Presse

Bordell Deutschland „Milliardengeschäft Prostitution“ – Dokumentation (ca. 90 Min.)

 

Hier könnt ihr die Doku und einen Ausschnitt aus „Hallo Deutschland“ anschauen.

 

sandra

 


 

Nachrichten | hallo deutschland Ausstieg aus der Prostitution

„Sandra Norak ist eine Gymnasialschülerin, hübsch, blond – und einsam. Sie chattet im Internet, verliebt sich – aber in den falschen Mann. Denn: ihr damaliger Freund drängt sie in die Prostitution. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.“

https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/ausstieg-aus-der-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo-Dokumentation „Bordell Deutschland – Milliardengeschäft Prostitution“ komplett, abrufbar von 22 – 6 Uhr:

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/bordell-deutschland-milliardengeschaeft-prostitution-102.html

 


 

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ZDFinfo Dokumentation über Prostitution, 18.11. um 22 Uhr

 

Sandra

Fotoquelle: ZDF / Jan Sindel

 

Am Samstag, den 18.11. um 22 Uhr, läuft eine Dokumentation über Prostitution auf ZDFinfo, wo ich auch zu sehen bin (siehe Bild). Man kann sich das Ganze aber auch danach in der Mediathek ansehen.

Hier der Text zur Dokumentation:

Prostitution und organisierte Kriminalität
 
„Bordell Deutschland“: Diese TV-Doku wird für Wirbel sorgen
Von Frank Rauscher

Sie werden geschlagen, missbraucht und ausgebeutet: Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. In der TV-Doku „Bordell Deutschland“ kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.

Für fast alles gibt es in Deutschland Statistiken. Ohne Zweifel ließe sich jedoch die Zahl der freilaufenden Hühner exakter benennen, als die der Frauen, die hierzulande dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Denn: Für den Bereich der Prostitution gibt es keine belastbaren Zahlen, weiß der Kriminalist Manfred Paulus. Schätzungen gingen von 400.000 bis zu über einer Million aktuell in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen aus, laut statistischem Bundesamt nehmen täglich rund 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Und „seit der Legalisierung werden es immer mehr“, sagt Paulus, der drei Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelte und nun auch als Protagonist einer der umfassendsten TV-Dokus, die je zu diesem Themenkomplex gedreht wurden, gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel ankämpft. Die Legalisierung der Prostitution, die mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz de facto erfolgte, steht im Fokus des spielfilmlangen Beitrags, der sich unter dem Titel „Bordell Deutschland“ am Samstag, 18. November 2017 (22 Uhr, ZDFinfo), mit dem „Milliardengeschäft Prostitution“ befasst.

„Legalisierung“: Das klingt positiv, doch schon das ist eines der Probleme, wie der engagierte Film von Christian P. Stracke verdeutlicht. Die Begrifflichkeit mag dem Freier das Gewissen erleichtern, aber hilft so ein Schlagwort auch den Frauen?

Der Journalist geht, ohne irgendetwas zu beschönigen, der Frage nach, warum Deutschland zur internationalen Drehscheibe für Zwangsprostitution und Mädchenhandel geworden ist. „Was läuft falsch bei uns?“, heißt es gleich zu Beginn des Beitrages, der Antworten liefert, die niemandem gefallen und viel Staub aufwirbeln dürften. Was auch der Sender erkannt hat: Der Film über die Zusammenhänge von Zuhälterei, Prostitution und internationalem Menschenhandel war zunächst auf 45 Minuten angelegt. ZDFinfo hat sich aber „aufgrund der Fülle von Aspekten und Standpunkten“ für eine Verdopplung der Länge entschieden. „Eine entsprechende Anpassung war schnell und unkompliziert möglich, ein Vorteil, den vermutlich nur ZDFinfo bieten kann“, heißt es jetzt seitens der Produktion. Schließlich gibt es im Digitalkanal keine genormten Sendeformate.

