Menschenhandel

Bordell Deutschland „Milliardengeschäft Prostitution“ – Dokumentation (ca. 90 Min.)

 

Hier könnt ihr die Doku und einen Ausschnitt aus „Hallo Deutschland“ anschauen.

 

sandra

 


 

Nachrichten | hallo deutschland Ausstieg aus der Prostitution

„Sandra Norak ist eine Gymnasialschülerin, hübsch, blond – und einsam. Sie chattet im Internet, verliebt sich – aber in den falschen Mann. Denn: ihr damaliger Freund drängt sie in die Prostitution. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.“

https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/ausstieg-aus-der-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo-Dokumentation „Bordell Deutschland – Milliardengeschäft Prostitution“ komplett, abrufbar von 22 – 6 Uhr:

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/bordell-deutschland-milliardengeschaeft-prostitution-102.html

 


 

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ZDFinfo Dokumentation über Prostitution, 18.11. um 22 Uhr

 

Sandra

Fotoquelle: ZDF / Jan Sindel

 

Am Samstag, den 18.11. um 22 Uhr, läuft eine Dokumentation über Prostitution auf ZDFinfo, wo ich auch zu sehen bin (siehe Bild). Man kann sich das Ganze aber auch danach in der Mediathek ansehen.

Hier der Text zur Dokumentation:

Prostitution und organisierte Kriminalität
 
„Bordell Deutschland“: Diese TV-Doku wird für Wirbel sorgen
Von Frank Rauscher

Sie werden geschlagen, missbraucht und ausgebeutet: Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. In der TV-Doku „Bordell Deutschland“ kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.

Für fast alles gibt es in Deutschland Statistiken. Ohne Zweifel ließe sich jedoch die Zahl der freilaufenden Hühner exakter benennen, als die der Frauen, die hierzulande dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Denn: Für den Bereich der Prostitution gibt es keine belastbaren Zahlen, weiß der Kriminalist Manfred Paulus. Schätzungen gingen von 400.000 bis zu über einer Million aktuell in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen aus, laut statistischem Bundesamt nehmen täglich rund 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Und „seit der Legalisierung werden es immer mehr“, sagt Paulus, der drei Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelte und nun auch als Protagonist einer der umfassendsten TV-Dokus, die je zu diesem Themenkomplex gedreht wurden, gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel ankämpft. Die Legalisierung der Prostitution, die mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz de facto erfolgte, steht im Fokus des spielfilmlangen Beitrags, der sich unter dem Titel „Bordell Deutschland“ am Samstag, 18. November 2017 (22 Uhr, ZDFinfo), mit dem „Milliardengeschäft Prostitution“ befasst.

„Legalisierung“: Das klingt positiv, doch schon das ist eines der Probleme, wie der engagierte Film von Christian P. Stracke verdeutlicht. Die Begrifflichkeit mag dem Freier das Gewissen erleichtern, aber hilft so ein Schlagwort auch den Frauen?

Der Journalist geht, ohne irgendetwas zu beschönigen, der Frage nach, warum Deutschland zur internationalen Drehscheibe für Zwangsprostitution und Mädchenhandel geworden ist. „Was läuft falsch bei uns?“, heißt es gleich zu Beginn des Beitrages, der Antworten liefert, die niemandem gefallen und viel Staub aufwirbeln dürften. Was auch der Sender erkannt hat: Der Film über die Zusammenhänge von Zuhälterei, Prostitution und internationalem Menschenhandel war zunächst auf 45 Minuten angelegt. ZDFinfo hat sich aber „aufgrund der Fülle von Aspekten und Standpunkten“ für eine Verdopplung der Länge entschieden. „Eine entsprechende Anpassung war schnell und unkompliziert möglich, ein Vorteil, den vermutlich nur ZDFinfo bieten kann“, heißt es jetzt seitens der Produktion. Schließlich gibt es im Digitalkanal keine genormten Sendeformate.

Authentische Innenansichten einer Parallelwelt

Über ein Jahr recherchierte Stracke an seiner Story, die ohne die Voyeurismuskarte zu spielen beinahe so packend wie ein Thriller ist, weil sie authentische Innenansichten einer tabuisierten und immer wieder als „schillernd“ oder „cool“ verklärten Parallelwelt präsentiert. Er sprach mit Prostituierten, Polizisten, Sozialarbeitern, Vertretern des Prostituiertenverbandes, Politikern und Psychologen. Stracke ist quer durch Deutschland gereist, hat sich vor Ort vom Edelbordell bis zum Straßenstrich ein Bild von den Ausprägungen der Prostitution gemacht.

Zu Wort kommen auch eher exotisch anmutende Protagonistinnen wie Cleo aus Berlin, die – freiwillig, wie sie betont – in einer „Erlebniswohnung“ an Gangbang-Partys teilnimmt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau. Oder Typen wie Andreas Marquardt, der früher als Zuhälter die Frauen nach eigener Aussage „wie Dreck“ behandelte, wegen Menschenhandels im Gefängnis saß und sich heute für Gewaltprävention einsetzt. Vor allem aber prägen Frauen wie Sandra Norak Strackes Film. Sie hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und den Ausstieg geschafft. Dabei hat sie fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Gewalt gesehen.

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihr Leben und ein Gewerbe, das sie „fast kaputt gemacht“ habe. „Das ist keine Arbeit“, sagt sie, „das ist einfach nur Gewalt, was man da erlebt … Und ich hatte da bestimmt 400/500 Männer in vier Wochen.“ Die heute 27-Jährige geht mit ihrer Geschichte jetzt ganz bewusst an die Öffentlichkeit, möchte mit dem Mythos der Freiwilligkeit aufräumen, sie studiert Jura und setzt sich für die Abschaffung der Prostitution ein. „In jedem Club, in dem ich war, habe ich Menschenhandel gesehen“, berichtet sie. „Ich habe natürlich auch Frauen gesehen, die geschlagen werden. Und ich habe auch Freier gesehen, die das gesehen haben und dann trotzdem die Dienstleistung in Anspruch genommen haben.“

Neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen

Kein Einzelfall, wie Denisa, eine junge Rumänin, die nun, nach ihrem Ausstieg ebenfalls gegen die Missstände ankämpft. Jahrelang hat sie in Deutschland als Zwangsprostituierte gearbeitet, sie weiß alles über die Hintergrunde des Geschäfts: „90 Prozent haben Zuhälter“, sagt sie und berichtet aus eigener Erfahrung: „Die Männer sind scharf auf Minderjährige. Es gibt so viele Pädophile.“ Dem Mythos der Freiwilligkeit widerspricht die ehemalige Zwangsprostituierte entschieden: „Die Freier denken sich, die macht das aus Spaß. Du musst so tun, als ob es dir gut geht, aber innerlich geht’s dir nicht gut.“

Zu der Einschätzung gelangen auch Experten der Polizei, ihren Angaben zu Folge werden neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen. Heute spricht Denisa in rumänischen Armenbezirken vor Schulkassen, um die Mädchen zu warnen und sie, genau wie der Kriminalist Manfred Paulus, über die Maschen der als „Loverboys“ getarnten Handlanger der Mädchenhändler aufzuklären.

Die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus vergleicht den Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern. Fast 70 Prozent der Frauen leiden unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung: „Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen.“ Die Sterblichkeitsrate unter Prostituierten ist 40-mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, heißt es in der Doku. Allein das Risiko, ermordet zu werden, sei über 18-mal höher als bei anderen Frauen – unabhängig davon, ob sie freiwillg arbeiten oder dazu gezwungen werden.

Ungeachtet all dieser Hintergründe, das macht der sauber recherchierte Film deutlich, haben Escortangebote und Bordelle in Deutschland mehr Zulauf denn je. Das Marketing der Freudenhäuser hat sich offenbar der Mentalität der Freier angepasst: „Komm so oft du willst“, „All you can fuck“ oder „20 Minuten Sex für 20 Euro – der Spartarif im Discountpuff“ – so werben Flatrate-Puffs in den Städten. In Online-Foren tauschen sich Männer ungeniert und oft auf menschenverachtende Weise über die Leistungen der Sexarbeiterinnen aus.

Deutschland als Reiseziel für Freier

Vor der Kamera wollte kaum einer offen über so etwas Auskunft geben, aber während der Recherchen hat Autor Stracke mit vielen Freiern gesprochen. Sein Eindruck: Unrechtsbewusstsein ist auf Seiten der Männer kaum vorhanden. So ist Deutschland auch zu einem der begehrtesten Reiseziele für Freier aus alle Welt geworden. „Besuche über zehn Clubs in sechs Tagen“, preist ein Veranstalter ungeniert ein Package mit Kunst und Kultur an, das die Kundschaft ins „Bordell Deutschland“ locken soll.

Die Frage ist, wie es so weit kommen konnte. Glaubt man diesem Film, der auch die Tätigkeit der Prostituiertenverbände kritisch hinterfragt, kamen mehrere Faktoren auf unselige Weise zusammen: Das fraglos gut gemeinte Gesetz zur Legalisierung der Prostitution von 2002 hat den Bordellbetreibern und Freiern mehr geholfen als den Frauen. Seine Einführung ging zeitlich mit der EU-Osterweiterung einher, derweil sich in Deutschland gerade eine „Geiz ist geil“-Mentalität breitmachte.

Während bei den Mädchen wenig hängen bleibt, lässt sich mit der Prostitution viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt bringt allein eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr. Und auch der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit. Der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß, es kommen immer mehr und immer jüngere Frauen, die alles ungeschützt mitmachen …

Vorbild Schweden

Ob sich mit dem seit Juli geltenden „Prostituiertenschutzgesetz“, welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich. Anfangs, so lässt der Autor Christian P. Stracke durchblicken, sei auch er der Meinung gewesen, dass freiwillige Prostitution erlaubt sein sollte. Mittlerweile ist er aber zu der Überzeugung gelangt, auch freiwillige Prostitution verletze die Menschenrechte. „Deshalb muss sich dringend etwas ändern“, fordert er. „Doch um Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam einzudämmen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.“ Für ihn ein Vorbild: das nordische Modell in Schweden, das mit dem Sexkaufverbot den Freier bestraft.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

 

Link: prisma.de

 

Auf die Freiheit!

Video unten: Klaus Ferdinand Hempfling – Free and Connected

„Freedom of spirit… Authentic and real… Connection of body and spirit…“

„It is all in us

Be yourself

 

Vortrag an der VH-Ulm / 6.11.17

 

Am 6.11.17 war ich an der Volkshochschule in Ulm für einen Vortrags – und Diskussionsabend. Hier der Vortrag:

Einleitung:

Ich spreche heute Abend über Prostitution, über Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und die organisierte Kriminalität im Hinblick auf diese Themen und hoffe, dass ich damit verdeutlichen kann, dass es sich dabei mitunter um die tragischsten Verbrechen an Menschen handelt und man deshalb jede Möglichkeit ausschöpfen sollte um zu versuchen zu verhindern, dass diese Verbrechen in dem großen Ausmaß stattfinden können wie sie es tun.

Beim Thema Prostitution und wie sie am besten zu handhaben ist gehen die Meinungen auseinander. Manche möchten sie regulieren, manche wollen sie ganz abschaffen, andere wiederum wollen sie nicht einmal regulieren. Ich werde Ihnen heute meine Erfahrungen und meine Sicht der Dinge schildern und dazu auch ein paar offizielle Dokumente verwenden.

Jetzt mittlerweile bin ich an der Universität, ich habe meinen Frieden, mein Körper gehört mir ganz allein – das war nicht immer so, deswegen weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist.

Als ich im Alter von meinen jetzigen Kommilitoninnen war, stand ich im Bordell um meinem Zuhälter Geld zu verschaffen. In die Prostitution gekommen bin ich durch die sog. „Loverboy-Methode“. Das Bundeslagebild zu Menschenhandel berichtet 2015 auch darüber und sagt, dass hierbei meist junge Mädchen oder Frauen in ein emotionales Abhän­gigkeitsverhältnis gebracht, in der Folge an die Prostitution herangeführt und anschlie­ßend ausgebeutet werden und dass sie aufgrund des meist jungen Alters leicht zu beeinflussen sind sowie oft nicht sehen können, auf was sie sich mit der Prostitutionsaus­übung einlassen. Häufig hoffen sie, sich nur für eine bestimmte Zeit zu prostituieren, beispielsweise um dem Freund bei der Rückzahlung von Schulden zu helfen. Zudem führt das Vorspielen einer Liebesbeziehung in vielen Fällen dazu, dass die Mädchen oder Frauen sich der Ausbeu­tung nicht bewusst sind, teils den Täter schützen und selbst Maßnahmen ergreifen, um ihr reales Alter zu vertuschen. [1]

Meinen Zuhälter lernte ich damals als Schülerin im Internet bei einem Chat kennen, irgendwann kam es zu den ersten realen Treffen, ich war zum ersten Mal verliebt. Er war 20 Jähre älter als ich und der erste Mensch, mit dem ich dann auch Geschlechtsverkehr hatte. Er wurde meine einzige Bezugs – und Vertrauensperson, von meinem restlichen Umfeld war ich isoliert. Er war schon lange als Zuhälter im Rotlichtmilieu aktiv und hatte bereits einige Prostituierte vor mir „aufgestellt“, so sagt man im Milieu. Als er wusste, dass ich emotional an ihm hing, kam die Prostitution ins Spiel. Er nahm mich in Bordelle seiner Freunde mit, wollte, dass ich auch anschaffen gehe, begann bald darauf mir die Geschichte von den vielen Schulden zu erzählen, weswegen er Schwierigkeiten hätte, und ich begann schließlich mich für ihn zu prostituieren. Auch ich dachte, es wäre nur vorrübergehend, aber das war es nicht. Ich zog nach Ende der 12. Klasse des Gymnasiums zu ihm, brach die Schule ab und wurde Vollzeitprostituierte.

Als die Polizei mich kurz nach meinem Umzug zu ihm aufsuchte, weil sie einen anonymen Hinweis bekommen hatten, dass jemand mich in die Prostitution gebracht hatte, erzählte ich auf der Wache nichts. Ich konnte nicht sehen, in was ich da wirklich reinrutschte und ich fühlte mich verloren und überfordert, denn er erzählte mir immer wieder wie schlecht es ihm ginge. Ich fühlte mich sehr unwohl mit allem, gleichzeitig aber trotzdem verantwortlich ihn nicht im Stich zu lassen. Genau diesen inneren Konflikt erzeugen „Loverboys“ gezielt um die jungen Mädchen und Frauen zu beeinflussen und für ihre Zwecke zu missbrauchen. Einmal in dieses System gerutscht, was sehr schnell passieren kann, kommen Sie da so gut wie nicht mehr raus.

Meine Geschichte ist nur eine von unzähligen anderen und manchmal, wenn ich jetzt mit meinen Kommilitoninnen zusammensitze und darüber nachdenke was wäre, wenn eine von ihnen an so einen Mann geraten wäre und sie jetzt genau wie ich damals in schäbigen Bordellen säßen, bereits mit 18/19/20/21 Jahren von 1000den von Freiern penetriert, kommt mir das ganz große Grauen, denn ich weiß, was es bedeutet.

Leider wird dieses Prostitutionsthema von vielen weggeschoben, weil man denkt, das alles liege so weit weg und betreffe einen sowieso nicht, doch es betrifft unsere ganze Gesellschaft und höchstpersönlich betrifft es mehr Menschen als sie denken würden.

Die meisten Freier, die bei mir oder mir bekannten Prostituierten waren, waren liiert oder verheiratet, hatten oft Kinder zuhause und haben uns Prostituierten gegenüber ihre komplette Menschlichkeit abgelegt. Die Freundinnen und Ehefrauen hätten ihre zu Unmenschen mutierenden Männer ganz sicher nicht wiedererkannt. Es geraten immer mehr deutsche junge Mädchen und Frauen durch die „Loverboy-Methode“ in die Prostitution und zwar auch durch deutsche Täter. Sie werden vor allem vor Schulen oder im Internet rekrutiert. Bärbel Kannemann war 40 Jahre Kriminalbeamtin, hat den Verein „No Loverboys“ [2] gegründet und hilft Opfern von „Loverboys“. Sie erzählte mir, dass das Alter der Opfer meist zwischen 12 und 23 Jahren liegt. Erst vor kurzem berichtete sie, dass sie wieder drei Mädchen hat. Eine 13 Jahre alt, die andere gerade 15 Jahre alt und schon 3 Jahre dabei und das dritte Mädchen 16 Jahre alt. Alle drei sind deutsch.

