Erfahrungen

Warum Frauen ihre Ausbeutung verteidigen

 

Hände

Bild: Rosa Makstadt

Ein Text von Sandra Norak und Dr. Ingeborg Kraus, 01.12.2019

 

Es fällt uns auf, dass bei manchen Veranstaltungen zum Thema Prostitution und Nordisches Modell Profiteure des Systems auftauchen, dass u.a. ganz ungeniert Zuhälter und Bordellbetreiber auftreten und Zwischenrufe tätigen. Uns fällt auf, dass diese vermehrt mit Frauen auftauchen, die in ihren Etablissements als Prostituierte tätig waren und jetzt ebenfalls von der Prostitution anderer profitieren oder aber dass sie Frauen mitnehmen, die gerade noch in der Prostitution bei ihnen tätig sind. Der Verdacht liegt nahe, dass diese sich noch in der Prostitution befindenden Frauen als Schutzschild für die Zwecke der Profiteure missbraucht werden. Dieses Szenario ist uns sehr stark in einer Veranstaltung diese Woche in Karlsruhe aufgefallen und gab uns den Anlass zu diesem Text.

Es ist eindeutig, dass deren Ziel war, die Veranstaltung zu sprengen und das Nordische Modell ohne jegliche Argumentationskultur oder Diskussion dazu zu diskreditieren. Es schien, als hätten sich diese Menschen gezielt organisiert zu kommen, um die Veranstaltung zu sabotieren.

Ok, dass die Profiteure, wie Bordellbetreiber und Zuhälter, kommen und ihr Wirtschaftsmodell und das viele Geld, das sie damit verdienen, nicht verlieren wollen ist klar und erscheint nicht verwunderlich. Uns fällt allerdings auf, dass vermehrt auch Frauen mitgenommen werden, die noch in der Prostitution sind, um das System zu verteidigen.

Medien stürzen sich dann unreflektiert auf die Aussagen dieser Frauen, drucken es am nächsten Tag und verbreiten dadurch ein verzerrtes und unvollständiges Bild des Rotlichtmilieus. Das ist bedauerlich.

Ich (Sandra) habe mir die Frage gestellt, wie hätte ich damals reagiert, als ich noch in der Prostitution war, von einem Menschenhändler und Zuhälter ausgebeutet wurde, und von Leuten aus einem Bordell zu so einer Veranstaltung mitgenommen worden wäre. Wie hätte ich mich nach außen hin verhalten?

Ich hätte meine Ausbeuter und das System bis aufs Blut verteidigt. Ich hätte meinen Schmerz weggedrückt, ausgeblendet.

Warum? Das ist die große Frage.

Einmal aufgrund fehlenden Opferbewusstseins, das bei vielen vorherrscht. Auf der anderen Seite ist die Bindung zu einem Täter und zu einem System, das auf Ausbeutung aufgebaut ist, höchst unsicher, gefährlich, auf Druck und „Funktionieren“ aufgebaut und verlangt eine vollständige Loyalität nach außen hin. Die Maske muss aufrechterhalten werden. Die Gewalt darf nicht ausgesprochen werden. Ein Abweichen dieser Loyalität führt zu einem Bruch der Bindung, zu einem Ausschluss aus einem System, was für viele der Betroffenen in ihrem Leben den einzigen Halt zu geben scheint, weil sie trotz ihrer Ausbeutung eine Art Familien – /Zugehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Nach der Vorstellung: es ist besser einen Menschen zu haben, der an meiner Ausbeutung, an meinem Leid beteiligt ist, anstatt niemanden zu haben. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen Bindungen und viele Menschen, vor allem in vulnerablen Lebenslagen, haben große Angst davor allein zu sein.

Ein Abweichen der Loyalität nach außen hin wird auch als Verrat angesehen, also als das Schlimmste, was man im Rotlichtmilieu tun kann. Das sagt auch Manfred Paulus, 1. Kriminalhauptkommissar a.D., der jahrzehntelang im Bereich des Rotlichts und der organisierten Kriminalität gearbeitet hat und die Strukturen und eigenen Regeln des Milieus kennt. Das, was die Strukturen, die organisierte Kriminalität und das ganze Prostitutionssystem am Leben erhält, ist bedingungslose Loyalität nach außen hin. Die Konsequenzen eines Verrats dieser Loyalität, wozu auch abweichende Meinungen zählen können, sind in der Regel schwerwiegend, was bedeutet, dass Menschen, die aus dem System ausbrechen und reden, mit gravierenden Folgen rechnen müssen. Das sind die Gründe, warum das Rotlichtmilieu ein Milliardengeschäft ist und so gut funktionieren kann – weil nur wenige der Ausgebeuteten darüber sprechen. Und hinzu wird es Betroffenen auch schwer gemacht darüber zu sprechen, da aufgrund unserer Gesetzgebung das ganze Milieu normalisiert und bagatellisiert wird. Unser Gesetz zu Prostitution:

„…lügt uns an, es verleugnet die Wahrheit. Es ist Realitätsverleugnung, welche uns staatlich angeordnet wird.“ (Rosa Makstadt)

Auch das hilft, dieses gewaltbesetzte Milieu am Leben und die Opfer gefangen zu halten.

Die Ur-Oma von einer Überlebenden der Prostitution aus Amerika, Vednita Carter, war eine Sklavin. Auch zu ihrer Zeit wollten viele in der Sklaverei bleiben, weil es ihnen eine gewisse Sicherheit gab, Unterkunft und Essen. Die Freiheit hat vielen auch Angst gemacht wegen der mit ihr verbundenen Ungewissheit. Wir brauchen keine Verbesserung der Situation der Sklaven, sondern wir brauchen eine Abschaffung der Sklaverei, sagte die Ur-Oma. In Bezug auf die Prostitution, in der Carter war, sagt sie heute, dass wir eine Revolution benötigen. Eine Abschaffung des Systems, keine Verbesserung der Ausbeutung.

Es geht uns nicht darum, die Frauen in diesen Situationen anzugreifen, das sollte keiner tun, sondern es geht uns darum, die Mechanismen von in der Ausbeutung steckenden Menschen verständlich zu machen und damit die Medien, aber auch alle anderen Menschen, in die Verantwortung zu nehmen, dass sie genauer hinschauen, genauer hinhören, um ein richtiges Bild der Realität der Prostitution zu zeichnen. Sonst unterstützen und fördern sie ein System der Gewalt.

Wir wollen Menschen mit auf den Weg geben, dass die Mechanismen der Gewaltverleugnung/Gewalthinnahme der Betroffenen des Ausbeutungssystems der Prostitution vergleichbar sind mit denen, wie sie sich bei Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, äußern: auch sie lächeln einen oft noch mit einem überschminkten blauen Auge an und werden sagen, dass alles in Ordnung ist und dass ihr Mann sie liebt.

Ist deswegen alles in Ordnung?

Nie wieder Prostitution – ein Text über den physischen und psychischen Ausstieg aus der Prostitution

 

Never Again!

Den nachfolgenden Text habe ich schon vor einer ganzen Weile zusammen mit Dr. Ingeborg Kraus geschrieben und ich möchte ihn heute hier online stellen, da er mir sehr wichtig ist in der ganzen Prostitutionsdebatte. Hier ist der Text:

„Manchmal erscheint ein Weg für uns sehr lang, manchmal zu lang, so dass wir glauben, dass wir nicht genug Kraft haben und es nicht schaffen, ihn zu Ende gehen zu können. Der Ausstieg aus der Prostitution und damit aus einem Milieu, das meist den Körper und die Seele dieses Menschen zerstört hat, ist ein ganz besonders langer und schmerzhafter Weg, der manchmal kein Ende zu nehmen scheint und auf dem man Hürden begegnet, die sich zunächst als unüberwindbar darstellen.

Immer wieder hören und lesen wir von Aussteigerinnen, die mit den Gedanken ringen wieder in die Prostitution einzusteigen oder letztlich wirklich zurückgehen, obwohl sie ihre bereits gemachte Prostitutionserfahrung als traumatisierend ansehen und Prostitution als Gewalt bezeichnen. Dieses Verhalten stößt bei vielen Außenstehenden auf Unverständnis.

Wir möchten mit unserem Text über die Schwierigkeiten des Ausstiegs aus der Prostitution aufklären und zugleich Frauen während des Ausstiegs sowie danach Mut machen.

Wenn in unserer Gesellschaft über Prostitution gesprochen wird, so hat sich durch das ProstG aus dem Jahr 2002 bei vielen die Vorstellung eingeprägt, dass sie ein Job wie jeder andere ist. Prostitution aber hinterlässt tiefe Narben an Körper und Seele. Der Ausstieg ist nicht vergleichbar mit einem einfachen Jobwechsel. Einmal in diesem Prostitutionssystem gefangen, kommen Betroffene oft nur schwer bis gar nicht mehr raus.

Ein physischer Ausstieg aus der Prostitution, also der körperliche Schritt raus ins „Leben“, kann bei vorhandenen Möglichkeiten relativ schnell vollzogen werden. Der physische Ausstieg bedeutet aber nicht gleich den psychischen Ausstieg. In der Prostitution erleben Betroffene die tiefsten Abgründe unserer Gesellschaft: ein unermessliches und unvorstellbares Ausmaß an Gewalt, Demütigungen, Lügen und den größten Unmenschlichkeiten. Man kann physisch aus diesem Leben fliehen, aber psychisch hängen viele noch lange mittendrin – in den Erinnerungen, dem Schmerz und oftmals der aufgrund ihrer Erfahrungen tiefen Überzeugung, nichts wert zu sein, nichts schaffen zu können, nichts anderes zu verdienen. Der physische Ausstieg ist schwer, der psychische Ausstieg noch schwerer, denn er dauert oft Jahre/Jahrzehnte und beinhaltet das Durchbrechen von Schmerz und Trauma. Er ist das langsame Abstand nehmen von diesem früheren Leben voller Gewalt. Dieser psychische Ausstieg ist äußerst wichtig und es geht dabei nicht darum, Erlebtes zu vergessen – es geht darum, die nicht mehr wegzuradierende Vergangenheit anzunehmen, sie in das Leben zu integrieren und sich dennoch von der Parallelwelt Prostitution zu lösen.

Häufig ist den Betroffenen nicht sofort klar, wie sich ihre Verletzungen aus der Prostitution im Alltag äußern können, was den Ausstieg zusätzlich erschwert. Einige Hürden auf dem Weg in ein neues Leben möchten wir folgend erläutern.

Um überhaupt in der Prostitution sein zu können und unzählige Penetrationen von Fremden ertragen zu können, sind zunächst einmal Einstellungen notwendig, die diese Gewalt gewissermaßen verharmlosen: dass all das machbar und/oder nicht so schlimm sei. Wie kommt man zu so einer Haltung?

Wenn sehr früh in der Kindheit der Körper und/oder die Seele missbraucht und verletzt wurden, dann kann sich bei dem betroffenen Menschen die Vorstellung einprägen, dass eine Misshandlung, die an ihm vorgenommen wird, nicht so schwerwiegend oder sogar verdient oder normal ist. In der Psychotraumatologie bezeichnet man das als Täterintrojekte. Täterintrojekte sind Überlebensstrategien, um Gewalt besser ertragen zu können. Kann die gegenwärtige, unerträgliche Situation nicht ausgehalten und auch nicht verändert werden, so nehmen Betroffene häufig die Ansichten des Täters an, denn wenn sie funktionieren wie der Täter es haben möchte, wird das Überleben wahrscheinlicher. „Wenn ich genau mache, was sie mir sagen, werden sie mich vielleicht in Ruhe lassen, wird es vielleicht weniger schlimm.“ Aus einem „Du bist nichts wert“ kann ein „Ich bin nichts wert“ werden. Aus einem „Du wirst es niemals schaffen“ ein „Ich werde es niemals schaffen“.

Diese Verinnerlichung und Übernahme von Tätergedanken aus Schutzgründen heraus manifestiert sich oft bis ins Erwachsenenalter hinein und prägt den Alltag nicht nur in Form eines negativen Selbstbildes, sondern auch in Form von mangelndem Selbstschutz und mangelnder Selbstfürsorge. Wer als Überlebensstrategie zeitig lernen musste, Gewalt zu ertragen, der kann sich später oft nicht davor schützen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Eigene Bedürfnisse und vor allem Grenzen werden nicht wahrgenommen, da sich die Opfer von früh an auf die Bedürfnisse des Täters eingestellt haben und zugleich permanent Grenzverletzungen erleben mussten.

Wenn dann auch noch in einer Gesellschaft und in einem Staat sexualisierte Gewalt in Form von Prostitution nicht als solche benannt, sondern diese verharmlosend als machbare Dienstleistung bezeichnet wird, werden diese Täterintrojekte nicht aufgelöst, sondern verstärkt. Prostituierten Menschen wird durch die Legalität von Sexkauf vermittelt, dass die Gewalt, die sie durch die Prostitution erleben, keine richtige Gewalt ist, da legal ist, dass sie zur sexuellen Benutzung gekauft werden können. Der Staat signalisiert mit seiner liberalen Gesetzgebung: „Prostitution ist keine Gewalt, sondern ein Job“. Diese Ansicht wird übernommen, im Übrigen auch von vielen Beratungsstellen. Das ist gefährlich, denn sie verleitet Menschen auch, überhaupt erst in die Prostitution einzusteigen ohne sie über die immense Gewalt aufzuklären, die sie dort erwartet.

