Prostitution

Veranstaltung in München am Freitag, den 16.03.18

 

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Interessierte Menschen sind eingeladen zu uns nach München zu kommen!

Und:

„Presseeinladung vom KOFRA: „Spätestens seit der Einführung des umstrittenen Prostituiertenschutzgesetzes stoßen Berichte zu Prostitution oder „Sexarbeit“ auf großes öffentliches Interesse. Dabei dominieren zwei Darstellungsmuster die Debatte: Auf der einen Seite steht ein romantisierender Blick mit der selbstbestimmten und selbstbewussten Sexarbeiterin im Mittelpunkt; ihr mediales Gegenbild ist die unfreiwillig in die Prostitution gedrängte Frau, oft die sehr junge Frau aus dem Ausland, die als Opfer von Menschenhandel in die Prostitution nach Deutschland gezwungen wurde. Die Realitäten der Prostitution und des Erlebens der eigenen Prostituierung, die Vorbedingungen, der Mangel an Ressourcen, die zu dieser Situation führen und auch die für die gesamte Gesellschaft bedeutenden Konsequenzen verschwinden hinter diesen Dichotomien.

Wie sieht die Realität von diesen Bildern aus? Welche Gemeinsamkeiten gibt es in der Prostitution? Und wie soll eine kritische Zivilgesellschaft mit den Folgen umgehen?
Wir sehen einen deutlichen Bedarf und Wunsch in der Öffentlichkeit nach einer sachlichen und faktenbasierten Auseinandersetzung mit der Thematik.

Wir haben die große Freude, Dr. Melissa Farley in München begrüßen zu dürfen. Dr. Farley wird aus ihrer langjährigen und international anerkannten Forschungsarbeit zu Traumatisierungen in der Prostitution berichten.

Anschließend wird Dr. Ingeborg Kraus aus ihren Erfahrungen als Traumatherapeutin heraus zu diesem Themenkomplex Stellung nehmen ebenso wie Marie Merklinger und Sandra Norak, denen der Ausstieg aus der Prostitution gelungen ist.

Wir laden interessierte Journalistinnen und Journalisten sehr herzlich zu dieser Veranstaltung ein. Vor der Veranstaltung wird es eine halbe Stunde Zeit für Ihre Fragen an die Rednerinnen geben, und auch nach den Vorträgen freuen wir uns auf eine rege und konstruktive Diskussion.“

Programm:
In diesem hochkompetent besetztem Podium mit Publikumsdiskussion – mit Vortrag und Berichten von Prostitutions-Überlebenden – geht es genau darum: einen schonungslosen Blick darauf zu werfen, was Prostitution wirklich ist: Gewalt an Frauen. Diskutieren Sie mit den Podiumsteilnehmerinnen.

Begrüßung durch Renate Uzun-Raming, Soziologin und Mitarbeiterin im FrauenTherapieZentum.

  • Dr. Melissa Farley, amerikanische Forscherin. Vorsitzende der Organisation „Prostitution Research & Education“, Autorin mehrerer Werke zu Prostitution, sowie die Leiterin internationaler Studien zu den Frauen in der Prostitution und zu Freiern.
  • Marie Merklinger, Prostitutions-Überlebende, SPACE-Aktivistin, Deutschland .
  • Sandra Norak, Prostitutions-Überlebende und Aktivistin, Mitglied von SISTERS e.V., Deutschland.
  • Dr. Ingeborg Kraus, Fachtherapeutin für Psychotraumatologie die auch mit Prostitutions-Überlebenden arbeitet, sagt was Prostitution mit Menschen machen kann.

Moderation: Dr. Inge Kleine vom Kofra, dem Kommunikationszentrum für Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation.

Zeit: Freitag 16. März von 19:00-21:00 Uhr (Pressegespräche ab 18.30)
Ort: FrauenTherapieZentrum, Güllstr. 3/ 2. Stock, München
Kosten: 7,–€
Anmeldung: kofra e.V., Tel: 089/ 2010450, kofra-muenchen@mnet-online.de, http://www.kofra.de

Quelle: http://www.trauma-and-prostitution.eu/2018/02/02/prostitution-die-unzensierte-wahrheit-muenchen-a-16-03-2018/

Interview zu „Loverboy-Fällen“ mit Staatsanwalt Stefan Willkomm

 

Nachfolgend stelle ich ein gutes Interview mit Staatsanwalt Stefan Willkomm ein. Wir brauchen in Deutschland mehr Spezialkräfte wie ihn in Bezug auf die Verfolgung von Menschenhandelsfällen. Nur wer Bescheid weiß, wie Menschenhandel funktioniert, welche Formen es gibt, auf was man achten muss, etc… kann in diesem Bereich den Opfern helfen. Leider wissen viele aus Polizei und Justiz nicht Bescheid. Herr Willkomm ist hier ein Hoffnungsschimmer und hoffentlich ein Anreiz für andere, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir brauchen mehr spezialisierte Fachkräfte wie ihn, dann sähe unsere Statistik zu Menschenhandel auch ganz anders aus.

Hier das Interview:

„Stefan Willkomm führt seit dem 17. Juli die Anklage gegen einen mutmaßlichen Loverboy vor dem Landgericht Düsseldorf. Es ist der vierte Loverboy-Prozess in Düsseldorf innerhalb von zwei Jahren.

Was wissen Sie über die Vorgehensweise von Loverboys?

Stefan Willkomm: In unseren Verfahren haben wir die Erfahrung gemacht, dass Loverboys sich auf eine besondere Art junger Frauen konzentrieren. Sie versuchen, die ausfindig zu machen und über das Internet, soziale Medien oder Telefonchats Kontakt aufzunehmen. Dann probieren sie, bei den Frauen Interesse zu wecken und so zu tun, als würden sie diese Frau lieben. Wenn es dann zu einer Beziehung kommt, versucht der Loverboy, das Opfer vom Umfeld zu isolieren. Sie soll sich auf ihn fixieren. Im nächsten Schritt versucht er dem Mädchen immer wieder den Gedanken und die finanziellen Vorteile der Prostitution einzupflanzen, um sie dann irgendwann so weit zu bringen, dass sie der Prostitution nachgeht.

Welche Art von Mädchen ist interessant für Loverboys?

Mein Eindruck ist, dass sich Loverboys Mädchen suchen, die haltlos sind, die nach jemanden suchen, der ihnen diesen Halt im Leben gibt. Es gibt unterschiedlichste Geschichten, immer wieder Streit im Elternhaus und eine problematische Jugend. In dieser Situation wird das fehlende Selbstbewusstsein der Mädchen ausgenutzt, um so zu tun, als sei man der Halt in dieser Beziehung.

Wie haben sich die Opfer in den bisherigen Prozessen verhalten?

Also in den Verfahren, die wir hier in den letzten Jahren geführt haben, gab es das ganze Spektrum an Reaktionen von Opfern. Das beginnt damit, dass die Mädchen nicht glauben können, dass sie auf eine Masche reingefallen sind. Man muss sich vorstellen, dass die vorher Jahre in dieser geschaffenen Welt leben und das nicht einfach ist, wenn die Polizei und Staatsanwaltschaft sagen: stimmt so gar nicht, was dir da vorgespielt worden ist. Da gibt es teilweise auch eine Verweigerungshaltung. Die Mädchen wollen einfach nicht glauben, dass das so ist. Auch wenn man versucht, es ihnen mit objektiven Beweismitteln klar zu machen. Teilweise bricht dann die Welt für sie zusammen. Was für uns aber gut ist, weil sie dann kooperieren und uns ihre Seite der Geschichte erzählen. Teilweise herrscht auch eine gewisse Selbstverleugnung bei Opfern, weil sie sich nicht eingestehen wollen, dass sie auf sowas reingefallen sind.

Kommen Loverboys auch davon, wenn Geschädigte nicht aussagen?

Das passiert wahrscheinlich zigfach. Verfahren im Bereich Menschenhandel haben die höchsten Einstellungs- und Freispruchquoten von allen Deliktsfeldern. Es gibt einen hohen Anteil an Verfahren, die erst gar nicht angeklagt werden können, weil die Beweismittel nicht reichen und somit später auch nicht zu einer Verurteilung führen.

Und dann noch die Fälle, in denen gar nicht erst ermittelt wird, weil es keinen Anhaltspunkt dafür gibt. Wenn sie von außen auf ein Verhältnis zwischen Opfer und Täter blicken, ist für sie ja gar nicht unbedingt erkennbar, was dahinter an Manipulation und Täuschung steckt. Also ich glaube, dass unheimlich viele dieser tatsächlich vorkommenden Fälle niemals bei den Strafverfolgungsbehörden landen. Wenn wir dann doch Verfahren führen können, ist es oft so, dass das Opfer herausgefunden hat, dass es noch andere Frauen parallel gibt. Und sie dann zur Polizei geht, ihren Loverboy anzeigt und eine Aussage macht. Wir ermitteln dann und stellen fest, dass es weitere Geschädigte gibt. Ansonsten ist es extrem schwierig, ohne Opferaussagen die Verfahren so zu führen, dass man das, was wirklich passiert ist, nachweisen kann.

Was für Typen sind die Loverboys, gegen die Sie verhandelt haben?

Das sind extrem selbstbewusste Männer, die so einen gewissen Narzissmus haben. Die fühlen sich ganz toll, die müssen gewisse manipulative Fähigkeiten zwingend haben, um ihre Tat umzusetzen. Und durch dieses selbstbewusste Auftreten schaffen sie es auch, den Frauen ein Stück weit zu imponieren. Viele wollen diesen starken Partner, an den sie sich anlehnen können.

Und vom Bildungsgrad her?

Wir haben noch keine Verfahren gegen Beschuldigte geführt mit Hochschulabschluss oder Hochschulreife. Die kamen vom Bildungsgrad her eher aus dem mittleren, unteren Bereich. Wobei ich glaube, dass das in vielen Fällen durchaus intelligente Täter sind. Die müssen ja eine Beziehung zu vier Mädchen gleichzeitig verstehen, durchdenken und auch planen können. Ich würde keinen von den Loverboys, gegen die wir hier ermittelt haben, als unintelligent beschreiben.

Wir hatten einen Täter, der die Frauen in anonymen Telefonchats angesprochen hat. Auf eine ganz dreiste und direkte Art. Wenn die jungen Frauen sich nicht dagegen zur Wehr gesetzt haben, waren sie interessant für ihn. Der hatte einen Riecher dafür, welche Frau für ihn empfänglich sein könnte. An Frauen, die selbstbewusst dagegen gehalten haben, hatte er kein Interesse, weil er sofort erkannt hat, dass die für ihn nicht als Opfer taugen.