Das passiert genau HIER in unserer Gesellschaft. Und das alles kann nur geschehen, weil es so viele Freier gibt, die diese jungen Mädchen (oder auch Jungen) zum Zwecke sexueller Befriedigung kaufen.

Hauptteil:

Ich habe mich in den letzten Wochen und Monaten sehr viel mit Zahlen, Daten und Studien bzgl. der Prostitution beschäftigt, auf die ich vereinzelt auch noch zu sprechen komme oder später in der Diskussion anschneiden werde. Was in der Debatte über Prostitution aber fehlt, ist das Wichtigste überhaupt: es ist das gesellschaftliche Gespräch über den Menschen hinter der Prostituierten. Es ist ein Nachdenken darüber, was mit Menschen in der Prostitution eigentlich geschieht. Darüber nachzudenken bedeutet, über Menschlichkeit zu sprechen und über Menschlichkeit zu sprechen bedeutet zunächst Empathie zuzulassen und zu versuchen sich in den anderen hineinzuversetzen, denn nur so kann man die betroffenen Menschen verstehen. Das ist sicher schwierig, wenn es um Prostitution geht, aber es ist wichtig.

Versuchen wir es also.

Wer ist diese Prostituierte, was macht sie eigentlich genau, was geschieht mit ihr?

Im neuen ProstSchG finden Sie das hier:

§ 2 II ProstSchG

Prostituierte sind Personen, die sexuelle Dienstleistungen erbringen.

§ 2 I 1 ProstSchG

Eine sexuelle Dienstleistung ist eine sexuelle Handlung mindestens einer Person an oder vor mindestens einer anderen unmittelbar anwesenden Person gegen Entgelt oder das Zulassen einer sexuellen Handlung an oder vor der eigenen Person gegen Entgelt.

 

Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, wusste ich nicht ob ich vor Absurdität lachen oder aufgrund der Tatsache, dass diese 2 Sätze bezeugen, dass Prostitution in unserer Gesellschaft immer noch so wenig verstanden wird, doch eher weinen soll.

Was ich in 6 Jahren Prostitution erlebt und gesehen habe, waren in der Tat sexuelle Handlungen mindestens einer Person an oder vor mindestens einer anderen unmittelbar anwesenden Person…. aber die Schlussfolgerung, es handele sich hierbei um sexuelle Dienstleistungen ist fatal, denn dadurch wird, wenn auch unbewusst und sicher auch ungewollt, eine sehr verabscheuenswürdige Form von Gewalt geschaffen.

Was meine ich damit?

Diese 2 Sätze implizieren, dass der Prostitution an sich der Gewalt-Status abgesprochen wird, dass es ok ist, wenn sich fremde Menschen Ihren Körper zur sexuellen Benutzung kaufen, und dadurch wird die Gewalt, die man in der Prostitution erlebt, noch viel intensiver. Denn wenn Sie als Prostituierte fühlen, dass es eigentlich Gewalt ist, was Sie erleben, dass es Gewalt ist, wenn ein Mensch kauft, Sie berühren und penetrieren zu dürfen, aber Ihnen dadurch, dass alle um sie herum sagen, es sei normal und auch laut Gesetz eine Dienstleistung, vermittelt wird, es könne ja gar keine so furchtbare Gewalt sein, dann versuchen Sie Ihre empfundene Gewalt zu verleugnen und zu verdrängen, denn es ist ja angeblich keine Gewalt, sondern eine sexuelle Dienstleistung. Die Verleugnung von Gewalt kann noch schlimmer sein als die Gewalt an sich, denn über erlebte Gewalt an sich, wenn sie stattgefunden hat, können Sie zum Beispiel trauern und damit den Schmerz verarbeiten, aber bei Gewalt, die nicht als solche (an)erkannt wird, können Sie das nicht, denn trotz dessen, dass Sie die Gewalt fühlen, verinnerlichen Sie, dass es keine sein soll und versuchen ihre Gefühle auszuklammern. So können Sie nicht trauern, nicht verarbeiten und setzen sich womöglich weiterhin dieser existenten, aber nicht anerkannten Gewalt aus und werden dabei immer mehr traumatisiert. Ein schlimmer Teufelskreis, denn so können letztlich auch Außenstehende und der Gesetzgeber nicht mehr erkennen, dass es sich letztlich doch um Gewalt handelt. Alles sieht friedlich aus, aber es herrscht ein leiser, verheerender Krieg für die Menschen in der Prostitution, der kein Ende nimmt.

Ich hatte in der Prostitution mit unzähligen Prostituierten Kontakt, war zusammen mit ihnen und Freiern auf Zimmer, habe dadurch einen guten Überblick über alles Mögliche bekommen, und was ich gesehen habe, um es deutlich zu sagen, waren keine sexuellen Dienstleistungen, sondern schwerste Formen von sexueller, physischer und seelischer Gewalt. Es waren Verbrechen an den Menschen, die man in dem Sinne als Dienstleisterinnen bezeichnet. Die Prostitution ist die Kommodifizierung von Menschen, eine Objektivierung. Es ist ein „zur-Ware-degradiert-Werden“ und damit ein Verlust dessen, was eine menschliche Persönlichkeit an sich ausmacht – es ist ein Totalverlust bzw. ein Totalentzug Ihrer Menschenwürde und diesen Entzug spüren Sie. Irgendwann sind Sie wie betäubt um das nicht mehr fühlen zu müssen und gehen versteinert wie ein Roboter tag ein und tag aus der Prostitution nach.

Wenn man Sie erstmal als Persönlichkeit gebrochen hat, Sie selbst keine Würde, kein Selbstwert, keine Achtung mehr empfinden, dann sind Sie zu dem geworden, was die Prostitution aus Menschen macht und wovon sie letztlich auch lebt, denn wenn Sie keinen Schmerz mehr spüren, kann ihnen auch niemand mehr weh tun und Sie können funktionieren und Dinge aushalten, die ein Mensch normalerweise nicht aushalten kann.

Melissa Farley ist seit über 45 Jahren klinische Psychologin und international bekannt für ihre Studien und Schriften zu Prostitution. Einer ihrer Studien kann man entnehmen, dass 68 % der Menschen in der Prostitution eine posttraumatische Belastungsstörung aufweisen, die vergleichbar ist mit der von Folteropfern und sie nennt einen weiteren wichtigen Punkt in ihrer Schrift „Slavery and Prostitution“, in der sie Prostitution mit der Sklaverei vergleicht:

„The commodification that exists in the minds of traders, pimps, sex buyers, and slave buyers is ultimately incorporated into the identity of the prostituted or enslaved person.” [3]

Das Problem an diesem „zur Ware gemacht werden“ ist, dass viele Prostituierte diese Ansicht irgendwann in ihre Identität aufnehmen. Warum ist das so?

Freier überschreiten Ihre intimsten Grenzen und egal ob Sie in dem Moment zustimmen, Ihre Grenzen werden trotzdem überschritten, denn durch die Zustimmung geht der Ekel, die Abscheu, die Verzweiflung, die Angst, die Trauer, nicht weg. Wie ich oben schon erwähnte, werden Sie als Persönlichkeit gebrochen. Irgendwann wehren Sie sich nicht mehr dagegen entmenschlicht zu werden, Sie geben es auf Widerstand zu leisten, weil Sie keine Hoffnung mehr haben oder weil Sie keine Kraft mehr haben. Sie werden zu dem, was man von Ihnen wollte, dass Sie es werden -> eine freiwillige Prostituierte, die endlich still hält, die endlich nicht mehr jammert, die endlich widerstandslos zur sexuellen Befriedigung zur Verfügung steht. Und wissen Sie, was das Traurige ist? Dass die meisten Freier genau diesen Umstand erkannt, aber ignoriert haben um sich ihre Illusion der glücklichen Hure nicht nehmen zu lassen.

Farley sagt weiter zum Vegleich von Prostitution und Sklaverei:

„Slave sellers and buyers cataloged skin color in fetishistic detail. Today sex buyers compulsively catalog details about women they buy for sex, criticizing, grading, and bragging about purchased sex via online chat boards.” [4]

Weil wir in Ulm sind, möchte ich Ihnen ein Zitat von einem Freier zeigen, der in einem Ulmer Bordell war und sich danach ausgelassen hat (solche Einträge und damit auch Realitäten finden Sie überall, es hat also nichts mit Ulm an sich zu tun):

„Ich finde mich echt sehr gut aussehend! Ich bin groß und sehr gut trainiert! Mein Schwanz steht wie eine 1! (Alles rasiert)! Ich eingelocht und Sie die Hand um meinen Schwanz das der Gummi hält! Ich die Hand weg geschlagen und wollte weiter ficken! Sie hat sich dann wie ein Kleinkind verhalten! Sie möchte das mit der Hand am Gummi sonst fickt Sie nicht weiter! Nebenbei sagte Sie mir noch das die Zeit vorbei ist in 4 Minuten! Ich dann vom Bett gesprungen und bin laut geworden. Heute ist es echt aus mir raus gebrochen! Ich habe die belegt und mir das Geld vom Tisch genommen! Ich habe echt den ganzen Laden zusammen geschrien. Du elendige Schlampe und weiter und weiter.“ [5]

Es war mir hier nicht wert, seine Rechtschreibfehler zu korrigieren, aber zum Thema:

manche würden argumentieren, das sind Einzelfälle, aber das sind sie nicht. Gewalt ist Bestandteil der Prostitution und das Geld ändert nichts daran, macht die Gewalt nicht weg. Alles, was Sie in der Prostitution sind ist ein Mittel zur Befriedigung sexueller Wünsche anderer. Was Sie als Mensch ausmacht, was Sie als Mensch fühlen, spielt keine Rolle mehr, sobald der Freier das Geld auf den Tisch gelegt hat.

Wie eine Prostituierte es formulierte: „es ist als würden Sie einen Vertrag unterschreiben vergewaltigt zu werden.“ [6]

Hinzu kommt, dass in der Prostitution meist Menschen tätig sind, die nie gelernt haben, respektiert zu werden, wertgeschätzt zu werden. Sie haben nie lernen dürfen eine Persönlichkeit mit Wünschen und Bedürfnissen zu sein. Und dieses Nichtwissen um ihre eigene Menschlichkeit, um ihren Anspruch auf Würde, wird ausgenutzt um sie in die Prostitution zu bringen und dort zu halten.

Wer nicht weiß, dass es ein Leben auf der anderen Seite des Berges gibt, wird sich eher nicht auf den Weg machen. Und in der Prostitution wird einem dieser Blick verwehrt. Hingegen wird Ihnen gelernt, dass es normal ist, dass sie so behandelt werden. Und je länger Menschen in der Prostitution sind, desto schwieriger ist es diesen Blick dafür, dass es eben nicht normal ist, zu entwickeln. Es ist wie eine Konditionierung.

Sehr oft hört man von Kindern, welche sexuelle Missbrauchserfahrungen erleben, dass sie diese Erfahrungen anfangs nicht zuordnen können, dass sie stillhalten und es über sich ergehen lassen, auch wenn es sich komisch anfühlt, weil sie denken, es sei normal so, es muss so sein, weil ihnen das so vermittelt wird. Ist es deswegen legal ein Kind zu missbrauchen – weil es einwilligt, weil es stillhält und sich nicht wehrt, weil es denkt, dass es normal ist?

Wenn man über Prostitution spricht, sollte man sich über die verschiedenen Mechanismen klar werden, die dieses System für seine Zwecke benutzt. Deshalb ist es so wichtig über Menschlichkeit zu reden, denn in keinem anderen „Beruf“ sind Sie so gefährdet alles zu verlieren, was einen Menschen ausmacht, wie hier.

Prostitution als Ganzes zu verstehen bedeutet auch, sich bewusst zu machen, mit welchem organisierten Konstrukt man es wirklich zu tun hat, dass es in der großen Mehrheit keine Prostitution ohne die Beteiligung der verschiedenen Formen des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung gibt und dass das Rotlichtgewerbe in den Händen der organisierten Kriminalität liegt und von ihr gesteuert wird.

Es wird immer gesagt, man müsse Prostitution und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung voneinander trennen. In der großen Mehrheit ist es aber nicht voneinander zu trennen. Eine so hohe Nachfrage könnte auch gar nicht anders bewältigt werden. Schätzungen zufolge nehmen ca. 1,2 Millionen Menschen pro Tag solche Arten von „Dienstleistungen“ in Anspruch. [7] Glauben Sie ernsthaft, dass es auch nur ansatzweise so viele Prostituierte gibt, die sich wirklich freiwillig, ohne sich in irgendwelchen Zwängen zu befinden, prostituieren?

Wenn ich allein in diesen Raum hier hineinfrage. Können Sie sich vorstellen, jeden Tag 10 Mal von wildfremden Menschen, die oft stinken, betrunken sind, gewalttätig sind, etc… penetriert zu werden? Oder auch nur 1-2 Mal pro Tag? Ich schätze, dass jetzt so ziemlich alle NEIN sagen werden und egal wo Sie diese Frage aufwerfen, Sie werden ein NEIN bekommen, also wo sollen denn diese vielen freiwilligen Prostituierten sein, von denen man immer spricht, von denen man immer sagt, es seien so viele?

Einem Bericht der EU-Kommission vom 19.05.2016 an das Europäische Parlament und den Rat kann man entnehmen, dass der Menschenhandel zu Zwecken der sexuellen Ausbeutung die häufigste Form des Menschenhandels in der EU ist und alle anderen Formen dominiert. Nach den statistischen Daten für 2013-2014 gab es hier 10 044 registrierte Opfer (67 % der Gesamtzahl der registrierten Opfer) und die Opfer sind vorwiegend Frauen und Mädchen (95 % der registrierten Opfer), was eine sehr starke Asymmetrie der Geschlechter zeigt. Es wird weiter gesagt, dass die meisten der Opfer in der Prostitution zu finden sind. Zudem wird deutlich gemacht, dass die Menschenhändler nach und nach von sichtbaren zu weniger sichtbaren Formen des Menschenhandels zu Zwecken sexueller Ausbeutung übergehen und dabei den Status der „Selbstständigkeit“ missbrauchen. Laut der Aussage von Europol ist es in Ländern, in denen die Prostitution legal und reguliert ist, möglich, dass die Prostitution von der Nachfrage nach billigen Arbeitskräften beeinflusst wird, und Menschenhändler, die eine legale Umgebung zur Ausbeutung ihrer Opfer nutzen wollen, es wesentlich einfacher haben. Es deutet nach Aussage der Kommission darauf hin, dass trotz aller Anstrengungen der Menschenhandel zu Zwecken sexueller Ausbeutung nicht wirksam in Angriff genommen wurde und auch nicht zurückgegangen ist und die Mitgliedstaaten deshalb ihre Anstrengungen zur Bekämpfung des Menschenhandels zu Zwecken sexueller Ausbeutung fortführen und weiter verstärken sollten. [8] In Deutschland wurde zwar dann letztes Jahr die Menschenhandelsrichtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 mit dem Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Menschenhandels und zur Änderung des Bundeszentralregistergesetzes sowie des Achten Buches Sozialgesetzbuch vom 11. Oktober 2016 [9] umgesetzt, welches am 15. Oktober 2016 in Kraft getreten ist, aber die Frage ist, wie effektiv das Ganze sein kann und ob man nicht vor allem noch ganz wo anders ansetzen sollte.

Sehen Sie sich folgendes Schaubild an:

OCG

Hier haben wir die Beteiligung der organisierten Kriminalität am Menschenhandel. Die Beteiligung am Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung beträgt 90 %. [10] Diese Art von Menschenhandel ist also ihr absolutes Hauptbetätigungsfeld. Wenn ich mir überlege, wie viel Geld ich meinem Zuhälter beschafft habe und wieviel Geld andere Prostituierte an ihre Zuhälter abgaben, ist das auch nicht verwunderlich, denn eine Person in die Prostitution zu bringen und sie dort auszubeuten ist, wenn man gelernt hat wie es funktioniert, eine der leichtesten Möglichkeiten, ohne viel Aufwand hohe Einnahmen zu erzielen.

