Prostitution & Trauma

3. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen, April 2019 in Mainz

Anfang April 2019 fand der 3. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen an der Universität Mainz von CAP International (http://www.cap-international.org/) zusammen mit SOLWODI (https://www.solwodi.de/) und Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. (https://www.armut-gesundheit.de/) statt.

Mehr Informationen zum Kongress hier https://www.solwodi.de/seite/388513/weltkongress-2019.html und hier https://solwodiweltkongress.blogspot.com/.

Nachfolgend meine Rede (im Video bleibt leider ein paar Mal der Ton weg).

 

Parlamentarischer Abend, Berlin, 16.01.2019 – Prostitution ist unvereinbar mit der Menschenwürde

 

Nachfolgend meine Rede vom parlamentarischen Abend in der französischen Botschaft in Berlin vom 16.01.2019, veranstaltet von Sisters e.V. und Gemeinsam gegen Menschenhandel.

 

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Sehr geehrte Bundestagsabgeordnete,

Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundestages,

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

es ist schön, dass dieser Abend heute stattfindet und dass vermehrt über das Thema Prostitution gesprochen wird, vor allem auch von Seiten der Politik.

Während wir hier in Deutschland eine sehr liberale Gesetzgebung haben und Prostitution als sexuelle Dienstleistung angesehen wird, hat unser Nachbarland Frankreich im Jahr 2016 einen komplett anderen Weg beschritten und das sog. Nordische Modell eingeführt, wie auch schon andere Länder vor ihm.

Das Europäische Parlament hat bereits 2014 in einer Resolution die Meinung vertreten, dass Prostitution, auch die freiwillige Prostitution, nicht mit der Menschenwürde vereinbar ist, dass Prostitution und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen Formen der Gewalt sind und somit Hindernisse, die der Gleichstellung von Frauen und Männern entgegenstehen, denn nahezu alle Personen, die sexuelle Dienstleistungen kaufen, sind Männer. Diejenigen, die gekauft werden, sind meist Mädchen und Frauen. Die Ausbeutung in der Sexindustrie, so heißt es weiter, ist sowohl Ursache als auch Folge der Ungleichbehandlung der Geschlechter und zementiert die Auffassung, dass die Körper von Frauen und Mädchen käuflich sind. Zugleich wird festgestellt, dass immer mehr Beweise vorliegen, dass mithilfe des Nordischen Modells die Prostitution und der Menschenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können.[1]

2016 hat das Europäische Parlament in einer Entschließung bzgl. der Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels seine Aufforderung, dem Nordischen Modell zu folgen, wiederholt, indem es die Kommission und die Mitgliedstaaten aufforderte, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen.[2]

Auch der Europarat nahm 2014 Stellung und legte dar, dass er die Kriminalisierung des Kaufs von sexuellen Diensten, basierend auf dem schwedischen Modell, als das wirksamste Instrument zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels ansieht.[3]

Deutschland hingegen geht weiter seinen liberalen Weg und versucht der Prostitution und ihren Auswüchsen mit dem Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) zu begegnen.

Ich spreche hier heute als jemand, der die Prostitution durchlebt hat. Immer wieder, wenn ich über meine Geschichte spreche, ist das eine sehr persönliche Angelegenheit. Das ist es für jede Betroffene. Und es ist auch der Grund, warum ich zu Ihnen heute nicht nur in Ihrer Funktion als Bundestagsabgeordnete sprechen möchte, sondern ich möchte zu Ihnen vor allem auch in Ihrer Funktion als Mensch sprechen. Sie alle sind Tochter oder Sohn von jemandem, vielleicht eine Mutter oder ein Vater, vielleicht Großvater oder Großmutter. Prostitution ist ein Thema, bei dem es sehr viel um Menschlichkeit geht oder, ich muss es so formulieren, um verloren gegangene Menschlichkeit.

Als ich meinen Vortrag für heute vorbereitet habe, habe ich mich gefragt, was aus meinen 6 Jahren in der Prostitution, was aus meinen ganzen nachfolgenden Recherchen und Erkenntnissen ich Ihnen in dieser kurzen Zeit erzählen soll, damit Sie nachvollziehen und vielleicht auch ein wenig fühlen können, was in Deutschland jeden Tag passiert. Was kann ich Ihnen erzählen, damit Sie gegen das Unrecht aufstehen und helfen, einen Richtungswechsel in Deutschland möglich zu machen?

Und mit Richtungswechsel meine ich nicht weitere Regulierungen, sondern ein radikales Umdenken und einen Richtungswechsel, der nicht zwischen den Begriffen Zwangsprostitution und freiwilliger Prostitution unterscheidet, wenn es darum geht, Menschen kaufen oder nicht kaufen zu dürfen, denn kein Mensch darf zur sexuellen Benutzung käuflich sein. Es verstößt gegen die Menschenwürde und ich möchte es mit den Worten des Europäischen Parlaments aus seiner Resolution von 2014 ausdrücken: „Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde.“ Und eigentlich wissen wir das alle oder können es uns alle denken. Die Profiteure der Sexindustrie sind nur leider sehr stark, wenn es darum geht zu versuchen, eine „große heile Welt der Prostitution“ zu erschaffen und zu erhalten. In 6 Jahren habe ich diese heile Welt kein einziges Mal gesehen und 6 Jahre sind eine verdammt lange Zeit.

Auch wenn Sie heute Ausschnitte meiner Geschichte erfahren geht es hier nicht um mich, nicht um einzelne individuelle Schicksale, sondern um unzählige andere Menschen, aufgrund der überwiegenden Anzahl hauptsächlich um junge Mädchen und Frauen, die genau das erlebt haben und jeden Tag in Deutschland weiter erleben, was auch ich erlebt habe oder noch schlimmeres erleben. Die Anzahl der Menschen, die in der Prostitution sind, kennt keiner so genau. Die groben Zahlen reichen von meist 200.000 – 1.000.000. Meine Geschichte ist also nur ein Beispiel, nur ein Sandkorn in einer riesigen Wüste voller Elend und Leid.

Kennen Sie das, wenn Sie in Kinderaugen blicken und dieses Strahlen sehen, wenn Kinder von dem erzählen, woran sie glauben oder was sie sich wünschen? Sie gehen durch die Welt und träumen.

Auch ich habe als Kind geträumt. Sicherlich nicht von der Prostitution, sondern vom Prinzessinnensein und davon, geliebt anstatt wie ein Gebrauchsgegenstand zwischen Männern hin – und hergeschoben und benutzt zu werden. Seitdem ich als kleines Kind „Free Willy“ im Fernsehen sah, träumte ich davon Meeresbiologin zu werden. Nach der Grundschule kam ich zunächst auf die Hauptschule und konnte danach auf das Gymnasium wechseln und meinen Traum weiter verfolgen.

Ein paar Jahre später bin ich als noch Minderjährige an einen „Loverboy“ geraten, brach das Gymnasium in der 13. Klasse ab und habe mein Leben bis zum 24. Lebensjahr in der Prostitution verbracht. Vorbei war der Kindheitstraum mit der Meeresbiologie.

 „Loverboys“ sind Männer, die Mädchen/Frauen zunächst gezielt Liebe vorspielen mit dem Ziel sie in die Prostitution zu drängen und dort auszubeuten. Zuerst wird eine emotionale Bindung aufgebaut, um eine Abhängigkeit zu erzeugen, und dann beginnt die Tortur. Die Loverboy-Methode fällt, was viele nicht wissen (da alles oft nach außen hin erstmal selbstbestimmt aussieht und die Betroffenen häufig auch erstmal denken, es wäre so), unter Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Laut Bundeslagebild Menschenhandel 2017 wurde bei über einem Viertel der Opfer von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung (127 Opfer; 26,0 %) die sog. „Loverboy-Methode“ bei der Kontaktanbahnung angewendet.[4]

Als ich in der Prostitution war, habe ich aufgehört zu träumen, aufgehört zu leben, aufgehört zu fühlen. An viele Dinge kann ich mich erinnern, wenn ich gedanklich zurückgehe, und dann bin ich froh, dass ich wieder aufhören kann mich zu erinnern.

Mittlerweile bin ich 29, bewege mich langsam in Richtung Ende eines Jura-Studiums, welches ich aufgrund der ganzen Vorgeschichte erst in 2015 anfangen konnte. Die Meeresbiologie habe ich aufgegeben. Allerdings nicht deshalb, weil sie mich nicht mehr interessiert, sondern weil ich nach allem Erlebten besonders eines möchte und zwar Gerechtigkeit für Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung. Wenn eine Sache klar ist, dann dass die Polizei und die Justiz in zahlreichen Fällen, die ich gesehen habe (auch in meinem), gescheitert sind. Und allen voran hat unser Staat versagt, der der Polizei und der Justiz zu wenig Möglichkeiten zum Handeln gibt, das Prostitutionsgesetz von 2002 zugelassen hat und der Prostitution den Stempelaufdruck eines normalen Jobs geben wollte. Das hatte u.a. zur Folge, dass Bordellbetreiber bis heute als seriöse Geschäftsmänner auftreten können.

Jeder Bordellbetreiber, den ich kannte, der wusste, wer die Frauen in seinen Laden bringt, um diesen zu füllen und damit den Freiern genügend Auswahl zu geben. Sie wussten um den Menschenhandel oder haben es zumindest billigend in Kauf genommen, dass sie gerade Beihilfe zum Menschenhandel leisten, wenn sie nicht sogar an der Haupttat beteiligt waren.

Bordellbetreiber haben vom Menschenhandel profitiert. In der Mehrheit brauchen sie ihn, denn Freier wollen am besten die jüngsten Frauen und wenn es geht, bitte ständig was Neues.

In Stuttgart läuft seit längerem ein Prozess gegen u.a. Jürgen Rudloff, einen Bordellbetreiber der Paradise-Kette. Der Ex-Geschäftsführer des Paradise hatte im Dezember ausgesagt und ist wegen Beihilfe zum Menschenhandel verurteilt worden. Das Verfahren um Herrn Jürgen Rudloff, der zuvor in etlichen Talkshows aufgetreten ist und als seriöser Geschäftsmann große Reden über die saubere Prostitution in seinen Bordellen geschwungen hat, geht weiter.

Wenn in den Medien oder in der Politik über Prostitution gesprochen wird, versuchen viele Menschen zwanghaft Prostitution und Menschenhandel zu trennen. In der großen Mehrheit sind Prostitution und Menschenhandel aber nicht zu trennen. Ich sah keinen Club ohne Menschenhandel, keinen ohne Zuhälterei, keinen ohne Zwangsprostitution. Diese Sachen haben bei weitem überwogen. Was ich in den Bordellen hingegen nicht sah war diese zahlreiche freiwillige und selbstbestimmte Prostitution, die von den (vor allem hier in Berlin ansässigen) Lobbyverbänden und leider auch vielen Beratungsstellen für Prostitution propagiert wird, die dann teilweise sogar Einstiegsberatung anbieten.

Letztes Jahr war ich auf einer Veranstaltung von Soroptimist Aalen zum Thema Prostitution und Menschenhandel. Manfred Paulus, ehemaliger Kriminalhauptkommissar, der zahlreiche Bücher zum Rotlichtmilieu und der organisierten Kriminalität geschrieben hat, betonte, dass viele Beratungsstellen für Prostitution nicht nur die Zustände sehr verharmlosen, sondern auch einige von den Profiteuren eingenommen sind oder mit diesen zusammengearbeitet wird.

Man muss vorsichtig sein, wen man fragt, wenn man wissen möchte, was das Beste für prostituierte Menschen ist. Denn von Profiteuren oder solchen, die mit diesen agieren, werden Sie natürlich immer hören: „Sexarbeit ist Arbeit. Prostitution ist eine Dienstleistung wie jede andere.“

Frau Stefanie Klee vom BSD, Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (hier in Berlin ansässig), die schon öfter vom Bundestag zum Thema Prostitution und Rechte für Prostituierte angehört wurde, vertritt die Auffassung, dass beispielsweise die Paragraphen der Zuhälterei und der Ausbeutung von Prostituierten abgeschafft werden sollten, wie sie im Abschlussbericht der Reformkommission zum Sexualstrafrecht auf Seite 1063 und 1064 verlauten lässt, denn sie sagt u.a.:

die Paragraphen sind nicht mehr zeitgemäß, die Gesellschaft hat sich verändert und ist offener geworden.“[5]

Offener in Bezug darauf, dass man Ausbeutung lockerer sieht oder sie nicht mehr als Ausbeutung betrachtet oder was ist damit genau gemeint? Es gäbe andere Strafvorschriften, meint sie, die ausreichen würden.