Authentische Innenansichten einer Parallelwelt

Über ein Jahr recherchierte Stracke an seiner Story, die ohne die Voyeurismuskarte zu spielen beinahe so packend wie ein Thriller ist, weil sie authentische Innenansichten einer tabuisierten und immer wieder als „schillernd“ oder „cool“ verklärten Parallelwelt präsentiert. Er sprach mit Prostituierten, Polizisten, Sozialarbeitern, Vertretern des Prostituiertenverbandes, Politikern und Psychologen. Stracke ist quer durch Deutschland gereist, hat sich vor Ort vom Edelbordell bis zum Straßenstrich ein Bild von den Ausprägungen der Prostitution gemacht.

Zu Wort kommen auch eher exotisch anmutende Protagonistinnen wie Cleo aus Berlin, die – freiwillig, wie sie betont – in einer „Erlebniswohnung“ an Gangbang-Partys teilnimmt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau. Oder Typen wie Andreas Marquardt, der früher als Zuhälter die Frauen nach eigener Aussage „wie Dreck“ behandelte, wegen Menschenhandels im Gefängnis saß und sich heute für Gewaltprävention einsetzt. Vor allem aber prägen Frauen wie Sandra Norak Strackes Film. Sie hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und den Ausstieg geschafft. Dabei hat sie fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Gewalt gesehen.

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihr Leben und ein Gewerbe, das sie „fast kaputt gemacht“ habe. „Das ist keine Arbeit“, sagt sie, „das ist einfach nur Gewalt, was man da erlebt … Und ich hatte da bestimmt 400/500 Männer in vier Wochen.“ Die heute 27-Jährige geht mit ihrer Geschichte jetzt ganz bewusst an die Öffentlichkeit, möchte mit dem Mythos der Freiwilligkeit aufräumen, sie studiert Jura und setzt sich für die Abschaffung der Prostitution ein. „In jedem Club, in dem ich war, habe ich Menschenhandel gesehen“, berichtet sie. „Ich habe natürlich auch Frauen gesehen, die geschlagen werden. Und ich habe auch Freier gesehen, die das gesehen haben und dann trotzdem die Dienstleistung in Anspruch genommen haben.“

Neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen

Kein Einzelfall, wie Denisa, eine junge Rumänin, die nun, nach ihrem Ausstieg ebenfalls gegen die Missstände ankämpft. Jahrelang hat sie in Deutschland als Zwangsprostituierte gearbeitet, sie weiß alles über die Hintergrunde des Geschäfts: „90 Prozent haben Zuhälter“, sagt sie und berichtet aus eigener Erfahrung: „Die Männer sind scharf auf Minderjährige. Es gibt so viele Pädophile.“ Dem Mythos der Freiwilligkeit widerspricht die ehemalige Zwangsprostituierte entschieden: „Die Freier denken sich, die macht das aus Spaß. Du musst so tun, als ob es dir gut geht, aber innerlich geht’s dir nicht gut.“

Zu der Einschätzung gelangen auch Experten der Polizei, ihren Angaben zu Folge werden neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen. Heute spricht Denisa in rumänischen Armenbezirken vor Schulkassen, um die Mädchen zu warnen und sie, genau wie der Kriminalist Manfred Paulus, über die Maschen der als „Loverboys“ getarnten Handlanger der Mädchenhändler aufzuklären.

Die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus vergleicht den Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern. Fast 70 Prozent der Frauen leiden unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung: „Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen.“ Die Sterblichkeitsrate unter Prostituierten ist 40-mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, heißt es in der Doku. Allein das Risiko, ermordet zu werden, sei über 18-mal höher als bei anderen Frauen – unabhängig davon, ob sie freiwillg arbeiten oder dazu gezwungen werden.