Ein typisches Merkmal der organisierten Kriminalität findet man auch in der Sklavenbewegung. Melissa Farley wirft einen weiteren Punkt in ihrer oben genannten Schrift über den Vergleich zu Prostitution und Sklaverei auf:

A mark of servitude could be inflicted on the slave, just as pimps and traffickers routinely tattoo their marks on women in prostitution.“

Auch mein Zuhälter hat mich auf dem Rücken tätowieren lassen um mich als sein Eigentum zu kennzeichnen. Es ist kein Name, kein Strich – oder Barcode, aber etwas, was ihn kennzeichnete und die anderen in seinem Milieukreis kannten. Die meisten Prostituierten, mit denen ich Kontakt hatte, waren irgendwie gebrandmarkt, meist durch ein Tattoo. In der Prostitution sind Sie das Eigentum der Menschenhändler und Zuhälter und eine Ware für die Sexkäufer, wobei der letzte Punkt immer außer Acht gelassen und sich nur auf die erste Gruppe konzentriert wird.

Prostitution ist ein in sich geschlossenes System, welches nicht die Prostituierten am Leben erhalten. Die beiden Hauptakteure sind die organisierte Kriminalität und die Sexkäufer. Die organisierte Kriminalität stellt den Markt bereit, in dem sie Frauen heranschafft, und Sexkäufer nutzen dieses Angebot, in dem sie die Prostituierte in Anspruch nehmen. Die Prostituierte, für die eigentlich das ProstSchG gemacht wurde, ist größtenteils nur ein Mittel zum Zweck, weswegen das ProstSchG auch der falsche Ansatz ist. Denn wo es fast keine Menschen gibt, die sich prostituieren wollen, muss man nicht überwiegend versuchen sie IN der Prostitution zu schützen, sondern viel mehr VOR der Prostitution. Das ist ein großer Unterschied. Ich sage nicht, dass es nicht auch vereinzelt Prostituierte gibt, die sich prostituieren, weil sie es möchten ohne irgendeinen Druck dahinter zu haben, ohne traumatisiert zu sein oder zu werden, aber das sind Ausnahmefälle und im Gegensatz zum großen Ganzen nicht repräsentativ. Leider können sich die Opfer des Systems nicht einfach mal so in eine Talkshow setzen oder ein Interview geben, denn sie kämpfen ums Überleben, sind gefährdet, stehen am absoluten Abgrund. Und diese Tatsache muss man bedenken, wenn man im Fernsehen oder sonst wo Menschen aus dem Bereich sieht, die sagen, es wäre alles ok und alles gar nicht so schlimm. Dadurch wird leider das Bild verzerrt und es spielt, wenn auch von diesen Leuten ungewollt, der organisierten Kriminalität in die Hände, weil die Gesellschaft nämlich davon ausgeht, dass grundsätzlich alles ok ist und so dem Ganzen nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet wird – aber es ist eben nicht alles ok.

Wichtig zu wissen ist auch, dass die Mehrheit der Opfer ohne (physische) Gewalt unter Kontrolle gehalten wird, was durch „weiche Methoden“ oder psychologische Einschüchterung geschieht. Das führt natürlich auch zu einer Reduzierung der öffentlichen Aufmerksamkeit und zu einer Reduzierung der Chance, dass Strafverfolgungsbehörden erkennen können, was abläuft. Diese Information geht aus einem Europol-Bericht hervor. [11]

Das bedeutet, dass trotz der Umsetzung der Menschenhandelsrichtlinie in das deutsche Recht Menschenhändler zum Zweck der sexuellen Ausbeutung weiterhin schwierig bis gar nicht zu fassen sein werden, obwohl es so unglaublich viele davon gibt. Ich habe nie ein Bordell gesehen, das frei von Menschenhandel war. Im Gegenteil: alles war voll davon und wenn ich mir die Zahlen der Anklagen oder Verurteilungen ansehe, dann hat das nicht im Geringsten etwas mit den Zahlen der Realität zu tun.

Hier ein Auszug aus einem Europol-Bericht:

„2015 verurteilten die Gerichte 72 Täter, die Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung betrieben hatten, (2014: 79; 2013: 77). Weniger als 30 Prozent traten ihre Haftstrafe an. Die meisten Menschenhändler erhielten milde Freiheitsstrafen, da eine Bestimmung des Strafgesetzbuches (StGB) insbesondere bei Ersttätern das Aussetzen von Freiheitsstrafen von unter zwei Jahren gestattet… Insgesamt wurden nur 19 Täter, die Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung betrieben, zu Haftstrafen verurteilt, 16 davon zu Strafen zwischen zwei und fünf Jahren und drei zu Strafen von weniger als zwei Jahren.“ [12]

Es wird manchmal argumentiert, wenn es „nur“ so und so viele Fälle von Menschenhandel gibt, dann seien es ja lediglich Ausnahmen und der Menschenhandel gar nicht so weit verbreitet. Das ist absolut falsch. Die Dunkelziffer ist enorm hoch! ENORM HOCH! Es bleibt in der großen Mehrheit unsichtbar und ungesühnt.

Menschen, die der organisierten Kriminalität zugehörig sind, haben vor solch niedrigen Konsequenzen auch keinen Respekt. Das Risiko, dass sie überhaupt bestraft werden, ist sehr gering, und die Strafe, die sie wenn überhaupt erwartet, interessiert sie nicht. Sie haben keinen Grund sich zurückzuhalten, weil sie in ihren Augen nicht viel zu befürchten haben.

Es ist zwar sehr gut, dass Deutschland letztes Jahr die Menschenhandelsrichtlinie umgesetzt hat, aber das genügt nicht, wenn nicht der Markt weniger lukrativ gemacht wird.

Die EU-Kommission sagt etwas ganz Entscheidendes. Menschenhandel ist moderne Sklaverei und zudem eine schwerwiegende Verletzung der persönlichen Freiheit und Würde sowie eine schwere Straftat. [13]

Sie sagt weiter etwas ganz essentielles:

„Die Ermittlung, Verfolgung und Verurteilung von Menschenhändlern sind wesentliche Instrumente zur Bekämpfung des Menschenhandels. Diese Instrumente kommen jedoch erst dann ins Spiel, wenn das Verbrechen begangen wurde und die Opfer bereits eine schwerwiegende Verletzung ihrer Grundrechte hinnehmen mussten. Von einer Beseitigung des Menschenhandels kann aber nur dann die Rede sein, wenn das Verbrechen erst gar nicht stattfindet…“ [14]

Man sollte alles daran setzen, dass es erst gar nicht so weit kommt, was vor allem eine Ursachenbekämpfung benötigt. Und was den Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung betrifft ist die Ursache zu einem sehr großen Teil die Nachfrage. Auf sie sollte ein Fokus gesetzt werden um anzufangen den Händlern ihren Nährboden zu entziehen und so die Rekrutierung eines Opfers weniger lukrativ zu machen. Auch eine weiter verbreitete Sensibilisierung der Polizei vor allem für die neueren Arten des Menschenhandels, ich nenne ihn den „leisen Menschenhandel“, wäre sehr wichtig, um Situationen und Verhaltensweisen besser einschätzen und so effektiver reagieren zu können. Was den Aspekt der Nachfrage angeht, fordert das Europäische Parlament die Mitgliedstaaten in einer Resolution von 2014 auf, ihre Rechtsvorschriften vor dem Hintergrund der Erfolge in Schweden, welches 1999 als erstes Land ein Sexkaufverbot einführte, zu überprüfen:

„Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde. Da die Menschenwürde in der Charta der Grundrechte ausdrücklich erwähnt wird, ist das Europäische Parlament verpflichtet, über die Prostitution in der EU zu berichten und zu prüfen, auf welche Weise die Gleichstellung der Geschlechter und die Menschenrechte in dieser Hinsicht gestärkt werden können… Es liegen immer mehr Beweise dafür vor, dass mithilfe des „Nordischen Modells“ die Prostitution und der Frauen- und Mädchenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können.

Unterdessen sehen sich die Länder, in denen die Zuhälterei legal ist, nach wie vor mit Problemen konfrontiert, die den Menschenhandel und das organisierte Verbrechen im Zusammenhang mit der Prostitution betreffen. Deshalb wird in diesem Bericht das „Nordische Modell“ unterstützt, und die Regierungen der Mitgliedstaaten, die beim Umgang mit der Prostitution einen anderen Ansatz verfolgen, werden aufgefordert, ihre Rechtsvorschriften vor dem Hintergrund der Erfolge in Schweden und in den anderen Ländern, die dieses Modell angenommen haben, zu überprüfen. Auf diese Weise könnten erhebliche Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter in der Europäischen Union erzielt werden.“ [15]

In einer Entschließung bzgl. der Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels vom 12. Mai 2016 sagt weiter folgendes:

in der Erwägung, dass die Nachfrage nach Frauen, Mädchen, Männern und Jungen im Prostitutionsgewerbe ein entscheidender Sogfaktor für Menschenhandel zwecks sexueller Ausbeutung ist;… stellt (das EU-Parlament) fest, dass ein gemeinsames Verständnis der Mitgliedstaaten im Hinblick darauf fehlt, was die Nachfrage nach Ausbeutung ausmacht, und fordert die Kommission und die Mitgliedstaaten auf, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen und gleichzeitig die Sensibilisierung für alle Formen des Menschenhandels, insbesondere sexuelle Ausbeutung, zu erhöhen… [16]

Auch der Europarat betrachtet die Kriminalisierung des Kaufs von „sexuellen Diensten“, basierend auf dem schwedischen Modell, als das wirksamste Instrument zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels. [17]

Was genau ist dieses Modell?

Es wurde erstmals 1999 in Schweden eingeführt und beinhaltet mehrere Gesetze. Ein sehr wichtiger Punkt ist das Sexkaufverbot. Menschen, die Sex kaufen, werden bestraft, hingegen nicht diejenigen, die Sex verkaufen. Es liegt eine Evaluierung [18] der schwedischen Regierung vor, die sich auf die Jahre zwischen 1999 und 2008 bezieht. Es sollte evaluiert werden, wie sich das Sexkaufverbot in der Praxis auswirkt sowie die Effekte im Hinblick auf die Häufigkeit der Prostitution und den Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung untersucht werden.

Dazu wurden Kriminalitätsberichte und Verurteilungen ausgewertet um festzustellen, wie das Verbot von der Polizei, den Staatsanwälten und den Gerichten angewendet wurde. Verglichen wurden dabei die Zustände vor dem Sexkaufverbot und den Veränderungen nach der Einführung. Natürlich wäre es illusorisch zu sagen, danach sei alles gut oder es gäbe keine Prostitution mehr, aber es ist ein wichtiger Schritt um Gewalt anzuerkennen anstatt mit dem Argument zu resignieren, es werde dieses Geschäft sowieso immer geben, und es ist, wie das EU-Parlament sagt, auch ein wichtiger Schritt um die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern.

Es wird berichtet, dass seit das Verbot in Kraft ist mehr und mehr deutlich wird, dass es eine sehr starke Verbindung zwischen der Häufigkeit der Prostitution und dem Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung gibt. Die Straßenprostitution hat sich um die Hälfte reduziert und das Sexkaufverbot hat der Gründung der organisierten Kriminalität entgegengewirkt. Die Polizei, die in diesem Bereich tätig ist, sowie auch Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen berichten, dass organisierte Gruppen, die Menschen zum Zweck der sexuellen Ausbeutung verkaufen, Schweden als einen „armen Markt“ bezeichnen und sich aufgrund des Sexkaufverbotes hier weniger niederlassen. Es gibt auch eine wachsende Unterstützung für das Verbot in der Bevölkerung.

Dem Argument einiger Kritiker und Kritikerinnen, dass die Prostitution dann in den Untergrund rutscht, wird entgegengehalten, dass das nicht der Fall ist, denn in den Untergrund rutschen kann die Prostitution nicht, weil Sie mit einer unsichtbaren Prostitution nichts verdienen können. Als Prostituierte müssen Sie immer irgendwie sichtbar sein, damit auch die Freier Sie zur Kenntnis nehmen können. Und wo die Freier Prostituierte finden, findet sie auch die Polizei, so Simon Häggström von der schwedischen Polizei, der in der Praxis mit das Sexkaufverbot in Schweden umsetzt. Er sagt auch, dass es in Schweden sowie in anderen Ländern eine sehr starke Prostitutionslobby gibt, die in der Prostitutionsdebatte eine laute Stimme in der Öffentlichkeit hat, aber nur einen absolut geringen Teil der Prostituierten verkörpert. [19] Laut der Evaluierung haben Sexkäufer zudem Angst erwischt zu werden, nicht aber so sehr wegen der Strafe, sondern wegen ihres Familien- und Bekanntenkreises. Während es bei uns normal und „cool“ geworden ist nach der Disco am Freitag Abend oder vor der Heirat nochmal zusammen mit seinen Kumpels eine Prostituierte aufzusuchen, besteht in Schweden eine Ächtung des Sexkaufs. Das Verbot hat eine abschreckende Wirkung.

Zu Verbesserungsvorschlägen wird vor allem angebracht, dass es wichtig ist, seitens der Polizei der Umsetzung Priorität einzuräumen, denn kein Gesetz kann optimal funktionieren, wenn es nicht richtig angewendet wird. Zudem sollte die Sozialarbeit fortgesetzt und weiter ausgebaut werden. Um das Ausbauen zu können benötigt es mehr Ressourcen.

Nach einer Studie von Di Nicola und Farley hat das Wissen der Freier, dass die Prostituierte ausgebeutet, gezwungen oder gehandelt wird, sie nicht davon abgehalten den Sex zu kaufen, wobei Di Nicola in einer Umfrage feststellte, dass es 90% der Freier nicht möglich war, überhaupt Indikatoren von Zwangsprostitution zu erkennen. [20] Hier hilft weder eine Erlaubnispflicht für Prostitutionsstätten, noch eine Kondompflicht noch Mindeststandards für Prostitutionsstätten.

Ein Sexkaufverbot, Hilfe für Prostituierte raus der Prostitution, wenn sie das möchten, ein Anerkennen der Gewalt und der Menschenwürdeverletzung, die in der Prostitution geschieht, ist nötig. Es wird auch darauf verwiesen, dass eine Kriminalisierung immer nur eine Ergänzung sein kann – es braucht vermehrt gesellschaftliche Aufklärung. So ein Richtungswechsel wie jener in Schweden und einigen anderen Ländern, welche dieses mittlerweile sog. „Nordische Modell“ übernommen haben, ist nicht einfach, sondern eine schwierige Aufgabe. Dennoch sollte das, was hier in Deutschland im Untergrund stattfindet und aufgrund der Liberalisierung nur keiner so richtig sieht (wir haben also momentan diesen Untergrund von dem immer jeder spricht, dass man ihn vermeiden wolle!), an die Oberfläche geholt werden. Diese Anstrengungen sollten es wert sein, Menschen zu helfen ihre Würde zu verteidigen, so wie es in unserem Grundgesetz in Art. 1 steht, anstatt sie allein zu lassen und zu versuchen die Gewalt zu regulieren. Eine Kondompflicht ist gut, sie schützt die Gesundheit der Prostituierten besser – aber dennoch: das Kondom nimmt dem Akt an sich nicht die Gewalt, der Mensch bleibt weiterhin ein Objekt zur Benutzung.

Menschenhandel und Prostitution sind grenzüberschreitende Probleme und es benötigt deshalb internationale Zusammenarbeit. Wenn die Prostitution durch ein Sexkaufverbot in Nachbarländer ausweicht, was auch häufig als Gegenargument gebracht wird („sie würde sich nur verlagern“), ist das kein Scheitern des schwedischen Modells, sondern ein Scheitern der Zusammenarbeit unter den Ländern, denn wenn jedes Land dieses Modell hätte, gäbe es nichts mehr um auszuweichen.

Ich möchte noch kurz auf etwas Weiteres eingehen, was mir auch sehr wichtig ist. Vor allem manche Beratungsstellen argumentieren, Sexkauf solle man nicht verbieten, weil Prostitution „die einzige legale Alternative“ für manche Menschen sei. Das ist eine sehr bittere und zynische Argumentation.

