ob sie es tun müsse. Ob sie diesen Schritt, den er verlange, gehen müsse. Ob es NORMAL SEI, dass man sowas tut. Dem anderen zuliebe. Sie dachte, dass sie etwas falsch gemacht hätte, indem sie ihm mitteilte: Nein, ich bin noch nicht soweit.

Natürlich habe ich ihr gesagt, dass sie das nicht tun muss und genau richtig reagiert hat. Was nun, wenn sie jemanden gefragt hätte, der sie nicht in ihrer Absage unterstützt sondern Verständnis für den Jungen geäußert hätte? Was, wenn sie mehrere Menschen getroffen hätte, die Verständnis für den Wunsch des Jungen aufgebracht hätten? So wie ich es von vielen Jugendlichen in Bezug auf dieses Thema her kenne, weil ihnen selbst vermittelt worden ist, dass es normal sei. Wäre sie labil gewesen, hätte sie vielleicht mit dem Jungen geschlafen, weil sie gedacht hätte, dass ihr Wille, es noch nicht tun zu wollen, nicht normal sei. Wäre es dann für sie Alltag geworden gegen ihren eigentlichen Willen mit diesem Jungen Geschlechtsverkehr zu haben? Und wie weit ist das entfernt davon auch andere Dinge gegen seinen eigentlichen Willen zu tun, zum Beispiel sich zu prostituieren, weil einem eingetrichtert wird, dass es normal sei das für Menschen zu tun, die man liebt, die in Geldnot sind?

Es ist überhaupt nicht weit voneinander entfernt – sondern eine gefährlich nahe Parallele.

Nachdem ich einige Zeit lang meinen damaligen Zuhälter im Internet als „normalen“, soliden Mann kennen– und liebenlernte, er zu meiner einzigen Bezugsperson geworden war, fing er irgendwann an mir langsam zu vermitteln, dass es normal sei sich zu prostituieren. Je mehr ich mich verliebte, desto mehr Druck übte er aus. Ich hatte auch mein erstes Mal mit ihm. Nachdem ich in den Schulferien in einem Flat-Rate-Club, den er vermittelte, angeschafft und ihm das ganze Geld gegeben hatte (50% geschuldet, 50% freiwillig für das Abbezahlen seiner Schulden), konnte er sich relativ sicher sein, dass ich ein guter Fang war. Ich hatte große Probleme zuhause, von denen er wusste. Ich zog zu ihm (und übrigens auch seinen 2 weiteren Frauen) in der Absicht von zuhause endlich wegzukommen, in dem Glauben, dass er mich liebte, allerdings dachte ich nicht daran, dass das Ganze mit der Prostitution dann in dem Ausmaß ausarten würde – dass ich nur noch anschaffen ging für ihn und seine Schulden. Das hatte ich nicht im Blick, aber es entwickelte sich so. Die Schule brach ich ab, weil ich dieses Doppelleben nicht führen konnte. Und dann fing alles so richtig an.

Tag für Tag, Nacht für Nacht in irgendeinem Bordell zu stehen, meinen Körper zu verkaufen um ihn aus seiner finanziellen Lage zu „retten“.

Ich hatte kein Leben, ich lebte nur dafür Geld für ihn ranzuschaffen – es wurde Normalität. Ohne physischen Zwang – es stand psychischer Druck hinter der Sache. Angst. Nach dem Schulabbruch auch große Ausweglosigkeit. Für mich war es eine alternativlose Lage. Ich lebte in dem Glauben, irgendwann würde alles gut werden, ich wurde in diesem Glauben gehalten, doch seine Schulden nahmen kein Ende. Es wurde nicht gut, es wurde schlimmer. War das eine Problem und die eine Rechnung weg, kam das Nächste. Seine anderen beiden Frauen konnten nicht (mehr) arbeiten. Dieses Zusammenleben war zudem eine große Katastrophe… was auch der Grund dafür war, dass ich irgendwann nur noch im Club geschlafen und gewohnt habe. Da hatte ich wenigstens nach der „Arbeit“ meine Ruhe. Je mehr ich in dieses Leben „Rotlichtmilieu“ reinschlitterte, desto mehr Milieu-Kriminalität bekam ich mit – und desto problemloser „funktionierte“ ich, weil ich mitbekam, was mit Prostituierten passieren kann, wenn sie gegen den Strom schwimmen. Oft erträgt man Dinge, weil man Angst davor hat, was passiert, wenn man sich anders verhält. Man wird unterdrückt, eingeschüchtert, macht weiter, schweigt…