Ungeachtet all dieser Hintergründe, das macht der sauber recherchierte Film deutlich, haben Escortangebote und Bordelle in Deutschland mehr Zulauf denn je. Das Marketing der Freudenhäuser hat sich offenbar der Mentalität der Freier angepasst: „Komm so oft du willst“, „All you can fuck“ oder „20 Minuten Sex für 20 Euro – der Spartarif im Discountpuff“ – so werben Flatrate-Puffs in den Städten. In Online-Foren tauschen sich Männer ungeniert und oft auf menschenverachtende Weise über die Leistungen der Sexarbeiterinnen aus.

Deutschland als Reiseziel für Freier

Vor der Kamera wollte kaum einer offen über so etwas Auskunft geben, aber während der Recherchen hat Autor Stracke mit vielen Freiern gesprochen. Sein Eindruck: Unrechtsbewusstsein ist auf Seiten der Männer kaum vorhanden. So ist Deutschland auch zu einem der begehrtesten Reiseziele für Freier aus alle Welt geworden. „Besuche über zehn Clubs in sechs Tagen“, preist ein Veranstalter ungeniert ein Package mit Kunst und Kultur an, das die Kundschaft ins „Bordell Deutschland“ locken soll.

Die Frage ist, wie es so weit kommen konnte. Glaubt man diesem Film, der auch die Tätigkeit der Prostituiertenverbände kritisch hinterfragt, kamen mehrere Faktoren auf unselige Weise zusammen: Das fraglos gut gemeinte Gesetz zur Legalisierung der Prostitution von 2002 hat den Bordellbetreibern und Freiern mehr geholfen als den Frauen. Seine Einführung ging zeitlich mit der EU-Osterweiterung einher, derweil sich in Deutschland gerade eine „Geiz ist geil“-Mentalität breitmachte.

Während bei den Mädchen wenig hängen bleibt, lässt sich mit der Prostitution viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt bringt allein eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr. Und auch der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit. Der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß, es kommen immer mehr und immer jüngere Frauen, die alles ungeschützt mitmachen …

Vorbild Schweden

Ob sich mit dem seit Juli geltenden „Prostituiertenschutzgesetz“, welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich. Anfangs, so lässt der Autor Christian P. Stracke durchblicken, sei auch er der Meinung gewesen, dass freiwillige Prostitution erlaubt sein sollte. Mittlerweile ist er aber zu der Überzeugung gelangt, auch freiwillige Prostitution verletze die Menschenrechte. „Deshalb muss sich dringend etwas ändern“, fordert er. „Doch um Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam einzudämmen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.“ Für ihn ein Vorbild: das nordische Modell in Schweden, das mit dem Sexkaufverbot den Freier bestraft.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

 

Link: prisma.de

 

Auf die Freiheit!

Video unten: Klaus Ferdinand Hempfling – Free and Connected

„Freedom of spirit… Authentic and real… Connection of body and spirit…“

„It is all in us

Be yourself

 

Gespräch mit Lisa Harmann

 

Lisa Harmann hat mir ein paar Fragen gestellt:

Sandra Norak* schaffte zum ersten Mal an, da war sie 18. Es sollte sechs Jahre lang dauern, bis sie sich selbst aus dem Sumpf der Prostitution befreien konnte. Heute macht sie sich für das „Nordische Modell“ stark, in dem unter anderem Freier für ihren Besuch bei Prostituierten bestraft werden – und hat dafür ihre Gründe.

Frau Norak, Sie sind Jura-Studentin, 27 Jahre alt, aber Sie sind nicht wie die anderen in Ihrem Jahrgang, denn von 2008 bis 2014 waren Sie in der Prostitution. Wie kam es dazu?

Sandra Norak: Als Schülerin lernte ich im Internet einen „Loverboy“ kennen. Während ich zuhause große Probleme hatte, vermittelte er mir Halt und Liebe und ebnete mir den Weg in die Prostitution.

Wusste Ihre Familie davon?

Norak: Ein paar Leute fanden heraus, dass ich mich prostituierte, aber sie wussten nicht über die wirklichen Umstände Bescheid.