Als mich (Sandra) mein Zuhälter damals bei der Rekrutierung als Heranwachsende das erste Mal in ein Bordell schleppte, hatte ich ein sehr schlechtes Bauchgefühl und wollte am liebsten fliehen. Ich war jung, instabil und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte und auch nicht, in welch gefährlicher Situation ich mich befand. Er brachte mich zur Prostitution, drängte mich, ich solle mich nicht so anstellen, es sei ja alles ganz normal. Ich erinnerte mich an die Ansicht unseres Staates, dass Prostitution in unserem Land als Job angesehen wird und Zuhälter sowie Bordellbetreiber in „seriösen“ Talkshows auftreten und als Geschäftsleute betitelt werden anstatt als Kriminelle. Ich erinnerte mich daran, dass dieses Milieu überwiegend als nicht so schlimm beschrieben wird. Genau dieses Bild von der Normalität des Prostitutionsmilieus vermittelt also auch unser Staat durch seine Gesetzgebung und so konnte ich noch weniger sehen, dass ich auf dem Weg war, mitten in ein kriminelles Gewaltmilieu abzurutschen. Es wurde nicht als solches benannt und wird weiterhin nicht als solches benannt. Doch unser Staat hat eine Verantwortung in Form einer Vorbild- und Orientierungsfunktion vor allem für junge und vulnerable Menschen. Hätte er damals in Form eines Sexkaufverbots laut zu mir gesagt: „Prostitution ist Gewalt und eine Menschenwürdeverletzung“, hätte dieser Menschenhändler es viel schwerer gehabt, mich in die Prostitution zu bringen. Die traurige Wahrheit aber ist: unser Staat hat verinnerlicht, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen normal ist, denn nichts anderes bedeutet seine liberale Prostitutionsgesetzgebung. Und daran orientieren sich die Menschen, so wachsen Kinder in Deutschland auf – in dem Glauben, dass es keine Gewalt ist, wenn Menschen in der Prostitution tagtäglich penetriert und ihrer Würde beraubt werden.

Aber es ist Gewalt und diese traumatischen Erfahrungen in der Prostitution führen häufig zu posttraumatischen Belastungsstörungen, deren Symptome die Wiedereingliederung in ein Leben abseits der Prostitution enorm erschweren können, da sie existieren, aber für Außenstehende oft nicht sichtbar sind und aufgrund von Ablehnungsängsten auch häufig versteckt werden. Diverse Situationen können nach Prostitutionserfahrungen triggern (nicht nur Tätermerkmale, sondern auch Stress, eine Jahreszeit, Geräusche,…) und Ängste auslösen, was mit heftigen körperlichen Reaktionen einhergehen und daher den Einstieg in ein anderes Leben sowie die Aufnahme neuer sozialer Kontakte stark behindern kann. Extreme Gefühle, die während der Prostitution dissoziiert waren, können im Alltag der Ausgestiegenen durch Kleinigkeiten hervorgerufen werden und den Kontakt zu neuen Bekanntschaften verunsichern, was sich zu einem Teufelskreis formen kann, da es das Gefühl allein zu sein verstärkt und man sich weiterhin fremd und oft nur von bekannten Personen aus dem Rotlichtmilieu verstanden fühlt. Das erhöht die Gefahr, dass Aussteigerinnen erneut in die Prostitution abrutschen. Häufige Symptome sind beispielsweise auch Panikattacken und dissoziative Phänomene. In manchen Fällen führen diese Symptome dazu, dass die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit so stark eingeschränkt ist, dass das Dasein zur einzigen Qual wird. Neben den Traumata sind auch körperliche Erkrankungen sehr häufig.

Ein weiteres Problem beim Ausstieg ist, dass ein Leben in der Prostitution isoliert. Diese Isolation stellt auch eine gezielte Täterstrategie dar, um Betroffene intensiver an sich zu binden. Einsame Menschen sind leichter in der Spur zu halten als solche, die Kontakte zu anderen pflegen. Viele sich prostituierende Menschen sind bei ihrem Ausstieg komplett allein, müssen von null anfangen, da nur die Kontakte ins Rotlichtmilieu bestehen. Viele sind bereits in jungen Jahren in die Prostitution eingestiegen und konnten somit keine Schul- und/oder Berufsausbildung abschließen. Sie kommen aus der Prostitution und sehen keine Perspektive für sich. Um diese verloren gegangene Zeit und das, was einem in der Prostitution gestohlen wurde, nachzuholen, persönlich wie beruflich, benötigt es teilweise Jahre und verlangt von den Betroffenen neben der Aufarbeitung ihrer schmerzhaften Vergangenheit ein großes Ausmaß an Geduld und einen festen Glauben an sich selbst, der nach einer Prostitutionserfahrung leider oft tief erschüttert ist.

In der Prostitution regiert die Gewalt – dennoch haben viele das Gefühl, als hätten sie dort wenigstens einen Platz. Das Leben außerhalb erscheint fremd, als ob sie in dieser neuen Welt niemals akzeptiert und niemals willkommen sein werden. Eine uns bekannte ehemalige Prostituierte suchte nach ihrem Ausstieg aus der Prostitution einen Job und versuchte es mit Ehrlichkeit. Sie erzählte ihrem potentiellen Arbeitgeber, dass sie Prostituierte war und einen Ausweg suche. Sie bekam folgende Antwort: „Meine Frau hat ein Problem damit, wenn Sie hier arbeiten und Prostituierte waren, aber wenn Sie wollen, dann können wir beide uns heute Abend privat im Hotel treffen. Ich zahle auch gut.“ Für die Aussteigerin war diese Begegnung tief demütigend. Sie wollte sich aus dem Prostitutionssystem, in dem sie objektiviert und zu einer Ware degradiert wurde, herauskämpfen. Anstatt einer Unterstützung bekam sie erneut den Stempelaufdruck: „Du bist nichts anderes wert als sexuell benutzt zu werden.“ Genauso fühlen sich Menschen in der Prostitution. Wenn sie dann während der Ausstiegsphase solch eine Erfahrung machen, ist es wahrscheinlich, dass sie die Hoffnung verlieren und wieder ins System zurückfallen. Wenn sonst niemand sie will, wenn sie sonst nichts wert sind, wenn sie sonst nichts können, so die Gedankengänge, so gehen sie wieder an ihren alten Platz zurück. Für die Betroffenen ist es sehr schwer, diesem Kreislauf zu entkommen.

Eine Sache ist sicher: Der Ausstieg aus der Prostitution ist extrem schwierig, ein steiniger Weg, oft geprägt von hoffnungslosen Situationen und scheinbaren Ausweglosigkeiten. Ein Wiedereinstieg in die Prostitution ist aber keine hilfreiche Stufe auf dem Weg aus der Misere, sondern eine weitere Hürde. Die Rückkehr in die Prostitution ist nicht ein Teil des Weges, der nach draußen und damit langsam zur Freiheit führt, wie manche annehmen und vielleicht deshalb wieder einzusteigen überlegen, sondern bringt einen Menschen auf einen ganz anderen Weg zurück – auf einen Weg der kompletten Zerstörung von Körper, Geist und Seele, den er einst genau aus diesem Grund verlassen hat.

Der Wiedereinstieg gleicht einer Form der Verharmlosung der schwerwiegenden Traumatisierung gegenüber sich selbst, die nicht nur durch sichtbare körperliche Symptome einhergeht, sondern die Fortsetzung der Zerstörung des Selbstwertgefühls, des Selbstvertrauens und der Selbstliebe bedeutet. Viele wichtige Fähigkeiten wie diese wurden vielleicht erst gar nicht entwickelt, wenn der Einstieg in die Prostitution sehr früh stattfand, oder gehen in der Prostitution verloren. Wurde nach einem Ausstieg angefangen, diese Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten, so verblassen sie mit einem Wiedereinstieg erneut. Es ist als würde man auf eine Löschtaste drücken. Die Rückkehr in die Prostitution ist keine vorübergehende Lösung und niemals ein Vorankommen.

Nichtsdestotrotz: Prostitution ist sexuelle Gewalt und hier herrschen Gewaltmechanismen, die Betroffene zurücktreiben und fern jeder Logik liegen können, die Unbeteiligte zu verstehen vermögen. Auch wenn man aufgeklärt ist und Bescheid weiß über das System und seine Mechanismen, über die Gewalt, über die Ursachen und die Folgen, so können gerade in der Festigungsphase des Ausstiegs nicht nur die nicht ausreichend vorhandenen Hilfen, sondern innere verletzte Anteile aktiv werden und dafür sorgen, Betroffene in die Prostitution zurückzudrängen und ihren Ausstieg zu sabotieren. Einen Vorwurf auf persönlicher Ebene kann und darf man Menschen, die wieder einsteigen, deshalb auf gar keinen Fall machen.

Eine Rückkehr in die Prostitution sollte jedoch öffentlich niemals als eine Lösung dargestellt werden. Hier setzt der Abolitionismus an, der Menschen aus dem System herausholen möchte, selbst dann, wenn die Prostitution in Deutschland noch als normale Dienstleistung bezeichnet wird und sich das „nordische Modell“ noch nicht durchsetzen konnte. Denn er weiß: Eine Rückkehr in die Prostitution ist kein Weg hinaus, sondern eine fortdauernde permanente Grenzverletzung, die immer etwas mit einem Menschen macht, die einen Menschen immer weiter zerstört anstatt ihn vorwärts zu bringen. Sie lässt die Wunden nicht verheilen, sondern reißt sie immer wieder auf.

Was wichtig ist, ist ein vermehrter und einfacherer Zugang zur Traumatherapie, um die schweren Hürden nach der Prostitution besser bewältigen zu können und den Ausstieg zu festigen. Sie kann helfen, Grenzen oft erst kennenzulernen, sie dann setzen und sich von gewalttätigen Beziehungen und/oder Lebensweisen lösen zu können. Nur wer versteht, was passiert, kann, wenn er das möchte, nach Lösungen suchen und einen Ausweg finden. Die Überwindung der Traumafolgen ist von enormer Bedeutung, aber nicht möglich, wenn man jene Tätigkeit weiterhin ausübt, die das Trauma verursacht hat oder mit der man andere Traumata reinszeniert.

Manchmal erscheint dieser Weg des Ausstiegs zu lang, so dass man aufgeben will, weil man denkt, dass man nicht genügend Kraft hat und das Ende des Tunnels niemals erreichen wird, aber man sollte für sich selbst weitergehen bis man sein Ziel erreicht hat.

Auch für mich (Sandra) war der Weg aus der Prostitution ein langer und schwieriger. Allein der physische Ausstieg und das Nachholen einer Schulausbildung bis an die Universität hin zu einem Studium schienen kaum machbar. 2012 fing ich im Bordell an mein Abitur nachzuholen. Ich wurde belächelt: „Die wird es niemals schaffen“. Diesen Satz trug ich lange mit mir herum, ich hatte ihn verinnerlicht, doch irgendwann fing ich an, mich dagegen zu wehren. Ich wollte es schaffen. Ich wollte da raus. Ich wollte ein Leben. 2014 konnte ich aus der Prostitution aussteigen und habe das Abitur beendet. Heute, im Jahr 2018, neigt sich mein Studium langsam dem Ende zu. Seit 6 Jahren bin ich nun am Lernen, um Bildung nachzuholen, die mir durch die Prostitution gestohlen wurde. Ich wusste: Bildung ist der Schlüssel aus dem Elend. Die Prostitution verlassen zu wollen und sie letztlich zu verlassen bedeutet, die große Herausforderung anzunehmen, sich ins Leben zurück zu kämpfen, was einen zeitweise verzweifeln lassen kann.

Das Trauma kann sich auch im Körper verankern und auf unterschiedliche Weise äußern. Nach meinem Ausstieg traten Traumafolgestörungen nicht nur in Form von Panikattacken auf, die mir den neuen Alltag mit Atemnot und einem stetigen Gefühl von Bewusstseinsverlust unerträglich machten. Sie äußerten sich auch an meinem Bewegungsapparat, der so schwach wurde, dass ich kaum mehr gehen konnte. Gewalt ertragen zu müssen, schwächt Körper und Seele. Gewalt ertragen zu müssen, die nicht als Gewalt anerkannt wird (so wie in Deutschland nicht anerkannt wird, dass Sexkauf Gewalt ist), schwächt Körper und Seele noch mehr, denn zum einen redet man sich zunächst ein, dass alles nicht so schlimm sein kann und erwartet von sich selbst, aushalten zu müssen, was nicht auszuhalten ist.

Später habe ich mir die Frage gestellt, wie ich es dennoch 6 Jahre aushalten konnte. Nicht nur die Betäubung mit Alkohol half dabei, sondern vor allem, was mir erst später klar wurde, die Dissoziation. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Körpers, der Empfindungen vom Bewusstsein trennt, um nicht aushaltbare Gewalt ertragen zu können. Es hat Jahre gebraucht bis ich überhaupt verstanden habe, was Dissoziation ist, wie sie funktioniert und in welcher Art und Weise sie mir geholfen hatte. Sie kann sich in vielen verschiedenen Formen äußern: Bei mir war es dieses Gefühl, nicht richtig da zu sein und alle Sinne gedämpft wahrzunehmen, wie in Watte. Ich habe mich und das Leben wie hinter einer schalldichten Glaswand erlebt, wie durch einen Tunnel bin ich durchs Leben gelaufen. So spürt man natürlich weniger seelischen und körperlichen Schmerz – das ist das Ziel der Dissoziation. Ich war permanent in einer Art Trance-Zustand und es hat lange gedauert, diesen bereits zum Automatismus erstarkten Schutzmechanismus nach der Prostitution aufzulösen und mich und das Leben um mich herum wieder richtig spüren zu können. Lange wusste ich nicht, was mit mir los war und das daraus entstehende Vermeidungsverhalten und der Rückzug trieben mich noch mehr in die Isolation.

Heute bin ich ein anderer Mensch. Damals geschwächt von den Traumafolgen kann ich jetzt Berge besteigen und habe ein unerschütterliches Selbstvertrauen entwickelt, so dass ich zu 100 % weiß, dass ich alles schaffen kann, was ich mir vornehme und wofür ich hart kämpfe. Ich genieße jedes kleine Detail. Seit ich aus der Prostitution ausgestiegen bin, entdecke ich die Welt neu. Ich bin stark geworden und nichts kann mich mehr erschüttern. Eines ist klar: Die Prostitution werde ich niemals vergessen, aber ich bin physisch und psychisch ausgestiegen. Für immer!