Richtigerweise wird in dem Bericht dann von anderen festgestellt, dass die Forderung nach der pauschalen Abschaffung des § 180a StGB (Ausbeutung von Prostituierten) und des § 181a StGB (Zuhälterei) insbesondere im Hinblick auf die Ausbeutung der Prostituierten problematisch ist, denn die dort aufgeführten Straftatbestände würden in der Regel nicht von anderen Strafvorschriften erfasst.[6]

Ich finde es befremdlich, wenn jemand, der sich angeblich für meine Rechte einsetzt, Gesetze abschaffen möchte, die mich in manchen Situationen besser schützen sollen.

Des Weiteren heißt es:

Nach Auskunft des BSD sei der Grund für die Aufnahme der Prostitution nicht in desolaten Verhältnissen der Prostituierten zu sehen. Die Motive hierfür seien vielfältig und wurzelten z. B. auch in sexueller Neugierde oder Abenteuerlust.“

Auch ohne sich in der Prostitution gut auszukennen, hätten wahrscheinlich die wenigsten von Ihnen geglaubt, dass von geschätzten 200.000 – 1.000.000 Prostituierten in Deutschland eine große Masse sich aus sexueller Neugierde oder Abenteuerlust prostituiert.

Ein Blick auf nachfolgende Zahlen entzieht dieser These der sexuellen Neugierde oder Abenteuerlust ganz klar den Boden:

Eine Studie von Melissa Farley, amerikanische Psychologin, mit 854 Menschen aus 9 Ländern, die zu diesem Zeitpunkt entweder noch in der Prostitution waren oder sie kurz davor verlassen hatten besagt, dass Prostitution hochtraumatisch ist. 71 % wurden körperlich angegriffen, 63 % wurden vergewaltigt, 89 % wollten aussteigen, hatten aber keine andere Möglichkeit, um zu überleben. Insgesamt waren 75 % in manchen Lebensabschnitten obdachlos. 68 % wiesen Kriterien für eine PTBS auf.[7]

Frau Dr. Ingeborg Kraus, Psychotraumatologin, die einen Appell der TraumatherapeutInnen gegen Prostitution startete, spricht in ihren Vorträgen auch darüber, dass Prostitution die Fortsetzung von Gewalterfahrungen in der Vergangenheit sein kann. Auch eine Studie des Bundesfamilienministeriums von 2004 belegt diese hohen Gewaltzahlen. 92% aller befragten Prostituierten hatten sexuelle Belästigung erlebt, 82% psychische Gewalt, 87% körperliche Gewalt und 59% sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr.[8]

 „In einer Untersuchung von Farley/Barkan (1998) gaben 75% der befragten 130 Prostituierten an, bereits als Kind sexuelle Angriffe erlebt zu haben. Als Erwachsene erlebten nach eigenen Angaben 82% der Befragten tätliche Angriffe und Gewalt. Farley/Barkan beziehen sich in dieser Arbeit auf weitere sieben Forschungsarbeiten, die ähnliche Ergebnisse vorwiesen:„most people working as prostitutes have a history of childhood physical and sexual abuse“ (ebda. S. 38). Die im Jahre 2000 von Phoenix im British Journal of Criminology veröffentlichte Studie zur besonderen Konstruktion einer „Prostituierten-Identität“ bestätigt die Herkunft ihrer befragten Frauen durchgängig aus instabilen und prekären Familiensituationen, in denen Missbrauch und Vernachlässigung dominierten. Alle Befragten verfügten außerdem über Erfahrungen mit gewaltsamer Ausbeutung durch Zuhälter. Eine neuere Untersuchung zur Posttraumatischen Belastungsstörung und Dissoziation bei Prostituierten (Zumbeck 2001) im deutschen Sprachraum bestätigt die o.g. Ergebnisse. Zumbeck hebt hervor, dass 98% ihrer Interviewten zumindest ein Trauma erlebt hatten und die meisten mehrfach viktimisiert waren. 70% der Befragten hatten körperliche Angriffe erlebt, 68% Vergewaltigungen und 61% erlebten Vergewaltigungen während der „Sex-Arbeit“. Bei 59% der befragten Prostituierten wurde eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.“[9]

In dem Bericht der Reformkommission zum Sexualstrafrecht heißt es auch, dass Frau Klee vorgibt, sich für die Vermittlung eines realistischen Bildes der Branche zu engagieren. Für mich sehen ihre Verharmlosungen nicht einmal im Ansatz realistisch aus im Vergleich zu den wahren Verhältnissen, wie man hier gut sehen kann, was auch der Grund ist, warum ich das hier alles ansprechen muss. Dass wir hier in Deutschland ein so verzerrtes Bild von Prostitution haben, beruht auch auf dieser Form der Lobbyarbeit.

Ich könnte Ihnen noch eine ganze Liste aufsagen, was es alles für Verharmlosungen seitens verschiedener Lobby-Akteure gibt, angefangen von der öffentlichen Verharmlosung des Straßenstrichs bis hin zu Gütesiegeln für Bordelle, die den Schein der Ordnungsgemäßheit vermitteln sollen, wo man aber, wenn man tiefer blickt, in Freierforen sehen kann, wie es wirklich abläuft.

Es schockiert mich, dass solche Leute von der Politik immer wieder angehört werden, um die Interessen von Prostituierten zu vertreten. Wer vertritt denn die Interessen der abertausenden von Menschen, für die Prostitution eine schwere Form von körperlicher, sexueller und seelischer Gewalt ist? Wer hört ihnen zu, wer hilft ihnen, wer verschließt nicht die Augen aus Angst, dass es vielleicht zu grausam sein könnte, was in diesem Land wirklich vor sich geht?

Wir haben Statistiken von Menschenhandel und Zwangsprostitution in Deutschland, die mit der Realität nichts zu tun haben. Den realen Zahlen kann man u.a. auch deshalb in den Statistiken nicht näher kommen, weil alles legal ist und damit unsichtbar gemacht wird. Die Täter verstecken sich hinter legalen Strukturen und der Schein der Selbstständigkeit der Prostituierten wird immer mehr ausgenutzt, so die Europäische Kommission in einem Bericht aus dem Jahr 2016.[10]

Das Argument, mit dem Nordischen Modell würde alles in den Untergrund gedrängt werden, ist also nicht richtig, bestätigt auch Simon Häggström, Polizeikommissar in Schweden, der an der Umsetzung des Sexkaufverbotes in Schweden beteiligt ist. Hier in Deutschland findet bereits sehr vieles im Untergrund statt, was nur keiner mitbekommt, denn mit dem deutschen Modell fallen das meiste Elend und die Kriminalität aufgrund der legalen Strukturen selten bis gar nicht erst auf. Das bedeutet aber nicht, dass all das nicht da ist.

Indem die Menschenhändler den Schein der Selbstständigkeit der Prostituierten ausnutzen, entgehen sie am besten der Strafverfolgung. Schon Helmut Sporer von der Kriminalpolizei Augsburg sagte beispielsweise zu dem Phänomen der Loverboy-Masche, dass diese Täter die schlaueren Täter als die physisch Gewalttätigen sind und den einfachsten Weg zu gehen versuchen: wer sich aus Liebe anfängt zu prostituieren, das sieht doch erstmal ganz selbstbestimmt aus. Die Opfer reden nicht oder können zunächst nicht sehen, was ihnen passiert (durch List, Manipulation, Täuschung). Die Täter haben freie Bahn.

Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass nach der Einführung eines Sexkaufverbotes in Deutschland, zumindest wenn es gut umgesetzt wird, die Menschenhandelsstatistiken ansteigen werden und die Gewalt des Milieus präsenter ist, allerdings nicht, weil all das mehr wird, sondern weil es sichtbarer und verfolgbarer gemacht würde.

Doch gehen wir einmal weg von gesetzlich geregeltem Menschenhandel und der Zwangsprostitution. Viele setzen sich gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel ein und sehen sonst die Prostitution als einen normalen Beruf an. Die freiwillige Prostitution wird nicht hinterfragt. Aber kann Prostitution jemals ein Beruf sein? Kann man sie wirklich als eine sexuelle Dienstleistung bezeichnen und behandeln? Was ist eigentlich Prostitution?

Der Begriff der sexuellen Dienstleistung, wie es im ProstSchG heißt, ist eine schlimme Verharmlosung, der die Gewalt des sexuellen Aktes zwischen Freier und Prostituierter verschleiert.

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mit einer Kamera mein Leben in der Prostitution festhalten können. Jeden einzelnen Tag. Alle Zimmergänge, auch die, die ich mit anderen Frauen zusammen durchlebt habe. Dann hätten Sie sehen können, wovon ich spreche.

Prostitution ist nicht wie jede andere Dienstleistung. Bei normalen Dienstleistungen spielt nicht der Mensch an sich, sondern die Dienstleistung eine Rolle. Eine Putzfrau beispielsweise tut etwas mit ihrem Körper, sie wischt vielleicht den Boden. An der Aldi-Kasse sitzt jemand an der Kasse und tut auch etwas mit seinem Körper. Die Dienstleistung besteht darin, die Kasse zu bedienen. Bei beidem bleibt der Mensch an sich, der Körper an sich, von Dritten unberührt. Bei der Prostitution besteht die „Dienstleistung“ darin, dass der Körper eines Menschen von Dritten benutzt wird. Das ist keine Dienstleistung, sondern ein Konsumieren von Menschen. Der Begriff der „Dienstleistung“ versucht genau das zu verschleiern.

Für die Frauen, die ich persönlich in der Prostitution kennenlernte, und es waren Hunderte, war die Prostitution an sich ein Gewaltakt. Es macht etwas mit einem und den meisten wurden durch die Akte mit den Freiern die Eigenschaft, ein Mensch mit Wünschen, Bedürfnissen, Emotionen zu sein, genommen, denn wenn man all das immer ausschalten muss, um irgendwie das Leben überstehen zu können, in dem man sich gerade befindet, bleibt es irgendwann automatisch ausgeschaltet, weil es so weniger weh tut.

In diesem Zustand kann man auch nicht einfach in ein normales Leben wechseln als wäre nichts passiert, denn man trägt diesen Verlust von Würde und Seele in sich, man ist psychisch in dieser Welt gefangen. Die Demütigungen, die Kommodifizierung, die Überzeugung, nichts wert zu sein, die Zweifel, dass man es nach all diesen Erfahrungen, nach so einer Vergangenheit sowieso nicht schaffen wird ein Leben zu haben, welches auch ein Leben ist und in dem man von der Gesellschaft akzeptiert wird.

Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie freiwillige Prostitution aussehen kann, wenn keine dritten Personen dahinter stehen, sondern zum Beispiel Mütter für ihre Kinder anschaffen gehen, Frauen aus Armut anschaffen gehen, und meistens aber alle gemeinsam haben, wie auch die o.g. Studien belegen, dass sie bereits früh Gewalt und Missbrauch erlebten. Einige Beratungsstellen für Prostituierte hört man dazu sagen: das ist zwar kein toller Beruf dann, aber immerhin noch besser, als wie wenn sie nichts zu essen haben.

Wie zynisch ist das? Was ist das für ein menschenverachtendes Denken? Ich frage Sie: Wenn dort eine Frau, vollgepumpt mit Alkohol und oft auch weiteren Drogen, um das ertragen zu können, leblos auf dem Bett liegt und sich zur Verfügung stellt, sich gewaltvoll penetrieren und demütigen lässt, weil sie sich bereits aufgegeben hat und der Freier sich oft noch an seiner Machtstellung ergötzt, ist das etwas, was man als Gesellschaft zulassen kann? Ist das vereinbar mit unserer im Grundgesetz verankerten Menschenwürde?