Selbst schuld, sagen einige, wenn man sich auf einen „Loverboy“ einlässt. Was entgegnen Sie ihnen?

Norak: „Loverboys“ sind Männer, die gezielt nach jungen Mädchen oder Frauen Ausschau halten und ihnen Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie binden sie emotional an sich und erst wenn diese Bindung besteht, kommt die Prostitution ins Spiel, wobei es verschiedene Vorgehensweisen von „Loverboys“ gibt.

Meiner war um die 20 Jahre älter als ich und ein Ex-Fremdenlegionär. Er verherrlichte das Buch „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Dieses Buch ist ein Kriegsstrategie-Klassiker. Die Autorin und Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, welches das Thema „seelische Gewalt“ behandelt, einige Male auf Sun Tsus Buch indem sie seine Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen überträgt und nennt Menschen, die beispielsweise wie mein „Loverboy“ agieren, „die Perversen“. Ihr Buch fand ich erst vor einiger Zeit. „Loverboys“ planen alles von Anfang an. Vor allem junge Menschen sind leicht manipulierbar und sehr gefährdet.

Haben Sie das Gefühl, dass jede Frau auf so einen Menschen reinfallen könnte?

Norak: Nein, es gibt „Push“ – und „Pull-Faktoren“ im Bereich des Menschenhandels, vor allem bei der Migration osteuropäischer Frauen, die in der Prostitution landen. Während Push-Faktoren Menschen in Richtung Prostitution drücken können, wie zum Beispiel Perspektivlosigkeit und Armut, (sexuelle) Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit, etc., können Pull-Faktoren weiter hineinziehen, wie die „Loverboys“ mit ihren falschen Versprechen oder bei Osteuropäerinnen oftmals das Versprechen eines guten Jobs und eines besseren Lebens in Deutschland. Die „Loverboy-Methode“ ist ein komplexer, durchgeplanter und perfider Isolationsprozess. Im Rotlichtmilieu gibt es regelrechte „Schulen“, um diese Taktik beherrschen zu lernen.

Wie sah denn Ihr Tagesablauf damals aus? Gab es da Routinen?

Norak: Mich prostituieren, essen, schlafen. Ich bekam vom Leben draußen gar nichts mehr mit und verwahrloste immer mehr.

Welche Menschen kamen in diesen sechs Jahren zu Ihnen?

Norak: Alle Möglichen. Freier aus jeder Schicht, jedem Beruf, Behinderte, alte und junge Leute, Ledige, Verheiratete, Singles – wobei die meisten liiert oder verheiratet waren. Erschreckend fand ich die hohe Anzahl an Familienvätern. Ich musste feststellen, dass wir leider in einer sehr verlogenen Gesellschaft leben.

Was war das Schlimmste?

Norak: Die Prostitution an sich ist schlimm. Es gibt keine guten Freier und Escort ist genauso Prostitution und seelenraubend wie jede andere Form der Prostitution. Ich hatte viel mit Prostituierten zu tun und egal welche Form sie gerade ausübten oder welchen Freier sie gerade hatten, sie waren danach immer am Ende.

Wie haben Sie das ausgehalten?

Norak: Erst dissoziiert und dann mit viel Alkohol. Seit Beginn des Jura-Studiums beschäftige ich mich auch sehr viel mit der Psychotraumatologie im Hinblick auf die Prostitution und es ist essenziell, dass Menschen darüber Bescheid wissen, wenn sie über Prostitution sprechen. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, eine Abspaltung des Empfindens. Wenn, wie hier, sexuelle Handlungen der Freier unerträglich werden und man physisch nicht weg kann, lässt die Dissoziation einen abschalten. Bewusstsein und Wahrnehmung werden getrübt, man befindet sich in einer Art Trance-Zustand und ist depersonalisiert.

Welche Folgen hatte das?