Und auch hierzu sagt Melissa Farley etwas Bedeutendes:

„Einige Zuhälter, einige Sexkäufer und einige Regierungen haben die Entscheidung getroffen, dass es angemessen ist, dass bestimmte Frauen sexuelle Ausbeutung und sexuelle Übergriffe tolerieren um zu überleben. Diese Frauen sind meistens arm und werden ethnisch oder rassisch marginalisiert. Die Männer, die sie kaufen oder vergewaltigen, haben eine größere soziale Macht und mehr Ressourcen als die Frau. Zum Beispiel kommentierte ein kanadischer Prostitutions-Tourist über Frauen in Thailands Prostitution: „Diese Mädchen müssen essen, oder? Ich lege Brot auf ihren Teller. Ich gebe einen Beitrag. Sie würden verhungern, wenn sie keine Huren wären.“… Haben Frauen generell ein Recht ohne sexuelle Belästigung oder sexuelle Ausbeutung zu leben, die ihnen in der Prostitution widerfährt, oder haben dieses Recht nur diejenigen, die privilegiert sind? In unserem Rechtssystem schützen wir Menschen vor sexueller Belästigung und sexueller Ausbeutung. Aber, so Farley, ist die Berufsbezeichnung der Prostitution das Tolerieren von sexuellem Missbrauch.“ [21] 

Auch die ehemalige schwedische Gleichstellungsministerin Margareta Winberg fragte:

„Shall we accept the fact that certain women and children, primarily girls, often those who are most economically and ethnically marginalized, are treated as a lower class, whose purpose is to serve men sexually?” [22]

Nach einer weiteren Studie [23] von Melissa Farley möchten 89% der Menschen in der Prostitution die Prostitution verlassen, aber sie können es nicht, weil sie keine Alternativen sehen. Sie wollen also nicht von fremden Menschen jeden Tag penetriert werden und werden es trotzdem. Ja, jeder muss arbeiten, hat manchmal keine Lust dazu und muss es trotzdem tun, aber der große Unterschied ist, dass man in keiner anderen Arbeit zu einer Ware entmenschlicht, sexuell penetriert und dabei schwer traumatisiert wird.

Die bessere Argumentation als „es ist die einzige legale Alternative“ sollte sein, gemeinsam zu versuchen andere Alternativen zu schaffen anstatt an einem so gravierenden Punkt, wenn es um sexuelle, seelische und körperliche Integrität geht, zu resignieren und die Menschen ihrem Missbrauch zu überlassen.

Oft ist es auch so, dass nicht die Armut die Menschen anfällig macht an Menschenhändler zu geraten oder auch allein in die Prostitution abzurutschen, sondern vor allem bei jungen Menschen sehr häufig familiäre Gewalt, Missbrauchserfahrungen oder Vernachlässigung eine Rolle spielen. [24]

Es ist sehr wichtig, dass öffentlich viel mehr über dieses Thema im Ganzen aufgeklärt wird, über die Geschichten, Leidenswege, Zwänge und Traumata der Prostituierten gesprochen wird. Es ist wichtig, damit sie frei werden können. Frei von etwaigen Zuhältern, frei von inneren Überzeugungen, die ihnen vermittelt wurden, sie wären es nur wert ein Objekt für andere zu sein. Frei von Ängsten, dass die Gesellschaft sie nach ihrem Ausstieg sowieso nicht mehr akzeptieren wird und sie deshalb im Milieu verharren, frei von einem Leben, welches in der großen Mehrheit bedeutet sich selbst aufgeben zu müssen um überleben zu können.

Als Gesellschaft sollten wir versuchen ihnen zu vermitteln, dass sie nicht dieses Objekt sind, dass sie sich zeigen können und sollen, dass wir die Gewalt, die ihnen angetan wurde anerkennen und sie respektieren – und zwar als das, was sie sehr lange oder manchmal sogar noch nie sein durften: Menschen, deren Würde unantastbar ist.

 

Fußnoten:

[1] https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Menschenhandel/menschenhandelBundeslagebild2015.html;jsessionid=AE2C222C91B4903549CE5B60368E0FF6.live0602?nn=27956

[2] http://www.no-loverboys.de/

[3] http://prostitutionresearch.com/wp-content/uploads/2016/07/Slavery-Prostitution-Farley-2015.pdf

[4] Vgl. Fußnote 2

[5] http://www.forum-sachsen.com/threads/ulm-laufhaus-warnung-abzockvotze-megan-kaessbohrerstrasse9-in-ulm-01578-4565572.56529/

[6] https://www.theguardian.com/world/2007/sep/07/usa.gender

[7] http://www.tagesspiegel.de/kultur/prostitution-1-2-millionen-maenner-am-tag/225870.html

[8] http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016DC0267&from=DE

[9] https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl&start=//*%255B@attr_id=%2527bgbl116s2226.pdf%2527%255D#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl116s2226.pdf%27%5D__1509637330506

[10] https://ec.europa.eu/anti-trafficking/sites/antitrafficking/files/situational_report_trafficking_in_human_beings-_europol.pdf

[11] Vgl. Fußnote 10

[12] https://de.usembassy.gov/de/laenderberichte-menschenhandel-2017/ / English Version: https://www.state.gov/j/tip/rls/tiprpt/countries/2017/271193.htm

[13] http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52012DC0286&from=EN

[14] http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016DC0267&from=DE

[15] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FTEXT+REPORT+A7-2014-0071+0+DOC+XML+V0%2F%2FDE

[16] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FNONSGML+TA+P8-TA-2016-0227+0+DOC+PDF+V0%2F%2FDE

[17] http://semantic-pace.net/tools/pdf.aspx?doc=aHR0cDovL2Fzc2VtYmx5LmNvZS5pbnQvbncveG1sL1hSZWYvWDJILURXLWV4dHIuYXNwP2ZpbGVpZD0yMDcxNiZsYW5nPUVO&xsl=aHR0cDovL3NlbWFudGljcGFjZS5uZXQvWHNsdC9QZGYvWFJlZi1XRC1BVC1YTUwyUERGLnhzbA==&xsltparams=ZmlsZWlkPTIwNzE2.

[18] https://ec.europa.eu/anti-trafficking/sites/antitrafficking/files/the_ban_against_the_purchase_of_sexual_services._an_evaluation_1999-2008_1.pdf

[19] https://www.youtube.com/watch?v=o6O4xzzTqSU

[20] http://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/etudes/join/2014/493040/IPOL-FEMM_ET(2014)493040_EN.pdf

[21] http://prostitutionresearch.com/wp-content/uploads/2017/02/Very-inconvenient-truths-sex-buyers_sexual-coercion_and-prostitution-harm-denial_Farley-in-Logos1.pdf

[22] http://digitalcommons.uri.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1067&context=dignity

[23] http://www.prostitutionresearch.com/pdf/Prostitutionin9Countries.pdf

[24] http://ec.europa.eu/anti-trafficking/sites/antitrafficking/files/study_on_children_as_high_risk_groups_of_trafficking_in_human_beings_0.pdf

 

 

Aktion „RotlichtAus“ in Marburg! – und die seelische Gewalt als Werkzeug der „Loverboys“

 

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Am 30.09.2017 fand eine Veranstaltung in Marburg statt. Auch ich war dort und habe einen Vortrag gehalten, den ihr weiter unten finden werdet.

Mit dem Vorspann (1.), der Zusammenfassung zur Veranstaltung (2.) und meinem Vortrag (3.) ist das hier ein ziemlich langer Blog-Eintrag – ich habe überlegt ihn zu kürzen, aber ich habe beschlossen, dass ich das nicht möchte, denn es ist alles wichtig und wer wirklich Interesse hat, vor allem etwas über „Loverboys“ und ihr gefährliches Hilfsmittel der seelischen Gewalt zu erfahren (und das Interesse sollte bestehen, denn es kann jedes Mädchen/(junge) Frau treffen!), wird sich die Zeit nehmen.

Wer also anfängt zu lesen, sollte ein bisschen Zeit haben oder lieber wann anders lesen.

1.Vorspann:

Der Veranstaltung vom 30.09. ging eine RotlichtAus-Plakataktion voraus:

„Zu verkaufen: Körper Freiheit Würde“ steht dort. Und weiter unten: „Bezahlsex zerstört Leben. Sag NEIN zu Prostitution.“ Dass diese Botschaft nun knapp zwei Wochen lang an 15 Marburger Plakatwänden die BürgerInnen erreicht, ist der „BI gegen Bordell“ zu verdanken… Sie sind Teil der Kampagne „RotlichtAus“. Das Konzept: Kommunen oder Initiativen, die ein Zeichen gegen die Verharmlosung des Handels mit der Ware Frau setzen und dabei besonders diejenigen ansprechen wollen, die mit ihrer „Nachfrage“ den Markt überhaupt erst schaffen – nämlich die Freier! – können die Motive anfordern. Da die Kampagnen-Motive schon entwickelt sind, halten sich die Kosten in Grenzen. 4.000 Euro hat Marburg investiert: Das SPD-geführte Stadtparlament beschloss, die Kampagne zu finanzieren…(Quelle: Aktion „RotlichtAus!“ in Marburg)

Hier ist die offizielle Pressemitteilung der Universitätsstadt Marburg:

Information und Diskussion „Prostitution: ein Beruf wie jeder andere?“

2.Zur Veranstaltung

Sabine Constabel hielt einen tollen Vortrag über die Wirklichkeit der Prostitution. Sie arbeitet seit über 2 Jahrzehnten als Sozialarbeiterin mit Prostituierten und kennt das menschenunwürdige System. Sie hat sehr viel über die Frauen, die meist sehr jungen Frauen aus Osteuropa erzählt, die auf diesem Markt verelenden. Sie hat die Mechanismen beschrieben, wie viele von ihnen hier landen. Oftmals werden sie aus dem Kinderheim geholt/gekauft und ihnen dann erzählt, dass die Prostitution nun ihr Teil ist, den sie als „Wiedergutmachung“ leisten/beitragen müssen. Sie hat von Familien erzählt, die ihre eigenen Kinder opfern und sie in die Prostitution schicken um die restlichen Familienmitglieder zu finanzieren – egal ob der Verluste und Risiken. Sie erzählte von den „Begleitern“, den Zuhältern, und räumt auf mit den Märchen über Prostitution.

Ich bin sehr froh, dass es Menschen gibt, die das System durchschauen können – und das kann Sabine Constabel. Sie gibt jenen unzähligen Menschen eine Stimme, die keine haben und immer noch im System festhängen. Das ist wertvoll und ich hoffe sehr, dass immer mehr Leute anfangen dieses System durchschauen zu können.

Wir sahen als nächstes eine tolle Filmzusammenfassung von Klaus Wölfle, TV-Redakteur beim bayerischen Rundfunk und Filmautor, mit dem Titel: „Verkauft, verschleppt, missbraucht“ – im Film gab es tolle Ausführungen von Michaela Huber, Psychotraumatologin und Psychotherapeutin, und Lutz Besser, Zentrum für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachsen.

Nach meinem Vortrag stellte dann Karen Ehlers noch die #RotlichtAus-Kampagne vor und erklärte, wie die Kampagne funktioniert, was sie bezwecken soll und sprach über weitere Kampagnenmotive. Hier gibt es eine tolle Präsentation: http://rotlichtaus.de/wp-content/uploads/2017/04/Praesentation-RotlichtAus.pdf

Bevor ich nun zu meinem Vortrag weiterleite, muss ich hier mal etwas ganz groß schreiben:

DANKE AN DIE GROßARTIGE STADT MARBURG, DIE DAS ALLES UNTERSTÜTZT HAT! DANKE AN FRAU INGE-HAUSCHILDT SCHÖN UND DER GANZEN BÜRGERINITIATIVE GEGEN BORDELL, DANKE AN DAS GANZE ROTLICHTAUS-TEAM UND DESSEN UNTERSTÜTZER UND UNTERSTÜTZERINNEN UND ALLEN MENSCHEN, DIE GEKOMMEN SIND UND SICH MIT DEM THEMA BESCHÄFTIGEN.

Welche Stadt möchte als nächstes diesen aufrüttelnden Schritt tun und ein Zeichen setzen?

3.Vortrag

(weil ich meine Redezeit einhalten wollte, hatte ich in Marburg das zweite Zitat von Manfred Paulus, das letzte Zitat von Sun Tsu und die Kommentierung dazu, ein Zitat vom Bundeskriminalamt sowie die Stellungnahme des Europarats und einen kleinen Teil des Europäischen Parlaments ausgelassen – hier ist nun alles komplett):

Ich möchte Ihnen heute ein paar Einblicke ins Innere des Prostitutionssystems geben und hierbei vor allem vom klassischen Menschenhandelsbereich auf eine andere Form des Menschenhandels zu sprechen kommen – es geht um die sog. „Loverboy“- Fälle.

Ich werde im Folgenden erstmal auf den Begriff des „Loverboys“ an sich eingehen, die eigentliche Problematik dieses Themas ansprechen, die „Loverboy“-Fälle dann strafrechtlich zuordnen und zum Schluss werde ich noch auf die Prostitution im Allgemeinen eingehen.

„Loverboys“ sind Zuhälter, die (jungen) Mädchen/Frauen gezielt Liebe vorspielen mit dem Ziel sie in die Prostitution zu treiben und in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie suchen gezielt und haben von Anfang an den Vorsatz den ins Auge gefassten Menschen mithilfe der Liebe zu ködern um ihn in die Prostitution zu führen, wo er ausgebeutet werden soll.

In letzter Zeit bin ich öfter der Frage begegnet: wie kann so etwas passieren? Am Anfang steht die vermeintliche Liebe und am Ende die Prostitution? In vielen und auch in meinem Fall war der Beginn der Prostitution daran gekoppelt, dem „Loverboy“ zu helfen, weil er vorgibt in Not zu sein und die Prostitution die einzige Chance sei das Geld aufzutreiben, ihn zu retten, er von einer gemeinsamen Zukunft spricht und sagt, dass alles besser werden würde. Es gibt aber hier verschiedene Vorgehensweisen.

Oftmals suchen diese Zuhälter gezielt an Schulen oder im Internet, weil das Plätze sind, an denen man sehr vulnerable Menschen antreffen kann – und vulnerable Menschen sind leichte Beute.

Bärbel Kannemann vom Verein „No Loverboys e.V.“, die in dem kürzlich ausgestrahlten, über „Loverboys“ handelnden ARD-Film „Ich gehöre ihm“ mitgewirkt hat, war 40 Jahre Kriminalbeamtin, setzt sich jetzt für Betroffene ein und macht Aufklärungsarbeit. Sie sagte mir, dass sie das jetzt seit ca. 8 Jahren macht und sich um die 1100 Betroffenen und Eltern gemeldet haben. Was ich sehr erschreckend fand war, als sie mitteilte, dass fast an jeder Schule, an der sie bisher einen Vortrag hielt, Opfer dabei waren und dass es an einer Schule sogar schon einmal 11 betroffene Mädchen waren. Das Alter geht von ca. 12-23 Jahren.