Bei einem Sexkaufverbot geht es nicht darum, den Frauen zu verbieten, sich zu prostituieren. Es geht darum, als Staat seine Schutzpflichtaufgabe zu erkennen und zu erfüllen.

Menschen vor etwas zu schützen und anderen Menschen deshalb nicht zu erlauben, etwas mit ihnen zu tun, egal ob sie einwilligen oder nicht, das gibt es bereits in unserem Rechtssystem. Dieser Gedanke, einen Menschen trotz seiner Einwilligung in eine Handlung eines anderen schützen zu müssen resultiert aus der Menschenwürde. Es gibt Dinge, die die Menschenwürde derart verletzen, dass ein Mensch in sie nicht einwilligen kann, weil wir als Gesellschaft diese Verletzung der Integrität unter keinen Umständen zulassen möchten. Schon das VG Neustadt schrieb in seinem Beschluss von 1992 zum Zwergenweitwurf:

Die Würde des Menschen ist ein unverfügbarer Wert, auf dessen Beachtung der einzelne nicht wirksam verzichten kann.“[11]

Eine Prostituierte wird wie eine Gummipuppe behandelt und zum Gegenstand der Volkstriebabfuhr verwendet. Wie die Sozialarbeiterin Sabine Constabel sagte: Prostitution ist Selbstbefriedigung am lebenden Objekt. Genau das ist Prostitution. Es ist kein Miteinander, kein Wertschätzen einer Dienstleistung geschweige denn einer Person. Es ist das zur Verfügung stellen eines Körpers, damit andere ihn penetrieren können.

Prostitution, egal ob sie freiwillig stattfindet oder nicht, ist eine Menschenwürdeverletzung, denn es gibt etwas, was sich trotz der Freiwilligkeit der Prostituierten nicht ändert: sie wird vom Freier zu einem Objekt degradiert, zu einem Gegenstand sexueller Benutzung. Gehen Sie in Freierforen und lesen Sie sich die menschenverachtenden Berichte durch, wenn Sie es denn ertragen können.

Das ProstSchG ist keine Lösung, denn es legitimiert weiterhin die Gewalt, die in den Zimmern stattfindet, und versucht aus dieser Gewalt eine bessere Gewalt zu machen, in dem versucht wird die Abläufe zu regeln, das „Außen rum“ sicherer zu gestalten. Aber die eigentliche Verachtung, die Behandlung eines Menschen als Konsumgut, das kann man nicht besser machen. Diese Entmenschlichung bleibt eine Entmenschlichung, egal wie sehr manche Akteure versuchen, diesen Standpunkt weg – oder schönzureden, weil sie Angst um ihre hohen Geldbeträge haben, die ihnen die Prostitution bzw. die Ausbeutung der Menschen darin liefert.

Nur wenige reden über die Nachfrageseite, die Freier. Es ist aber wichtig, sich auf die Freier zu fokussieren, denn letztlich sind sie es, die die Prostituierten im Zimmer brechen und ihnen ihre Würde entziehen. Die Zuhälter und Menschhändler stellen die Frauen auf. Aber es sind unsere Mitbürger, Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen und Familienangehörigen, die sich an der täglichen Zerstörung an tausenden, hunderttausenden von Menschen in der Prostitution schuldig machen.

Und das bedeutet, wir müssen anfangen über sie zu sprechen.

Freier gehören zu den Profiteuren, die aus jedem Gesellschaftsteil unseres Landes kommen und oftmals hohe Positionen innehaben. Sie werden nicht helfen, gegen das System vorzugehen. Die meiste Zeit haben sie gesehen, dass ich und andere Frauen Schmerzen hatten, dass es uns nicht gut ging, dass wir es im Zimmer nur mit Literweise Alkohol ertragen haben. Es hat den Großteil nicht interessiert, viele hat unser Leid sogar angeturnt. Und wer möchte sich schon den „Spaß“ mit einer Prostituierten nehmen lassen und für ein Sexkaufverbot plädieren?

Die Einführung des Sexkaufverbotes ist ein Schritt gegen breite Massen unserer Bevölkerung, nämlich gegen diejenigen, die jeden Tag sexuelle „Dienstleistungen“ in Anspruch nehmen, meistens bewusst das Elend ausnutzen und davon profitieren.

Es gibt nur eine Lösung und die heißt in den drei Hauptpunkten 1) Entkriminalisierung von prostituierten Menschen in jeder Hinsicht, 2) ein Sexkaufverbot und 3) Ausstiegshilfen.

Ich bin noch im Studium. Ich habe kein Geld, keine Zeit und keine Position, in der ich auch nur ansatzweise Macht habe, Gesetze verändern zu können. Ich besitze nicht viel, ich gefährde mich und meine Zukunft, um der Öffentlichkeit zu erzählen, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich habe eigentlich nichts und doch habe ich etwas, was mich antreibt und was der einzige Grund ist, warum ich all das hier mache: eine tiefe Überzeugung, die Leidenschaft und den Willen dafür zu kämpfen, dass sich bei diesem Thema etwas ändern muss, denn ich habe gesehen und weiß, wie das Gesicht der Prostitution in Wahrheit aussieht. Den Sexkauf zu verbieten mag auch eine moralische Frage sein, aber hauptsächlich ist es eine rein menschenrechtliche Frage.

Letztes Jahr war ich in Frankreich. Wenn jemand so wie ich in der Prostitution war, so kann man den Sieg der Gerechtigkeit in der Luft spüren, wenn man durch Frankreichs Straßen läuft. Ich konnte aufatmen, ich hatte mehr Raum, Sicherheit und Freiheit als irgendwo anders bisher. Menschen, die nie in der Prostitution waren, können wahrscheinlich nicht nachempfinden, was es für Menschen wie mich bedeutet, in einem Land wie Frankreich zu sein, in dem genau das verboten ist, von dem ich gesehen habe, dass es unzählige Menschen kaputt gemacht hat und von dem ich weiß, dass es jeden Tag weitere tausende kaputt macht.

Frankreichs Weg ist wie Balsam auf der Seele und für alle Opfer des Ausbeutungssystems der Prostitution eine Hilfe auf dem Weg der Heilung. Ihre Erfahrung und ihr Leid werden anerkannt. Anerkennung von Gewalt ist ein wichtiger Schritt zur Heilung sowie ein unerlässlicher Schritt in Sachen Gewaltprävention.

Viele engagierte Menschen haben für Frankreichs Richtungswechsel gekämpft und es wird ein Kampf bleiben, weil die Sex-Industrie und dessen Profiteure alles tun werden, um diesen Sieg der Gerechtigkeit wieder zu kippen. Die Einführung des Nordischen Modells ist nur der Anfang. Es umzusetzen und es zu halten, so dass alles wirklich funktionieren kann, sind weitere unerlässliche Schritte auf dem Kampf gegen das Prostitutionssystem.

Niemand sagt, dass ein solcher Richtungswechsel einfach werden wird. Der Schritt, den Frankreich mit dem Nordischen Modell gewählt hat, ist kein leichter, sondern eine knallharte Aufgabe, wenn es darum geht, ein Sexkaufverbot und ein neues Gesellschaftsbewusstsein vor allem in der Praxis umzusetzen. Wer aber die Fähigkeit nicht besitzt an bahnbrechende Veränderungen glauben zu können, der sollte nicht Politik machen, denn der Glaube daran, dass es möglich werden kann, ist eine Vorrausetzung, um den Kampf zu gewinnen.

Ich hoffe sehr, dass Frankreich durchhält und dass Deutschland sich anschließen wird.

Ich bitte Sie hier heute aus tiefstem Herzen um Hilfe, denn um dieses organisierte Milliardengeschäft zu bekämpfen, die Menschenwürdeverletzung Prostitution zu beenden, braucht es jede Hand. Es braucht jeden Menschen, der sich engagiert, es braucht so viele von uns, die zusammenhalten und dagegen aufstehen, die sich nicht von einzelnen Akteuren oder Profiteuren blenden lassen. Es braucht Menschlichkeit und den Willen, die Augen nicht zu verschließen, was der bequemere Weg wäre.

Ich bitte Sie anzufangen oder weiterzumachen etwas zu tun und Prostitution einen anderen Namen zu geben, nämlich den Namen, den sie verdient: sexuelle Ausbeutung von Menschen. Sie ist immer sexuelle Ausbeutung, sie ist immer der Handel mit Menschen und ihren Körpern. Sie ist immer eine Objektivierung von Menschen. Ihr Kern ist die Zerstörung der Menschenwürde, auf die jeder Mensch ein Recht hat.

Ich wünsche mir von Herzen, dass Sie hier heute Abend nicht rausgehen und eben einen Vortrag gehört haben, sondern dass Sie nachdenken und das Thema nicht in die Ablage tun, sondern daran arbeiten. Die Menschen da draußen haben keine Zeit zu warten. Sie sind auf Sie angewiesen.

Ich weiß nicht, in welcher Gesellschaft Sie leben möchten, aber ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Kinderträume (wie damals auch meiner) nicht dadurch zerstört werden, dass sie auf dem Strich landen und aufwachsen als wären sie nur dazu da, sexuelle Bedürfnisse anderer befriedigen zu können. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der junge Männer mit dem Bild von Frauen aufwachsen, dass sie jederzeit für 10 Euro verfügbar sind, dass man sie kaufen, benutzen und danach wegwerfen kann. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die Gewalt benennt und ein Vorbild für junge Menschen ist, wie ich damals einer von ihnen war. Ich hätte einen Staat gebraucht, an dem ich mich hätte orientieren können, der mich geschützt hätte, zu einer Zeit, wo ich selbst nicht in der Lage war mich zu schützen. Bei mir ist es vorbei, meine Geschichte ist geschrieben, aber Deutschland kann für andere junge Menschen ein Vorbild werden, wenn es seine Richtung ändert und anfängt einen Weg zu beschreiten, der Respekt gegenüber Menschen, vor allem gegenüber Frauen, vermittelt, anstatt durch Liberalität an der falschen Stelle mit Gesetzen Missachtung und Gewalt zuzulassen und dadurch sogar noch zu bestätigen und zu verstärken.

Ich kann Frau Dr. Ingeborg Kraus nur Recht geben, wenn sie in einer ihrer Reden sagt:

Das deutsche Modell produziert die Hölle auf Erden.“[12]

Ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen und zugehört haben, dass Sie heute überhaupt gekommen sind und ich danke allen, die diesen Abend möglich gemacht haben.

 

 

[1]

http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FTEXT+REPORT+A7-2014-0071+0+DOC+XML+V0%2F%2FDE, https://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P7-TA-2014-0162+0+DOC+XML+V0//EN

[2]

http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FNONSGML+TA+P8-TA-2016-0227+0+DOC+PDF+V0%2F%2FDE.

[3]

http://semantic-pace.net/tools/pdf.aspx?doc=aHR0cDovL2Fzc2VtYmx5LmNvZS5pbnQvbncveG1sL1hSZWYvWDJILURXLWV4dHIuYXNwP2ZpbGVpZD0yMDcxNiZsYW5nPUVO&xsl=aHR0cDovL3NlbWFudGljcGFjZS5uZXQvWHNsdC9QZGYvWFJlZi1XRC1BVC1YTUwyUERGLnhzbA==&xsltparams=ZmlsZWlkPTIwNzE2.

[4]

https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Menschenhandel/menschenhandelBundeslagebild2017.html, S. 9.

[5]

https://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Service/StudienUntersuchungenFachbuecher/Abschlussbericht_Reformkommission_Sexualstrafrecht.pdf;jsessionid=3E7DBC04F3802D21B4C590E9A3A62217.2_cid334?__blob=publicationFile&v=1, S. 1063, 1064.

[6]

https://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Service/StudienUntersuchungenFachbuecher/Abschlussbericht_Reformkommission_Sexualstrafrecht.pdf;jsessionid=3E7DBC04F3802D21B4C590E9A3A62217.2_cid334?__blob=publicationFile&v=1 , S. 488.

[7]

www.prostitutionresearch.com/pdf/Prostitutionin9Countries.pdf.

[8]

https://www.bmfsfj.de/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf Teilpopulation 2, Erhebung bei Prostituierten, S. 85.

[9]

https://www.bmfsfj.de/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf Teilpopulation 2, Erhebung bei Prostituierten, S. 7.