Das ProstG von 2002 gilt seit Jahren als gescheitert. Öfter wurde angebracht, dass prostituierte Menschen sich selbst organisieren und für ihre Rechte eintreten sollten, aber das ist schwierig bis unmöglich, weil sie in der Prostitution zugrunde gehen und zwar nicht nach Jahren, sondern sofort. Bei mir war die Überwindungsgrenze mich mit dem ersten Freier einzulassen sehr hoch. Gefühle wie Ekel, Abscheu, Scham, Trauer und Angst machten es mir nahezu unmöglich, diesen Akt durchzuführen. Ich war kurz davor zu schreien, zu weinen. Als der Akt vorbei war, war etwas in mir kaputt gegangen. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht mehr. Ich wollte weinen, aber ich konnte es nicht mehr. Was ich fühlte, war betäubt und abgetötet. Die Fähigkeit sich zu wehren und Widerstand zu leisten geht bei jedem Freier mehr verloren, weil durch diesen Akt der ungewollten Penetration nicht nur die Dissoziation den Körper beherrscht, sondern auch die Persönlichkeit immer weiter gebrochen wird. Dieser Akt der Penetration bedeutet eine permanente Demütigung und Degradierung zu einem Objekt sexueller Benutzung. Die Menschenwürde wird entzogen. Man hört auf, sich als fühlender Mensch wahrzunehmen. Das ist einer der Gründe, warum viele Menschenhandelsopfer auch später, wenn der Täter auf Abstand gerückt ist, in der Prostitution bleiben. Ihre Persönlichkeit, ihr Wille, ihre Identität, wurde gebrochen. Es ist absurd anzunehmen, dass genau jene Menschen dann Widerstand leisten und für ihre Rechte kämpfen sollen. Der Staat ist es, der hier die Aufgabe hat, diese Menschen zu schützen! Deswegen ist es auch skandalös von den Grünen, die das ProstG 2002 auf den Weg gebracht haben, dass sie auf ihrem kürzlich veranstalteten feministischen Zukunftskongress am 7. und 8. September keine kritischen Stimmen zur Prostitution gehört haben, sondern weiterhin ungeniert an ihrer liberalen Prostitutionsgesetzgebung festhalten.

Die Prostitution hinter sich zu lassen ist ein Kampf für einen selbst gegen alle Hindernisse und (Selbst-) Zweifel, gegen einen Staat, der diese Gewalt normalisiert, indem er sie legitimiert anstatt ihr einen Riegel vor zu setzen. Unsere Gesellschaft sollte endlich begreifen, dass Prostitution Gewalt ist und der Ausstieg aufgrund der ganzen Umstände auch in Deutschland sehr schwierig ist. Sie sollte Arme und Tore öffnen anstatt sie zu schließen. Der Ausbau von Ausstiegshilfen ist enorm wichtig, denn wir haben in Deutschland viel zu wenig davon.

Für Aussteigerinnen ist es wichtig, trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten an das Gute zu glauben, an respektvolle Beziehungen, an die Liebe, an echte Freundschaften. Geduld ist der Schlüssel. Hoffnung und Vertrauen (in sich selbst), dass der Ausstieg klappen wird, dass es besser werden und man den Weg hinaus dauerhaft finden wird.

Ein wichtiger Punkt ist dieser innere Prozess des psychischen Ausstiegs. Ein innerer Prozess der tiefen Überzeugung, dass Prostitution aufgrund der Gewalt, die dort passiert, nie wieder eine Option sein kann. Ein innerer Prozess, dass man sich nie wieder demütigen lassen wird, weil man etwas wert ist und eine Würde hat, die unverletzbar ist. Ein innerer Prozess, dass man seine Selbstliebe nie wieder so aufgibt, dass Freier die Macht bekommen, einen derart verletzen und traumatisieren zu können. Deutschland muss endlich aufwachen und diejenigen bestrafen, die Gewalt antun – die Freier. Aber wir hoffen und wollen mit diesem Text bezwecken, dass bis der deutsche Staat seine Schutzpflichtaufgabe verstanden hat, Aussteigerinnen sich dennoch nicht aufgeben, indem sie wieder in die Prostitution zurückkehren. Deswegen ist unsere Botschaft an alle Frauen, die Wiedereinstiegsgedanken haben:

NIE WIEDER PROSTITUTION!“

 

Ersterscheinung: https://www.trauma-and-prostitution.eu/2018/12/28/nie-wieder-prostitution/

Parlamentarischer Abend, Berlin, 16.01.2019 – Prostitution ist unvereinbar mit der Menschenwürde

 

Nachfolgend meine Rede vom parlamentarischen Abend in der französischen Botschaft in Berlin vom 16.01.2019, veranstaltet von Sisters e.V. und Gemeinsam gegen Menschenhandel.

 

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Sehr geehrte Bundestagsabgeordnete,

Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundestages,

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

es ist schön, dass dieser Abend heute stattfindet und dass vermehrt über das Thema Prostitution gesprochen wird, vor allem auch von Seiten der Politik.

Während wir hier in Deutschland eine sehr liberale Gesetzgebung haben und Prostitution als sexuelle Dienstleistung angesehen wird, hat unser Nachbarland Frankreich im Jahr 2016 einen komplett anderen Weg beschritten und das sog. Nordische Modell eingeführt, wie auch schon andere Länder vor ihm.

Das Europäische Parlament hat bereits 2014 in einer Resolution die Meinung vertreten, dass Prostitution, auch die freiwillige Prostitution, nicht mit der Menschenwürde vereinbar ist, dass Prostitution und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen Formen der Gewalt sind und somit Hindernisse, die der Gleichstellung von Frauen und Männern entgegenstehen, denn nahezu alle Personen, die sexuelle Dienstleistungen kaufen, sind Männer. Diejenigen, die gekauft werden, sind meist Mädchen und Frauen. Die Ausbeutung in der Sexindustrie, so heißt es weiter, ist sowohl Ursache als auch Folge der Ungleichbehandlung der Geschlechter und zementiert die Auffassung, dass die Körper von Frauen und Mädchen käuflich sind. Zugleich wird festgestellt, dass immer mehr Beweise vorliegen, dass mithilfe des Nordischen Modells die Prostitution und der Menschenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können.[1]

2016 hat das Europäische Parlament in einer Entschließung bzgl. der Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels seine Aufforderung, dem Nordischen Modell zu folgen, wiederholt, indem es die Kommission und die Mitgliedstaaten aufforderte, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen.[2]

Auch der Europarat nahm 2014 Stellung und legte dar, dass er die Kriminalisierung des Kaufs von sexuellen Diensten, basierend auf dem schwedischen Modell, als das wirksamste Instrument zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels ansieht.[3]

Deutschland hingegen geht weiter seinen liberalen Weg und versucht der Prostitution und ihren Auswüchsen mit dem Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) zu begegnen.

Ich spreche hier heute als jemand, der die Prostitution durchlebt hat. Immer wieder, wenn ich über meine Geschichte spreche, ist das eine sehr persönliche Angelegenheit. Das ist es für jede Betroffene. Und es ist auch der Grund, warum ich zu Ihnen heute nicht nur in Ihrer Funktion als Bundestagsabgeordnete sprechen möchte, sondern ich möchte zu Ihnen vor allem auch in Ihrer Funktion als Mensch sprechen. Sie alle sind Tochter oder Sohn von jemandem, vielleicht eine Mutter oder ein Vater, vielleicht Großvater oder Großmutter. Prostitution ist ein Thema, bei dem es sehr viel um Menschlichkeit geht oder, ich muss es so formulieren, um verloren gegangene Menschlichkeit.

Als ich meinen Vortrag für heute vorbereitet habe, habe ich mich gefragt, was aus meinen 6 Jahren in der Prostitution, was aus meinen ganzen nachfolgenden Recherchen und Erkenntnissen ich Ihnen in dieser kurzen Zeit erzählen soll, damit Sie nachvollziehen und vielleicht auch ein wenig fühlen können, was in Deutschland jeden Tag passiert. Was kann ich Ihnen erzählen, damit Sie gegen das Unrecht aufstehen und helfen, einen Richtungswechsel in Deutschland möglich zu machen?

Und mit Richtungswechsel meine ich nicht weitere Regulierungen, sondern ein radikales Umdenken und einen Richtungswechsel, der nicht zwischen den Begriffen Zwangsprostitution und freiwilliger Prostitution unterscheidet, wenn es darum geht, Menschen kaufen oder nicht kaufen zu dürfen, denn kein Mensch darf zur sexuellen Benutzung käuflich sein. Es verstößt gegen die Menschenwürde und ich möchte es mit den Worten des Europäischen Parlaments aus seiner Resolution von 2014 ausdrücken: „Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde.“ Und eigentlich wissen wir das alle oder können es uns alle denken. Die Profiteure der Sexindustrie sind nur leider sehr stark, wenn es darum geht zu versuchen, eine „große heile Welt der Prostitution“ zu erschaffen und zu erhalten. In 6 Jahren habe ich diese heile Welt kein einziges Mal gesehen und 6 Jahre sind eine verdammt lange Zeit.

Auch wenn Sie heute Ausschnitte meiner Geschichte erfahren geht es hier nicht um mich, nicht um einzelne individuelle Schicksale, sondern um unzählige andere Menschen, aufgrund der überwiegenden Anzahl hauptsächlich um junge Mädchen und Frauen, die genau das erlebt haben und jeden Tag in Deutschland weiter erleben, was auch ich erlebt habe oder noch schlimmeres erleben. Die Anzahl der Menschen, die in der Prostitution sind, kennt keiner so genau. Die groben Zahlen reichen von meist 200.000 – 1.000.000. Meine Geschichte ist also nur ein Beispiel, nur ein Sandkorn in einer riesigen Wüste voller Elend und Leid.

Kennen Sie das, wenn Sie in Kinderaugen blicken und dieses Strahlen sehen, wenn Kinder von dem erzählen, woran sie glauben oder was sie sich wünschen? Sie gehen durch die Welt und träumen.

Auch ich habe als Kind geträumt. Sicherlich nicht von der Prostitution, sondern vom Prinzessinnensein und davon, geliebt anstatt wie ein Gebrauchsgegenstand zwischen Männern hin – und hergeschoben und benutzt zu werden. Seitdem ich als kleines Kind „Free Willy“ im Fernsehen sah, träumte ich davon Meeresbiologin zu werden. Nach der Grundschule kam ich zunächst auf die Hauptschule und konnte danach auf das Gymnasium wechseln und meinen Traum weiter verfolgen.

Ein paar Jahre später bin ich als noch Minderjährige an einen „Loverboy“ geraten, brach das Gymnasium in der 13. Klasse ab und habe mein Leben bis zum 24. Lebensjahr in der Prostitution verbracht. Vorbei war der Kindheitstraum mit der Meeresbiologie.

 „Loverboys“ sind Männer, die Mädchen/Frauen zunächst gezielt Liebe vorspielen mit dem Ziel sie in die Prostitution zu drängen und dort auszubeuten. Zuerst wird eine emotionale Bindung aufgebaut, um eine Abhängigkeit zu erzeugen, und dann beginnt die Tortur. Die Loverboy-Methode fällt, was viele nicht wissen (da alles oft nach außen hin erstmal selbstbestimmt aussieht und die Betroffenen häufig auch erstmal denken, es wäre so), unter Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Laut Bundeslagebild Menschenhandel 2017 wurde bei über einem Viertel der Opfer von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung (127 Opfer; 26,0 %) die sog. „Loverboy-Methode“ bei der Kontaktanbahnung angewendet.[4]

Als ich in der Prostitution war, habe ich aufgehört zu träumen, aufgehört zu leben, aufgehört zu fühlen. An viele Dinge kann ich mich erinnern, wenn ich gedanklich zurückgehe, und dann bin ich froh, dass ich wieder aufhören kann mich zu erinnern.

Mittlerweile bin ich 29, bewege mich langsam in Richtung Ende eines Jura-Studiums, welches ich aufgrund der ganzen Vorgeschichte erst in 2015 anfangen konnte. Die Meeresbiologie habe ich aufgegeben. Allerdings nicht deshalb, weil sie mich nicht mehr interessiert, sondern weil ich nach allem Erlebten besonders eines möchte und zwar Gerechtigkeit für Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung. Wenn eine Sache klar ist, dann dass die Polizei und die Justiz in zahlreichen Fällen, die ich gesehen habe (auch in meinem), gescheitert sind. Und allen voran hat unser Staat versagt, der der Polizei und der Justiz zu wenig Möglichkeiten zum Handeln gibt, das Prostitutionsgesetz von 2002 zugelassen hat und der Prostitution den Stempelaufdruck eines normalen Jobs geben wollte. Das hatte u.a. zur Folge, dass Bordellbetreiber bis heute als seriöse Geschäftsmänner auftreten können.

Jeder Bordellbetreiber, den ich kannte, der wusste, wer die Frauen in seinen Laden bringt, um diesen zu füllen und damit den Freiern genügend Auswahl zu geben. Sie wussten um den Menschenhandel oder haben es zumindest billigend in Kauf genommen, dass sie gerade Beihilfe zum Menschenhandel leisten, wenn sie nicht sogar an der Haupttat beteiligt waren.

Bordellbetreiber haben vom Menschenhandel profitiert. In der Mehrheit brauchen sie ihn, denn Freier wollen am besten die jüngsten Frauen und wenn es geht, bitte ständig was Neues.

In Stuttgart läuft seit längerem ein Prozess gegen u.a. Jürgen Rudloff, einen Bordellbetreiber der Paradise-Kette. Der Ex-Geschäftsführer des Paradise hatte im Dezember ausgesagt und ist wegen Beihilfe zum Menschenhandel verurteilt worden. Das Verfahren um Herrn Jürgen Rudloff, der zuvor in etlichen Talkshows aufgetreten ist und als seriöser Geschäftsmann große Reden über die saubere Prostitution in seinen Bordellen geschwungen hat, geht weiter.