Ein Opfer erzählt folgendes:

„Er sprach mich vor der Schule an, nahm mich im Auto mit. Er hatte schöne Augen, schenkte mir CDs und schicke Sachen. Wir gingen aus. Immer nur nachmittags, damit ich zu Hause keinen Ärger bekam. Ich war verknallt in ihn.
Dann der erste Sex auf seiner Bude. Kurz danach kamen andere Jungen ins Zimmer, die mich streichelten. Es sei normal, dass seine besten Freunde auch Sex mit mir haben, sagte er. Heimlich wurde fotografiert. Bald zeigte er mir die Bilder und ich hatte Angst, dass meine Eltern sie sehen.“ [1]

Oftmals können dann Erpressungen wie diese in die Prostitution führen. „Wenn du nicht tust, was ich dir sage (sich zu prostituieren), zeige ich jemandem die Bilder/Videos“, etc…

Weiter heißt es: „Bald nach dem ersten Sex tischen „Loverboys“ z.B. die Geschichte mit den Schulden auf, die sie nur abzahlen könnten, wenn das Mädchen ein paar Mal mit Männern ins Bett geht. Aus ein paar Mal wird täglich, schließlich mehrmals täglich.“ [2]

Bärbel Kannemann sagt in einem Interview:

 „Die Masche funktioniert über emotionale Abhängigkeit“. „Die erste Kontaktaufnahme geschieht häufig auf dem Schulhof, vor Fastfood-Restaurants, aber mittlerweile in den meisten Fällen über soziale Netzwerke wie Facebook oder Badoo“. „Der Loverboy drängt sich Schritt für Schritt zwischen das Mädchen und dessen soziales Umfeld. Die Bindung an ihn wird immer enger, während Freundschaften und Kontakte zur Familie nach und nach zerbrechen. Diese soziale Isolierung läuft so lange, bis das Mädchen das Gefühl hat, dass ihr neuer Freund der Einzige ist, der es versteht.“ [3]

Es wird erst Vertrauen aufgebaut und danach kommt der Druck und zum Beispiel Sprüche wie:

„Ich habe Schulden und werde umgebracht, wenn ich sie nicht zurückzahle. Aber wenn du dich bereit erklären würdest, für mich mit einem Freund zu schlafen, werden mir die Schulden erlassen“. [4]

Auch Mädchen aus gutem Elternhaus sind betroffen. Dazu meint Kannemann:

„Grundsätzlich ist es schon so, dass Mädchen mit geringem Selbstwertgefühl stärker gefährdet sind und gezielt Mädchen kontaktiert werden, die ganz besonders nach Bestätigung, Aufmerksamkeit und Zuneigung suchen“. „Dass wie häufig angenommen vorwiegend Mädchen aus zerrütteten Familien zum Opfer werden, kann man allerdings nicht sagen. Im Gegenteil werden immer mehr Mädchen aus behütetem Elternhaus ausgesucht, die leicht erpressbar sind, weil man ihnen droht, der Familie etwas anzutun. Das wollen die Mädchen natürlich um jeden Preis vermeiden.“ „Es sind nicht mehr fast ausschließlich junge Männer mit Migrationshintergrund, die als Loverboy unterwegs sind, sondern immer häufiger deutsche Täter bzw. Täter aus allen möglichen Ländern.“  [5]

Ich selbst lernte meinen Zuhälter damals im Internet kennen. Ich hatte schwierige Verhältnisse zuhause und das Internet war eine Art Flucht aus der Realität. Wenn ich von der Schule kam stellte ich sofort den PC an und verbrachte sehr viel Zeit in verschiedenen Chatrooms. Irgendwann war er online und ich fing an mit ihm zu schreiben. Wir schrieben immer öfter, irgendwann jeden Tag, er wartete auf mich bis ich online kam und gab mir damit das Gefühl für mich da zu sein. Ich sprach mit ihm vermehrt über meine Probleme und er vermittelte mir Halt und Beständigkeit.

Es kam dann zu den ersten realen Treffen, wo er mich zum Essen eingeladen hat – er war um die 20 Jahre älter als ich und meine erste Liebe sowie der erste Mensch, mit dem ich dann auch Geschlechtsverkehr hatte.

Bis zu diesem Zeitpunkt war Prostitution kein Thema. Das fing erst ab da langsam an, wo er wusste, dass ich emotional an ihm hänge und er meine einzige Bezugsperson war. Am Wochenende fuhr ich vermehrt mit dem Zug in seine Stadt. Er begann mich auf seine Escort-Touren mitzunehmen, wo er eine Prostituierte zu einem Freier gefahren und draußen im Auto auf sie und sein Geld gewartet hat (und ich dann mit ihm warten sollte). Weiter nahm er mich in Bordelle seiner Freunde mit und wollte dann auch, dass ich anschaffen gehe.

Als ich mich davon distanzierte, weil ich es nicht wollte, war er schlagartig kalt, ein ganz anderer Mensch und begann mir nach und nach zu erzählen, er hätte große Schulden und stecke in Schwierigkeiten – ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mitbekommen, dass er mit sehr unspaßigen Leuten wie Hells Angels Mitgliedern zu tun hatte. Damals wusste ich nicht viel über seine Umstände, ich wusste nicht viel über das Rotlichtmilieu und seine genauen Kontakte, aber ich hatte Angst um ihn und Angst ihn zu verlieren.

Um das Ganze ein wenig abzukürzen – ich fing an für ihn anzuschaffen. Ich erinnere mich gut an eine Situation in einem Bordell mit Nachtbetrieb, wo eine Althure mich einarbeiten sollte. Ich wusste nicht, wie man ein Kondom benutzt. Das Bild habe ich genau vor Augen. Sie saß links von mir und demonstrierte an einem Freier, wie man das Kondom drüberzieht. Der Freier sah, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte sowie sexuell null Erfahrung – und er fand es toll, es hat ihn angemacht. Dazu muss ich sagen, dass ich zu dieser Zeit um sehr viel jünger aussah als ich eigentlich war. In der 12. Klasse des Gymnasiums brachte mich mein Zuhälter dann in den Oster – und Pfingstferien in einen Flat-Rate-Club eines Bekannten von ihm, wo ich mich für ihn prostituierte sowie ihm das Geld zum Abbezahlen seiner Schulden gab. In diesen 4-Ferienwochen hatte ich mit ca. 400 – 500 Männern Geschlechtsverkehr. Allein in 4 Wochen. Ich zog nach Ende der 12. Klasse zu ihm, auch weil ich von zuhause weg wollte – allerdings dachte ich nicht, dass das mit der Prostitution dann so ausarten würde wie es das tat. Als ich dort dann wohnte, wurde mir gesagt, ich könne natürlich nicht umsonst da wohnen, müsse arbeiten, es kamen unglaubliche Ausmaße von weiteren Schulden ins Spiel. Er sprach immer davon, dass nur noch dies und jenes bezahlt werden müsse und danach alles gut werde, aber es nahm nie ein Ende, es kam weiterer Druck hinzu, etc…

Ich wurde Vollzeitprostituierte und brach die Schule ab, weil ich dieses Doppelleben nicht führen konnte. Dass einen dann irgendwann nicht mehr die Liebe, sondern viele Abhängigkeiten, Verzweiflung und Ängste in der Prostitution halten, darauf werde ich später noch eingehen.

Die Frage ist aber erstmal: wie funktioniert dieser Anfang? Der Anfang, einen Menschen in die Prostitution zu bringen mit dem Druckmittel der Liebe. Was steckt hinter diesem ganz weit verbreiteten „Loverboy“-Phänomen, welches nicht nur ausländische, sondern auch viele deutsche junge Mädchen und Frauen betrifft?

Es ist eine Problematik, die sehr viel mit den Mechanismen von psychischer/seelischer Gewalt zu tun hat. Und dieses Thema, was ich gleich vertieft ansprechen werde, weil die „Loverboy“-Methode nur aufgrund der Ausübung von seelischer Gewalt Erfolg haben kann, ist ein sehr schwieriges Thema, weil diese Form von Gewalt nicht sichtbar ist und man oftmals Dinge, die man nicht sehen kann, nicht versteht und Gefahr läuft sie als nicht existent zu deklarieren. Wenn Ihr Kind beispielsweise von einem Zuhälter verprügelt wird, sehen Sie die blauen Flecken und wissen, dass etwas nicht stimmen kann. Wenn so ein Zuhälter aber anstatt auf physische Gewalt auf seelische Gewalt setzt und sich, wie es in diesen „Loverboy“-Fällen üblich ist, darum bemüht, dass nach außen hin nichts auffällt, dass im Falle von Schülerinnen diese weiter zur Schule gehen, die Hausaufgaben machen, sich normal verhalten sollen, etc… dann können Sie das zunächst nicht sehen, es bleibt unsichtbar. Erstmal. Die seelische Gewalt ist aber trotzdem da und wird gezielt eingesetzt um immer einen Schritt weiter zu gehen bis man den Menschen so destabilisiert hat, dass man ihn dort hinbekommt, wo man ihn von Anfang an haben wollte. In der Prostitution.

Es ist wichtig, dieses „Loverboy“-Thema noch mehr unter die Menschen zu bringen, was vor allem bedeutet, über genau das zu sprechen, woran sich diese „Loverboy“-Zuhälter bedienen: viele sagen sie bedienen sich lediglich der Naivität und Dummheit der Mädchen, aber das ist so nicht richtig. Sie bedienen sich seelischer Gewalt. Das ist ein großer Unterschied und das muss an – und ausgesprochen werden, denn um die Menschen, die sich in dieser Spirale befinden, erreichen zu können und um ihnen da raus zu helfen, ist es unbedingt nötig zu sehen, was da eigentlich passiert.

Deshalb möchte ich jetzt versuchen Ihnen die Ausmaße und das Verständnis von seelischer Gewalt vor allem hier im Hinblick auf die Prostitution und die „Loverboy“-Fälle etwas näher zu bringen.

Es gibt ein sehr gutes Buch von der französischen Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen. Es heißt „Die Masken der Niedertracht“ und behandelt das Thema seelische Gewalt auf mehreren Ebenen sehr intensiv und anschaulich. Ich bin auf dieses Buch durch eine etwas kuriose Art und Weise aufmerksam geworden.

Mein Zuhälter war auch ein ehemaliger Fremdenlegionär, also ein Krieger, ein Stratege. Es gibt ein sehr altes Buch über Kriegsstrategie, ein absoluter Klassiker. Es heißt „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Ich habe damals durch ihn von diesem Buch erfahren, weil er es aufgrund seiner Vergangenheit vergöttert hat, aber gelesen habe ich es erst nach meinem Ausstieg. Ich wollte wissen, warum er es so hochgepriesen hatte. Nachdem ich dann im Internet den Namen des Buchs gegoogelt habe, fand ich auch den Namen und das Werk dieser Psychotherapeutin, denn sie greift in ihrem Buch mehrmals Sun Tsus Aussagen auf und überträgt einige seiner Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Menschen. Es steckt in diesem Kriegsbuch unglaublich viel an psychologischen Taktiken und Vorgehensweisen, den Gegner in die Knie zu zwingen. Sehr interessant ist hier das „wie“. Ein Spruch von Sun Tsu ist folgender: Die größte Leistung besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen. Und er veranschaulicht in seinem Buch sehr gut, wie man das tun kann. Manchmal direkt, manchmal zwischen den Zeilen.

Ich möchte Ihnen einen Auszug aus Marie-France Hirigoyens Buch vorlesen, in dem sie erst einen Satz von Sun Tsu aufgreift und diesen dann kommentiert:

„Sucht siegreich zu sein, ohne Schlachten zu liefern (…). Bevor sie kämpften, versuchten sie (die Ahnen), die Zuversicht des Feindes zu schwächen, indem sie ihn demütigten, indem sie ihn kränkten, indem sie seine Kräfte schweren Prüfungen unterzogen (…). Bestecht all das, was das Beste bei ihm ist, durch Angebote, Geschenke, Versprechungen, untergrabt sein Selbstvertrauen, indem ihr seine tüchtigsten Männer zu schändlichen und gemeinen taten anspornt, und versäumt nicht, das unter die Leute zu bringen.“

 Bei einer perversen Aggression geht es um den Versuch, den anderen zu erschüttern, ihn zweifeln zu lassen an seinen Überzeugungen, seinen Empfindungen. Das Opfer verliert dabei das Bewusstsein seiner Identität. Es kann nicht denken, nicht verstehen. Das Ziel ist es, es zu negieren und dabei zugleich zu lähmen, damit das Auftreten eines Konflikts vermieden wird. Man kann es angreifen, ohne es zu verlieren. Es bleibt zur Verfügung. Dies geschieht unter doppeltem Druck: Etwas wird gesagt auf verbaler Ebene, und das Gegenteil wird ausgedrückt auf der nichtverbalen Ebene. Die paradoxe Äußerung besteht aus einer ausdrücklichen Botschaft und einem Hintergedanken, dessen Existenz der Aggressor abstreitet. Ein äußerst wirkungsvolles Mittel, den anderen zu destabilisieren! [6]

Auch der „Loverboy“ versucht die Mädchen/Frauen von ihren eigentlichen Empfindungen und Gefühlen zu spalten und wenn man sich die Kommunikationsebenen zwischen „Loverboys“ und ihren Opfern ansieht, dann ist es genau das, was die Autorin hier aufschlüsselt. Denn sehr oft ist es so, dass der „Loverboy“, nachdem er angefangen hat das Prostitutionsthema aufzuwerfen und sie zu drängen, sie solle sich prostituieren, zum Beispiel danach auf verbaler Ebene sagt, dass er ihr aber nicht zu viel zumuten möchte, er sie so stark liebt, eigentlich nicht teilen will mit anderen Männern, und er ihr aber gleichzeitig mit dem vorher Gesagten, seiner Miene und der nonverbalen Kommunikation, die hier gezielt manipulativ eingesetzt wird, vermittelt: „Wenn du dich nicht prostituierst, dann lässt du mich im Stich und bist Schuld daran, wenn (mir) etwas passiert.“ So werden bewusst Schuldgefühle im Mädchen geweckt, in dem Wissen, dass sie letztlich anfängt sich gegen ihren Willen zu prostituieren und das ist genau der Moment, von dem auch Sun Tsu spricht. Der Widerstand des Feindes (hier der Widerstand des Menschen, der sich eigentlich nicht prostituieren will, der aber in der Prostitution ausgebeutet werden soll) wird ohne einen Kampf gebrochen, ohne physische Gewalt – allein auf der Ebene von „perverser Kommunikation“, wie Marie-France Hirigoyen es nennt.

Viele Zuhälter, die ich kannte, waren Meister dieser Art von Kommunikation/Manipulation und sie geben diese Taktiken untereinander weiter.

Wichtig ist ebenfalls zu verstehen, wie der Zuhälter seine Beziehung zu dem Mädchen/der Frau aufbaut. Die Autorin des oben genannten Buches schreibt auch über die sog. „perverse Verführung“. Sie spricht von einer Vorbereitungsphase, während der das Opfer destabilisiert wird und zunehmend sein Selbstvertrauen einbüßt.

Ein Zitat hieraus:

„Es geht darum, es zunächst zu verführen, dann zu beeinflussen, schließlich der eigenen Macht zu unterwerfen und ihm dann jegliche Freiheit zu nehmen…“ [7] „Mit Wahn wie bei der verliebten Idealisierung, wo man sich, um die Liebe zu bewahren, weigert, die Fehler oder Schwächen des anderen zu sehen, hat das alles nichts zu tun, es ist Einverleibung – mit dem Ziel zu zerstören… [8] „Beherrschender Einfluss oder Dominanz: das ist die geistige oder seelische Bevormundung in einem Abhängigkeitsverhältnis. Die Macht verführt den anderen, er wird hilflos, er kann gar nicht anders als einwilligen und zustimmen. Dies erfordert unter Umständen verschleierte Drohungen oder Einschüchterungen, denn er muss geschwächt werden, um ihm die eigenen Ansichten aufzwingen zu können.“ [9]

„Das Opfer ist in einem Spinnennetz gefangen, zur Verfügung gehalten, psychologisch gefesselt, betäubt. Ihm ist oft nicht einmal bewusst, dass ein Übergriff stattgefunden hat… Weil er die Wünsche des anderen ausschaltet und all seine Eigentümlichkeit beseitigt, hat der beherrschende Einfluß diese unleugbar zerstörerische Komponente. Nach und nach findet das Opfer seine Widerstandskraft und seine Widerspruchsmöglichkeiten aufgerieben…“ [10]

Übertragen auf die „Loverboy“-Fälle läuft das auch so ab.

Der „Loverboy“ ist meist älter als das Mädchen oder die Frau, es besteht ein großes Machtgefälle, nachdem er Vertrauen hergestellt hat besitzt er beherrschenden Einfluss und setzt sie unter Druck, gibt zum Beispiel Schulden vor.

Wenn es das erfordert, kommen Drohungen oder Einschüchterungen ins Spiel, sie kann auch mit Bildern oder Sonstigem erpresst werden. Sie wird durch verschiedene Vorgehensweisen geschwächt und gefügig gemacht. Sie wird psychologisch gefesselt.

Das ist die Anfangsstrategie. Am Anfang also wird die Liebe benutzt um die Mädchen und Frauen in die Prostitution zu bringen. Doch was geschieht dann? Die Autorin schreibt einen wichtigen Satz in ihrem Buch:

„Zunächst gehorchen sie, um ihrem Partner Freude zu bereiten oder um ihn aufzurichten, weil er unglücklich aussieht. Später werden sie gehorchen, weil sie Angst haben.“ [11]

Wenn das Mädchen/die Frau den „Loverboy“ kennenlernt, hat sie allein Gefühle der Liebe, was sich dann mit der Prostitution ändert.

Dem Gefühl der Liebe folgen Gefühle wie Verzweiflung, Ungewissheit und Angst. Nach dem Umzug zu meinem Zuhälter rutschte ich vom alltäglichen Schulleben in die Milieu-Kriminalität, hatte mit Hells Angels und weiteren zu tun.