Norak: Auch wenn Sie dissoziieren, erleben Sie die Situationen natürlich trotzdem. Wenn Sie nun nach den Zimmergängen mit bestimmten Schlüsselreizen wie zum Beispiel dem Parfum des Freiers in Berührung kommen, kann das Flashbacks auslösen. Sie erleben dann vergangene Situationen oder Gefühlszustände wieder und zwar in extremer Stärke. Ich hatte viel mit Panikattacken zu kämpfen. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war. Im Bordell und leider auch in den meisten Beratungsstellen sitzen keine spezialisierten Fachkräfte aus diesem Bereich.

Hatten Sie Hilfe in dieser Zeit?

Norak: Nein, aber ich habe mich auch verschlossen. Das ist ein großes Problem: Die wenigsten Prostituierten trauen sich überhaupt Hilfe zu suchen, weil sie wissen, dass sie so tief unten sind, dass richtige und ernsthafte Hilfe raus aus diesem elendigen Leben leider in unserem Land so gut wie nicht existiert.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?

Norak: Nach ein paar Jahren in der Prostitution habe ich angefangen im Bordell mein abgebrochenes Abitur per Fernstudium nachzuholen, machte unbezahlte Praktika um meinen Lebenslauf zu füllen, bekam einen Minijob und letztlich dann einen Vollzeitjob, der mir den kompletten Ausstieg ermöglichte.

Wie ging es Ihnen danach?

Norak: Nicht gut. Ich hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen und wusste sehr lange Zeit nicht, was da überhaupt mit mir los war.

Sie sagen, im Grunde prostituiert sich niemand freiwillig, wie meinen Sie das genau?

Norak: Ich habe keine Frau gesehen, die in der Prostitution sein wollte. Nun wird oft angebracht, es gäbe ja auch Menschen, die nicht gerne putzen wollen und trotzdem putzen gehen. Das kann man nur ganz und gar nicht vergleichen. Wenn erfahrene Traumatherapeutinnen und Traumatherapeuten über die Folgen von Prostitution sprechen, dann berichten sie von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, die sich nur nach schweren Traumatisierungen entwickeln können. Beim Putzen bekommt man die sicher nicht. In der Literatur über Trauma und Prostitution findet man auch Studien darüber, dass die überwiegende Anzahl an Frauen, die sich freiwillig prostituieren, bereits in ihrer Kindheit diverse Formen von Gewalt erlebten und die Gewalt, wie sie sie dann auch weiter in der Prostitution erfahren, einzig durch die bereits entwickelten Schutzmechanismen aushalten können und dabei aber weiter traumatisiert werden. Hier von Freiwilligkeit zu sprechen ist zynisch. Es geht auch nicht darum, Prostituierte zu pathologisieren, sondern darum zu verstehen, dass Prostitution ein in sich geschlossenes Gewaltsystem ist.

Sie schreiben das Blog „Die Wahrheit über das Leben in der Prostitution“ und gehen mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Warum?

Norak: Ich mag nicht mehr einfach zusehen wie Menschen in der Prostitution jeden Tag systematisch zerstört werden und will das Leid, was ich gesehen habe, nicht mit verantworten. Nichts tun, obwohl man etwas tun kann, bedeutet mit verantworten. Wir haben in unserer Gesellschaft schon viel zu viel Gleichgültigkeitsempfinden in Bezug auf so viele Dinge.

Heute kämpfen Sie für die Abschaffung der Prostitution. Wie engagieren Sie sich?

Norak: Ich schreibe, um zu versuchen, das Thema verständlicher zu machen und bin Mitglied bei „Sisters e.V.“. Ich unterstütze die Kampagne „Rotlichtaus“, denn wir brauchen in Deutschland und noch in vielen anderen Ländern das „Nordische Modell“. Auch das Europäische Parlament hat sich 2014 dafür ausgesprochen. Erfahrungen zufolge ist es zudem das effektivste Mittel gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Bereits viele Menschen und Organisationen, auch auf internationaler Ebene, stellen sich schon seit einigen Jahren unermüdlich dem Kampf gegen Prostitution und Menschenhandel. Einfach ist dieser Weg nicht, aber es ist ein Weg, den es lohnt zu gehen. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen anfangen ihn zu beschreiten.

