Über Freier, Zynismus und das Umdenken

 

Wie ich gesehen habe, wurde nach dem Spiegel Artikel in einem Freier Forum über mich bzw. das Thema diskutiert:

https://www.freiermagazin.com/freier-forum/threads/die-wahrheit-%C3%BCber-das-leben-in-der-prostitution.48226/

Zum Beispiel wurde hier geschrieben:

„Ich finde das alles ganz prima was die da so schreiben, es bleibt allein die Frage wie man das Geschlechtsleben der Männer in den Griff kriegen will. Vielleicht mit Brom, Hormonen oder einem Eingriff?“

Herr XY,

ich hoffe, Ihnen ist klar, dass Sie sich selbst mit diesem Satz auf ihr Geschlechtsteil reduzieren und sich kleiner und verstandloser machen als Sie wahrscheinlich sind. Wir sind alle durch die Evolution gegangen – der „Trieb“ mag da sein, aber mit der Vorgabe ihn nicht unter Kontrolle haben zu können, ihm hilflos ausgeliefert zu sein, stellen Sie sich dar als hätten Sie keine Wahl, als wären sie unfähig ihren Verstand einzuschalten und ihr Handeln zu kontrollieren. Sie machen sich mit Ihrer Aussage selbst zu einer armseligen Kreatur, die nicht selbstständig entscheiden kann. Sie zeichnen hier ein sehr trauriges Männerbild und es tut mir leid für diejenigen Männer, die nicht so sind, die Sie aber automatisch in Ihre Aussage durch den Begriff „der Männer“ miteinbeziehen.

Weiter:

„Ansonsten ist das die Wahrheit über deren Prostitution und nicht über die Prostitution. Ich kenne tatsächlich berufsbedingt hunderte von Frauen, die alle ihre Probleme haben, aber ganz anders leben als die Wahrheitsbestimmerin hier. Wenn Du denen, jeder einzelnen(!), einen Job anbieten würdest, der ihren Fähigkeiten entspricht, würde keine diesen annehmen.“

Ich nehme an, Sie meinen hier, dass Sie hunderte von Prostituierten kennen? Wenn dem so ist, frage ich mich wie Sie hunderte von Prostituierte BERUFSBEDINGT kennen können, die dann auch angeblich noch alle Prostituierte sein wollen, selbst wenn man ihnen einen anderen Job anbieten würde. Sind Sie vielleicht ein Bordellbetreiber/Zuhälter oder woher kennen Sie BERUFSBEDINGT hunderte von angeblich zufriedenen Prostituierten? Stellen Sie mir diese „hunderte von Prostituierten“ doch gerne mal vor, ich möchte Sie allesamt kennenlernen.

Ich bin keine „Wahrheitsbestimmerin“, sondern ich gebe lediglich das Elend wieder, was ich in 6 Jahren in diversen Bordellen gesehen habe. Und diese Zustände sind nun mal die Wahrheit, wenn sie auch manchen nicht gefällt oder nicht ins Bild passt, weil sie es lieber verdrängen/nicht wahrhaben wollen/nicht sehen können, etc…

Weiter:

„Man müsste der Dame in ihrem Blog mal die richtigen Fragen stellen: z.B:
Recht hast Du, brave Streiterin. Aber wie soll das gehen, wenn es armen Frauen nicht mehr erlaubt ist so Geld zu verdienen? Von was sollen diese dann leben? Wer bezahl deren Unterhalt? Wer versorgt die Familien daheim in Rumänien, Bulgarien usw?…

Was machen die Mädchen, die arbeiten wollen? Von was leben, die die nichts anderes können?“

Erstens verbietet das „schwedische/nordische Modell“ den Frauen nicht sich zu prostituieren. Und zweitens ist es zynisch, Menschen der Prostitution auszusetzen mit dem Argument, sie können sowieso nichts anderes. Oder zu sagen, dass Prostitution ok ist, weil es keine anderen legalen Alternativen für diese Menschen gibt. Was sind das für Argumente? Das sind für mich keine Argumente, sondern ein Zynismus, der nicht mehr zu übertreffen ist.

Eine Studie von Dr. Melissa Farley (mit 854 Menschen aus 9 Ländern, die zu diesem Zeitpunkt entweder noch in der Prostitution waren oder sie kurz davor verlassen hatten) besagt folgendes:

We found that prostitution was multitraumatic: 71 % were physically assaulted in prostitution; 63 % were raped; 89 % of these respondents wanted to escape prostitution, but did not have other options for survival. A total of 75 % had been homeless at some point in their lives; 68% met criteria for PTSD (Post Traumatic Stress Disorder)

Quelle: Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Post Traumatic Stress Disorder

Als Staat, der es sich zur Aufgabe macht sich für Menschenrechte einzusetzen, ist es seine Aufgabe Hilfe und Alternativen zu schaffen um Menschen aus diesem Sumpf zu befreien. 89 % wollen sich der Studie nach gar nicht prostituieren. Sie haben tagtäglich Geschlechtsverkehr gegen ihren eigentlichen Willen. Warum schafft man zum Beispiel für ausländische Prostituierte keine Deutschkurse, Aus – und Weiterbildungen, INTEGRATION, wie wir sie zum Beispiel für Flüchtlinge haben, aber nicht bzw. nicht ausreichend für Menschen, die in der Prostitution im eigenen Land bereits seit Jahren elendigen Zuständen ausgesetzt sind? Dass das viel Geld kostet ist mir klar, aber wenn man als menschenrechtsliebendes Land kein Geld dafür ausgeben will, dass unzählige Menschenwürdeverletzungen aufhören und stattdessen die sexuelle Integrität, der persönlichste Bereich der Intimsphäre, geschützt wird, wofür dann?

Dieser Auszug von Dr. Farley sollte zum Nachdenken anregen:

Some pimps, some sex buyers and some governments have made the decision that it is reasonable to expect certain women to tolerate sexual exploitation and sexual assault in order to survive. Those women most often are poor and most often are ethnically or racially marginalised. The men who buy them or rape them have greater social power and more resources than the women. For example, a Canadian prostitution tourist commented a bout women in Thai prostitution, “These girls gotta eat, don’t they? I’m putting bread on their plate. I’m making a contribution. They’d starve to death unless they whored.” [2] This self-congratulatory Darwinism avoids the question: do women have the right to live without the sexual harassment or sexual exploitation of prostitution – or is that right reserved only for those who have sex, race or class privilege? “You get what you pay for without the ‘no,’” a sex buyer explained.[3] Non – prostituting women have the right to say “no.” We have legal protection from sexual harassment and sexual exploitation. But tolerating sexual abuse is the job description for prostitution.

Quelle: Very inconvenient truths: sex buyers, sexual coercion, and prostitution-harm-denial

Ich habe in den letzten zwei Wochen auch erstaunlich viele positive Freier-Feedbacks erhalten.

Das hier schrieb heute ein ehemaliger Freier namens Marc unter meinem „Update“-Beitrag:

 

Hallo,
zunächst möchte ich sagen, dass ich heute das Nordische Modell vollkommen unterstütze und sofort dafür unterschreiben würde.

Ich lese diesen Blog mit hohem Interesse. Ich bin oder besser war ein Freier, der für viele Jahre zu Prostituierten gegangen ist. Seit 2 Jahren bin ich nicht mehr gegangen und hoffe, dass ich es nie wieder tun werde.

Ich möchte mich bedanken für die Artikel hier und die Wiedergabe, was wirklich in den Frauen vorgeht. In einigen Artikeln und Kommentaren habe ich dieselben Argumente gefunden, die ich auch Jahrelang verwendet habe, um mein eigenes Verhalten zu rechtfertigen. Heute weiß ich wie selbstbelügend diese Argumente sind. Ich bin nun überzeugt, dass keine Frau wirklich freiwillig ihren Körper – und wie hier sehr gut dargelegt, die Seele – für Geld verkauft. Sei dies nun als Prostituierte oder Pornodarstellerin. Es gibt sicher kein 12 jähriges Mädchen, dass dies als Berufswunsch angibt. So glaube ich auch, dass selbst bei denjenigen, die Behaupten sie tuen dies völlig freiwillig, irgendein Problem dahinter liegt. Im Prinzip genauso, wie bei Frauen, die bei häuslicher Gewalt immer noch bei ihrem Partner bleiben und sich einreden es wäre ja nicht so schlimm.

Für mehr als 20 Jahre habe ich bei Prostituierten etwas gesucht, was es einfach für Geld nicht zu kaufen gibt. Und ich bin heute überzeugt, dass dies bei allen Freiern so ist in der einen oder anderen Form. Leider ist es so, dass unsere Gesellschaft und unsere Vater oder andere Vorbilder uns vorgaukeln, dass sowas normal ist und man darüber etwas bekommt, was man braucht. Heute weiß ich was für ein Blödsinn das ist. Sex ist etwas Schönes und intimes zwischen zwei Menschen in den richtigen Umstanden, aber Geld oder andere Form der Bezahlung gehört sicher nicht dazu. Im Gengenteil durch mein Verhalten habe ich mich immer mehr davon entfernt worauf es wirklich ankommt und so ist es bei allen aktiven Freiern.
Aber es ist hart sich der Wahrheit zu stellen. Die Wahrheit ist unbequem und absolut schrecklich. Ich habe lange gebraucht mich dieser zu stellen. Und obwohl ich nie etwas illegales getan habe und mich sogar auch für einen „netten Freier“ (Danke für den Artikel, der das klar ebenfalls klar stellt) gehalten habe, muss ich mich doch dem stellen, dass ich am Mord von so vielen Seelen mitgewirkt habe. Ich hoffe ebenfalls, dass diese Seelen nicht für immer zerstört sind und dass es irgendeinen Weg gibt zumindest eine kleine Wiedergutmachung zu leisten. Nichtsdestotrotz werde ich diese Schuld mit ins Grab nehmen.

Da wir ein gesellschaftliches Umdenken brauchen unterstütze ich dieses Gesetz voll und ganz, da es das richtige Signal geben würde. Die Erfolge des Nordischen Modell sprechen für sich. Auch denke ich dass viele Freier dann erst erkennen werden, dass sie ebenfalls ein wirkliches Problem haben und letztendlich vielleicht Hilfe suchen. Denn genauso wie bei häuslicher Gewalt ist natürlich oberste Priorität der Schutz der Opfer, aber die Täter benötigen ebenfalls Hilfe, das sie oft keinen anderen Weg kennen. Leider können und wollen viele Freier sich nicht als Täter sehen und das muss sich ändern, nicht nur für die Frauen, aber auch für die Männer selbst.

Ich werde weiterhin diesen und andere Blogs verfolgen, denn sie helfen mir mich immer wieder zu erinnern und nicht wieder irgendwelchen Trugschlüssen zu erliegen.

Alles Gute

 

Ich danke diesem Mann für seine Ehrlichkeit, seine Courage und sein Umdenken. Und den vielen anderen Ex-Freiern oder solchen Männern, die darüber nachdachten zu Prostituierten zu gehen, und mir nachdenkliche E-Mails geschrieben und um Rat gefragt haben (deren Mails ich leider noch immer nicht alle beantworten konnte). Vielleicht wäre es hilfreich, wenn ihr euch alle untereinander zusammenschließt, über eure Erfahrungen, Eindrücke, etc… sprecht/schreibt und gemeinsam anfangt aktiv gegen das „System Prostitution“ zu werden. Eine weitere Bewegung wie Zéromacho wäre in Deutschland sehr wichtig. Vernetzt euch doch. Evtl. lege ich bald einen Facebook-Account an und könnte dann eine Gruppe erstellen, wo ihr euch austauschen könnt oder ihr macht das am besten selbst und gebt mir Bescheid, dann mache ich hier darauf aufmerksam.

Jeder kann etwas verändern. Und Marc: ich glaube, nicht immer muss man eine Schuld mit in das Grab nehmen, wenn man bereit ist umzukehren, einen anderen Weg einzuschlagen, und das dann auch tut. Das macht Vergangenes zwar nicht wieder gut, aber durch jeden Menschen, der endlich hinsieht und der Gewalt den Kampf ansagt, kann die Zukunft positiv verändert werden. Das ist, was jetzt zählt.

Und es braucht jede einzelne Hilfe für ein noch größeres Umdenken in unserer Gesellschaft.

Zum Schluss möchte ich nochmal Dr. Melissa Farley zu Wort kommen lassen:

 

1) The truth about prostitution is often concealed behind the lies, manipulations and distortions of sex trade pimps, managers and others who profit from the business. The deeper truths about prostitution are revealed in survivors’ testimonies, as well as in research on the psychosocial and psychobiological realities of prostitution.

2) At the root of prostitution, just like other coercive systems, are dehumanization, objectification, sexism, racism, misogyny, lack of empathy/pathological entitlement (pimps and johns), domination, exploitation, and a level of chronic exposure to violence and degradation that destroys the personality and the spirit.

3) Prostitution cannot be made safe by legalizing or decriminalizing it. Prostitution needs to be completely abolished.

4) Prostitution is more like being chronically sexually harassed, endangered, and raped, than working in a fast food restaurant. Most women in prostitution suffer from severe PTSD and want to get out.

5) Sex buyers are predators; they often engage in coercive behavior, lack empathy and have sexist attitudes that justify abuse of women.

6) A solution exists. It is called the Swedish model and it has been adopted by a number of countries including Sweden, Norway, Iceland, and Northern Ireland (mittlerweile auch Kanada, Frankreich und Irland – Israel ist aktuell auf dem Weg). The essence of the solution is: criminalization for johns ad pimps; decriminalization for women, and the provision of resources, alternatives, safe houses, rehabilitation.

7) Prostitution affects all of us, not just those in it.

Quelle: Very inconvenient truths: sex buyers, sexual coercion, and prostitution-harm-denial

Update

Es gibt viel Resonanz, Fragen, Vorschläge, Anregungen, etc… Wer noch keine Antwort auf seine E-Mail/Kommentar hat, wird noch eine bekommen.

Die vielen Kommentare und E-Mails (auch die Negativen) geben mir den Anlass dazu, diese Seite hier demnächst weiter auszubauen, um noch mehr Aufklärung sowie eine bessere Kommunikation zu ermöglichen. Niveauvoll. Ich werde auch Aktuelles zum Thema posten. Wer helfen möchte, der kann die Kampagne #Rotlichtaus und/oder den Verein Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution unterstützen, wo ich auch Mitglied bin.