Wenn in den Medien oder in der Politik über Prostitution gesprochen wird, versuchen viele Menschen zwanghaft Prostitution und Menschenhandel zu trennen. In der großen Mehrheit sind Prostitution und Menschenhandel aber nicht zu trennen. Ich sah keinen Club ohne Menschenhandel, keinen ohne Zuhälterei, keinen ohne Zwangsprostitution. Diese Sachen haben bei weitem überwogen. Was ich in den Bordellen hingegen nicht sah war diese zahlreiche freiwillige und selbstbestimmte Prostitution, die von den (vor allem hier in Berlin ansässigen) Lobbyverbänden und leider auch vielen Beratungsstellen für Prostitution propagiert wird, die dann teilweise sogar Einstiegsberatung anbieten.

Letztes Jahr war ich auf einer Veranstaltung von Soroptimist Aalen zum Thema Prostitution und Menschenhandel. Manfred Paulus, ehemaliger Kriminalhauptkommissar, der zahlreiche Bücher zum Rotlichtmilieu und der organisierten Kriminalität geschrieben hat, betonte, dass viele Beratungsstellen für Prostitution nicht nur die Zustände sehr verharmlosen, sondern auch einige von den Profiteuren eingenommen sind oder mit diesen zusammengearbeitet wird.

Man muss vorsichtig sein, wen man fragt, wenn man wissen möchte, was das Beste für prostituierte Menschen ist. Denn von Profiteuren oder solchen, die mit diesen agieren, werden Sie natürlich immer hören: „Sexarbeit ist Arbeit. Prostitution ist eine Dienstleistung wie jede andere.“

Frau Stefanie Klee vom BSD, Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (hier in Berlin ansässig), die schon öfter vom Bundestag zum Thema Prostitution und Rechte für Prostituierte angehört wurde, vertritt die Auffassung, dass beispielsweise die Paragraphen der Zuhälterei und der Ausbeutung von Prostituierten abgeschafft werden sollten, wie sie im Abschlussbericht der Reformkommission zum Sexualstrafrecht auf Seite 1063 und 1064 verlauten lässt, denn sie sagt u.a.:

die Paragraphen sind nicht mehr zeitgemäß, die Gesellschaft hat sich verändert und ist offener geworden.“[5]

Offener in Bezug darauf, dass man Ausbeutung lockerer sieht oder sie nicht mehr als Ausbeutung betrachtet oder was ist damit genau gemeint? Es gäbe andere Strafvorschriften, meint sie, die ausreichen würden.

Richtigerweise wird in dem Bericht dann von anderen festgestellt, dass die Forderung nach der pauschalen Abschaffung des § 180a StGB (Ausbeutung von Prostituierten) und des § 181a StGB (Zuhälterei) insbesondere im Hinblick auf die Ausbeutung der Prostituierten problematisch ist, denn die dort aufgeführten Straftatbestände würden in der Regel nicht von anderen Strafvorschriften erfasst.[6]

Ich finde es befremdlich, wenn jemand, der sich angeblich für meine Rechte einsetzt, Gesetze abschaffen möchte, die mich in manchen Situationen besser schützen sollen.

Des Weiteren heißt es:

Nach Auskunft des BSD sei der Grund für die Aufnahme der Prostitution nicht in desolaten Verhältnissen der Prostituierten zu sehen. Die Motive hierfür seien vielfältig und wurzelten z. B. auch in sexueller Neugierde oder Abenteuerlust.“

Auch ohne sich in der Prostitution gut auszukennen, hätten wahrscheinlich die wenigsten von Ihnen geglaubt, dass von geschätzten 200.000 – 1.000.000 Prostituierten in Deutschland eine große Masse sich aus sexueller Neugierde oder Abenteuerlust prostituiert.

Ein Blick auf nachfolgende Zahlen entzieht dieser These der sexuellen Neugierde oder Abenteuerlust ganz klar den Boden:

Eine Studie von Melissa Farley, amerikanische Psychologin, mit 854 Menschen aus 9 Ländern, die zu diesem Zeitpunkt entweder noch in der Prostitution waren oder sie kurz davor verlassen hatten besagt, dass Prostitution hochtraumatisch ist. 71 % wurden körperlich angegriffen, 63 % wurden vergewaltigt, 89 % wollten aussteigen, hatten aber keine andere Möglichkeit, um zu überleben. Insgesamt waren 75 % in manchen Lebensabschnitten obdachlos. 68 % wiesen Kriterien für eine PTBS auf.[7]

Frau Dr. Ingeborg Kraus, Psychotraumatologin, die einen Appell der TraumatherapeutInnen gegen Prostitution startete, spricht in ihren Vorträgen auch darüber, dass Prostitution die Fortsetzung von Gewalterfahrungen in der Vergangenheit sein kann. Auch eine Studie des Bundesfamilienministeriums von 2004 belegt diese hohen Gewaltzahlen. 92% aller befragten Prostituierten hatten sexuelle Belästigung erlebt, 82% psychische Gewalt, 87% körperliche Gewalt und 59% sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr.[8]

 „In einer Untersuchung von Farley/Barkan (1998) gaben 75% der befragten 130 Prostituierten an, bereits als Kind sexuelle Angriffe erlebt zu haben. Als Erwachsene erlebten nach eigenen Angaben 82% der Befragten tätliche Angriffe und Gewalt. Farley/Barkan beziehen sich in dieser Arbeit auf weitere sieben Forschungsarbeiten, die ähnliche Ergebnisse vorwiesen:„most people working as prostitutes have a history of childhood physical and sexual abuse“ (ebda. S. 38). Die im Jahre 2000 von Phoenix im British Journal of Criminology veröffentlichte Studie zur besonderen Konstruktion einer „Prostituierten-Identität“ bestätigt die Herkunft ihrer befragten Frauen durchgängig aus instabilen und prekären Familiensituationen, in denen Missbrauch und Vernachlässigung dominierten. Alle Befragten verfügten außerdem über Erfahrungen mit gewaltsamer Ausbeutung durch Zuhälter. Eine neuere Untersuchung zur Posttraumatischen Belastungsstörung und Dissoziation bei Prostituierten (Zumbeck 2001) im deutschen Sprachraum bestätigt die o.g. Ergebnisse. Zumbeck hebt hervor, dass 98% ihrer Interviewten zumindest ein Trauma erlebt hatten und die meisten mehrfach viktimisiert waren. 70% der Befragten hatten körperliche Angriffe erlebt, 68% Vergewaltigungen und 61% erlebten Vergewaltigungen während der „Sex-Arbeit“. Bei 59% der befragten Prostituierten wurde eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.“[9]

In dem Bericht der Reformkommission zum Sexualstrafrecht heißt es auch, dass Frau Klee vorgibt, sich für die Vermittlung eines realistischen Bildes der Branche zu engagieren. Für mich sehen ihre Verharmlosungen nicht einmal im Ansatz realistisch aus im Vergleich zu den wahren Verhältnissen, wie man hier gut sehen kann, was auch der Grund ist, warum ich das hier alles ansprechen muss. Dass wir hier in Deutschland ein so verzerrtes Bild von Prostitution haben, beruht auch auf dieser Form der Lobbyarbeit.

Ich könnte Ihnen noch eine ganze Liste aufsagen, was es alles für Verharmlosungen seitens verschiedener Lobby-Akteure gibt, angefangen von der öffentlichen Verharmlosung des Straßenstrichs bis hin zu Gütesiegeln für Bordelle, die den Schein der Ordnungsgemäßheit vermitteln sollen, wo man aber, wenn man tiefer blickt, in Freierforen sehen kann, wie es wirklich abläuft.

Es schockiert mich, dass solche Leute von der Politik immer wieder angehört werden, um die Interessen von Prostituierten zu vertreten. Wer vertritt denn die Interessen der abertausenden von Menschen, für die Prostitution eine schwere Form von körperlicher, sexueller und seelischer Gewalt ist? Wer hört ihnen zu, wer hilft ihnen, wer verschließt nicht die Augen aus Angst, dass es vielleicht zu grausam sein könnte, was in diesem Land wirklich vor sich geht?

Wir haben Statistiken von Menschenhandel und Zwangsprostitution in Deutschland, die mit der Realität nichts zu tun haben. Den realen Zahlen kann man u.a. auch deshalb in den Statistiken nicht näher kommen, weil alles legal ist und damit unsichtbar gemacht wird. Die Täter verstecken sich hinter legalen Strukturen und der Schein der Selbstständigkeit der Prostituierten wird immer mehr ausgenutzt, so die Europäische Kommission in einem Bericht aus dem Jahr 2016.[10]

Das Argument, mit dem Nordischen Modell würde alles in den Untergrund gedrängt werden, ist also nicht richtig, bestätigt auch Simon Häggström, Polizeikommissar in Schweden, der an der Umsetzung des Sexkaufverbotes in Schweden beteiligt ist. Hier in Deutschland findet bereits sehr vieles im Untergrund statt, was nur keiner mitbekommt, denn mit dem deutschen Modell fallen das meiste Elend und die Kriminalität aufgrund der legalen Strukturen selten bis gar nicht erst auf. Das bedeutet aber nicht, dass all das nicht da ist.

Indem die Menschenhändler den Schein der Selbstständigkeit der Prostituierten ausnutzen, entgehen sie am besten der Strafverfolgung. Schon Helmut Sporer von der Kriminalpolizei Augsburg sagte beispielsweise zu dem Phänomen der Loverboy-Masche, dass diese Täter die schlaueren Täter als die physisch Gewalttätigen sind und den einfachsten Weg zu gehen versuchen: wer sich aus Liebe anfängt zu prostituieren, das sieht doch erstmal ganz selbstbestimmt aus. Die Opfer reden nicht oder können zunächst nicht sehen, was ihnen passiert (durch List, Manipulation, Täuschung). Die Täter haben freie Bahn.

Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass nach der Einführung eines Sexkaufverbotes in Deutschland, zumindest wenn es gut umgesetzt wird, die Menschenhandelsstatistiken ansteigen werden und die Gewalt des Milieus präsenter ist, allerdings nicht, weil all das mehr wird, sondern weil es sichtbarer und verfolgbarer gemacht würde.

Doch gehen wir einmal weg von gesetzlich geregeltem Menschenhandel und der Zwangsprostitution. Viele setzen sich gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel ein und sehen sonst die Prostitution als einen normalen Beruf an. Die freiwillige Prostitution wird nicht hinterfragt. Aber kann Prostitution jemals ein Beruf sein? Kann man sie wirklich als eine sexuelle Dienstleistung bezeichnen und behandeln? Was ist eigentlich Prostitution?

Der Begriff der sexuellen Dienstleistung, wie es im ProstSchG heißt, ist eine schlimme Verharmlosung, der die Gewalt des sexuellen Aktes zwischen Freier und Prostituierter verschleiert.

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mit einer Kamera mein Leben in der Prostitution festhalten können. Jeden einzelnen Tag. Alle Zimmergänge, auch die, die ich mit anderen Frauen zusammen durchlebt habe. Dann hätten Sie sehen können, wovon ich spreche.

Prostitution ist nicht wie jede andere Dienstleistung. Bei normalen Dienstleistungen spielt nicht der Mensch an sich, sondern die Dienstleistung eine Rolle. Eine Putzfrau beispielsweise tut etwas mit ihrem Körper, sie wischt vielleicht den Boden. An der Aldi-Kasse sitzt jemand an der Kasse und tut auch etwas mit seinem Körper. Die Dienstleistung besteht darin, die Kasse zu bedienen. Bei beidem bleibt der Mensch an sich, der Körper an sich, von Dritten unberührt. Bei der Prostitution besteht die „Dienstleistung“ darin, dass der Körper eines Menschen von Dritten benutzt wird. Das ist keine Dienstleistung, sondern ein Konsumieren von Menschen. Der Begriff der „Dienstleistung“ versucht genau das zu verschleiern.

Für die Frauen, die ich persönlich in der Prostitution kennenlernte, und es waren Hunderte, war die Prostitution an sich ein Gewaltakt. Es macht etwas mit einem und den meisten wurden durch die Akte mit den Freiern die Eigenschaft, ein Mensch mit Wünschen, Bedürfnissen, Emotionen zu sein, genommen, denn wenn man all das immer ausschalten muss, um irgendwie das Leben überstehen zu können, in dem man sich gerade befindet, bleibt es irgendwann automatisch ausgeschaltet, weil es so weniger weh tut.

In diesem Zustand kann man auch nicht einfach in ein normales Leben wechseln als wäre nichts passiert, denn man trägt diesen Verlust von Würde und Seele in sich, man ist psychisch in dieser Welt gefangen. Die Demütigungen, die Kommodifizierung, die Überzeugung, nichts wert zu sein, die Zweifel, dass man es nach all diesen Erfahrungen, nach so einer Vergangenheit sowieso nicht schaffen wird ein Leben zu haben, welches auch ein Leben ist und in dem man von der Gesellschaft akzeptiert wird.

Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie freiwillige Prostitution aussehen kann, wenn keine dritten Personen dahinter stehen, sondern zum Beispiel Mütter für ihre Kinder anschaffen gehen, Frauen aus Armut anschaffen gehen, und meistens aber alle gemeinsam haben, wie auch die o.g. Studien belegen, dass sie bereits früh Gewalt und Missbrauch erlebten. Einige Beratungsstellen für Prostituierte hört man dazu sagen: das ist zwar kein toller Beruf dann, aber immerhin noch besser, als wie wenn sie nichts zu essen haben.

Wie zynisch ist das? Was ist das für ein menschenverachtendes Denken? Ich frage Sie: Wenn dort eine Frau, vollgepumpt mit Alkohol und oft auch weiteren Drogen, um das ertragen zu können, leblos auf dem Bett liegt und sich zur Verfügung stellt, sich gewaltvoll penetrieren und demütigen lässt, weil sie sich bereits aufgegeben hat und der Freier sich oft noch an seiner Machtstellung ergötzt, ist das etwas, was man als Gesellschaft zulassen kann? Ist das vereinbar mit unserer im Grundgesetz verankerten Menschenwürde?