*Sandra Norak ist der Name, mit dem sich die Interviewte der Öffentlichkeit stellt. Es ist nicht ihr richtiger Name.

 

Quelle:

Update

Es gibt viel Resonanz, Fragen, Vorschläge, Anregungen, etc… Wer noch keine Antwort auf seine E-Mail/Kommentar hat, wird noch eine bekommen.

Die vielen Kommentare und E-Mails (auch die Negativen) geben mir den Anlass dazu, diese Seite hier demnächst weiter auszubauen, um noch mehr Aufklärung sowie eine bessere Kommunikation zu ermöglichen. Niveauvoll. Ich werde auch Aktuelles zum Thema posten. Wer helfen möchte, der kann die Kampagne #Rotlichtaus und/oder den Verein Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution unterstützen, wo ich auch Mitglied bin.

Hier gibt es laufend Infos/News:

Stop Sexkauf – Netzwerk für ein Sexkaufverbot / Facebookseite

Abolition 2014 – Für eine Welt ohne Prostitution / Facebookseite

Stop Sexkauf – Homepage

Abolition 2014 – Homepage

Und weil ich seit gestern immer wieder von Leuten gelesen habe, dass Prostitution an sich ja eigentlich ein ganz normaler Job sei, wenn man ihn denn „freiwillig“ macht, dem empfehle ich den unten verlinkten Beitrag von VICE über Freierforen zu lesen, bei dem ich mitgewirkt habe (Sandra, 27 Jahre). Und nein, was ihr hier lesen könnt sind keine Ausnahmen, sondern Alltagsstandard in deutschen Bordellen. Ein weiterer Aspekt, warum wir das „nordische Modell“ benötigen – oder sieht man im Folgenden noch irgend etwas von der Bewahrung der Würde des Menschen?

„Stiftung Hurentest“ – Im Tripadvisor der deutschen Freier

 

 

Spiegel Online Artikel

 

Ok. Eigentlich hatte ich gar nicht vor zu dem SpiegelOnline-Artikel was zu schreiben, jetzt muss ich aber doch.

Ich habe mit Geneviève Hesse für Spiegel Online gesprochen. Vor ein paar Stunden ist der Artikel erschienen. Mein Blog hier wurde dort verlinkt und ich habe mittlerweile ca. 30.000 Aufrufe, Nachrichten ohne Ende und weiß gar nicht mehr, wem ich zuerst Antworten soll. Da hier ja jetzt eh alle mitlesen, möchte ich etwas wichtiges loswerden, weil ich die Facebook – Kommentare auf Spiegel Online über mich gelesen habe und ich muss zugeben, ich habe mich auf sowas eingestellt. Dass man nicht die gleiche Meinung hat in Bezug auf ein Thema, ist in Ordnung, aber manche Dinge sind schon sehr unterirdisch.

Hier mal nur zwei Kommentare:

1.Kommentar

„Interessant, dass mal wieder ausschließlich eine Diskussion um das Für und Wider von Prostitution gestartet wird, aber die Naivität unserer jungen Frauen unkritisch-verständnisvoll hingenommen wird. Es tut mir nur jeder Mann leid, der sich später unwissend so ein Früchtchen anlacht, welches nun als Femizicke all das auf- und abarbeiten will, was sie früher durch ihre eigene Naivität verbockt hat.“