Sie sind als Staatsanwalt auf Menschenhandel spezialisiert. Hilft Ihnen das zu erkennen, ob es sich um eine Loverboy-Methode handelt?

Absolut. Wir bekommen ja keine fertigen Ermittlungsakten, sondern die Verfahren kann man nur führen, wenn man als Staatsanwaltschaft schon von Anfang an dabei ist. Quasi ab der ersten Aussage. Wenn die Geschädigten ihre Aussagen machen, klingen die erst mal so, als sei da keine Form von direktem Zwang angewendet worden. Da braucht man auch viel Psychologie, um die Tricks, die Einwirkungen und die Manipulation zu erkennen, denn die sieht man den Aussagen auf den ersten Blick oft nicht direkt an. Man muss sich dafür interessieren, sich weiterbilden, bis man hinter den Aussagen dieses Delikts-Phänomen erkennt.

Also einem Staatsanwalt, der sich nicht damit auskennt, kann das entgehen?

Es gibt bestimmt die Gefahr. Wie oft es in der Praxis passiert, weiß ich nicht. Aber wenn man da nicht geschult ist und das nicht erkennt, diese Tricks und die Manipulation die dahinter stehen, kann es dazu führen, dass ein Staatsanwalt das Verfahren nicht führt oder relativ früh einstellt.

Wie hoch waren die Haftstrafen in Ihren Prozessen?

Ich fang mal mit dem ersten Verfahren an, das ich geführt habe und das mich veranlasst hat, mich intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen. Da ist es so gewesen, dass keine Verurteilung erfolgt ist, weil das Opfer nicht mehr zur Verfügung stand. Ich würde bestimmte Teile heute anders würdigen und wahrnehmen. Ab da habe ich mich tiefer in das Loverboy-Phänomen eingearbeitet. Es ist danach zu weiteren Verfahren gekommen mit Verurteilungen in Höhe von vier bis zu zehn Jahren.

Wie aufwändig ist es für einen Staatsanwalt, sich auf Loverboys zu spezialisieren?

Wenn man in dem Bereich arbeitet sollte man Fortbildungen zu dem Thema besuchen. Dann halte ich es für extrem wichtig eine Vernetzung mit den Leuten herzustellen, die den Bereich von anderen Seiten aus bearbeiten: mit Polizeibeamten, die sich auf das Loverboy-Phänomen spezialisiert haben. Und da mit den Leuten darüber sprechen, um zu verstehen, wie dieser Bereich funktioniert.

In Düsseldorf vier Loverboy-Prozesse in zwei Jahren – ist das viel?

Ja, wenn man die Statistik betrachtet und sagt: vier zur Anklage gebrachte Fälle in zwei Jahren an einem Landgericht, dann dürfte das deutlich überdurchschnittlich sein. Aber ich glaube nicht, dass in Düsseldorf die Situation im Bereich der Prostitution schlimmer ist als in anderen Städten. Es ist eher so, dass auch bei anderen Staatsanwaltschaften auffällt: Da, wo sich bestimmte Kollegen engagieren, können mehr Verfahren durchgeführt werden.

Worauf basiert die Anklage bei dem aktuellen Prozess, den Sie seit dem 17. Juli am Landgericht gegen einen mutmaßlichen Loverboy führen?

Die Anklage lautet: verschiedene Fälle von Menschenhandel zur ausbeuterischen Zuhälterei, dann eine Reihe von Körperverletzungsdelikten. Als Besonderheit in dem Verfahren gibt es noch eine Anstiftung zum Schwangerschaftsabbruch in einem Fall. Das sind die Haupt-Anklagevorwürfe gegen den Angeklagten.

Wie viele Opfer sind betroffen und wie viele Opfer sagen aus?

In dem Verfahren sind vier Opfer bekannt geworden, und ich gehe davon aus, dass alle vier auch in der Hauptverhandlung Aussagen machen werden. Alle vier haben gegenüber der Polizei und der Staatsanwaltschaft im Ermittlungsverfahren Aussagen gemacht.

Wie ist das Ganze aufgeflogen?

Das Ermittlungsverfahren, das zu der Hauptverhandlung geführt hat, hat durch die Aussage einer Geschädigten seinen Anfang genommen. Sie hat ihn verlassen, sich an die Polizei gewandt und hat da ihre Geschichte erzählt, was ihr in den Jahren davor passiert ist. Und dann hat man, an diese Aussage anschließend, begonnen zu ermitteln, was in der Vergangenheit passiert ist. Die Zeugin hatte da schon Angaben zu potentiellen weiteren Geschädigten gemacht. Was dann die Möglichkeit gibt, nicht nur in die Vergangenheit ermitteln zu müssen, sondern laufende Straftaten zu beobachten und zu dokumentieren.

Wird es in Zukunft mehr Prozesse gegen Loverboys geben?

Ich glaube, dass der Fokus der Polizei stärker drauf liegt und dass es in Zukunft noch eine ganze Reihe von Verfahren aus diesem Bereich geben wird, die zu führen sind.“

Quelle: http://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-loverboys/hintergrund/interview-staatsanwalt-stefan-willkomm-104~_seite-1.html

 

Präventionsarbeit zum Schutz vor „Loverboys“

 

Am 2.1.18 war ich mit Tabita von http://www.freethem.de/ in einer Jugendhilfeeinrichtung für Mädchen. Wir haben dort präventive Arbeit in Form von Aufklärung über „Loverboys“ geleistet und mit den Mädchen über Prostitution und Menschenhandel gesprochen, wie man sich am besten vor „Loverboys“ schützen kann, wie man sie erkennt, was ihre Methoden sind, etc… Tabita hatte die Mädchen im Rahmen ihres Projektes bereits vorher mit dem Thema vertraut gemacht. Danke Tabita und auch Carina von Freethem!

Diese Präventionsarbeit liegt mir sehr am Herzen. Wer in diesem Bereich Infos/Hilfe möchte (LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialpädagogInnen, Hilfeeinrichtungen, etc…) kann sich gerne bei mir melden. Zusammen können wir ein Konzept erstellen, behutsam aufklären, vor allem die Risikogruppen, und damit versuchen besser zu verhindern, dass es Opfer in dem großen Ausmaß gibt. Es ist wichtig, junge Menschen vor so etwas zu warnen und zu schützen!

Mit freundlicher Erlaubnis von Tabita unten ein Foto von uns beiden. Meine liebe Hündin war auch mit dabei, die Mädchen haben sich sehr darüber gefreut und die Atmosphäre wurde dadurch noch entspannter. Tiere können eine sehr schöne Wirkung auf die verschiedensten Typen von Menschen haben. Wir konnten auch viel lachen, das ist wichtig, damit das Thema bei den Mädels nicht zu schwer im Magen liegt.

Ein glückliches und gesundes neues Jahr euch allen!

 

Tabita und Sandra 2 (2)

Rechts: Tabita; Links: Ich

Beitrag bei „Eesti Ekspress“ – Estland

 

Der folgende Beitrag mit mir erschien am 27.12.2017 in der politischen Wochenzeitung „Eesti Ekspress“ in Estland als Druck – und Onlineversion.

 

Hier steht die Onlinefassung:

http://ekspress.delfi.ee/elu/endine-prostituut-see-oli-liinitoo?id=80570726

 

Hier ist die deutsche Übersetzung:

In Deutschland ist Prostitution legal. Sandra lernte damals im Internet einen 20 Jahre älteren Mann kennen, der ihr Liebe vorspielte und anschließend von ihr verlangte sich zu prostituieren als sie noch Schülerin war. 6 Jahre war sie in verschiedenen Bordellen. Allmählich gelang es ihr sich aus der Prostitution zu befreien. Sie begann ihr Abitur nachzuholen, fand ihren ersten Job außerhalb des Rotlichtmilieus und fing danach an zu studieren. Um zu zeigen, dass die deutsche liberale Prostitutionsgesetzgebung nicht der richtige Weg ist, schreibt Sandra seit letztem Jahr den Blog https://mylifeinprostitution.wordpress.com/.

Sie treten nicht mit Ihrem richtigen Namen auf und sagen nicht wo Sie wohnen, aber Sie zeigen Ihr Gesicht. Wieso? Haben Sie nicht Angst, dass die Vergangenheit Sie dadurch irgendwie einholt?
Ich habe lange überlegt, ob ich an die Öffentlichkeit gehen soll. Letztlich habe ich mich dafür entschieden und bereue diese Entscheidung keinesfalls. Dass es mittlerweile natürlich Menschen gibt, die meinen richtigen Namen und Wohnort kennen, war mir von vornherein klar. Ich hatte überlegt, gleich mit echtem Namen aufzutreten, empfand es für mich selbst beim ersten Schritt an die Öffentlichkeit aber als angenehmer zumindest noch einen kleinen Schutz zu bewahren. Meine Vergangenheit ist immer präsent, nun muss ich sie wenigstens nicht mehr verstecken.

Haben Sie je nach dem Ausstieg irgendwo Ihre Kunden getroffen? Haben Sie Angst davor?
Nein, ich habe niemanden getroffen und ich habe auch keine Angst davor. Ich bin nach allem zu einer starken Persönlichkeit herangewachsen. Zudem muss ich ganz ehrlich sagen, dass es Tausende von Männern waren und dass ich die meisten Gesichter gar nicht mehr erkennen würde. Es war wie Fließbandarbeit, Gesichter sind hier Schall und Rauch.

Wie würden Sie Ihren durchschnittlichen Kunden beschreiben? 
Es gab keine durchschnittlichen Kunden. Es waren Männer aus allen Schichten. Alte Männer, junge Männer, auch körperlich und geistig Behinderte, es war zu jederzeit alles dabei. Männer, die bildhübsche Frauen und Kinder hatten, ein tolles Haus, bei denen man denken müsste, genau hier sollte doch alles in Ordnung sein, aber oft waren genau das die Schlimmsten. Die meisten waren liiert oder verheiratet.

Wie sahen Ihre Tage als Prostituierte aus?
Monoton und trist. Es ist als würden Sie in einem Hamsterrad laufen, welches nicht aufhört sich zu drehen. Sie laufen und laufen, ohne Ziele, ohne Wünsche, ohne Träume. Sie schauen nicht nach links, nicht nach rechts, Sie laufen einfach nur geradeaus. Sie denken, Sie laufen um ihr Leben, aber in Wirklichkeit laufen Sie langsam aus dem Leben. Sie haben viele verschiedene Freier, oft Stammfreier. Letztere sind häufig schwerer zu ertragen als „neue“ Freier, weil man bereits zu Beginn weiß, worauf man sich gleich einstellen muss. Um sowas dauerhaft ertragen zu können, konsumieren viele Prostituierte Alkohol und weitere Drogen in Massen. Sehr viele waren auch süchtig – alkoholsüchtig und/oder drogensüchtig.