Hier gibt es laufend Infos/News:

Stop Sexkauf – Netzwerk für ein Sexkaufverbot / Facebookseite

Abolition 2014 – Für eine Welt ohne Prostitution / Facebookseite

Stop Sexkauf – Homepage

Abolition 2014 – Homepage

Und weil ich seit gestern immer wieder von Leuten gelesen habe, dass Prostitution an sich ja eigentlich ein ganz normaler Job sei, wenn man ihn denn „freiwillig“ macht, dem empfehle ich den unten verlinkten Beitrag von VICE über Freierforen zu lesen, bei dem ich mitgewirkt habe (Sandra, 27 Jahre). Und nein, was ihr hier lesen könnt sind keine Ausnahmen, sondern Alltagsstandard in deutschen Bordellen. Ein weiterer Aspekt, warum wir das „nordische Modell“ benötigen – oder sieht man im Folgenden noch irgend etwas von der Bewahrung der Würde des Menschen?

 

„Stiftung Hurentest“ – Im Tripadvisor der deutschen Freier

 

 

Spiegel Online Artikel

Ok. Eigentlich hatte ich gar nicht vor zu dem Artikel was zu schreiben, jetzt muss ich aber doch.

Ich habe mit Geneviève Hesse für Spiegel Online gesprochen. Vor ein paar Stunden ist der Artikel erschienen. Mein Blog hier wurde dort verlinkt und ich habe mittlerweile ca. 30.000 Aufrufe, Nachrichten ohne Ende und weiß gar nicht mehr, wem ich zuerst Antworten soll. Da hier ja jetzt eh alle mitlesen, möchte ich etwas wichtiges loswerden, weil ich die Facebook – Kommentare auf Spiegel Online über mich gelesen habe und ich muss zugeben, ich habe mich auf sowas eingestellt. Dass man nicht die gleiche Meinung hat in Bezug auf ein Thema, ist in Ordnung, aber manche Dinge sind schon sehr unterirdisch.

Hier mal nur zwei Kommentare:

1.Kommentar

„Interessant, dass mal wieder ausschließlich eine Diskussion um das Für und Wider von Prostitution gestartet wird, aber die Naivität unserer jungen Frauen unkritisch-verständnisvoll hingenommen wird. Es tut mir nur jeder Mann leid, der sich später unwissend so ein Früchtchen anlacht, welches nun als Femizicke all das auf- und abarbeiten will, was sie früher durch ihre eigene Naivität verbockt hat.“

 

Unwissend ein Früchtchen anlacht? Dieser Mann war 20 Jahre älter als ich und ein Altlude, der bereits einige Prostituierte vor mir gestellt hat. Er suchte gezielt im Internet und wusste ganz genau was er da tat. Und ich werde noch deutlicher: wir sprechen hier von einer Straftat und KommentatorInnen haben scheinbar nichts Besseres zu tun als eine Täter-Opfer-Umkehr vorzunehmen. Zudem empfehle ich für alle Menschen, die kommentierten, dass man Zwangsprostitution unterbinden müsse, aber die Prostitution an sich sonst in Ordnung sei, in Freierforen zu lesen und die Literatur u.a. auf www.trauma-and-prostitution.eu zu studieren um sich über die Mechanismen von Dissoziation und Trauma im Hinblick auf die Prostitution bewusst zu werden. Und nein, es bedeutet nicht, Frauen zu „pathologisieren“. Es bedeutet, zu verstehen, dass Prostitution ein Gewaltsystem ist, das in der großen Mehrheit auf Gewalt aufbaut und aus Gewalt besteht.

2.Kommentar

„Oder ihre eigene Dummheit…. Mit Sicherheit genoss sie den Luxus ihres loverboys…. Vorher Kopf einschalten…..“

 

Ich genoss den Luxus meines Loverboys? Mein Loverboy besaß keinen Luxus, sondern lebte in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung mit 2 weiteren Ex-Prostituierten (eine davon übrigens aus Tschechien nach Deutschland verkauft zur Prostitution – mein Zuhälter hatte sie dann in Deutschland abgekauft, sie schaffte aber nicht mehr an). Ich lebte nicht im Luxus, sondern sehr lange Zeit aus Koffern und Tüten, während mein verdientes Geld ausgegeben wurde. Vielleicht sollten einige Leute, wenn mein Blog schon verlinkt ist, auch darin lesen bevor sie kommentieren.

 

Ich möchte diejenigen, die auf der Facebook-Seite oder sonst wo unterirdische Kommentare abgeben, mal behutsam darauf aufmerksam machen, dass auch Loverboys Menschenhändler sind. Ich war letztens auf einer Veranstaltung und dort sprach ein Kriminalhauptkommissar – und er sagte, die Norm sind 90-95% ausländische Prostituierte, unter verschiedenen Zwängen arbeitend. Die selbstbewusste deutsche Prostituierte, die man oft im Fernsehen sieht, gehört nicht zur Norm. Das ist nicht meine Aussage, sondern die Aussage von mittlerweile den meisten Polizeistellen.

Von diesen 90-95% hört man aber meistens nichts und soll ich euch sagen, warum in diesem Land so viele Frauen schweigen? Zum Beispiel wegen solcher Kommentare wie hier auf der Facebook-Seite, die ihnen ihren Opferstatus aberkennen und versuchen sie zu Täterinnen zu machen. Ihre Erlebnisse abtun und sie für schuldig bekennen. Sie damit einschüchtern.

Wenn jemand, der mit organisierter Kriminalität zu tun hatte, aussagt, dann muss er Angst haben. Er sagt gegen ein Milliardengeschäft aus, gegen organisierte Strukturen, die Kontakte nach überall hin haben. Sie müssen Angst haben um ihre Zukunft, Angst um ihr Leben. Genau deswegen sieht man solche Menschen nicht in der Öffentlichkeit. Wenn von 10 % „freiwillig“ (und das ist viel, denn so viel habe ich nicht annähernd gesehen) „Arbeitenden“ nun 100 Frauen öffentlich sprechen und von den anderen 90% nur 10, dann sehen die 100 aus als wären sie in der Mehrheit – das sind sie aber nicht.

Im Übrigen: Hass-Mails oder Hass-Kommentare bringen mich nicht zum Schweigen. Ich weiß, was ich erlebt habe und noch wichtiger – ich weiß, was unzählige andere Frauen erlebt haben. Wäre es nur mein Einzelschicksal, würde ich damit leben und es ad acta legen. Aber so war es leider nicht und das ist der Grund, warum ich rede und damit auch nicht aufhören werde.

Und noch etwas zu einem Kommentar:

„sexarbeit zu kriminalisieren und die frauen zu pathologisieren einschließlich der stigmatisierung hat nie in der geschichte der menschheit geholfen.“

Zu dem „pathologisieren“ sagte ich ja schon etwas. Und ich bin nicht dafür „Sexarbeit“ oder Prostituierte zu kriminalisieren. Wenn man den Spiegel Artikel genau gelesen hätte, dann würde man erkennen, dass da steht: Freier bestrafen. Ich bin für das sog. „nordische Modell“, was eine Freierbestrafung und Ausstiegshilfen vorsieht und keine Bestrafung der Prostituierten. Auch Deutschland sollte sich mit internationalen Empfehlungen im Hinblick zur Prostitutionsthematik auseinandersetzen.

Hier möchte ich zum Abschluss aus einem Brief von Save Rahab e.V. zitieren:

 

„Wir möchten nochmals darlegen, wie die internationale Politik und unzählige Menschenrechtsorganisationen zu dem Problem der Prostitution und den damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen stehen:

  1. Vereinte Nationen, 1949

Resolution der Vereinten Nationen vom 02.12.1949:

„Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution sind mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar […].“

http://www.un.org/depts/german/uebereinkommen/ar317-iv.pdf

  1. Vereinte Nationen, 1985

Resolution der Vereinten Nationen vom 13.12.1985″Prevention of Prostitution

„Considering that the surpression of the traffic in persons and of the exploitation of the prostitution of others require a three-fold concerted effort, involving prevention […].

http://www.un.org/en/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/RES/40/103

  1. European Women Lobby, 2012

„Together with a dozen MEP’s representing all political grounds in the European Parliament and several Ministers, the NGO’s explained why prostitution is a form of violence, an obstacle to equality, a violation of human dignity, and of human rights.“

http://www.womenlobby.org/200-civil-society-organisations-launch-European-debate-on-abolition-of?lang=en

  1. Europarat, 2014

Resolution 1983 des Europarates vom 08.04.2014

Der Europarat sieht das „Sexkaufverbot“ nach schwedischem Modell als das wirksamste Mittel gegen Menschenhandel.

„It is estimated that 84 % of trafficking victims in Europe are forced into prostitution; similarly, victims of trafficking represent a large share of sex workers.“

http://assembly.coe.int/nw/xml/XRef/Xref-DocDetails-en.asp?FileID=20559&lang=en

  1. Europaparlament, 2014

„Statt der Legalisierung, die in den Niederlanden und Deutschland zu einem Desaster geführt hat [damit einhergehend die Situation in Frankfurt am Main], brauchen wir einen nuancierten Ansatz, der die Männer bestraft, die die Körper der Frauen als Gebrauchsgegenstand behandeln, ohne dabei diejenigen zu bestrafen, die in die Sexarbeit abgeglitten sind.“

http://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20140221IPR36644/die-freier-bestrafen-nicht-die-prostituierten-fordert-das-parlament

  1. New Yorker UN- Frauenkonferenz im Zusammenschluss mit 98 Organisationen, 2015

“Denn wie so oft auf internationalem Parkett herrschte auch jetzt in New York wieder einmal große Irritation darüber, dass Deutschland in Sachen Prostitution nicht etwa als Gewalt gegen Frauen sowie Ausdruck und Verstärkung des Machtgefälles zwischen Männern und Frauen versteht, […].”

http://www.emma.de/artikel/prostitution-un-konferenz-98-organisationen-ruegen-merkel

http://www.emma.de/artikel/liebe-kanzlerin-merkel-318625

 

(Quelle: Abolition 2014)

 

Und zu allerletzt empfehle ich noch das hier:

https://drive.google.com/file/d/0B32GA6EHrvdTakx1aU1OSFhHVkk/view

 

Zum Schluss möchte ich noch danke sagen für die anderen netten und aufbauenden Worte. Ich habe auch nachdenkliche Mails von Freiern bekommen und ich werde jedem einzelnen von euch noch antworten, weil der Diskurs hier wichtig ist.

Ich bin seit diesem Jahr Mitglied bei

Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution

Wer mitmachen möchte, kann sich gerne melden.

Über das unsichtbare Seelensterben

 

Der folgende Beitrag mag für einige nicht sehr greifbar sein, weil die „Seele“ an sich ein nicht wirklich greifbares Thema ist. Ich bin selbst immer auf „genaue Zahlen, Daten, Fakten, Statistiken, etc…“ aus, aber es gibt Dinge auf dieser Welt, die einfach nicht fassbar sind und jenseits dessen liegen, was wir erklären können. Jenseits dessen, was unsere Vernunft zu glauben vermag. Und eigentlich ist das auch gut so, denn es verleiht unserem Leben einen gewissen Zauber. Wenn ich allein das Wort „Seelenverwandtschaft“ in den Raum werfe, gehe ich davon aus, dass wohl auch ein paar der rationalsten Menschen daran glauben, obwohl es etwas ist, was nicht greifbar ist, was man nicht wirklich erklären kann.

 

Ich denke also zurück an die Zeit in den Bordellen, wo wir beispielsweise nachts betrunkenen und aggressiven Freiern stand hielten während wir tagsüber schliefen um uns zumindest so weit zu erholen, dass wir abends wieder antreten konnten. Tag ein, tag aus. Kein Weg, keine Richtung, kein Ziel, keine Träume, keine Gefühle – es herrschte totale Leere. Wir waren entseelt.

Anfangs, als wir mit diesen Männern auf Zimmer gingen, parkten wir unsere Gefühle draußen vor der Türe und als der „Akt“ beendet war holten wir sie dort wieder ab. Wir verwandelten uns quasi kurzzeitig in nichts-empfindende-Roboter und wurden danach wieder zu fühlenden Menschen. Es kam aber der Zeitpunkt, wo wir nach dem Zimmergang die Türe öffneten, um wieder Mensch zu werden, aber nichts mehr da war, was wir hätten abholen können. Wir versuchten stets während des Beiseins der Freier unser Menschsein situationsbedingt abzulegen um all die Penetrationen durchstehen zu können – irgendwann hatte es uns dauerhaft verlassen. Wir blieben von diesem Moment an auch außerhalb der Zimmergänge Roboter. Orientierungslos wandelnde, nicht im gegenwärtigen Moment teilhabende Schatten unseres Selbst.

Aber warum war das so?

Freier überschritten innerhalb dieser vier Wände unsere Grenzen, nahmen uns unsere Würde. Wenn sie gewalttätig wurden, haben wir nach ein paar Versuchen uns zu wehren es eben ertragen, weil wir gehofft haben, dass sie schneller fertig werden, weil wir zu müde waren um uns zu wehren und keine Kraft mehr hatten. Keine Kraft immer wieder dasselbe zu sagen, keine Kraft immer wieder darauf hinzuweisen, dass es weh tut, was sie in ihrem oft betrunkenen Zustand sowieso nicht gemerkt haben. Keine Kraft, immer wieder zu versuchen an die Menschlichkeit zu appellieren, wo wir nie eine gefunden haben. Wir resignierten. Ich schreibe hier bewusst „WIR“, denn meine Erfahrungen decken sich mit den Erfahrungen der unzähligen Prostituierten, die ich persönlich kennenlernte.

Irgendwann also hält man als fühlender Mensch nicht mehr nur den „Akt“ an sich, sondern auch diese oben beschriebenen Erinnerungen daran nicht mehr aus. Die Erinnerungen an „Berührungen“, die nicht gewollt waren, die Erinnerungen an Worte und Bilder, die man nie hätte hören und sehen wollen. Die Gedanken daran, dass es bald wieder passieren wird. Man erträgt das Leben, in dem man sich befindet, nicht mehr. Also bleibt man ab einem gewissen Zeitpunkt auch außerhalb des Zimmergangs eine Maschine, der nichts wehtun kann, der man nichts anhaben kann.