Unwissend ein Früchtchen anlacht? Dieser Mann war 20 Jahre älter als ich und ein Altlude, der bereits einige Prostituierte vor mir gestellt hat. Er suchte gezielt im Internet und wusste ganz genau was er da tat. Und ich werde noch deutlicher: wir sprechen hier von einer Straftat und KommentatorInnen haben scheinbar nichts Besseres zu tun als eine Täter-Opfer-Umkehr vorzunehmen. Zudem empfehle ich für alle Menschen, die kommentierten, dass man Zwangsprostitution unterbinden müsse, aber die Prostitution an sich sonst in Ordnung sei, in Freierforen zu lesen und die Literatur u.a. auf www.trauma-and-prostitution.eu zu studieren um sich über die Mechanismen von Dissoziation und Trauma im Hinblick auf die Prostitution bewusst zu werden. Und nein, es bedeutet nicht, Frauen zu „pathologisieren“. Es bedeutet, zu verstehen, dass Prostitution ein Gewaltsystem ist, das in der großen Mehrheit auf Gewalt aufbaut und aus Gewalt besteht.

2.Kommentar

„Oder ihre eigene Dummheit…. Mit Sicherheit genoss sie den Luxus ihres loverboys…. Vorher Kopf einschalten…..“

Ich genoss den Luxus meines Loverboys? Mein Loverboy besaß keinen Luxus, sondern lebte in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung mit 2 weiteren Ex-Prostituierten (eine davon übrigens aus Tschechien nach Deutschland verkauft zur Prostitution – mein Zuhälter hatte sie dann in Deutschland abgekauft, sie schaffte aber nicht mehr an). Ich lebte nicht im Luxus, sondern sehr lange Zeit aus Koffern und Tüten, während mein verdientes Geld ausgegeben wurde. Vielleicht sollten einige Leute, wenn mein Blog schon verlinkt ist, auch darin lesen bevor sie kommentieren.

Ich möchte diejenigen, die auf der Facebook-Seite oder sonst wo unterirdische Kommentare abgeben, mal behutsam darauf aufmerksam machen, dass auch Loverboys Menschenhändler sind. Ich war letztens auf einer Veranstaltung und dort sprach ein Kriminalhauptkommissar – und er sagte, die Norm sind 90-95% ausländische Prostituierte, unter verschiedenen Zwängen arbeitend. Die selbstbewusste deutsche Prostituierte, die man oft im Fernsehen sieht, gehört nicht zur Norm. Das ist nicht meine Aussage, sondern die Aussage von mittlerweile den meisten Polizeistellen.

Von diesen 90-95% hört man aber meistens nichts und soll ich euch sagen, warum in diesem Land so viele Frauen schweigen? Zum Beispiel wegen solcher Kommentare wie hier auf der Facebook-Seite, die ihnen ihren Opferstatus aberkennen und versuchen sie zu Täterinnen zu machen. Ihre Erlebnisse abtun und sie für schuldig bekennen. Sie damit einschüchtern.

Wenn jemand, der mit organisierter Kriminalität zu tun hatte, aussagt, dann muss er Angst haben. Er sagt gegen ein Milliardengeschäft aus, gegen organisierte Strukturen, die Kontakte nach überall hin haben. Sie müssen Angst haben um ihre Zukunft, Angst um ihr Leben. Genau deswegen sieht man solche Menschen nicht in der Öffentlichkeit. Wenn von 10 % „freiwillig“ (und das ist viel, denn so viel habe ich nicht annähernd gesehen) „Arbeitenden“ nun 100 Frauen öffentlich sprechen und von den anderen 90% nur 10, dann sehen die 100 aus als wären sie in der Mehrheit – das sind sie aber nicht.

Im Übrigen: Hass-Mails oder Hass-Kommentare bringen mich nicht zum Schweigen. Ich weiß, was ich erlebt habe und noch wichtiger – ich weiß, was unzählige andere Frauen erlebt haben. Wäre es nur mein Einzelschicksal, würde ich damit leben und es ad acta legen. Aber so war es leider nicht und das ist der Grund, warum ich rede und damit auch nicht aufhören werde.