Wie würden Sie andere Prostituierte beschreiben, die Sie in den 6 Jahren kennengelernt haben? Wie viele kommen aus problematischen Familienverhältnissen? Was ist ihr Hintergrund? Wie viele kommen aus anderen Ländern?
Ich habe fast nur ausländische Prostituierte kennengelernt. Am häufigsten waren blutjunge Frauen aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien, auch aus Tschechien, Polen, der Türkei und Russland waren einige da. Es gab natürlich noch mehr Nationalitäten. Es variiert, je nachdem, wo Sie sich befinden. Was alle gemeinsam hatten waren problematische Vorverhältnisse. Extreme Armut und (sexuelle) Gewalt prägten ihr Leben, manche hatten gar keine Familie, für sie war der Ausbeuter, ihr Zuhälter, ihre Familie. Nach dem Motto: lieber einen Menschen haben, der einen schlecht behandelt, als gar niemanden haben. Oftmals war auch die eigene Familie der Zuhälter. Viele waren Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Es sind meist katastrophale Zustände von denen die Freier profitieren. Es gibt so viele Menschen, die sagen, Prostitution sei im Großen und Ganzen in Ordnung – wenn sie die Innenansichten sehen könnten, würden sie gewiss anders denken.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Arbeit als Juristin?
Ja, es macht mir Freude zu helfen. Im Gegensatz zu früher möchte ich mich dabei aber selbst nicht mehr aufgeben. Das Thema Prostitution liegt mir sehr am Herzen, aber auch andere Themen wie der Tierschutz und die Umwelt, hier vor allem die Meere. Früher wollte ich Meeresbiologin werden. Mein Berufswunsch hat sich geändert, aber meine Liebe zum Meer ist geblieben. Es gibt auf vielen Gebieten einiges zu tun.

Sie haben im Spiegel-Interview gesagt, Sie wollen den 90 Prozent Frauen aus Osteuropa helfen, die keine Stimme in der Prostitution haben. Was meinen Sie damit? 
Menschen, die in der Prostitution Leid erleben, können sich nicht in Vereinen organisieren um auszudrücken, wie es ihnen geht. Sie sind damit beschäftigt um ihr Überleben zu kämpfen. Ihre Nöte, Ängste und Sehnsüchte dringen nicht nach außen an die Öffentlichkeit, sie werden nicht wahrgenommen. Es wird deshalb manchmal so dargestellt als ob es nicht viele von ihnen gäbe. Das ist falsch und nicht nur ich, sondern viele andere Personen und Organisationen wollen genau diese vielen Menschen in der Prostitution nicht im Stich lassen, die momentan eben größtenteils, aber natürlich nicht nur, aus dem Ausland kommen. Es gibt auch zahlreiche deutsche Prostituierte, die in ihrem eigenen Land kaputt gehen. Wir wollen die Not aller in die Öffentlichkeit tragen, damit unsere Gesellschaft fähig ist, die Missstände sehen zu können. Nur so kann sich etwas verändern und nur durch Veränderung können viele in der Prostitution ernsthafte Hilfe erhalten und dem System entfliehen.

Wie ist die Abschaffung der Prostitution möglich? Was müssen der Staat, die Gesellschaft, die Leute, die Gesetze dafür tun?
Viele Leute belächeln einen, wenn man sagt, man möchte die Prostitution abschaffen, weil das undenkbar sei. Was auf dieser Welt scheint alles undenkbar? Sehr vieles. Glauben Sie, dass es jemals eine Welt ohne Krieg geben wird? Für viele undenkbar und dennoch setzt man sich das Ziel des Weltfriedens. Glauben Sie, dass es jemals eine Welt ohne Sklaverei geben wird? Für die meisten undenkbar und dennoch ist Sklaverei in verschiedenen Gesetzestexten ausdrücklich verboten – man möchte sie abschaffen. Es geht darum, den Glauben daran nicht zu verlieren, dass es möglich werden kann. Prostitution einfach so zu akzeptieren bedeutet nur eines: Resignation. Wir sollten aufhören mit fadenscheinigen Argumenten zu resignieren und diese Art der Objektivierung von Menschen nicht einfach so hinnehmen. Nötig ist ein Sexkaufverbot wie es das „Nordische Modell“, erstmals 1999 in Schweden eingeführt, vorsieht. Es braucht ernsthafte Ausstiegshilfen, eine intensive Debatte und Aufklärung in der Gesellschaft über Prostitution. Und ein Punkt, der mir auch wichtig ist: Diskussionen und Ansätze darüber, wie man Prostituierte, die auch bei Einführung des „Nordischen Modells“ in der Prostitution sind, am besten unterstützen kann.

Wie viel ist in der deutschen Öffentlichkeit von der Prostitution die Rede? Und wie? Sieht man das als ein Problem oder eher eine Arbeit als jede andere? Was stört Sie bei der Rhetorik am meisten?
Die Öffentlichkeit beginnt nach und nach immer weiter zu sehen, was Prostitution wirklich ist. Viele Menschen arbeiten daran. Zum Beispiel der Verein „Sisters e.V.“, in dem ich auch Mitglied bin. Er hilft Frauen aus der Prostitution und betreibt Aufklärungsarbeit. Es existiert eine dazugehörige Kampagne namens „Rotlicht-Aus“. Hier gab es bereits Aktionen in deutschen Städten, wo Plakate aufgehängt wurden mit dem Titel: „Zu verkaufen: Körper, Freiheit, Würde“. Mit solchen und anderen Aktionen wird das Thema immer weiter in den Fokus der Gesellschaft gerückt, sie wird aufmerksam gemacht und sensibilisiert. Viele argumentieren, wer sich freiwillig prostituieren möchte, der soll es tun dürfen, der Staat solle sich nicht einmischen. Das „Nordische Modell“ verbietet Menschen nicht, sich zu prostituieren. Es verbietet den Kauf sexueller Dienste, nicht den Verkauf. Simon Häggström, ein Polizeikommissar der Anti-Prostitutionseinheit in Schweden, schreibt in seinem Buch „Shadow‘s Law“ noch etwas Wesentliches, nämlich dass die Kriminalisierung von Sexkauf vor allem auch anstrebt, hunderttausende von Frauen und Kindern auf der Welt besser zu schützen, die sich in den Fängen von Menschenhändlern befinden.

Geht man von den Zuhältern und Menschenhändlern weg, habe ich gesehen, was die Prostitution generell aus Menschen macht. Was zwischen Freier und Prostituierter im Zimmer passiert, das ist keine Arbeit. Melissa Farley betont, dass das Tolerieren von sexuellem Missbrauch die Arbeitsbeschreibung der Prostitution ist. Genau so habe ich es erlebt und bei anderen Frauen gesehen. Das sollte ein Staat, der es sich zur Aufgabe macht Menschenrechte zu schützen, nicht hinnehmen.

 

 

Bordell Deutschland „Milliardengeschäft Prostitution“ – Dokumentation (ca. 90 Min.)

 

Hier könnt ihr die Doku und einen Ausschnitt aus „Hallo Deutschland“ anschauen.

 

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Nachrichten | hallo deutschland Ausstieg aus der Prostitution

„Sandra Norak ist eine Gymnasialschülerin, hübsch, blond – und einsam. Sie chattet im Internet, verliebt sich – aber in den falschen Mann. Denn: ihr damaliger Freund drängt sie in die Prostitution. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.“

https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/ausstieg-aus-der-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo-Dokumentation „Bordell Deutschland – Milliardengeschäft Prostitution“ komplett, abrufbar von 22 – 6 Uhr:

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/bordell-deutschland-milliardengeschaeft-prostitution-102.html

 


 

ZDFinfo Dokumentation über Prostitution, 18.11. um 22 Uhr

 

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Fotoquelle: ZDF / Jan Sindel

 

Am Samstag, den 18.11. um 22 Uhr, läuft eine Dokumentation über Prostitution auf ZDFinfo, wo ich auch zu sehen bin (siehe Bild). Man kann sich das Ganze aber auch danach in der Mediathek ansehen.

Hier der Text zur Dokumentation:

Prostitution und organisierte Kriminalität
 
„Bordell Deutschland“: Diese TV-Doku wird für Wirbel sorgen
Von Frank Rauscher

Sie werden geschlagen, missbraucht und ausgebeutet: Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. In der TV-Doku „Bordell Deutschland“ kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.

Für fast alles gibt es in Deutschland Statistiken. Ohne Zweifel ließe sich jedoch die Zahl der freilaufenden Hühner exakter benennen, als die der Frauen, die hierzulande dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Denn: Für den Bereich der Prostitution gibt es keine belastbaren Zahlen, weiß der Kriminalist Manfred Paulus. Schätzungen gingen von 400.000 bis zu über einer Million aktuell in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen aus, laut statistischem Bundesamt nehmen täglich rund 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Und „seit der Legalisierung werden es immer mehr“, sagt Paulus, der drei Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelte und nun auch als Protagonist einer der umfassendsten TV-Dokus, die je zu diesem Themenkomplex gedreht wurden, gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel ankämpft. Die Legalisierung der Prostitution, die mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz de facto erfolgte, steht im Fokus des spielfilmlangen Beitrags, der sich unter dem Titel „Bordell Deutschland“ am Samstag, 18. November 2017 (22 Uhr, ZDFinfo), mit dem „Milliardengeschäft Prostitution“ befasst.

„Legalisierung“: Das klingt positiv, doch schon das ist eines der Probleme, wie der engagierte Film von Christian P. Stracke verdeutlicht. Die Begrifflichkeit mag dem Freier das Gewissen erleichtern, aber hilft so ein Schlagwort auch den Frauen?

Der Journalist geht, ohne irgendetwas zu beschönigen, der Frage nach, warum Deutschland zur internationalen Drehscheibe für Zwangsprostitution und Mädchenhandel geworden ist. „Was läuft falsch bei uns?“, heißt es gleich zu Beginn des Beitrages, der Antworten liefert, die niemandem gefallen und viel Staub aufwirbeln dürften. Was auch der Sender erkannt hat: Der Film über die Zusammenhänge von Zuhälterei, Prostitution und internationalem Menschenhandel war zunächst auf 45 Minuten angelegt. ZDFinfo hat sich aber „aufgrund der Fülle von Aspekten und Standpunkten“ für eine Verdopplung der Länge entschieden. „Eine entsprechende Anpassung war schnell und unkompliziert möglich, ein Vorteil, den vermutlich nur ZDFinfo bieten kann“, heißt es jetzt seitens der Produktion. Schließlich gibt es im Digitalkanal keine genormten Sendeformate.