Sie bekommen mit diesen Menschen innerhalb des Milieus keine Probleme, solange sie sich an die Regeln halten. Und diese Regeln haben nichts gemeinsam mit normalgesellschaftlichen Regeln. Manfred Paulus, Ex-Kriminalhauptkommissar, drückt es so aus:

Diese Milieugesetze sind von größter Bedeutung. In der Parallelgesellschaft Rotlichtmilieu finden die Spielregeln und Normen der Allgemeinheit und ihre Gerichtsbarkeit keine Anerkennung. Das Milieu hat eigene Wertvorstellungen, eigene Spielregeln, eigene Gesetze. Es hat eigene Ermittler, eigene Richter und wenn erforderlich auch eigene Henker.“ [12]

Diese Aussage kann ich zu 100 % bestätigen.

Was ich häufig bei Prostituierten gesehen habe ist, dass sie funktionieren, weil sie wissen, was in diesen Kreisen mit Menschen passieren kann, wenn sie nicht funktionieren, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Auch hier haben wir seelische Gewalt, denn es werden oft gezielt Anspielungen auf mögliche Konsequenzen gemacht. Es ist ein Ertragen der Situation aus Angst vor der Ungewissheit, was ansonsten passiert. Und diese Kreise von denen ich spreche, um es auf den Punkt zu bringen, ist die organisierte Kriminalität. Und sie kommt nicht nur vereinzelt vor, ich habe sie überall gesehen, sie steuert das komplette Milieu. Manfred Paulus sagt dazu:

Frauenhandel mit dem Ziel der Sexsklaverei ist seit jeher, spätestens jedoch seit den Grenzöffnungen nach Osten hin, ein Betätigungsfeld von Tätergruppierungen, die dem Organisierten Verbrechen zuzuordnen sind. Und Deutschland lädt diese viel beschriebenen und zurecht gefürchteten OK-Gruppierungen durch seine zentrale geografische Lage, seine wirtschaftlichen Gegebenheiten, seine hohe Nachfrage nach illegalen Gütern (so auch nach den Opfern dieses Marktes) und nicht zuletzt durch seine anhaltend täterfreundlichen (gesetzlichen) Bedingungen geradezu ein. Und diese Gruppierungen nehmen die Einladung seit Jahren dankend und in hohem Maße an.“ [13]

Um auf das Thema seelische Gewalt zurückzukommen und es zum Abschluss zu bringen, hier noch ein Zitat aus Sun Tsus Buch, welches im Hinblick auf die Prostitution den Nagel auf den Kopf trifft:

„Bringe deine Soldaten in Positionen, aus denen es keinen Fluchtweg gibt, und sie werden den Tod der Flucht vorziehen. Wenn sie den Tod vor sich sehen, gibt es nichts, was sie nicht erreichen können. Wenn es keinen Fluchtweg gibt, bleiben sie standhaft… Wenn sie keine Hilfe erwarten, werden sie hart kämpfen. So bleiben die Soldaten, ohne Befehle zu erwarten, ständig wachsam, und sie tun, was du willst, ohne angeleitet zu werden; sie werden ohne Vorbehalte treu sein; du kannst ihnen trauen, ohne Befehle geben zu müssen.“

Das ist ein sehr bedenkliches Zitat, aber es passt „übersetzt“ leider wie angegossen auf die Situation vieler Prostituierter: Prostituierte werden in eine Position gebracht, aus der sie keinen Ausweg mehr sehen (sie haben also keinen Fluchtweg). Wenn sie keinen Fluchtweg sehen, können sie logischerweise nicht fliehen, sitzen fest und müssen ertragen, was da mit ihnen passiert. Sie müssen jeden Tag ertragen von fremden Menschen penetriert und gedemütigt zu werden. Weil sie den Ausweg nicht finden, bleiben sie standhaft… denn sie haben keine andere Wahl. Sie erwarten keine Hilfe und werden deswegen hart kämpfen um zu überleben. Ohne diesen Fluchtweg zu haben bleiben sie gezwungenermaßen wachsam und tun, was von ihnen gewollt wird, ohne angeleitet zu werden; sie werden ohne Vorbehalte treu sein; man kann ihnen trauen, ohne Befehle geben zu müssen.

Die Ausmaße von seelischer Gewalt können enorm sein. Zum Abschluss möchte ich die Autorin nochmal zu Wort kommen lassen:

„Auch wenn sie nonverbal, versteckt, unterdrückt bleibt, die Gewalt ist dennoch da: im Unausgesprochenen, in den Anspielungen, in den absichtlichen Auslassungen, und dadurch überträgt und erzeugt sie Angst.“ [14]

Wenn mir heute so jemand unter die Augen treten würde, hätte derjenige keine Chance, aber viele vor allem junge Menschen haben diese Widerstandskraft noch nicht entwickelt, sind leicht zu manipulieren und es ist wichtig, zu versuchen sie davor zu bewahren und zu versuchen, diejenigen, die betroffen sind, da rauszuholen. Das schafft man aber nicht, wenn man sagt sie seien aufgrund von Naivität und Dummheit selbst schuld daran in der Prostitution gelandet zu sein.

Von den Zuhältern bekommen sie gesagt: „Wenn mir etwas passiert, weil du dich nicht prostituierst, bist du Schuld.“ Wenn dann noch von Stimmen aus unserer Gesellschaft kommt: „Du bist selbst schuld, wenn du darauf reinfällst, wenn du das machst“, dann ist das ein doppelter Schuldzuspruch und der Schuldzuspruch der Gesellschaft kommt den Zuhältern zu Gute – sie nutzen ihn für sich, weil er, wenn auch unbewusst, bewirkt, dass sich die Betroffenen dann komplett in ihrer Schuld gefangen fühlen und eher in dem System verharren als gäbe es eine Gesellschaft, die sich klar positioniert und sagt: „Nein, du bist nicht schuld, wir reichen dir die Hand ohne dir Vorwürfe zu machen.“

Das Projekt „Liebe ohne Zwang“ [15] beinhaltet einen Workshop, der an Schulen durchgeführt werden kann und versucht, junge Menschen für diese „Loverboy“-Thematik zu sensibilisieren. Es braucht mehr von solchen Initiativen. Im Alltag erfahre ich leider von vielen jungen Leuten, dass auch sie nicht wissen, wo es im Bezug auf Liebe eine Grenze zu setzen gilt und dass ein Mensch, der sie liebt, niemals verlangen würde Dinge zu tun, die ihre Grenzen überschreiten. Ihnen dieses Gespür und die Selbstsicherheit dafür zu vermitteln, nicht über die eigenen persönlichen Grenzen für jemand anderen hinausgehen zu müssen, ist essenziell.

Nun möchte ich auf den nächsten Punkt eingehen und damit das Strafrecht ins Spiel bringen. „Loverboy“-Delikte werden strafrechtlich geahndet. Beim Bundeskriminalamt fallen sie in den Bereich des Menschenhandels:

„Häufige Tatbegehungsform durch die Täter ist die „Loverboy-Methode“. Betroffene hiervon sind oft minderjährige Mädchen und junge Frauen aus allen Gesellschaftsschichten. Sie werden von „Loverboys“ angesprochen und zunächst vorgegaukelt, die Männer seien in sie verliebt. Die „Loverboys“ geben ihnen Aufmerksamkeit, Komplimente, Zuneigung und oft auch Geschenke. Gleichzeitig machen sie die Opfer emotional abhängig und entfremden sie ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis. Später verleiten oder zwingen sie sie zur Prostitution. Oft gaukeln sie ihren Opfern vor, das so verdiente Geld zum Aufbau einer gemeinsamen Zukunft verwenden zu wollen. Die Opfer sind oft schwer zu erkennen, da sie sich häufig selbst nicht als Opfer wahrnehmen.“ [16]

Wie im klassischen Menschenhandelsbereich gibt es auch hier nur selten Prozesse, von den Verurteilungen ganz zu schweigen.

Warum gibt es so viele Zuhälter, die sich vermehrt so verhalten? Die Frage ist relativ einfach zu beantworten. Sie benutzen die „Loverboy“-Methode, weil es der sicherste und wahrscheinlichste Weg ist eine Strafbarkeit zu umgehen, weil sie so am Unsichtbarsten bleiben können und sich hinter der vermeintlichen Freiwilligkeit der Prostituierten verstecken können.

Helmut Sporer von der Kriminalpolizei Augsburg, der in dem Bereich tätig ist, sagt folgendes:

Der Loverboy-Zuhälter ist denke ich der Intelligentere als der brutale Zuhälter, der eben physische Gewalt ausübt, weil er auch schwieriger zu fassen ist und weil die Beweisführung schwieriger ist – die Abgrenzung zwischen Freiwilligkeit, was macht das Mädchen aus eigenem Antrieb, oder nur weil es ihr Freund, den sie liebt und der sie täuscht, sie dazu manipuliert, das ist ganz ganz schwierig rauszuarbeiten bei Verfahren, bei Vernehmungen.“ [17]

Dass „Loverboy“-Delikte laut BKA in den Bereich des Menschenhandels fallen, habe ich gerade erwähnt, aber wie sind sie gesetzlich genau zuzuordnen? Ich möchte hier kurz auf den aktuellen Menschenhandelsparagraphen eingehen (und hier ist besonders auf das Tatbestandsmerkmal der „List“ zu achten, denn bei Anwendung dieses Tatmittels werden auch Personen ab 21 Jahren geschützt – unter 21 Jahren braucht es ein solches Tatmittel gar nicht und ein „anwerben, befördern, weitergeben, beherbergen oder aufnehmen“ genügt).

In § 232 StGb heißt es in Abs. 1:

„Mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer eine andere Person unter Ausnutzung ihrer persönlichen oder wirtschaftlichen Zwangslage oder ihrer Hilflosigkeit, die mit dem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist, oder wer eine andere Person unter einundzwanzig Jahren anwirbt, befördert, weitergibt, beherbergt oder aufnimmt, wenn

  1. diese Person ausgebeutet werden soll

          a) bei der Ausübung der Prostitution…“

In Abs. 2 heißt es:

Mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer eine andere Person, die in der in Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 bis 3 bezeichneten Weise ausgebeutet werden soll,

  1. mit Gewalt, durch Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List anwirbt, befördert, weitergibt, beherbergt oder aufnimmt oder“

Mit dem Änderungsgesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Menschenhandels vom Oktober 2016 steht im § 232a StGb die Zwangsprostitution und in § 232a Abs. 3 StGb findet man auch das Tatbestandsmerkmal der „List“:

„Mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer eine andere Person mit Gewalt, durch Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List zu der Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution oder den in Absatz 1 Nummer 2 bezeichneten sexuellen Handlungen veranlasst.“

In der Gesetzesbegründung zu § 232a StGb wird ausdrücklich bemerkt, dass die Rechtsprechung bei den sog. „Loverboy“-Fällen das Tatbestandsmerkmal der List angenommen hat (BT-Drs. 18/9095, 34). [18]

In der Gesetzesbegründung heißt es: „Dazu ist auf Rechtsprechung hinzuweisen, die das Tatbestandsmerkmal der List bejaht, wenn der Täter mit Hilfe der „Loverboy“-Masche (vgl. zu dieser Fallgestaltung die Begründung zu § 232 Absatz 2 Nummer 1) günstigere Voraussetzungen dafür schafft, das Opfer in die Prostitution zu bringen. Entscheidend sind danach das gezielte Vorgehen und die Einflussnahme im Vorfeld der Prostitutionsaufnahme. So werden häufig Mädchen und Frauen umworben, die aus prekären familiären, sozialen und finanziellen Situationen kommen. Wenn der Täter durch Geschenke, Einladungen und dem Vorspielen einer Liebesbeziehung bis hin zu dem Versprechen einer gemeinsamen Zukunft das Opfer aus der familiären Bindung löst oder zum Abbruch einer Ausbildung oder zur Aufgabe einer Berufstätigkeit bringt, oder auf sonstige Weise seinen Einfluss mehrt, dann schafft er damit zunächst eine günstige Situation zur Aufnahme der Prostitution, danach erfolgt die Ansprache des Täters, dass das Opfer für eine gemeinsame Zukunft Geld verdienen müsse und dies mit Prostitution gut zu verdienen sei.“ [19]

Oftmals liegt dann auch ausbeuterische Zuhälterei vor, wenn der „Loverboy“ das Mädchen/die Frau nicht allein zum Obigen veranlasst, sondern sie dann eben noch selbst in der Prostitution ausbeutet.

Da diese Veranstaltung aber nicht „LoverboyAus“, sondern „RotlichtAus“ heißt, möchte ich zum Abschluss auch noch etwas Generelles über Prostitution sagen und mich hier ganz klar für ein Sexkaufverbot nach dem sog. „Nordischen Modell“ positionieren. Warum das?

In 6 Jahren Prostitution und Rotlichtmilieu habe ich sehr viel erlebt und gesehen. Keinen Club ohne Menschenhandel, keinen Club ohne Zuhälterei, keinen ohne Zwangsprostitution und keinen ohne Gewalt. Warum gibt es all das in dem Ausmaß, wie wir es hier in Deutschland haben? Aufgrund der Legalität von Sexkauf gibt es eine extrem hohe Nachfrage, unzählige an Menschen, die Sex kaufen, weil sie Sex kaufen können. Diese immense Nachfrage gilt es zu decken und das ist ein absolut lukratives Geschäft für Menschenhändler. Je mehr Nachfrage besteht, desto mehr Geld können sie verdienen.

Das Europäische Parlament spricht in seiner Entschließung bzgl. der Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels vom 12. Mai 2016 auch diese Nachfrage an:

„in der Erwägung, dass die Nachfrage nach Frauen, Mädchen, Männern und Jungen im Prostitutionsgewerbe ein entscheidender Sogfaktor für Menschenhandel zwecks sexueller Ausbeutung ist;…

 in der Erwägung, dass die Arten von Prostitution, bei denen Opfer von Menschenhandel am ehesten zu finden sind, wie etwa die Straßenprostitution, in Ländern, die den Kauf von Sex sowie Aktivitäten, die der Erzielung von Gewinnen aus der Prostitution anderer dienen, unter Strafe gestellt haben, zurückgegangen sind;…

in der Erwägung, dass der Menschenhandel mit Frauen, Mädchen, Männern und Jungen zu Zwecken der sexuellen Ausbeutung in den Ländern, in denen die Nachfrage, einschließlich Zuhälterei und des Erwerbs sexueller Dienstleistungen, inzwischen strafrechtlich verfolgt wird, zurückgegangen ist;…

stellt fest, dass ein gemeinsames Verständnis der Mitgliedstaaten im Hinblick darauf fehlt, was die Nachfrage nach Ausbeutung ausmacht, und fordert die Kommission und die Mitgliedstaaten auf, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen und gleichzeitig die Sensibilisierung für alle Formen des Menschenhandels, insbesondere sexuelle Ausbeutung, zu erhöhen…

weist auf die Daten hin, die die abschreckende Wirkung der Kriminalisierung des Kaufs sexueller Dienstleistungen in Schweden belegen; betont die normative Wirkung dieses Regulierungsmodells und sein Potenzial, die Haltung der Gesellschaft zu ändern, um die Nachfrage nach Dienstleistungen der Opfer des Menschenhandels insgesamt zu verringern;…“ [20]

Es ist denklogisch nachzuvollziehen, dass das System bei Reduktion der Nachfrage verkleinert werden kann. Wäre es für meinen Zuhälter nicht so lukrativ und so offensichtlich einfach gewesen mit mir Geld zu verdienen, hätte er das nicht getan. Natürlich wird es immer Menschen geben, die es trotzdem versuchen und tun, aber die Anzahl derer würde mit einem Sexkaufverbot niedriger.

Das Europäische Parlament hat in einer Resolution von 2014 auch folgendes geschrieben:

„Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde. Da die Menschenwürde in der Charta der Grundrechte ausdrücklich erwähnt wird, ist das Europäische Parlament verpflichtet, über die Prostitution in der EU zu berichten und zu prüfen, auf welche Weise die Gleichstellung der Geschlechter und die Menschenrechte in dieser Hinsicht gestärkt werden können… Es liegen immer mehr Beweise dafür vor, dass mithilfe des „Nordischen Modells“ die Prostitution und der Frauen- und Mädchenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können.