Bei einem Sexkaufverbot geht es nicht darum, den Frauen zu verbieten, sich zu prostituieren. Es geht darum, als Staat seine Schutzpflichtaufgabe zu erkennen und zu erfüllen.

Menschen vor etwas zu schützen und anderen Menschen deshalb nicht zu erlauben, etwas mit ihnen zu tun, egal ob sie einwilligen oder nicht, das gibt es bereits in unserem Rechtssystem. Dieser Gedanke, einen Menschen trotz seiner Einwilligung in eine Handlung eines anderen schützen zu müssen resultiert aus der Menschenwürde. Es gibt Dinge, die die Menschenwürde derart verletzen, dass ein Mensch in sie nicht einwilligen kann, weil wir als Gesellschaft diese Verletzung der Integrität unter keinen Umständen zulassen möchten. Schon das VG Neustadt schrieb in seinem Beschluss von 1992 zum Zwergenweitwurf:

Die Würde des Menschen ist ein unverfügbarer Wert, auf dessen Beachtung der einzelne nicht wirksam verzichten kann.“[11]

Eine Prostituierte wird wie eine Gummipuppe behandelt und zum Gegenstand der Volkstriebabfuhr verwendet. Wie die Sozialarbeiterin Sabine Constabel sagte: Prostitution ist Selbstbefriedigung am lebenden Objekt. Genau das ist Prostitution. Es ist kein Miteinander, kein Wertschätzen einer Dienstleistung geschweige denn einer Person. Es ist das zur Verfügung stellen eines Körpers, damit andere ihn penetrieren können.

Prostitution, egal ob sie freiwillig stattfindet oder nicht, ist eine Menschenwürdeverletzung, denn es gibt etwas, was sich trotz der Freiwilligkeit der Prostituierten nicht ändert: sie wird vom Freier zu einem Objekt degradiert, zu einem Gegenstand sexueller Benutzung. Gehen Sie in Freierforen und lesen Sie sich die menschenverachtenden Berichte durch, wenn Sie es denn ertragen können.

Das ProstSchG ist keine Lösung, denn es legitimiert weiterhin die Gewalt, die in den Zimmern stattfindet, und versucht aus dieser Gewalt eine bessere Gewalt zu machen, in dem versucht wird die Abläufe zu regeln, das „Außen rum“ sicherer zu gestalten. Aber die eigentliche Verachtung, die Behandlung eines Menschen als Konsumgut, das kann man nicht besser machen. Diese Entmenschlichung bleibt eine Entmenschlichung, egal wie sehr manche Akteure versuchen, diesen Standpunkt weg – oder schönzureden, weil sie Angst um ihre hohen Geldbeträge haben, die ihnen die Prostitution bzw. die Ausbeutung der Menschen darin liefert.

Nur wenige reden über die Nachfrageseite, die Freier. Es ist aber wichtig, sich auf die Freier zu fokussieren, denn letztlich sind sie es, die die Prostituierten im Zimmer brechen und ihnen ihre Würde entziehen. Die Zuhälter und Menschhändler stellen die Frauen auf. Aber es sind unsere Mitbürger, Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen und Familienangehörigen, die sich an der täglichen Zerstörung an tausenden, hunderttausenden von Menschen in der Prostitution schuldig machen.

Und das bedeutet, wir müssen anfangen über sie zu sprechen.

Freier gehören zu den Profiteuren, die aus jedem Gesellschaftsteil unseres Landes kommen und oftmals hohe Positionen innehaben. Sie werden nicht helfen, gegen das System vorzugehen. Die meiste Zeit haben sie gesehen, dass ich und andere Frauen Schmerzen hatten, dass es uns nicht gut ging, dass wir es im Zimmer nur mit Literweise Alkohol ertragen haben. Es hat den Großteil nicht interessiert, viele hat unser Leid sogar angeturnt. Und wer möchte sich schon den „Spaß“ mit einer Prostituierten nehmen lassen und für ein Sexkaufverbot plädieren?

Die Einführung des Sexkaufverbotes ist ein Schritt gegen breite Massen unserer Bevölkerung, nämlich gegen diejenigen, die jeden Tag sexuelle „Dienstleistungen“ in Anspruch nehmen, meistens bewusst das Elend ausnutzen und davon profitieren.

Es gibt nur eine Lösung und die heißt in den drei Hauptpunkten 1) Entkriminalisierung von prostituierten Menschen in jeder Hinsicht, 2) ein Sexkaufverbot und 3) Ausstiegshilfen.

Ich bin noch im Studium. Ich habe kein Geld, keine Zeit und keine Position, in der ich auch nur ansatzweise Macht habe, Gesetze verändern zu können. Ich besitze nicht viel, ich gefährde mich und meine Zukunft, um der Öffentlichkeit zu erzählen, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich habe eigentlich nichts und doch habe ich etwas, was mich antreibt und was der einzige Grund ist, warum ich all das hier mache: eine tiefe Überzeugung, die Leidenschaft und den Willen dafür zu kämpfen, dass sich bei diesem Thema etwas ändern muss, denn ich habe gesehen und weiß, wie das Gesicht der Prostitution in Wahrheit aussieht. Den Sexkauf zu verbieten mag auch eine moralische Frage sein, aber hauptsächlich ist es eine rein menschenrechtliche Frage.

Letztes Jahr war ich in Frankreich. Wenn jemand so wie ich in der Prostitution war, so kann man den Sieg der Gerechtigkeit in der Luft spüren, wenn man durch Frankreichs Straßen läuft. Ich konnte aufatmen, ich hatte mehr Raum, Sicherheit und Freiheit als irgendwo anders bisher. Menschen, die nie in der Prostitution waren, können wahrscheinlich nicht nachempfinden, was es für Menschen wie mich bedeutet, in einem Land wie Frankreich zu sein, in dem genau das verboten ist, von dem ich gesehen habe, dass es unzählige Menschen kaputt gemacht hat und von dem ich weiß, dass es jeden Tag weitere tausende kaputt macht.

Frankreichs Weg ist wie Balsam auf der Seele und für alle Opfer des Ausbeutungssystems der Prostitution eine Hilfe auf dem Weg der Heilung. Ihre Erfahrung und ihr Leid werden anerkannt. Anerkennung von Gewalt ist ein wichtiger Schritt zur Heilung sowie ein unerlässlicher Schritt in Sachen Gewaltprävention.

Viele engagierte Menschen haben für Frankreichs Richtungswechsel gekämpft und es wird ein Kampf bleiben, weil die Sex-Industrie und dessen Profiteure alles tun werden, um diesen Sieg der Gerechtigkeit wieder zu kippen. Die Einführung des Nordischen Modells ist nur der Anfang. Es umzusetzen und es zu halten, so dass alles wirklich funktionieren kann, sind weitere unerlässliche Schritte auf dem Kampf gegen das Prostitutionssystem.

Niemand sagt, dass ein solcher Richtungswechsel einfach werden wird. Der Schritt, den Frankreich mit dem Nordischen Modell gewählt hat, ist kein leichter, sondern eine knallharte Aufgabe, wenn es darum geht, ein Sexkaufverbot und ein neues Gesellschaftsbewusstsein vor allem in der Praxis umzusetzen. Wer aber die Fähigkeit nicht besitzt an bahnbrechende Veränderungen glauben zu können, der sollte nicht Politik machen, denn der Glaube daran, dass es möglich werden kann, ist eine Vorrausetzung, um den Kampf zu gewinnen.

Ich hoffe sehr, dass Frankreich durchhält und dass Deutschland sich anschließen wird.

Ich bitte Sie hier heute aus tiefstem Herzen um Hilfe, denn um dieses organisierte Milliardengeschäft zu bekämpfen, die Menschenwürdeverletzung Prostitution zu beenden, braucht es jede Hand. Es braucht jeden Menschen, der sich engagiert, es braucht so viele von uns, die zusammenhalten und dagegen aufstehen, die sich nicht von einzelnen Akteuren oder Profiteuren blenden lassen. Es braucht Menschlichkeit und den Willen, die Augen nicht zu verschließen, was der bequemere Weg wäre.

Ich bitte Sie anzufangen oder weiterzumachen etwas zu tun und Prostitution einen anderen Namen zu geben, nämlich den Namen, den sie verdient: sexuelle Ausbeutung von Menschen. Sie ist immer sexuelle Ausbeutung, sie ist immer der Handel mit Menschen und ihren Körpern. Sie ist immer eine Objektivierung von Menschen. Ihr Kern ist die Zerstörung der Menschenwürde, auf die jeder Mensch ein Recht hat.

Ich wünsche mir von Herzen, dass Sie hier heute Abend nicht rausgehen und eben einen Vortrag gehört haben, sondern dass Sie nachdenken und das Thema nicht in die Ablage tun, sondern daran arbeiten. Die Menschen da draußen haben keine Zeit zu warten. Sie sind auf Sie angewiesen.

Ich weiß nicht, in welcher Gesellschaft Sie leben möchten, aber ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Kinderträume (wie damals auch meiner) nicht dadurch zerstört werden, dass sie auf dem Strich landen und aufwachsen als wären sie nur dazu da, sexuelle Bedürfnisse anderer befriedigen zu können. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der junge Männer mit dem Bild von Frauen aufwachsen, dass sie jederzeit für 10 Euro verfügbar sind, dass man sie kaufen, benutzen und danach wegwerfen kann. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die Gewalt benennt und ein Vorbild für junge Menschen ist, wie ich damals einer von ihnen war. Ich hätte einen Staat gebraucht, an dem ich mich hätte orientieren können, der mich geschützt hätte, zu einer Zeit, wo ich selbst nicht in der Lage war mich zu schützen. Bei mir ist es vorbei, meine Geschichte ist geschrieben, aber Deutschland kann für andere junge Menschen ein Vorbild werden, wenn es seine Richtung ändert und anfängt einen Weg zu beschreiten, der Respekt gegenüber Menschen, vor allem gegenüber Frauen, vermittelt, anstatt durch Liberalität an der falschen Stelle mit Gesetzen Missachtung und Gewalt zuzulassen und dadurch sogar noch zu bestätigen und zu verstärken.

Ich kann Frau Dr. Ingeborg Kraus nur Recht geben, wenn sie in einer ihrer Reden sagt:

Das deutsche Modell produziert die Hölle auf Erden.“[12]

Ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen und zugehört haben, dass Sie heute überhaupt gekommen sind und ich danke allen, die diesen Abend möglich gemacht haben.

 

 

[1]

http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FTEXT+REPORT+A7-2014-0071+0+DOC+XML+V0%2F%2FDE, https://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P7-TA-2014-0162+0+DOC+XML+V0//EN

[2]

http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FNONSGML+TA+P8-TA-2016-0227+0+DOC+PDF+V0%2F%2FDE.

[3]

http://semantic-pace.net/tools/pdf.aspx?doc=aHR0cDovL2Fzc2VtYmx5LmNvZS5pbnQvbncveG1sL1hSZWYvWDJILURXLWV4dHIuYXNwP2ZpbGVpZD0yMDcxNiZsYW5nPUVO&xsl=aHR0cDovL3NlbWFudGljcGFjZS5uZXQvWHNsdC9QZGYvWFJlZi1XRC1BVC1YTUwyUERGLnhzbA==&xsltparams=ZmlsZWlkPTIwNzE2.

[4]

https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Menschenhandel/menschenhandelBundeslagebild2017.html, S. 9.

[5]

https://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Service/StudienUntersuchungenFachbuecher/Abschlussbericht_Reformkommission_Sexualstrafrecht.pdf;jsessionid=3E7DBC04F3802D21B4C590E9A3A62217.2_cid334?__blob=publicationFile&v=1, S. 1063, 1064.

[6]

https://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Service/StudienUntersuchungenFachbuecher/Abschlussbericht_Reformkommission_Sexualstrafrecht.pdf;jsessionid=3E7DBC04F3802D21B4C590E9A3A62217.2_cid334?__blob=publicationFile&v=1 , S. 488.

[7]

www.prostitutionresearch.com/pdf/Prostitutionin9Countries.pdf.

[8]

https://www.bmfsfj.de/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf Teilpopulation 2, Erhebung bei Prostituierten, S. 85.

[9]

https://www.bmfsfj.de/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf Teilpopulation 2, Erhebung bei Prostituierten, S. 7.

[10]

https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016DC0267&from=DE.

[11]

http://www.saarheim.de/Entscheidungen/VG%20Neustadt%20-%207%20L%201271aus92.htm, para. 11.

[12]

https://www.trauma-and-prostitution.eu/2017/01/03/das-deutsche-modell-produziert-die-hoelle-auf-erden/

Deutschland und die Sache mit der Menschenwürde – Eine Weihnachtsreflexion –

 

Längere Zeit war es jetzt ruhig hier. Ich habe kurz vor Weihnachten einen wichtigen Teil meines Studiums beendet. Durch meinen Schwerpunktbereich habe ich einen großen Einblick in das Europa- und Völkerrecht bekommen, auch in das europäische und internationale Strafrecht sowie in die Geschichte und die Entwicklung des europäischen und internationalen Menschenrechtsschutzes. Ich bin sehr dankbar, dass ich all das lernen kann und diesen Weg nun gehen darf. Ich weiß aber auch um all die Betroffenen, die verzweifelt den Weg raus aus der Prostitution suchen, ihn aber nicht finden, weil sie keine Hilfe oder Angst haben.

Wenn ich an den Anfang meines Studiums zurückblicke, erinnere ich mich an den Zeitpunkt, als ich das erste Mal ein gelbes Nomos Gesetzbuch aus dem öffentlichen Recht vor mir liegen hatte. Auch die deutschen Grundrechte waren Teil dieses Buches. Ich sah Artikel 1 an und war zunächst erstarrt von seiner Wortmächtigkeit. Er liest sich voll tiefer Überzeugung.