Authentische Innenansichten einer Parallelwelt

Über ein Jahr recherchierte Stracke an seiner Story, die ohne die Voyeurismuskarte zu spielen beinahe so packend wie ein Thriller ist, weil sie authentische Innenansichten einer tabuisierten und immer wieder als „schillernd“ oder „cool“ verklärten Parallelwelt präsentiert. Er sprach mit Prostituierten, Polizisten, Sozialarbeitern, Vertretern des Prostituiertenverbandes, Politikern und Psychologen. Stracke ist quer durch Deutschland gereist, hat sich vor Ort vom Edelbordell bis zum Straßenstrich ein Bild von den Ausprägungen der Prostitution gemacht.

Zu Wort kommen auch eher exotisch anmutende Protagonistinnen wie Cleo aus Berlin, die – freiwillig, wie sie betont – in einer „Erlebniswohnung“ an Gangbang-Partys teilnimmt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau. Oder Typen wie Andreas Marquardt, der früher als Zuhälter die Frauen nach eigener Aussage „wie Dreck“ behandelte, wegen Menschenhandels im Gefängnis saß und sich heute für Gewaltprävention einsetzt. Vor allem aber prägen Frauen wie Sandra Norak Strackes Film. Sie hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und den Ausstieg geschafft. Dabei hat sie fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Gewalt gesehen.

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihr Leben und ein Gewerbe, das sie „fast kaputt gemacht“ habe. „Das ist keine Arbeit“, sagt sie, „das ist einfach nur Gewalt, was man da erlebt … Und ich hatte da bestimmt 400/500 Männer in vier Wochen.“ Die heute 27-Jährige geht mit ihrer Geschichte jetzt ganz bewusst an die Öffentlichkeit, möchte mit dem Mythos der Freiwilligkeit aufräumen, sie studiert Jura und setzt sich für die Abschaffung der Prostitution ein. „In jedem Club, in dem ich war, habe ich Menschenhandel gesehen“, berichtet sie. „Ich habe natürlich auch Frauen gesehen, die geschlagen werden. Und ich habe auch Freier gesehen, die das gesehen haben und dann trotzdem die Dienstleistung in Anspruch genommen haben.“

Neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen

Kein Einzelfall, wie Denisa, eine junge Rumänin, die nun, nach ihrem Ausstieg ebenfalls gegen die Missstände ankämpft. Jahrelang hat sie in Deutschland als Zwangsprostituierte gearbeitet, sie weiß alles über die Hintergrunde des Geschäfts: „90 Prozent haben Zuhälter“, sagt sie und berichtet aus eigener Erfahrung: „Die Männer sind scharf auf Minderjährige. Es gibt so viele Pädophile.“ Dem Mythos der Freiwilligkeit widerspricht die ehemalige Zwangsprostituierte entschieden: „Die Freier denken sich, die macht das aus Spaß. Du musst so tun, als ob es dir gut geht, aber innerlich geht’s dir nicht gut.“

Zu der Einschätzung gelangen auch Experten der Polizei, ihren Angaben zu Folge werden neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen. Heute spricht Denisa in rumänischen Armenbezirken vor Schulkassen, um die Mädchen zu warnen und sie, genau wie der Kriminalist Manfred Paulus, über die Maschen der als „Loverboys“ getarnten Handlanger der Mädchenhändler aufzuklären.

Die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus vergleicht den Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern. Fast 70 Prozent der Frauen leiden unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung: „Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen.“ Die Sterblichkeitsrate unter Prostituierten ist 40-mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, heißt es in der Doku. Allein das Risiko, ermordet zu werden, sei über 18-mal höher als bei anderen Frauen – unabhängig davon, ob sie freiwillg arbeiten oder dazu gezwungen werden.

Ungeachtet all dieser Hintergründe, das macht der sauber recherchierte Film deutlich, haben Escortangebote und Bordelle in Deutschland mehr Zulauf denn je. Das Marketing der Freudenhäuser hat sich offenbar der Mentalität der Freier angepasst: „Komm so oft du willst“, „All you can fuck“ oder „20 Minuten Sex für 20 Euro – der Spartarif im Discountpuff“ – so werben Flatrate-Puffs in den Städten. In Online-Foren tauschen sich Männer ungeniert und oft auf menschenverachtende Weise über die Leistungen der Sexarbeiterinnen aus.

Deutschland als Reiseziel für Freier

Vor der Kamera wollte kaum einer offen über so etwas Auskunft geben, aber während der Recherchen hat Autor Stracke mit vielen Freiern gesprochen. Sein Eindruck: Unrechtsbewusstsein ist auf Seiten der Männer kaum vorhanden. So ist Deutschland auch zu einem der begehrtesten Reiseziele für Freier aus alle Welt geworden. „Besuche über zehn Clubs in sechs Tagen“, preist ein Veranstalter ungeniert ein Package mit Kunst und Kultur an, das die Kundschaft ins „Bordell Deutschland“ locken soll.

Die Frage ist, wie es so weit kommen konnte. Glaubt man diesem Film, der auch die Tätigkeit der Prostituiertenverbände kritisch hinterfragt, kamen mehrere Faktoren auf unselige Weise zusammen: Das fraglos gut gemeinte Gesetz zur Legalisierung der Prostitution von 2002 hat den Bordellbetreibern und Freiern mehr geholfen als den Frauen. Seine Einführung ging zeitlich mit der EU-Osterweiterung einher, derweil sich in Deutschland gerade eine „Geiz ist geil“-Mentalität breitmachte.

Während bei den Mädchen wenig hängen bleibt, lässt sich mit der Prostitution viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt bringt allein eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr. Und auch der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit. Der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß, es kommen immer mehr und immer jüngere Frauen, die alles ungeschützt mitmachen …

Vorbild Schweden

Ob sich mit dem seit Juli geltenden „Prostituiertenschutzgesetz“, welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich. Anfangs, so lässt der Autor Christian P. Stracke durchblicken, sei auch er der Meinung gewesen, dass freiwillige Prostitution erlaubt sein sollte. Mittlerweile ist er aber zu der Überzeugung gelangt, auch freiwillige Prostitution verletze die Menschenrechte. „Deshalb muss sich dringend etwas ändern“, fordert er. „Doch um Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam einzudämmen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.“ Für ihn ein Vorbild: das nordische Modell in Schweden, das mit dem Sexkaufverbot den Freier bestraft.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

 

Link: prisma.de

 

Auf die Freiheit!

Video unten: Klaus Ferdinand Hempfling – Free and Connected

„Freedom of spirit… Authentic and real… Connection of body and spirit…“

„It is all in us

Be yourself

 

Vortrag an der VH-Ulm / 6.11.17

 

Sandra Norak ULM

 

Am 6.11.17 war ich an der Volkshochschule in Ulm für einen Vortrags – und Diskussionsabend. Hier der Vortrag:

Einleitung:

Ich spreche heute Abend über Prostitution, über Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und die organisierte Kriminalität im Hinblick auf diese Themen und hoffe, dass ich damit verdeutlichen kann, dass es sich dabei mitunter um die tragischsten Verbrechen an Menschen handelt und man deshalb jede Möglichkeit ausschöpfen sollte um zu versuchen zu verhindern, dass diese Verbrechen in dem großen Ausmaß stattfinden können wie sie es tun.

Beim Thema Prostitution und wie sie am besten zu handhaben ist gehen die Meinungen auseinander. Manche möchten sie regulieren, manche wollen sie ganz abschaffen, andere wiederum wollen sie nicht einmal regulieren. Ich werde Ihnen heute meine Erfahrungen und meine Sicht der Dinge schildern und dazu auch ein paar offizielle Dokumente verwenden.

Jetzt mittlerweile bin ich an der Universität, ich habe meinen Frieden, mein Körper gehört mir ganz allein – das war nicht immer so, deswegen weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist.

Als ich im Alter von meinen jetzigen Kommilitoninnen war, stand ich im Bordell um meinem Zuhälter Geld zu verschaffen. In die Prostitution gekommen bin ich durch die sog. „Loverboy-Methode“. Das Bundeslagebild zu Menschenhandel berichtet 2015 auch darüber und sagt, dass hierbei meist junge Mädchen oder Frauen in ein emotionales Abhän­gigkeitsverhältnis gebracht, in der Folge an die Prostitution herangeführt und anschlie­ßend ausgebeutet werden und dass sie aufgrund des meist jungen Alters leicht zu beeinflussen sind sowie oft nicht sehen können, auf was sie sich mit der Prostitutionsaus­übung einlassen. Häufig hoffen sie, sich nur für eine bestimmte Zeit zu prostituieren, beispielsweise um dem Freund bei der Rückzahlung von Schulden zu helfen. Zudem führt das Vorspielen einer Liebesbeziehung in vielen Fällen dazu, dass die Mädchen oder Frauen sich der Ausbeu­tung nicht bewusst sind, teils den Täter schützen und selbst Maßnahmen ergreifen, um ihr reales Alter zu vertuschen. [1]

Meinen Zuhälter lernte ich damals als Schülerin im Internet bei einem Chat kennen, irgendwann kam es zu den ersten realen Treffen, ich war zum ersten Mal verliebt. Er war 20 Jähre älter als ich und der erste Mensch, mit dem ich dann auch Geschlechtsverkehr hatte. Er wurde meine einzige Bezugs – und Vertrauensperson, von meinem restlichen Umfeld war ich isoliert. Er war schon lange als Zuhälter im Rotlichtmilieu aktiv und hatte bereits einige Prostituierte vor mir „aufgestellt“, so sagt man im Milieu. Als er wusste, dass ich emotional an ihm hing, kam die Prostitution ins Spiel. Er nahm mich in Bordelle seiner Freunde mit, wollte, dass ich auch anschaffen gehe, begann bald darauf mir die Geschichte von den vielen Schulden zu erzählen, weswegen er Schwierigkeiten hätte, und ich begann schließlich mich für ihn zu prostituieren. Auch ich dachte, es wäre nur vorrübergehend, aber das war es nicht. Ich zog nach Ende der 12. Klasse des Gymnasiums zu ihm, brach die Schule ab und wurde Vollzeitprostituierte.

Als die Polizei mich kurz nach meinem Umzug zu ihm aufsuchte, weil sie einen anonymen Hinweis bekommen hatten, dass jemand mich in die Prostitution gebracht hatte, erzählte ich auf der Wache nichts. Ich konnte nicht sehen, in was ich da wirklich reinrutschte und ich fühlte mich verloren und überfordert, denn er erzählte mir immer wieder wie schlecht es ihm ginge. Ich fühlte mich sehr unwohl mit allem, gleichzeitig aber trotzdem verantwortlich ihn nicht im Stich zu lassen. Genau diesen inneren Konflikt erzeugen „Loverboys“ gezielt um die jungen Mädchen und Frauen zu beeinflussen und für ihre Zwecke zu missbrauchen. Einmal in dieses System gerutscht, was sehr schnell passieren kann, kommen Sie da so gut wie nicht mehr raus.

Meine Geschichte ist nur eine von unzähligen anderen und manchmal, wenn ich jetzt mit meinen Kommilitoninnen zusammensitze und darüber nachdenke was wäre, wenn eine von ihnen an so einen Mann geraten wäre und sie jetzt genau wie ich damals in schäbigen Bordellen säßen, bereits mit 18/19/20/21 Jahren von 1000den von Freiern penetriert, kommt mir das ganz große Grauen, denn ich weiß, was es bedeutet.

Leider wird dieses Prostitutionsthema von vielen weggeschoben, weil man denkt, das alles liege so weit weg und betreffe einen sowieso nicht, doch es betrifft unsere ganze Gesellschaft und höchstpersönlich betrifft es mehr Menschen als sie denken würden.

Die meisten Freier, die bei mir oder mir bekannten Prostituierten waren, waren liiert oder verheiratet, hatten oft Kinder zuhause und haben uns Prostituierten gegenüber ihre komplette Menschlichkeit abgelegt. Die Freundinnen und Ehefrauen hätten ihre zu Unmenschen mutierenden Männer ganz sicher nicht wiedererkannt. Es geraten immer mehr deutsche junge Mädchen und Frauen durch die „Loverboy-Methode“ in die Prostitution und zwar auch durch deutsche Täter. Sie werden vor allem vor Schulen oder im Internet rekrutiert. Bärbel Kannemann war 40 Jahre Kriminalbeamtin, hat den Verein „No Loverboys“ [2] gegründet und hilft Opfern von „Loverboys“. Sie erzählte mir, dass das Alter der Opfer meist zwischen 12 und 23 Jahren liegt. Erst vor kurzem berichtete sie, dass sie wieder drei Mädchen hat. Eine 13 Jahre alt, die andere gerade 15 Jahre alt und schon 3 Jahre dabei und das dritte Mädchen 16 Jahre alt. Alle drei sind deutsch.

Das passiert genau HIER in unserer Gesellschaft. Und das alles kann nur geschehen, weil es so viele Freier gibt, die diese jungen Mädchen (oder auch Jungen) zum Zwecke sexueller Befriedigung kaufen.

Hauptteil:

Ich habe mich in den letzten Wochen und Monaten sehr viel mit Zahlen, Daten und Studien bzgl. der Prostitution beschäftigt, auf die ich vereinzelt auch noch zu sprechen komme oder später in der Diskussion anschneiden werde. Was in der Debatte über Prostitution aber fehlt, ist das Wichtigste überhaupt: es ist das gesellschaftliche Gespräch über den Menschen hinter der Prostituierten. Es ist ein Nachdenken darüber, was mit Menschen in der Prostitution eigentlich geschieht. Darüber nachzudenken bedeutet, über Menschlichkeit zu sprechen und über Menschlichkeit zu sprechen bedeutet zunächst Empathie zuzulassen und zu versuchen sich in den anderen hineinzuversetzen, denn nur so kann man die betroffenen Menschen verstehen. Das ist sicher schwierig, wenn es um Prostitution geht, aber es ist wichtig.

Versuchen wir es also.

Wer ist diese Prostituierte, was macht sie eigentlich genau, was geschieht mit ihr?

Im neuen ProstSchG finden Sie das hier:

§ 2 II ProstSchG

Prostituierte sind Personen, die sexuelle Dienstleistungen erbringen.

§ 2 I 1 ProstSchG

Eine sexuelle Dienstleistung ist eine sexuelle Handlung mindestens einer Person an oder vor mindestens einer anderen unmittelbar anwesenden Person gegen Entgelt oder das Zulassen einer sexuellen Handlung an oder vor der eigenen Person gegen Entgelt.

 

Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, wusste ich nicht ob ich vor Absurdität lachen oder aufgrund der Tatsache, dass diese 2 Sätze bezeugen, dass Prostitution in unserer Gesellschaft immer noch so wenig verstanden wird, doch eher weinen soll.

Was ich in 6 Jahren Prostitution erlebt und gesehen habe, waren in der Tat sexuelle Handlungen mindestens einer Person an oder vor mindestens einer anderen unmittelbar anwesenden Person…. aber die Schlussfolgerung, es handele sich hierbei um sexuelle Dienstleistungen ist fatal, denn dadurch wird, wenn auch unbewusst und sicher auch ungewollt, eine sehr verabscheuenswürdige Form von Gewalt geschaffen.

Was meine ich damit?

Diese 2 Sätze implizieren, dass der Prostitution an sich der Gewalt-Status abgesprochen wird, dass es ok ist, wenn sich fremde Menschen Ihren Körper zur sexuellen Benutzung kaufen, und dadurch wird die Gewalt, die man in der Prostitution erlebt, noch viel intensiver. Denn wenn Sie als Prostituierte fühlen, dass es eigentlich Gewalt ist, was Sie erleben, dass es Gewalt ist, wenn ein Mensch kauft, Sie berühren und penetrieren zu dürfen, aber Ihnen dadurch, dass alle um sie herum sagen, es sei normal und auch laut Gesetz eine Dienstleistung, vermittelt wird, es könne ja gar keine so furchtbare Gewalt sein, dann versuchen Sie Ihre empfundene Gewalt zu verleugnen und zu verdrängen, denn es ist ja angeblich keine Gewalt, sondern eine sexuelle Dienstleistung. Die Verleugnung von Gewalt kann noch schlimmer sein als die Gewalt an sich, denn über erlebte Gewalt an sich, wenn sie stattgefunden hat, können Sie zum Beispiel trauern und damit den Schmerz verarbeiten, aber bei Gewalt, die nicht als solche (an)erkannt wird, können Sie das nicht, denn trotz dessen, dass Sie die Gewalt fühlen, verinnerlichen Sie, dass es keine sein soll und versuchen ihre Gefühle auszuklammern. So können Sie nicht trauern, nicht verarbeiten und setzen sich womöglich weiterhin dieser existenten, aber nicht anerkannten Gewalt aus und werden dabei immer mehr traumatisiert. Ein schlimmer Teufelskreis, denn so können letztlich auch Außenstehende und der Gesetzgeber nicht mehr erkennen, dass es sich letztlich doch um Gewalt handelt. Alles sieht friedlich aus, aber es herrscht ein leiser, verheerender Krieg für die Menschen in der Prostitution, der kein Ende nimmt.

Ich hatte in der Prostitution mit unzähligen Prostituierten Kontakt, war zusammen mit ihnen und Freiern auf Zimmer, habe dadurch einen guten Überblick über alles Mögliche bekommen, und was ich gesehen habe, um es deutlich zu sagen, waren keine sexuellen Dienstleistungen, sondern schwerste Formen von sexueller, physischer und seelischer Gewalt. Es waren Verbrechen an den Menschen, die man in dem Sinne als Dienstleisterinnen bezeichnet. Die Prostitution ist die Kommodifizierung von Menschen, eine Objektivierung. Es ist ein „zur-Ware-degradiert-Werden“ und damit ein Verlust dessen, was eine menschliche Persönlichkeit an sich ausmacht – es ist ein Totalverlust bzw. ein Totalentzug Ihrer Menschenwürde und diesen Entzug spüren Sie. Irgendwann sind Sie wie betäubt um das nicht mehr fühlen zu müssen und gehen versteinert wie ein Roboter tag ein und tag aus der Prostitution nach.

Wenn man Sie erstmal als Persönlichkeit gebrochen hat, Sie selbst keine Würde, kein Selbstwert, keine Achtung mehr empfinden, dann sind Sie zu dem geworden, was die Prostitution aus Menschen macht und wovon sie letztlich auch lebt, denn wenn Sie keinen Schmerz mehr spüren, kann ihnen auch niemand mehr weh tun und Sie können funktionieren und Dinge aushalten, die ein Mensch normalerweise nicht aushalten kann.

Melissa Farley ist seit über 45 Jahren klinische Psychologin und international bekannt für ihre Studien und Schriften zu Prostitution. Einer ihrer Studien kann man entnehmen, dass 68 % der Menschen in der Prostitution eine posttraumatische Belastungsstörung aufweisen, die vergleichbar ist mit der von Folteropfern und sie nennt einen weiteren wichtigen Punkt in ihrer Schrift „Slavery and Prostitution“, in der sie Prostitution mit der Sklaverei vergleicht:

„The commodification that exists in the minds of traders, pimps, sex buyers, and slave buyers is ultimately incorporated into the identity of the prostituted or enslaved person.” [3]

Das Problem an diesem „zur Ware gemacht werden“ ist, dass viele Prostituierte diese Ansicht irgendwann in ihre Identität aufnehmen. Warum ist das so?

Freier überschreiten Ihre intimsten Grenzen und egal ob Sie in dem Moment zustimmen, Ihre Grenzen werden trotzdem überschritten, denn durch die Zustimmung geht der Ekel, die Abscheu, die Verzweiflung, die Angst, die Trauer, nicht weg. Wie ich oben schon erwähnte, werden Sie als Persönlichkeit gebrochen. Irgendwann wehren Sie sich nicht mehr dagegen entmenschlicht zu werden, Sie geben es auf Widerstand zu leisten, weil Sie keine Hoffnung mehr haben oder weil Sie keine Kraft mehr haben. Sie werden zu dem, was man von Ihnen wollte, dass Sie es werden -> eine freiwillige Prostituierte, die endlich still hält, die endlich nicht mehr jammert, die endlich widerstandslos zur sexuellen Befriedigung zur Verfügung steht. Und wissen Sie, was das Traurige ist? Dass die meisten Freier genau diesen Umstand erkannt, aber ignoriert haben um sich ihre Illusion der glücklichen Hure nicht nehmen zu lassen.

Farley sagt weiter zum Vegleich von Prostitution und Sklaverei:

„Slave sellers and buyers cataloged skin color in fetishistic detail. Today sex buyers compulsively catalog details about women they buy for sex, criticizing, grading, and bragging about purchased sex via online chat boards.” [4]

Weil wir in Ulm sind, möchte ich Ihnen ein Zitat von einem Freier zeigen, der in einem Ulmer Bordell war und sich danach ausgelassen hat (solche Einträge und damit auch Realitäten finden Sie überall, es hat also nichts mit Ulm an sich zu tun):

„Ich finde mich echt sehr gut aussehend! Ich bin groß und sehr gut trainiert! Mein Schwanz steht wie eine 1! (Alles rasiert)! Ich eingelocht und Sie die Hand um meinen Schwanz das der Gummi hält! Ich die Hand weg geschlagen und wollte weiter ficken! Sie hat sich dann wie ein Kleinkind verhalten! Sie möchte das mit der Hand am Gummi sonst fickt Sie nicht weiter! Nebenbei sagte Sie mir noch das die Zeit vorbei ist in 4 Minuten! Ich dann vom Bett gesprungen und bin laut geworden. Heute ist es echt aus mir raus gebrochen! Ich habe die belegt und mir das Geld vom Tisch genommen! Ich habe echt den ganzen Laden zusammen geschrien. Du elendige Schlampe und weiter und weiter.“ [5]

Es war mir hier nicht wert, seine Rechtschreibfehler zu korrigieren, aber zum Thema:

manche würden argumentieren, das sind Einzelfälle, aber das sind sie nicht. Gewalt ist Bestandteil der Prostitution und das Geld ändert nichts daran, macht die Gewalt nicht weg. Alles, was Sie in der Prostitution sind ist ein Mittel zur Befriedigung sexueller Wünsche anderer. Was Sie als Mensch ausmacht, was Sie als Mensch fühlen, spielt keine Rolle mehr, sobald der Freier das Geld auf den Tisch gelegt hat.

Wie eine Prostituierte es formulierte: „es ist als würden Sie einen Vertrag unterschreiben vergewaltigt zu werden.“ [6]

Hinzu kommt, dass in der Prostitution meist Menschen tätig sind, die nie gelernt haben, respektiert zu werden, wertgeschätzt zu werden. Sie haben nie lernen dürfen eine Persönlichkeit mit Wünschen und Bedürfnissen zu sein. Und dieses Nichtwissen um ihre eigene Menschlichkeit, um ihren Anspruch auf Würde, wird ausgenutzt um sie in die Prostitution zu bringen und dort zu halten.

Wer nicht weiß, dass es ein Leben auf der anderen Seite des Berges gibt, wird sich eher nicht auf den Weg machen. Und in der Prostitution wird einem dieser Blick verwehrt. Hingegen wird Ihnen gelernt, dass es normal ist, dass sie so behandelt werden. Und je länger Menschen in der Prostitution sind, desto schwieriger ist es diesen Blick dafür, dass es eben nicht normal ist, zu entwickeln. Es ist wie eine Konditionierung.

Sehr oft hört man von Kindern, welche sexuelle Missbrauchserfahrungen erleben, dass sie diese Erfahrungen anfangs nicht zuordnen können, dass sie stillhalten und es über sich ergehen lassen, auch wenn es sich komisch anfühlt, weil sie denken, es sei normal so, es muss so sein, weil ihnen das so vermittelt wird. Ist es deswegen legal ein Kind zu missbrauchen – weil es einwilligt, weil es stillhält und sich nicht wehrt, weil es denkt, dass es normal ist?

Wenn man über Prostitution spricht, sollte man sich über die verschiedenen Mechanismen klar werden, die dieses System für seine Zwecke benutzt. Deshalb ist es so wichtig über Menschlichkeit zu reden, denn in keinem anderen „Beruf“ sind Sie so gefährdet alles zu verlieren, was einen Menschen ausmacht, wie hier.

Prostitution als Ganzes zu verstehen bedeutet auch, sich bewusst zu machen, mit welchem organisierten Konstrukt man es wirklich zu tun hat, dass es in der großen Mehrheit keine Prostitution ohne die Beteiligung der verschiedenen Formen des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung gibt und dass das Rotlichtgewerbe in den Händen der organisierten Kriminalität liegt und von ihr gesteuert wird.

Es wird immer gesagt, man müsse Prostitution und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung voneinander trennen. In der großen Mehrheit ist es aber nicht voneinander zu trennen. Eine so hohe Nachfrage könnte auch gar nicht anders bewältigt werden. Schätzungen zufolge nehmen ca. 1,2 Millionen Menschen pro Tag solche Arten von „Dienstleistungen“ in Anspruch. [7] Glauben Sie ernsthaft, dass es auch nur ansatzweise so viele Prostituierte gibt, die sich wirklich freiwillig, ohne sich in irgendwelchen Zwängen zu befinden, prostituieren?

Wenn ich allein in diesen Raum hier hineinfrage. Können Sie sich vorstellen, jeden Tag 10 Mal von wildfremden Menschen, die oft stinken, betrunken sind, gewalttätig sind, etc… penetriert zu werden? Oder auch nur 1-2 Mal pro Tag? Ich schätze, dass jetzt so ziemlich alle NEIN sagen werden und egal wo Sie diese Frage aufwerfen, Sie werden ein NEIN bekommen, also wo sollen denn diese vielen freiwilligen Prostituierten sein, von denen man immer spricht, von denen man immer sagt, es seien so viele?

Einem Bericht der EU-Kommission vom 19.05.2016 an das Europäische Parlament und den Rat kann man entnehmen, dass der Menschenhandel zu Zwecken der sexuellen Ausbeutung die häufigste Form des Menschenhandels in der EU ist und alle anderen Formen dominiert. Nach den statistischen Daten für 2013-2014 gab es hier 10 044 registrierte Opfer (67 % der Gesamtzahl der registrierten Opfer) und die Opfer sind vorwiegend Frauen und Mädchen (95 % der registrierten Opfer), was eine sehr starke Asymmetrie der Geschlechter zeigt. Es wird weiter gesagt, dass die meisten der Opfer in der Prostitution zu finden sind. Zudem wird deutlich gemacht, dass die Menschenhändler nach und nach von sichtbaren zu weniger sichtbaren Formen des Menschenhandels zu Zwecken sexueller Ausbeutung übergehen und dabei den Status der „Selbstständigkeit“ missbrauchen. Laut der Aussage von Europol ist es in Ländern, in denen die Prostitution legal und reguliert ist, möglich, dass die Prostitution von der Nachfrage nach billigen Arbeitskräften beeinflusst wird, und Menschenhändler, die eine legale Umgebung zur Ausbeutung ihrer Opfer nutzen wollen, es wesentlich einfacher haben. Es deutet nach Aussage der Kommission darauf hin, dass trotz aller Anstrengungen der Menschenhandel zu Zwecken sexueller Ausbeutung nicht wirksam in Angriff genommen wurde und auch nicht zurückgegangen ist und die Mitgliedstaaten deshalb ihre Anstrengungen zur Bekämpfung des Menschenhandels zu Zwecken sexueller Ausbeutung fortführen und weiter verstärken sollten. [8] In Deutschland wurde zwar dann letztes Jahr die Menschenhandelsrichtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 mit dem Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Menschenhandels und zur Änderung des Bundeszentralregistergesetzes sowie des Achten Buches Sozialgesetzbuch vom 11. Oktober 2016 [9] umgesetzt, welches am 15. Oktober 2016 in Kraft getreten ist, aber die Frage ist, wie effektiv das Ganze sein kann und ob man nicht vor allem noch ganz wo anders ansetzen sollte.

Sehen Sie sich folgendes Schaubild an:

OCG

Hier haben wir die Beteiligung der organisierten Kriminalität am Menschenhandel. Die Beteiligung am Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung beträgt 90 %. [10] Diese Art von Menschenhandel ist also ihr absolutes Hauptbetätigungsfeld. Wenn ich mir überlege, wie viel Geld ich meinem Zuhälter beschafft habe und wieviel Geld andere Prostituierte an ihre Zuhälter abgaben, ist das auch nicht verwunderlich, denn eine Person in die Prostitution zu bringen und sie dort auszubeuten ist, wenn man gelernt hat wie es funktioniert, eine der leichtesten Möglichkeiten, ohne viel Aufwand hohe Einnahmen zu erzielen.

Ein typisches Merkmal der organisierten Kriminalität findet man auch in der Sklavenbewegung. Melissa Farley wirft einen weiteren Punkt in ihrer oben genannten Schrift über den Vergleich zu Prostitution und Sklaverei auf:

A mark of servitude could be inflicted on the slave, just as pimps and traffickers routinely tattoo their marks on women in prostitution.“

Auch mein Zuhälter hat mich auf dem Rücken tätowieren lassen um mich als sein Eigentum zu kennzeichnen. Es ist kein Name, kein Strich – oder Barcode, aber etwas, was ihn kennzeichnete und die anderen in seinem Milieukreis kannten. Die meisten Prostituierten, mit denen ich Kontakt hatte, waren irgendwie gebrandmarkt, meist durch ein Tattoo. In der Prostitution sind Sie das Eigentum der Menschenhändler und Zuhälter und eine Ware für die Sexkäufer, wobei der letzte Punkt immer außer Acht gelassen und sich nur auf die erste Gruppe konzentriert wird.

Prostitution ist ein in sich geschlossenes System, welches nicht die Prostituierten am Leben erhalten. Die beiden Hauptakteure sind die organisierte Kriminalität und die Sexkäufer. Die organisierte Kriminalität stellt den Markt bereit, in dem sie Frauen heranschafft, und Sexkäufer nutzen dieses Angebot, in dem sie die Prostituierte in Anspruch nehmen. Die Prostituierte, für die eigentlich das ProstSchG gemacht wurde, ist größtenteils nur ein Mittel zum Zweck, weswegen das ProstSchG auch der falsche Ansatz ist. Denn wo es fast keine Menschen gibt, die sich prostituieren wollen, muss man nicht überwiegend versuchen sie IN der Prostitution zu schützen, sondern viel mehr VOR der Prostitution. Das ist ein großer Unterschied. Ich sage nicht, dass es nicht auch vereinzelt Prostituierte gibt, die sich prostituieren, weil sie es möchten ohne irgendeinen Druck dahinter zu haben, ohne traumatisiert zu sein oder zu werden, aber das sind Ausnahmefälle und im Gegensatz zum großen Ganzen nicht repräsentativ. Leider können sich die Opfer des Systems nicht einfach mal so in eine Talkshow setzen oder ein Interview geben, denn sie kämpfen ums Überleben, sind gefährdet, stehen am absoluten Abgrund. Und diese Tatsache muss man bedenken, wenn man im Fernsehen oder sonst wo Menschen aus dem Bereich sieht, die sagen, es wäre alles ok und alles gar nicht so schlimm. Dadurch wird leider das Bild verzerrt und es spielt, wenn auch von diesen Leuten ungewollt, der organisierten Kriminalität in die Hände, weil die Gesellschaft nämlich davon ausgeht, dass grundsätzlich alles ok ist und so dem Ganzen nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet wird – aber es ist eben nicht alles ok.

Wichtig zu wissen ist auch, dass die Mehrheit der Opfer ohne (physische) Gewalt unter Kontrolle gehalten wird, was durch „weiche Methoden“ oder psychologische Einschüchterung geschieht. Das führt natürlich auch zu einer Reduzierung der öffentlichen Aufmerksamkeit und zu einer Reduzierung der Chance, dass Strafverfolgungsbehörden erkennen können, was abläuft. Diese Information geht aus einem Europol-Bericht hervor. [11]

Das bedeutet, dass trotz der Umsetzung der Menschenhandelsrichtlinie in das deutsche Recht Menschenhändler zum Zweck der sexuellen Ausbeutung weiterhin schwierig bis gar nicht zu fassen sein werden, obwohl es so unglaublich viele davon gibt. Ich habe nie ein Bordell gesehen, das frei von Menschenhandel war. Im Gegenteil: alles war voll davon und wenn ich mir die Zahlen der Anklagen oder Verurteilungen ansehe, dann hat das nicht im Geringsten etwas mit den Zahlen der Realität zu tun.

Hier ein Auszug aus einem Europol-Bericht:

„2015 verurteilten die Gerichte 72 Täter, die Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung betrieben hatten, (2014: 79; 2013: 77). Weniger als 30 Prozent traten ihre Haftstrafe an. Die meisten Menschenhändler erhielten milde Freiheitsstrafen, da eine Bestimmung des Strafgesetzbuches (StGB) insbesondere bei Ersttätern das Aussetzen von Freiheitsstrafen von unter zwei Jahren gestattet… Insgesamt wurden nur 19 Täter, die Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung betrieben, zu Haftstrafen verurteilt, 16 davon zu Strafen zwischen zwei und fünf Jahren und drei zu Strafen von weniger als zwei Jahren.“ [12]

Es wird manchmal argumentiert, wenn es „nur“ so und so viele Fälle von Menschenhandel gibt, dann seien es ja lediglich Ausnahmen und der Menschenhandel gar nicht so weit verbreitet. Das ist absolut falsch. Die Dunkelziffer ist enorm hoch! ENORM HOCH! Es bleibt in der großen Mehrheit unsichtbar und ungesühnt.

Menschen, die der organisierten Kriminalität zugehörig sind, haben vor solch niedrigen Konsequenzen auch keinen Respekt. Das Risiko, dass sie überhaupt bestraft werden, ist sehr gering, und die Strafe, die sie wenn überhaupt erwartet, interessiert sie nicht. Sie haben keinen Grund sich zurückzuhalten, weil sie in ihren Augen nicht viel zu befürchten haben.

Es ist zwar sehr gut, dass Deutschland letztes Jahr die Menschenhandelsrichtlinie umgesetzt hat, aber das genügt nicht, wenn nicht der Markt weniger lukrativ gemacht wird.

Die EU-Kommission sagt etwas ganz Entscheidendes. Menschenhandel ist moderne Sklaverei und zudem eine schwerwiegende Verletzung der persönlichen Freiheit und Würde sowie eine schwere Straftat. [13]

Sie sagt weiter etwas ganz essentielles:

„Die Ermittlung, Verfolgung und Verurteilung von Menschenhändlern sind wesentliche Instrumente zur Bekämpfung des Menschenhandels. Diese Instrumente kommen jedoch erst dann ins Spiel, wenn das Verbrechen begangen wurde und die Opfer bereits eine schwerwiegende Verletzung ihrer Grundrechte hinnehmen mussten. Von einer Beseitigung des Menschenhandels kann aber nur dann die Rede sein, wenn das Verbrechen erst gar nicht stattfindet…“ [14]

Man sollte alles daran setzen, dass es erst gar nicht so weit kommt, was vor allem eine Ursachenbekämpfung benötigt. Und was den Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung betrifft ist die Ursache zu einem sehr großen Teil die Nachfrage. Auf sie sollte ein Fokus gesetzt werden um anzufangen den Händlern ihren Nährboden zu entziehen und so die Rekrutierung eines Opfers weniger lukrativ zu machen. Auch eine weiter verbreitete Sensibilisierung der Polizei vor allem für die neueren Arten des Menschenhandels, ich nenne ihn den „leisen Menschenhandel“, wäre sehr wichtig, um Situationen und Verhaltensweisen besser einschätzen und so effektiver reagieren zu können. Was den Aspekt der Nachfrage angeht, fordert das Europäische Parlament die Mitgliedstaaten in einer Resolution von 2014 auf, ihre Rechtsvorschriften vor dem Hintergrund der Erfolge in Schweden, welches 1999 als erstes Land ein Sexkaufverbot einführte, zu überprüfen:

„Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde. Da die Menschenwürde in der Charta der Grundrechte ausdrücklich erwähnt wird, ist das Europäische Parlament verpflichtet, über die Prostitution in der EU zu berichten und zu prüfen, auf welche Weise die Gleichstellung der Geschlechter und die Menschenrechte in dieser Hinsicht gestärkt werden können… Es liegen immer mehr Beweise dafür vor, dass mithilfe des „Nordischen Modells“ die Prostitution und der Frauen- und Mädchenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können.

Unterdessen sehen sich die Länder, in denen die Zuhälterei legal ist, nach wie vor mit Problemen konfrontiert, die den Menschenhandel und das organisierte Verbrechen im Zusammenhang mit der Prostitution betreffen. Deshalb wird in diesem Bericht das „Nordische Modell“ unterstützt, und die Regierungen der Mitgliedstaaten, die beim Umgang mit der Prostitution einen anderen Ansatz verfolgen, werden aufgefordert, ihre Rechtsvorschriften vor dem Hintergrund der Erfolge in Schweden und in den anderen Ländern, die dieses Modell angenommen haben, zu überprüfen. Auf diese Weise könnten erhebliche Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter in der Europäischen Union erzielt werden.“ [15]

In einer Entschließung bzgl. der Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels vom 12. Mai 2016 sagt weiter folgendes:

in der Erwägung, dass die Nachfrage nach Frauen, Mädchen, Männern und Jungen im Prostitutionsgewerbe ein entscheidender Sogfaktor für Menschenhandel zwecks sexueller Ausbeutung ist;… stellt (das EU-Parlament) fest, dass ein gemeinsames Verständnis der Mitgliedstaaten im Hinblick darauf fehlt, was die Nachfrage nach Ausbeutung ausmacht, und fordert die Kommission und die Mitgliedstaaten auf, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen und gleichzeitig die Sensibilisierung für alle Formen des Menschenhandels, insbesondere sexuelle Ausbeutung, zu erhöhen… [16]

Auch der Europarat betrachtet die Kriminalisierung des Kaufs von „sexuellen Diensten“, basierend auf dem schwedischen Modell, als das wirksamste Instrument zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels. [17]

Was genau ist dieses Modell?

Es wurde erstmals 1999 in Schweden eingeführt und beinhaltet mehrere Gesetze. Ein sehr wichtiger Punkt ist das Sexkaufverbot. Menschen, die Sex kaufen, werden bestraft, hingegen nicht diejenigen, die Sex verkaufen. Es liegt eine Evaluierung [18] der schwedischen Regierung vor, die sich auf die Jahre zwischen 1999 und 2008 bezieht. Es sollte evaluiert werden, wie sich das Sexkaufverbot in der Praxis auswirkt sowie die Effekte im Hinblick auf die Häufigkeit der Prostitution und den Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung untersucht werden.

Dazu wurden Kriminalitätsberichte und Verurteilungen ausgewertet um festzustellen, wie das Verbot von der Polizei, den Staatsanwälten und den Gerichten angewendet wurde. Verglichen wurden dabei die Zustände vor dem Sexkaufverbot und den Veränderungen nach der Einführung. Natürlich wäre es illusorisch zu sagen, danach sei alles gut oder es gäbe keine Prostitution mehr, aber es ist ein wichtiger Schritt um Gewalt anzuerkennen anstatt mit dem Argument zu resignieren, es werde dieses Geschäft sowieso immer geben, und es ist, wie das EU-Parlament sagt, auch ein wichtiger Schritt um die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern.

Es wird berichtet, dass seit das Verbot in Kraft ist mehr und mehr deutlich wird, dass es eine sehr starke Verbindung zwischen der Häufigkeit der Prostitution und dem Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung gibt. Die Straßenprostitution hat sich um die Hälfte reduziert und das Sexkaufverbot hat der Gründung der organisierten Kriminalität entgegengewirkt. Die Polizei, die in diesem Bereich tätig ist, sowie auch Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen berichten, dass organisierte Gruppen, die Menschen zum Zweck der sexuellen Ausbeutung verkaufen, Schweden als einen „armen Markt“ bezeichnen und sich aufgrund des Sexkaufverbotes hier weniger niederlassen. Es gibt auch eine wachsende Unterstützung für das Verbot in der Bevölkerung.

Dem Argument einiger Kritiker und Kritikerinnen, dass die Prostitution dann in den Untergrund rutscht, wird entgegengehalten, dass das nicht der Fall ist, denn in den Untergrund rutschen kann die Prostitution nicht, weil Sie mit einer unsichtbaren Prostitution nichts verdienen können. Als Prostituierte müssen Sie immer irgendwie sichtbar sein, damit auch die Freier Sie zur Kenntnis nehmen können. Und wo die Freier Prostituierte finden, findet sie auch die Polizei, so Simon Häggström von der schwedischen Polizei, der in der Praxis mit das Sexkaufverbot in Schweden umsetzt. Er sagt auch, dass es in Schweden sowie in anderen Ländern eine sehr starke Prostitutionslobby gibt, die in der Prostitutionsdebatte eine laute Stimme in der Öffentlichkeit hat, aber nur einen absolut geringen Teil der Prostituierten verkörpert. [19] Laut der Evaluierung haben Sexkäufer zudem Angst erwischt zu werden, nicht aber so sehr wegen der Strafe, sondern wegen ihres Familien- und Bekanntenkreises. Während es bei uns normal und „cool“ geworden ist nach der Disco am Freitag Abend oder vor der Heirat nochmal zusammen mit seinen Kumpels eine Prostituierte aufzusuchen, besteht in Schweden eine Ächtung des Sexkaufs. Das Verbot hat eine abschreckende Wirkung.

Zu Verbesserungsvorschlägen wird vor allem angebracht, dass es wichtig ist, seitens der Polizei der Umsetzung Priorität einzuräumen, denn kein Gesetz kann optimal funktionieren, wenn es nicht richtig angewendet wird. Zudem sollte die Sozialarbeit fortgesetzt und weiter ausgebaut werden. Um das Ausbauen zu können benötigt es mehr Ressourcen.

Nach einer Studie von Di Nicola und Farley hat das Wissen der Freier, dass die Prostituierte ausgebeutet, gezwungen oder gehandelt wird, sie nicht davon abgehalten den Sex zu kaufen, wobei Di Nicola in einer Umfrage feststellte, dass es 90% der Freier nicht möglich war, überhaupt Indikatoren von Zwangsprostitution zu erkennen. [20] Hier hilft weder eine Erlaubnispflicht für Prostitutionsstätten, noch eine Kondompflicht noch Mindeststandards für Prostitutionsstätten.

Ein Sexkaufverbot, Hilfe für Prostituierte raus der Prostitution, wenn sie das möchten, ein Anerkennen der Gewalt und der Menschenwürdeverletzung, die in der Prostitution geschieht, ist nötig. Es wird auch darauf verwiesen, dass eine Kriminalisierung immer nur eine Ergänzung sein kann – es braucht vermehrt gesellschaftliche Aufklärung. So ein Richtungswechsel wie jener in Schweden und einigen anderen Ländern, welche dieses mittlerweile sog. „Nordische Modell“ übernommen haben, ist nicht einfach, sondern eine schwierige Aufgabe. Dennoch sollte das, was hier in Deutschland im Untergrund stattfindet und aufgrund der Liberalisierung nur keiner so richtig sieht (wir haben also momentan diesen Untergrund von dem immer jeder spricht, dass man ihn vermeiden wolle!), an die Oberfläche geholt werden. Diese Anstrengungen sollten es wert sein, Menschen zu helfen ihre Würde zu verteidigen, so wie es in unserem Grundgesetz in Art. 1 steht, anstatt sie allein zu lassen und zu versuchen die Gewalt zu regulieren. Eine Kondompflicht ist gut, sie schützt die Gesundheit der Prostituierten besser – aber dennoch: das Kondom nimmt dem Akt an sich nicht die Gewalt, der Mensch bleibt weiterhin ein Objekt zur Benutzung.

Menschenhandel und Prostitution sind grenzüberschreitende Probleme und es benötigt deshalb internationale Zusammenarbeit. Wenn die Prostitution durch ein Sexkaufverbot in Nachbarländer ausweicht, was auch häufig als Gegenargument gebracht wird („sie würde sich nur verlagern“), ist das kein Scheitern des schwedischen Modells, sondern ein Scheitern der Zusammenarbeit unter den Ländern, denn wenn jedes Land dieses Modell hätte, gäbe es nichts mehr um auszuweichen.

Ich möchte noch kurz auf etwas Weiteres eingehen, was mir auch sehr wichtig ist. Vor allem manche Beratungsstellen argumentieren, Sexkauf solle man nicht verbieten, weil Prostitution „die einzige legale Alternative“ für manche Menschen sei. Das ist eine sehr bittere und zynische Argumentation.

Und auch hierzu sagt Melissa Farley etwas Bedeutendes:

„Einige Zuhälter, einige Sexkäufer und einige Regierungen haben die Entscheidung getroffen, dass es angemessen ist, dass bestimmte Frauen sexuelle Ausbeutung und sexuelle Übergriffe tolerieren um zu überleben. Diese Frauen sind meistens arm und werden ethnisch oder rassisch marginalisiert. Die Männer, die sie kaufen oder vergewaltigen, haben eine größere soziale Macht und mehr Ressourcen als die Frau. Zum Beispiel kommentierte ein kanadischer Prostitutions-Tourist über Frauen in Thailands Prostitution: „Diese Mädchen müssen essen, oder? Ich lege Brot auf ihren Teller. Ich gebe einen Beitrag. Sie würden verhungern, wenn sie keine Huren wären.“… Haben Frauen generell ein Recht ohne sexuelle Belästigung oder sexuelle Ausbeutung zu leben, die ihnen in der Prostitution widerfährt, oder haben dieses Recht nur diejenigen, die privilegiert sind? In unserem Rechtssystem schützen wir Menschen vor sexueller Belästigung und sexueller Ausbeutung. Aber, so Farley, ist die Berufsbezeichnung der Prostitution das Tolerieren von sexuellem Missbrauch.“ [21] 

Auch die ehemalige schwedische Gleichstellungsministerin Margareta Winberg fragte:

„Shall we accept the fact that certain women and children, primarily girls, often those who are most economically and ethnically marginalized, are treated as a lower class, whose purpose is to serve men sexually?” [22]

Nach einer weiteren Studie [23] von Melissa Farley möchten 89% der Menschen in der Prostitution die Prostitution verlassen, aber sie können es nicht, weil sie keine Alternativen sehen. Sie wollen also nicht von fremden Menschen jeden Tag penetriert werden und werden es trotzdem. Ja, jeder muss arbeiten, hat manchmal keine Lust dazu und muss es trotzdem tun, aber der große Unterschied ist, dass man in keiner anderen Arbeit zu einer Ware entmenschlicht, sexuell penetriert und dabei schwer traumatisiert wird.

Die bessere Argumentation als „es ist die einzige legale Alternative“ sollte sein, gemeinsam zu versuchen andere Alternativen zu schaffen anstatt an einem so gravierenden Punkt, wenn es um sexuelle, seelische und körperliche Integrität geht, zu resignieren und die Menschen ihrem Missbrauch zu überlassen.

Oft ist es auch so, dass nicht die Armut die Menschen anfällig macht an Menschenhändler zu geraten oder auch allein in die Prostitution abzurutschen, sondern vor allem bei jungen Menschen sehr häufig familiäre Gewalt, Missbrauchserfahrungen oder Vernachlässigung eine Rolle spielen. [24]

Es ist sehr wichtig, dass öffentlich viel mehr über dieses Thema im Ganzen aufgeklärt wird, über die Geschichten, Leidenswege, Zwänge und Traumata der Prostituierten gesprochen wird. Es ist wichtig, damit sie frei werden können. Frei von etwaigen Zuhältern, frei von inneren Überzeugungen, die ihnen vermittelt wurden, sie wären es nur wert ein Objekt für andere zu sein. Frei von Ängsten, dass die Gesellschaft sie nach ihrem Ausstieg sowieso nicht mehr akzeptieren wird und sie deshalb im Milieu verharren, frei von einem Leben, welches in der großen Mehrheit bedeutet sich selbst aufgeben zu müssen um überleben zu können.

Als Gesellschaft sollten wir versuchen ihnen zu vermitteln, dass sie nicht dieses Objekt sind, dass sie sich zeigen können und sollen, dass wir die Gewalt, die ihnen angetan wurde anerkennen und sie respektieren – und zwar als das, was sie sehr lange oder manchmal sogar noch nie sein durften: Menschen, deren Würde unantastbar ist.

 

Fußnoten:

[1] https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Menschenhandel/menschenhandelBundeslagebild2015.html;jsessionid=AE2C222C91B4903549CE5B60368E0FF6.live0602?nn=27956

[2] http://www.no-loverboys.de/

[3] http://prostitutionresearch.com/wp-content/uploads/2016/07/Slavery-Prostitution-Farley-2015.pdf

[4] Vgl. Fußnote 2

[5] http://www.forum-sachsen.com/threads/ulm-laufhaus-warnung-abzockvotze-megan-kaessbohrerstrasse9-in-ulm-01578-4565572.56529/

[6] https://www.theguardian.com/world/2007/sep/07/usa.gender

[7] http://www.tagesspiegel.de/kultur/prostitution-1-2-millionen-maenner-am-tag/225870.html

[8] http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016DC0267&from=DE

[9] https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl&start=//*%255B@attr_id=%2527bgbl116s2226.pdf%2527%255D#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl116s2226.pdf%27%5D__1509637330506

[10] https://ec.europa.eu/anti-trafficking/sites/antitrafficking/files/situational_report_trafficking_in_human_beings-_europol.pdf

[11] Vgl. Fußnote 10

[12] https://de.usembassy.gov/de/laenderberichte-menschenhandel-2017/ / English Version: https://www.state.gov/j/tip/rls/tiprpt/countries/2017/271193.htm

[13] http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52012DC0286&from=EN

[14] http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016DC0267&from=DE

[15] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FTEXT+REPORT+A7-2014-0071+0+DOC+XML+V0%2F%2FDE

[16] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FNONSGML+TA+P8-TA-2016-0227+0+DOC+PDF+V0%2F%2FDE

[17] http://semantic-pace.net/tools/pdf.aspx?doc=aHR0cDovL2Fzc2VtYmx5LmNvZS5pbnQvbncveG1sL1hSZWYvWDJILURXLWV4dHIuYXNwP2ZpbGVpZD0yMDcxNiZsYW5nPUVO&xsl=aHR0cDovL3NlbWFudGljcGFjZS5uZXQvWHNsdC9QZGYvWFJlZi1XRC1BVC1YTUwyUERGLnhzbA==&xsltparams=ZmlsZWlkPTIwNzE2.

[18] https://ec.europa.eu/anti-trafficking/sites/antitrafficking/files/the_ban_against_the_purchase_of_sexual_services._an_evaluation_1999-2008_1.pdf

[19] https://www.youtube.com/watch?v=o6O4xzzTqSU

[20] http://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/etudes/join/2014/493040/IPOL-FEMM_ET(2014)493040_EN.pdf

[21] http://prostitutionresearch.com/wp-content/uploads/2017/02/Very-inconvenient-truths-sex-buyers_sexual-coercion_and-prostitution-harm-denial_Farley-in-Logos1.pdf

[22] http://digitalcommons.uri.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1067&context=dignity

[23] http://www.prostitutionresearch.com/pdf/Prostitutionin9Countries.pdf

[24] http://ec.europa.eu/anti-trafficking/sites/antitrafficking/files/study_on_children_as_high_risk_groups_of_trafficking_in_human_beings_0.pdf

 

 

Aktion #ichbinkeinfreier

 

Liebe Männer,

ich diskutiere hier ja des Öfteren mit euch Freiern, Nicht-Freiern, ehemaligen Freiern. Viele fragten, was sie tun könnten, um zu helfen – und es gibt da etwas.

Eure Stimme gegen Sexkauf um andere Männer wachzurütteln und Bewusstsein zu schaffen.

Es gibt jetzt eine tolle Aktion, auf die ich aufmerksam geworden bin, bei der ihr eure Stimme erheben könnt:

„Mit dem Hashtag #ichbinkeinfreier möchten wir Aussagen sammeln, die sich gegen Freier und Prostitution äußern! Schickt uns eure Videobotschaften, Audioaufnahmen und Texte und Bilder um ein Zeichen zu setzen für ein Sexkaufverbot.

Warum bist und wirst du niemals ein Freier sein?
Warum bist du es nicht mehr?
Welchen Ratschlag gibst du den Freiern von heute?

Danke vorab für euer Engagement!

#ichbinkeinfreier“

Hier geht’s zur Facebook-Seite.

Wenn ihr ein Video oder Audio macht, werde ich eine neue Seite anlegen und eure Botschaften hier auch veröffentlichen 🙂