Unterdessen sehen sich die Länder, in denen die Zuhälterei legal ist, nach wie vor mit Problemen konfrontiert, die den Menschenhandel und das organisierte Verbrechen im Zusammenhang mit der Prostitution betreffen. Deshalb wird in diesem Bericht das „Nordische Modell“ unterstützt, und die Regierungen der Mitgliedstaaten, die beim Umgang mit der Prostitution einen anderen Ansatz verfolgen, werden aufgefordert, ihre Rechtsvorschriften vor dem Hintergrund der Erfolge in Schweden und in den anderen Ländern, die dieses Modell angenommen haben, zu überprüfen. Auf diese Weise könnten erhebliche Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter in der Europäischen Union erzielt werden.“ [21]

Und etwas, was ganz wichtig ist, erwähnt das EU-Parlament hier auch noch, weil seitens der Prostitutionslobby immer argumentiert wird, man würde Prostituierte mit einem Sexkaufverbot stigmatisieren. Nein, das ist falsch:

Dieser Bericht ist nicht gegen Frauen gerichtet, die als Prostituierte arbeiten. In dem Bericht wird gegen die Prostitution, aber zugunsten der Prostituierten argumentiert. Mit der Empfehlung, dass der Käufer – d. h. der Mann, der Sex kauft – als der Schuldige betrachtet wird, und nicht die Prostituierte, stellt dieser Bericht einen weiteren Schritt auf dem Weg zur vollständigen Gleichstellung der Geschlechter in der gesamten Europäischen Union dar.“ [22]

Auch der Europarat nimmt 2014 in einer Resolution Stellung:

„consider criminalising the purchase of sexual services, based on the Swedish model, as the most effective tool for preventing and combating trafficking in human beings;… (zu deutsch: betrachtet die Kriminalisierung des Kaufs von sexuellen Diensten, basierend auf dem schwedischen Modell, als das wirksamste Instrument zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels;…)

if they have legalised prostitution:

raise general public awareness of the need to change attitudes towards the purchase of sexual services and to reduce the demand… (zu deutsch: wenn Prostitution legal ist, schärfen sie das Bewusstsein der Menschen, die Einstellung im Hinblick auf den Kauf von sexuellen Dienstleistungen zu ändern und die Nachfrage zu reduzieren…) “ [23]

Warum die Freier bestrafen und nicht die Prostituierten? Sie sind in der Lage zu entscheiden, sie haben immer die Wahl zu kaufen oder zu gehen. Sie sind immer frei, während der Großteil der Prostituierten diese Wahl, zu gehen oder sich zu prostituieren, nicht hat.

Wenige reden über Freier, darüber, wie Prostitution, egal ob gezwungen oder freiwillig, in der größten Mehrheit stattfindet. Es ist aber wichtig, sich auch auf die Freier zu fokussieren, denn letztlich sind sie es, die die Prostituierten im Zimmer brechen.

Ich habe sehr lange in einem Bordell mit Nachtbetrieb als einzige Deutsche gewohnt, weil ich dort als Prostituierte tätig war, und habe auch viele Zimmergänge mit Freiern und anderen Prostituierten zusammen ausgeführt, auch mit welchen, die keinen Zuhälter hinter sich stehen hatten und wie viele sagen würden, es freiwillig getan haben. Und glauben Sie mir, wenn ich von dem weg gehe was ich selbst am eigenen Körper erlebt habe, werde ich diese Bilder von Verachtung, von Gewalt, von Brutalität der Freier gegenüber den anderen Prostituierten niemals vergessen. Und ich frage Sie: wenn dort eine Frau, zu gepumpt mit Alkohol und oft auch weiteren Drogen, um das ertragen zu können, leblos auf dem Bett liegt und sich zur Verfügung stellt, sich gewaltvoll penetrieren und demütigen lässt, weil sie sich bereits aufgegeben hat und dabei innerlich immer weiter zerbricht, ist das etwas, was man als Gesellschaft zulassen kann, zulassen möchte? Ist das Freiwilligkeit, die man mit Reglementierungen in den Griff kriegt? Ist das vereinbar mit der Menschenwürde?

Bei all der Gewalt, die ich durch Freier erlebt habe, denke ich auch, dass es für viele von ihnen ein Hilfsmittel sein kann, eine Vorgabe vom Gesetzgeber zu haben, dass es nicht in Ordnung ist Sex zu kaufen, denn glauben Sie nicht, dass alle nach so manch einer Gewalttat immer glücklich nachhause gegangen sind. Die meisten Freier haben sich zwar nicht für das Leid der Prostituierten interessiert, es war ihnen schlicht egal und manche von ihnen ergötzten sich noch daran. Allerdings gab es auch solche, die sich nach dem Akt vor dem Spiegel anzogen, hineinblickten und davor erschraken, zu was sie eigentlich fähig sind und was sie hier eigentlich tun. Spiegel Online hat im August einen Artikel über mich veröffentlicht und danach bekam ich viele Mails von Freiern und es gab auch einige Diskussionen. In einigen Beiträgen davon habe ich genau die Art von Freiern wieder erkannt, die damals vor diesem Spiegel standen. In den Kommentaren und Mails schrieben sie mir, dass es ihnen leid tut und dass sie eigentlich immer im Gefühl hatten, dass viele Prostituierte, bei denen sie waren, schrecklich darunter gelitten hätten, sie es als Freier aber nicht wahr haben wollten, sie es sich schön geredet haben, weil überall verkauft wird, dass Prostitution doch ein ganz normaler Beruf sei.

Ich glaube, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft wissen oder ahnen, dass Prostitution in der großen Mehrheit nicht das ist, was ihnen oft verkauft wird. Und ich würde mir wünschen, dass sie das nicht nur im Stillen denken, sondern aufstehen und wie hier in Marburg etwas tun.

Deshalb möchte ich danke sagen an Marburg und allen, die diese Veranstaltung und die Plakataktion ins Leben gerufen und organisiert haben. Vor der Veranstaltung haben wir uns die ganzen RotlichtAus Plakate in der Stadt angesehen und das war wirklich überwältigend, denn diese Plakate sind nicht nur ein Zeichen an unsere Gesellschaft und an die Freier, dass in diesem Bereich eben doch nicht alles in Ordnung ist, sondern sie sind auch ein Zeichen für die sich noch prostituierenden Menschen, die unerträgliches an Leid erleben, dass da draußen jemand ist, der um ihr Leid Bescheid weiß, der sie versteht und versucht, etwas zu verändern, etwas zu verbessern, der hinsieht anstatt wegzusehen, der sie nicht allein lässt – und das gibt Hoffnung!

 

Unbenannt

 

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Fußnoten:

[1] http://www.no-loverboys.de/loverboys/wer-ist-ein-loverboy/

[2] siehe Fußnote 1

[3] https://www.polizei-dein-partner.de/nc/themen/internet-mobil/detailansicht-internet-mobil/artikel/die-loverboy-methode.html

[4] siehe Fußnote 3

[5] https://www.polizei-dein-partner.de/nc/themen/internet-mobil/detailansicht-internet-mobil/artikel/die-loverboy-methode.html?tx_ttnews[sViewPointer]=1

[6] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 132/133

[7] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 115

[8] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 116

[9] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 117

[10] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 117/118

[11] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 118

[12] https://www.kriminalpolizei.de/ausgaben/2011/juni/detailansicht-juni/artikel/rotlicht-und-organisierte-kriminalitaet.html

[13] siehe Fußnote 12

[14] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 121

[15] https://liebe-ohne-zwang.de/

[16] https://www.bka.de/DE/IhreSicherheit/RichtigesVerhalten/VerdachtDesMenschenhandels/verdachtDesMenschenhandels_node.html

[17] Verliebt, verführt, verkauft /Reportage & Doku/ https://www.youtube.com/watch?v=HeYSSyeAujc

[18] BeckOK StGB/Valerius, 35. Ed. 1.8.2017, StGB § 232 Rn. 41-45

[19] http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/090/1809095.pdf

[20] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FNONSGML+TA+P8-TA-2016-0227+0+DOC+PDF+V0%2F%2FDE

[21] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FTEXT+REPORT+A7-2014-0071+0+DOC+XML+V0%2F%2FDE

[22] siehe Fußnote 21

[23] http://semantic-pace.net/tools/pdf.aspx?doc=aHR0cDovL2Fzc2VtYmx5LmNvZS5pbnQvbncveG1sL1hSZWYvWDJILURXLWV4dHIuYXNwP2ZpbGVpZD0yMDcxNiZsYW5nPUVO&xsl=aHR0cDovL3NlbWFudGljcGFjZS5uZXQvWHNsdC9QZGYvWFJlZi1XRC1BVC1YTUwyUERGLnhzbA==&xsltparams=ZmlsZWlkPTIwNzE2

Gespräch mit Lisa Harmann

 

Lisa Harmann hat mir ein paar Fragen gestellt:

Sandra Norak* schaffte zum ersten Mal an, da war sie 18. Es sollte sechs Jahre lang dauern, bis sie sich selbst aus dem Sumpf der Prostitution befreien konnte. Heute macht sie sich für das „Nordische Modell“ stark, in dem unter anderem Freier für ihren Besuch bei Prostituierten bestraft werden – und hat dafür ihre Gründe.

Frau Norak, Sie sind Jura-Studentin, 27 Jahre alt, aber Sie sind nicht wie die anderen in Ihrem Jahrgang, denn von 2008 bis 2014 waren Sie in der Prostitution. Wie kam es dazu?

Sandra Norak: Als Schülerin lernte ich im Internet einen „Loverboy“ kennen. Während ich zuhause große Probleme hatte, vermittelte er mir Halt und Liebe und ebnete mir den Weg in die Prostitution.

Wusste Ihre Familie davon?

Norak: Ein paar Leute fanden heraus, dass ich mich prostituierte, aber sie wussten nicht über die wirklichen Umstände Bescheid.

Selbst schuld, sagen einige, wenn man sich auf einen „Loverboy“ einlässt. Was entgegnen Sie ihnen?

Norak: „Loverboys“ sind Männer, die gezielt nach jungen Mädchen oder Frauen Ausschau halten und ihnen Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie binden sie emotional an sich und erst wenn diese Bindung besteht, kommt die Prostitution ins Spiel, wobei es verschiedene Vorgehensweisen von „Loverboys“ gibt.

Meiner war um die 20 Jahre älter als ich und ein Ex-Fremdenlegionär. Er verherrlichte das Buch „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Dieses Buch ist ein Kriegsstrategie-Klassiker. Die Autorin und Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, welches das Thema „seelische Gewalt“ behandelt, einige Male auf Sun Tsus Buch indem sie seine Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen überträgt und nennt Menschen, die beispielsweise wie mein „Loverboy“ agieren, „die Perversen“. Ihr Buch fand ich erst vor einiger Zeit. „Loverboys“ planen alles von Anfang an. Vor allem junge Menschen sind leicht manipulierbar und sehr gefährdet.

Haben Sie das Gefühl, dass jede Frau auf so einen Menschen reinfallen könnte?

Norak: Nein, es gibt „Push“ – und „Pull-Faktoren“ im Bereich des Menschenhandels, vor allem bei der Migration osteuropäischer Frauen, die in der Prostitution landen. Während Push-Faktoren Menschen in Richtung Prostitution drücken können, wie zum Beispiel Perspektivlosigkeit und Armut, (sexuelle) Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit, etc., können Pull-Faktoren weiter hineinziehen, wie die „Loverboys“ mit ihren falschen Versprechen oder bei Osteuropäerinnen oftmals das Versprechen eines guten Jobs und eines besseren Lebens in Deutschland. Die „Loverboy-Methode“ ist ein komplexer, durchgeplanter und perfider Isolationsprozess. Im Rotlichtmilieu gibt es regelrechte „Schulen“, um diese Taktik beherrschen zu lernen.

Wie sah denn Ihr Tagesablauf damals aus? Gab es da Routinen?

Norak: Mich prostituieren, essen, schlafen. Ich bekam vom Leben draußen gar nichts mehr mit und verwahrloste immer mehr.

Welche Menschen kamen in diesen sechs Jahren zu Ihnen?

Norak: Alle Möglichen. Freier aus jeder Schicht, jedem Beruf, Behinderte, alte und junge Leute, Ledige, Verheiratete, Singles – wobei die meisten liiert oder verheiratet waren. Erschreckend fand ich die hohe Anzahl an Familienvätern. Ich musste feststellen, dass wir leider in einer sehr verlogenen Gesellschaft leben.

Was war das Schlimmste?

Norak: Die Prostitution an sich ist schlimm. Es gibt keine guten Freier und Escort ist genauso Prostitution und seelenraubend wie jede andere Form der Prostitution. Ich hatte viel mit Prostituierten zu tun und egal welche Form sie gerade ausübten oder welchen Freier sie gerade hatten, sie waren danach immer am Ende.

Wie haben Sie das ausgehalten?

Norak: Erst dissoziiert und dann mit viel Alkohol. Seit Beginn des Jura-Studiums beschäftige ich mich auch sehr viel mit der Psychotraumatologie im Hinblick auf die Prostitution und es ist essenziell, dass Menschen darüber Bescheid wissen, wenn sie über Prostitution sprechen. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, eine Abspaltung des Empfindens. Wenn, wie hier, sexuelle Handlungen der Freier unerträglich werden und man physisch nicht weg kann, lässt die Dissoziation einen abschalten. Bewusstsein und Wahrnehmung werden getrübt, man befindet sich in einer Art Trance-Zustand und ist depersonalisiert.

Welche Folgen hatte das?

Norak: Auch wenn Sie dissoziieren, erleben Sie die Situationen natürlich trotzdem. Wenn Sie nun nach den Zimmergängen mit bestimmten Schlüsselreizen wie zum Beispiel dem Parfum des Freiers in Berührung kommen, kann das Flashbacks auslösen. Sie erleben dann vergangene Situationen oder Gefühlszustände wieder und zwar in extremer Stärke. Ich hatte viel mit Panikattacken zu kämpfen. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war. Im Bordell und leider auch in den meisten Beratungsstellen sitzen keine spezialisierten Fachkräfte aus diesem Bereich.

Hatten Sie Hilfe in dieser Zeit?

Norak: Nein, aber ich habe mich auch verschlossen. Das ist ein großes Problem: Die wenigsten Prostituierten trauen sich überhaupt Hilfe zu suchen, weil sie wissen, dass sie so tief unten sind, dass richtige und ernsthafte Hilfe raus aus diesem elendigen Leben leider in unserem Land so gut wie nicht existiert.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?

Norak: Nach ein paar Jahren in der Prostitution habe ich angefangen im Bordell mein abgebrochenes Abitur per Fernstudium nachzuholen, machte unbezahlte Praktika um meinen Lebenslauf zu füllen, bekam einen Minijob und letztlich dann einen Vollzeitjob, der mir den kompletten Ausstieg ermöglichte.

Wie ging es Ihnen danach?

Norak: Nicht gut. Ich hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen und wusste sehr lange Zeit nicht, was da überhaupt mit mir los war.

Sie sagen, im Grunde prostituiert sich niemand freiwillig, wie meinen Sie das genau?

Norak: Ich habe keine Frau gesehen, die in der Prostitution sein wollte. Nun wird oft angebracht, es gäbe ja auch Menschen, die nicht gerne putzen wollen und trotzdem putzen gehen. Das kann man nur ganz und gar nicht vergleichen. Wenn erfahrene Traumatherapeutinnen und Traumatherapeuten über die Folgen von Prostitution sprechen, dann berichten sie von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, die sich nur nach schweren Traumatisierungen entwickeln können. Beim Putzen bekommt man die sicher nicht. In der Literatur über Trauma und Prostitution findet man auch Studien darüber, dass die überwiegende Anzahl an Frauen, die sich freiwillig prostituieren, bereits in ihrer Kindheit diverse Formen von Gewalt erlebten und die Gewalt, wie sie sie dann auch weiter in der Prostitution erfahren, einzig durch die bereits entwickelten Schutzmechanismen aushalten können und dabei aber weiter traumatisiert werden. Hier von Freiwilligkeit zu sprechen ist zynisch. Es geht auch nicht darum, Prostituierte zu pathologisieren, sondern darum zu verstehen, dass Prostitution ein in sich geschlossenes Gewaltsystem ist.

Sie schreiben das Blog „Die Wahrheit über das Leben in der Prostitution“ und gehen mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Warum?

Norak: Ich mag nicht mehr einfach zusehen wie Menschen in der Prostitution jeden Tag systematisch zerstört werden und will das Leid, was ich gesehen habe, nicht mit verantworten. Nichts tun, obwohl man etwas tun kann, bedeutet mit verantworten. Wir haben in unserer Gesellschaft schon viel zu viel Gleichgültigkeitsempfinden in Bezug auf so viele Dinge.