Der erste Absatz von Artikel 1 lautet wie folgt:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Nachdem ich den Artikel das erste Mal gelesen habe, wurde ich nachdenklich und traurig. Denn wenn ich eines in diesem Land erlebt habe, dann dass die Menschenwürde nicht nur antastbar anstatt unantastbar ist, sondern dass sie für Menschen in der Prostitution, vor allem junge Mädchen und Frauen, oft gar nicht existiert.

Neulich war ich in Frankreich. Kurz vor der Grenze zu Frankreich fühlte ich eine tiefe Verbundenheit zu diesem Land, weil ich wusste, dass ich, wenn ich gleich die Grenzen überschreite, in einem Land sein werde, welches all das, was ich in diesem Blog hier über Prostitution und Menschenhandel geschrieben habe, versteht und für die Rechte der Schwächsten kämpft.

Frankreich hat 2016 anerkannt, dass Prostitution Gewalt ist und ein Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild eingeführt. In Frankreich ist es demnach verboten, Menschen zur sexuellen Benutzung zu kaufen. Ein weiteres Land hat damit den Kampf aufgenommen, der Menschenwürdeverletzung in der Prostitution nicht mehr tatenlos zuzusehen, sondern dagegen aufzustehen, anstatt wie Deutschland mit fadenscheinigen Argumenten zu resignieren. Frankreich hat sich mit diesem Schritt auf die Seite der Vulnerabelsten der Gesellschaft gestellt und kann verdammt stolz auf sich sein!

Obwohl ich dem System entkommen bin, fühle ich mich von Deutschland allein gelassen. Ich habe unzählige Male auch bei anderen Frauen gesehen, dass Prostitution kein Job ist. Ich habe mit eigenen Augen gesehen wie die Freier rücksichtlos in den Zimmern über die Frauen hergefallen sind und ihnen ihr letztes Stückchen Menschsein genommen haben. Ich habe gesehen, wie sie in unserem „modernen, fortgeschrittenen“ Deutschland verwahrlosen, kaputt gemacht, misshandelt und zutiefst in ihrer Menschenwürde verletzt und derer beraubt werden. Legal – jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde. Und unser Staat kassiert davon auch noch Steuern.

Als ich in Frankreich war, habe ich mich verstanden gefühlt. Meine Würde und die der anderen Frauen wäre verteidigt worden. Kein Mann hätte uns dort legal kaufen können. Keiner hätte uns legal wehtun können, denn Frankreich hat Sexkauf als Unrecht anerkannt. Junge Menschen müssen nicht mit dem Bild aufwachsen, dass es normal ist, sich einen Menschen wie eine Zigarettenschachtel kaufen, benutzen und danach wegwerfen zu können.

Anders in Deutschland: vor ein paar Monaten war ich in Frankfurt und habe dort die Taunusstraße besucht, eine Straße des Frankfurter Rotlichtviertels direkt am Bahnhof. Sie ist jedem zugänglich.

Hier zwei traurige Bilder, wie Kinder und Jugendliche in Deutschland aufwachsen:

 

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Solche Bilder, Werbung und Prostitution an sich prägen den Blick auf alle Frauen.

Als ich am helllichten Tag durch die Taunusstraße gelaufen bin, musste ich mich auch immer wieder daran erinnern zu atmen, denn dieser Anblick hat mir meinen Atem trotz meiner früheren Erfahrung oder vielleicht gerade deswegen genommen. Ich bin enttäuscht und fassungslos, dass unser Staat noch immer nichts tut. Überall sah ich Müll, drogenabhängige Menschen, völlig zugedröhnt mitten auf der Straße – und mittendrin die Prostituierten und die Bordelle.

Diese Straße war trotz ihrer Größe, ihrer direkten Lage beim Bahnhof, leer und verlassen. Nur dunkle Gestalten waren dort zu sehen. Ich fühlte mich am helllichten Tag mitten in der Stadt nicht sicher – und das traurige ist, keiner ist dort sicher. Hier gelten die Regeln des Milieus. Die Polizei und die Justiz sind in Wahrheit nahezu machtlos gegen diese Strukturen, da die Kriminellen Genies sind, wenn es darum geht, legale Strukturen für ihre Machenschaften auszunutzen, was auch die Europäische Kommission bestätigt.[1]

Wann will unsere Gesellschaft, wann will unsere Politik endlich aufwachen? Mitten in Deutschlands Städten befinden sich unzählige, Vergewaltigungslagern ähnliche, Bordelle, abgesegnet vom deutschen Staat. Und nein, es ist nicht übertrieben oder respektlos, dieses Wort zu benutzen. Es ist eine grausame Tatsache, der in die Augen zu sehen endlich angefangen werden sollte.

Wie ich bereits in anderen Beiträgen geschrieben und verlinkt habe, bekennen sich auch das Europäische Parlament und der Europarat zum schwedischen Modell.

Der Schritt, den Frankreich mit dem Nordischen Modell gewählt hat, ist kein leichter, sondern eine knallharte Aufgabe, wenn es darum geht, ein Sexkaufverbot und ein neues Gesellschaftsbewusstsein vor allem in der Praxis umzusetzen. Für viele scheint es unmöglich, immer wieder hört man von der Politik „Deutschland ist noch nicht so weit“. Dazu kann ich nur eines sagen: diejenigen, denen die Fähigkeit fehlt, an das Gute und bahnbrechende Veränderungen zu glauben, die sollten nicht Politik machen, denn der Glaube daran, dass es möglich werden kann, ist eine Voraussetzung, um den Kampf zu gewinnen.

In Deutschland und überall in der Prostitution sind zu viele Profiteure unterwegs, die einen Richtungswechsel sehr erschweren. Als Profiteure bezeichne ich nicht nur Zuhälter und Menschenhändler, sondern vor allem auch die Freier, die aus jedem Gesellschaftsteil unseres Landes kommen und oftmals hohe Positionen innehaben. Wer möchte sich schon den „Spaß“ mit einer Prostituierten nehmen lassen und für ein Sexkaufverbot plädieren? Die Einführung des Sexkaufverbotes ist ein Schritt gegen breite Massen unserer Bevölkerung, nämlich gegen diejenigen, die jeden Tag sexuelle „Dienstleistungen“ in Anspruch nehmen, meistens bewusst das Elend ausnutzen und davon profitieren.

Wenn jemand so wie ich in der Prostitution war, so kann man den Sieg der Gerechtigkeit in der Luft spüren, wenn man durch Frankreichs Straßen läuft. Ich konnte aufatmen, ich hatte mehr Raum, Sicherheit und Freiheit als irgendwo anders bisher. Menschen, die nie in der Prostitution waren, können wahrscheinlich nicht nachempfinden, was es für Menschen wie mich bedeutet, in einem Land wie Frankreich zu sein, in dem genau das verboten ist, von dem ich gesehen habe, dass es unzählige Menschen kaputt gemacht hat und von dem ich weiß, dass es jeden Tag weitere tausende kaputt macht.

Frankreichs Weg ist wie Balsam auf der Seele und für alle Opfer des Ausbeutungssystems der Prostitution eine Hilfe auf dem Weg der Heilung. Ihre Erfahrung und ihr Leid wird anerkannt. Anerkennung von Gewalt ist ein wichtiger Schritt zur Heilung sowie ein unerlässlicher Schritt in Sachen Gewaltprävention.

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Heute bin ich wieder weit von Frankreich entfernt, aber seine Solidarität gegenüber Menschen, wie ich damals einer von ihnen war, spüre ich immer noch. Viele engagierte Menschen haben für Frankreichs Richtungswechsel gekämpft und es wird ein Kampf bleiben, weil die Sex-Industrie und dessen Profiteure alles tun werden, um diesen Sieg der Gerechtigkeit wieder zu kippen. Die Einführung des Nordischen Modells ist nur der Anfang. Es umzusetzen und es zu halten, so dass alles wirklich funktionieren kann, sind weitere unerlässliche Schritte auf dem Kampf gegen das Prostitutionssystem.

Ich hoffe sehr, dass Frankreich durchhält und dass sie alles tun werden, um ihr Gesetz beizubehalten. Es ist der einzig richtige Weg. Wenn man sagt, dass es falsch ist, einen Menschen zu kaufen, seinen Körper zu handeln, dann gibt es nur einen Weg: es zu verbieten, denn von allein wird der Missbrauch leider nicht aufhören.

Deutschland sagt, Menschen üben in der Prostitution einen Beruf aus, eine sexuelle Dienstleistung.

Frankreich sagt, niemand darf Menschen kaufen, niemand hat das Recht, jemanden sexuell zu benutzen, zu einem Objekt zu degradieren, zu verletzen.

Frankreich sagt damit, es gibt hier eine Würde, die unantastbar ist. Sie zu wahren ist eine Schutzpflicht des Staates.

Was Frankreich und andere Länder begriffen haben, muss Deutschland noch lernen.

Die Weihnachtszeit ist eine Zeit der Besinnung, der Wärme, der Liebe und der Empathie. Vergessen werden dürfen aber nicht jene Menschen, die an diesen Tagen in Bordellen oder anderswo in der Prostitution ihr Dasein fristen müssen. Auch ich war einmal an Weihnachten im Bordell mit Freiern, die danach zu ihren Familien nachhause gefahren sind, um nach dem sexuellen Missbrauch an der Prostituierten und dem Betrug an ihren Frauen und Kindern das „Fest der Liebe“ zu feiern. Daher weiß ich, wie scheinheilig und verlogen Weihnachten sein kann. Es ist traurig, aber Realität, dass viele Männer vor oder nach dem Fest Prostituierte aufsuchen, um dem „Familienstress“ zu entkommen.

Ich möchte deshalb an dieser Stelle all diejenigen ins Bewusstsein aller rufen, die es gerade nicht schön haben und in der Weihnachtszeit sexuelle Ausbeutung anstatt Liebe erfahren.

Deutschland, unternimm endlich was!

 

 

[1] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016DC0267&from=DE.

Präventionsarbeit zum Schutz vor „Loverboys“

 

Am 2.1.18 war ich mit Tabita von http://www.freethem.de/ in einer Jugendhilfeeinrichtung für Mädchen. Wir haben dort präventive Arbeit in Form von Aufklärung über „Loverboys“ geleistet und mit den Mädchen über Prostitution und Menschenhandel gesprochen, wie man sich am besten vor „Loverboys“ schützen kann, wie man sie erkennt, was ihre Methoden sind, etc… Tabita hatte die Mädchen im Rahmen ihres Projektes bereits vorher mit dem Thema vertraut gemacht. Danke Tabita und auch Carina von Freethem!

Diese Präventionsarbeit liegt mir sehr am Herzen. Wer in diesem Bereich Infos/Hilfe möchte (LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialpädagogInnen, Hilfeeinrichtungen, etc…) kann sich gerne bei mir melden. Zusammen können wir ein Konzept erstellen, behutsam aufklären, vor allem die Risikogruppen, und damit versuchen besser zu verhindern, dass es Opfer in dem großen Ausmaß gibt. Es ist wichtig, junge Menschen vor so etwas zu warnen und zu schützen!

Mit freundlicher Erlaubnis von Tabita unten ein Foto von uns beiden. Meine liebe Hündin war auch mit dabei, die Mädchen haben sich sehr darüber gefreut und die Atmosphäre wurde dadurch noch entspannter. Tiere können eine sehr schöne Wirkung auf die verschiedensten Typen von Menschen haben. Wir konnten auch viel lachen, das ist wichtig, damit das Thema bei den Mädels nicht zu schwer im Magen liegt.

Ein glückliches und gesundes neues Jahr euch allen!

 

Tabita und Sandra 2 (2)

Rechts: Tabita; Links: Ich

Beitrag bei „Eesti Ekspress“ – Estland

 

Der folgende Beitrag mit mir erschien am 27.12.2017 in der politischen Wochenzeitung „Eesti Ekspress“ in Estland als Druck – und Onlineversion.

 

Hier steht die Onlinefassung:

http://ekspress.delfi.ee/elu/endine-prostituut-see-oli-liinitoo?id=80570726

 

Hier ist die deutsche Übersetzung:

In Deutschland ist Prostitution legal. Sandra lernte damals im Internet einen 20 Jahre älteren Mann kennen, der ihr Liebe vorspielte und anschließend von ihr verlangte sich zu prostituieren als sie noch Schülerin war. 6 Jahre war sie in verschiedenen Bordellen. Allmählich gelang es ihr sich aus der Prostitution zu befreien. Sie begann ihr Abitur nachzuholen, fand ihren ersten Job außerhalb des Rotlichtmilieus und fing danach an zu studieren. Um zu zeigen, dass die deutsche liberale Prostitutionsgesetzgebung nicht der richtige Weg ist, schreibt Sandra seit letztem Jahr den Blog https://mylifeinprostitution.wordpress.com/.

Sie treten nicht mit Ihrem richtigen Namen auf und sagen nicht wo Sie wohnen, aber Sie zeigen Ihr Gesicht. Wieso? Haben Sie nicht Angst, dass die Vergangenheit Sie dadurch irgendwie einholt?
Ich habe lange überlegt, ob ich an die Öffentlichkeit gehen soll. Letztlich habe ich mich dafür entschieden und bereue diese Entscheidung keinesfalls. Dass es mittlerweile natürlich Menschen gibt, die meinen richtigen Namen und Wohnort kennen, war mir von vornherein klar. Ich hatte überlegt, gleich mit echtem Namen aufzutreten, empfand es für mich selbst beim ersten Schritt an die Öffentlichkeit aber als angenehmer zumindest noch einen kleinen Schutz zu bewahren. Meine Vergangenheit ist immer präsent, nun muss ich sie wenigstens nicht mehr verstecken.