Das Problem hierbei ist, dass die Seele, die wir in uns tragen, sich nicht in Gestein verwandelt, sie kann sich an das Roboterdasein nicht anpassen. Sie bleibt weich, sie bleibt verletzlich. Wenn wir also unser Menschsein durch äußere Einflüsse verlieren und zur Maschine mutieren um zu überleben, tut unsere Seele das nicht. Wir können sie dann lediglich nicht mehr schreien hören, nicht mehr sich wehren hören, denn ihre Stimme wurde stumm gestellt. Sie versucht uns weiterhin mit ihren Nachrichten zu erreichen, sie kämpft und sie weint – aber vergeblich.

Wenn man den Weg raus aus der Prostitution findet und endlich wieder zum fühlenden Mensch wird, dann sollte man meinen, dass auch die Seele wieder hörbar ist. Jedoch machen viele die Erfahrung, dass sie nichts mehr sagt, verstummt ist. Sie hat während des Prozesses, in dem man sein Menschsein verlor, aufgehört zu atmen, denn sie hat stumm ertragen müssen, was sie nicht ertragen konnte. Sie ist gestorben.

Als ich von Lutz Besser, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Gründer des Zentrums für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachen, den Begriff des Seelenmordes im Hinblick auf die Prostitution in einem EMMA-Artikel las, dachte ich viel darüber nach. Wie auch immer man „die Seele“ nun definiert oder sich vorstellt – ich bin sicher es gibt eine Seele und wie oben beschrieben habe ich sie in der Prostitution reihenweise sterben sehen.

Und an dieser Stelle wird deutlich, warum Prostitution abgesehen von der physischen Gewalt so zerstörerisch ist. Es wird deutlich, warum man zu Prostituierten nicht einfach sagen kann: „So, jetzt bist du aus der Prostitution ausgestiegen, jetzt ist alles vorbei, jetzt hast du es geschafft, jetzt ist alles wieder gut!“

Denn was die Menschen nicht sehen ist genau dieses unsichtbare Seelensterben von Prostituierten. Im Gegensatz zum physischen Mord an einem Körper glaube ich aber daran, dass eine tote Seele wieder lebendig werden kann. Ich glaube das, weil meine Seele wieder lebendig geworden ist – und sie war definitiv ins Jenseits geschritten.

Der Weg sie zurückzuholen allerdings, ihre damals verstummten Schreie und Verletzungen während des Roboterdaseins zu heilen, ist ein steiniger. Früher als Maschine hat man nicht gefühlt, was die Seele zu sagen hatte. Will man sie nun heilen, muss man auf sie zugehen, sie aus ihrem leblosen Zustand holen, sie reanimieren und ihr zuhören. Das tut weh, weil es bedeutet, all das Damalige zu fühlen. Man muss sich anhören, was sie früher sprach, als sie vergeblich darum kämpfte uns zu erreichen, es aber nicht schaffte, weil wir zu sehr damit beschäftigt waren unsere gegenwärtige Situation zu überstehen.

Zurück zu seiner Seele zu finden und damit zurück ins Leben zu finden, bedeutet sich zu stellen. Es bedeutet schmerzhafte Aufarbeitungsprozesse mit seinem Innersten zu führen. Es hat für mich unter anderem bedeutet, mich in stillen Momenten an schlimme Situationen mit Freiern zurückzuerinnern und anstatt wie damals während der echten Situation dabei abzuschalten oder mich mit Alkohol zu betäuben, nun zu versuchen diese unerträglichen Augenblicke erstmalig wirklich zu spüren, zu fühlen und genau an jener Stelle zu weinen, wo ich früher lächeln und überspielen musste.

Es ist leichter eine Seele zu zerstören als sie wieder zum Leben zu bringen – deshalb muss man versuchen, diesen Seelenmord zu unterbinden. Im Hinblick auf die Prostitution geht das nur, wenn man Freier davon abhält, diese (wenn auch manchmal unbewussten) Morde zu begehen. Ab und zu wird angebracht, dass das, was in Freierforen steht, nicht der Wahrheit entspreche, weil sich die Männer in der Realität nie so viel Anmaßendes und Unmenschliches trauen würden.

Hierüber kann ich nur lachen. Ich wünschte, sie würden es sich nicht trauen, doch was ich bei mir und bei anderen Prostituierten gesehen und erlebt habe ist genau das, was in diesen Foren steht.

Herabwürdigendes, menschenverachtendes, ein Lebewesen objektivierendes Verhalten. (zum sog. „guten Freier“ habe ich bereits vor längerer Zeit einen Beitrag geschrieben -> Guter vs. böser Sexkäufer )

Ich wünschte, dass unser Staat endlich die Initiative ergreifen würde was staatliche Ausstiegshilfen aus der Prostitution betrifft, wobei es Menschen braucht, die wissen, was sie zu tun haben, die wissen, wie man Prostituierten den Anfang zu einem Schritt in ein Leben ebnet, welches gezeichnet ist von Respekt, von Ehre, von Wertschätzung und Empathie. Es braucht Hoffnung, es braucht ein freundliches Lächeln, Güte und Warmherzigkeit für Prostituierte, die im schlimmsten Fall noch nie irgendwelche dieser Werte erleben durften und gar nicht wissen, was das bedeutet. Und es braucht Verständnis – auch wenn es Rückschläge gibt, denn manchmal ist es ein Start von ganz tief unten.

Als eine Gesellschaft sollten wir dafür kämpfen Menschen zurück ins Leben zu bringen oder zum ersten Mal überhaupt zum Leben zu bringen. Wir sollten dafür kämpfen, diesen Seelenmord nicht einfach hinzunehmen – denn was ist ein Mensch ohne eine Seele?

 

Freier: „Elend lässt sich gut ficken“

 

Hier gibt es 3 tolle Menschen, die was zu sagen haben – 2 Prostitutions-Aussteigerinnen sowie die Sozialarbeiterin Sabine Constabel von „Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution“:

-> SWR1 – Kondompflicht für Freier (2:54 Minuten)

Es gibt auch noch eine längere Version (14:08 Minuten) mit mehr Personen -> SWR1 – Das neue Gesetz zum Schutz von Prostituierten

 

Und ein so wahrer Spruch…

 

Prostitution

 

 

 

Liebe ohne Zwang!

 

Danke für dieses tolle Engagement bei https://liebe-ohne-zwang.de/  – hier wird aufgeklärt über „Loverboys“ (Prostitution & Menschenhandel) und es wird die Möglichkeit gegeben, selbstständig weiter aufzuklären.

Es ist so unglaublich wichtig, (junge) Menschen vor so einer Erfahrung zu bewahren. Ich habe diese „Loverboy-Methode“ nicht nur selbst erlebt, sondern auch bei ganz vielen anderen Frauen in der Prostitution gesehen – sie ist weit, sehr weit, verbreitet und für die Betroffenen eine absolute Höllenspirale.

Bitte seht hin, klärt auf und warnt, es passiert mitten in unserer Gesellschaft!

Hier ein sehenswerter Clip dazu (von der oben verlinkten Homepage):

 

 

 

Loverboy

 

 

Prostitution und Frei Werden

 

If you hear the dogs, keep going. If you see the torches in the woods, keep going. If there’s shouting after you, keep going. Don’t ever stop. Keep going. If you want a taste of freedom, keep going.

– Harriet Tubman –

 

Vor kurzem war ich an einem Ort, der mein Leben stark geprägt hat.

Ich war in meiner größten Leidensstadt.

Ich war in jener Stadt, in der damals mit der Prostitution alles anfing.

Als ich vor ein paar Tagen dort war, zum ersten Mal seit ich aus der Prostitution raus bin, hatte ich einen konfrontationsreichen Tag. Ich fuhr mit dem Zug hin und als ich ausstieg und auf dem Gleis stand fühlte ich sofort diese Verlorenheit von früher. Bereits bei meiner Ankunft an diesem Bahnhof war ich konfrontiert mit jener Atmosphäre der Hilflosigkeit und Verzweiflung, die ich damals verspürte, als ich immer öfter, um von zuhause zu fliehen, nach der Schule am Wochenende mit dem Zug in diese Stadt fuhr, wo mich mein Zuhälter an genau dem Bahnhof abholte, nachdem ich ihn zuvor im Internet kennengelernt hatte. Wo er mich in die Bordelle mitnahm, ich nach und nach in diesem Leben versumpfte. Ich war konfrontiert mit jenem Bahnhof, auf dessen Bänken ich nachts auch geschlafen habe, in dessen Hallen und Eingängen ich orientierungslos umherirrte, Besoffene und Aggressive allgegenwärtig waren.

Ich erinnerte mich auch an den Tag, an dem ich von zuhause ausgezogen bin, zu besagtem Zuhälter zog, in dem Glauben, mein Leben würde besser werden, mein Leid geringer – ich erinnerte mich, wie er mich an besagtem Tag von diesem Bahnhof abholte und auch daran, dass ich Ungewissheit, Zweifel und Angst verspürte, weil ich nicht wusste worauf ich mich einließ – all das aber verdrängte, weil ich keine andere Möglichkeit sah.

Ich erinnerte mich, dass sich mein Leben von diesem Zeitpunkt an drastisch veränderte, ich bald darauf die Schule in der 13. Klasse kurz vor dem Abitur abbrach und Vollzeitprostituierte wurde.

Als ich nun also vor ein paar Tagen in dieser Stadt war, war ich auch im Rotlichtviertel unterwegs (natürlich nicht um zu „arbeiten“), sah besoffene Freier und Prostituierte, die hinter Glasscheiben standen, aus den Fenstern schauten. Ich erinnerte mich dabei an das Leid, welches ich empfand als ich in diversen Clubs als Prostituierte mein Dasein verfristete und unzählige Freier „bediente“ – ja, ich konnte das Leid in dieser Umgebung fühlen, spüren, als wäre es in der Luft. Lauter schreiende Seelen, die verloren sind, die gebrochen sind, die dem Rotlichtmilieu ausgeliefert sind. Am liebsten hätte ich die Frauen eingepackt und mitgenommen, ihnen die Möglichkeit gegeben dieses Gewalt – und Lügensystem zu verlassen und anzufangen ZU LEBEN.

All diese Erinnerungen und Eindrücke waren aufreibend, aber unglaublich wertvoll. Als ich im Zug auf dem Nachhauseweg saß dachte ich viel nach. Über das, was ich in der Prostitution verloren habe. Und darüber, wie viele liebe Menschen ich durch dieses System zugrunde gehen sah – wie viele immer noch zugrunde gehen.

Vor einiger Zeit habe ich schon einmal von einer ungarischen Frau erzählt, einer ehemaligen Prostituierten, die mir sehr geholfen hat. Allerdings ist sie keine ehemalige Prostituierte, weil sie ausgestiegen ist, sondern ehemalig deshalb, weil sie tot ist.

Die unten auf dem Foto abgebildete Kette gab sie mir im Bordell als es mir sehr schlecht ging. Ich habe das Bild noch genau vor Augen. Sie sagte zu mir, die Kette wird auf mich aufpassen. Abergläubisch bin ich nicht, aber eines steht fest: ich hatte gute Schutzengel… Jedenfalls lebte ich jahrelang nur aus Tüten und Koffern, aber diese Kette habe ich immer noch. Sie hat mich durch all die Umzüge und Hindernisse begleitet – und ich muss zugeben: nicht, weil ich während dieses ganzen Theaters besonders gut auf sie geachtet hätte, sondern weil sie irgendwie immer wieder zwischen meinen Sachen aufgetaucht ist. Einige Dinge habe ich an verschiedenen Orten zurückgelassen, weil ich sie nicht transportieren konnte; aber dieses Geschenk ist noch da, auch wenn die Figur vorne dran bereits abgegangen ist.

 

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Die Kette erinnert mich an all das unertragbare Elend und die schluchtentiefen Abgründe, welche ich in der Prostitution gesehen und erlebt habe. Sie erinnert mich daran, dass mir meistens Menschen halfen, welche selbst nicht viel hatten. Und sie gibt mir Kraft. Für mich hat diese Kette trotz ihres „INRI“-Zeichens keine religiöse Bedeutung, für mich ist sie einfach ein Geschenk einer sehr lieben Frau, die nun im Gegensatz zu mir nicht mehr die Chance hat, ein Leben nach der Prostitution führen zu können. Wenn ich diese Kette anschaue und mich mit ihr zurück erinnere, weiß ich umso mehr, dass es nötig ist, Widerstand gegen das Gewaltsystem der Prostitution zu leisten. Jede Stimme zählt, egal wie laut oder leise, egal wie wirkungsvoll oder nicht – hauptsache es sind Stimmen da und werden immer mehr.

Als ich nach besagtem Stadtrip dann wieder zuhause ankam und meine Haustür aufschloss, glitt mir ein ganz großes Lächeln übers Gesicht, denn meine vier Wände waren da, mein Bett, mein Kühlschrank… – ich habe ein ZUHAUSE, welches ich so lange Jahre nicht hatte. Ich kann SEIN ohne Bedingungen erfüllen zu müssen, ich habe Ruhe, Stille, einen Rückzugsort, den ich zuvor nie wirklich hatte. Einen Platz, an dem ich allein sein und Energie tanken kann. Ich muss nirgends mehr zwischen Besoffenen und Freiern rumirren, muss nachts nicht mehr verloren durch die Straßen laufen, nicht in einem Bordellzimmer schlafen, in dem es noch nach Kondomen, Sperma und Schweiß stinkt.

Ich habe ein zuhause. Und ich freue mich so unglaublich darüber, dass ich diesen Satz 100 Mal aufschreiben könnte.

Es gibt nichts Schöneres und viele Menschen nehmen das für selbstverständlich, doch das ist es nicht.

Es war sehr wichtig, dass ich wieder in dieser Stadt war – als ich diese Region damals verlassen habe, wollte ich nie wieder zurückkommen. Doch manchmal ist es bedeutsam an Orte zurückzukehren, die man eigentlich für immer meiden wollte. Seit meinem Ausstieg und der Erfahrung mit den Pferden habe ich gemerkt, dass es manchmal direkte Konfrontation braucht, dass es essenziell ist, Dinge nicht zu verdrängen, sondern ihnen geradewegs in die Augen zu blicken, auch wenn es in dem Moment schwierig ist oder das Standhalten unmöglich zu sein scheint – denn dieser Weg der Konfrontation ist ein Weg der Authentizität, was bedeutet, ein Weg der Freiheit und Einheit seines Selbst.