[10]

https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016DC0267&from=DE.

[11]

http://www.saarheim.de/Entscheidungen/VG%20Neustadt%20-%207%20L%201271aus92.htm, para. 11.

[12]

https://www.trauma-and-prostitution.eu/2017/01/03/das-deutsche-modell-produziert-die-hoelle-auf-erden/

Veranstaltung in München am Freitag, den 16.03.18

 

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Interessierte Menschen sind eingeladen zu uns nach München zu kommen!

Und:

„Presseeinladung vom KOFRA: „Spätestens seit der Einführung des umstrittenen Prostituiertenschutzgesetzes stoßen Berichte zu Prostitution oder „Sexarbeit“ auf großes öffentliches Interesse. Dabei dominieren zwei Darstellungsmuster die Debatte: Auf der einen Seite steht ein romantisierender Blick mit der selbstbestimmten und selbstbewussten Sexarbeiterin im Mittelpunkt; ihr mediales Gegenbild ist die unfreiwillig in die Prostitution gedrängte Frau, oft die sehr junge Frau aus dem Ausland, die als Opfer von Menschenhandel in die Prostitution nach Deutschland gezwungen wurde. Die Realitäten der Prostitution und des Erlebens der eigenen Prostituierung, die Vorbedingungen, der Mangel an Ressourcen, die zu dieser Situation führen und auch die für die gesamte Gesellschaft bedeutenden Konsequenzen verschwinden hinter diesen Dichotomien.

Wie sieht die Realität von diesen Bildern aus? Welche Gemeinsamkeiten gibt es in der Prostitution? Und wie soll eine kritische Zivilgesellschaft mit den Folgen umgehen?
Wir sehen einen deutlichen Bedarf und Wunsch in der Öffentlichkeit nach einer sachlichen und faktenbasierten Auseinandersetzung mit der Thematik.

Wir haben die große Freude, Dr. Melissa Farley in München begrüßen zu dürfen. Dr. Farley wird aus ihrer langjährigen und international anerkannten Forschungsarbeit zu Traumatisierungen in der Prostitution berichten.

Anschließend wird Dr. Ingeborg Kraus aus ihren Erfahrungen als Traumatherapeutin heraus zu diesem Themenkomplex Stellung nehmen ebenso wie Marie Merklinger und Sandra Norak, denen der Ausstieg aus der Prostitution gelungen ist.

Wir laden interessierte Journalistinnen und Journalisten sehr herzlich zu dieser Veranstaltung ein. Vor der Veranstaltung wird es eine halbe Stunde Zeit für Ihre Fragen an die Rednerinnen geben, und auch nach den Vorträgen freuen wir uns auf eine rege und konstruktive Diskussion.“

Programm:
In diesem hochkompetent besetztem Podium mit Publikumsdiskussion – mit Vortrag und Berichten von Prostitutions-Überlebenden – geht es genau darum: einen schonungslosen Blick darauf zu werfen, was Prostitution wirklich ist: Gewalt an Frauen. Diskutieren Sie mit den Podiumsteilnehmerinnen.

Begrüßung durch Renate Uzun-Raming, Soziologin und Mitarbeiterin im FrauenTherapieZentum.

  • Dr. Melissa Farley, amerikanische Forscherin. Vorsitzende der Organisation „Prostitution Research & Education“, Autorin mehrerer Werke zu Prostitution, sowie die Leiterin internationaler Studien zu den Frauen in der Prostitution und zu Freiern.
  • Marie Merklinger, Prostitutions-Überlebende, SPACE-Aktivistin, Deutschland .
  • Sandra Norak, Prostitutions-Überlebende und Aktivistin, Mitglied von SISTERS e.V., Deutschland.
  • Dr. Ingeborg Kraus, Fachtherapeutin für Psychotraumatologie die auch mit Prostitutions-Überlebenden arbeitet, sagt was Prostitution mit Menschen machen kann.

Moderation: Dr. Inge Kleine vom Kofra, dem Kommunikationszentrum für Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation.

Zeit: Freitag 16. März von 19:00-21:00 Uhr (Pressegespräche ab 18.30)
Ort: FrauenTherapieZentrum, Güllstr. 3/ 2. Stock, München
Kosten: 7,–€
Anmeldung: kofra e.V., Tel: 089/ 2010450, kofra-muenchen@mnet-online.de, http://www.kofra.de

Quelle: http://www.trauma-and-prostitution.eu/2018/02/02/prostitution-die-unzensierte-wahrheit-muenchen-a-16-03-2018/

Bordell Deutschland „Milliardengeschäft Prostitution“ – Dokumentation (ca. 90 Min.)

 

Hier könnt ihr die Doku und einen Ausschnitt aus „Hallo Deutschland“ anschauen.

 

sandra

 


 

Nachrichten | hallo deutschland Ausstieg aus der Prostitution

„Sandra Norak ist eine Gymnasialschülerin, hübsch, blond – und einsam. Sie chattet im Internet, verliebt sich – aber in den falschen Mann. Denn: ihr damaliger Freund drängt sie in die Prostitution. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.“

https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/ausstieg-aus-der-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo-Dokumentation „Bordell Deutschland – Milliardengeschäft Prostitution“ komplett, abrufbar von 22 – 6 Uhr:

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/bordell-deutschland-milliardengeschaeft-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo Dokumentation über Prostitution, 18.11. um 22 Uhr

 

Sandra

Fotoquelle: ZDF / Jan Sindel

 

Am Samstag, den 18.11. um 22 Uhr, läuft eine Dokumentation über Prostitution auf ZDFinfo, wo ich auch zu sehen bin (siehe Bild). Man kann sich das Ganze aber auch danach in der Mediathek ansehen.

Hier der Text zur Dokumentation:

Prostitution und organisierte Kriminalität
 
„Bordell Deutschland“: Diese TV-Doku wird für Wirbel sorgen
Von Frank Rauscher

Sie werden geschlagen, missbraucht und ausgebeutet: Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. In der TV-Doku „Bordell Deutschland“ kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.

Für fast alles gibt es in Deutschland Statistiken. Ohne Zweifel ließe sich jedoch die Zahl der freilaufenden Hühner exakter benennen, als die der Frauen, die hierzulande dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Denn: Für den Bereich der Prostitution gibt es keine belastbaren Zahlen, weiß der Kriminalist Manfred Paulus. Schätzungen gingen von 400.000 bis zu über einer Million aktuell in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen aus, laut statistischem Bundesamt nehmen täglich rund 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Und „seit der Legalisierung werden es immer mehr“, sagt Paulus, der drei Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelte und nun auch als Protagonist einer der umfassendsten TV-Dokus, die je zu diesem Themenkomplex gedreht wurden, gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel ankämpft. Die Legalisierung der Prostitution, die mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz de facto erfolgte, steht im Fokus des spielfilmlangen Beitrags, der sich unter dem Titel „Bordell Deutschland“ am Samstag, 18. November 2017 (22 Uhr, ZDFinfo), mit dem „Milliardengeschäft Prostitution“ befasst.

„Legalisierung“: Das klingt positiv, doch schon das ist eines der Probleme, wie der engagierte Film von Christian P. Stracke verdeutlicht. Die Begrifflichkeit mag dem Freier das Gewissen erleichtern, aber hilft so ein Schlagwort auch den Frauen?

Der Journalist geht, ohne irgendetwas zu beschönigen, der Frage nach, warum Deutschland zur internationalen Drehscheibe für Zwangsprostitution und Mädchenhandel geworden ist. „Was läuft falsch bei uns?“, heißt es gleich zu Beginn des Beitrages, der Antworten liefert, die niemandem gefallen und viel Staub aufwirbeln dürften. Was auch der Sender erkannt hat: Der Film über die Zusammenhänge von Zuhälterei, Prostitution und internationalem Menschenhandel war zunächst auf 45 Minuten angelegt. ZDFinfo hat sich aber „aufgrund der Fülle von Aspekten und Standpunkten“ für eine Verdopplung der Länge entschieden. „Eine entsprechende Anpassung war schnell und unkompliziert möglich, ein Vorteil, den vermutlich nur ZDFinfo bieten kann“, heißt es jetzt seitens der Produktion. Schließlich gibt es im Digitalkanal keine genormten Sendeformate.

Authentische Innenansichten einer Parallelwelt

Über ein Jahr recherchierte Stracke an seiner Story, die ohne die Voyeurismuskarte zu spielen beinahe so packend wie ein Thriller ist, weil sie authentische Innenansichten einer tabuisierten und immer wieder als „schillernd“ oder „cool“ verklärten Parallelwelt präsentiert. Er sprach mit Prostituierten, Polizisten, Sozialarbeitern, Vertretern des Prostituiertenverbandes, Politikern und Psychologen. Stracke ist quer durch Deutschland gereist, hat sich vor Ort vom Edelbordell bis zum Straßenstrich ein Bild von den Ausprägungen der Prostitution gemacht.

Zu Wort kommen auch eher exotisch anmutende Protagonistinnen wie Cleo aus Berlin, die – freiwillig, wie sie betont – in einer „Erlebniswohnung“ an Gangbang-Partys teilnimmt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau. Oder Typen wie Andreas Marquardt, der früher als Zuhälter die Frauen nach eigener Aussage „wie Dreck“ behandelte, wegen Menschenhandels im Gefängnis saß und sich heute für Gewaltprävention einsetzt. Vor allem aber prägen Frauen wie Sandra Norak Strackes Film. Sie hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und den Ausstieg geschafft. Dabei hat sie fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Gewalt gesehen.

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihr Leben und ein Gewerbe, das sie „fast kaputt gemacht“ habe. „Das ist keine Arbeit“, sagt sie, „das ist einfach nur Gewalt, was man da erlebt … Und ich hatte da bestimmt 400/500 Männer in vier Wochen.“ Die heute 27-Jährige geht mit ihrer Geschichte jetzt ganz bewusst an die Öffentlichkeit, möchte mit dem Mythos der Freiwilligkeit aufräumen, sie studiert Jura und setzt sich für die Abschaffung der Prostitution ein. „In jedem Club, in dem ich war, habe ich Menschenhandel gesehen“, berichtet sie. „Ich habe natürlich auch Frauen gesehen, die geschlagen werden. Und ich habe auch Freier gesehen, die das gesehen haben und dann trotzdem die Dienstleistung in Anspruch genommen haben.“

Neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen

Kein Einzelfall, wie Denisa, eine junge Rumänin, die nun, nach ihrem Ausstieg ebenfalls gegen die Missstände ankämpft. Jahrelang hat sie in Deutschland als Zwangsprostituierte gearbeitet, sie weiß alles über die Hintergrunde des Geschäfts: „90 Prozent haben Zuhälter“, sagt sie und berichtet aus eigener Erfahrung: „Die Männer sind scharf auf Minderjährige. Es gibt so viele Pädophile.“ Dem Mythos der Freiwilligkeit widerspricht die ehemalige Zwangsprostituierte entschieden: „Die Freier denken sich, die macht das aus Spaß. Du musst so tun, als ob es dir gut geht, aber innerlich geht’s dir nicht gut.“

Zu der Einschätzung gelangen auch Experten der Polizei, ihren Angaben zu Folge werden neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen. Heute spricht Denisa in rumänischen Armenbezirken vor Schulkassen, um die Mädchen zu warnen und sie, genau wie der Kriminalist Manfred Paulus, über die Maschen der als „Loverboys“ getarnten Handlanger der Mädchenhändler aufzuklären.

Die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus vergleicht den Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern. Fast 70 Prozent der Frauen leiden unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung: „Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen.“ Die Sterblichkeitsrate unter Prostituierten ist 40-mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, heißt es in der Doku. Allein das Risiko, ermordet zu werden, sei über 18-mal höher als bei anderen Frauen – unabhängig davon, ob sie freiwillg arbeiten oder dazu gezwungen werden.

Ungeachtet all dieser Hintergründe, das macht der sauber recherchierte Film deutlich, haben Escortangebote und Bordelle in Deutschland mehr Zulauf denn je. Das Marketing der Freudenhäuser hat sich offenbar der Mentalität der Freier angepasst: „Komm so oft du willst“, „All you can fuck“ oder „20 Minuten Sex für 20 Euro – der Spartarif im Discountpuff“ – so werben Flatrate-Puffs in den Städten. In Online-Foren tauschen sich Männer ungeniert und oft auf menschenverachtende Weise über die Leistungen der Sexarbeiterinnen aus.