Haben Sie je nach dem Ausstieg irgendwo Ihre Kunden getroffen? Haben Sie Angst davor?
Nein, ich habe niemanden getroffen und ich habe auch keine Angst davor. Ich bin nach allem zu einer starken Persönlichkeit herangewachsen. Zudem muss ich ganz ehrlich sagen, dass es Tausende von Männern waren und dass ich die meisten Gesichter gar nicht mehr erkennen würde. Es war wie Fließbandarbeit, Gesichter sind hier Schall und Rauch.

Wie würden Sie Ihren durchschnittlichen Kunden beschreiben? 
Es gab keine durchschnittlichen Kunden. Es waren Männer aus allen Schichten. Alte Männer, junge Männer, auch körperlich und geistig Behinderte, es war zu jederzeit alles dabei. Männer, die bildhübsche Frauen und Kinder hatten, ein tolles Haus, bei denen man denken müsste, genau hier sollte doch alles in Ordnung sein, aber oft waren genau das die Schlimmsten. Die meisten waren liiert oder verheiratet.

Wie sahen Ihre Tage als Prostituierte aus?
Monoton und trist. Es ist als würden Sie in einem Hamsterrad laufen, welches nicht aufhört sich zu drehen. Sie laufen und laufen, ohne Ziele, ohne Wünsche, ohne Träume. Sie schauen nicht nach links, nicht nach rechts, Sie laufen einfach nur geradeaus. Sie denken, Sie laufen um ihr Leben, aber in Wirklichkeit laufen Sie langsam aus dem Leben. Sie haben viele verschiedene Freier, oft Stammfreier. Letztere sind häufig schwerer zu ertragen als „neue“ Freier, weil man bereits zu Beginn weiß, worauf man sich gleich einstellen muss. Um sowas dauerhaft ertragen zu können, konsumieren viele Prostituierte Alkohol und weitere Drogen in Massen. Sehr viele waren auch süchtig – alkoholsüchtig und/oder drogensüchtig.

Wie würden Sie andere Prostituierte beschreiben, die Sie in den 6 Jahren kennengelernt haben? Wie viele kommen aus problematischen Familienverhältnissen? Was ist ihr Hintergrund? Wie viele kommen aus anderen Ländern?
Ich habe fast nur ausländische Prostituierte kennengelernt. Am häufigsten waren blutjunge Frauen aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien, auch aus Tschechien, Polen, der Türkei und Russland waren einige da. Es gab natürlich noch mehr Nationalitäten. Es variiert, je nachdem, wo Sie sich befinden. Was alle gemeinsam hatten waren problematische Vorverhältnisse. Extreme Armut und (sexuelle) Gewalt prägten ihr Leben, manche hatten gar keine Familie, für sie war der Ausbeuter, ihr Zuhälter, ihre Familie. Nach dem Motto: lieber einen Menschen haben, der einen schlecht behandelt, als gar niemanden haben. Oftmals war auch die eigene Familie der Zuhälter. Viele waren Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Es sind meist katastrophale Zustände von denen die Freier profitieren. Es gibt so viele Menschen, die sagen, Prostitution sei im Großen und Ganzen in Ordnung – wenn sie die Innenansichten sehen könnten, würden sie gewiss anders denken.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Arbeit als Juristin?
Ja, es macht mir Freude zu helfen. Im Gegensatz zu früher möchte ich mich dabei aber selbst nicht mehr aufgeben. Das Thema Prostitution liegt mir sehr am Herzen, aber auch andere Themen wie der Tierschutz und die Umwelt, hier vor allem die Meere. Früher wollte ich Meeresbiologin werden. Mein Berufswunsch hat sich geändert, aber meine Liebe zum Meer ist geblieben. Es gibt auf vielen Gebieten einiges zu tun.

Sie haben im Spiegel-Interview gesagt, Sie wollen den 90 Prozent Frauen aus Osteuropa helfen, die keine Stimme in der Prostitution haben. Was meinen Sie damit? 
Menschen, die in der Prostitution Leid erleben, können sich nicht in Vereinen organisieren um auszudrücken, wie es ihnen geht. Sie sind damit beschäftigt um ihr Überleben zu kämpfen. Ihre Nöte, Ängste und Sehnsüchte dringen nicht nach außen an die Öffentlichkeit, sie werden nicht wahrgenommen. Es wird deshalb manchmal so dargestellt als ob es nicht viele von ihnen gäbe. Das ist falsch und nicht nur ich, sondern viele andere Personen und Organisationen wollen genau diese vielen Menschen in der Prostitution nicht im Stich lassen, die momentan eben größtenteils, aber natürlich nicht nur, aus dem Ausland kommen. Es gibt auch zahlreiche deutsche Prostituierte, die in ihrem eigenen Land kaputt gehen. Wir wollen die Not aller in die Öffentlichkeit tragen, damit unsere Gesellschaft fähig ist, die Missstände sehen zu können. Nur so kann sich etwas verändern und nur durch Veränderung können viele in der Prostitution ernsthafte Hilfe erhalten und dem System entfliehen.

Wie ist die Abschaffung der Prostitution möglich? Was müssen der Staat, die Gesellschaft, die Leute, die Gesetze dafür tun?
Viele Leute belächeln einen, wenn man sagt, man möchte die Prostitution abschaffen, weil das undenkbar sei. Was auf dieser Welt scheint alles undenkbar? Sehr vieles. Glauben Sie, dass es jemals eine Welt ohne Krieg geben wird? Für viele undenkbar und dennoch setzt man sich das Ziel des Weltfriedens. Glauben Sie, dass es jemals eine Welt ohne Sklaverei geben wird? Für die meisten undenkbar und dennoch ist Sklaverei in verschiedenen Gesetzestexten ausdrücklich verboten – man möchte sie abschaffen. Es geht darum, den Glauben daran nicht zu verlieren, dass es möglich werden kann. Prostitution einfach so zu akzeptieren bedeutet nur eines: Resignation. Wir sollten aufhören mit fadenscheinigen Argumenten zu resignieren und diese Art der Objektivierung von Menschen nicht einfach so hinnehmen. Nötig ist ein Sexkaufverbot wie es das „Nordische Modell“, erstmals 1999 in Schweden eingeführt, vorsieht. Es braucht ernsthafte Ausstiegshilfen, eine intensive Debatte und Aufklärung in der Gesellschaft über Prostitution. Und ein Punkt, der mir auch wichtig ist: Diskussionen und Ansätze darüber, wie man Prostituierte, die auch bei Einführung des „Nordischen Modells“ in der Prostitution sind, am besten unterstützen kann.

Wie viel ist in der deutschen Öffentlichkeit von der Prostitution die Rede? Und wie? Sieht man das als ein Problem oder eher eine Arbeit als jede andere? Was stört Sie bei der Rhetorik am meisten?
Die Öffentlichkeit beginnt nach und nach immer weiter zu sehen, was Prostitution wirklich ist. Viele Menschen arbeiten daran. Zum Beispiel der Verein „Sisters e.V.“, in dem ich auch Mitglied bin. Er hilft Frauen aus der Prostitution und betreibt Aufklärungsarbeit. Es existiert eine dazugehörige Kampagne namens „Rotlicht-Aus“. Hier gab es bereits Aktionen in deutschen Städten, wo Plakate aufgehängt wurden mit dem Titel: „Zu verkaufen: Körper, Freiheit, Würde“. Mit solchen und anderen Aktionen wird das Thema immer weiter in den Fokus der Gesellschaft gerückt, sie wird aufmerksam gemacht und sensibilisiert. Viele argumentieren, wer sich freiwillig prostituieren möchte, der soll es tun dürfen, der Staat solle sich nicht einmischen. Das „Nordische Modell“ verbietet Menschen nicht, sich zu prostituieren. Es verbietet den Kauf sexueller Dienste, nicht den Verkauf. Simon Häggström, ein Polizeikommissar der Anti-Prostitutionseinheit in Schweden, schreibt in seinem Buch „Shadow‘s Law“ noch etwas Wesentliches, nämlich dass die Kriminalisierung von Sexkauf vor allem auch anstrebt, hunderttausende von Frauen und Kindern auf der Welt besser zu schützen, die sich in den Fängen von Menschenhändlern befinden.

Geht man von den Zuhältern und Menschenhändlern weg, habe ich gesehen, was die Prostitution generell aus Menschen macht. Was zwischen Freier und Prostituierter im Zimmer passiert, das ist keine Arbeit. Melissa Farley betont, dass das Tolerieren von sexuellem Missbrauch die Arbeitsbeschreibung der Prostitution ist. Genau so habe ich es erlebt und bei anderen Frauen gesehen. Das sollte ein Staat, der es sich zur Aufgabe macht Menschenrechte zu schützen, nicht hinnehmen.

 

 

Bordell Deutschland „Milliardengeschäft Prostitution“ – Dokumentation (ca. 90 Min.)

 

Hier könnt ihr die Doku und einen Ausschnitt aus „Hallo Deutschland“ anschauen.

 

sandra

 


 

Nachrichten | hallo deutschland Ausstieg aus der Prostitution

„Sandra Norak ist eine Gymnasialschülerin, hübsch, blond – und einsam. Sie chattet im Internet, verliebt sich – aber in den falschen Mann. Denn: ihr damaliger Freund drängt sie in die Prostitution. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.“

https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/ausstieg-aus-der-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo-Dokumentation „Bordell Deutschland – Milliardengeschäft Prostitution“ komplett, abrufbar von 22 – 6 Uhr:

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/bordell-deutschland-milliardengeschaeft-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo Dokumentation über Prostitution, 18.11. um 22 Uhr

 

Sandra

Fotoquelle: ZDF / Jan Sindel

 

Am Samstag, den 18.11. um 22 Uhr, läuft eine Dokumentation über Prostitution auf ZDFinfo, wo ich auch zu sehen bin (siehe Bild). Man kann sich das Ganze aber auch danach in der Mediathek ansehen.

Hier der Text zur Dokumentation:

Prostitution und organisierte Kriminalität
 
„Bordell Deutschland“: Diese TV-Doku wird für Wirbel sorgen
Von Frank Rauscher

Sie werden geschlagen, missbraucht und ausgebeutet: Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. In der TV-Doku „Bordell Deutschland“ kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.

Für fast alles gibt es in Deutschland Statistiken. Ohne Zweifel ließe sich jedoch die Zahl der freilaufenden Hühner exakter benennen, als die der Frauen, die hierzulande dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Denn: Für den Bereich der Prostitution gibt es keine belastbaren Zahlen, weiß der Kriminalist Manfred Paulus. Schätzungen gingen von 400.000 bis zu über einer Million aktuell in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen aus, laut statistischem Bundesamt nehmen täglich rund 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Und „seit der Legalisierung werden es immer mehr“, sagt Paulus, der drei Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelte und nun auch als Protagonist einer der umfassendsten TV-Dokus, die je zu diesem Themenkomplex gedreht wurden, gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel ankämpft. Die Legalisierung der Prostitution, die mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz de facto erfolgte, steht im Fokus des spielfilmlangen Beitrags, der sich unter dem Titel „Bordell Deutschland“ am Samstag, 18. November 2017 (22 Uhr, ZDFinfo), mit dem „Milliardengeschäft Prostitution“ befasst.

„Legalisierung“: Das klingt positiv, doch schon das ist eines der Probleme, wie der engagierte Film von Christian P. Stracke verdeutlicht. Die Begrifflichkeit mag dem Freier das Gewissen erleichtern, aber hilft so ein Schlagwort auch den Frauen?

Der Journalist geht, ohne irgendetwas zu beschönigen, der Frage nach, warum Deutschland zur internationalen Drehscheibe für Zwangsprostitution und Mädchenhandel geworden ist. „Was läuft falsch bei uns?“, heißt es gleich zu Beginn des Beitrages, der Antworten liefert, die niemandem gefallen und viel Staub aufwirbeln dürften. Was auch der Sender erkannt hat: Der Film über die Zusammenhänge von Zuhälterei, Prostitution und internationalem Menschenhandel war zunächst auf 45 Minuten angelegt. ZDFinfo hat sich aber „aufgrund der Fülle von Aspekten und Standpunkten“ für eine Verdopplung der Länge entschieden. „Eine entsprechende Anpassung war schnell und unkompliziert möglich, ein Vorteil, den vermutlich nur ZDFinfo bieten kann“, heißt es jetzt seitens der Produktion. Schließlich gibt es im Digitalkanal keine genormten Sendeformate.

Authentische Innenansichten einer Parallelwelt

Über ein Jahr recherchierte Stracke an seiner Story, die ohne die Voyeurismuskarte zu spielen beinahe so packend wie ein Thriller ist, weil sie authentische Innenansichten einer tabuisierten und immer wieder als „schillernd“ oder „cool“ verklärten Parallelwelt präsentiert. Er sprach mit Prostituierten, Polizisten, Sozialarbeitern, Vertretern des Prostituiertenverbandes, Politikern und Psychologen. Stracke ist quer durch Deutschland gereist, hat sich vor Ort vom Edelbordell bis zum Straßenstrich ein Bild von den Ausprägungen der Prostitution gemacht.

Zu Wort kommen auch eher exotisch anmutende Protagonistinnen wie Cleo aus Berlin, die – freiwillig, wie sie betont – in einer „Erlebniswohnung“ an Gangbang-Partys teilnimmt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau. Oder Typen wie Andreas Marquardt, der früher als Zuhälter die Frauen nach eigener Aussage „wie Dreck“ behandelte, wegen Menschenhandels im Gefängnis saß und sich heute für Gewaltprävention einsetzt. Vor allem aber prägen Frauen wie Sandra Norak Strackes Film. Sie hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und den Ausstieg geschafft. Dabei hat sie fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Gewalt gesehen.