Und unabhängig davon weiß ich heute natürlich, dass es nicht normal ist sich für jemanden, den man liebt, anzufangen zu prostituieren – auch nicht, wenn dieser jemand vorgibt in einer Notlage zu sein. Nichts kann es rechtfertigen, dass man sich selbst für einen anderen Menschen so zerstören muss.

Heute frage ich mich, wie völlig realitätsfremd und wahrnehmungslos ich damals war. Doch als ich ihn kennenlernte gab er mir alles, wonach ich mich sehnte, was ich zuhause vermisste. Vor allem Liebe – aber es war gespielte Liebe. Erst als er mich um den Finger gewickelt hatte und ich ihm sicher war (nach dem Umzug zu ihm), ließ seine Zuneigung drastisch nach. Plötzlich war ich nicht mehr seine Prinzessin, plötzlich sagte er nicht mehr, dass er mich liebt und verhielt sich auch nicht mehr so.

Es war mir lange nicht möglich mich aus diesem Leben zu befreien. Ich hatte anfangs nicht realisiert, was da eigentlich passierte. Es war alles so komplett unwirklich. Und als ich es dann tat, war ich schon so tief in diese ganzen Sachen verstrickt, dass ich mir völlig hilflos vorkam. Als ich komplett in diesem Leben war, nach dem Umzug zu ihm, hatte ich auch Angst, empfand große Unsicherheit, kam mit Milieu-Kriminalität in Berührung. Ich war gefangen in diesem Leben. Wohin sollte ich? Zurück an den Ort vor dem ich geflohen war? Diese ersten Male in dem Flat-Rate-Club mit den vielen Männern haben auch etwas in mir ausgelöst, weswegen ich psychisch nicht in das andere Leben zurückkonnte. Ich war da in etwas reingeraten, was ich bisher nur aus schlechten Filmen kannte – mit dem Unterschied, dass es real war. Wenn man beginnt als Prostituierte zu „arbeiten“ hat man bereits wenig Selbstwert, in der Prostitution verliert man seinen Selbstwert ganz – man wird von Freiern gedemütigt, erniedrigt, benutzt und als Fußabtreter behandelt. Man fühlt sich immer wertloser, man glaubt immer weniger daran ein Leben und Hilfe zu verdienen, weil man nur etwas ist, was am allerletzten Rand der Gesellschaft steht. Einen Ausweg aus dieser Situation, so wie ich sie vor mir hatte, sah ich nicht. Ich war bereits isoliert von jeglichem Kontakt außerhalb, es war ein surreales Leben.

Und ich bin mir sicher, dass es da draußen viele (junge) Menschen gibt, die genauso instabil sind, gebrochen sind, niemanden zum Reden haben, allein sind, aus welchen Gründen auch immer, und die anfällig auf so eine Masche sind. Auf eine Masche, die einen in die Prostitution treibt. Nicht umsonst gibt es immer mehr von diesen „Loverboy-Fällen“.

Deshalb braucht es Aufklärung in dieser Hinsicht – und zwar in allen erdenklich möglichen Bereichen!

Früher hatte ich niemanden, der mir sagt, wie Liebe funktioniert, wie weit man für die Liebe zu einem Menschen gehen muss oder nicht. Ich hatte nur ihn, meinen Zuhälter, der mir sagte, für Liebe müsse man sich aufopfern. Wortwörtlich teilte er mir irgendwann mit, dass es normal sei, sich für jemanden kaputt zu machen, den man liebt – das hätten auch schon andere vor mir für ihn getan.