Viele Prostituierte sind gefangen – nicht nur in der Prostitution, sondern auch im Leben danach. Sie schämen sich für das, was passiert ist. Sie denken, dass sie und ihre Geschichte etwas Unwertes, etwas Unwürdiges, seien, was man vor der Gesellschaft verbergen muss. Sie leben verdeckt in Angst, so dass möglichst keiner ihre Geschichte rausfindet. Sie wurden in der Prostitution Opfer eines Systems, welches sie ausbeutet, Opfer einer Gesellschaft, welche das zulässt – und wenn sie es denn irgendwann schaffen dieses System zu verlassen, dann bleiben sie weiterhin gebrandmarkt, verstecken sich, müssen aus Angst vor Ächtung lügen und leugnen wo sie waren, können nicht sie selbst sein, deshalb in gewisser Weise das System nie komplett verlassen, obwohl sie physisch draußen sind. Sie bleiben Sklavinnen ihrer demütigenden und tristen Vergangenheit. Sie bleiben unfrei.

Der Prostitution aber zu entkommen, eine derart traumatisierende Odyssee hinter sich zu lassen, nach unzähligen, hunderten, tausenden, zehntausenden Penetrationen von wildfremden Menschen noch aufrecht gehen zu können, denken und fühlen zu können, ist ein Sieg, ein unsagbarer Kraftakt und jede Prostituierte sollte stolz darauf sein können, dass sie diesem System entkommen konnte – und sich nicht für die Gewalt schämen müssen, die ihr widerfahren ist, nicht Sklavin ihrer erlebten Knechtschaft bleiben müssen!

Sie sollte sich zeigen, respektiert und somit frei werden können und zwar als jemand, den man nie in ihr gesehen hat – als Mensch, dessen Würde unantastbar ist!

Das gilt im Übrigen auch für die wenigen Männer, die in der Prostitution tätig sind.

Was mir dieser Tag und vor allem der Aufenthalt im Rotlichtviertel vor allem erneut vor Augen führten war, dass es nötig ist, dagegenzuhalten. Die Verharmlosung, Verherrlichung und Entmenschlichung in der Prostitution nicht hinzunehmen. Es muss aufhören. Dieser Gedanke, Prostitution wäre eine Arbeit, muss aus den Köpfen von noch viel mehr Menschen verschwinden.

 

Unterstützt diese wunderbare, unten verlinkte, Kampagne. Macht mit, um noch mehr Menschen aufzurütteln, um noch mehr Veränderungen herbeiführen zu können.

Wie Harriet Tubman es sagen würde:

If you want a taste of freedom, KEEP GOING!

 

#ROTLICHTAUS – Die Dachkampagne gegen Sexkauf

 

 

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EU-Parlament über das „nordische Modell“

 

Hier ein kleiner Auszug über Prostitution und die Wirksamkeit des nordischen Modells – vom Europäischen Parlament:

 

„Es steht jedoch außer Frage, dass es sich bei Prostitution und sexueller Ausbeutung eindeutig um geschlechtsspezifische Phänomene handelt, d. h. Frauen und Mädchen verkaufen – freiwillig oder unter Zwang – ihren Körper an Männer, die für die Dienstleistung bezahlen. Darüber hinaus sind die meisten Personen, die Opfer von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung werden, Frauen und Mädchen.

Eine Form der Gewalt gegen Frauen und eine Verletzung der Menschenwürde und der Gleichstellung der Geschlechter

Prostitution und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen sind Formen der Gewalt und somit Hindernisse, die der Gleichstellung von Frauen und Männern entgegenstehen. Nahezu alle Personen, die sexuelle Dienstleistungen kaufen, sind Männer. Die Ausbeutung in der Sexindustrie ist sowohl Ursache als auch Folge der Ungleichbehandlung der Geschlechter und zementiert die Auffassung, dass die Körper von Frauen und Mädchen käuflich sind.

Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde. Da die Menschenwürde in der Charta der Grundrechte ausdrücklich erwähnt wird, ist das Europäische Parlament verpflichtet, über die Prostitution in der EU zu berichten und zu prüfen, auf welche Weise die Gleichstellung der Geschlechter und die Menschenrechte in dieser Hinsicht gestärkt werden können…

Zwei unterschiedliche Ansätze zum Thema Prostitution und sexuelle Ausbeutung in Europa

Die Frage der Prostitution und der Gleichstellung der Geschlechter wird durch die Tatsache verkompliziert, dass es zwei konkurrierende Modelle für den Umgang mit dieser Problematik gibt. Beim ersten Modell wird die Prostitution als eine Verletzung der Rechte der Frauen und als ein Mittel gesehen, die bestehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu zementieren. Der entsprechende gesetzgeberische Ansatz ist abolitionistisch und kriminalisiert die mit der Prostitution zusammenhängenden Tätigkeiten, in einigen Fällen sogar den Kauf sexueller Dienstleistungen, während die Prostitution selbst nicht illegal ist. Dem zweiten Modell zufolge ist die Prostitution der Gleichstellung der Geschlechter förderlich, indem sie das Recht der Frau propagiert, nach eigenem Ermessen über ihren Körper zu verfügen. Die Befürworter dieses Modells machen geltend, dass die Prostitution nur eine andere Form der Arbeit sei und dass der beste Weg, in diesem Bereich tätige Frauen zu schützen, darin bestehe, ihre „Arbeitsbedingungen“ zu verbessern und die Prostitution als „Sexarbeit“ zu professionalisieren. Somit sind die Prostitution und die damit zusammenhängenden Tätigkeiten im Rahmen dieses ordnungspolitischen Modells legal und geregelt, und es steht den Frauen frei, Manager – auch Zuhälter genannt – anzustellen. Man könnte jedoch auch die Auffassung vertreten, dass die Einstufung von Prostitution und Zuhälterei als normale Tätigkeiten bzw. deren Legalisierung gleichbedeutend ist mit der Legalisierung der sexuellen Sklaverei und der geschlechtsspezifischen Ungleichheit zulasten der Frauen.

In der Europäischen Union gibt es natürlich beide Modelle. In einigen Mitgliedstaaten, z.B. in den Niederlanden, in Deutschland, Österreich und Dänemark ist die Zuhälterei legal, während Prostituierte bzw. einige ihrer Tätigkeiten (wie die Kontaktanbahnung) unter anderem im Vereinigten Königreich, in Frankreich und in der Republik Irland ganz oder teilweise unter Strafe gestellt werden (Hinweis: Frankreich und Irland haben mittlerweile auch das nordische Modell). Allerdings können die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und die sexuelle Unterwerfung nicht wirksam bekämpft werden, wenn man von einer Symmetrie der Geschlechter in der Sexindustrie ausgeht, die es nicht gibt.

Wo Prostitution und Zuhälterei legal sind, häufen sich die Beweise für die Mängel dieses Systems. Im Jahr 2007 räumte die deutsche Regierung ein, dass das Gesetz zur Legalisierung der Prostitution nicht zu einer Verringerung der Kriminalität geführt habe und dass mehr als ein Drittel der deutschen Strafverfolgungsbehörden darauf hingewiesen habe, dass die Legalisierung der Prostitution ihre Arbeit im Zusammenhang mit der strafrechtlichen Verfolgung von Menschenhandel und Zuhälterei erschwert habe. In den Niederlanden erklärte der Amsterdamer Bürgermeister im Jahr 2003, die Legalisierung der Prostitution habe den Menschenhandel nicht verhindert, und es erscheine unmöglich, einen sicheren und kontrollierbaren Bereich zu schaffen, in dem der Missbrauch durch das organisierte Verbrechen ausgeschlossen sei. Dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung zufolge sind die Niederlande derzeit das Hauptzielland für Opfer von Menschenhandel.

Die Wirksamkeit des „Nordischen Modells“

In Anbetracht der Tatsache, dass immer mehr dafür spricht, dass eine Legalisierung der Prostitution und der Zuhälterei die Gleichstellung der Geschlechter in keiner Weise voranbringt und nicht zu einer Verringerung des Menschenhandels führt, wird im vorliegenden Bericht festgestellt, dass der wesentliche Unterschied zwischen den oben beschriebenen zwei Modellen der Gleichstellung darin besteht, dass die Einstufung der Prostitution als normale „Arbeit“ dazu beiträgt, Frauen in der Prostitution zu halten. Dagegen trägt die Einstufung der Prostitution als Verletzung der Menschenrechte der Frauen dazu bei, Frauen von der Prostitution fernzuhalten.

Diese Auffassung wird von den Erfahrungen in Schweden, Finnland und dem Nicht-EU-Mitglied Norwegen gestützt, wo das „Nordische Modell“ für den Umgang mit der Prostitution Anwendung findet. Schweden hat seine Prostitutionsgesetze im Jahr 1999 geändert, um den Kauf von Sex zu verbieten und Prostituierte zu entkriminalisieren. Man kann es auch so ausdrücken, dass die Person, die Sex kauft – nahezu immer der Mann –, nicht jedoch die Prostituierte eine Straftat begeht. In Schweden wurde dieses Gesetz im Rahmen einer allgemeinen Initiative eingeführt, alle Hindernisse auszuräumen, die der Gleichstellung von Frauen in Schweden entgegenstehen.

Diese Rechtsvorschrift hat in Schweden zu erheblichen Auswirkungen geführt. So ist die Zahl der Prostituierten in Schweden nur ein Zehntel so hoch wie im benachbarten Dänemark mit seiner geringeren Bevölkerungszahl, wo der Kauf von Sex legal ist. Das Gesetz hat auch einen Wandel in der öffentlichen Meinung herbeigeführt. So sprachen sich im Jahr 1996 45 % der Frauen und 20 % der Männer für eine Kriminalisierung der männlichen Käufer von Sex aus. Im Jahr 2008 befürworteten 79 % der Frauen und 60 % der Männer das Gesetz. Darüber hinaus bestätigt die schwedische Polizei, dass das „Nordische Modell“ eine abschreckende Wirkung in Bezug auf den Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung hat.

Es liegen immer mehr Beweise dafür vor, dass mithilfe des „Nordischen Modells“ die Prostitution und der Frauen- und Mädchenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können. Unterdessen sehen sich die Länder, in denen die Zuhälterei legal ist, nach wie vor mit Problemen konfrontiert, die den Menschenhandel und das organisierte Verbrechen im Zusammenhang mit der Prostitution betreffen. Deshalb wird in diesem Bericht das „Nordische Modell“ unterstützt, und die Regierungen der Mitgliedstaaten, die beim Umgang mit der Prostitution einen anderen Ansatz verfolgen, werden aufgefordert, ihre Rechtsvorschriften vor dem Hintergrund der Erfolge in Schweden und in den anderen Ländern, die dieses Modell angenommen haben, zu überprüfen. Auf diese Weise könnten erhebliche Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter in der Europäischen Union erzielt werden.

Dieser Bericht ist nicht gegen Frauen gerichtet, die als Prostituierte arbeiten. In dem Bericht wird gegen die Prostitution, aber zugunsten der Prostituierten argumentiert. Mit der Empfehlung, dass der Käufer – d. h. der Mann, der Sex kauft – als der Schuldige betrachtet wird, und nicht die Prostituierte, stellt dieser Bericht einen weiteren Schritt auf dem Weg zur vollständigen Gleichstellung der Geschlechter in der gesamten Europäischen Union dar.“

 

Quelle: Europäisches Parlament

Prostitution und die Fähigkeit HINZUSEHEN

 

“I’m not interested in whether you have stood with the great. I’m interested in whether you have sat with the broken.”

Dieses Zitat habe ich schon vor einer Weile im Netz gefunden, ich konnte leider nicht in Erfahrung bringen von wem es stammt, aber mit ihm beginne ich diesen Text zu schreiben.

Es spricht mir aus der Seele. Ab und zu erzählen mir Menschen bei welcher angesehenen Persönlichkeit sie waren und je nachdem von wem sie sprechen, finde ich das super, gebe ihnen ein „Wow“. Allerdings interessiert mich an meinem Gegenüber viel mehr, ob er auch schon Abgründe gesehen hat, mich interessiert wie er Leute behandelt, welche am Limit balancieren. Es sagt viel über einen Menschen aus wie er mit anderen umgeht, die gebrochen sind. Ein ehrliches, liebevolles, den Kampfgeist erweckendes Gespräch mit jemandem, der alles im Leben verloren hat, fasziniert mich mehr als eine Geschichte über vermeintlich „Prominente“ – vielleicht weil ich weiß, wie wenig Menschen existieren, welche jemandem am Abgrund tanzenden wie mir damals zugehört hätten, welche HINSAHEN. Wer setzte sich schon zu uns Prostituierten mit in den Regen als wir gebrochen waren? In Erinnerung habe ich so ziemlich keinen, deshalb empfinde ich jeden, der es tut, als besonderes Geschenk und als Bereicherung für unsere Gesellschaft.

Manchmal sinniere ich darüber, was das Schlimmste für mich in der Prostitution war und ein Gedanke schießt mir dabei immer wieder durch den Kopf: ich war verlassen von meinem Selbst und verlassen von unserer Gesellschaft.

Ein paar Jahre später nun befinde ich mich also in einem anderen Leben.

Als ich anfangs an die Universität kam fühlte ich mich fehl am Platz. Ich betrat die Hörsäle, die verschiedenen, mächtig aussehenden Gebäude der Uni, sah all die edel angezogenen, intellektuell begabten Menschen und dachte an mein kleines schmuddeliges Kellerzimmer im Bordell, in dem ich lange Zeit lebte, dachte an die Räume in anderen Clubs, in denen ich mich prostituierte und danach auf diesen Betten schlief um mich am nächsten Tag weiter mit Freiern zu massakrieren. Dachte an die unzähligen Zimmergänge, die ich ausführte, und daran, dass ich mich niemals edel fühlte. Einmal, es war so ziemlich am Anfang meines Studiums, setzte ich mich in einen großen, leeren Hörsaal und war wie erschlagen von seiner Schönheit. Dieser Raum erstrahlte so mächtig. Wie viel brillantes Wissen muss hier schon durch den Saal geklungen sein, wie wenig Gewalt im Gegensatz zu den anderen Räumen, die ich kannte? Ich saß da inmitten der Stühle, regungslos und aufatmend, zwischen diesen reinen Wänden sitzen zu können. So viele Jahre befand ich mich nur in Bordellzimmern. Auch wenn kein Freier im Zimmer war, waren diese Räume immer dreckig, rochen nach Schweiß, nach benutzten Kondomen. Oft kauerte ich mich nach der „Arbeit“ an Feierabend auf dem Bett zusammen, auf dem ich zuvor mit dem Freier war, ekelte mich, weinte, weil ich keinen Ausweg sah, weil ich dachte, dass alles, was ich jemals in meinem Leben haben werde, ein Leben als Prostituierte sein würde, weil ich immer wieder dagegen ankämpfte diese vermeintliche Realität zu akzeptieren, ich aber nicht wusste, wie ich ausbrechen konnte. Diese widerlichen Zimmer in Bordellen gleichen Gefängniszellen, nein, sie gleichen einem Todestrakt, welcher es Freiern ermöglicht die Prostituierte Stück für Stück zu entmenschlichen bis sie irgendwann aufgrund unaushaltbaren Leids aus dem Leben bricht.