Heute kämpfen Sie für die Abschaffung der Prostitution. Wie engagieren Sie sich?

Norak: Ich schreibe, um zu versuchen, das Thema verständlicher zu machen und bin Mitglied bei „Sisters e.V.“. Ich unterstütze die Kampagne „Rotlichtaus“, denn wir brauchen in Deutschland und noch in vielen anderen Ländern das „Nordische Modell“. Auch das Europäische Parlament hat sich 2014 dafür ausgesprochen. Erfahrungen zufolge ist es zudem das effektivste Mittel gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Bereits viele Menschen und Organisationen, auch auf internationaler Ebene, stellen sich schon seit einigen Jahren unermüdlich dem Kampf gegen Prostitution und Menschenhandel. Einfach ist dieser Weg nicht, aber es ist ein Weg, den es lohnt zu gehen. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen anfangen ihn zu beschreiten.

*Sandra Norak ist der Name, mit dem sich die Interviewte der Öffentlichkeit stellt. Es ist nicht ihr richtiger Name.

 

Quelle:

EU-Parlament über das „nordische Modell“

 

Hier ein kleiner Auszug über Prostitution und die Wirksamkeit des nordischen Modells – vom Europäischen Parlament:

„Es steht jedoch außer Frage, dass es sich bei Prostitution und sexueller Ausbeutung eindeutig um geschlechtsspezifische Phänomene handelt, d. h. Frauen und Mädchen verkaufen – freiwillig oder unter Zwang – ihren Körper an Männer, die für die Dienstleistung bezahlen. Darüber hinaus sind die meisten Personen, die Opfer von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung werden, Frauen und Mädchen.

Eine Form der Gewalt gegen Frauen und eine Verletzung der Menschenwürde und der Gleichstellung der Geschlechter

Prostitution und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen sind Formen der Gewalt und somit Hindernisse, die der Gleichstellung von Frauen und Männern entgegenstehen. Nahezu alle Personen, die sexuelle Dienstleistungen kaufen, sind Männer. Die Ausbeutung in der Sexindustrie ist sowohl Ursache als auch Folge der Ungleichbehandlung der Geschlechter und zementiert die Auffassung, dass die Körper von Frauen und Mädchen käuflich sind.

Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde. Da die Menschenwürde in der Charta der Grundrechte ausdrücklich erwähnt wird, ist das Europäische Parlament verpflichtet, über die Prostitution in der EU zu berichten und zu prüfen, auf welche Weise die Gleichstellung der Geschlechter und die Menschenrechte in dieser Hinsicht gestärkt werden können…

Zwei unterschiedliche Ansätze zum Thema Prostitution und sexuelle Ausbeutung in Europa

Die Frage der Prostitution und der Gleichstellung der Geschlechter wird durch die Tatsache verkompliziert, dass es zwei konkurrierende Modelle für den Umgang mit dieser Problematik gibt. Beim ersten Modell wird die Prostitution als eine Verletzung der Rechte der Frauen und als ein Mittel gesehen, die bestehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu zementieren. Der entsprechende gesetzgeberische Ansatz ist abolitionistisch und kriminalisiert die mit der Prostitution zusammenhängenden Tätigkeiten, in einigen Fällen sogar den Kauf sexueller Dienstleistungen, während die Prostitution selbst nicht illegal ist. Dem zweiten Modell zufolge ist die Prostitution der Gleichstellung der Geschlechter förderlich, indem sie das Recht der Frau propagiert, nach eigenem Ermessen über ihren Körper zu verfügen. Die Befürworter dieses Modells machen geltend, dass die Prostitution nur eine andere Form der Arbeit sei und dass der beste Weg, in diesem Bereich tätige Frauen zu schützen, darin bestehe, ihre „Arbeitsbedingungen“ zu verbessern und die Prostitution als „Sexarbeit“ zu professionalisieren. Somit sind die Prostitution und die damit zusammenhängenden Tätigkeiten im Rahmen dieses ordnungspolitischen Modells legal und geregelt, und es steht den Frauen frei, Manager – auch Zuhälter genannt – anzustellen. Man könnte jedoch auch die Auffassung vertreten, dass die Einstufung von Prostitution und Zuhälterei als normale Tätigkeiten bzw. deren Legalisierung gleichbedeutend ist mit der Legalisierung der sexuellen Sklaverei und der geschlechtsspezifischen Ungleichheit zulasten der Frauen.

In der Europäischen Union gibt es natürlich beide Modelle. In einigen Mitgliedstaaten, z.B. in den Niederlanden, in Deutschland, Österreich und Dänemark ist die Zuhälterei legal, während Prostituierte bzw. einige ihrer Tätigkeiten (wie die Kontaktanbahnung) unter anderem im Vereinigten Königreich, in Frankreich und in der Republik Irland ganz oder teilweise unter Strafe gestellt werden (Hinweis: Frankreich und Irland haben mittlerweile auch das nordische Modell). Allerdings können die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und die sexuelle Unterwerfung nicht wirksam bekämpft werden, wenn man von einer Symmetrie der Geschlechter in der Sexindustrie ausgeht, die es nicht gibt.

Wo Prostitution und Zuhälterei legal sind, häufen sich die Beweise für die Mängel dieses Systems. Im Jahr 2007 räumte die deutsche Regierung ein, dass das Gesetz zur Legalisierung der Prostitution nicht zu einer Verringerung der Kriminalität geführt habe und dass mehr als ein Drittel der deutschen Strafverfolgungsbehörden darauf hingewiesen habe, dass die Legalisierung der Prostitution ihre Arbeit im Zusammenhang mit der strafrechtlichen Verfolgung von Menschenhandel und Zuhälterei erschwert habe. In den Niederlanden erklärte der Amsterdamer Bürgermeister im Jahr 2003, die Legalisierung der Prostitution habe den Menschenhandel nicht verhindert, und es erscheine unmöglich, einen sicheren und kontrollierbaren Bereich zu schaffen, in dem der Missbrauch durch das organisierte Verbrechen ausgeschlossen sei. Dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung zufolge sind die Niederlande derzeit das Hauptzielland für Opfer von Menschenhandel.

Die Wirksamkeit des „Nordischen Modells“

In Anbetracht der Tatsache, dass immer mehr dafür spricht, dass eine Legalisierung der Prostitution und der Zuhälterei die Gleichstellung der Geschlechter in keiner Weise voranbringt und nicht zu einer Verringerung des Menschenhandels führt, wird im vorliegenden Bericht festgestellt, dass der wesentliche Unterschied zwischen den oben beschriebenen zwei Modellen der Gleichstellung darin besteht, dass die Einstufung der Prostitution als normale „Arbeit“ dazu beiträgt, Frauen in der Prostitution zu halten. Dagegen trägt die Einstufung der Prostitution als Verletzung der Menschenrechte der Frauen dazu bei, Frauen von der Prostitution fernzuhalten.

Diese Auffassung wird von den Erfahrungen in Schweden, Finnland und dem Nicht-EU-Mitglied Norwegen gestützt, wo das „Nordische Modell“ für den Umgang mit der Prostitution Anwendung findet. Schweden hat seine Prostitutionsgesetze im Jahr 1999 geändert, um den Kauf von Sex zu verbieten und Prostituierte zu entkriminalisieren. Man kann es auch so ausdrücken, dass die Person, die Sex kauft – nahezu immer der Mann –, nicht jedoch die Prostituierte eine Straftat begeht. In Schweden wurde dieses Gesetz im Rahmen einer allgemeinen Initiative eingeführt, alle Hindernisse auszuräumen, die der Gleichstellung von Frauen in Schweden entgegenstehen.

Diese Rechtsvorschrift hat in Schweden zu erheblichen Auswirkungen geführt. So ist die Zahl der Prostituierten in Schweden nur ein Zehntel so hoch wie im benachbarten Dänemark mit seiner geringeren Bevölkerungszahl, wo der Kauf von Sex legal ist. Das Gesetz hat auch einen Wandel in der öffentlichen Meinung herbeigeführt. So sprachen sich im Jahr 1996 45 % der Frauen und 20 % der Männer für eine Kriminalisierung der männlichen Käufer von Sex aus. Im Jahr 2008 befürworteten 79 % der Frauen und 60 % der Männer das Gesetz. Darüber hinaus bestätigt die schwedische Polizei, dass das „Nordische Modell“ eine abschreckende Wirkung in Bezug auf den Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung hat.

Es liegen immer mehr Beweise dafür vor, dass mithilfe des „Nordischen Modells“ die Prostitution und der Frauen- und Mädchenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können. Unterdessen sehen sich die Länder, in denen die Zuhälterei legal ist, nach wie vor mit Problemen konfrontiert, die den Menschenhandel und das organisierte Verbrechen im Zusammenhang mit der Prostitution betreffen. Deshalb wird in diesem Bericht das „Nordische Modell“ unterstützt, und die Regierungen der Mitgliedstaaten, die beim Umgang mit der Prostitution einen anderen Ansatz verfolgen, werden aufgefordert, ihre Rechtsvorschriften vor dem Hintergrund der Erfolge in Schweden und in den anderen Ländern, die dieses Modell angenommen haben, zu überprüfen. Auf diese Weise könnten erhebliche Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter in der Europäischen Union erzielt werden.

Dieser Bericht ist nicht gegen Frauen gerichtet, die als Prostituierte arbeiten. In dem Bericht wird gegen die Prostitution, aber zugunsten der Prostituierten argumentiert. Mit der Empfehlung, dass der Käufer – d. h. der Mann, der Sex kauft – als der Schuldige betrachtet wird, und nicht die Prostituierte, stellt dieser Bericht einen weiteren Schritt auf dem Weg zur vollständigen Gleichstellung der Geschlechter in der gesamten Europäischen Union dar.“

Quelle: Europäisches Parlament

Prostitution & Menschenhandel

 

Wo Prostitution ist, ist auch Menschenhandel (zum Zweck der sexuellen Ausbeutung) im Spiel – bei der großen Mehrheit.

Versteckt.

Hinter den Kulissen.

Für die meisten nicht sichtbar.

Doch er ist da.

Ich habe ihn gesehen.

Ich habe gehört.

Oft.

Ich weiß um ihn.

Immer mehr vertreten ist die sogenannte „Loverboy-Methode“, mit der auch ich Erfahrungen gemacht habe.

Ganz gefährlich.

Loverboys sind Männer, die gezielt nach Frauen suchen, vorwiegend nach jungen Mädchen, diesen dann Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten, wobei man über das Wort „ausbeuten“ im Sinne z.B. des § 232 Abs. 1 Nr. 1 bzw. Abs. 2 StGb und des § 181a Abs. 1 Nr. 1 StGb streiten kann. In dem Beitrag, den ich unten verlinkt habe, steht dazu noch, dass diese Loverboys zwischen 18 und 28 Jahren sind – nein, es sind Männer jeder Altersklasse.

Ich habe in meinen Beiträgen bis jetzt nie geschrieben, wie mein Weg in die Prostitution komplett verlaufen ist. Ich habe zwar darüber geschrieben, wie gebrochen meine Persönlichkeit zu diesem Zeitpunkt war als ich in die Prostitution eingetreten bin, aber nie darüber, wie ich dann letztlich überhaupt zu ihr, in das Rotlichtmilieu, kam.

Ich kam dazu durch diese „Loverboy-Methode“.

Diese Methode kann auf ganz unterschiedliche Weise funktionieren und stattfinden.

Wie zum Beispiel kann man u.a. hier nachlesen:

Im Visier haben Loverboys nicht nur junge Frauen und Minderjährige, die in materieller Not leben. Sie suchen vor allem nach Frauen mit geringem Selbstvertrauen, die leicht manipulierbar sind. Nach dem scheinbar spontanen Kennenlernen vor Schulen oder Freizeiteinrichtungen oder immer häufiger im Internet verstärken sie den Kontakt. Die Loverboys geben den späteren Opfern das Gefühl von Bestätigung, Anerkennung und Zuneigung. Verliebt sich eine Frau, schnappt die Falle zu. Der angebliche Freund missbraucht ihr Vertrauen, um sie von ihm abhängig zu machen – mit dem klaren Ziel, sie später sexuell und materiell auszunützen… Quelle

Der Loverboy drängt sich Schritt für Schritt zwischen das Mädchen und dessen soziales Umfeld. Die Bindung an ihn wird immer enger, während Freundschaften und Kontakte zur Familie nach und nach zerbrechen. Diese soziale Isolierung läuft so lange, bis das Mädchen das Gefühl hat, dass ihr neuer Freund der Einzige ist, der es versteht… Quelle

So wie in diesen Zeilen beschrieben lief es im Groben bei mir ab. Ich lernte ihn (ca. 20 Jahre älter als ich) im Internet als junges Mädchen kennen, unter anderem nach jahrelang andauernden familiären Problemen, einem Aufenthalt in der Klinik wegen Magersucht sowie nach selbstverletzendem Verhalten (er kannte diese Umstände), und wurde sein „Fang“. Er vermittelte mir Halt, sagte er würde mich lieben, wurde für mich zu meinem „Retter“, zu meinem Lebensmittelpunkt. Nach und nach kamen seine Schulden ins Spiel, seine darauf basierenden Probleme, usw…  Er wusste, welches Spiel er mit mir spielte. Er war ein „alter Hase“ in diesem Bereich, im Rotlichtmilieu, er war ein Altlude, was ich dann nach und nach rausfand. Ich wurde physisch nicht dazu gezwungen mich zu prostituieren – mein Weg in die Prostitution, mein Weg in das „Leben Rotlichtmilieu“, verlief über emotionale Abhängigkeit ihm gegenüber – er stellte meine einzige Bezugsperson dar -, der Ausübung von psychischem Druck auf mich und Angst.

Es war schwer aus diesem Teufelskreis auszubrechen, weil es verstanden wurde mich in der „Spur“ zu halten. Nach ein paar Jahren war ich irgendwann stärker, brach aus diesem System aus und wurde auch in Ruhe gelassen.

Über einen sehr langen Zeitraum hinweg habe ich alles Geld, was ich dort in der Prostitution verdiente, abgegeben. Alles. Die Loverboy-Methode ist aufgegangen.

Und schlussendlich ist es doch so, dass es nicht in Ordnung ist, einen Menschen, egal welchen Alters, überhaupt in die Prostitution zu treiben mit dem Ziel an Geld zu kommen. Denn wenn das erlaubt ist steht fest: jemand kann an einer Person Geld verdienen indem er sie dazu bringt sich zu prostituieren, was bedeutet sich (wissenschaftlich bestätigten) traumatischen Handlungen auszusetzen – wie kann es legitim sein, einen Menschen dazu zu bringen sich immer und immer wieder zu traumatisieren um von der Ausbeute davon zu profitieren? Es sollte nicht legitim sein, selbst wenn weniger als 50 % abgegeben werden müssen.

Und eines möchte ich noch sagen:

Wer Menschenhandel verurteilt und gleichzeitig die Prostitution unterstützt, in welcher Form auch immer, widerspricht sich selbst, denn der Menschenhandel ernährt sich von der Existenz der Prostitution und er ernährt sich noch mehr von der Legalität von Sexkauf, der den Menschenhändlern einen ausgezeichneten Nährboden für ihr kriminelles Treiben gibt. Denn um diese sehr hohe Nachfrage von käuflichem Sex (wie wir sie in Deutschland haben) zu stillen, braucht es ein sehr breit aufgestelltes Angebot.

Es wird immer gesagt man müsse differenzieren zwischen Prostitution und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung/Zuhälterei – leider habe ich in meinen 6 Jahren in der Prostitution gesehen, dass man größtenteils nicht differenzieren kann, weil es bei der großen Mehrheit fließende Übergänge sind.

Wer Prostitution unterstützt, lässt Menschenhandel zwangsläufig weiter gedeihen.

 

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„Mein Herz blutet wegen all der Opfer, die sich noch unter der Kontrolle von anderen befinden. Jetzt, wo wir die Wahrheit über Menschenhandel wissen, können wir ihm nicht den Rücken zudrehen und so tun als ob dieses Problem nicht existieren würde. Er ist wie Krebs, der sich jeden Tag weiter ausbreitet und mehr wird, und es liegt bei jedem von uns unseren Teil dazu beizutragen das Ganze zu beenden.“

– Nicole, eine Überlebende aus den USA –

 

Mehr zu A21 gibt es hier:

http://www.a21.org/