Das war der Zeitpunkt, wo ich angefangen habe mich aus diesem Lügensystem langsam zu lösen… was einfach klingt, es wie oben erwähnt aufgrund der weiteren Umstände aber leider nicht war.

Ich will nicht beurteilen, was andere Menschen darüber denken, aber ich persönlich würde niemals wollen, dass sich eine Person, die ich liebe, prostituiert (ich möchte auch nicht, dass sich überhaupt jemand prostituieren muss!). Niemals. Ich würde diesen Menschen, seine Nähe, seine Persönlichkeit, unter keinen Umständen teilen wollen. Und was noch wichtiger ist: ich möchte diesen Menschen nicht verletzen und auch nicht, dass er verletzt wird. Ich möchte, dass dieser Mensch glücklich ist und heil bleibt. Und ein Mensch in der Prostitution bleibt nicht heil, ist nicht glücklich, wird tagtäglich in seiner Seele verletzt. Ein Mensch wie mein Zuhälter einer war, der regelmäßig in den Club kommt und sein Geld abholt während er sieht, wie ich mit dem nächsten Freier auf Zimmer gehe, immer und immer wieder, liebt einen ganz klar nicht. Viele dieser Zuhälter sind auch schon so taub von ihren Gefühlen her, dass sie gar nicht mehr lieben können, weil das Leben im Milieu vorraussetzt, dass man nichts fühlt, dass man kein Mitleid hat, dass man skrupellos ist – sonst überlebt man nicht lange dort. Viele von ihnen können keine Empathie mehr in der Form empfinden, in der „normale“ Menschen es tun. Sie sind komplett abgestumpft. Das allerdings rechtfertigt nicht ihr Handeln, es erklärt nur teilweise, wie Menschen zu so etwas fähig sind.

Alle diese Dinge sind mir jedenfalls heute bewusst. Damals in der Prostitution war ich lange gefangen in einer großen Luftblase. Und ich hatte Angst mich aus ihr zu befreien und auf dem harten Boden der Tatsachen zu landen. Allein. Mit Nichts. Isoliert von jedem. Isoliert vom Leben. Isoliert von meinen Gefühlen. Ich dachte ich könne in meinem Leben sowieso nichts anderes mehr erreichen. Ich war eine Vollzeitprostituierte geworden, ich war Abschaum, ich war jemand unwürdiges. Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck und so ließ ich mich auch behandeln.

Als dieses Mädchen, von dem ich oben berichtet habe, mir die Geschichte mit dem Jungen erzählte, habe ich innerlich gekocht vor Wut, denn ich habe mich daran erinnert, was es für mich bedeutete und vor allem wo es endete, als ich damals von besagtem Mann vermittelt bekam, dass ich etwas tun sollte, was eigentlich gegen meine Gefühle, gegen meinen eigentlichen Willen sprach, aber eben als NORMAL verkauft wurde. Ich war aber nicht nur deshalb wütend, weil dieser Junge sich dem Mädchen gegenüber so verhielt, sondern auch deshalb, weil dieses Verhalten ja irgendwoher kommen muss.

Und es ist doch ganz ehrlich auch kein Wunder, dass heutzutage schon 14-Jährige und noch jüngere Jungs mit Frauen umgehen als wären sie dazu da um ihre Bedürfnisse zu befriedigen – denn wo lernen so junge Menschen das?

Genau. Im Fernsehen. In der Werbung. Auf Plakaten. In Pornos. Und vor allem durch die Liberalisierung von Prostitution und der in unserem Land vorherrschenden Normalität Sex kaufen und immer verfügbar haben zu können. Man(n) darf sich den Zugang zu Körpern, meist weiblichen, kaufen. Was ich im Alltag bemerkt habe ist, dass vor allem heranwachsende, männliche Jugendliche dieses Angebot des käuflichen Sex auf ihre Umgebung übertragen, d.h. wenn ein Mädchen/eine Frau diese „Dienstleistung“ nicht anbietet, ist sie trotzdem in deren Augen „etwas“, woran man sich „bedienen“ kann.