Deutschland als Reiseziel für Freier

Vor der Kamera wollte kaum einer offen über so etwas Auskunft geben, aber während der Recherchen hat Autor Stracke mit vielen Freiern gesprochen. Sein Eindruck: Unrechtsbewusstsein ist auf Seiten der Männer kaum vorhanden. So ist Deutschland auch zu einem der begehrtesten Reiseziele für Freier aus alle Welt geworden. „Besuche über zehn Clubs in sechs Tagen“, preist ein Veranstalter ungeniert ein Package mit Kunst und Kultur an, das die Kundschaft ins „Bordell Deutschland“ locken soll.

Die Frage ist, wie es so weit kommen konnte. Glaubt man diesem Film, der auch die Tätigkeit der Prostituiertenverbände kritisch hinterfragt, kamen mehrere Faktoren auf unselige Weise zusammen: Das fraglos gut gemeinte Gesetz zur Legalisierung der Prostitution von 2002 hat den Bordellbetreibern und Freiern mehr geholfen als den Frauen. Seine Einführung ging zeitlich mit der EU-Osterweiterung einher, derweil sich in Deutschland gerade eine „Geiz ist geil“-Mentalität breitmachte.

Während bei den Mädchen wenig hängen bleibt, lässt sich mit der Prostitution viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt bringt allein eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr. Und auch der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit. Der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß, es kommen immer mehr und immer jüngere Frauen, die alles ungeschützt mitmachen …

Vorbild Schweden

Ob sich mit dem seit Juli geltenden „Prostituiertenschutzgesetz“, welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich. Anfangs, so lässt der Autor Christian P. Stracke durchblicken, sei auch er der Meinung gewesen, dass freiwillige Prostitution erlaubt sein sollte. Mittlerweile ist er aber zu der Überzeugung gelangt, auch freiwillige Prostitution verletze die Menschenrechte. „Deshalb muss sich dringend etwas ändern“, fordert er. „Doch um Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam einzudämmen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.“ Für ihn ein Vorbild: das nordische Modell in Schweden, das mit dem Sexkaufverbot den Freier bestraft.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

 

Link: prisma.de

 

Auf die Freiheit!

Video unten: Klaus Ferdinand Hempfling – Free and Connected

„Freedom of spirit… Authentic and real… Connection of body and spirit…“

„It is all in us

Be yourself

 

Vortrag einer Traumatherapeutin

 

Ich möchte einen Vortrag von Dr. Ingeborg Kraus teilen. Sie findet deutliche Worte und hat eine klare Haltung.

Leider haben die meisten Menschen in unserer Gesellschaft zum Thema Prostitution keine klare Haltung, viele Menschen haben sogar überhaupt keine Haltung dazu. Vorher sah ich mir das TV-Duell von Angela Merkel und Martin Schulz an sowie die darauffolgende Sendung von Anne Will, in der über das Duell diskutiert wurde. Themen waren u.a. Migration, Integration, die Türkei, Rente, etc…

Alles wichtige Dinge, aber immer wieder frage ich mich: was ist mit den abertausenden an Menschen in der Prostitution, in unserem Land, die täglich Unerträgliches an Leid erleben?

Wir haben hier in Deutschland eine humanitäre Katastrophe was die Prostitution angeht, und ich meine wirklich eine HUMANITÄRE KATASTROPHE, und keiner sieht es, manchmal frage ich mich, ob es keiner sehen möchte. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, 6 Jahre lang, und es macht mich wirklich traurig, dass in unserer Politik so wenig getan wird, sich damit so wenig auseinandergesetzt wird.

Ja, es gibt jetzt das neue Prostituiertenschutzgesetz – und nun? Wartet man erstmal die Evaluation ab? Wo sind die vielen wichtigen und ernsthaften Ausstiegshilfen? Ganz egal ob man für ein Sexkaufverbot oder lediglich Reglementierungen ist, es braucht diese Ausstiegshilfen. Wo sind sie?

Leider wissen viele Menschen da draußen nicht, dass die meisten Prostituierten keine Zeit haben abzuwarten. Sie haben schlicht keine Zeit, denn sie gehen da draußen jeden Tag mehr und mehr zugrunde.

Hier nun der Vortrag.

 

Keine einzige etablierte Partei nimmt eine klare Stellung zur Prostitution ein. Das ist eine Schande!

Von Dr. Ingeborg Kraus. 

 

Diese Rede wurde in Saarbrücken am 02.09.2017 auf der Fachtagung „Warum Männer zu Prostituierten gehen?“ gehalten (und ergänzt).

Ich bedanke mich sehr bei Hadassah[2], auf dieser wichtigen und hochkarätigen Veranstaltung sprechen zu dürfen und etwas über die Schäden durch die Prostitution zu sagen, da dieser Aspekt, sowie die Gewalt in der Prostitution bei den Evaluationen des deutschen Ansatzes gezielt ignoriert wurden[3].

Kurz etwas zu der Realität in der Prostitution:

„Hallo zusammen! Neugierig und fickgeil wie ich nunmal bin, habe ich es mir nicht nehmen lassen, diesen Online-Dienst anzurufen, um mal nach Laura zu fragen. Tatsächlich hätte sie angeblich bei meinem Anruf um 20 Uhr abends nur knappe 30 Minuten um bei mir zu sein! Wow, na dann auf, und Laura bestellt. Tatsächlich exakt nach 25 Minuten klingelt es an meiner Wohnung und Laura steht vor der Tür. Fotos 100% Original. In echt meiner Meinung nach sogar noch hübscher. Sie spricht halt kein einziges Wort Deutsch, aber ich wollte ja eh nur ficken. Also 120,–€ hingelegt, ausgezogen, ab in die Kiste und Laura aufgefordert sich auf den Rücken zu legen, damit ich missionarsmäßig zur Besamung loslegen kann. Ich nahm ihre Beine und legte sie über die Schulter, drückte dabei die Beine soweit nach unten wie es ging, um die ganze Besamungsaktion besser im Blickfeld zu haben. Sie versuchte mehrmals, meine heftigen Stoße abzufedern indem sie mit den Händen gegen meine Oberschenkel drücken wollte, nur ich ließ ihr keine Chance, denn wenn ich am zustoßen bin, dann ohne Kompromisse und dann wird gnadenlos tief und kräftig durchgezogen, bis die Kleine vollgepumpt ist.“ (Tabulosforum, Eintrag[4] vom 19.03.2009)

„Also ich hatte vor ner Zeit die Anna vor dem Hammer, ne heiße Schnecke war´s schon, ohne Gelaber richtig tief eingelocht. Danach raus, rumgedreht die Maus und von hinten richtig tief rumgenudelt. Die Kleine hat richtig die Augen verdreht dabei und zum Glück hab ich ihre Beine vorher leicht an dem Bettgestell fixiert, so dass ihre Beine schön auseinander waren. Dann kurz vorm Abschluss raus und in ihren Rachen entsorgt bis zum letzten Tropfen.

Was die Telefon-Madam betrifft, kann ich nur sagen „sollte mal ne Fortbildung in Sachen Kundenfreundlichkeit nehmen, ihr musste man alles zweimal fragen. Weil die Frauen bei KE sind sehr mechanisch, dafür aber richtige Abfickhuren, so wie es man sich halt manchmal wünscht.“ Smiley, Smiley, Smiley,…. (Tabulosforum[5], Eintrag vom 28.11.2009)

„Sehr geil! Dann können wir die geile Stute auch schwanger AO reiten!“

„Ja die Kleine steht “leider” irgendwie daneben! Lass du dich mal täglich von ca. 30 Typen bumsen und besamen… und das Crystal gibt ihr den Rest.“

„Super-Bilder! Da muss sie aber in der Nacht davor ordentlich durchgezogen worden sein, so rot wie ihre Muschi ist!“

„Hi Leute, auch ich war heute mal bei der (ist absolut nicht böse gemeint) schwangeren Mülltonne “S.” und habe diese (so gut es ging) schön und innig besamt. Das Mädchen ist nur wie bereits erwähnt hochschwanger (im Februar kommt das Kind raus und weg sagte sie) und leider wirklich heftigst drauf und so krass verpeilt, dass man sich eigentlich gar nicht richtig aufs ficken konzentrieren kann. (man kann sich auch nur sehr schwer mit ihr unterhalten). Sie ist trotz allem sehr nett und ich habe viel mit ihr gelacht, wir hatten beide unseren Spaß, aber irgendwie tut sie mir irgendwo leid. Ich werde sie die Tage auf jeden Fall nochmals besuchen…“

„War gestern auch dort und habe mich nach ihr umgeschaut, aber in dem Zimmer wo sie vorher war, ist jetzt eine etwas molligere Türkin… hat sich dann nach Absprache für 25€ ohne Ficken besamen lassen.  (Eintrag[6] über ein Bordell im Frankfurter Bahnhofviertel, das Bordellführungen anbietet um den Bürgern zu zeigen, dass dort alles in Ordnung sei)

Das passiert in Deutschland. Und es ist legal. Und es wird weiterhin passieren, auch mit dem neuen ProstituiertenSchutzgesetz. Ganz legal, staatlich abgesegnet.

Ja, meine sehr verehrten Damen und Herren, wie geht es denn den Frauen dabei? Wie fühlt sich ein Mensch, der zu einem Stück Fleisch reduziert wird, als ein Sexobjekt benutzt und in allen Körperöffnungen penetriert wird?

Mich fragen oft Reporter ungläubig, ob es den Frauen wirklich schlecht gehe in der Prostitution. Sie wollen Diagnosen hören. Viele Frauen weisen in der Tat posttraumatische Belastungsstörungen auf, aber nicht nur: Sucht, Angst- und depressive Störungen sind häufig. Welche Diagnose gibt man einer Frau, die keinen Schmerz mehr spürt, wenn man diese Dinge mit ihr tut? Wir haben es hier mit multiplen Traumafolgestörungen zu tun.

Sandra Norak, eine Ex-Prostituierte, drückt es mit folgenden Worten aus[7]: Für die Abspaltung des Empfindens, die „Unerträgliches erträglich macht“, kennt sie jetzt den Fachbegriff: Dissoziation. Aus der Literatur über Trauma und Prostitution lernte sie über sich: „Als Kind dissoziierte ich schon im Umgang mit meiner psychisch kranken Mutter. Ich fing auch an, mich selbst zu verletzen. Der Schritt zur Prostitution ist dann kein großer mehr. Dort schaltete ich weiter automatisch ab, um die Worte und die Handlungen der Freier ertragen zu können. Später brauchte ich Alkohol, um meine Panikattacken mit Atemnot vor jedem Zimmergang zu stoppen.“

 Direkt nach dem Ausstieg war ihr Körper wie taub, ihr war ständig schwindelig, sie stotterte und konnte keinen Gedanken zu Ende bringen. „Es war alles durch die Prostitution bedingt“, sagt sie. Norak hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen. „Sich von fremden Menschen tagtäglich penetrieren zu lassen erfordert einen Schutzmechanismus des Gehirns, um dabei abschalten zu können. Diesen Mechanismus wurde ich lange Zeit nicht los. Ich hatte verlernt, im Augenblick zu bleiben.“ Sie blieb weiterhin innerlich auf der Flucht, auch wenn die aggressive Umgebung nicht mehr da war.

In der Tat, internationale Forschungsergebnisse weisen auf, dass zwischen 60 und 68% der Frauen die Kriterien einer schweren PTBS erfüllen[8]. 70-95% der Frauen wurden in der Prostitution körperlich angegriffen. 65 bis 75% wurden in der Prostitution vergewaltigt. 65-95% wurden als Kinder sexuell misshandelt. 82% nannten Formen von psychischer Gewalt und 92% hat sexuelle Belästigung erlebt[9]. Es gibt keinen anderen „Beruf“ auf dieser Welt, der so gefährlich ist: die Sterberate liegt bei Frauen in der Prostitution um ein Vierzigfaches über dem Durchschnitt[10]. In keiner anderen Berufsgruppe liegt die Mortalität so hoch wie bei Prostituierten. Die Todesursachen reichen von Mord bis zu Unfällen, von Drogenmissbrauch bis zu Alkoholismus.