Und warum? Weil Menschen nicht fähig sind besser HINZUSEHEN?

Wir befinden uns momentan in einer tollen Jahreszeit, die Natur erwacht aus dem Winterschlaf, wir spüren die ersten warmen Sonnenstrahlen auf unserer Haut – bald ist Sommer. Ich genieße es durch die Wälder zu streifen, den Wind zu spüren, das Wasser plätschern und den Gesang der Vögel zu hören, liebe Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge; diesen hier habe ich vor ein paar Tagen fotografiert:

 

Sonnenuntergang

 

Nicht jeder kann diese Augenblicke genießen, nicht für jeden wird es Sommer werden. Oft sind meine Gedanken bei jenen Frauen, die es nicht schön haben können, die bei Sommerhitze noch den Schweiß der Freier zu den übrigen Körperflüssigkeiten mit dazu abkriegen.

Ich erinnere mich gut an Clubs, in welchen es im Sommer unerträglich heiß und stickig war. Der Grund, warum ich jetzt die Zeit draußen in der Natur vor allem im Frühling und Sommer so arg genieße ist, weil ich jahrelang diese schönen Momente nicht hatte, so wie die meisten Prostituierten sie nicht haben. Die Vögel, die draußen umherflogen, die Blumen, welche anfingen zu blühen, die Gräser, die wuchsen, die frische Luft und die Schönheit der strahlenden Sonne… egal was, wir bekamen nichts mit, weil wir in diesen Clubs hockten und verrotteten – entweder sowieso tagsüber oder aber nachts und uns dann mit Alkohol und/oder Drogen so zu dröhnten um alles auszuhalten, dass wir den darauffolgenden Tag nicht erlebten, sondern stattdessen schliefen, und erst wieder abends aufwachten um weiter zu „arbeiten“. Das Leben, die „Außenwelt“, der Sommer, die Liebe, einfach alles rauschte an uns vorbei. Und selbst wenn wir tagsüber mal rauskamen waren wir derart neben der Spur und so „kopfgefickt“, dass wir keine schönen Dinge wahrnehmen konnten, gar nichts wahrnehmen konnten. Prostituierte verlieren neben ihrer Seele auch das Leben, welches draußen an ihnen vorbeizieht. Sie sehen Kondome, Sperma, Brutalität, Ignoranz, Leid, Geschlechtsteile in allen Variationen – all das ist für sie an der Tagesordnung, all das ist für sie Normalität. Sie erleben nichts Schönes, kennen manchmal gar nichts Schönes.

Und so geht es tausenden von Menschen in der Prostitution hier in Deutschland und auch anderswo. Wer hilft ihnen? Wer steht ihnen zur Seite? Warum SEHEN IMMERNOCH SO WENIG HIN?

Wieder erinnere ich mich an dieses Gefühl der Verlassenheit, ich fühle nicht nur sondern ich weiß, dass Prostituierte weiterhin im Stich gelassen werden – das neue Gesetz reicht nicht aus. Sie können sich größtenteils nicht selbst wehren, sie können nicht allein entkommen, sie sind gefangen in einem Labyrinth, aus dem sie den Ausgang nicht finden.

Sie liegen in einem versifften Bett unter schweißgebadeten Freiern, welche ihnen bewusst oder unbewusst Schmerzen zufügen, welche ihre Persönlichkeit, ihr Inneres, ihr Seelenleben zerstören, sie entzweien, während wir in der Eisdiele sitzen oder gemütlich Cocktails in der Sonne schlürfen und den Sommer genießen.

Wie können wir nur? Wie kann ein menschenrechtsliebendes Land dermaßen kalt und ignorant sein um nicht HINZUSEHEN, dass es Unrecht ist, was hier passiert. Es ist nicht nur Unrecht, was Zuhälter, Bordellbetreiber und Menschenhändler tun, sondern es ist auch Unrecht, was Freier tun. Somit ist es auch Unrecht, dass sie die Möglichkeit bekommen, labile, verzweifelte, verletzliche Persönlichkeiten noch mehr in ein Unglück, in ein weiteres Trauma, zu stürzen, indem sie sie gebrauchen und benutzen dürfen.

Die Frauen machen das ja freiwillig? – Wie oft hört man von Kindern, welche sexuelle Missbrauchserfahrungen erleben, diese Erfahrungen anfangs aber nicht zuordnen können, dass sie stillhalten und es über sich ergehen lassen, auch wenn es sich komisch anfühlt, weil sie denken, es sei normal so, es muss so sein. Ist es deswegen legal ein Kind zu missbrauchen – weil es stillhält und sich nicht wehrt?

NEIN!

Hier ein Auszug aus einem Artikel, in dem ein Missbrauchsopfer spricht – eine sehr traurige Geschichte mit einer tapferen, starken jungen Frau:

Für Lea war nicht viel Zeit – deswegen war sie immer wieder für ­Tage beim Onkel, damals, Anfang der 90er Jahre. Zunächst war Lea gerne dort. Der Onkel las der Fünfjährigen abends Geschichten vor, das machten ihre Eltern nie. Ein studierter Mann, als Mittdreißiger bereits die rechte Hand des Firmenchefs. Aber dann änderten sich die abendlichen Rituale.

Der Onkel fasste sie überall an und gab das als Entdeckungsspiel aus. „Hast du das schon mal gesehen?“ Und: „Schau mal, das machen Erwachsene.“ Er steckte ihr seine Finger in die Scheide. Irgendwann musste sie ihn oral befriedigen.

Es war ihr alles sehr unangenehm, schon wie er sie anfasste. Es war ­irgendwie nicht richtig. Lea verstand das alles nicht. Tagsüber war der ­Onkel nett und nannte sie „meine Prinzessin“, nachts dagegen „du Dreckstück“. Aber vielleicht war es normal, was der Onkel mit ihr machte, und sie musste es durchstehen, um erwachsen zu werden? Sie wollte unbedingt erwachsen werden! Auf keinen Fall wollte sie ins Heim, wie der Onkel androhte, sollte sie etwas erzählen. Hier geht’s zum ganzen Artikel

Nochmal die Frage: ist es in Ordnung einen Menschen sexuell zu misshandeln, weil er sich nicht wehrt, weil er stillhält, weil er denkt, dass es sein muss, dass es vielleicht normal sei?

NEIN! (ich empfehle den kompletten Artikel zu lesen – er ist traurig, aber so unglaublich stark)

Es war für viele Freier ERKENNBAR, dass ich mich dabei schlecht fühlte, dass diese sexuellen Handlungen an mir gegen meinen eigentlichen, wirklichen, Willen sprachen, doch sie fragten nicht, sie interessierten sich nicht, dass ich Schmerzen hatte, Leid empfand – und sie haben es auch bei den anderen Frauen erkannt mit denen ich gemeinsam mit ihnen auf Zimmer war. Sie sahen, dass die Frauen würgten und halb kotzten beim Deep Throat und ihnen Tränen in die Augen schossen, sie beschämt und verzweifelt waren. Sie sahen, dass die Frauen beim Geschlechtsverkehr die Augen zukniffen und ihr Gesicht verzerrten, weil die Freier grob waren – zum größten Teil ignorierten sie unsere Schmerzen (wenn es sie nicht sogar erregte), denn sie hatten ja zu Beginn ein Einverständnis von uns bekommen und damit war für sie alles ok. Sie hatten schließlich in ihren Augen einen ANSPRUCH.

Freier verhalten sich als wären sie im Mängelgewährleistungsrecht eines Werkvertrages, wenn sie zu einer Prostituierten gehen.

„Durch den Werkvertrag wird der Unternehmer (hier: die Prostituierte) zur Herstellung des versprochenen Werkes (hier: sexuelle Befriedigung/Orgasmus), der Besteller zur Entrichtung der vereinbarten Vergütung verpflichtet.“

Und komme die Sintflut nach dem Einverständnis der Prostituierten und der (hier meist vorherigen) Zahlung der Vergütung, ganz egal, es läuft nach dem Motto: Werk bestellt und bezahlt heißt, Werk muss ordnungsgemäß hergestellt werden!

„Der Unternehmer hat dem Besteller das Werk frei von Sach- und Rechtsmängeln zu verschaffen.“

Kommt der Freier also nicht zum Orgasmus, passt ihm dies oder jenes nicht, so fordert er meist entweder Nacherfüllung (natürlich kostenlos) oder Schadensersatz.

Sarkastisch?

Nein, Realität.

Wie kann eine Gesellschaft bei so etwas zusehen, so etwas dulden? Wie kann man in solch einer Gesellschaft Kinder groß ziehen? Welche abstoßenden Werte werden hier vermittelt?

Es mag sein, dass viele über die Zustände in der Prostitution nicht Bescheid wissen – die Lobby leistet fantastische Propagandaarbeit, wobei die meisten Frauen dort, welche Prostitution befürworten, selbst Opfer sind, nur leider ihr Persönlichkeitsverlust schon in dem Ausmaß vorangeschritten ist, dass sie nicht mehr spüren, was schief läuft (was sie natürlich abstreiten, weil sie sich dessen oft nicht bewusst sind oder sie es sich nicht eingestehen können aus Selbstschutzgründen). Das ist schlecht für sie selbst und auch für die Öffentlichkeit, welche ihnen zuhört und der Glorifizierung von Prostitution Glauben schenkt.

Es gibt aber mittlerweile auch genügend Gegenstimmen und viele Studien im Hinblick auf das Zerstörerische an und in der Prostitution. Es existiert also genügend Material um HINSEHEN ZU KÖNNEN.

Versuche der Reglementierung von Prostitution durch das neue Prostituiertenschutzgesetz beseitigen nicht das große Problem, welches wir durch die Legalität von Sexkauf haben – nämlich das Selbstverständnis sich Frauen kaufen zu können, das damit einhergehende Frauenbild, ja, die dadurch herrschende (unbewusste) Missachtung des weiblichen Geschlechts, denn es sind mehrheitlich nunmal Männer, welche Sex kaufen. Freier schreiben in Freierforen nicht nur in missachtender Weise, sondern sie verhalten sich gegenüber uns Prostituierten auch genauso. Sie verachten Prostituierte, weil sie für sie lediglich ein Instrument ihrer sexuellen Befriedigung darstellen –  als Menschen werden sie nicht wahrgenommen. Irgendwann verachten sie auch Frauen außerhalb der Prostitution, weil sie anfangen Frauen generell als Lustobjekte zu assoziieren.

Strafgesetze lassen unsere Gesellschaft wissen, was in einem Land als Unrecht bezeichnet wird, was man nicht tun sollte. Ein Strafgesetz ist immer auch Handlungsmaxime. Es geht bei der Freierbestrafung, dem Sexkaufverbot nach dem sog. nordischen Modell, welches ich befürworte, nicht nur darum, die Freier für ihr Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen, sondern es geht vor allem darum, jedem einzelnen aufzuzeigen, dass es nicht richtig ist, sich den Zugang zu einer anderen Intimsphäre zu erkaufen, dass es nicht richtig ist, an der Ausbeutung von Prostituierten in welcher Form auch immer beteiligt zu sein, dass es nicht richtig ist, Freier zu sein, weil sich zu prostituieren traumatisierend ist. Freier zu sein bedeutet zudem Nachfrage zu schaffen, Nachfrage zu schaffen bedeutet, dass ein Bedarf an vielen unterschiedlichen Frauen besteht und wer deckt diesen Bedarf? Genau, die Menschenhändler! Geht die Nachfrage zurück, besteht weniger Bedarf und die Menschenhändler werden nach und nach immer ein Stückchen mehr arbeitslos werden – deshalb muss man die Nachfrage bekämpfen, so wie es das nordische Modell tut, um auch die weiteren Übel minimieren zu können.

Ist die Einführung eines Sexkaufverbots wirklich das Richtige? Warum sollte man Freier bestrafen, wenn Prostituierte ihnen ihre „Dienste“ anbieten? Ungerecht?

In so ziemlich allen Fällen, die ich gesehen habe, sind die Prostituierten den Freiern unterlegen gewesen, weil sie in einer Zwangslage, einer Notlage, einer Krise steckten, aus der sie nicht mehr allein rauskamen. Man muss diese Menschen deshalb schützen, indem man diejenigen, welche ihre Lage bewusst oder auch unbewusst ausnutzen, wissen lässt, dass sie das nicht tun dürfen, dass sie HINSEHEN MÜSSEN, auch wenn sie es nicht wollen, weil sie lieber ihren Druck und Frust abladen möchten. Da die meisten Freier meine und die Hilflosigkeit anderer Prostituierter gesehen und trotzdem weitergemacht haben, ist die einzige Möglichkeit, prostituierte Menschen besser zu schützen ein generelles Verbot für den Sexkauf zu schaffen. Abgesehen von der Ignoranz der Freier gegenüber dem Leid von Prostituierten und der Menschenhandelsproblematik aufgrund der Nachfrage müssen Männer ein anderes Verständnis Frauen gegenüber entwickeln. Sehr oft erlebe ich im Alltag, wie sie Dinge tun, welche unter der Gürtellinie sind, Sprüche ablassen, welche sexistisch und verletzend sind, wie sie ungeniert versuchen zudringlich zu werden. Es kommt nicht von irgendwoher, dass Männer mit Frauen so umgehen wie viele es leider nun mal tun – aber: Sex ist käuflich, Frauen sind verfügbar, scheinen für Männer immer willig zu sein, also wen wundert’s? Die Legalität von Sexkauf unterstützt dieses Verhalten enorm. Nicht alle sind so, nein, aber ein großer Teil. Für diejenigen wahren Männer, die sich bereits gegen ihre Artgenossen bzw. deren sexistische Verhaltensweisen einsetzen, bin ich unendlich dankbar. Bitte mehr davon!