Quasi eine Generalisierung: wenn es in Deutschland so viele Prostituierte gibt, dann muss das wohl an der Natur der Frau liegen und deshalb auch jede nicht-Prostituierte auf irgendeine Art und Weise „so ticken“, was bedeutet, verfügbar zu sein.

Es ist traurig zu sehen und mitzuerleben, dass es so wenig Respekt vor dem Wesen „Frau“ gibt. Keine umfassende Achtung vor Mädchen/Frauen, sondern eine Betrachtung derer als Lustobjekt.

(Junge) Männer lernen nicht, eine Frau wirklich zu respektieren, solange sie durch die Stadt laufen und hinter Glasscheiben sitzende Prostituierte betrachten können in dem Wissen, dass diese jederzeit für sexuelle Dienste verfügbar sind. Wie eine Packung Zigaretten, die man sich einfach aus dem Regal nehmen kann, wenn einem danach ist. Sie lernen, dass eine Frau wie eine Ware gekauft werden darf. Das prägt sich doch enorm in ihr Gesamtbild von Frauen ein. Einen Mann habe ich persönlich noch nie hinter einer Scheibe sitzen sehen – und ich bin schon an etlichen vorbeigegangen (Ausnahmen gibt es bestimmt). Und weil ich gerade von Respekt sprach:

Viele Männer wissen überhaupt nicht, wie man mit Frauen respektvoll umgeht. Ich meine jetzt speziell den sexuellen Bereich. Respekt bedeutet nämlich in dieser Hinsicht auch, dass man sich mit den Bedürfnissen und dem Lustfaktor der Frau beschäftigt. Dass Freier das nicht tun, ist fast schon normal, aber ich kenne einige Frauen, die nie was mit der Prostitution zu tun hatten, und dasselbe Problem mit ihren Männern zuhause haben. Nämlich, dass diese sich oft gar nicht wirklich dafür interessieren wie weibliche Sexualität funktioniert, welche Stellen erogene Zonen sind und vor allem wie man diese Stellen RICHTIG berühren sollte – sie beschäftigen sich soviel mit ihren eigenen (Porno-) Bedürfnissen, dass sie oft nicht wissen wie man einer Frau wirklich einen Höhepunkt bescheren kann; sie wissen nicht, auf was es einer Frau in diesen intimen Momenten wirklich ankommt. Oder wollen sie es nicht wissen? Ich hörte dann immer in der Prostitution von Freiern: „Meine Frau zuhause hat keine Lust auf Sex, deshalb komme ich hier her.“ Dann würde ich mich doch vielleicht mal fragen, WARUM die Frau keine Lust hat. Wenn man in 20 Jahren Ehe nur ein paar Mal einen Höhepunkt erlebt, ist das doch verständlich. Wer will schon ohne Lust zu verspüren ständig Geschlechtsverkehr haben? Kein Mensch (dazu zählen übrigens auch Prostituierte, die dann trotzdem hinhalten)! Deshalb empfehle ich generell mal jedem männlichen Wesen: weibliche Sexualität (besser) (kennen)lernen! Und das lernt man auf GAR KEINEN FALL dadurch, dass man Pornos schaut!

(Junge) Männer müssen in unserer Gesellschaft (erneut) erlernen, was eine Frau, nicht ist: etwas, was man sich kaufen kann; etwas, was man sich kaufen sollte.

Ich wünsche mir sehr, dass es viel mehr Aufklärung in allen Bereichen gibt, die mit der Thematik „Prostitution“ verknüpft sind, um viele (junge) Menschen vor so einer Erfahrung wie ich und viele andere sie gemacht haben zu bewahren. Und auch um solchen Jungs wie dem Freund dieses Mädchens, von dem ich erzählte, die Chance zu geben zu begreifen, dass sie auf einem falschen Weg sind. Und zuletzt gehört es auch dazu zumindest zu versuchen Menschen durch Aufklärung davor zu bewahren erst überhaupt Täter zu werden. Wenn ich Möglichkeiten zu all dem habe, werde ich mich dafür aktiv einsetzen.

Es gibt so viele Schäden nach einem Leben in der Prostitution, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Man muss versuchen noch besser zu vermeiden, dass solche Schäden entstehen. Junge Menschen sollen die erste Liebe mit all ihren anderen Höhen und Tiefen erleben können. Sie sollen eine Kindheit, eine Jugend haben. Sie sollen nicht die Erfahrung machen müssen, gleich wie ein Objekt zwischen Männern hin – und hergeschoben und benutzt zu werden. Niemand sollte diese Erfahrung machen müssen! Und es sind leider nunmal meistens Männer, ohne dass ich hier jemanden diskriminieren möchte.

Jeder von uns kann irgendeinen Teil dazu beitragen, durch Aufklärung Besserung zu schaffen. Und wenn es nur ein kleiner Teil ist, ganz egal.

„Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun,

können sie das Gesicht der Welt verändern.“

…sagt ein afrikanisches Sprichwort.

 

Prostitution & Menschenhandel

 

Wo Prostitution ist, ist auch Menschenhandel (zum Zweck der sexuellen Ausbeutung) im Spiel – bei der großen Mehrheit.

Versteckt.

Hinter den Kulissen.

Für die meisten nicht sichtbar.

Doch er ist da.

Ich habe ihn gesehen.

Ich habe gehört.

Oft.

Ich weiß um ihn.

Immer mehr vertreten ist die sogenannte „Loverboy-Methode“, mit der auch ich Erfahrungen gemacht habe.

Ganz gefährlich.

Loverboys sind Männer, die gezielt nach Frauen suchen, vorwiegend nach jungen Mädchen, diesen dann Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten, wobei man über das Wort „ausbeuten“ im Sinne z.B. des § 232 Abs. 1 Nr. 1 bzw. Abs. 2 StGb und des § 181a Abs. 1 Nr. 1 StGb streiten kann. In dem Beitrag, den ich unten verlinkt habe, steht dazu noch, dass diese Loverboys zwischen 18 und 28 Jahren sind – nein, es sind Männer jeder Altersklasse.

Ich habe in meinen Beiträgen bis jetzt nie geschrieben, wie mein Weg in die Prostitution komplett verlaufen ist. Ich habe zwar darüber geschrieben, wie gebrochen meine Persönlichkeit zu diesem Zeitpunkt war als ich in die Prostitution eingetreten bin, aber nie darüber, wie ich dann letztlich überhaupt zu ihr, in das Rotlichtmilieu, kam.

Ich kam dazu durch diese „Loverboy-Methode“.

Diese Methode kann auf ganz unterschiedliche Weise funktionieren und stattfinden.

Wie zum Beispiel kann man u.a. hier nachlesen:

Im Visier haben Loverboys nicht nur junge Frauen und Minderjährige, die in materieller Not leben. Sie suchen vor allem nach Frauen mit geringem Selbstvertrauen, die leicht manipulierbar sind. Nach dem scheinbar spontanen Kennenlernen vor Schulen oder Freizeiteinrichtungen oder immer häufiger im Internet verstärken sie den Kontakt. Die Loverboys geben den späteren Opfern das Gefühl von Bestätigung, Anerkennung und Zuneigung. Verliebt sich eine Frau, schnappt die Falle zu. Der angebliche Freund missbraucht ihr Vertrauen, um sie von ihm abhängig zu machen – mit dem klaren Ziel, sie später sexuell und materiell auszunützen… Quelle

Der Loverboy drängt sich Schritt für Schritt zwischen das Mädchen und dessen soziales Umfeld. Die Bindung an ihn wird immer enger, während Freundschaften und Kontakte zur Familie nach und nach zerbrechen. Diese soziale Isolierung läuft so lange, bis das Mädchen das Gefühl hat, dass ihr neuer Freund der Einzige ist, der es versteht… Quelle

So wie in diesen Zeilen beschrieben lief es im Groben bei mir ab. Ich lernte ihn (ca. 20 Jahre älter als ich) im Internet als junges Mädchen kennen, unter anderem nach jahrelang andauernden familiären Problemen, einem Aufenthalt in der Klinik wegen Magersucht sowie nach selbstverletzendem Verhalten (er kannte diese Umstände), und wurde sein „Fang“. Er vermittelte mir Halt, sagte er würde mich lieben, wurde für mich zu meinem „Retter“, zu meinem Lebensmittelpunkt. Nach und nach kamen seine Schulden ins Spiel, seine darauf basierenden Probleme, usw…  Er wusste, welches Spiel er mit mir spielte. Er war ein „alter Hase“ in diesem Bereich, im Rotlichtmilieu, er war ein Altlude, was ich dann nach und nach rausfand. Ich wurde physisch nicht dazu gezwungen mich zu prostituieren – mein Weg in die Prostitution, mein Weg in das „Leben Rotlichtmilieu“, verlief über emotionale Abhängigkeit ihm gegenüber – er stellte meine einzige Bezugsperson dar -, der Ausübung von psychischem Druck auf mich und Angst.

Es war schwer aus diesem Teufelskreis auszubrechen, weil es verstanden wurde mich in der „Spur“ zu halten. Nach ein paar Jahren war ich irgendwann stärker, brach aus diesem System aus und wurde auch in Ruhe gelassen.

Über einen sehr langen Zeitraum hinweg habe ich alles Geld, was ich dort in der Prostitution verdiente, abgegeben. Alles. Die Loverboy-Methode ist aufgegangen.

Und schlussendlich ist es doch so, dass es nicht in Ordnung ist, einen Menschen, egal welchen Alters, überhaupt in die Prostitution zu treiben mit dem Ziel an Geld zu kommen. Denn wenn das erlaubt ist steht fest: jemand kann an einer Person Geld verdienen indem er sie dazu bringt sich zu prostituieren, was bedeutet sich (wissenschaftlich bestätigten) traumatischen Handlungen auszusetzen – wie kann es legitim sein, einen Menschen dazu zu bringen sich immer und immer wieder zu traumatisieren um von der Ausbeute davon zu profitieren? Es sollte nicht legitim sein, selbst wenn weniger als 50 % abgegeben werden müssen.

Und eines möchte ich noch sagen:

Wer Menschenhandel verurteilt und gleichzeitig die Prostitution unterstützt, in welcher Form auch immer, widerspricht sich selbst, denn der Menschenhandel ernährt sich von der Existenz der Prostitution und er ernährt sich noch mehr von der Legalität von Sexkauf, der den Menschenhändlern einen ausgezeichneten Nährboden für ihr kriminelles Treiben gibt. Denn um diese sehr hohe Nachfrage von käuflichem Sex (wie wir sie in Deutschland haben) zu stillen, braucht es ein sehr breit aufgestelltes Angebot.

Es wird immer gesagt man müsse differenzieren zwischen Prostitution und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung/Zuhälterei – leider habe ich in meinen 6 Jahren in der Prostitution gesehen, dass man größtenteils nicht differenzieren kann, weil es bei der großen Mehrheit fließende Übergänge sind.

Wer Prostitution unterstützt, lässt Menschenhandel zwangsläufig weiter gedeihen.

 

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„Mein Herz blutet wegen all der Opfer, die sich noch unter der Kontrolle von anderen befinden. Jetzt, wo wir die Wahrheit über Menschenhandel wissen, können wir ihm nicht den Rücken zudrehen und so tun als ob dieses Problem nicht existieren würde. Er ist wie Krebs, der sich jeden Tag weiter ausbreitet und mehr wird, und es liegt bei jedem von uns unseren Teil dazu beizutragen das Ganze zu beenden.“

– Nicole, eine Überlebende aus den USA –

 

Mehr zu A21 gibt es hier:

http://www.a21.org/