Gewalt ist Bestandteil der Prostitution.

Ich möchte darauf hinweisen, dass die psychischen Schäden bei Frauen, die noch in der Prostitution tätig sind, oft nicht einfach zu erheben sind. Die Dissoziation kann sehr unterschiedliche Formen einnehmen. Der seelische Schmerz wird oft erst zugänglich für die Frauen, wenn sie den Weg aus der Prostitution finden und ihnen erst bewusst wird, was ihnen angetan wurde.

Ein Beispiel:

Vor kurzem erhielt ich folgenden Brief von dem Ehemann einer ehemalig prostituierten Frau: „Meine Frau hat bis zu ihrem 27. Lebensjahr ihr Geld ganz oder teilweise mit Prostitution verdient. Kurz bevor wir uns kennenlernten, ist sie ausgestiegen und hat diese Zeit bis heute äußerst erfolgreich verdrängt, so dass diese Zeit in unserem Leben eigentlich keine Rolle spielte und sie sagte, sie hätte mit diesem Lebensabschnitt komplett abgeschlossen. Vor ein paar Wochen hatten wir eine tiefe Ehekrise. Meine Frau entwickelte daraufhin ein Alkoholproblem und musste stationär behandelt werden. Bei der Eingangsanamnese wurde ein schwere PTBS diagnostiziert, die durch die Prostitution entstanden sei. Meine Frau konnte es nicht annehmen, da sie sich frei für die Prostitution entschied und als Gegenleistung Geld erhielt. Mit dem Geld sei die Gegenleistung aus ihrer Sicht abgegolten gewesen. Nun ist es aber so, als wenn bei meiner Frau eine alte vergessene Wunde aufgerissen wurde und das Blut hinaus schießt.“  Es kam zu einem Telefongespräch zwischen uns und ich sagte ihr, dass das Geld nichts rein wäscht und sie diese Schmerzen empfinden darf. Ihr Zustand stabilisierte sich daraufhin.

Hier möchte ich ein Beispiel sekundärer Traumatisierung darstellen:

Das ist was ein Ehemann schrieb, der auf die heutige Veranstaltung aufmerksam wurde: „Es gibt noch einen in der Öffentlichkeit bisher völlig vernachlässigten, nicht destotrotz in seiner Wirkung verheerenden Aspekt, der ebenfalls mit psychischer Gewalt gegen Frauen zu tun hat, und zwar gegen die Frauen, die von ihren Männern mit Prostituierten betrogen wurden und deren komplette Welt von einem Tag auf den anderen völlig aus den Angeln gehoben wurde. Meine Frau hat im Zuge der schockartigen Aufdeckung meiner jahrelangen Aktivitäten heftige Herzrhythmusstörungen entwickelt und litt anfangs stark unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Es gibt eine Plattform, die sich dem Thema Prostitution aus Sicht der betroffenen betrogenen Frauen verschrieben hat, sie heißt: „das Schweigen brechen“. Den anderen betroffenen Frauen, die sich dort austauschen, ging es teilweise ähnlich.“

Prostitution betrifft uns alle! Eine Studie in Frankreich, an der Grenze zu Spaniens „Jonquera“, zeigt, wie Prostitution das Verhalten in der Gesellschaft beeinflusst: Junge Frauen sehen sich z.B. unter Druck gesetzt sexuelle Handlungen, die sie nicht wollen, von ihren Partnern zuzulassen und/oder sich freizügiger zu kleiden. Diese Auswirkungen kann ich ebenfalls in Deutschland feststellen, da immer mehr junge Frauen meine psychologische Praxis aufsuchen, weil sie Angst haben nicht mehr „sexuell leistungsstark“ zu sein.

Jetzt werden Sie mir sagen: „Frau Dr. Kraus, sie haben ja wirklich nur die Schattenseiten der Prostitution dargestellt. Es gibt doch auch die „netten“ Freier“.

Das ist ein Verleugnungs-Mechanismus, der bekannt ist. In ihrer Studie über die französischen Sexkäufer stellt Legardinier[11] fest, dass es den Männern ein wichtiges Anliegen ist, sich von den „perversen Freiern“ abzugrenzen. Sie wollen sich als die „Guten“ verstehen. Mittlerweile sprechen aber mehr und mehr Aussteigerinnen über ihr Erleben in der Prostitution und räumen mit dem Mythos „des netten Freiers“ auf. Huschke Mau nimmt alle Freier in die Verantwortung und stellt nach zehn Jahren Prostitution fest: „Alle Freier sind Täter![12] Und was alle Freier gemeinsam haben, so Mau, das ist ihre Gleichgültigkeit[13]: „Freier sehen Prostituierte nicht als Frauen, sie sehen nur das Objekt, den Körper, eventuell noch das schmückende Beiwerk. Die Frau, deren Rechte, deren Willen und Gefühle sind ihnen schlichtweg gleichgültig“. Rachel Moran[14] muss nach sieben Jahren Prostitution und einer langen Zeit der Rekonstruktion feststellen, dass der gewalttätige Sexkäufer eigentlich ehrlicher mit ihr umgegangen sei als derjenige, der so getan hat, als wolle er sanft und gut mit ihr sein. Letztendlich sei es jedes Mal eine bezahlte Vergewaltigung gewesen. „Ich hatte einen, sagt Huschke Mau, der wollte dauernd Händchen halten und mit mir danach essen gehen. Die Termine waren der Hass, weil sie so lange dauerten, auch im Bett. Das war einer von diesen „netten“ Kunden, und die wollen meistens „Girlfriend-Sex“, das heißt, sie wollen Nähe, Intimität, Schmusen, Küssen, den ganzen Kram, und das ist anstrengend, weil es persönliche Grenzen überschreitet, weil man noch mehr schauspielern muss, und es versaut einem Intimität restlos, eben weil sie restlos eingefordert wird. Man darf nichts mehr für sich selber behalten. Indem man auch diese Gesten der Zärtlichkeit imitiert und verkauft, gehören sie einem nicht mehr, sie werden Teil des Entertainerinnenrepertoires und damit bedeutungslos, da abgespalten vom Ich. Hinzu kommt, dass zu dem Gefühl, missbraucht zu werden durch die Freigabe derart intimer Gesten das Empfinden kommt, an dem Missbrauch beteiligt zu sein, sich selbst zu missbrauchen, da kein „harter Kern“ übrig bleibt, der vor dem Freier geschützt wäre. Es ist wie eine Totalauslieferung.“

Eine Bekannte, die in einem Ausstiegsprogramm für Prostituierte arbeitet, sagte mir, dass nur wenige Frauen den Ausstieg erreichen. Die Frauen arbeiten so lange, bis sie körperlich zusammenbrechen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis das passiere.

Warum ist das so, fragte ich mich? Weil man den Willen dieser Frauen gebrochen hat. Diese Frauen sehen keine Zukunft für sich, sie haben keine Träume, keine Identität außerhalb der Prostitution. Sie sind auf dieses konstruierte Wesen der „Prostituierten“ reduziert und finden keinen Weg mehr da raus. Sie sind in ihrem Trauma und ihrer Scham eingesperrt.

„Die jungen Frauen, die nach Deutschland kommen, sind völlig überfordert, komplett traumatisiert. Viele verlangen nach ihren ersten Erfahrungen nach Psychopharmaka und Drogen. Sie sagen, anders sei ‚dieses Geschäft‘ nicht auszuhalten. Manche Frauen sind nur wenige Wochen da und sagen: ‘Ich bin hier gestorben, ich kann nicht mehr lachen‘. Die Frauen sind sehr traumatisiert, sie entwickeln Depressionen, Albträume, körperliche Schwierigkeiten. Sie reagieren psychosomatisch, haben Bauchschmerzen. Sie sind krank und fühlen sich auch krank. Es breitet sich eine ganz große Hoffnungslosigkeit in ihnen aus.“[15]

Dasselbe berichtet auch Jana Koch-Krawczak[16], wenn sie als Streetworkerin in die Bordelle geht. Sie begegnet verwahrlosten Frauen, die den Kontakt zu sich selbst völlig verloren haben. Sie reagieren verängstigt oder apathisch. Es erscheint offensichtlich, dass sie alles andere brauchen als Sex. Aber daneben stehen die Sexkäufer und scheren sich „einen Dreck“ darum. Sie lachen und amüsieren sich.

Wie geht das? Ich stelle mir dieselbe Frage, die sich auch Caroline Emcke in ihrem Buch „Gegen den Hass“ gestellt hat. Ja, wie geht das, die Not der Menschen nicht zu sehen, sondern nur die eigenen Bedürfnisse? Warum gehen Männer zu Prostituierten?

Sie gehen zu prostituierten Frauen, weil sie es dürfen. So einfach ist das. Weil sie denken, ein Recht auf Sex zu haben und dafür Frauen benutzen zu dürfen, und das mit der Absegnung von Kirche und Staat. Die Frau wird in ein sozial konstruiertes Bild eingesperrt, und zwar in das Bild „einer unersättlichen Sexbestie“. Andere Bedürfnisse werden ihr abgesprochen. Sie wird entmenschlicht, sie ist nur noch das. Das erlaubt den Sexkäufern jegliche Form von Skrupellosigkeit, ihr Mitgefühl ist blockiert, an seine Stelle tritt Gleichgültigkeit.

Durch Verdrängungsmechanismen und gedankliche Tricks mogelt sich so die Gesellschaft und die Politik aus der Verantwortung heraus. Die Gewalt wird verleugnet, die Realität ausgeblendet. Und für was das alles?

All das, um ein ganz stark tabuisiertes Thema zu schützen, und zwar die männliche Sexualität und das ihr widerspruchslos zugestandene Recht auf uneingeschränkte Entfaltung. Manche Männer scheinen große Angst davor zu haben keine Frau mehr abzukriegen. Sie erleben es als einen Machtverlust, nicht mehr entscheiden zu können, mit wem sie Sex haben wollen. Anstatt sich etwas für die Frauen zu bemühen und sie als gleichberechtigt zu sehen, wird eine Enklave im Staat errichtet, um ihnen diese Macht weiterhin zu ermöglichen.

Das neue Prostitutions-Schutzgesetz sendet doch weiterhin die falschen Signale, nach dem Motto: Jungs, passt in Zukunft etwas mehr auf, aber macht weiter! Demokratie bedeutet nicht, dass wir machen können, was wir wollen. Unsere Freiheit hört dort auf, wo wir die Grenzen eines anderen Menschen verletzen. Und der Auftrag unserer politischen Vertreter ist, immer auch die vulnerabelsten Mitglieder unserer Gesellschaft im Auge zu halten und sie vor Ausbeutung zu schützen. Es ist eine Schande, dass keine der großen Parteien (1), eine klare Haltung dazu nimmt! Sie sind von dem rasanten Aufstieg der rechts-populistischen Parteien schockiert. Anstatt jedoch die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen um die skandalösen Zustände zu beenden, halten sie den Status Quo aufrecht um nicht negativ aufzufallen und ihre Pöstchen nicht zu gefährden. Sie begreifen jedoch nicht, dass sie mit dieser reform-ängstlichen Politik, die übrigens auch mit allen anderen großen Themen betrieben wird, den Populismus erst recht füttern. Die Gleichgültigkeit gegenüber dieser extremen Frauenverachtung kann nicht mit anderen Frauen fördernden Punkten (Quote oder Lohngleichheit) ausgeglichen werden. Alle etablierte Parteien müssen sich dem Vorwurf stellen, Frauenfeindlichkeit ins Wahlprogramm geschrieben zu haben.

Deutschland, so Manfred Paulus[17], ist durch das Gesetz von 2002 nicht nur zum Bordell Europas geworden, sondern international Drehscheibe für Sexsklavinnen. Das Rotlichtmilieu ist mittlerweile in den Händen der international organisierten Kriminalität. Es wäre naiv zu glauben, dass diese vor den Türen der Bordelle endet. Mit einer Kondompflicht ist die Sache nicht gelöst!

Bei der Prostitutionsfrage geht es um mehr als nur Schadensbegrenzung zu betreiben, es geht um ein neues Gesellschaftsmodell: eine neue Männergeneration soll geschaffen werden, die nicht auf sexuelle Ausbeutung der Frau zurückgreift um sich zu definieren.

„Prostitution ist Gewalt gegen Frauen! Sie festigt und fördert die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, sie ist Symbol männlicher Herrschaft über Frauen sowie kollektiver Entwürdigung von Frauen“.[18] Mit der Schimäre des unkontrollierbaren männlichen Sexualtriebes muss aufgeräumt werden. Männer sollten einen anderen Umgang mit Frustration erlernen.

Es sollte den deutschen Schülerinnen und Schülern das Gleiche vermittelt werden, wie Schülerinnen und Schülern in Frankreich: Dass eine Frau keine Ware ist und sie nicht zur sexuellen Benutzung gekauft werden darf, dass Prostitution verheerende Auswirkungen auf der Welt auslöst, dass Prostitution kein Schicksal oder unvermeidliches Übel ist, keine Freiheit und schon gar nicht ein Beruf. Prostitution verstößt gegen die Menschenrechte und Menschenwürde. Deshalb brauchen wir auch hier in Deutschland ein Sexkaufverbot, denn es gibt kein Recht auf Sex!

 Ich bedanke mich!

Lektorat: Firdes Ceylan

Quelle: Trauma and Prostitution – Scientists For A World Without Prostitution

 

 

Gespräch mit Lisa Harmann

 

Lisa Harmann hat mir ein paar Fragen gestellt:

Sandra Norak* schaffte zum ersten Mal an, da war sie 18. Es sollte sechs Jahre lang dauern, bis sie sich selbst aus dem Sumpf der Prostitution befreien konnte. Heute macht sie sich für das „Nordische Modell“ stark, in dem unter anderem Freier für ihren Besuch bei Prostituierten bestraft werden – und hat dafür ihre Gründe.

Frau Norak, Sie sind Jura-Studentin, 27 Jahre alt, aber Sie sind nicht wie die anderen in Ihrem Jahrgang, denn von 2008 bis 2014 waren Sie in der Prostitution. Wie kam es dazu?

Sandra Norak: Als Schülerin lernte ich im Internet einen „Loverboy“ kennen. Während ich zuhause große Probleme hatte, vermittelte er mir Halt und Liebe und ebnete mir den Weg in die Prostitution.

Wusste Ihre Familie davon?

Norak: Ein paar Leute fanden heraus, dass ich mich prostituierte, aber sie wussten nicht über die wirklichen Umstände Bescheid.

Selbst schuld, sagen einige, wenn man sich auf einen „Loverboy“ einlässt. Was entgegnen Sie ihnen?

Norak: „Loverboys“ sind Männer, die gezielt nach jungen Mädchen oder Frauen Ausschau halten und ihnen Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie binden sie emotional an sich und erst wenn diese Bindung besteht, kommt die Prostitution ins Spiel, wobei es verschiedene Vorgehensweisen von „Loverboys“ gibt.

Meiner war um die 20 Jahre älter als ich und ein Ex-Fremdenlegionär. Er verherrlichte das Buch „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Dieses Buch ist ein Kriegsstrategie-Klassiker. Die Autorin und Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, welches das Thema „seelische Gewalt“ behandelt, einige Male auf Sun Tsus Buch indem sie seine Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen überträgt und nennt Menschen, die beispielsweise wie mein „Loverboy“ agieren, „die Perversen“. Ihr Buch fand ich erst vor einiger Zeit. „Loverboys“ planen alles von Anfang an. Vor allem junge Menschen sind leicht manipulierbar und sehr gefährdet.

Haben Sie das Gefühl, dass jede Frau auf so einen Menschen reinfallen könnte?

Norak: Nein, es gibt „Push“ – und „Pull-Faktoren“ im Bereich des Menschenhandels, vor allem bei der Migration osteuropäischer Frauen, die in der Prostitution landen. Während Push-Faktoren Menschen in Richtung Prostitution drücken können, wie zum Beispiel Perspektivlosigkeit und Armut, (sexuelle) Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit, etc., können Pull-Faktoren weiter hineinziehen, wie die „Loverboys“ mit ihren falschen Versprechen oder bei Osteuropäerinnen oftmals das Versprechen eines guten Jobs und eines besseren Lebens in Deutschland. Die „Loverboy-Methode“ ist ein komplexer, durchgeplanter und perfider Isolationsprozess. Im Rotlichtmilieu gibt es regelrechte „Schulen“, um diese Taktik beherrschen zu lernen.

Wie sah denn Ihr Tagesablauf damals aus? Gab es da Routinen?

Norak: Mich prostituieren, essen, schlafen. Ich bekam vom Leben draußen gar nichts mehr mit und verwahrloste immer mehr.

Welche Menschen kamen in diesen sechs Jahren zu Ihnen?

Norak: Alle Möglichen. Freier aus jeder Schicht, jedem Beruf, Behinderte, alte und junge Leute, Ledige, Verheiratete, Singles – wobei die meisten liiert oder verheiratet waren. Erschreckend fand ich die hohe Anzahl an Familienvätern. Ich musste feststellen, dass wir leider in einer sehr verlogenen Gesellschaft leben.

Was war das Schlimmste?

Norak: Die Prostitution an sich ist schlimm. Es gibt keine guten Freier und Escort ist genauso Prostitution und seelenraubend wie jede andere Form der Prostitution. Ich hatte viel mit Prostituierten zu tun und egal welche Form sie gerade ausübten oder welchen Freier sie gerade hatten, sie waren danach immer am Ende.

Wie haben Sie das ausgehalten?

Norak: Erst dissoziiert und dann mit viel Alkohol. Seit Beginn des Jura-Studiums beschäftige ich mich auch sehr viel mit der Psychotraumatologie im Hinblick auf die Prostitution und es ist essenziell, dass Menschen darüber Bescheid wissen, wenn sie über Prostitution sprechen. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, eine Abspaltung des Empfindens. Wenn, wie hier, sexuelle Handlungen der Freier unerträglich werden und man physisch nicht weg kann, lässt die Dissoziation einen abschalten. Bewusstsein und Wahrnehmung werden getrübt, man befindet sich in einer Art Trance-Zustand und ist depersonalisiert.

Welche Folgen hatte das?

Norak: Auch wenn Sie dissoziieren, erleben Sie die Situationen natürlich trotzdem. Wenn Sie nun nach den Zimmergängen mit bestimmten Schlüsselreizen wie zum Beispiel dem Parfum des Freiers in Berührung kommen, kann das Flashbacks auslösen. Sie erleben dann vergangene Situationen oder Gefühlszustände wieder und zwar in extremer Stärke. Ich hatte viel mit Panikattacken zu kämpfen. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war. Im Bordell und leider auch in den meisten Beratungsstellen sitzen keine spezialisierten Fachkräfte aus diesem Bereich.

Hatten Sie Hilfe in dieser Zeit?

Norak: Nein, aber ich habe mich auch verschlossen. Das ist ein großes Problem: Die wenigsten Prostituierten trauen sich überhaupt Hilfe zu suchen, weil sie wissen, dass sie so tief unten sind, dass richtige und ernsthafte Hilfe raus aus diesem elendigen Leben leider in unserem Land so gut wie nicht existiert.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?

Norak: Nach ein paar Jahren in der Prostitution habe ich angefangen im Bordell mein abgebrochenes Abitur per Fernstudium nachzuholen, machte unbezahlte Praktika um meinen Lebenslauf zu füllen, bekam einen Minijob und letztlich dann einen Vollzeitjob, der mir den kompletten Ausstieg ermöglichte.

Wie ging es Ihnen danach?

Norak: Nicht gut. Ich hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen und wusste sehr lange Zeit nicht, was da überhaupt mit mir los war.

Sie sagen, im Grunde prostituiert sich niemand freiwillig, wie meinen Sie das genau?

Norak: Ich habe keine Frau gesehen, die in der Prostitution sein wollte. Nun wird oft angebracht, es gäbe ja auch Menschen, die nicht gerne putzen wollen und trotzdem putzen gehen. Das kann man nur ganz und gar nicht vergleichen. Wenn erfahrene Traumatherapeutinnen und Traumatherapeuten über die Folgen von Prostitution sprechen, dann berichten sie von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, die sich nur nach schweren Traumatisierungen entwickeln können. Beim Putzen bekommt man die sicher nicht. In der Literatur über Trauma und Prostitution findet man auch Studien darüber, dass die überwiegende Anzahl an Frauen, die sich freiwillig prostituieren, bereits in ihrer Kindheit diverse Formen von Gewalt erlebten und die Gewalt, wie sie sie dann auch weiter in der Prostitution erfahren, einzig durch die bereits entwickelten Schutzmechanismen aushalten können und dabei aber weiter traumatisiert werden. Hier von Freiwilligkeit zu sprechen ist zynisch. Es geht auch nicht darum, Prostituierte zu pathologisieren, sondern darum zu verstehen, dass Prostitution ein in sich geschlossenes Gewaltsystem ist.

Sie schreiben das Blog „Die Wahrheit über das Leben in der Prostitution“ und gehen mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Warum?

Norak: Ich mag nicht mehr einfach zusehen wie Menschen in der Prostitution jeden Tag systematisch zerstört werden und will das Leid, was ich gesehen habe, nicht mit verantworten. Nichts tun, obwohl man etwas tun kann, bedeutet mit verantworten. Wir haben in unserer Gesellschaft schon viel zu viel Gleichgültigkeitsempfinden in Bezug auf so viele Dinge.

Heute kämpfen Sie für die Abschaffung der Prostitution. Wie engagieren Sie sich?

Norak: Ich schreibe, um zu versuchen, das Thema verständlicher zu machen und bin Mitglied bei „Sisters e.V.“. Ich unterstütze die Kampagne „Rotlichtaus“, denn wir brauchen in Deutschland und noch in vielen anderen Ländern das „Nordische Modell“. Auch das Europäische Parlament hat sich 2014 dafür ausgesprochen. Erfahrungen zufolge ist es zudem das effektivste Mittel gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Bereits viele Menschen und Organisationen, auch auf internationaler Ebene, stellen sich schon seit einigen Jahren unermüdlich dem Kampf gegen Prostitution und Menschenhandel. Einfach ist dieser Weg nicht, aber es ist ein Weg, den es lohnt zu gehen. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen anfangen ihn zu beschreiten.

*Sandra Norak ist der Name, mit dem sich die Interviewte der Öffentlichkeit stellt. Es ist nicht ihr richtiger Name.

 

Quelle:

Über Freier, Zynismus und das Umdenken

 

Wie ich gesehen habe, wurde nach dem Spiegel Artikel in einem Freier Forum über mich bzw. das Thema diskutiert:

https://www.freiermagazin.com/freier-forum/threads/die-wahrheit-%C3%BCber-das-leben-in-der-prostitution.48226/

Zum Beispiel wurde hier geschrieben:

„Ich finde das alles ganz prima was die da so schreiben, es bleibt allein die Frage wie man das Geschlechtsleben der Männer in den Griff kriegen will. Vielleicht mit Brom, Hormonen oder einem Eingriff?“

Herr XY,

ich hoffe, Ihnen ist klar, dass Sie sich selbst mit diesem Satz auf ihr Geschlechtsteil reduzieren und sich kleiner und verstandloser machen als Sie wahrscheinlich sind. Wir sind alle durch die Evolution gegangen – der „Trieb“ mag da sein, aber mit der Vorgabe ihn nicht unter Kontrolle haben zu können, ihm hilflos ausgeliefert zu sein, stellen Sie sich dar als hätten Sie keine Wahl, als wären sie unfähig ihren Verstand einzuschalten und ihr Handeln zu kontrollieren. Sie machen sich mit Ihrer Aussage selbst zu einer armseligen Kreatur, die nicht selbstständig entscheiden kann. Sie zeichnen hier ein sehr trauriges Männerbild und es tut mir leid für diejenigen Männer, die nicht so sind, die Sie aber automatisch in Ihre Aussage durch den Begriff „der Männer“ miteinbeziehen.