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihr Leben und ein Gewerbe, das sie „fast kaputt gemacht“ habe. „Das ist keine Arbeit“, sagt sie, „das ist einfach nur Gewalt, was man da erlebt … Und ich hatte da bestimmt 400/500 Männer in vier Wochen.“ Die heute 27-Jährige geht mit ihrer Geschichte jetzt ganz bewusst an die Öffentlichkeit, möchte mit dem Mythos der Freiwilligkeit aufräumen, sie studiert Jura und setzt sich für die Abschaffung der Prostitution ein. „In jedem Club, in dem ich war, habe ich Menschenhandel gesehen“, berichtet sie. „Ich habe natürlich auch Frauen gesehen, die geschlagen werden. Und ich habe auch Freier gesehen, die das gesehen haben und dann trotzdem die Dienstleistung in Anspruch genommen haben.“

Neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen

Kein Einzelfall, wie Denisa, eine junge Rumänin, die nun, nach ihrem Ausstieg ebenfalls gegen die Missstände ankämpft. Jahrelang hat sie in Deutschland als Zwangsprostituierte gearbeitet, sie weiß alles über die Hintergrunde des Geschäfts: „90 Prozent haben Zuhälter“, sagt sie und berichtet aus eigener Erfahrung: „Die Männer sind scharf auf Minderjährige. Es gibt so viele Pädophile.“ Dem Mythos der Freiwilligkeit widerspricht die ehemalige Zwangsprostituierte entschieden: „Die Freier denken sich, die macht das aus Spaß. Du musst so tun, als ob es dir gut geht, aber innerlich geht’s dir nicht gut.“

Zu der Einschätzung gelangen auch Experten der Polizei, ihren Angaben zu Folge werden neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen. Heute spricht Denisa in rumänischen Armenbezirken vor Schulkassen, um die Mädchen zu warnen und sie, genau wie der Kriminalist Manfred Paulus, über die Maschen der als „Loverboys“ getarnten Handlanger der Mädchenhändler aufzuklären.

Die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus vergleicht den Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern. Fast 70 Prozent der Frauen leiden unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung: „Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen.“ Die Sterblichkeitsrate unter Prostituierten ist 40-mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, heißt es in der Doku. Allein das Risiko, ermordet zu werden, sei über 18-mal höher als bei anderen Frauen – unabhängig davon, ob sie freiwillg arbeiten oder dazu gezwungen werden.

Ungeachtet all dieser Hintergründe, das macht der sauber recherchierte Film deutlich, haben Escortangebote und Bordelle in Deutschland mehr Zulauf denn je. Das Marketing der Freudenhäuser hat sich offenbar der Mentalität der Freier angepasst: „Komm so oft du willst“, „All you can fuck“ oder „20 Minuten Sex für 20 Euro – der Spartarif im Discountpuff“ – so werben Flatrate-Puffs in den Städten. In Online-Foren tauschen sich Männer ungeniert und oft auf menschenverachtende Weise über die Leistungen der Sexarbeiterinnen aus.

Deutschland als Reiseziel für Freier

Vor der Kamera wollte kaum einer offen über so etwas Auskunft geben, aber während der Recherchen hat Autor Stracke mit vielen Freiern gesprochen. Sein Eindruck: Unrechtsbewusstsein ist auf Seiten der Männer kaum vorhanden. So ist Deutschland auch zu einem der begehrtesten Reiseziele für Freier aus alle Welt geworden. „Besuche über zehn Clubs in sechs Tagen“, preist ein Veranstalter ungeniert ein Package mit Kunst und Kultur an, das die Kundschaft ins „Bordell Deutschland“ locken soll.

Die Frage ist, wie es so weit kommen konnte. Glaubt man diesem Film, der auch die Tätigkeit der Prostituiertenverbände kritisch hinterfragt, kamen mehrere Faktoren auf unselige Weise zusammen: Das fraglos gut gemeinte Gesetz zur Legalisierung der Prostitution von 2002 hat den Bordellbetreibern und Freiern mehr geholfen als den Frauen. Seine Einführung ging zeitlich mit der EU-Osterweiterung einher, derweil sich in Deutschland gerade eine „Geiz ist geil“-Mentalität breitmachte.

Während bei den Mädchen wenig hängen bleibt, lässt sich mit der Prostitution viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt bringt allein eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr. Und auch der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit. Der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß, es kommen immer mehr und immer jüngere Frauen, die alles ungeschützt mitmachen …

Vorbild Schweden

Ob sich mit dem seit Juli geltenden „Prostituiertenschutzgesetz“, welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich. Anfangs, so lässt der Autor Christian P. Stracke durchblicken, sei auch er der Meinung gewesen, dass freiwillige Prostitution erlaubt sein sollte. Mittlerweile ist er aber zu der Überzeugung gelangt, auch freiwillige Prostitution verletze die Menschenrechte. „Deshalb muss sich dringend etwas ändern“, fordert er. „Doch um Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam einzudämmen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.“ Für ihn ein Vorbild: das nordische Modell in Schweden, das mit dem Sexkaufverbot den Freier bestraft.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

 

Link: prisma.de

 

Auf die Freiheit!

Video unten: Klaus Ferdinand Hempfling – Free and Connected

„Freedom of spirit… Authentic and real… Connection of body and spirit…“

„It is all in us

Be yourself

 

Gespräch mit Lisa Harmann

 

Lisa Harmann hat mir ein paar Fragen gestellt:

Sandra Norak* schaffte zum ersten Mal an, da war sie 18. Es sollte sechs Jahre lang dauern, bis sie sich selbst aus dem Sumpf der Prostitution befreien konnte. Heute macht sie sich für das „Nordische Modell“ stark, in dem unter anderem Freier für ihren Besuch bei Prostituierten bestraft werden – und hat dafür ihre Gründe.

Frau Norak, Sie sind Jura-Studentin, 27 Jahre alt, aber Sie sind nicht wie die anderen in Ihrem Jahrgang, denn von 2008 bis 2014 waren Sie in der Prostitution. Wie kam es dazu?

Sandra Norak: Als Schülerin lernte ich im Internet einen „Loverboy“ kennen. Während ich zuhause große Probleme hatte, vermittelte er mir Halt und Liebe und ebnete mir den Weg in die Prostitution.

Wusste Ihre Familie davon?

Norak: Ein paar Leute fanden heraus, dass ich mich prostituierte, aber sie wussten nicht über die wirklichen Umstände Bescheid.

Selbst schuld, sagen einige, wenn man sich auf einen „Loverboy“ einlässt. Was entgegnen Sie ihnen?

Norak: „Loverboys“ sind Männer, die gezielt nach jungen Mädchen oder Frauen Ausschau halten und ihnen Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie binden sie emotional an sich und erst wenn diese Bindung besteht, kommt die Prostitution ins Spiel, wobei es verschiedene Vorgehensweisen von „Loverboys“ gibt.

Meiner war um die 20 Jahre älter als ich und ein Ex-Fremdenlegionär. Er verherrlichte das Buch „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Dieses Buch ist ein Kriegsstrategie-Klassiker. Die Autorin und Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, welches das Thema „seelische Gewalt“ behandelt, einige Male auf Sun Tsus Buch indem sie seine Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen überträgt und nennt Menschen, die beispielsweise wie mein „Loverboy“ agieren, „die Perversen“. Ihr Buch fand ich erst vor einiger Zeit. „Loverboys“ planen alles von Anfang an. Vor allem junge Menschen sind leicht manipulierbar und sehr gefährdet.

Haben Sie das Gefühl, dass jede Frau auf so einen Menschen reinfallen könnte?

Norak: Nein, es gibt „Push“ – und „Pull-Faktoren“ im Bereich des Menschenhandels, vor allem bei der Migration osteuropäischer Frauen, die in der Prostitution landen. Während Push-Faktoren Menschen in Richtung Prostitution drücken können, wie zum Beispiel Perspektivlosigkeit und Armut, (sexuelle) Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit, etc., können Pull-Faktoren weiter hineinziehen, wie die „Loverboys“ mit ihren falschen Versprechen oder bei Osteuropäerinnen oftmals das Versprechen eines guten Jobs und eines besseren Lebens in Deutschland. Die „Loverboy-Methode“ ist ein komplexer, durchgeplanter und perfider Isolationsprozess. Im Rotlichtmilieu gibt es regelrechte „Schulen“, um diese Taktik beherrschen zu lernen.

Wie sah denn Ihr Tagesablauf damals aus? Gab es da Routinen?

Norak: Mich prostituieren, essen, schlafen. Ich bekam vom Leben draußen gar nichts mehr mit und verwahrloste immer mehr.

Welche Menschen kamen in diesen sechs Jahren zu Ihnen?

Norak: Alle Möglichen. Freier aus jeder Schicht, jedem Beruf, Behinderte, alte und junge Leute, Ledige, Verheiratete, Singles – wobei die meisten liiert oder verheiratet waren. Erschreckend fand ich die hohe Anzahl an Familienvätern. Ich musste feststellen, dass wir leider in einer sehr verlogenen Gesellschaft leben.

Was war das Schlimmste?

Norak: Die Prostitution an sich ist schlimm. Es gibt keine guten Freier und Escort ist genauso Prostitution und seelenraubend wie jede andere Form der Prostitution. Ich hatte viel mit Prostituierten zu tun und egal welche Form sie gerade ausübten oder welchen Freier sie gerade hatten, sie waren danach immer am Ende.

Wie haben Sie das ausgehalten?

Norak: Erst dissoziiert und dann mit viel Alkohol. Seit Beginn des Jura-Studiums beschäftige ich mich auch sehr viel mit der Psychotraumatologie im Hinblick auf die Prostitution und es ist essenziell, dass Menschen darüber Bescheid wissen, wenn sie über Prostitution sprechen. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, eine Abspaltung des Empfindens. Wenn, wie hier, sexuelle Handlungen der Freier unerträglich werden und man physisch nicht weg kann, lässt die Dissoziation einen abschalten. Bewusstsein und Wahrnehmung werden getrübt, man befindet sich in einer Art Trance-Zustand und ist depersonalisiert.

Welche Folgen hatte das?

Norak: Auch wenn Sie dissoziieren, erleben Sie die Situationen natürlich trotzdem. Wenn Sie nun nach den Zimmergängen mit bestimmten Schlüsselreizen wie zum Beispiel dem Parfum des Freiers in Berührung kommen, kann das Flashbacks auslösen. Sie erleben dann vergangene Situationen oder Gefühlszustände wieder und zwar in extremer Stärke. Ich hatte viel mit Panikattacken zu kämpfen. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war. Im Bordell und leider auch in den meisten Beratungsstellen sitzen keine spezialisierten Fachkräfte aus diesem Bereich.

Hatten Sie Hilfe in dieser Zeit?

Norak: Nein, aber ich habe mich auch verschlossen. Das ist ein großes Problem: Die wenigsten Prostituierten trauen sich überhaupt Hilfe zu suchen, weil sie wissen, dass sie so tief unten sind, dass richtige und ernsthafte Hilfe raus aus diesem elendigen Leben leider in unserem Land so gut wie nicht existiert.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?

Norak: Nach ein paar Jahren in der Prostitution habe ich angefangen im Bordell mein abgebrochenes Abitur per Fernstudium nachzuholen, machte unbezahlte Praktika um meinen Lebenslauf zu füllen, bekam einen Minijob und letztlich dann einen Vollzeitjob, der mir den kompletten Ausstieg ermöglichte.

Wie ging es Ihnen danach?

Norak: Nicht gut. Ich hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen und wusste sehr lange Zeit nicht, was da überhaupt mit mir los war.

Sie sagen, im Grunde prostituiert sich niemand freiwillig, wie meinen Sie das genau?

Norak: Ich habe keine Frau gesehen, die in der Prostitution sein wollte. Nun wird oft angebracht, es gäbe ja auch Menschen, die nicht gerne putzen wollen und trotzdem putzen gehen. Das kann man nur ganz und gar nicht vergleichen. Wenn erfahrene Traumatherapeutinnen und Traumatherapeuten über die Folgen von Prostitution sprechen, dann berichten sie von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, die sich nur nach schweren Traumatisierungen entwickeln können. Beim Putzen bekommt man die sicher nicht. In der Literatur über Trauma und Prostitution findet man auch Studien darüber, dass die überwiegende Anzahl an Frauen, die sich freiwillig prostituieren, bereits in ihrer Kindheit diverse Formen von Gewalt erlebten und die Gewalt, wie sie sie dann auch weiter in der Prostitution erfahren, einzig durch die bereits entwickelten Schutzmechanismen aushalten können und dabei aber weiter traumatisiert werden. Hier von Freiwilligkeit zu sprechen ist zynisch. Es geht auch nicht darum, Prostituierte zu pathologisieren, sondern darum zu verstehen, dass Prostitution ein in sich geschlossenes Gewaltsystem ist.

Sie schreiben das Blog „Die Wahrheit über das Leben in der Prostitution“ und gehen mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Warum?

Norak: Ich mag nicht mehr einfach zusehen wie Menschen in der Prostitution jeden Tag systematisch zerstört werden und will das Leid, was ich gesehen habe, nicht mit verantworten. Nichts tun, obwohl man etwas tun kann, bedeutet mit verantworten. Wir haben in unserer Gesellschaft schon viel zu viel Gleichgültigkeitsempfinden in Bezug auf so viele Dinge.

Heute kämpfen Sie für die Abschaffung der Prostitution. Wie engagieren Sie sich?

Norak: Ich schreibe, um zu versuchen, das Thema verständlicher zu machen und bin Mitglied bei „Sisters e.V.“. Ich unterstütze die Kampagne „Rotlichtaus“, denn wir brauchen in Deutschland und noch in vielen anderen Ländern das „Nordische Modell“. Auch das Europäische Parlament hat sich 2014 dafür ausgesprochen. Erfahrungen zufolge ist es zudem das effektivste Mittel gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Bereits viele Menschen und Organisationen, auch auf internationaler Ebene, stellen sich schon seit einigen Jahren unermüdlich dem Kampf gegen Prostitution und Menschenhandel. Einfach ist dieser Weg nicht, aber es ist ein Weg, den es lohnt zu gehen. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen anfangen ihn zu beschreiten.

*Sandra Norak ist der Name, mit dem sich die Interviewte der Öffentlichkeit stellt. Es ist nicht ihr richtiger Name.

 

Quelle: