Prostitution

Menschenrechtsverletzung Prostitution

Hier ein neues Video mit mir, welches auf einer Veranstaltung im Rahmen der Menschenrechtswoche in Tübingen aufgenommen wurde. Thema war das dieses Jahr stattfindende 70-jährige Jubiläum der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, die am 10. Dezember 1948 durch eine Resolution der Generalversammlung ins Leben gerufen wurde. Ich sprach über die „Menschenrechtsverletzung Prostitution“.

 

Fachtagung „Die Loverboy-Methode“ + Beitrag von Nadine

 

Grenzüberschreitende Fachtagung von Hadassah an der Universität Saarbrücken zum Thema Loverboys am 14.4. ab 10:30 Uhr

Redner/innen:

Prof. Dr. Jens Vogelgesang, Kommunikationswissenschaften der Universität Stuttgart, Deutschland

Linda Terpstra, Leiterin des Schutzhauses fier, Niederlande

Karin Werkmann, Mitarbeiterin von fier, Niederlande

Viviane Wagner, Verantwortliche der Delegation Mouvement du Nid-Moselle, Frankreich

Inge Hauschildt-Schön, Bürgerinitiative Marburg, Deutschland

– Und ich bin auch dabei!

 

Hadasah

Hadasah2

Mehr dazu hier:

http://hadassah.website/


 

Und im Folgenden findet ihr noch einen kleinen Beitrag von Nadine. Sie war Prostituierte und ihr jetziger Freund half ihr aus der Prostitution raus. Sie hat ihre Geschichte in kurzen Abschnitten aufgeschrieben und möchte sie hier teilen. Ich drücke ihr die Daumen für ihr neues Leben – drückt mit! 🙂

 

Prostitution – Ein Job wie jeder andere!? (by Nadine)

Du hattest doch eine schöne Kindheit, nicht!? Du hattest doch alles! Jedes Spielzeug. Du durftest dich immer mit Freunden verabreden. In der Schule hattest du immer die besten Noten.

Ja. Bis zur weiterführenden Schule stimmt das auch irgendwie. Subjektiv betrachtet. Aber ich war einsam. Du hast mir nie gesagt, dass du mich liebst oder hast mich in den Arm genommen.

Du hast gesagt, du willst von zu Hause raus. Das kostet viel Geld Mädchen. Du liegst mir echt am Herzen, aber ich kann mich doch nicht um alles kümmern. Unser neues Leben kostet viel Geld. Du musst schon was machen. Prostitution. Hm? Na los!

Warum muss ich dir so viel Geld geben? Wofür? Ich weiß, dass du mich manipulierst. Du bist so viel älter als ich. Aber ich brauche dich so sehr. Ich habe doch niemand anderen. Bitte verlass‘ mich nicht!

Wieviel kostest du? Warum machst du es nicht ohne? Eigentlich müsstest du für mich bezahlen! Es ist mir egal, ob es dir weh tut – ich habe schließlich bezahlt. Du bist doch nur eine Nutte!

Schämst du dich nicht für dein Verhalten? Ich bin doch trotzdem ein Mensch! Aber irgendwie auch nicht. Ein Stück Fleisch, welches man benutzt. Ich darf keine Empfindungen haben, sonst gehe ich hier kaputt. Irgendwie wäre es egal. Ich bin mir egal.

Du bist so ein wunderbarer Mensch, das habe ich gleich bemerkt. Du kannst das schaffen! Ich helfe dir dabei. Ich liebe dich! Aufrichtig!

Du bist ein toller Mann. Einer von der Sorte, die ich bislang noch nicht kennen gelernt habe. Ich liebe dich auch! Ich fange an wieder Gutes zu fühlen. Aber dadurch fällt mir der Job nur noch schwerer. Ich kann nun nicht mehr ein totes Stück Fleisch sein.

Wie ist Ihr bisheriger beruflicher Werdegang? Was sind Ihre Stärken? Welches Ihre Schwächen? Aha. Prostitution!? Es tut uns sehr leid, aber das können wir als seriöses Unternehmen leider nicht vertreten. Vielen Dank für Ihre Bewerbung.

Das ist nicht fair! Ich habe Abitur. Ich bin hoch empathisch. Ich bin sehr zielstrebig und gut organisiert. Ich kann mich gut durchsetzen und besitze eine persönliche Reife von der andere träumen. Aber ich bin für unsere Gesellschaft nicht mehr tragbar. Eine ewige Hure also!?

 

Kommentar zu Nadines Text:

Hierzu fällt mir vor allem eine Sache für alle Arbeitgeber/innen ein: ein Opfer von sexueller Gewalt durch die Prostitution sollte man nicht ein zweites Mal zu einem Opfer machen, in dem man es für die Gewalt, die es erlebt hat, beschämt und ausschließt. Denkt mal darüber nach und werdet aktiv! Auch ihr könnt als Unternehmer/innen aktiv werden, in dem ihr euch über die Mechanismen der Prostitution informiert und Integrationsprogramme schafft, bei denen ihr beispielsweise genau für solche Betroffenen Praktika oder Arbeitsplätze anbietet. Unsere Gesellschaft, und damit meine ich ALLE, sollte dabei helfen, diese Menschen, die man damals im Stich gelassen hat, wieder zurück ins Leben zu holen!

Veranstaltung in München am Freitag, den 16.03.18

 

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Interessierte Menschen sind eingeladen zu uns nach München zu kommen!

Und:

„Presseeinladung vom KOFRA: „Spätestens seit der Einführung des umstrittenen Prostituiertenschutzgesetzes stoßen Berichte zu Prostitution oder „Sexarbeit“ auf großes öffentliches Interesse. Dabei dominieren zwei Darstellungsmuster die Debatte: Auf der einen Seite steht ein romantisierender Blick mit der selbstbestimmten und selbstbewussten Sexarbeiterin im Mittelpunkt; ihr mediales Gegenbild ist die unfreiwillig in die Prostitution gedrängte Frau, oft die sehr junge Frau aus dem Ausland, die als Opfer von Menschenhandel in die Prostitution nach Deutschland gezwungen wurde. Die Realitäten der Prostitution und des Erlebens der eigenen Prostituierung, die Vorbedingungen, der Mangel an Ressourcen, die zu dieser Situation führen und auch die für die gesamte Gesellschaft bedeutenden Konsequenzen verschwinden hinter diesen Dichotomien.

Wie sieht die Realität von diesen Bildern aus? Welche Gemeinsamkeiten gibt es in der Prostitution? Und wie soll eine kritische Zivilgesellschaft mit den Folgen umgehen?
Wir sehen einen deutlichen Bedarf und Wunsch in der Öffentlichkeit nach einer sachlichen und faktenbasierten Auseinandersetzung mit der Thematik.

Wir haben die große Freude, Dr. Melissa Farley in München begrüßen zu dürfen. Dr. Farley wird aus ihrer langjährigen und international anerkannten Forschungsarbeit zu Traumatisierungen in der Prostitution berichten.

Anschließend wird Dr. Ingeborg Kraus aus ihren Erfahrungen als Traumatherapeutin heraus zu diesem Themenkomplex Stellung nehmen ebenso wie Marie Merklinger und Sandra Norak, denen der Ausstieg aus der Prostitution gelungen ist.

Wir laden interessierte Journalistinnen und Journalisten sehr herzlich zu dieser Veranstaltung ein. Vor der Veranstaltung wird es eine halbe Stunde Zeit für Ihre Fragen an die Rednerinnen geben, und auch nach den Vorträgen freuen wir uns auf eine rege und konstruktive Diskussion.“

Programm:
In diesem hochkompetent besetztem Podium mit Publikumsdiskussion – mit Vortrag und Berichten von Prostitutions-Überlebenden – geht es genau darum: einen schonungslosen Blick darauf zu werfen, was Prostitution wirklich ist: Gewalt an Frauen. Diskutieren Sie mit den Podiumsteilnehmerinnen.

Begrüßung durch Renate Uzun-Raming, Soziologin und Mitarbeiterin im FrauenTherapieZentum.

  • Dr. Melissa Farley, amerikanische Forscherin. Vorsitzende der Organisation „Prostitution Research & Education“, Autorin mehrerer Werke zu Prostitution, sowie die Leiterin internationaler Studien zu den Frauen in der Prostitution und zu Freiern.
  • Marie Merklinger, Prostitutions-Überlebende, SPACE-Aktivistin, Deutschland .
  • Sandra Norak, Prostitutions-Überlebende und Aktivistin, Mitglied von SISTERS e.V., Deutschland.
  • Dr. Ingeborg Kraus, Fachtherapeutin für Psychotraumatologie die auch mit Prostitutions-Überlebenden arbeitet, sagt was Prostitution mit Menschen machen kann.

Moderation: Dr. Inge Kleine vom Kofra, dem Kommunikationszentrum für Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation.

Zeit: Freitag 16. März von 19:00-21:00 Uhr (Pressegespräche ab 18.30)
Ort: FrauenTherapieZentrum, Güllstr. 3/ 2. Stock, München
Kosten: 7,–€
Anmeldung: kofra e.V., Tel: 089/ 2010450, kofra-muenchen@mnet-online.de, http://www.kofra.de

Quelle: http://www.trauma-and-prostitution.eu/2018/02/02/prostitution-die-unzensierte-wahrheit-muenchen-a-16-03-2018/

Interview zu „Loverboy-Fällen“ mit Staatsanwalt Stefan Willkomm

 

Nachfolgend stelle ich ein gutes Interview mit Staatsanwalt Stefan Willkomm ein. Wir brauchen in Deutschland mehr Spezialkräfte wie ihn in Bezug auf die Verfolgung von Menschenhandelsfällen. Nur wer Bescheid weiß, wie Menschenhandel funktioniert, welche Formen es gibt, auf was man achten muss, etc… kann in diesem Bereich den Opfern helfen. Leider wissen viele aus Polizei und Justiz nicht Bescheid. Herr Willkomm ist hier ein Hoffnungsschimmer und hoffentlich ein Anreiz für andere, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir brauchen mehr spezialisierte Fachkräfte wie ihn, dann sähe unsere Statistik zu Menschenhandel auch ganz anders aus.

Hier das Interview:

„Stefan Willkomm führt seit dem 17. Juli die Anklage gegen einen mutmaßlichen Loverboy vor dem Landgericht Düsseldorf. Es ist der vierte Loverboy-Prozess in Düsseldorf innerhalb von zwei Jahren.

Was wissen Sie über die Vorgehensweise von Loverboys?

Stefan Willkomm: In unseren Verfahren haben wir die Erfahrung gemacht, dass Loverboys sich auf eine besondere Art junger Frauen konzentrieren. Sie versuchen, die ausfindig zu machen und über das Internet, soziale Medien oder Telefonchats Kontakt aufzunehmen. Dann probieren sie, bei den Frauen Interesse zu wecken und so zu tun, als würden sie diese Frau lieben. Wenn es dann zu einer Beziehung kommt, versucht der Loverboy, das Opfer vom Umfeld zu isolieren. Sie soll sich auf ihn fixieren. Im nächsten Schritt versucht er dem Mädchen immer wieder den Gedanken und die finanziellen Vorteile der Prostitution einzupflanzen, um sie dann irgendwann so weit zu bringen, dass sie der Prostitution nachgeht.

Welche Art von Mädchen ist interessant für Loverboys?

Mein Eindruck ist, dass sich Loverboys Mädchen suchen, die haltlos sind, die nach jemanden suchen, der ihnen diesen Halt im Leben gibt. Es gibt unterschiedlichste Geschichten, immer wieder Streit im Elternhaus und eine problematische Jugend. In dieser Situation wird das fehlende Selbstbewusstsein der Mädchen ausgenutzt, um so zu tun, als sei man der Halt in dieser Beziehung.

Wie haben sich die Opfer in den bisherigen Prozessen verhalten?

Also in den Verfahren, die wir hier in den letzten Jahren geführt haben, gab es das ganze Spektrum an Reaktionen von Opfern. Das beginnt damit, dass die Mädchen nicht glauben können, dass sie auf eine Masche reingefallen sind. Man muss sich vorstellen, dass die vorher Jahre in dieser geschaffenen Welt leben und das nicht einfach ist, wenn die Polizei und Staatsanwaltschaft sagen: stimmt so gar nicht, was dir da vorgespielt worden ist. Da gibt es teilweise auch eine Verweigerungshaltung. Die Mädchen wollen einfach nicht glauben, dass das so ist. Auch wenn man versucht, es ihnen mit objektiven Beweismitteln klar zu machen. Teilweise bricht dann die Welt für sie zusammen. Was für uns aber gut ist, weil sie dann kooperieren und uns ihre Seite der Geschichte erzählen. Teilweise herrscht auch eine gewisse Selbstverleugnung bei Opfern, weil sie sich nicht eingestehen wollen, dass sie auf sowas reingefallen sind.

Kommen Loverboys auch davon, wenn Geschädigte nicht aussagen?

Das passiert wahrscheinlich zigfach. Verfahren im Bereich Menschenhandel haben die höchsten Einstellungs- und Freispruchquoten von allen Deliktsfeldern. Es gibt einen hohen Anteil an Verfahren, die erst gar nicht angeklagt werden können, weil die Beweismittel nicht reichen und somit später auch nicht zu einer Verurteilung führen.

Und dann noch die Fälle, in denen gar nicht erst ermittelt wird, weil es keinen Anhaltspunkt dafür gibt. Wenn sie von außen auf ein Verhältnis zwischen Opfer und Täter blicken, ist für sie ja gar nicht unbedingt erkennbar, was dahinter an Manipulation und Täuschung steckt. Also ich glaube, dass unheimlich viele dieser tatsächlich vorkommenden Fälle niemals bei den Strafverfolgungsbehörden landen. Wenn wir dann doch Verfahren führen können, ist es oft so, dass das Opfer herausgefunden hat, dass es noch andere Frauen parallel gibt. Und sie dann zur Polizei geht, ihren Loverboy anzeigt und eine Aussage macht. Wir ermitteln dann und stellen fest, dass es weitere Geschädigte gibt. Ansonsten ist es extrem schwierig, ohne Opferaussagen die Verfahren so zu führen, dass man das, was wirklich passiert ist, nachweisen kann.

Was für Typen sind die Loverboys, gegen die Sie verhandelt haben?

Das sind extrem selbstbewusste Männer, die so einen gewissen Narzissmus haben. Die fühlen sich ganz toll, die müssen gewisse manipulative Fähigkeiten zwingend haben, um ihre Tat umzusetzen. Und durch dieses selbstbewusste Auftreten schaffen sie es auch, den Frauen ein Stück weit zu imponieren. Viele wollen diesen starken Partner, an den sie sich anlehnen können.

Und vom Bildungsgrad her?

Wir haben noch keine Verfahren gegen Beschuldigte geführt mit Hochschulabschluss oder Hochschulreife. Die kamen vom Bildungsgrad her eher aus dem mittleren, unteren Bereich. Wobei ich glaube, dass das in vielen Fällen durchaus intelligente Täter sind. Die müssen ja eine Beziehung zu vier Mädchen gleichzeitig verstehen, durchdenken und auch planen können. Ich würde keinen von den Loverboys, gegen die wir hier ermittelt haben, als unintelligent beschreiben.

Wir hatten einen Täter, der die Frauen in anonymen Telefonchats angesprochen hat. Auf eine ganz dreiste und direkte Art. Wenn die jungen Frauen sich nicht dagegen zur Wehr gesetzt haben, waren sie interessant für ihn. Der hatte einen Riecher dafür, welche Frau für ihn empfänglich sein könnte. An Frauen, die selbstbewusst dagegen gehalten haben, hatte er kein Interesse, weil er sofort erkannt hat, dass die für ihn nicht als Opfer taugen.

Sie sind als Staatsanwalt auf Menschenhandel spezialisiert. Hilft Ihnen das zu erkennen, ob es sich um eine Loverboy-Methode handelt?

Absolut. Wir bekommen ja keine fertigen Ermittlungsakten, sondern die Verfahren kann man nur führen, wenn man als Staatsanwaltschaft schon von Anfang an dabei ist. Quasi ab der ersten Aussage. Wenn die Geschädigten ihre Aussagen machen, klingen die erst mal so, als sei da keine Form von direktem Zwang angewendet worden. Da braucht man auch viel Psychologie, um die Tricks, die Einwirkungen und die Manipulation zu erkennen, denn die sieht man den Aussagen auf den ersten Blick oft nicht direkt an. Man muss sich dafür interessieren, sich weiterbilden, bis man hinter den Aussagen dieses Delikts-Phänomen erkennt.

Also einem Staatsanwalt, der sich nicht damit auskennt, kann das entgehen?

Es gibt bestimmt die Gefahr. Wie oft es in der Praxis passiert, weiß ich nicht. Aber wenn man da nicht geschult ist und das nicht erkennt, diese Tricks und die Manipulation die dahinter stehen, kann es dazu führen, dass ein Staatsanwalt das Verfahren nicht führt oder relativ früh einstellt.

Wie hoch waren die Haftstrafen in Ihren Prozessen?

Ich fang mal mit dem ersten Verfahren an, das ich geführt habe und das mich veranlasst hat, mich intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen. Da ist es so gewesen, dass keine Verurteilung erfolgt ist, weil das Opfer nicht mehr zur Verfügung stand. Ich würde bestimmte Teile heute anders würdigen und wahrnehmen. Ab da habe ich mich tiefer in das Loverboy-Phänomen eingearbeitet. Es ist danach zu weiteren Verfahren gekommen mit Verurteilungen in Höhe von vier bis zu zehn Jahren.

Wie aufwändig ist es für einen Staatsanwalt, sich auf Loverboys zu spezialisieren?

Wenn man in dem Bereich arbeitet sollte man Fortbildungen zu dem Thema besuchen. Dann halte ich es für extrem wichtig eine Vernetzung mit den Leuten herzustellen, die den Bereich von anderen Seiten aus bearbeiten: mit Polizeibeamten, die sich auf das Loverboy-Phänomen spezialisiert haben. Und da mit den Leuten darüber sprechen, um zu verstehen, wie dieser Bereich funktioniert.

In Düsseldorf vier Loverboy-Prozesse in zwei Jahren – ist das viel?

Ja, wenn man die Statistik betrachtet und sagt: vier zur Anklage gebrachte Fälle in zwei Jahren an einem Landgericht, dann dürfte das deutlich überdurchschnittlich sein. Aber ich glaube nicht, dass in Düsseldorf die Situation im Bereich der Prostitution schlimmer ist als in anderen Städten. Es ist eher so, dass auch bei anderen Staatsanwaltschaften auffällt: Da, wo sich bestimmte Kollegen engagieren, können mehr Verfahren durchgeführt werden.

Worauf basiert die Anklage bei dem aktuellen Prozess, den Sie seit dem 17. Juli am Landgericht gegen einen mutmaßlichen Loverboy führen?

Die Anklage lautet: verschiedene Fälle von Menschenhandel zur ausbeuterischen Zuhälterei, dann eine Reihe von Körperverletzungsdelikten. Als Besonderheit in dem Verfahren gibt es noch eine Anstiftung zum Schwangerschaftsabbruch in einem Fall. Das sind die Haupt-Anklagevorwürfe gegen den Angeklagten.

Wie viele Opfer sind betroffen und wie viele Opfer sagen aus?

In dem Verfahren sind vier Opfer bekannt geworden, und ich gehe davon aus, dass alle vier auch in der Hauptverhandlung Aussagen machen werden. Alle vier haben gegenüber der Polizei und der Staatsanwaltschaft im Ermittlungsverfahren Aussagen gemacht.

Wie ist das Ganze aufgeflogen?

Das Ermittlungsverfahren, das zu der Hauptverhandlung geführt hat, hat durch die Aussage einer Geschädigten seinen Anfang genommen. Sie hat ihn verlassen, sich an die Polizei gewandt und hat da ihre Geschichte erzählt, was ihr in den Jahren davor passiert ist. Und dann hat man, an diese Aussage anschließend, begonnen zu ermitteln, was in der Vergangenheit passiert ist. Die Zeugin hatte da schon Angaben zu potentiellen weiteren Geschädigten gemacht. Was dann die Möglichkeit gibt, nicht nur in die Vergangenheit ermitteln zu müssen, sondern laufende Straftaten zu beobachten und zu dokumentieren.

Wird es in Zukunft mehr Prozesse gegen Loverboys geben?

Ich glaube, dass der Fokus der Polizei stärker drauf liegt und dass es in Zukunft noch eine ganze Reihe von Verfahren aus diesem Bereich geben wird, die zu führen sind.“

Quelle: http://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-loverboys/hintergrund/interview-staatsanwalt-stefan-willkomm-104~_seite-1.html

 

Präventionsarbeit zum Schutz vor „Loverboys“

 

Am 2.1.18 war ich mit Tabita von http://www.freethem.de/ in einer Jugendhilfeeinrichtung für Mädchen. Wir haben dort präventive Arbeit in Form von Aufklärung über „Loverboys“ geleistet und mit den Mädchen über Prostitution und Menschenhandel gesprochen, wie man sich am besten vor „Loverboys“ schützen kann, wie man sie erkennt, was ihre Methoden sind, etc… Tabita hatte die Mädchen im Rahmen ihres Projektes bereits vorher mit dem Thema vertraut gemacht. Danke Tabita und auch Carina von Freethem!

Diese Präventionsarbeit liegt mir sehr am Herzen. Wer in diesem Bereich Infos/Hilfe möchte (LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialpädagogInnen, Hilfeeinrichtungen, etc…) kann sich gerne bei mir melden. Zusammen können wir ein Konzept erstellen, behutsam aufklären, vor allem die Risikogruppen, und damit versuchen besser zu verhindern, dass es Opfer in dem großen Ausmaß gibt. Es ist wichtig, junge Menschen vor so etwas zu warnen und zu schützen!

Mit freundlicher Erlaubnis von Tabita unten ein Foto von uns beiden. Meine liebe Hündin war auch mit dabei, die Mädchen haben sich sehr darüber gefreut und die Atmosphäre wurde dadurch noch entspannter. Tiere können eine sehr schöne Wirkung auf die verschiedensten Typen von Menschen haben. Wir konnten auch viel lachen, das ist wichtig, damit das Thema bei den Mädels nicht zu schwer im Magen liegt.

Ein glückliches und gesundes neues Jahr euch allen!

 

Tabita und Sandra 2 (2)

Rechts: Tabita; Links: Ich

Beitrag bei „Eesti Ekspress“ – Estland

 

Der folgende Beitrag mit mir erschien am 27.12.2017 in der politischen Wochenzeitung „Eesti Ekspress“ in Estland als Druck – und Onlineversion.

 

Hier steht die Onlinefassung:

http://ekspress.delfi.ee/elu/endine-prostituut-see-oli-liinitoo?id=80570726

 

Hier ist die deutsche Übersetzung:

In Deutschland ist Prostitution legal. Sandra lernte damals im Internet einen 20 Jahre älteren Mann kennen, der ihr Liebe vorspielte und anschließend von ihr verlangte sich zu prostituieren als sie noch Schülerin war. 6 Jahre war sie in verschiedenen Bordellen. Allmählich gelang es ihr sich aus der Prostitution zu befreien. Sie begann ihr Abitur nachzuholen, fand ihren ersten Job außerhalb des Rotlichtmilieus und fing danach an zu studieren. Um zu zeigen, dass die deutsche liberale Prostitutionsgesetzgebung nicht der richtige Weg ist, schreibt Sandra seit letztem Jahr den Blog https://mylifeinprostitution.wordpress.com/.

Sie treten nicht mit Ihrem richtigen Namen auf und sagen nicht wo Sie wohnen, aber Sie zeigen Ihr Gesicht. Wieso? Haben Sie nicht Angst, dass die Vergangenheit Sie dadurch irgendwie einholt?
Ich habe lange überlegt, ob ich an die Öffentlichkeit gehen soll. Letztlich habe ich mich dafür entschieden und bereue diese Entscheidung keinesfalls. Dass es mittlerweile natürlich Menschen gibt, die meinen richtigen Namen und Wohnort kennen, war mir von vornherein klar. Ich hatte überlegt, gleich mit echtem Namen aufzutreten, empfand es für mich selbst beim ersten Schritt an die Öffentlichkeit aber als angenehmer zumindest noch einen kleinen Schutz zu bewahren. Meine Vergangenheit ist immer präsent, nun muss ich sie wenigstens nicht mehr verstecken.

Haben Sie je nach dem Ausstieg irgendwo Ihre Kunden getroffen? Haben Sie Angst davor?
Nein, ich habe niemanden getroffen und ich habe auch keine Angst davor. Ich bin nach allem zu einer starken Persönlichkeit herangewachsen. Zudem muss ich ganz ehrlich sagen, dass es Tausende von Männern waren und dass ich die meisten Gesichter gar nicht mehr erkennen würde. Es war wie Fließbandarbeit, Gesichter sind hier Schall und Rauch.

Wie würden Sie Ihren durchschnittlichen Kunden beschreiben? 
Es gab keine durchschnittlichen Kunden. Es waren Männer aus allen Schichten. Alte Männer, junge Männer, auch körperlich und geistig Behinderte, es war zu jederzeit alles dabei. Männer, die bildhübsche Frauen und Kinder hatten, ein tolles Haus, bei denen man denken müsste, genau hier sollte doch alles in Ordnung sein, aber oft waren genau das die Schlimmsten. Die meisten waren liiert oder verheiratet.

Wie sahen Ihre Tage als Prostituierte aus?
Monoton und trist. Es ist als würden Sie in einem Hamsterrad laufen, welches nicht aufhört sich zu drehen. Sie laufen und laufen, ohne Ziele, ohne Wünsche, ohne Träume. Sie schauen nicht nach links, nicht nach rechts, Sie laufen einfach nur geradeaus. Sie denken, Sie laufen um ihr Leben, aber in Wirklichkeit laufen Sie langsam aus dem Leben. Sie haben viele verschiedene Freier, oft Stammfreier. Letztere sind häufig schwerer zu ertragen als „neue“ Freier, weil man bereits zu Beginn weiß, worauf man sich gleich einstellen muss. Um sowas dauerhaft ertragen zu können, konsumieren viele Prostituierte Alkohol und weitere Drogen in Massen. Sehr viele waren auch süchtig – alkoholsüchtig und/oder drogensüchtig.

Wie würden Sie andere Prostituierte beschreiben, die Sie in den 6 Jahren kennengelernt haben? Wie viele kommen aus problematischen Familienverhältnissen? Was ist ihr Hintergrund? Wie viele kommen aus anderen Ländern?
Ich habe fast nur ausländische Prostituierte kennengelernt. Am häufigsten waren blutjunge Frauen aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien, auch aus Tschechien, Polen, der Türkei und Russland waren einige da. Es gab natürlich noch mehr Nationalitäten. Es variiert, je nachdem, wo Sie sich befinden. Was alle gemeinsam hatten waren problematische Vorverhältnisse. Extreme Armut und (sexuelle) Gewalt prägten ihr Leben, manche hatten gar keine Familie, für sie war der Ausbeuter, ihr Zuhälter, ihre Familie. Nach dem Motto: lieber einen Menschen haben, der einen schlecht behandelt, als gar niemanden haben. Oftmals war auch die eigene Familie der Zuhälter. Viele waren Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Es sind meist katastrophale Zustände von denen die Freier profitieren. Es gibt so viele Menschen, die sagen, Prostitution sei im Großen und Ganzen in Ordnung – wenn sie die Innenansichten sehen könnten, würden sie gewiss anders denken.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Arbeit als Juristin?
Ja, es macht mir Freude zu helfen. Im Gegensatz zu früher möchte ich mich dabei aber selbst nicht mehr aufgeben. Das Thema Prostitution liegt mir sehr am Herzen, aber auch andere Themen wie der Tierschutz und die Umwelt, hier vor allem die Meere. Früher wollte ich Meeresbiologin werden. Mein Berufswunsch hat sich geändert, aber meine Liebe zum Meer ist geblieben. Es gibt auf vielen Gebieten einiges zu tun.

Sie haben im Spiegel-Interview gesagt, Sie wollen den 90 Prozent Frauen aus Osteuropa helfen, die keine Stimme in der Prostitution haben. Was meinen Sie damit? 
Menschen, die in der Prostitution Leid erleben, können sich nicht in Vereinen organisieren um auszudrücken, wie es ihnen geht. Sie sind damit beschäftigt um ihr Überleben zu kämpfen. Ihre Nöte, Ängste und Sehnsüchte dringen nicht nach außen an die Öffentlichkeit, sie werden nicht wahrgenommen. Es wird deshalb manchmal so dargestellt als ob es nicht viele von ihnen gäbe. Das ist falsch und nicht nur ich, sondern viele andere Personen und Organisationen wollen genau diese vielen Menschen in der Prostitution nicht im Stich lassen, die momentan eben größtenteils, aber natürlich nicht nur, aus dem Ausland kommen. Es gibt auch zahlreiche deutsche Prostituierte, die in ihrem eigenen Land kaputt gehen. Wir wollen die Not aller in die Öffentlichkeit tragen, damit unsere Gesellschaft fähig ist, die Missstände sehen zu können. Nur so kann sich etwas verändern und nur durch Veränderung können viele in der Prostitution ernsthafte Hilfe erhalten und dem System entfliehen.

Wie ist die Abschaffung der Prostitution möglich? Was müssen der Staat, die Gesellschaft, die Leute, die Gesetze dafür tun?
Viele Leute belächeln einen, wenn man sagt, man möchte die Prostitution abschaffen, weil das undenkbar sei. Was auf dieser Welt scheint alles undenkbar? Sehr vieles. Glauben Sie, dass es jemals eine Welt ohne Krieg geben wird? Für viele undenkbar und dennoch setzt man sich das Ziel des Weltfriedens. Glauben Sie, dass es jemals eine Welt ohne Sklaverei geben wird? Für die meisten undenkbar und dennoch ist Sklaverei in verschiedenen Gesetzestexten ausdrücklich verboten – man möchte sie abschaffen. Es geht darum, den Glauben daran nicht zu verlieren, dass es möglich werden kann. Prostitution einfach so zu akzeptieren bedeutet nur eines: Resignation. Wir sollten aufhören mit fadenscheinigen Argumenten zu resignieren und diese Art der Objektivierung von Menschen nicht einfach so hinnehmen. Nötig ist ein Sexkaufverbot wie es das „Nordische Modell“, erstmals 1999 in Schweden eingeführt, vorsieht. Es braucht ernsthafte Ausstiegshilfen, eine intensive Debatte und Aufklärung in der Gesellschaft über Prostitution. Und ein Punkt, der mir auch wichtig ist: Diskussionen und Ansätze darüber, wie man Prostituierte, die auch bei Einführung des „Nordischen Modells“ in der Prostitution sind, am besten unterstützen kann.

Wie viel ist in der deutschen Öffentlichkeit von der Prostitution die Rede? Und wie? Sieht man das als ein Problem oder eher eine Arbeit als jede andere? Was stört Sie bei der Rhetorik am meisten?
Die Öffentlichkeit beginnt nach und nach immer weiter zu sehen, was Prostitution wirklich ist. Viele Menschen arbeiten daran. Zum Beispiel der Verein „Sisters e.V.“, in dem ich auch Mitglied bin. Er hilft Frauen aus der Prostitution und betreibt Aufklärungsarbeit. Es existiert eine dazugehörige Kampagne namens „Rotlicht-Aus“. Hier gab es bereits Aktionen in deutschen Städten, wo Plakate aufgehängt wurden mit dem Titel: „Zu verkaufen: Körper, Freiheit, Würde“. Mit solchen und anderen Aktionen wird das Thema immer weiter in den Fokus der Gesellschaft gerückt, sie wird aufmerksam gemacht und sensibilisiert. Viele argumentieren, wer sich freiwillig prostituieren möchte, der soll es tun dürfen, der Staat solle sich nicht einmischen. Das „Nordische Modell“ verbietet Menschen nicht, sich zu prostituieren. Es verbietet den Kauf sexueller Dienste, nicht den Verkauf. Simon Häggström, ein Polizeikommissar der Anti-Prostitutionseinheit in Schweden, schreibt in seinem Buch „Shadow‘s Law“ noch etwas Wesentliches, nämlich dass die Kriminalisierung von Sexkauf vor allem auch anstrebt, hunderttausende von Frauen und Kindern auf der Welt besser zu schützen, die sich in den Fängen von Menschenhändlern befinden.

Geht man von den Zuhältern und Menschenhändlern weg, habe ich gesehen, was die Prostitution generell aus Menschen macht. Was zwischen Freier und Prostituierter im Zimmer passiert, das ist keine Arbeit. Melissa Farley betont, dass das Tolerieren von sexuellem Missbrauch die Arbeitsbeschreibung der Prostitution ist. Genau so habe ich es erlebt und bei anderen Frauen gesehen. Das sollte ein Staat, der es sich zur Aufgabe macht Menschenrechte zu schützen, nicht hinnehmen.

 

 

Bordell Deutschland „Milliardengeschäft Prostitution“ – Dokumentation (ca. 90 Min.)

 

Hier könnt ihr die Doku und einen Ausschnitt aus „Hallo Deutschland“ anschauen.

 

sandra

 


 

Nachrichten | hallo deutschland Ausstieg aus der Prostitution

„Sandra Norak ist eine Gymnasialschülerin, hübsch, blond – und einsam. Sie chattet im Internet, verliebt sich – aber in den falschen Mann. Denn: ihr damaliger Freund drängt sie in die Prostitution. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.“

https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/ausstieg-aus-der-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo-Dokumentation „Bordell Deutschland – Milliardengeschäft Prostitution“ komplett, abrufbar von 22 – 6 Uhr:

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/bordell-deutschland-milliardengeschaeft-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo Dokumentation über Prostitution, 18.11. um 22 Uhr

 

Sandra

Fotoquelle: ZDF / Jan Sindel

 

Am Samstag, den 18.11. um 22 Uhr, läuft eine Dokumentation über Prostitution auf ZDFinfo, wo ich auch zu sehen bin (siehe Bild). Man kann sich das Ganze aber auch danach in der Mediathek ansehen.

Hier der Text zur Dokumentation:

Prostitution und organisierte Kriminalität
 
„Bordell Deutschland“: Diese TV-Doku wird für Wirbel sorgen
Von Frank Rauscher

Sie werden geschlagen, missbraucht und ausgebeutet: Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. In der TV-Doku „Bordell Deutschland“ kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.

Für fast alles gibt es in Deutschland Statistiken. Ohne Zweifel ließe sich jedoch die Zahl der freilaufenden Hühner exakter benennen, als die der Frauen, die hierzulande dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Denn: Für den Bereich der Prostitution gibt es keine belastbaren Zahlen, weiß der Kriminalist Manfred Paulus. Schätzungen gingen von 400.000 bis zu über einer Million aktuell in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen aus, laut statistischem Bundesamt nehmen täglich rund 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Und „seit der Legalisierung werden es immer mehr“, sagt Paulus, der drei Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelte und nun auch als Protagonist einer der umfassendsten TV-Dokus, die je zu diesem Themenkomplex gedreht wurden, gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel ankämpft. Die Legalisierung der Prostitution, die mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz de facto erfolgte, steht im Fokus des spielfilmlangen Beitrags, der sich unter dem Titel „Bordell Deutschland“ am Samstag, 18. November 2017 (22 Uhr, ZDFinfo), mit dem „Milliardengeschäft Prostitution“ befasst.

„Legalisierung“: Das klingt positiv, doch schon das ist eines der Probleme, wie der engagierte Film von Christian P. Stracke verdeutlicht. Die Begrifflichkeit mag dem Freier das Gewissen erleichtern, aber hilft so ein Schlagwort auch den Frauen?

Der Journalist geht, ohne irgendetwas zu beschönigen, der Frage nach, warum Deutschland zur internationalen Drehscheibe für Zwangsprostitution und Mädchenhandel geworden ist. „Was läuft falsch bei uns?“, heißt es gleich zu Beginn des Beitrages, der Antworten liefert, die niemandem gefallen und viel Staub aufwirbeln dürften. Was auch der Sender erkannt hat: Der Film über die Zusammenhänge von Zuhälterei, Prostitution und internationalem Menschenhandel war zunächst auf 45 Minuten angelegt. ZDFinfo hat sich aber „aufgrund der Fülle von Aspekten und Standpunkten“ für eine Verdopplung der Länge entschieden. „Eine entsprechende Anpassung war schnell und unkompliziert möglich, ein Vorteil, den vermutlich nur ZDFinfo bieten kann“, heißt es jetzt seitens der Produktion. Schließlich gibt es im Digitalkanal keine genormten Sendeformate.

Authentische Innenansichten einer Parallelwelt

Über ein Jahr recherchierte Stracke an seiner Story, die ohne die Voyeurismuskarte zu spielen beinahe so packend wie ein Thriller ist, weil sie authentische Innenansichten einer tabuisierten und immer wieder als „schillernd“ oder „cool“ verklärten Parallelwelt präsentiert. Er sprach mit Prostituierten, Polizisten, Sozialarbeitern, Vertretern des Prostituiertenverbandes, Politikern und Psychologen. Stracke ist quer durch Deutschland gereist, hat sich vor Ort vom Edelbordell bis zum Straßenstrich ein Bild von den Ausprägungen der Prostitution gemacht.

Zu Wort kommen auch eher exotisch anmutende Protagonistinnen wie Cleo aus Berlin, die – freiwillig, wie sie betont – in einer „Erlebniswohnung“ an Gangbang-Partys teilnimmt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau. Oder Typen wie Andreas Marquardt, der früher als Zuhälter die Frauen nach eigener Aussage „wie Dreck“ behandelte, wegen Menschenhandels im Gefängnis saß und sich heute für Gewaltprävention einsetzt. Vor allem aber prägen Frauen wie Sandra Norak Strackes Film. Sie hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und den Ausstieg geschafft. Dabei hat sie fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Gewalt gesehen.

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihr Leben und ein Gewerbe, das sie „fast kaputt gemacht“ habe. „Das ist keine Arbeit“, sagt sie, „das ist einfach nur Gewalt, was man da erlebt … Und ich hatte da bestimmt 400/500 Männer in vier Wochen.“ Die heute 27-Jährige geht mit ihrer Geschichte jetzt ganz bewusst an die Öffentlichkeit, möchte mit dem Mythos der Freiwilligkeit aufräumen, sie studiert Jura und setzt sich für die Abschaffung der Prostitution ein. „In jedem Club, in dem ich war, habe ich Menschenhandel gesehen“, berichtet sie. „Ich habe natürlich auch Frauen gesehen, die geschlagen werden. Und ich habe auch Freier gesehen, die das gesehen haben und dann trotzdem die Dienstleistung in Anspruch genommen haben.“

Neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen

Kein Einzelfall, wie Denisa, eine junge Rumänin, die nun, nach ihrem Ausstieg ebenfalls gegen die Missstände ankämpft. Jahrelang hat sie in Deutschland als Zwangsprostituierte gearbeitet, sie weiß alles über die Hintergrunde des Geschäfts: „90 Prozent haben Zuhälter“, sagt sie und berichtet aus eigener Erfahrung: „Die Männer sind scharf auf Minderjährige. Es gibt so viele Pädophile.“ Dem Mythos der Freiwilligkeit widerspricht die ehemalige Zwangsprostituierte entschieden: „Die Freier denken sich, die macht das aus Spaß. Du musst so tun, als ob es dir gut geht, aber innerlich geht’s dir nicht gut.“

Zu der Einschätzung gelangen auch Experten der Polizei, ihren Angaben zu Folge werden neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen. Heute spricht Denisa in rumänischen Armenbezirken vor Schulkassen, um die Mädchen zu warnen und sie, genau wie der Kriminalist Manfred Paulus, über die Maschen der als „Loverboys“ getarnten Handlanger der Mädchenhändler aufzuklären.

Die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus vergleicht den Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern. Fast 70 Prozent der Frauen leiden unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung: „Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen.“ Die Sterblichkeitsrate unter Prostituierten ist 40-mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, heißt es in der Doku. Allein das Risiko, ermordet zu werden, sei über 18-mal höher als bei anderen Frauen – unabhängig davon, ob sie freiwillg arbeiten oder dazu gezwungen werden.

Ungeachtet all dieser Hintergründe, das macht der sauber recherchierte Film deutlich, haben Escortangebote und Bordelle in Deutschland mehr Zulauf denn je. Das Marketing der Freudenhäuser hat sich offenbar der Mentalität der Freier angepasst: „Komm so oft du willst“, „All you can fuck“ oder „20 Minuten Sex für 20 Euro – der Spartarif im Discountpuff“ – so werben Flatrate-Puffs in den Städten. In Online-Foren tauschen sich Männer ungeniert und oft auf menschenverachtende Weise über die Leistungen der Sexarbeiterinnen aus.

Deutschland als Reiseziel für Freier

Vor der Kamera wollte kaum einer offen über so etwas Auskunft geben, aber während der Recherchen hat Autor Stracke mit vielen Freiern gesprochen. Sein Eindruck: Unrechtsbewusstsein ist auf Seiten der Männer kaum vorhanden. So ist Deutschland auch zu einem der begehrtesten Reiseziele für Freier aus alle Welt geworden. „Besuche über zehn Clubs in sechs Tagen“, preist ein Veranstalter ungeniert ein Package mit Kunst und Kultur an, das die Kundschaft ins „Bordell Deutschland“ locken soll.

Die Frage ist, wie es so weit kommen konnte. Glaubt man diesem Film, der auch die Tätigkeit der Prostituiertenverbände kritisch hinterfragt, kamen mehrere Faktoren auf unselige Weise zusammen: Das fraglos gut gemeinte Gesetz zur Legalisierung der Prostitution von 2002 hat den Bordellbetreibern und Freiern mehr geholfen als den Frauen. Seine Einführung ging zeitlich mit der EU-Osterweiterung einher, derweil sich in Deutschland gerade eine „Geiz ist geil“-Mentalität breitmachte.

Während bei den Mädchen wenig hängen bleibt, lässt sich mit der Prostitution viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt bringt allein eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr. Und auch der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit. Der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß, es kommen immer mehr und immer jüngere Frauen, die alles ungeschützt mitmachen …

Vorbild Schweden

Ob sich mit dem seit Juli geltenden „Prostituiertenschutzgesetz“, welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich. Anfangs, so lässt der Autor Christian P. Stracke durchblicken, sei auch er der Meinung gewesen, dass freiwillige Prostitution erlaubt sein sollte. Mittlerweile ist er aber zu der Überzeugung gelangt, auch freiwillige Prostitution verletze die Menschenrechte. „Deshalb muss sich dringend etwas ändern“, fordert er. „Doch um Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam einzudämmen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.“ Für ihn ein Vorbild: das nordische Modell in Schweden, das mit dem Sexkaufverbot den Freier bestraft.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

 

Link: prisma.de

 

Auf die Freiheit!

Video unten: Klaus Ferdinand Hempfling – Free and Connected

„Freedom of spirit… Authentic and real… Connection of body and spirit…“

„It is all in us

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