Weiter:

„Ansonsten ist das die Wahrheit über deren Prostitution und nicht über die Prostitution. Ich kenne tatsächlich berufsbedingt hunderte von Frauen, die alle ihre Probleme haben, aber ganz anders leben als die Wahrheitsbestimmerin hier. Wenn Du denen, jeder einzelnen(!), einen Job anbieten würdest, der ihren Fähigkeiten entspricht, würde keine diesen annehmen.“

Ich nehme an, Sie meinen hier, dass Sie hunderte von Prostituierten kennen? Wenn dem so ist, frage ich mich wie Sie hunderte von Prostituierte BERUFSBEDINGT kennen können, die dann auch angeblich noch alle Prostituierte sein wollen, selbst wenn man ihnen einen anderen Job anbieten würde. Sind Sie vielleicht ein Bordellbetreiber/Zuhälter oder woher kennen Sie BERUFSBEDINGT hunderte von angeblich zufriedenen Prostituierten? Stellen Sie mir diese „hunderte von Prostituierten“ doch gerne mal vor, ich möchte Sie allesamt kennenlernen.

Ich bin keine „Wahrheitsbestimmerin“, sondern ich gebe lediglich das Elend wieder, was ich in 6 Jahren in diversen Bordellen gesehen habe. Und diese Zustände sind nun mal die Wahrheit, wenn sie auch manchen nicht gefällt oder nicht ins Bild passt, weil sie es lieber verdrängen/nicht wahrhaben wollen/nicht sehen können, etc…

Weiter:

„Man müsste der Dame in ihrem Blog mal die richtigen Fragen stellen: z.B:
Recht hast Du, brave Streiterin. Aber wie soll das gehen, wenn es armen Frauen nicht mehr erlaubt ist so Geld zu verdienen? Von was sollen diese dann leben? Wer bezahl deren Unterhalt? Wer versorgt die Familien daheim in Rumänien, Bulgarien usw?…

Was machen die Mädchen, die arbeiten wollen? Von was leben, die die nichts anderes können?“

Erstens verbietet das „schwedische/nordische Modell“ den Frauen nicht sich zu prostituieren. Und zweitens ist es zynisch, Menschen der Prostitution auszusetzen mit dem Argument, sie können sowieso nichts anderes. Oder zu sagen, dass Prostitution ok ist, weil es keine anderen legalen Alternativen für diese Menschen gibt. Was sind das für Argumente? Das sind für mich keine Argumente, sondern ein Zynismus, der nicht mehr zu übertreffen ist.

Eine Studie von Dr. Melissa Farley (mit 854 Menschen aus 9 Ländern, die zu diesem Zeitpunkt entweder noch in der Prostitution waren oder sie kurz davor verlassen hatten) besagt folgendes:

We found that prostitution was multitraumatic: 71 % were physically assaulted in prostitution; 63 % were raped; 89 % of these respondents wanted to escape prostitution, but did not have other options for survival. A total of 75 % had been homeless at some point in their lives; 68% met criteria for PTSD (Post Traumatic Stress Disorder)

Quelle: Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Post Traumatic Stress Disorder

Als Staat, der es sich zur Aufgabe macht sich für Menschenrechte einzusetzen, ist es seine Aufgabe Hilfe und Alternativen zu schaffen um Menschen aus diesem Sumpf zu befreien. 89 % wollen sich der Studie nach gar nicht prostituieren. Sie haben tagtäglich Geschlechtsverkehr gegen ihren eigentlichen Willen. Warum schafft man zum Beispiel für ausländische Prostituierte keine Deutschkurse, Aus – und Weiterbildungen, INTEGRATION, wie wir sie zum Beispiel für Flüchtlinge haben, aber nicht bzw. nicht ausreichend für Menschen, die in der Prostitution im eigenen Land bereits seit Jahren elendigen Zuständen ausgesetzt sind? Dass das viel Geld kostet ist mir klar, aber wenn man als menschenrechtsliebendes Land kein Geld dafür ausgeben will, dass unzählige Menschenwürdeverletzungen aufhören und stattdessen die sexuelle Integrität, der persönlichste Bereich der Intimsphäre, geschützt wird, wofür dann?

Dieser Auszug von Dr. Farley sollte zum Nachdenken anregen:

Some pimps, some sex buyers and some governments have made the decision that it is reasonable to expect certain women to tolerate sexual exploitation and sexual assault in order to survive. Those women most often are poor and most often are ethnically or racially marginalised. The men who buy them or rape them have greater social power and more resources than the women. For example, a Canadian prostitution tourist commented a bout women in Thai prostitution, “These girls gotta eat, don’t they? I’m putting bread on their plate. I’m making a contribution. They’d starve to death unless they whored.” [2] This self-congratulatory Darwinism avoids the question: do women have the right to live without the sexual harassment or sexual exploitation of prostitution – or is that right reserved only for those who have sex, race or class privilege? “You get what you pay for without the ‘no,’” a sex buyer explained.[3] Non – prostituting women have the right to say “no.” We have legal protection from sexual harassment and sexual exploitation. But tolerating sexual abuse is the job description for prostitution.

Quelle: Very inconvenient truths: sex buyers, sexual coercion, and prostitution-harm-denial

Ich habe in den letzten zwei Wochen auch erstaunlich viele positive Freier-Feedbacks erhalten.

Das hier schrieb heute ein ehemaliger Freier namens Marc unter meinem „Update“-Beitrag:

Hallo,
zunächst möchte ich sagen, dass ich heute das Nordische Modell vollkommen unterstütze und sofort dafür unterschreiben würde.

Ich lese diesen Blog mit hohem Interesse. Ich bin oder besser war ein Freier, der für viele Jahre zu Prostituierten gegangen ist. Seit 2 Jahren bin ich nicht mehr gegangen und hoffe, dass ich es nie wieder tun werde.

Ich möchte mich bedanken für die Artikel hier und die Wiedergabe, was wirklich in den Frauen vorgeht. In einigen Artikeln und Kommentaren habe ich dieselben Argumente gefunden, die ich auch Jahrelang verwendet habe, um mein eigenes Verhalten zu rechtfertigen. Heute weiß ich wie selbstbelügend diese Argumente sind. Ich bin nun überzeugt, dass keine Frau wirklich freiwillig ihren Körper – und wie hier sehr gut dargelegt, die Seele – für Geld verkauft. Sei dies nun als Prostituierte oder Pornodarstellerin. Es gibt sicher kein 12 jähriges Mädchen, dass dies als Berufswunsch angibt. So glaube ich auch, dass selbst bei denjenigen, die Behaupten sie tuen dies völlig freiwillig, irgendein Problem dahinter liegt. Im Prinzip genauso, wie bei Frauen, die bei häuslicher Gewalt immer noch bei ihrem Partner bleiben und sich einreden es wäre ja nicht so schlimm.

Für mehr als 20 Jahre habe ich bei Prostituierten etwas gesucht, was es einfach für Geld nicht zu kaufen gibt. Und ich bin heute überzeugt, dass dies bei allen Freiern so ist in der einen oder anderen Form. Leider ist es so, dass unsere Gesellschaft und unsere Vater oder andere Vorbilder uns vorgaukeln, dass sowas normal ist und man darüber etwas bekommt, was man braucht. Heute weiß ich was für ein Blödsinn das ist. Sex ist etwas Schönes und intimes zwischen zwei Menschen in den richtigen Umstanden, aber Geld oder andere Form der Bezahlung gehört sicher nicht dazu. Im Gengenteil durch mein Verhalten habe ich mich immer mehr davon entfernt worauf es wirklich ankommt und so ist es bei allen aktiven Freiern.
Aber es ist hart sich der Wahrheit zu stellen. Die Wahrheit ist unbequem und absolut schrecklich. Ich habe lange gebraucht mich dieser zu stellen. Und obwohl ich nie etwas illegales getan habe und mich sogar auch für einen „netten Freier“ (Danke für den Artikel, der das klar ebenfalls klar stellt) gehalten habe, muss ich mich doch dem stellen, dass ich am Mord von so vielen Seelen mitgewirkt habe. Ich hoffe ebenfalls, dass diese Seelen nicht für immer zerstört sind und dass es irgendeinen Weg gibt zumindest eine kleine Wiedergutmachung zu leisten. Nichtsdestotrotz werde ich diese Schuld mit ins Grab nehmen.

Da wir ein gesellschaftliches Umdenken brauchen unterstütze ich dieses Gesetz voll und ganz, da es das richtige Signal geben würde. Die Erfolge des Nordischen Modell sprechen für sich. Auch denke ich dass viele Freier dann erst erkennen werden, dass sie ebenfalls ein wirkliches Problem haben und letztendlich vielleicht Hilfe suchen. Denn genauso wie bei häuslicher Gewalt ist natürlich oberste Priorität der Schutz der Opfer, aber die Täter benötigen ebenfalls Hilfe, das sie oft keinen anderen Weg kennen. Leider können und wollen viele Freier sich nicht als Täter sehen und das muss sich ändern, nicht nur für die Frauen, aber auch für die Männer selbst.

Ich werde weiterhin diesen und andere Blogs verfolgen, denn sie helfen mir mich immer wieder zu erinnern und nicht wieder irgendwelchen Trugschlüssen zu erliegen.

Alles Gute

Ich danke diesem Mann für seine Ehrlichkeit, seine Courage und sein Umdenken. Und den vielen anderen Ex-Freiern oder solchen Männern, die darüber nachdachten zu Prostituierten zu gehen, und mir nachdenkliche E-Mails geschrieben und um Rat gefragt haben (deren Mails ich leider noch immer nicht alle beantworten konnte). Vielleicht wäre es hilfreich, wenn ihr euch alle untereinander zusammenschließt, über eure Erfahrungen, Eindrücke, etc… sprecht/schreibt und gemeinsam anfangt aktiv gegen das „System Prostitution“ zu werden. Eine weitere Bewegung wie Zéromacho wäre in Deutschland sehr wichtig. Vernetzt euch doch. Evtl. lege ich bald einen Facebook-Account an und könnte dann eine Gruppe erstellen, wo ihr euch austauschen könnt oder ihr macht das am besten selbst und gebt mir Bescheid, dann mache ich hier darauf aufmerksam.

Jeder kann etwas verändern. Und Marc: ich glaube, nicht immer muss man eine Schuld mit in das Grab nehmen, wenn man bereit ist umzukehren, einen anderen Weg einzuschlagen, und das dann auch tut. Das macht Vergangenes zwar nicht wieder gut, aber durch jeden Menschen, der endlich hinsieht und der Gewalt den Kampf ansagt, kann die Zukunft positiv verändert werden. Das ist, was jetzt zählt.

Und es braucht jede einzelne Hilfe für ein noch größeres Umdenken in unserer Gesellschaft.

Zum Schluss möchte ich nochmal Dr. Melissa Farley zu Wort kommen lassen:

1) The truth about prostitution is often concealed behind the lies, manipulations and distortions of sex trade pimps, managers and others who profit from the business. The deeper truths about prostitution are revealed in survivors’ testimonies, as well as in research on the psychosocial and psychobiological realities of prostitution.

2) At the root of prostitution, just like other coercive systems, are dehumanization, objectification, sexism, racism, misogyny, lack of empathy/pathological entitlement (pimps and johns), domination, exploitation, and a level of chronic exposure to violence and degradation that destroys the personality and the spirit.

3) Prostitution cannot be made safe by legalizing or decriminalizing it. Prostitution needs to be completely abolished.

4) Prostitution is more like being chronically sexually harassed, endangered, and raped, than working in a fast food restaurant. Most women in prostitution suffer from severe PTSD and want to get out.

5) Sex buyers are predators; they often engage in coercive behavior, lack empathy and have sexist attitudes that justify abuse of women.

6) A solution exists. It is called the Swedish model and it has been adopted by a number of countries including Sweden, Norway, Iceland, and Northern Ireland (mittlerweile auch Kanada, Frankreich und Irland – Israel ist aktuell auf dem Weg). The essence of the solution is: criminalization for johns ad pimps; decriminalization for women, and the provision of resources, alternatives, safe houses, rehabilitation.

7) Prostitution affects all of us, not just those in it.

Quelle: Very inconvenient truths: sex buyers, sexual coercion, and prostitution-harm-denial