Auf einem Taxi sah ich letztens eine große Werbung für ein Bordell direkt neben sozialen Hilfsangeboten, welche ebenfalls als Logo auf dem Taxi abgedruckt waren – neben dem Taxi standen zwei junge Männer, welche auf das Bordelllogo zeigten und so taten als ob sie sich einen runter holen würden, dabei fies lachten und eine andere Passantin mit gezielten, lasziven Zungenbewegungen belästigten während sie auf das Bordelllogo zeigten. Und es gibt dutzende Situationen ähnlicher Art, für die ich hier 50 Seiten bräuchte um sie alle aufzuschreiben.

Das ist doch alles nicht normal, alles nicht ok!

Unsere Gesellschaft verrottet!

Ein Sexkaufverbot setzt Richtlinien, welche Menschen zu verstehen geben: „Hey, so geht’s nicht!“. Und sowas benötigen wir, denn alles andere fördert oder duldet zumindest enorm problematische, geschlechterfeindliche Verhaltensweisen. Natürlich kann man nicht alles durch das Strafrecht lösen, aber die Freierbestrafung ist etwas, was dringend nötig ist um das Leid und die Traumata der Frauen in der Prostitution zu minimieren, um die verheerenden Ausmaße des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung zurückzudrängen und um eine ehrlichere Gesellschaft zu erschaffen, in der liierte oder verheiratete Männer nicht mehr einfach so zu einer Prostituierten gehen können, sodass die Kinder dieser Männer nicht mal irgendwann erfahren müssen, dass ihr vorbildhafter, seriöser Vater seine Zeit mit Frauenkauf jeglicher Art verbringt – so wie ich damals als sehr kleines Kind mitbekommen habe, dass mein Vater solche „Dienstleistungen“ in Anspruch nahm. Merkt euch eins „liebe“ Freier: wenn euch schon nichts an Prostituierten liegt, dann hoffentlich an euren Kindern und ihr solltet ihnen zuliebe das Kaufen sexueller Fantasien unterlassen. Selbst als Kleinkind, wenn man nicht viel über diese Sachen weiß, schrumpft der Respekt, das Vertrauen und die zwischenmenschliche Beziehung gegenüber dem Vater enorm, wenn man so etwas erfährt. Man mag als Kind noch nicht viel wissen, aber man hat zumeist einen Sinn dafür, was richtig und was falsch ist, und „Mama“ zu betrügen, andere Frauen neben ihr zu haben, sich generell solche „Dienste“ jeglicher Art zu kaufen, ist definitv falsch!

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die meisten Freier von allein nicht aufhören werden. Sie wurden dazu erzogen, sich Frauen kaufen zu können – man muss sie jetzt „umerziehen“ und das geht nur durch eine straffe, richtungsweisende Gesetzgebung, welche den Sexkauf als solches unter Strafe stellt.

Niemand sollte die Möglichkeit bekommen, ein Menschenleben mit zerstören zu können.

Jetzt, an der Universität, muss ich keine Gewalt mehr erleben, keine Gewalt sehen, ich bin frei von all dem – aber ich werde nie vergessen, in welchem Leben ich war, ich werde nie vergessen, was ich gesehen habe, ich werde nicht vergessen jeden Tag aufzustehen und danke dafür zu sagen, dass ich aus diesem Leben fliehen konnte, und ich werde nicht vergessen, dass jeden Tag immer noch tausende von Frauen in der Prostitution leiden, dass sie oft auch sterben.

Das muss aufhören und es kann aufhören, wenn nur jeder anfängt besser HINZUSEHEN! Und jeder, der nicht sehen möchte, der lieber die Augen verschlossen hält, aus Egoismus, aus welchem Grund auch immer, und mit seinem Verhalten als Freier am Seelenmord (wie der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Lutz Besser es nennt) einer Prostituierten beteiligt ist, muss zur Verantwortung gezogen werden!

 

 

Die Flucht aus dem Opferstatus rein in die Kriminalität – und über Kriegskunst

 

Vor ein paar Tagen habe ich an eine tschechische Prostituierte gedacht, mit der ich in einem Club gearbeitet und zusammen gewohnt habe (wir hatten beide unsere kleinen „Abstellzimmer“ im Keller). Als wir uns damals in diesem Bordell kennenlernten waren wir uns ziemlich unsympathisch, aber nach und nach sind wir immer weiter zusammengewachsen. Wir halfen uns mit und während den Zimmergängen, wir versuchten unser Dasein trotz all des Elends aufzuheitern. Zudem musste ich auch an die Bordellbetreiberin und die Co-Chefin des Nachtclubs denken. Letztere war selbst eine Prostituierte, wurde aber immer mehr in den Bordellbetrieb integriert und eingearbeitet. Sie ließ die Prostitution langsam hinter sich, sollte irgendwann den Club übernehmen.

Auch die tschechische Prostituierte arbeitete in diesem Bordell immer häufiger hinter der Bar als Bedienung und nahm dort weitere Aufgaben außerhalb der Prostitution wahr, saß auch an der „Rezeption“. Genau wie die Co-Chefin zuvor befand sie sich ebenfalls in einer Art Vorstufe um irgendwann in die Fußstapfen der Bordellbetreiberin zu treten. Sie hatten guten Kontakt, so wie auch ich in diesem Club guten Kontakt zu den „Frontleuten“ hatte. Die Menschen in diesem Etablissement schienen mit der Zeit wie eine Familie für einen in diesem haltlosen Leben, weil man nichts anderes, niemand anderen, hat. Es kommt der Zeitpunkt, wo man anfängt sich mit ihnen zu identifizieren. Sie wurden damals auch wie eine Familie für mich, was meinem Zuhälter gar nicht gefiel.
Er brachte mich ursprünglich dorthin um für ihn zu „arbeiten“– und als er irgendwann den engeren Kontakt zwischen den oben genannten Frauen und mir mitbekam versuchte er diesen zu verhindern, denn er hatte Angst davor, seinen Einfluss auf mich zu verlieren und seine Angst bestätigte sich – ich hatte Ansprechpartnerinnen und auch eine Art Schutz gefunden.

Natürlich kann man diese Menschen dennoch nicht als Familie bezeichnen, weil alles zum großen Teil ein „Bei-Laune-Halten“ war damit ich gut funktionierte und ihrem Club Geld brachte, so auch bei der Tschechin. Man nennt das im Rotlichtmilieu „posieren“. Dennoch kam ich zumindest von meinem Zuhälter immer weiter weg. Damit war mir ein großer Schritt in Richtung Freiheit möglich.

Trotzdem war aber auch die Bordellbetreiberin eine Zuhälterin. In ihrem Club lief es so ab, dass man vom Freier vor dem Zimmergang das Geld kassierte, es an die „Rezeption“ brachte und einem am Ende der Nacht eben 50 % von jedem Freier ausbezahlt wurde. Das war der Grund, warum wir keine Tagesmiete zu zahlen hatten, welche Prostituierte oft in immense Schulden katapultiert, da sie meist unabhängig vom Verdienst zu entrichten und oft sehr hoch angesetzt ist. Wenn in diesem „Laden“ hier kein Freier kam, dann liefen wir alle, inklusive der Betreiberin, Stier. Dafür, dass wir dort wohnten, mussten wir nichts bezahlen.

Dieser Club war von der Struktur her der korrekteste den Frauen gegenüber, welchen ich in meiner Zeit in 6 Jahren Rotlichtmilieu gesehen habe und dennoch war er eine menschliche Katastrophe. Allein von der Prostitution her an sich, aber vor allem auch, weil man als BetreiberIn eines Bordells immer vor der Frage steht: wo bekomme ich Frauen her? Selbst wenn Menschenhandel nicht von den BetreiberInnen selbst ausgeht, dann kommt er trotzdem durch die Eingangstüre herein.

Ich habe oft erlebt, wie dunkle Gestalten „ihre Frauen“ zum Anschaffen in den Club brachten. Wie hier und da über Dinge getuschelt wurde, die ich eigentlich gar nicht hätte hören sollen… Es sind und bleiben krumme Geschäfte. Auch wenn man es wollte, das Rotlichtmilieu funktioniert nicht komplett ohne krumme Dinger zu drehen. Wer diesen „Job“ als BetreiberIn macht, wird auch in diese Geschäfte mit einsteigen. Deshalb ist kein Laden, den ich betreten habe, „sauber“ gewesen. Und es wird auch in Zukunft trotz des neuen Gesetzes keiner sauber sein, zumindest die Masse nicht, denn es ist einfach nicht möglich „von allein“ je nach Clubmodell so 10-100 Frauen (vielleicht auch noch irgendwo weniger oder mehr) vor Ort zu haben, und zwar meist immer unterschiedliche, oft wöchentlich wechselnde, für jeden „Geschmack“ etwas dabei. Wenn jemand ernsthaft glaubt, die laufen alle von allein und aus freien Stücken in diese Etablissements, weil sie sich so gerne prostituieren, dann rate ich jedem aufzuwachen und seinen logischen Menschenverstand einzuschalten!

Ich konnte mir jedenfalls zu dieser Zeit nicht vorstellen, die Leute in diesem Club, welche für mich meine „neue Familie“ darstellten, zu verlieren. Bis ich irgendwann natürlich begriffen habe, dass ich nur „Familienmitglied“ sein kann, wenn ich Teil des Rotlichtmilieus bleibe – welcher Teil auch immer.

Dieser Schritt, von ihnen wegzugehen, war schwer, weil ich diese Menschen lieb gewonnen hatte. Ganz egal wer sie waren, was sie von mir wollten, sie stellten einfach meine einzigen Bezugspersonen dar. Ich hatte niemanden sonst. Meine Kontakte in die „Außenwelt“ waren schon seit Jahren längst alle abgebrochen. Nichtsdestotrotz wusste ich, dass sie mir nicht gut taten, nein falsch, dass mir dieses Leben nicht gut tat. Niemandem tut dieses Leben gut – in Wahrheit auch ihnen nicht. Nebenbei erwähnt habe ich zwei ganz liebe Menschen in meinem wirklichen Familienkreis, welche damals aber keine Chance hatten, auf all das Einfluss zu nehmen… Dafür habe ich sie jetzt und dafür bin ich sehr dankbar.

Als ich vor ein paar Tagen also an die Frauen in besagtem Bordell dachte, da stellte sich mir ein Paradoxon. Die Co-Chefin und die Tschechin als Bordellbetreiberinnen, Zuhälterinnen? Nachdem sie selbst jahrelang Opfer täglicher sexueller Gewalt durch Freier waren, wechseln sie nun auf die andere Seite? Auf eine Seite, welche sehr oft daran beteiligt ist oder zumindest duldet, dass andere Menschen in den Zimmern genau wie sie damals von Freiern erniedrigt und sexuell gedemütigt werden, welche davon profitiert?

Und nachdem ich darüber nachgedacht hatte, musste ich leider feststellen, dass es wahrlich nicht unvorstellbar ist diesem Opferstatus zu entfliehen indem man in einen Täterstatus hinein wechselt.

Die Tschechin, von der ich sprach, welche sich prostituierte und vermehrt „Bordellbetriebsaufgaben“ wahrnahm, ist ihr Leben lang benutzt und erniedrigt worden, hat sich ficken lassen müssen als ob sie ein Roboter aus Metall wäre – ich weiß es, denn ich war dutzende Male dabei, weil wir uns abwechselten um uns zu helfen, und ich habe ihr lebloses, totes, Gesicht dabei gesehen. Sie hat sich demütigen lassen müssen. Sie trank wie ich Alkohol in Massen und nahm Drogen um die Freier auszuhalten. Auch mit der Co-Chefin war ich ab und zu mit Freiern auf dem Zimmer und es war hier nicht anders – sie war aber nicht mehr überwiegend Prostituierte, sondern eben schon mehr in den Bordellbetrieb integriert, musste sich das Ganze nur mehr noch zeitweise geben.

Und ich habe mich gefragt: ist es so abwegig, dass die beiden nicht mehr auf dieser Seite der Armut, der Prostitution, stehen möchten, sondern wenn sie die Chance bekommen auf die andere Seite der Bordellbetreibenden zu wechseln, diese auch ergreifen? Ist es so abwegig, dass sie bereits so abgestumpft sind, dass es ihnen leichter fällt auf Seiten der Bordellbetreiberin andere leiden zu sehen als selbst leiden zu müssen?

Viele würden wahrscheinlich jetzt sagen, dass eigenes Leid für einen selbst kein Grund sein kann, mitverantwortlich dafür zu sein, dass andere Menschen leiden (zum Beispiel indem man als BordellbetreiberIn dem Menschenhandel die Türe öffnet). Niemals würde man so etwas tun. So ein Satz gleitet einem jedoch leicht von den Lippen, wenn man in einer sicheren, warmen Wohnung sitzt, nicht täglich Extremsituationen in diesem Milieu ausgeliefert ist und vor allem sein Selbst noch bei sich hat. Doch was ist, wenn nicht? Was tun wir Menschen eigentlich alles um zu überleben, was tun wir, damit auch die Familie überlebt? Was tun wir, wenn wir uns verloren haben? Wir prostituieren uns vielleicht – so wie ich es tat und viele andere es getan haben oder immer noch tun. Vielleicht wird man aber auch irgendwann den Betrieb eines Bordells übernehmen, wenn einem jemand die Möglichkeit dazu an die Hand gibt, wo dann die Bekanntschaft mit Menschenhandel und Zuhälterei vorprogrammiert ist.

Erzählen kann man viel, was man tun oder nicht tun würde, doch ich bin mir sicher, dass niemand diesen Satz ehrlich beantworten kann, der noch nicht derart vielen, täglichen, menschenverachtenden Extremsituationen ausgesetzt war. Gelebte und vertretene Werte hin oder her… Menschen, welche nie Gewalt oder Verzweiflung in einer wirklich krassen Form erlebt haben, können sich das nicht einmal vorstellen – sie können sich nicht in so eine Situation hineinfühlen und auch nicht erahnen, zu was einen manche Dinge treiben können – auch wenn sie denken, sie könnten es. Sie tun es nicht.