Und noch etwas zu einem Kommentar:

„sexarbeit zu kriminalisieren und die frauen zu pathologisieren einschließlich der stigmatisierung hat nie in der geschichte der menschheit geholfen.“

Zu dem „pathologisieren“ sagte ich ja schon etwas. Und ich bin nicht dafür „Sexarbeit“ oder Prostituierte zu kriminalisieren. Wenn man den Spiegel Artikel genau gelesen hätte, dann würde man erkennen, dass da steht: Freier bestrafen. Ich bin für das sog. „nordische Modell“, was eine Freierbestrafung und Ausstiegshilfen vorsieht und keine Bestrafung der Prostituierten. Auch Deutschland sollte sich mit internationalen Empfehlungen im Hinblick zur Prostitutionsthematik auseinandersetzen.

Hier möchte ich zum Abschluss aus einem Brief von Save Rahab e.V. zitieren:

„Wir möchten nochmals darlegen, wie die internationale Politik und unzählige Menschenrechtsorganisationen zu dem Problem der Prostitution und den damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen stehen:

  1. Vereinte Nationen, 1949

Resolution der Vereinten Nationen vom 02.12.1949:

„Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution sind mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar […].“

http://www.un.org/depts/german/uebereinkommen/ar317-iv.pdf

  1. Vereinte Nationen, 1985

Resolution der Vereinten Nationen vom 13.12.1985″Prevention of Prostitution

„Considering that the surpression of the traffic in persons and of the exploitation of the prostitution of others require a three-fold concerted effort, involving prevention […].

http://www.un.org/en/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/RES/40/103

  1. European Women Lobby, 2012

„Together with a dozen MEP’s representing all political grounds in the European Parliament and several Ministers, the NGO’s explained why prostitution is a form of violence, an obstacle to equality, a violation of human dignity, and of human rights.“

http://www.womenlobby.org/200-civil-society-organisations-launch-European-debate-on-abolition-of?lang=en

  1. Europarat, 2014

Resolution 1983 des Europarates vom 08.04.2014

Der Europarat sieht das „Sexkaufverbot“ nach schwedischem Modell als das wirksamste Mittel gegen Menschenhandel.

„It is estimated that 84 % of trafficking victims in Europe are forced into prostitution; similarly, victims of trafficking represent a large share of sex workers.“

http://assembly.coe.int/nw/xml/XRef/Xref-DocDetails-en.asp?FileID=20559&lang=en

  1. Europaparlament, 2014

„Statt der Legalisierung, die in den Niederlanden und Deutschland zu einem Desaster geführt hat [damit einhergehend die Situation in Frankfurt am Main], brauchen wir einen nuancierten Ansatz, der die Männer bestraft, die die Körper der Frauen als Gebrauchsgegenstand behandeln, ohne dabei diejenigen zu bestrafen, die in die Sexarbeit abgeglitten sind.“

http://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20140221IPR36644/die-freier-bestrafen-nicht-die-prostituierten-fordert-das-parlament

  1. New Yorker UN- Frauenkonferenz im Zusammenschluss mit 98 Organisationen, 2015

“Denn wie so oft auf internationalem Parkett herrschte auch jetzt in New York wieder einmal große Irritation darüber, dass Deutschland in Sachen Prostitution nicht etwa als Gewalt gegen Frauen sowie Ausdruck und Verstärkung des Machtgefälles zwischen Männern und Frauen versteht, […].”

http://www.emma.de/artikel/prostitution-un-konferenz-98-organisationen-ruegen-merkel

http://www.emma.de/artikel/liebe-kanzlerin-merkel-318625

(Quelle: Abolition 2014)

Und zu allerletzt empfehle ich noch das hier:

https://drive.google.com/file/d/0B32GA6EHrvdTakx1aU1OSFhHVkk/view

Zum Schluss möchte ich noch danke sagen für die anderen netten und aufbauenden Worte. Ich habe auch nachdenkliche Mails von Freiern bekommen und ich werde jedem einzelnen von euch noch antworten, weil der Diskurs hier wichtig ist.

Ich bin seit diesem Jahr Mitglied bei

Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution

Wer mitmachen möchte, kann sich gerne melden.