Ein kleines Beispiel zur Veranschaulichung:

Ich selbst bin ein Mensch, der nie jemandem etwas zu leide tun könnte.

Dachte ich jedenfalls.

Bis ich lernen musste, dass es Lebensabschnitte gibt, die einen anders werden lassen, welche die grundlegenden Werte und Verhaltensweisen verblassen lassen. Es gibt Einflüsse, die, wenn sie dauerhaft auf uns einprasseln, uns von unserem Selbst entfernen. Man wird eine fremde Person – so wie man auch als Prostituierte eine andere Person ist und die eigene Persönlichkeit sich während der Prostitution noch viel weiter in Richtung Fremde entwickeln kann bis irgendwann gar nichts mehr von dem bleibt, was einen als Persönlichkeit, als Mensch, ausmacht. Es herrscht dann Stille, Leere. Alles ist schwarz.

Wenn man den 10ten Freier am Tag hat, man keinen BH mehr anziehen kann, weil die Brustwarzen vom ewigen daran lecken und beißen derart gereizt sind, dass jede Berührung schmerzt und man unter diesen Gegebenheiten den nächsten Freier bekommt, welcher dann nicht mehr nur eine halbe Stunde, sondern 2 Stunden bucht, zugedröhnt ist und daher dann auch wirklich 2 Stunden durchgehend Geschlechtsverkehr haben möchte, während der Genitalbereich schon beim Waschen und Duschen weh tat, weil alles komplett wund ist von den Tagen zuvor, er dann im Zimmer nochmal und immer wieder in die Brustwarzen zwickt und in sie hineinbeißt und immer wieder die Grenzen überschreiten will obwohl man ständig darauf hinweist und nur noch versucht sich zu schützen, dann kommt irgendwann auch jener Mensch außer Kontrolle, welcher sich eigentlich immer beherrschen kann. Irgendwann geht es einfach nicht mehr. Dieses Gefühlschaos aus Hass, Wut, Schmerzen, Traurigkeit, Verachtung, Hilflosigkeit und Entsetzen über menschliche Grausamkeit in so einer Situation ist ein gefährliches Gemisch. Es gab einige Male, wo auch ich als von Grund auf friedlicher Mensch aus sich überflutenden Extremsituationen heraus dazu im Stande gewesen wäre, mehr als „nur“ eine einfache Körperverletzung zu begehen. Ich habe es nicht getan, weil ich in diesen Momenten immer daran gedacht habe, was passiert, wenn ich irgendwann aus diesem Höllenleben raus komme. Komme ich überhaupt raus, wenn ich eine Straftat begangen habe? Soll ich vom Bordell in den Knast wandern? Ist das ein Rauskommen? Bei allem Übel habe ich immer versucht meine Nerven zu bewahren – es hat funktioniert, aber das war nicht leicht. Auch mit 6 Flaschen Sekt und im halben Delirium sind manche Freier nicht zu ertragen.

Ich weiß daher, wie es ist, sich in einer Extremsituation zu befinden, der viele weitere Extremsituationen vorausgegangen sind, und plötzlich aus Schutzgründen heraus zu Dingen fähig zu sein, von denen man dachte, dass man sie niemals tun könnte. Dass man, um dem Opferstatus zu entkommen, leichter ein Straftäter, eine Straftäterin, werden kann, als man sich das je hätte vorstellen können – was nicht bedeutet, dass es eine Straftat rechtfertigen würde, es erklärt lediglich, wie „leicht“ es dazu kommen kann.

Ein Mensch, welcher noch nicht in derartigen Extremsituationen war, kann so etwas nicht beurteilen. Bei allem Respekt – aber er kann nie von vornherein sagen, er würde dies und jenes nicht tun, weil es unmenschlich ist, weil es gegen seine Werte spricht. Das habe ich auch gesagt, bis ich mich zum Beispiel in oben beschriebener Situation mit dem Freier befand, in der ich darüber nachdachte das nächstgelegene Messer zu ergreifen und dabei vor meinen eigenen Gedanken Angst bekam. Nicht nur Angst vor der Situation, sondern Angst vor dem, wie diese Situation meine allgemeinen Handlungsgrundsätze und Werte in Frage stellte, wie diese Situation mich zu einem Monster mutieren lassen wollte, obwohl ich keines bin. Ich wusste immer weniger, wer ich eigentlich war.

Man lernt in der Prostitution jeden Tag seine eigenen Grenzen zu überschreiten, überschreiten zu müssen. Menschen an sich nah herantreten lassen zu müssen, sie in den intimsten Sphären seines Selbst zu akzeptieren, ihnen die sensibelsten Bereiche zur Verfügung zu stellen, welche eigentlich nur durch Liebe oder Lust zugänglich sind. Die problematische Grenzüberschreitung ist hier nicht hauptsächlich die physische Nacktheit, sondern mehr die seelische. Alles in einem sträubt sich, aber man „bedient“ den Freier trotzdem. Man überschreitet Grenzen, weil man keine andere Möglichkeit sieht. Manche Prostituierte überschreiten dann irgendwann auch die Grenzen anderer und ticken völlig aus, weil sie es bei sich selbst gelernt haben, keine Hemmung bei der Grenzüberschreitung zu haben.

Was, wenn eine Prostituierte in meiner obigen Situation mit dem Freier überhaupt nicht mehr darüber nachdenkt, was sein könnte, wenn sie es aus diesem Leben heraus schafft, weil sie die Hoffnung bereits gänzlich verloren hat?

Die Schwelle zu einer Straftat ist ab einem gewissen Zeitpunkt im Rotlichtmilieu sehr leicht zu überschreiten. Und dann begeht ein Mensch eine Tat, weil ein anderer Mensch dachte, dass er das Recht dazu habe, diesen Menschen für seine sexuellen Zwecke zu benutzen. Allerdings nicht nur das. Generell entwickeln sich Grenzüberschreitungen im Milieu zur Normalität, bei jedem und in jeglicher Hinsicht.

Eine junge Prostituierte, welche kokainabhängig war und von ihrem Zuhälter unter Druck gesetzt und geschlagen wurde, hat einer Kollegin von mir mit ihren High-Heels fast ein Auge ausgestochen. Diese war lange Zeit auf dem Auge wie blind. Dieser jungen Prostituierten jedenfalls, welche die Tat ausführte, wurde der Schmerz mit den Freiern, der Stress mit ihrem Zuhälter und ihr Versuch der Kompensation von allem mit Kokain und Alkohol zu viel. Sie tat in einer dieser Extremsituationen etwas, zu dem auch sie eigentlich nicht fähig war, denn sie war ohne Koks und ohne andere Einflüsse das typische nette Nachbarsmädchen von nebenan, welches nur leider unvorstellbare Ausmaße an Gewalt erlebt hat. Explodiert ist sie dann allerdings gegenüber einer Person, welche ihr nichts angetan hatte. Sie gab die Gewalt, welche ihr zugefügt wurde, weiter. Sie war ihrem Leben, den Freiern und ihrem Zuhälter unterlegen. Sie wollte sich in gewisser Art und Weise mit dieser Handlung sicher auch überlegen fühlen, dem Opferstatus entfliehen – wurde selbst Täterin.

Man kann sagen, sie hätte sich im Griff haben müssen. Ja, das hätte sie. Sie hätte auch ihren Zuhälter in den Wind schießen und sie hätte aufhören können Kokain zu schnupfen… Hätte, hätte, hätte ist so unglaublich einfach gesagt, wenn man sich ihre Situation nicht mal annähernd vorstellen kann, sich nicht hineinfühlen kann in ihre Sucht, in ihre Angst, in ihr Leben als Prostituierte. Sie saß nicht nur einmal als Angeklagte vor Gericht (und sie war damals erst ca. 21 Jahre alt), sondern mehrere Male. Dennoch war sie vom Herzen her keine Täterin, sondern ein Opfer extremer Ausbeutung, ein Opfer schwerwiegender körperlicher und sexueller Gewalt, welches dringend Hilfe gebraucht hätte. Ich müsste sie hier nicht in Schutz nehmen, wir waren nicht befreundet und sie ging mich körperlich auch an. Heute weiß ich aber, warum sie so war, weil mir auch klar ist, warum ich so weit entfernt war von meinem wirklichen Selbst. Ich weiß, dass sie sich verloren hatte und dass sie eigentlich ein herzensguter Mensch ist, was immer dann zu Tage kam, wenn wir mal allein waren und sie keinen Trip oder Entzugserscheinungen hatte. Sie bitterlich weinte. Ihre Tat ist klar nicht zu entschuldigen, aber trotzdem hätte man ihr auch Hilfe anbieten müssen. Den Weg aus dem Milieu hinaus ist sie letztlich auch gegangen und arbeitet heute in einem normalen Job und ist wieder sie selbst. Diese Frau kann froh sein, dass sie es von ihrem Zuhälter weg geschafft hat, denn ob sie sonst noch Leben würde ist ungewiss. Ihr Zuhälter sitzt nämlich im Gefängnis, weil er seine „Neue“ umgebracht hat.

Warum ich das alles erzähle ist, damit klar wird, in welchen Kreisen man sich da bewegt. Wie äußere Einflüsse von extremer Natur Menschen zu etwas verändern können, was sie in ihrem tiefsten Inneren eigentlich gar nicht sind. Und diese Dinge, welche ich hier beschreibe, kommen nicht nur einmal vor. Was Menschen im Rotlichtmilieu wirklich vom Wesen her verändert sind keine gelegentlichen Extremsituationen, sondern die dauerhafte Beschallung mit Extremsituationen und zwar jeden Tag. Es ist ein einziger Kampf. Grenzen gibt es solange, solange man sein Selbst noch nicht verloren hat – danach hat man sich in die Schlange der Untoten eingereiht, welche immer weniger Emotionen und Empathie zu Tage bringen können. Es macht das Leben für sie einfacher. Sie können skrupelloser werden ohne Mitleid zu haben, was ihnen ihr Überleben sichert.

 

Damals jedenfalls, als ich seit Jahren jeden Tag mit Freiern zu kämpfen hatte, nicht nur einer Extremsituation, sondern täglich mehrfachen ausgesetzt war, habe ich mich auch gefragt, wie es wohl wäre als Bordellbetreiberin auf der anderen Seite zu sitzen und dem ganzen Horrorkabinett nur zusehen zu müssen anstatt selbst daran teilnehmen zu müssen.

Ich wäre letztlich zum damaligen Zeitpunkt nicht fähig gewesen, eine Bordellbetreiberin und Zuhälterin zu sein. Dafür war NOCH zu viel Menschlichkeit in mir. Heute wäre ich allerdings auch nicht mehr fähig eine Prostituierte zu sein, doch Fakt ist: damals war ich eine. Wozu wäre ich also vielleicht im Laufe der Zeit noch fähig gewesen, wäre ich nicht aus der Prostitution rausgekommen?

Die Tschechin war als Prostituierte auch jahrelang täglichen Extremsituationen ausgesetzt. Sie war älter und länger dabei als ich, die Co-Chefin auch. Sie versuchte vor dieser Gewalt der Freier zu fliehen, indem sie anfing die Seiten zu wechseln. Zunächst in Richtung Bar und „Rezeption“, irgendwann vielleicht wie die Co-Chefin weiter in Richtung Bordellbetreibende.

Warum nicht anstatt auf diese Seite zu wechseln in ein normales Leben kommen? Doch wie soll man in ein normales Leben finden können, wenn man nichts anderes kennt, nicht weiß, wie man aus all dem ausbrechen kann? Schließlich wäre man ja sonst schon als Prostituierte ausgebrochen. Leider ist der Weg in ein normales Leben so schwierig und ungewiss, dass man ihn, wenn man andere „Sicherheiten“ angeboten bekommt, nicht einfach so geht. Für mich als Deutsche war es damals extrem schwierig aus der Prostitution raus zu kommen. Eigentlich fast nicht machbar. Und ich war jung. Konnte kommunizieren, mich artikulieren. Doch auch ich verließ das Milieu in der Ungewissheit, dass ich nicht wusste, wie und ob es danach überhaupt weitergeht. Ich war isoliert, allein, ohne jegliche Mittel. Wie sollen ausländische Menschen diesen Schritt ins Nichts wagen? Und ich meine ins Nichts. Der Ausstieg aus der Prostitution ist als ob man von dem Mars auf der Erde ankommen würde, wobei die Prostituierte der Marsmensch ist, welcher nicht zu den Erdlingen gehört und völlig fremd ist, sich fremd verhält, weil er das Leben auf der Erde nicht kennt, von der Art her anderen gegenüber fremd erscheint, begutachtet wird, verurteilt wird, oft nicht angenommen wird.

Und wo sind hier die Ausstiegshilfen? Auch staatliche Ausstiegshilfen? Solche wären EXTREM wichtig und sind unbedingt NÖTIG. Ich verstehe nicht, warum es so etwas nicht gibt. Man möchte die Prostitution eindämmen und gibt den Menschen keine Möglichkeit, das Milieu zu verlassen. Das widerspricht sich doch im Kern, denn die meisten können es nicht von allein verlassen! Es braucht WIRKLICHE Möglichkeiten. Ein Beratungsgespräch und Informationen zum Ausstieg sind sinnlos. Es muss praktisch mitgeholfen werden. Finanziell. Es braucht Jobangebote für Prostituierte, die das Gewerbe verlassen wollen. Es braucht Bildung, Sprachunterricht, Unterkünfte… kostet alles Geld? Vieles in unserem Staat kostet Geld, doch das hier ist etwas Essentielles, Wichtiges! Es geht hier um Menschenrechte, es geht darum, dass Menschen in Würde leben können. Das ist uns doch bei Flüchtlingen auch so wichtig, warum nicht bei Prostituierten? Warum nicht für sie Integrationsprogamme schaffen? Denn auch sie sind NICHT in die Gesellschaft integriert. Sie sind Außgestoßene und müssen den Weg (zurück) in unsere Gesellschaft erstmal finden!

So kommt es, dass einige Prostituierte zu Bordellbetreiberinnen, zu Zuhälterinnen, werden und aufgrund ihrer automatisch entwickelten Abgestumpftheit auch teilweise keine großen Emotionen mehr für die „arbeitenden“ Frauen aufbringen können, schließlich „mussten sie es selbst früher auch machen“. Vielleicht gibt es bei männlichen Prostituierten auch so einen „Weg“, da ich allerdings nur vereinzelt und sehr selten männliche Prostituierte getroffen habe, kann ich darüber nichts sagen. Im Gegensatz dazu habe ich in meinen 6 Jahren Vollzeit-Milieu-Aufenthalt viel mehr, sehr viel mehr, Zuhälter als Zuhälterinnen gesehen. Zuhälterinnen habe ich als Bordellbetreiberinnen kennengelernt, während ich Zuhälter als Bordellbetreiber und noch dazu aber auch als solche kennengelernt habe, welche „ihre Frauen“ in die verschiedensten Clubs bringen um ihnen das komplette, dort verdiente, Geld aus der Tasche zu ziehen.

Ich kann verstehen, wenn es Außenstehenden schwer fällt sich vorzustellen wie so ein oben beschriebener Weg zur Bordellbetreiberin, zum Zuhälterinnen-Dasein, manchmal vonstattengehen kann. Hätte ich selbst nicht erlebt, wohin Extremsituationen Frauen in der Prostitution führen können, könnte ich mir das sicher selbst nicht so richtig vorstellen. Da ich aber weiß, wo auch ich als friedlicher Mensch in Gedanken mehrere Male war und die Umsetzung nur deshalb nicht stattgefunden hat, weil ich meinen Glauben an eine andere Zukunft aus welchen Gründen auch immer nie verloren habe, fällt es mir leichter gewisse Verhaltensweisen nachzuvollziehen.

 

Wie kann man versuchen diesem paradoxen Zyklus entgegenzuwirken?

Wie erreicht man solche Menschen überhaupt, wenn sie bereits ihre Persönlichkeit und ihr eigenes Ich im hohen Maß aufgegeben haben? Kann man sie überhaupt erreichen?

Schwierige Fragen. Was ich meiner Erfahrung nach sagen kann ist, dass je mehr sie in das Rotlichtmilieu integriert werden und hineinwachsen, so wie die Tschechin damals, die Co-Chefin oder teilweise auch ich, je weiter sie in Richtung Bordellbetreibende wandern, desto schwieriger wird es, sie in ein anderes Leben zu holen und sie an dem Schritt „vom-Opfer-zum-Täter“ zu hindern. Ab einem gewissen Stadium scheitert wahrscheinlich leider jede Überzeugungskunst, weil sie sich komplett mit diesem Leben „identifiziert“ haben. Deswegen sollte man versuchen schon vorher etwas zu tun!

Es braucht wirkliche und ehrliche Alternativen für Prostituierte, so dass sie überhaupt nicht erst auf die Idee kommen müssen dem Opferstatus nur dadurch entfliehen zu können indem sie Täterinnen werden. Sie müssen die Möglichkeit bekommen, dass sie auch anders ihre Lage verlassen können. Wichtig sind Ausstiegshilfen, Integrationsprogramme. Enorm bedeutend ist in meinen Augen die aufsuchende Arbeit, aber nicht mit Laien, sondern mit ausgebildeten Fachleuten und SprachmittlerInnen. Zudem braucht es mehr TherapeutInnen, die sich auf dieses Gebiet spezialisieren. Die meisten haben leider keine Ahnung, wie sie richtig mit Prostituierten umgehen sollen, weil sie auch größtenteils nicht wissen, was die Psychotraumatologie über Menschen, welche sich prostituieren, in Erfahrung gebracht hat. Jeder, der Prostituierten als PsychotherapeutIn vorhat zu helfen, muss das aber wissen, es ist unabdinglich! Wenn jemand aus der Prostitution auf eine Therapeutin, auf einen Therapeuten, trifft, die eigentlich keine Erfahrung damit haben, die Hintergründe und die Mechanismen nicht verstehen, dann kann das schlimmer sein als hätte sie niemanden aufgesucht.

Es wäre ein wichtiger Schritt, sich noch viel mehr darum zu bemühen, manchen Menschen aufzuzeigen, dass es eine andere Normalität gibt, welche sich lohnt und erstrebenswert ist, mit Hilfe vor allem auch erreichbar ist; aber dieser Schritt ist immer auch eine anstrengende und enttäuschende Aufgabe, weil sicher einige trotzdem den falschen Weg beibehalten werden.

Letztlich kann ich nur von mir selbst sprechen und als ich damals aussteigen wollte, wäre ich um jede Hilfe so unglaublich dankbar gewesen, aber es war keine da. Eine Beratungsstelle, die einem ein Prospekt in die Hand drückt, ist keine Hilfe um aus so einem Höllenleben zu entkommen, sie ist ein schlechter Witz, mehr nicht. Im Übrigen war ich nicht mal bei einer Beratungsstelle, diese Info habe ich von anderen. Halt, doch. Nach meinem Ausstieg war ich bei einer – sie suchten jemanden, der über seine Erfahrungen spricht. Ich fuhr dorthin und sprach über alles, was ich erlebt habe. Eine Frau schaute mich nur ganz mitleidig an während die andere auf meine Aussage, dass ich nie eine gute Prostitution gesehen habe, erwiderte, dass sie auch viele Prostituierte betreuen, welche sehr gerne in diesem Bereich „arbeiten“ und sie mir das nicht so recht glauben könne.

Genau… diese Frau hat leider das System nicht verstanden und arbeitet in einer Beratungsagentur.

Wäre ich dort damals als Prostituierte hingegangen und sie hätte mir als studierte Frau erzählt, dass Prostitution doch in ihrem Kern oft gar nicht so schlecht ist, dann hätte ich erstmal darüber nachgedacht, ob es denn wirklich so schlimm sein kann, diese sexuelle Gewalt, die ich da jeden Tag erlebe. Ich hätte in Frage gestellt, ob es überhaupt Gewalt ist und ich hätte mich nach ihrer Aussage schlecht und schäbig gefühlt, mich geschämt, weil sie damit mir und den anderen Frauen diese grausamen Erlebnisse, die wir jeden Tag ausgehalten haben, auf gewisse Weise abgesprochen hat. Ich kann heute nur noch mit dem Kopf darüber schütteln.

Ich habe den Ausstieg trotz allem geschafft, doch ich weiß nicht, wo ich heute stehen würde, auf welcher Seite, hätte ich es nicht geschafft. Hätte ich irgendwann meine Menschlichkeit, mein Selbst, in dem Ausmaß verloren, dass auch ich zu einem Monster, einer Bordellbetreiberin, einer Zuhälterin, mutiert wäre um der Gewalt der Freier zu entkommen? Und jeder der mich kennt, würde mich wegen dieser Frage auslachen, weil ich keiner Fliege etwas zu leide tun geschweige denn jemanden ausnutzen kann. Ich fühle mich schon schlecht, wenn mir jemand 5 Euro leiht. Nie könnte ich Geld von jemandem nehmen, der täglich von Freiern malträtiert wird, weil ich weiß, wie verletzend und zerstörend es ist; keine 50%, keine 30%, nicht mal 1 Cent würde ich nehmen. Jetzt habe ich ein geregeltes Leben, wo ich nicht mehr tagtäglich (sexueller) Gewalt ausgesetzt bin, wo ich nicht mehr täglich ums Überleben kämpfen muss. Doch wozu wäre ich damals vielleicht noch fähig geworden außer mich zu prostituieren, wozu wäre ich vielleicht heute fähig, wenn ich nicht aus diesem Leben rausgekommen wäre? Die ehrliche Wahrheit ist, ich weiß nicht, wo und auf welcher Seite ich stehen würde, und ich bin glücklich darüber, dass ich es nicht herausfinden musste und dass ich trotz aller erlebter Gewalt niemals selbst jemandem Gewalt angetan habe, niemals mitverantwortlich für die Gewalt an jemandem war, obwohl der Schritt dahin wie oben erläutert kein undenkbarer und vor allem mit der Zeit und der weiteren Entmenschlichung immer leichterer gewesen wäre.

Mehr Ausstiegshilfen für Prostituierte, auch von staatlicher Seite mit ausreichenden finanziellen Mitteln, die wirklich funktionieren, würden neben einem Leben in Würde, welches viel mehr Prostituierten endlich möglich wäre, zumindest in gewissen Milieu-Kreisen auch den Zuhälterinnen-Nachwuchs eindämmen – denn dieses Phänomen „des-Seiten-wechselns“ von der Prostituierten zur Zuhälterin habe ich nicht nur in dem oben erwähnten Club gesehen.

Abschließend möchte ich noch einen generellen, sehr wichtigen Punkt aufwerfen:

Menschen im Milieu haben durchdachte Konzepte, wie sie Prostituierte an sich binden. Nur ein Beispiel ist dieses „Familienkonzept“ wie ich es oben dargestellt habe. Es mag sich vielleicht komisch anhören, aber das Rotlichtmilieu zu bekämpfen ist mitunter auch ein enormer strategischer Kampf, weil es sich zum großen Teil durch Berechnung und Strategie am Leben hält. Es ist wie ein Schachspiel – um zu gewinnen muss man mehrere Schritte vorausdenken um den anderen Schachmatt setzen zu können. Deshalb ist auch die vermehrte Ausbildung von Fachleuten wichtig, welche lernen das Spiel zu beherrschen und somit den Prostituierten besser helfen zu können.

Als ich damals zu meinem Zuhälter gezogen bin, standen bald darauf 2 Polizisten vor der Türe, weil sie einen anonymen Hinweis bekommen hatten, dass mich jemand in die Prostitution gebracht hatte. Ich war nicht in der Lage, ihnen zu erzählen, in welchem Strudel ich mich befand, ich realisierte am Anfang selbst nicht wirklich, was da überhaupt in meinem Leben passierte – und sie durchschauten das Spiel nicht, kannten die Strategie nicht, blieben nicht dran. Sie konnten nichts dafür, denn sie wussten es nicht besser, kannten sich in diesem Bereich nicht tiefergehend aus. Ich verhielt mich bei der Befragung als ob alles in Ordnung wäre. Das ist auch ein großes Problem – viele Prostituierte verhalten sich unauffällig. Es ist ein Teil des Spiels, welches sie mitspielen (müssen). Und es gibt noch so viele weitere Teile…

Kennen nun die Menschen, welche helfen möchten, allerdings diese Teile, dann können sie jemandem, welcher in der Prostitution gefangen ist, viel besser zu Hilfe kommen, weil sie verstehen was vor sich geht, und ihm vielleicht sogar das Leben retten.

Mein Zuhälter war nicht nur ein Zuhälter, sondern in früheren Zeiten unter anderem ein Legionär. Ein Stratege. Er erwähnte einmal dieses Buch von Sun Tzu, „die Kunst des Krieges“ – ein uralter Ratgeber über Kriegsführung mit allerlei Taktik, Strategie und Planung. Ich habe es mir damals gekauft und gelesen. Mancher fragt sich jetzt, was hat so ein Militärstrategiebuch mit dem Rotlichtmilieu zu tun? Sehr viel. Das Milieu ist vergleichbar mit einem Kriegsschauplatz, viele Dinge aus diesem Buch, strategische, psychologische Aspekte, sind in abgewandelter Form auf das Milieu umsetzbar, sind in anderer Form auf den normalen Alltag mit Menschen übertragbar.

Vorhin habe ich im Internet gesucht, ob irgendwelche niedergeschriebenen Zusammenhänge von Fachleuten zwischen dieser in Sun Tzu‘s beschriebener „Kriegskunst“ und dem menschlichen Umgang miteinander auch außerhalb des Krieges existieren und tatsächlich bin ich fündig geworden. Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich habe ein Buch über seelische Gewalt von einer Psychotherapeutin gefunden.

Ihr Name ist Marie-France Hirigoyen (sie studierte Medizin und Viktimologie in Frankreich und den USA und praktiziert als Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris) und sie „bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, einem Buch über seelische Gewalt im Alltag, einige Male explizit auf Sunzi (Sun Tzu), indem sie seine Strategien über die Kriegskunst auch auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen anwendet. So schreibt Sunzi: „Jede Kriegsführung beruht auf Täuschung. Wenn wir also fähig sind, anzugreifen, müssen wir unfähig erscheinen […]; wenn wir nahe sind, müssen wir den Feind glauben machen, dass wir weit entfernt sind, wenn wir weit entfernt sind, müssen wir ihn glauben machen, dass wir nahe sind.“ Dieselbe Strategie wendet demnach eine Person an, wenn sie ihr Opfer psychisch destabilisieren möchte.“ (Quelle 1: dtv – Studium und Beruf von Hirigoyen ; Quelle 2: Die Kunst des Krieges – unter „Nachwirkung und Aktualität“).

Ich habe vorher aus Neugierde gegoogelt und hätte wirklich nicht gedacht, dass sich jemand mit diesem alten Werk von Sun Tzu beschäftigt hat. Ich kann gar nicht beschreiben wie gut es tat herauszufinden, dass ich nicht allein bin mit meinen Ansichten, dass das, was ich über dieses Kriegsstrategiebuch und seinen Zusammenhang mit psychischer Gewalt auch außerhalb eines Krieges dachte, nicht weit hergeholt, sondern von einer Fachfrau sogar bereits niedergeschrieben wurde. Das brachte mich gerade dazu, mal ganz tief durchzuatmen. Ich habe mir das Buch im Internet bestellt und bin sehr gespannt es zu lesen, bin gespannt, was diese Frau zu sagen hat. Vor allem ihre Zusammenhänge bezüglich seelischer Gewalt und Sun Tzu’s Buch „Die Kunst des Krieges“ interessieren mich doch sehr, nachdem mein Zuhälter dieses Buch damals hochgepriesen und ich es irgendwann später gelesen hatte, mir aber erst nach Jahren einige Zusammenhänge klar wurden – und wer weiß, vielleicht werden mir mit dem jetzt bestellten Buch noch mehr davon klar.

Nicht alle, aber viele Leute im Milieu sind ähnliche StrategInnen und beherrschen die „Kunst“ der Kriegsführung im übertragenen Sinne, jeder in seiner Art und Weise.

Deshalb sind mehr „SchachspielerInnen“ im Kampf gegen das Rotlichtmilieu wichtig, welche die anderen mit deren eigener Strategie schlagen können.

 

Sun Tzu sagte:

All war is deception.

Zu deutsch: Jeder Krieg besteht aus Täuschungen.

 

Wenn jemand nach diesem Motto, dass jeder Krieg aus Täuschungen besteht, Krieg führt, dann muss man diesem Jemand im Täuschen überlegen sein um zu gewinnen.